Über Sibylle Weischenberg

Millionen Fernsehzuschauer kennen Sibylle Weischenberg: Die renommierte Society-Expertin steht täglich für die Promi-Magazine nahezu aller TV-Sender vor der Kamera. In ihrem eigenen TV-Format »W.I.P.« (»Weischenbergs Important People«) verrät die Journalistin und Modedesignerin jeden Donnerstagmorgen im SAT.1- Frühstücksfernsehen live Unterhaltsames aus dem schillernden Leben der aktuellen Top-Prominenz. Ihr Berufsweg führte die Kennerin des nationalen und internationalen Jetsets und Hochadels u. a. zu Stationen beim Polit-Magazin »Der Spiegel«, als Korrespondentin der britischen Nachrichtenagentur Reuters, als Persönliche Pressereferentin von Johannes Rau sowie als Ressortleiterin bei den People-Magazinen »Bunte« und »Gala«. Außerdem ist Sibylle Weischenberg seit Jahren beliebt als tägliche Radio-Kolumnistin zahlreicher Sender im In- und Ausland.

Besuchen sie die Autorin auf ihrer Homepage www.weischenberg.tv

Informationen zum Buch

Die 12 schlimmsten Monate im Jahr einer Frau – frech, lustig und ein bisschen böse, das E-Book für die nicht-perfekte Frau!

»Haben Sie sie auch so satt? Diese perfekten Frauen, die sich bauchfaltenfrei in der Sonne räkeln, bevor sie mit triumphierenden Lächeln zur exquisiten Shopping-Tour tippeln? Und dort auch noch passende Schuhe finden! Für alle Frauen, die wie ich nicht ganz so perfekt sind, und denen die lieben Mitmenschen gehörig auf die Nerven gehen, die sich um nichts anderes als Modemagazine, Diäten, durchorganisierte Silvesternächte und anderen Perfektionsterror kümmern, habe ich dieses Buch über die 12 schlimmsten Monate im Jahr einer Frau geschrieben!

Ihre Sibylle Weischenberg«

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Sibylle Weischenberg

Ich hasse den Sommer

Von Bikinikäufen und anderen Katastrophen

Januar
Vom hohlen Nichts nach Weihnachten und Silvester

»Sie sehen aber so richtig schlecht aus. Geht es Ihnen nicht gut?« Es verschlug mir schlicht die Sprache. Ja, wie sollte ich denn wohl aussehen? Ich kam gerade vom Zahnarzt, der mir eine Spritze vor der Behandlung verpasst hatte. Mein Mund formte eine schiefe Grimasse, wenn ich versuchte zu lächeln. Mein Kreislauf stand kurz vor dem Kollaps. Mein Make-up war vom Speichelabsauger der Zahnarzthelferin verschmiert, die Hammer-Schmerztabletten, die ich vorsorglich einnehmen musste, vernebelten meine Wahrnehmungssensoren, und da fragt mich diese Frau, ob es mir nicht gut geht.

Ich stand vor einem Schalter meiner Bank, und die perfekt getunte Angestellte sollte mir eigentlich nur meine Überweisungsformulare abstempeln. Auf keinen Fall wünschte ich von ihr eine Beurteilung meiner ramponierten Fassade, und so zischte ich wegen meiner betäubten Kieferpartie mehr, als dass ich sprach, in ihre Richtung: »Nein, mir geht es nicht gut. Ich komme vom Zahnarzt. Aber ich wünsche nicht, über mich zu sprechen. Es gibt Menschen, die lieben es, von sich zu berichten. Ich gehöre nicht dazu.«

Schreckerfüllt wich sie vor mir zurück. Schuld daran kann auch der Schwall kleiner Tröpfchen gewesen sein, den meine schiefen Lippen versprühte.

Das neue Jahr fing ja gut an. Gleich in der ersten Woche war ich mit tuckernden Zahnschmerzen aufgewacht, die sich leider auch nicht durch Aspirin oder Kräutertinkturen heilen ließen. Ich machte meinen großen Vorrat an Lebkuchen, die ich mir vor Weihnachten in einer schmucken Geschenkebox hatte liefern lassen, für dieses Martyrium verantwortlich.

Dann hatten sich nach der ersten Behandlung mein Zahnarzt und ich auch noch missverstanden. Er wollte, dass ich zu Hause mein Zahnfleisch mit meiner elektrischen Bürste massiere, was ich auch tat. Um anschließend vor Schmerzen beinahe die Wände hochzujagen. Bei unserem Wiedersehen, gleich am nächsten Morgen um 8 Uhr, korrigierte er sich dahingehend, dass er natürlich nur die geringste Drehzahlstufe gemeint hätte.

Ich musste gestehen, dass mein elektrisches Zahnbürsten-Modell nur eine Stufe hat und dass deren Umdrehungszahl dem Schleuderprogramm meiner Waschmaschine entspricht. Ein Sonderangebot, natürlich. Peinlich war dieses Eingeständnis. Außerdem musste ich auch noch damit leben, dass er mich sehr misstrauisch ansah. Offensichtlich beschlich ihn das Gefühl, ich könne eine Maso-Sado-Patientin sein. Toll.

Nach meinen unangenehmen Erlebnissen schlich ich nach Hause. Bepackt mit schnell noch eingekauften Tütensuppen, Fertig-Kartoffelbrei-Vorräten en masse und unzähligen Kamillentee-Beuteln.

Bevor ich mich in den Aufzug quälte, öffnete ich noch meinen Briefkasten. Neben diversen Werbebroschüren steckten gleich drei Kataloge darin, einer fetter im Umfang als der andere.

Selig schloss ich meine Augen. Was für ein Fest. Ich liebe es, die mehr oder weniger dicken Wälzer durchzublättern. Leider finde ich auch immer etwas, was ich schön finde. Leider in Bezug auf meinen Kontostand. Bei dem eingehenden Studium der Angebote knicke ich dann immer die Seiten oben schräg um, damit nichts verlorengeht. Im Moment meiner telefonischen Bestellung.

Schwierig wird es nur bei den Größenangaben. Ich mag überhaupt nicht diese mit einem Schrägstrich getrennte Zusammenfassung zweier Größen. Was heißt denn das im Klartext?

Ich habe doch keine Figur, die man sozusagen in einer Gruppe subsumieren kann. Also Gruppe 36/38 oder 40/42 und so weiter. So was finde ich diskriminierend. Es war doch wohl klar, dass ich mir immer, aus lauter Eitelkeit, die niedrigere Doppelangabe bestellte, um dann jedes Mal mühsam die Teile wieder zurückschicken zu müssen.

Aber egal jetzt, ich machte es mir mit meiner Wolldecke auf meiner Couch gemütlich, schlürfte vorsichtig ein Schlückchen Kamillentee aus meiner großen Tasse. Das Dekor ist schon echt abgeschabt, innen auf dem Tassenboden sind diverse Kratzrillen zu bestaunen, aber ihr Anblick hat schon etwas Tröstliches. Ich glaube, es liegt daran, dass sie schon seit meiner Kindheit in meinem Besitz ist, sie symbolisiert wohl die vielen schönen Tage, die ich, geschützt mit einem Entschuldigungsschreiben meiner Eltern, glücklich schwänzen durfte.

Ein Teil meines Schlückchens landete auf der dritten Seite meines Katalogs. Die Wirkung der Spritze hatte um keinen Deut nachgelassen, und so sabberte ich munter mit meinem schiefen Mund herum.

Mein Magen knurrte laut und vernehmlich. Es war doch klar, dass man zum Zahnarzt nüchtern geht. Aus zwei verständlichen Gründen. Erst einmal hielten einen die akuten Beschwerden davon ab, etwas Essbares zwischen die Zahnreihen zu schieben, und zum Zweiten hatte man so viel Angst vorm Zahnarzt, dass einem die Aufregung auf den Magen schlug. Aber kaum kommt man halb tot aus der Praxis, meldet sich als Erstes ein tief nagendes Hungergefühl. Übertönt von den letzten Worten, die der Experte einem mit auf den Weg gegeben hat: »Und jetzt mindestens eine Stunde lang nichts essen.« Gut, ich blätterte also durch meinen Katalog.

Ja, geht’s noch? Wer hatte sich denn diese neckische Variante fotografischer Darstellungskunst ausgedacht? Bei jedem zweiten Model stand etwas Essbares im Hintergrund. Ja, hier, da hatte die Blondine sogar ein Croissant in der Hand. Erst einmal will ich keine Models in meinem Lieblingskatalog essen sehen, außerdem assoziiere ich mit Essenfassen und Klamotten immer Flecke auf denselben, und in meinem Zustand fühlte ich mich als Folteropfer.

Natürlich entschied ich mich nun gegen den »Edlen Tweedblazer im topaktuellen Military-Style mit leicht taillierter Passform mit hochwertigen, charakteristischen Details wie den vier aufgesetzten Pattentaschen und den goldfarbenen Metallknöpfen.«

Pech gehabt, hätte das Model nur eine Teetasse dekorativ in der Hand geschwenkt, wäre ich vielleicht schwach geworden.

Ich blätterte um. Ein Kleid. »Pure Weiblichkeit!«, stöhnte es im Begleittext. Machen den eigentlich Frauen oder Männer, schoss es mir durch den Kopf. Weiter im Text: »Trendkleid in Wickelform mit tiefem V-Ausschnitt und Hemdkragen. Modische ¾-Ärmel mit ausgestellten, geschlitzten Manschetten. Luxuriöses Wohlgefühl verleiht der softe Seidenjersey, der sich hautnah der Silhouette anschmiegt.«

Hmm. Solche Beschreibungen edler Materialien lassen mich ja immer schwelgerisch dem angegebenen Artikel verfallen. Ich scheine eine lebhafte Fantasie zu besitzen. Denn bei der anschließenden Detailaufstellung: 90% Seide, 10% Wolle, wusste ich förmlich, wie das Teil sich anfühlen würde. Ich schnurrte beinahe wie eine Katze, die ihren Wohlfühl-Platz bezog.

Aus diesen Überlegungen wurde ich allerdings jäh herauskatapultiert, als mein Blick auf den Preis fiel. Donnerwetter, das war ja wohl ausgeschlossen.

Sofort arbeitete ich daran, meine aufkeimende Enttäuschung zu bekämpfen. Also, so toll sah das Kleid ja nun auch wieder nicht aus. Klar, schon schön, aber vorne lagen die Kleiderteile übereinander. Und das bedeutet doch eigentlich im Klartext, dass man, wenn man Pech hatte, immer zu viel Bein zeigte. Zum Beispiel beim Hinsetzen. Und das wäre doch echt lästig, immer erst die Pleureusen zu ordnen, ehe man lässig saß.

Und außerdem, wann würde ich das Teil denn anziehen können? So oft hatte man nicht die Gelegenheit, ein so genanntes Nachmittagskleid zu präsentieren.

Ich jedenfalls zog mich morgens an und kam abends in derselben Klamotte wieder nach Hause.

Puh, gut gemacht, lobte ich mein Unterbewusstsein. Ohne zu zögern, schlug ich eine neue Seite auf.

Die musste ich haben: »Eine schwarze Five-Pocket-Jeans, das wahre Kombigenie. Die schlanke Form mit gerader Beinweite sitzt leicht auf der Hüfte. Supermodisch die neue Detailverarbeitung: Abgesteppte Biesen im Vorder-und-Rückteil. Breite, doppelreihige Kontrast-Stepperei, Gürtelschlaufen, komfortabler Stretch-Denim mit softem Wash-Finish.«

Stark.

Ich rief sofort beim Tag-und-Nacht-Bestellservice an und landete bei einer routinierten Servicekraft. Nachdem ich meine Kundennummer preisgegeben hatte, schnarrte sie: »Und was wollen Sie bestellen?«

»Die Five-Pocket-Jeans«, sagte ich eifrig.

»Welche?«

»Na, das Kombigenie.«

Sie belehrte mich nölend, dass sie nicht wisse, welche ihrer 385 angebotenen Jeans nun das »Kombigenie« darstellen sollte, ihr Computer reagiere nur auf die angegebenen Bestellnummern.

Na, klar, ich war ja schon jahrelang ein Katalog-Abhängiger, und mir war das Prozedere nicht fremd.

Ich gab ihr also die benötigte Zahlenkombination, und sie leierte weiter: »Welche Größe?«

Ich gab sie ihr durch und musste mir von ihr sagen lassen: »Ist ausverkauft.«

So ein Pech. »Aber sie kommt doch wieder rein?«, meinte ich hoffnungsfroh. »In Ihr Programm, meine ich.«

»Nein«, beschied sie mir barsch.

»Aber ich habe doch den Katalog erst heute bekommen«, protestierte ich, »da kann doch das Modell nicht schon weg sein.«

»Ist es auch nicht«, entgegnete sie genervt. »Aber in Ihrer Größe ist sie weg.«

»Wieso denn?« Ich ließ nicht locker.

»Die Durchschnittsgröße ist immer sofort ausverkauft«, erklärte sie kühl.

Ja, wieso produzieren die denn nicht einfach mal ein paar mehr?, fuhr es mir durch den Kopf.

Ich überlegte hin und her. Die Hose war einfach ein Exemplar, das mir noch fehlte. Vielleicht sollte ich …

»Haben Sie sie denn noch in einer Nummer kleiner?«

Gelangweilt sagte sie: »Sie meinen die beiden zusammengefassten Größen unter der von Ihnen zuerst angeforderten Doppelgrößen-Angabe?«

Ja, so ungefähr hatte ich mir das in meiner Not vorgestellt.

»Ich fürchte zwar«, wagte ich eine ehrliche Prognose, »die wird mir dann nicht richtig passen. Ich habe die schon mal ausprobiert, und da bekam ich den Reißverschluss nicht wirklich zu.«

Hätte ich doch nur das Gespräch viel früher beendet. Denn ich wollte wirklich nicht hören, was sie jetzt durch den Äther vorwurfsvoll in mein Ohr formulierte: »Dabei haben wir schon unsere Größen den veränderten Körperbildern unserer Kundinnen angepasst.«

Ja, hieß das jetzt, ich bin zu dick?

Wortlos legte ich auf.

Die hatte mir doch jetzt unverschämterweise so richtig einen verpasst. »Den veränderten Körperbildern unserer Kundinnen angepasst.«

Wäre ich ein bisschen stabiler in Bezug auf mein Äußeres gewesen, hätte ich ihr antworten können: »Wurde auch mal Zeit.« Immerhin hatte ich schon lange einen großen Bogen um bestimmte Bekleidungsketten gemacht, in deren Hosenabmessungen ich ums Verrecken nicht hineinkam. Und immer suchte ich die Schuld bei mir.

Ich war zu fett, keine Frage.

Bis mir einmal meine Freundin Bine gestand, dass es ihr ähnlich erging. Und sie war nun völlig unverdächtig, gelegentlichen Gewichtsschwankungen ausgesetzt zu sein, wie ich sie hin und wieder an mir bemerke. Nicht, dass ich mir ernsthaft Sorgen um mein Gewicht gemacht hätte.

Da stand ich drüber.

Aber die Sache mit den Hosengrößen setzte mir zu.

Bine gab mir ein gutes Gefühl, als sie fachmännisch wissend sagte: »Dieses Bekleidungshaus hat seinen Firmensitz in Spanien. Und wie du weißt, sind die Frauen dort ganz anders gebaut als wir. Und seitdem die nun in der ganzen Welt Filialen haben, müssten sie eigentlich nach den Größennormen anderer Länder schneidern. Tun sie aber nicht, denn das wäre ja viel zu teuer und aufwendig für sie. Und so jubeln sie uns ihre XXS-Abmessungen unter, die eigentlich für Ein-Meter-Fünfzig zierliche Mädels gedacht sind. Und was tun wir? Glauben, wir sind zu dick, wenn wir in ein Exemplar unserer üblichen Größe nicht hineinpassen.«

Donnerwetter. Eigentlich agierte Bine sonst immer ein wenig maulfaul. Sie dachte mehr, als dass sie sprach, was ich immer an ihr sehr bewunderte. Doch jetzt hatte sie mir echt geholfen. So war das also. Es lag gar nicht an meinen runden Hüften.

Doch die Tante aus der Telefon-Bestellabteilung hatte mich ins Mark getroffen. Die saß nicht in Spanien, sondern in einem kleinen Ort in Deutschland, und die sprach von Messaktionen, die meinen inländischen Körper betrafen.

Am nächsten Tag sah es an meinem Kiefer zwar nicht besser aus, immerhin konnte ich meine Lippen wieder in der Waagerechten halten. Die Schmerzdragees hielten sogar das Tuckern im Zahnfleisch in Schach, die parallel eingeworfenen Antibiotika-Tabletten ließen mich ein wenig auf Watte gehen.

Ich hatte mich mit Sunny verabredet, der studierten Persönlichkeit in meinem Freundeskreis. Sie war von Haus aus Psychologin und rangierte in meiner Vorstellung ihres Berufsbildes als granatenstarke Therapoteusin. Als ich ihr das sagte, korrigierte sie mich zum x-ten Mal, dass sie Therapeutin genannt wird, was mir zum x-ten Mal bewies, dass sie über null Humoranteile verfügt. Ich fürchte aber, dass ist berufsqualifizierend in ihrem mühsamen Umgang mit uns Gestörten und Beladenen.

Wir saßen in einem Coffee-Shop, gleich neben ihrer Praxis. Zu weitläufigeren Ausflügen reichte ihre Zeit nicht, was sie mir schon am Telefon mitgeteilt hatte.

»Was gibt’s?«, fragte sie knapp, während sie ihren Kaffee umrührte. Sie hatte ihn schwarz bestellt, ich natürlich wieder mit Karamellgeschmack und ordentlich viel geschäumter Milch obendrauf. So karg wie ihre schwarze Brühe, wirkt auch Sunny. Hager, eckig und unglaublich cool. Man könnte auch sagen, distanziert oder abweisend. Aber ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass die Tatsache ihres Vormirsitzens schon das größte emotionale Zugeständnis an meine Person war, das ich kriegen konnte.

Mehr Emotionsbezeugungen waren nicht drin.

»Ich bin zu dick«, platzte ich raus.

Sunny zog die Augenbrauen hoch.

»Und deshalb müssen wir uns jetzt treffen?«, fragte sie kurz. »Und das, wo ich so viel zu tun habe?«

Obwohl ich mich ein wenig eingeschüchtert fühlte, kämpfte ich darum, von ihr ernst genommen zu werden.

»Das ist ja nicht alles, aber lass dir doch erst einmal berichten.«

Und so erzählte ich ihr von meinem Gesprächsverlauf mit der Telefonkraft, meinen bereits durchlittenen Einkaufsversuchen in der, in spanischen Besitzverhältnissen befindlichen, Klamotten-Kette und den Auswirkungen auf meine weibliche Psyche.

»Da kaufst du ein?«, fragte sie mich, während ihre strengen Gesichtszüge einen leicht angewiderten Ausdruck annahmen.

»Die haben schon manchmal echt schicke Sachen«, verteidigte ich mich lahm, »und sind eigentlich recht günstig.«

»Die schneidern für Zwerge und verlangen dafür viel zu viel«, antwortete sie.

So einfach ließ ich mich nicht trösten.

»Aber diese Versandkatalog-Tante. Die schneidern noch nach echt innerdeutschen Maßen. Die haben Durchschnittstussis wie mich vermessen, und deren Hosen sitzen oft auch wie Pelle auf meinem Hintern.«

»Das wird ja immer schlimmer«, kommentierte Sunny. »Du bestellst aus Katalogen?«

Schluck. Ich fühlte mich minderwertig. Voll und ganz als kleines Würstchen. Machten das alle Therapoteusen, um anschließend monatelange Sitzungen zum Wiederaufbau gedemütigter Psychen abrechnen zu können?

»Das macht Spaß«, behauptete ich.

»Das macht süchtig«, urteilte Sunny.

Da war was dran. Ich hatte zwar noch nicht festgestellt, dass meine Hände zitterten, wenn ich die Kataloge aus meinem Briefkasten nahm, aber die Tatsache, dass ich in meiner Wohnung immer die abgeschiedenste Ecke suchte, um die Angebote zu betrachten, zeigten, dass ich mich wie ein Drogie mit dem Spritzbesteck vor meinen Mitmenschen verborgen hielt.

Auweia.

»Aber«, setzte ich neu an, »das ist einfach praktisch. Du brauchst nicht in verwarzten Umkleidekabinen etwas anprobieren. Das lange Anstehen fällt weg. Dann ist das Licht darin immer so abtörnend, man sieht so schäbig aus. Kriegt Depressionen. Oder noch schlimmer, eine Verkäuferin reißt den schützenden Vorhang weg und fragt scheinheilig: ›Und, passt es?‹, und die vier gutaussehenden Begleiter anderer Frauen, die genau vor meiner Kabine rumstehen und warten, gucken hin und feixen sich eins, wenn sie sehen, dass mir die ausgesuchte Hose in den Kniekehlen hängt.«

»Wieso da?«, fragte Sunny, echt interessiert.

»Weil sie zu eng ist«, belehrte ich sie. »Weil ich sie nicht über meine Oberschenkel gezogen kriege. Weißt du eigentlich, wie entwürdigend das ist?«

Sunny schüttelte langsam den Kopf. Sie nahm einen mittlerweile sicher kalt gewordenen Schluck Kaffee und sagte nachsichtig: »Du orientierst dich an aufoktroyierten Normenvorstellungen. Das ist die Diktatur des Alltags. Und du lässt dich zum Opfer degradieren.«

Ja, und was konnte ich dagegen tun? Sollte ich jetzt zum Untergrundkämpfer werden, sozusagen zum Guerillero gegen die Zuschneidetechnik der Klamotten-Giganten?

»Du könntest dich verweigern«, schlug Sunny vor.

Wie, und dann auf den Kauf meiner fünfzehnten schwarzen Hose verzichten? Mein Herz wurde schwer.

Ich habe nämlich festgestellt, dass sich meine Einkäufe, egal, ob in der freien, begehbaren Wirtschaft oder per Versandhaus-Katalog immer auf schwarze Hosen konzentrierten. Das scheint ein ähnlicher Hamster-Trieb bei mir zu sein wie der ununterbrochene Einkauf von Brot und Kartoffeln.

Hatte mich meine Mutter hungern lassen? War mir in meiner kindlichen Prägungsphase etwas substanziell Wichtiges vorenthalten worden? Vielleicht sogar absichtlich, aus einer tief verwurzelten Abneigung gegen mich?

War ich ein ungeliebtes Kind gewesen?

Mit offenem Mund starrte ich Sunny an.

Das musste ich ihr lassen. Sie hatte aus meinem kleinen, wie ich fand, noch therapierfähigen Hosengrößen-Problem ein elementares, emotionales Desaster gemacht, an dem ich noch lange würde knabbern müssen.

Ich saß in der Klemme. Lieber verschwieg ich ihr jetzt meinen Kaufzwang in Bezug auf schwarze Hosen, Brot und Kartoffeln.

Das war einfach, denn Sunny hatte auf Autopilot geschaltet. Ihre Augen waren auf einen für uns alle unsichtbaren Punkt im Nirwana gerichtet, als sie zu dozieren begann: »Du könntest doch einfach einmal ausprobieren, dich so zu akzeptieren, wie du bist. Sei dir nicht mehr gram, dass du der von wildfremden Menschen aufgestellten Bewertungsskala deiner selbst nicht entsprichst. Akzeptiere, dass du du selbst bist. Nimm meinetwegen das Hosengrößen-Problemchen zum Anlass, um über dein eigenes Verhältnis zu deinem Körper nachzudenken. Das Diktat der Modeindustrie darf nicht über dein Wohlbefinden entscheiden. Du wirst doch wohl nicht auf die Idee kommen abzunehmen, nur weil die Industrie aus soundso großen Stoffballen die größtmögliche Menge Klamotte rausschneiden lässt. Und du dir immer falsch vorkommst, nur weil die auf den maximalen Umsatz scharf sind. Und«, setzte sie seufzend hinzu, »ihn auch leider erringen.«

»Aber die schwarze Hose …«, ließ ich mich vernehmen.

Sunnys Augen waren jetzt wieder voll im Hier und Heute. Mit echt ablehnendem Gesichtsausdruck sagte sie zu mir in einer unglaublich gebildet anmutenden Expertensprache: »Scheiß auf die Hose. Leb dein Leben. Und wenn du damit ernsthaft angefangen hast, kannst du dich wieder bei mir melden, damit wir mal wieder ins Kino gehen.«

Sprach’s und verschwand.

Man muss dazu wissen, dass Sunny meine kongeniale Partnerin beim Besuch intellektueller Studiofilme ist. In Schmachtfetzen konnte ich sie nicht mehr mitnehmen, da sie bei jedem Liebesschwur eines Leinwandprotagonisten lauthals urteilte: »Schmarrn. Blödsinn.«

Nach ihrem abrupten Abgang war mir der Sinn für einen Shoppingbummel vergangen. Ich schlich nach Hause. Ehrlich gesagt, war ich so durcheinander, dass ich gedankenverloren die doppelte Menge meiner Medikamente einnahm. Auch schon egal. Ich musste mich dringend ablenken.

Aufräumen.

Das wär doch mal was, was ich sonst eher vor mir herschob. Es wäre etwas Neues in meinem eigenen Verhaltensmuster-Katalog. Und ich wollte etwas ändern. An mir. Ich war plötzlich wild entschlossen zu handeln.

Dass vielleicht die zu hohe Dosierung meiner Schmerzpräparate meinen motorischen Aktionsdrang ausgelöst hatte, kam mir nicht in den Sinn. Als Erstes nahm ich mir die Berge von herumliegenden Zeitungen und Zeitschriften vor. Es wurde mir bewusst, dass ich nichts wegschmeißen kann. Vielleicht entwickelte ich mich schon zu einem Messie. Gott, wie schrecklich war das denn? Irgendwann würde man mich finden, in Bergen von Müll …

Stopp. So viel Augenmaß in der Beurteilung meiner negativen Seiten hatte ich doch noch. So schlimm war es wirklich nicht. Aber ich machte mich erst einmal daran, jede bedruckte Seite noch einmal genau anzuschauen und mir Artikel oder Fotos, von denen ich annahm, ich könne sie noch brauchen, herauszureißen. Wozu sie nützlich sein könnten, wusste ich allerdings auch nicht so genau.

Okay, das dauerte doch länger, als ich gedacht hatte. Nun lagen links von mir die Haufen Ausschnitte, die ich noch lesen wollte. Interessante Gedankengänge über Neustrukturierungen im Landkreis Passau zum Beispiel, Schminktipps für Halloween-Partys (nicht, dass ich schon mal eine besucht hätte oder vorhatte, eine zu erleben), Rezepte für exotische Barbecue-Gerichte, wobei ich mich nicht davon verunsichern ließ, dass ich gar keinen Grill besaß.

Rechts von mir stapelten sich ausgerissene Fotos, auf denen Haarschmuck zu sehen war, obwohl ich an meinem Kurzhaarschnitt keine Fisimatenten duldete, Abbildungen mit der x-ten Wiedergabe eines, wie ich finde, sehr schönen Schnappschusses von Grace Kelly, den ich, ehrlicherweise gesagt, schon circa zehn Mal archiviert habe, und natürlich zwölfseitige Berichterstattungen über das spanische Königshaus. Ein wunderbares Spektakel für mich, weil ich den Sohn der ältesten Tochter des Königs echt putzig finde.

Den Rest des Newspaper-Wustes steckte ich in Plastiktüten, fertig zum späteren Entmüllen im Papier-Container.

Gut, das war doch schon mal was.

Ich arbeitete mich langsam, aber sicher, zu meinem Schlafzimmer vor. Seitdem ich in einer TV-Sendung darüber aufgeklärt wurde, dass meine Allergien auslösenden, tierischen Mitbewohner vor allem in gemachten Betten überleben, ließ ich natürlich mein Bettzeug in genau dem Zustand, in dem ich morgens meine Schlafkoje verließ.

Die Gesundheit geht vor.

Etwas anderes wurde allerdings von keinem Experten empfohlen: Ich ließ abends und morgens meine einmal ausgezogenen Klamotten rumliegen. Was heißt rumliegen. Sie stapelten sich zu einem echt großen Haufen auf der Couch, die ich eigentlich in mein Schlafzimmer gestellt hatte, um vom Bett aus denken zu können, ich besäße ein elegantes Boudoir.

Jetzt wirkte der Raum eher wie die Kleiderkammer eines gemeinnützigen Vereins.

Nachdem ich drei Pullover, vier Röcke, zwei bereits vor langer Zeit getragene Pyjamas zum Teil ordentlich gefaltet in den Schrank gelegt oder in meinem Wäschekorb versenkt hatte, wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Ganz schön anstrengend.

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedankenblitz. Sogleich ließ ich eine ehemals weiße Bluse wieder fallen, und ich setzte mich auf meine Bettkante.

Ich begriff, was Sunny mir hatte beibringen wollen.

»Akzeptier dich, so wie du bist«, hörte ich ihre mahnenden Worte.

Epochal.

Sie hatte ja Recht. Ich musste mich endlich so nehmen, wie ich war. Mit einem leichten Ansatz zum Messie, den gerundeten Hüften, die halt zu gewissen Zeiten in andere Hosengrößen passten als zuvor, einem Hang zu einseitigem Einkaufen, was Brot, Kartoffeln und schwarze Buxen anging, und einem unbezwingbaren Drang zum großzügigen Verteilen meiner getragenen Klamotten innerhalb meiner eigenen vier Wände.

Ich begann, mich richtig gernzuhaben.

Das neue Jahr würde ein gutes für mich werden. Schluss mit dem ständigen Verbiegen. Schluss mit den vielen Selbstvorwürfen. Schluss mit dem ewigen Zweifeln.

Ich fühlte mich frei.

Munter vor mich hin pfeifend, begann ich, die herumliegenden Hosen aufzuhängen. Ah, da lagen ja unter meiner so lange vermissten blauen Jeans gleich drei schwarze Hosen. Ich konnte doch mal, so als letzten Akt meines kurzfristigen, rigiden Aufräumprogramms, ausprobieren, welche Länge und Form sie hatten, um sie dann nach einem gewissen System aufzuhängen.

Ich schlüpfte in die erste.

Sie blieb in meinen Kniekehlen hängen.

Panisch richtete ich mich auf.

War ich zu dick?

Februar
Warum kriege ich im Februar keinen neuen Wintermantel?

Hauptbahnhof, Gleis 3. Der Lautsprecher knackte. »Der ICE aus Basel hat voraussichtlich vierzig Minuten Verspätung. Wir bitten um Ihr Verständnis.« Wofür? Ich stopfte meinen Schal, den ich um meinen Kopf geschlungen hatte, tiefer in den Kragen meines Mantels. Warum trug ich keine Mütze?

Weil sie meine Haare immer so platt machen. Weil man darunter leicht schwitzt. Weil sie so hässlich sind. Richtig, deshalb hatte ich keine Mütze dabei. Langsam, aber sicher wurde mein Oberkörper ganz steif. Der Wind auf dem zugigen Bahnsteig ließ mich zu einem Eisklotz erfrieren.

Wieso war ich Blödian auch so früh zum Bahnhof gefahren? Ich kannte doch das Spiel. Noch nie, ich schwöre, noch nie war der Zug, in den ich steigen wollte, wirklich pünktlich gewesen. Selbst wenn es nah dran war am vorgegebenen Termin, hätte ich Wetten abschließen können, dass es mindestens vier bis fünf Minütchen später wurde, bis die immer zu laut quietschenden Dinger vor mir zum Stillstand kamen. Und dann natürlich immer ein paar Meter weiter, als die Wagenstandsanzeige auf ihrer bunten Schautafel vorausgesagt hatte.

In diesem Moment wäre es mir allerdings so egal gewesen, wenn mein Wagon, in dem ich mir natürlich einen Platz hatte reservieren lassen, zwanzig Meter von mir entfernt stehen geblieben wäre.

Bloß einsteigen können.

Ich hüpfte ein paarmal in die Luft, um wenigstens den Ansatz eines Gefühls für meine eiskalten Füße zu bekommen. Wieso gab es eigentlich keine beheizbaren Bahnsteige? Ich sah mich um. Wartehäuschen hatte man abgeschafft. Im angedeuteten, von Glasscheiben umgebenen Unterstellfleck knubbelten sich Dutzende von Reisenden.

Ich versuchte es mal mit Schlagbewegungen gegen meinen Oberkörper. Keine Reaktion. Bei mir. Ich war wohl schon klinisch tot. Wieso hatte ich mir nicht längst einen dickeren Wintermantel besorgt? Schon im dritten Jahr schleppte ich jetzt meinen schwarz-weiß melierten Wollmantel, wirklich immer noch en vogue, mit breitem Revers und einem Schließgürtel in der Taille. Der Nachteil des schönen Stücks lag in seiner Körperbetontheit. Die verbot es mir, aus Platzgründen, dicke Pullover darunter anzuziehen. Hätte ich es getan, wäre ich ein kleines Litfaßsäulchen geworden, das statt zum Bahnsteig zu laufen, auch hätte gerollt werden können.

Mein Schal war so breit bemessen, dass ich eigentlich geplant hatte, mich bei kälteren Temperaturen darin einzuhüllen. Nur hatte ich ihn halt jetzt zweckentfremdet als Mützenersatz einsetzen müssen.

Ich zitterte. Eigentlich merkwürdig, da mein Oberkörper doch schon erstarrt war. Aber er schüttelte sich jetzt, offenbar vor Entsetzen, dass man ihm diese extremen Minustemperaturen antat.

Ich schob mich mehr, als dass ich ging, zum Kiosk.

»Haabbbeen Siee wwwwas Heiiissßßeesss?«, bibberte ich die Verkäuferin an. Sie hatte einen megadicken Schal in einen gefütterten Parka gestopft, auf den schonungslos gebleichten Haaren eine dicke Wollmütze, derbe Handschuhe an den Händen. Sicher hatte sie auch Thermo-Boots an den Füßen, während ich zu Hause, bei tropisch eingestellter Heizkörper-Hitze, in meine schicken, dünnen Stiefel mit Bleistiftabsatz geschlüpft war.

Selbstmord.

»Der Glühwein ist leider aus«, bedauerte sie, »Kaffee muss ich erst frisch machen. Aber eine heiße Wurst können Sie haben.«

Ich nickte.

Ich klaubte mein Portemonnaie aus der Handtasche. Zu meinem Entsetzen ließen sich meine Finger in den ultradünnen, mega-angesagten Lederhandschuhen nicht mehr biegen.

»Geb’n Se mal her«, meinte sie verständnisvoll. Vor meinen wachsamen Augen pulte sie exakt den geforderten Betrag heraus, ohne auch nur einen Cent zu mopsen.

»Ddaankke«, stieß ich hervor. Dann nahm ich die heiße Wurst und presste sie ungeniert an meine eisige Wange. Diskret wandte sich die, angesichts dieser Aktion, doch etwas überraschte Verkäuferin ab, ich war ihr dankbar dafür.

Nachdem ich mich ein wenig angetaut hatte, biss ich ein Stück der lebensspendenden Naturalie ab und versuchte, meine starre Kaumuskulatur in Gang zu bringen.

Aber die Befehle aus meinem Gehirn kamen nicht dort an, wo sie dringend gebraucht wurden. So schluckte ich das Stückchen einfach im Ganzen runter und hoffte, dass ein gewisses Völlegefühl Wärmeempfindungen auslösen würde.

»Sie haben Senf an der Backe«, meinte die eingemummelte Kiosk-Dame zu mir, nachdem sie einen kurzen Blick gewagt hatte. Die Serviette, nach der ich wie ein Roboter griff, blieb liegen. Sie bewegte sich keinen Millimeter in meine Richtung.

»Komm’ Se mal rein«, sagte die Dame, »das kann man ja nicht mit ansehen.«

Sie öffnete die Seitentür, und ich schob mich in den Kiosk.

Ahhh! Wie herrlich war das denn? Der diskret zu ihren Füßen befindliche kleine Heizkörper verströmte wunderbare Wärme. Aufatmend lehnte ich mich an den Tresen.

Rettung in letzter Not.

»Daanke«, entschlüpfte es meinen langsam auftauenden Lippen.

»Kein Thema«, wehrte sie resolut ab.

Jetzt erst merkte ich, wie wunderbar das Würstchen schmeckte. Während ich Bissen um Bissen vertilgte, kochte die Fee frischen Kaffee. Das Blubbern der Kaffeemaschine klang in meinem Zustand schöner als eine Sinfonie.

Sie hielt mir eine angeschlagene Tasse entgegen. Aus ihr dampfte der köstlich duftende Muntermacher.

»Milch, Zucker?«, fragte sie.

»Alles«, sagte ich strahlend.

Es war himmlisch.

Ungeniert schlürfend nahm ich mehrere Schlucke hintereinander. Ja, jetzt rann das Heißgetränk ungebremst durch meinen Körper. Meine Speiseröhre bedankte sich auch ganz herzlich mit schmerzhaften Zuckungen bei mir dafür, dass ich nicht erst vorsichtig gepustet hatte.

Egal. Ich lebte. Und wie gut.

»Wieso haben Sie das gemacht?«, wollte ich von meiner Lebensretterin wissen.

Sie schaute mich lange an, dann sagte sie: »Ehrlich gesagt, habe ich wegen Ihnen zwanzig Euro verdient.«

»Wieso das?«, fragte ich verblüfft.

»Ich hab vor zwei Stunden mit meiner Aushilfe gewettet, dass erst einmal Ihr Zug mehr als eine halbe Stunde Verspätung hat …«

»Und was noch?« Jetzt wollte ich die ganze Wahrheit wissen.

»… und dass Sie irgendwann in Ihrem Mäntelchen und mit den Schühchen so durchgefroren sind, dass Sie Ihr Geld nicht mehr selbst aus Ihrer Börse rausholen können. Und ich habe Recht behalten.«

Wie schlecht ist doch diese Welt. Da denkt man mal, man hat einen uneigennützig handelnden Menschen getroffen, und muss wieder mit der brutalen Realität klarkommen: Ohne Moos nix los.

Hätte sie mich wohl in ihr warmes Stübchen aufgenommen, wenn sie keine Wette laufen gehabt hätte?

Ich schaute sie mir genauer an und befand: Wohl eher Minus.

Ich klaubte den letzten Rest meiner Würde zusammen und fragte nach dem Preis des Kaffees.

»Lassen Se mal stecken«, meinte sie großzügig. »Das ist in meinem Gewinn mit drin. Ich geb’ einen aus.«

Ich bedankte mich ausgesucht höflich und trat wieder hinaus in die bitterböse, eiskalte Welt.

Hier durfte meines Bleibens nicht länger sein.

»Bitte, Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges.«

Ich war mal wieder zu stolz, um mir die Ohren zuzuhalten, während das laute Zischen und Quietschen Kopfschmerzalarm bei mir auslöste.

Nur rein.

Geschafft. Ich sah mich um. Dies war weder mein Waggon noch meine gebuchte Klasse. Also machte ich mich auf den langen Marsch durch den schier endlos scheinenden Zug. Nach vielen ungewollten, sehr engen Berührungen mit anderen Körpern, die entweder dasselbe wollten wie ich oder die entgegengesetzte Richtung bevorzugten – oder aber einfach nur dumm rumstanden, erreichte ich meinen reservierten Platz. Darauf, natürlich, ein Mensch.

Ich zog meine Unterlagen hervor, lächelte kurz und meinte: »Das ist meiner.«

Eine reichlich ernährte Frau schaute unter viel Ächzen und Stöhnen in der Tasche ihres Mantels nach, den sie auf der Gepäckablage verstaut hatte, und stimmte mir nach gefühlten zwanzig Minuten zu.

Sie räumte das Feld. Ich ließ mich in den, das muss ich zugeben, prallheiß gewärmten Sessel fallen und fühlte im selben Moment der einsetzenden Entspannung einen stechenden Schmerz in meinen Füßen. Die hatten sich durch den Auftauvorgang im Kiosk, unmittelbar befindlich vor dem Heizkörper am Boden, so ausgedehnt, dass ich dachte, es zerreißt mir die Stiefel.

Frostbeulen, durchzuckte es mich. Abbe Füße, war das Nächste, was ich dachte. Hatte ich nicht gerade in einer Tageszeitung die Abbildung der verunstalteten Füße eines nicht unbekannten Bergsteigers gesehen? Und hatte ich nicht gleich umgeblättert, weil ich den Anblick des grauenvollen Fehlens diverser kleiner Extremitäten nicht ertragen konnte?

Vorsichtig versuchte ich, meine Zehen zu bewegen. Unmöglich. Die spitz auslaufenden Stiefel pressten meine Zehen so fest zusammen, dass sich ein kalter Klumpen geformt hatte.

Ausziehen?

Auf keinen Fall. Ich fürchtete mich vor dem, was ich dann an roten Stellen sehen würde, und vor dem Augenblick, in dem ich meine Folterwerkzeuge wieder anziehen musste.

Also hieß es wieder einmal, Zähne zusammenbeißen. Ich griff nach dem Folder, der in der Tasche des Vordersitzes steckte. Darauf die Ankunftszeiten bei den wenigen Haltestellen des Zuges und vor allem der Zeitpunkt, an dem ich an meinem Ziel ankommen sollte.

Sollte. Denn jetzt verkündete die Lautsprecherstimme unseres Zugbegleiters, dass wir leider die bereits eingetretene Verspätung nicht wieder aufholen würden. Dementsprechend, ich rechnete mal kurz nach, würde ich mindestens anderthalb Stunden später als geplant dort ankommen, wo ich erwartet wurde.

Hoffentlich war dieser Geschäftspartner nicht so erzogen worden wie ich, immer mindestens zwei Stunden früher am Bahnhof zu sein als eigentlich nötig. Mein Vater hatte uns diesen Aspekt seiner eher preußisch harten Erziehung leider weitervermittelt.

Ich könnte meinen Abholer ja warnen, um ihn vor drohenden Wartemarathons in seinem Bahnhof zu bewahren.

Ich zog mein Handy raus und wählte.

Piep, piep, piep.

Kein Empfang. Klasse.

Der Zugbegleiter schlenderte gerade in voller Montur auf mich zu und wollte meinen Fahrausweis kontrollieren.

»Haben Sie ein Telefon im Zug?«, fragte ich ihn.

»Ja, am Ende dieses Wagons«, belehrte er mich. »Aber nur mit einer Telefonkarte zu benutzen.«

Wer hatte denn heute in Zeiten des mobilen Kommunizierens noch eine Telefonkarte bei sich?

Ich resignierte.

»Möchten Sie etwas aus dem Bordrestaurant?«, fragte mich die geschulte Fachkraft.

Ich habe schon lange den Eindruck, dass Zugbegleiter, die früher immer als schreckenerregende Respektspersonen den Zug nach Falschfahrern durchkämmten, mittlerweile wie kastriertes Kneipenpersonal anhuschen.

Sie scheinen darunter selbst am allermeisten zu leiden. Früher hielten sie ihre diskret rasselnden Abknips-Utensilien wie Pistolen im Anschlag, während die Fahrgäste zitternd vor Angst nach ihrem Fahrdokument suchten. Ich bin sicher, jeder kannte die Panikattacke, die von der Furcht gespeist wurde, man habe genau diesen wertvollen Schnipsel verloren, oder noch schlimmer, gar nicht eingepackt. Dabei, und das ist genauso sicher, hatte jeder autoritätsgläubige Reisende vor Einstieg in den Zug mindestens zehn Mal nachgeprüft, ob das Dokument auch gut verstaut im Gepäck war.

Heute haben die Fahrkartenkontrolleure Hightech-Apparate dabei, mit denen sie die Fahrscheine locker ausdrucken – und auch noch das Geld mit Kreditkarten-Maschinchen einziehen können.

Früher hätten sie jedem, der ohne korrekten Fahrausweis in ihrem kostbaren Zug gesessen hätte, lustvoll das Gefühl vermittelt, er sei ein ekliges Subjekt, ein Schwarzfahrer, der gleich, vor den Augen aller Anwesenden, an den hintersten Wagon gekettet würde, um nach der unerbittlichen Geschwindigkeitsvorgabe der Zugmaschine hinterherlaufen zu müssen.

Irgendwie erinnerte das Gehabe dieser Bahnangestellten an Knastaufseher, die ihre Kunden wie Gefangene nach Lust und eigener Laune drangsalieren konnten.

Jetzt sieht die gefühlte Machtlage anders aus. Sie mussten die Kröte schlucken, dass der Kunde König ist.

Damit der Triumph bei den zahlenden Reisenden aber nicht zu groß werden konnte, haben sich die zu normalen Dienstleistern degradierten ehemaligen Halbgötter in Uniform kleine Niedlichkeiten ausgedacht, um ihr Gesicht zu wahren.

So auch die Frage, ob man etwas aus dem Bordrestaurant wünsche. Zum einen verbinden sie mit dieser Standardfrage einen drohenden Blick, der nichts anderes sagt als: »Sie wollen doch nicht etwa, oder?«

Wenn man ein sonniges Gemüt hat, sich unbeeindruckt zeigt und eine Bestellung aufgibt, kommt der Moment der Rache mit dem Augenblick des Servierens. Und da zeigt sich, dass die Bahnverwaltung auf der Seite ihrer Angestellten ist: der Preis von Kaffee und Tee ist nicht ohne. Und die vielen Ruck-und-Schleuderbewegungen, die Züge heute komischerweise immer noch machen, haben die schlichten weißen Becher schon so weit entleert, dass man es sich bei der nächsten Zugfahrt sehr genau überlegt, noch einmal zu ordern.

Ein interessantes Kräftespiel von zwei Giganten: Kunden und Zugpersonal.

Ich fand es viel ehrlicher und auch aufregender, als noch Menschen ein rollendes Warenhaus durch die Zugabteile rumpeln ließen. Den Rollwagen vollbepackt mit all den Dingen, die man in seinem Alltagsleben nie kaufen würde. Süßigkeiten, Schokolade, Kekse in allen Varianten; in einem Heißwasserbehälter schwammen Würstchen, zum Teil aufgeplatzt durch ihre lange Verweildauer im leicht schlierigen, abgestandenen Wasser; Brötchen von pappiger Konsistenz, in Klarsichttütchen eingepackte Kuchenstücke, Limodosen mit hohem Zuckeranteil, nicht mehr ganz kalt, und ebenso lauwarme Mineralwasser-Plastikflaschen, deren Inhalt einem nach dem ersten Schluck einen langanhaltenden Schluckauf verschaffte.

Was für eine schöne, unkomplizierte, ja, heile Versorgungswelt.

Nein, ich wollte nichts ordern. Schließlich hatte ich, zwar als Opfer einer perfiden Wette, bereits meinen Magen gefüllt. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich es versäumt hatte, mich mit Lesefutter zu versorgen. Echt blöd, immerhin standen mir ja jetzt stundenlange, sinnentleerte Beförderungswege bevor.

Dong. Dong.

Was haute mir eigentlich dauernd auf den Kopf? Ich schaute nach oben. Das Bahnmagazin hing an einem Haken und schlenkerte bei jeder Schienenbiegung an mein Haupt. Ich nahm es herunter und musste bei näherem Hinsehen bemerken, dass offensichtlich schon unzählige Reisende vor mir aus lauter Langeweile nach diesem Exemplar gegriffen hatten. Angeschmutzte Eselsohren an den Seiten ließen zudem noch vermuten, dass es immer noch viele Mitmenschen gibt, die beim Umblättern die Finger mit ihrem Speichel benetzen.

Arrggh.

Kurz entschlossen zog ich meine Handschuhe an und begann zu lesen. Geschlagene vier Stunden legte ich das Heft nicht mehr aus der Hand. Ich erfuhr viel über zufriedene Beförderungskunden, las Interviews mit schmuck aussehenden Zugführern, wurde in einem Artikel aufgeklärt, dass die vielgelobten Bord-Bistros eine absolut keimfreie Oase der einheimischen Gastronomie sind, wie sensationell komfortabel die Abteile doch sind, kurzum, dass es nichts Besseres und Schöneres gibt, als Bahn zu fahren. Und dass der Reisende Zielperson von fantastisch ausgebildetem, engagiertem Personal ist.

Ich widerstand diesem Versuch einer veritablen Gehirnwäsche. Die Zeiten des Orientexpresses waren dahin. Dessen Salonwagen-Atmosphäre entsprach meinen ganz persönlichen Vorstellungen. Nur so und nicht anders.

Ich versuchte, noch ein wenig zu schlafen, selbstverständlich die Handtasche eng an meinen Leib gepresst. Nicht, dass man misstrauisch gegenüber seinen Mitreisenden wäre.

Am Zielort angekommen, sah ich mich um. Kein Abholer weit und breit. In diesem Moment klingelte mein Handy, das während der gesamten Fahrt verstummt geblieben war.

Ein Blick aufs Display verriet, acht Anrufe in Abwesenheit. Was für eine blöde Standardformulierung. Ich war doch da gewesen. Nur das Netz hatte sich verflüchtigt.

»Leider kann ich nicht warten«, hörte ich bei der dritten Mitteilung meinen Geschäftspartner sagen. »Die Bahnleute hier haben keinen Schimmer, wie viel Verspätung Ihr Zug hat. Deswegen, sorry, aber mein Anschlusstermin lässt sich nicht verschieben.«

Ich sackte in mich zusammen. Wie, und deshalb hatte ich diesen ganzen Tag verschleudert, mich auf Abenteuerfahrt ins Bahnland begeben, um jetzt ohne Grund in einer fremden Stadt zu sein.

Ich sah auf den Fahrplan. Der nächste Zug zurück fuhr in drei Stunden. Wenn er denn fuhr. Und wenn er in diesem Fall nicht doch erst wieder drei Stunden später einrollen würde.

In solchen unlösbar scheinenden Situationen kommt mir immer derselbe Gedanke: Dann gehe ich jetzt shoppen. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich dazu normalerweise keine Zeit habe. Und wenn sie mir dann plötzlich durch so einen blöden Umstand beschert wird, steigt mein Laune-Pegel wieder nach oben, und ich mache mich auf in eine fremde Einkaufsstraße.

Jedes Mal denke ich voller Vorfreude, hier gibt es garantiert ganz viele Geschäfte, die in meiner Stadt nicht angesiedelt sind. Neue Kaufimpulse braucht die Frau. Nicht immer die gleichen Wege, bei denen man schon im Moment des Ansteuerns eines Ladens weiß, dass man dort wieder nichts finden wird.

Was ich verdrängt hatte, ist die Tatsache, dass heute alle Innenstädte uniform sind. Dass überall die Filialen derselben Kaufhausketten die strategisch besten Ecken der Innenstädte okkupiert haben. Und dass das Angebot in diesen Filialen identisch ist mit denen in meiner City.

Ich reagiere zusehends gereizter auf diese Erkenntnis.

Reiß dich zusammen, kommandierte ich, jetzt hilft nur noch eines: eine gezielte Kaufvorgabe. Ich sah an mir runter.

Ein neuer Mantel. Du brauchst einen neuen Mantel. Natürlich. Noch einmal wollte ich nicht so frieren. Jetzt bekam mein schreckliches Erlebnis, kurz vor dem Erfrierungstod gestanden zu haben, einen ganz anderen Sinn. Es war die Erlaubnis, ein neues Winterteil zu kaufen. Es ist ja immer so im Leben, in jedem schrecklichen Erlebnis steckt auch die Chance auf etwas Gutes, etwas Neues. Eine Veränderung.

Man kann es auch herumdrehen. Wenn man sich etwas Schönes gönnen will, hängt garantiert immer etwas Negatives dran. Jetzt sollten mir aber keine Lebenserfahrungen im Weg stehen. Ich wollte einen neuen Mantel, und zwar möglichst schnell.

Im vierten Laden, den ich betreten hatte, dämmerte mir langsam, dass meine psychologischen Überlegungen der Lebenswahrheit sehr, sehr nahe kamen.

»Einen Wintermantel, jetzt?«, fragte mich die gleichgültig wirkende Verkäuferin. »Sie sind reichlich spät. Wir haben schon die Frühlingsware dekoriert.«

Diese Bemerkungen waren wortgleich in den drei Geschäften formuliert worden, die ich unverrichteter Dinge wieder hatte verlassen müssen.

»Ja, aber, es ist doch noch Winter«, warf ich ein. »Es ist doch noch schweinekalt. Da muss man doch Mäntel kaufen können.«

»Nicht bei uns«, meinte sie abweisend. »Wir sind schon total ausverkauft.«

»Schön«, lobte ich ihren Verkaufserfolg.

Jetzt allerdings wurde der Wunsch, einen neuen Wintermantel zu kaufen, für mich zur fixen Idee. Ja, ich erweiterte noch meinen Wunschzettel: Neue Stiefel sollten es jetzt auch noch werden.

Ich durchforstete das Sortiment eines jeden Ladens, der nur entfernt den Eindruck machte, er könne irgendwo in den verwinkelten Räumen Mäntel versteckt halten. Schließlich landete ich erschöpft in einer Seitenstraße. Und dort, ich blinzelte zweimal, da ich meinen Augen nicht traute, hing ein schwarzer, wattierter Daunenmantel im Schaufenster.

Bingo. Der sollte es sein. Längst hatte ich mich von meiner modischen Idealvorstellung einer wärmenden Hülle für diesen und vielleicht auch für die nächsten Winter verabschiedet. Für mich ging es angesichts der herrschenden Minustemperaturen nur noch ums nackte Überleben.

Drinnen orderte ich das Ausstellungsstück aus dem Fenster, indem ich meine Kaufabsichten deutlich formulierte.

»Wird Ihnen nicht passen«, urteilte die kaugummikauende Verkäuferin.

»Wieso?«, wollte ich verblüfft wissen.

»Ist Ihnen zu groß.«

Das schmeichelte mir sehr. Sonst muss ich mir immer von kleinen, mageren Verkäuferinnen sagen lassen, dass ich – sie schauen dann immer so abschätzig von meinen Füßen bis zu meiner Kopfspitze – auf keinen Fall in ihre Produkte hineinpasse. Was mich natürlich so wütend macht, dass ich sie dann in der Umkleidekabine erst recht ausprobiere.

Sie haben immer Recht.

Was mich dazu veranlasst, beim Herauskommen mindestens genauso abschätzig guckend zu lügen: »Es passt zwar, aber mir gefällt der Schnitt nicht.«

Jetzt wollte ich es aber auf jeden Fall schaffen, diesen offensichtlich letzten Wintermantel in einer großen Stadt zu erwerben. Und zwar käuflich.

Murrend bequemte sich die unwillige Perle dazu, ins Schaufenster zu steigen. Dass ihr dabei mehrere dekorierte Teile entgegenkamen, erfüllte mich mit klammheimlicher Freude. Jetzt hielt sie mir, unter lautem, ungeniertem Niesen, das gewünschte Stück Ware entgegen. Also auch noch staubig im Klamotten-Stübchen.

Ich schlüpfte in den Mantel.