Petra Schier

Ein Weihnachtshund für alle Fälle
&
Vier Pfoten und das Weihnachtsglück

Zwei Romane in einem E-Book

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Ein Weihnachtshund für alle Fälle

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel – Nachspiel

Vier Pfoten und das Weihnachtsglück

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Nachspiel: 1. Weihnachtsfeiertag

Impressum

|5|Prolog

Ich bin beeindruckt.« Das Christkind sah sich anerkennend in der neuen Geschenkfabrikhalle um und ließ die goldenen Flügel flattern. »Alles auf dem Stand der neuesten Technik, wie ich sehe. Dann kann der Weihnachtstrubel ja losgehen.«

Santa Claus, auch als Weihnachtsmann bekannt, nickte stolz. »Zum Glück ist alles noch rechtzeitig fertig geworden. Die Elfenbrigade hat sich wirklich ins Zeug gelegt. Zwar ist es gerade erst Anfang November, aber die ersten Wunschzettel stapeln sich schon wieder auf meinem Schreibtisch.«

»Bei mir sieht es nicht anders aus. Mein E-Mail-Postfach quillt auch schon über.«

Die beiden lachten einmütig.

Das Christkind blinzelte schelmisch. »Nun, da du im technischen Bereich endlich aufgeholt hast – wie wäre es mit einer kleinen Wette?«

»Was für eine Wette?« Der Weihnachtsmann hob neugierig eine buschige weiße Augenbraue.

Wieder ließ das Christkind seine Flügel schlagen und den schimmernden Kranz, der sein goldenes Haar umgab, aufleuchten. »Ich wette, dass ich bis Heiligabend mehr Menschen glücklich machen kann als du.«

»Ha!« Die Miene des Weihnachtsmannes hellte sich |6|auf. »Weißt du was, die Wette gilt!« Sie schlugen ein und schüttelten sich kräftig die Hände. »Es wird mir ein Vergnügen sein, dich vom Gegenteil zu überzeugen.«

»Das musst du erst einmal schaffen.«

Santa Claus grinste. »Ich habe nicht nur in der Fabrik modernisiert. Meine Elfen sind inzwischen auch mit der allerneuesten Technik ausgerüstet. Hochfrequenz-Abhörgeräte, digitale Kameras, nicht zu vergessen das GPS-System an meinem Schlitten. Die Arbeit wird ab sofort ein Kinderspiel werden.«

Das Christkind schmunzelte. »Ich mag vielleicht nicht über deine Elfenbrigade verfügen, aber glaub mir, meine Engel und ich stehen, was unsere Ausrüstung angeht, der deinen in nichts nach.«

»Das wollen wir doch mal sehen.«

»Das werden wir auch sehen!«

»Also wirklich, ihr zwei.« Santas Frau war in der Tür der Geschenkfabrik erschienen und blickte die beiden streng an, die Hände in die Hüften gestemmt. »Was muss ich da hören? Streit so kurz vor Weihnachten? Und das ausgerechnet von euch, die ihr eigentlich Liebe und Frieden auf Erden zu verkünden habt.«

»Entschuldige, mein Schatz.« Santa Claus ging zu seiner Frau und gab ihr einen raschen Kuss auf die Wange. »Wir streiten gar nicht.«

»Ach nein? Das klang aber anders.«

»Nein, meine Liebe.« Das Christkind kam nun auch näher. »Wir haben lediglich eine kleine Wette abgeschlossen, nichts weiter.«

|7|»Eine kleine Wette?« Santas Frau runzelte skeptisch die Stirn.

»Nichts Schlimmes«, bestätigte Santa und wandte sich wieder ans Christkind. »Bleibt noch der Wetteinsatz.«

»Stimmt.« Nachdenklich tippte sich das Christkind mit dem Zeigefinger gegen die Lippen. »Lass sehen … Ja, ich hab’s! Der Verlierer muss dem Gewinner im kommenden Jahr bei der Geschenkeauslieferung helfen, ganz gleich, wie viele Lieferungen er selbst zu erledigen hat.«

»Aber das geht doch nicht!«, protestierte Santas Frau. »Der Heilige Abend reicht ja so schon kaum aus, um alle Geschenke auf der Erde zu verteilen.«

»Eine gute Idee«, sagte der Weihnachtsmann jedoch mit einem breiten Lächeln. »Vielleicht solltest du besser jetzt schon mal mit dem Training beginnen, liebes Christkind. Du wirst nächstes Jahr ganz schön was zu tun bekommen.«

Das Christkind grinste. »Vielleicht solltest du lieber darüber nachdenken, dir einen Anhänger für deinen Schlitten zuzulegen, lieber Weihnachtsmann. Du wirst ihn brauchen, wenn ich die Wettschulden bei dir einlösen komme.«

Die beiden lachten wieder und reichten sich erneut die Hände.

Santas Frau schüttelte halb verärgert, halb amüsiert den Kopf. »Wenn das mal gutgeht.«

|8|1. Kapitel

»Du wolltest mich sprechen, Paps?« Irina Rosenbaum trat in das geräumige Büro ihres Vaters, des Inhabers des Familienbetriebs Rosenbaum & Söhne – Elektrotechnik, Kommunikations- und Sicherheitstechnik, Energie- und Gebäudetechnik. Auf seinen Wink hin ließ sie sich ihm gegenüber auf einem der gemütlichen Besuchersessel nieder. »Wenn es um den Auftrag bei Schuster und Co. geht, damit werde ich heute Abend wie vereinbart fertig. Ich musste allerdings der Zuliefererfirma Beine machen, sonst hätten sie die Ersatzteile nicht rechtzeitig geliefert. Hat sich jemand beschwert?«

Aaron Rosenbaum lächelte über den defensiven Ton seiner Tochter. Sie arbeitete jetzt seit fünf Jahren Seite an Seite mit ihren drei älteren Brüdern und hatte sich in ihrem Bereich wirklich bewährt. Doch auch wenn es eigentlich nicht nötig war, schien sie noch immer beweisen zu wollen, dass sie ebenso gute Arbeit leistete wie die Männer. Wohlwollend ließ er seinen Blick über die zierliche Gestalt Irinas wandern, die in einem sauberen dunkelblauen Arbeitsoverall mit Firmenemblem auf der Brust steckte. Das zu einer ebenso schicken wie praktischen Kurzfrisur geschnittene blonde Haar steckte unter einer ebenfalls dunkelblauen Baseballkappe. Ja, er war stolz auf alle seine Kinder und glücklich, dass seine beiden Töchter – Irina wie auch seine Jüngste, Lidia – darüber hinaus auch noch zu solch ausgesprochenen Augenweiden herangewachsen waren. Was konnte sich ein Mann wohl mehr wünschen?

|9|»Nein, Irina, keine Sorge. Es geht nicht um den Auftrag bei Schuster und Co. Daniel hat mir bereits gesagt, dass dort alles klargeht.« Er lächelte beruhigend. »Du erinnerst dich doch an das Hotel, das wir vor zwei Jahren vollständig mit Technik versorgt haben?«

»Meinst du das Sternbach in der Innenstadt, mit dem wir gerade rechtzeitig vor der Eröffnung zu Weihnachten fertig waren?« Selbstverständlich erinnerte sich Irina an diesen Auftrag. Und wenn auch nur, weil er eng mit den Ereignissen zusammenhing, die ihren älteren Bruder Daniel und seine jetzige Frau zusammengebracht hatten. Sie lächelte bei der Erinnerung daran. »Will der Hoteldirektor uns vielleicht als Dank für unsere Mühen einen kostenlosen Aufenthalt im Wellnessbereich des Hotels schenken? Immerhin erledigen wir alle Wartungsarbeiten schnell und pünktlich.«

Aarons Lächeln vertiefte sich. »Das würde dir gefallen, wie? Nein, Irina, es kommt sogar noch besser!«

»Noch besser als ein ganzer Tag mit Sauna, Massage, Salzgrotte und Rundum-Service?«

»Sternbach hat am See hinter der Stadt ein Luxus-Resort gebaut, wie du weißt. Er ist mit unserer Arbeit in seinem ersten Hotel derart zufrieden, dass er unsere Firma beauftragt hat, auch alle Installationen im Ressort auszuführen.«

»Alle Installationen?«

»Jawohl, das volle Programm.«

»Das ist ja Wahnsinn!« Irina sprang auf, umrundete den großen Schreibtisch und fiel ihrem Vater um den Hals. |10|Dann zog sie sich jedoch ein wenig zurück und blickte ihn argwöhnisch an. »Okay, wo ist der Haken? Soll das Ressort etwa auch zu Weihnachten eröffnet werden? Ich habe den Bau gesehen. Das können wir unmöglich schaffen. Da brauchen wir mindestens vier Monate, und das ist schon optimistisch gerechnet. Und du weißt genau, dass ich ab neunzehnten Dezember drei Wochen Urlaub habe.«

»Die Eröffnung ist erst im Mai.« Aaron wies auf den Besuchersessel; Irina setzte sich wieder. »Aber auch wenn wir ein halbes Jahr Zeit haben, bedeutet dieser Auftrag doch eine Menge Mehrarbeit. Schließlich haben wir auch noch andere Kunden zu bedienen. Deshalb habe ich einen neuen Mitarbeiter eingestellt, der uns im Bereich Kommunikations- und Sicherheitstechnik unterstützen soll und auch von Energietechnik etwas Ahnung hat.«

Irina atmete erleichtert auf. »Endlich, Paps. Ich habe ja schon lange gesagt, dass wir noch eine weitere Arbeitskraft benötigen. Wann kann er anfangen?«

»Morgen ist offiziell sein erster Arbeitstag. Wir haben aber ausgemacht, dass er heute schon herkommt. Ich möchte dich bitten, ihm die Firma zu zeigen und später mit ihm raus zum Resort zu fahren, damit ihr euch schon mal umsehen könnt.«

»Aber was ist mit meiner Arbeit bei Schuster?«

»Die übernimmt Janus. Er ist mit seiner Arbeit im Krankenhaus gestern fertig geworden.«

»Aber dann könnte er doch …« Irina knabberte an ihrer Unterlippe. »Ich möchte ungern einen Auftrag unvollendet verlassen, Paps.«

|11|»Das weiß ich, aber ich halte es für die beste Lösung.« Aaron blickte sie ernst an. »Ich möchte, dass du die Leitung über den Auftrag im Resort übernimmst.«

Irina schnappte nach Luft. »Ich soll die Leitung übernehmen?«

»Spricht etwas dagegen? Daniel und Janus sind damit einverstanden. Und Erik liegt mir sowieso schon seit Wochen in den Ohren, dass ich dir endlich auch einmal die Leitung über ein Projekt übertragen soll. Das tue ich hiermit. Daniel wird dich unterstützen, ist heute und morgen aber nicht verfügbar. Deshalb möchte ich, dass du Herrn Reuther mit zur Baustelle nimmst. Vier Augen und Ohren sehen und hören mehr als zwei. Sternbach ist ein anspruchsvoller Kunde.«

»Also gut.« Irina spürte, wie ihre Wangen vor Aufregung glühten. »Dann werde ich …« Sie schluckte. »Danke, Paps.«

»Keine Ursache.« Aaron lächelte wieder. »Ich erwarte hervorragende Arbeit, nicht nur von dir, sondern von euch allen.«

»Natürlich.« Irina lächelte ebenfalls. »Wann wird dieser Herr Reuther hier antanzen?«

Aaron schmunzelte. »Ich habe ihn für neun Uhr dreißig herbestellt.« Er blickte auf seine Uhr, dann auf den Überwachungsbildschirm neben seinem Schreibtisch. »Und wie ich sehe, ist er pünktlich. Ich habe Lidia gebeten, ihn im Empfangsraum zu beschäftigen, bis du unten bist.«

»Okay, dann werde ich mal gehen und ihn …« Irina hatte sich erhoben und dabei neugierig einen Blick auf den |12|Bildschirm geworfen. Mitten in der Bewegung erstarrte sie. »Lars!«

»Wie bitte?« Verwundert hob ihr Vater den Kopf, dann sah er, was sie meinte. »O ja, richtig, Lars Reuther. Du erinnerst dich also an ihn? Er war in deinem Abiturjahrgang, nicht wahr? Hat einige Jahre in Hamburg und Köln gearbeitet. Erstklassige Arbeitszeugnisse, Meisterbrief mit eins Komma fünf. Er ist kürzlich wieder hergezogen und hat …«

»Das geht nicht, Paps«, unterbrach Irina ihn mit gepresster Stimme. »Ich kann unmöglich … Ich werde nicht mit ihm zusammenarbeiten.«

Aaron musterte seine Tochter aufmerksam und faltete die Hände auf der Tischplatte. »Und warum nicht?«

Irina fuhr zu ihm herum, eine steile Falte zwischen den Augen. »Weil ich ihm den Hals umdrehe, wenn er mir näher als drei Schritte kommt.«

Standhaft bemühte sich Aaron, ein ernstes Gesicht beizubehalten. »Das wäre aber sehr bedauerlich, Irina. Ich möchte ungern auf seine Arbeitskraft verzichten, noch bevor er überhaupt angefangen hat. Ganz zu schweigen von der deinen, wenn sie dich in den Knast stecken.«

»Das ist nicht witzig, Paps!« Irina funkelte ihn aufgebracht an. »Wie konntest du ausgerechnet ihn einstellen? Du weißt ganz genau, dass wir uns an die Kehle gehen, sobald wir uns im selben Raum befinden.«

Aaron beugte sich ein wenig vor und nickte bedächtig. »Herr Reuther erwähnte, dass ihr nicht das allerbeste Verhältnis zueinander habt.«

|13|»Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts!«

»Er schien jedoch durchaus bereit, mit dir in Frieden zusammenzuarbeiten.«

»In Frieden? Pah, dass ich nicht lache!« Irina stemmte die Hände in die Hüften. »Vergiss es, Paps, ich werde nicht ein Wort mit ihm wechseln, geschweige denn mit ihm arbeiten.«

»Irina.« Aaron stand auf und trat auf sie zu. Seine Miene wie auch sein Tonfall hatten sich deutlich verändert. Streng blickte er auf seine Tochter hinab. »Nun mach mal einen Punkt. Wie lange ist es her, dass ihr euch zuletzt gesehen habt? Acht, neun Jahre? Findest du nicht, das ist lang genug, um das Kriegsbeil zu begraben? Liebe Zeit, ihr wart ja fast noch Kinder damals.«

»Waren wir nicht. Wir waren erwachsen, hatten gerade das Abitur …«

»Unterbrich mich nicht!«

Irina verstummte und senkte den Kopf.

Aaron unterdrückte ein Schmunzeln. »Lars Reuther ist ein Fachmann auf seinem Gebiet, so wie du eine Fachfrau auf dem deinen bist. Ich habe ihn eingestellt und wünsche, dass ihr gemeinsam im Resort arbeitet. Nicht mehr und nicht weniger. Ob ihr dabei miteinander redet oder euch Rauchzeichen gebt, ist mir gleich. Mir wäre es nur recht, wenn ihr Negativschlagzeilen über Schlägereien auf der Baustelle vermeidet.«

Erbost hob Irina den Kopf wieder, sagte jedoch nichts, als sie den strengen Blick in den Augen ihres Vaters sah. Er wies auf die Tür. »Und nun geh nach unten und begrüße |14|unseren neuen Mitarbeiter.« Bevor sie seiner Anweisung nachkommen konnte, legte er ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. »Ihr seid erwachsene Menschen, Irina. Ich weiß nicht, warum ihr euch damals nicht ausstehen konntet – es geht mich auch nichts an. Aber wenn er Manns genug ist, eure persönlichen Querelen am Arbeitsplatz beiseitezuschieben, wirst du doch wohl Frau genug sein, das Gleiche zu schaffen. Oder etwa nicht?«

Als er den kämpferischen Ausdruck in ihrem Blick wahrnahm, wusste er, dass er erreicht hatte, was er wollte.

Irina straffte die Schultern. »Also gut, wie du meinst. Aber behaupte hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

2. Kapitel

Während der Fahrt zur Baustelle herrschte in dem dunkelblauen Firmentransporter der Firma Rosenbaum & Söhne eisiges Schweigen. Irina konzentrierte sich vollkommen auf die Straße, würdigte Lars keines Blickes. Der verkniffene Zug um ihren Mund war ihm nur zu bekannt, hatte er ihn doch schon so oft bei ihr gesehen. Seit dem letzten Mal waren jedoch viele Jahre ins Land gezogen. Er für seinen Teil verspürte keinerlei Bedürfnis, das Kriegsbeil erneut auszugraben. Nicht nach dem, was er vor kurzem zufällig von einem seiner ehemaligen Schulfreunde erfahren hatte.

Innerlich seufzend musterte er Irina aus den Augenwinkeln. So viel vergeudete Zeit und Energie! Wer weiß, wo |15|sie heute ständen, hätte es damals nicht diesen Zwischenfall gegeben. Andererseits war es vielleicht nicht schlecht, dass sie erst einmal erwachsen geworden waren, bevor sie sich wieder über den Weg gelaufen waren. Gut, er hatte ein wenig nachgeholfen, indem er sich bei Irinas Vater beworben hatte, nachdem er in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Im Grunde ein logischer Schritt, denn die Firma Rosenbaum & Söhne war die beste weit und breit. Natürlich hatte er vorab Erkundigungen eingezogen und wusste, dass Irina im Familienbetrieb arbeitete. Er fand, dass dies nicht nur eine Gelegenheit auf einen guten Job war, sondern auf diesem Weg auch die Möglichkeit bestand, ein großes Missverständnis aus der Welt zu schaffen – und sei es nur, um sein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Er hatte sich Irina gegenüber furchtbar verhalten, und sie hatte es ihm mit doppelter Münze heimgezahlt. Da hatte es auch nichts geholfen, dass er insgeheim bis über beide Ohren in sie verliebt gewesen war.

Noch einmal ließ er seinen Blick aus den Augenwinkeln über ihr Profil wandern. Er hatte sich eingeredet – und mit einigem Erfolg –, dass fast neun Jahre Zeit genug gewesen waren, um die Gefühle von damals vollständig abzukühlen. Himmel, er war ja noch grün hinter den Ohren gewesen! Allerdings ließ sich nicht leugnen, dass es ihn wie ein Schlag in die Magengrube getroffen hatte, als Irina vorhin zum ersten Mal wieder vor ihm gestanden hatte. Sie war noch ebenso hübsch wie damals. Nein, korrigierte er sich, schöner! Sie war reifer geworden, ihre energische, vitale Ausstrahlung hatte sich noch verstärkt. Er erkannte |16|auf den ersten Blick, dass sie sich zu einer Frau entwickelt hatte, die genau wusste, was sie wollte – und was nicht.

Es war mehr als eindeutig, dass sie nicht sehr erpicht darauf war, mit ihm zu sprechen, geschweige denn, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ihr höflich-unterkühlter Ton verfehlte seine Wirkung auf ihn nicht. Mit Mühe hatte er einen bissigen Kommentar hinuntergeschluckt. Es war verblüffend, wie leicht es ihr fiel, in ihm die alten Verhaltensmuster zu wecken.

»Findest du nicht, dass du mich jetzt lange genug angestarrt hast?«

Irinas ätzende Stimme riss Lars aus seinen Gedanken. »Ich starre dich nicht an.«

»Was dann?«

»Ich habe nur gerade festgestellt, dass du dich verändert hast.«

»Ach ja?« Irina trat heftiger als nötig auf die Bremse, als sie in den Parkplatz zum Resort einbog.

»Du bist eine wunderschöne Frau, Irina.«

»Tatsächlich?« Irina parkte den Transporter direkt vor dem Haupteingang. »Und was war ich dann früher? Das hässliche Entlein?«

»Nicht ganz.« Lars’ Mundwinkel zuckten. »Aber die vergangenen Jahre haben dir ganz sicher nicht geschadet.«

»Verbindlichsten Dank.« Irina sprang aus dem Van, knallte die Tür zu und ging, ohne auf ihn zu warten, auf den Eingang zu. Als er mit wenigen Schritten zu ihr aufgeholt hatte, blickte sie ihn abschätzend von der Seite an. »Du kannst dir das Süßholzgeraspele sparen, Reuther. |17|Ich sehe keinerlei Veranlassung, auch nur ein Wort mit dir zu wechseln, das nicht beruflich veranlasst ist. Herr Sternbach erwartet uns, also lass uns reingehen und unseren Job tun.«

»Wie du meinst. Du bist der Boss.« Er lächelte leicht.

Irina zog argwöhnisch die Brauen zusammen, als er sie mit einer Hand an ihrem Rücken sanft durch das zweiflüglige Portal geleitete. »Das ist wahr«, zischte sie schließlich etwas verspätet. »Also Hände weg.«

Lars reagierte nicht darauf. Irina konnte ebenfalls nicht weiter darauf eingehen, da der Hoteldirektor in diesem Augenblick mit freundlichem Lächeln und ausgebreiteten Armen auf sie zu trat und sie überschwänglich begrüßte.

»Okay, Irina, spuck’s schon aus.«

»Spuck was aus?« Überrascht blickte Irina von der Grundrisszeichnung auf, die vor ihr auf dem Küchentisch ausgebreitet lag. Schräg hinter ihr stand Julia, ihre Schwägerin und beste Freundin, blickte ihr über die Schulter und nippte an einer Tasse Tee.

»Weshalb du seit Tagen mit einem Gesicht herumläufst, als wolltest du jemanden fressen. Ist es noch immer wegen eures neuen Mitarbeiters? Daniel erzählte mir, dass du und dieser Lars euch noch aus eurer Schulzeit kennt.«

»Verabscheut.«

»Bitte was?« Julia hob verwundert die Augenbrauen.

»Wir verabscheuen einander«, sagte Irina, ohne ihren Blick von der Zeichnung zu heben. »Und aus gutem Grund«, fügte sie hinzu. »Er ist ein Scheusal.«

|18|Julia stellte die Teetasse ab und setzte sich auf den Stuhl gegenüber Irina. »Wann warst du zum letzten Mal beim Augenarzt?«

»Hm?« Nun hob Irina doch den Kopf und blickte die Freundin irritiert an. »Was meinst du?«

Julia schmunzelte. »Nun tu bitte nicht so. Bisher dachte ich immer, ich würde deinen Geschmack in Sachen Männer kennen. Aber wenn du Lars Reuther ein Scheusal nennst, müssen deine Ansprüche sich in letzter Zeit arg verändert haben.«

»Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Nein, können wir nicht. Also …« Julia streckte eine Hand aus und zählte an den Fingern ab: »Er ist groß, schlank, besitzt noch jedes einzelne seiner dunkelblonden Haare, hat, wie ich unterstreichen möchte, sehr hübsche braune Augen … Die Brille steht ihm übrigens, was nicht bei allen Männern der Fall ist. Für meine Begriffe ist er ein ziemlich ansehnliches Exemplar seiner Gattung.«

»Du kannst ihn gerne geschenkt haben«, knurrte Irina und griff nun selbst nach ihrer Teetasse.

Julia lachte. »Danke nein, kein Bedarf. Ich habe meinem Traummann bereits vor anderthalb Jahren das Jawort gegeben.« Sie wurde wieder ernst. »Nun sag schon, was ist zwischen euch vorgefallen? Du hast ihn bisher niemals auch nur mit einer Silbe erwähnt. Aber jetzt, da er für deinen Vater arbeitet, läufst du herum wie ein bissiger Kettenhund.«

»Bissig?« Irina verzog ihre Lippen zu einem schmalen Strich. »Ja, vielleicht. Aber ich habe auch allen Grund |19|dazu. Dass Paps ausgerechnet ihn einstellen musste …« Auf Julias auffordernden Blick hin seufzte sie ergeben. »Also gut, es ist ja kein Geheimnis.« Sie trank einen Schluck Tee und fuhr dann fort: »Es war in unserem Abschlussjahr. Nein, ich muss weiter ausholen. Lars und ich haben uns nie gut verstanden. Keine Ahnung, warum. Wir haben uns einfach durch die Schulzeit gestritten. Irgendwann wurde es eine Art Sport, schätze ich. Die Lehrer nannten uns ›die schrecklichen Zwei‹, weil wir selbst im Unterricht gerne in Streit gerieten.«

Julia legte neugierig den Kopf auf die Seite. »Das klingt für mich nach Kinderkram. Wahrscheinlich habt ihr eure Reibereien sogar genossen, sonst hättet ihr sie bestimmt nicht so lange durchgehalten.«

»Keine Ahnung, vielleicht.« Irinas Blick wanderte in eine unbestimmte Ferne, doch als sie sich an die Ereignisse von damals erinnerte, erschien ein bitterer Zug um ihren Mund. »Vielleicht wäre alles nicht so schlimm geworden, wenn ich nicht …«

»Wenn du was nicht?«

Irina senkte den Blick zurück auf die Zeichnung und fuhr mit dem rechten Zeigefinger einige Linien nach. »Wie ich schon sagte, im Abschlussjahr wurde es erst richtig schlimm. Wir fuhren auf unsere letzte gemeinsame Jahrgangsfahrt nach Prag.« Sie zögerte. »Na ja, eines kam zum anderen …«

Julia stieß einen kleinen Pfiff aus. »Sag bloß, ihr habt …«

Irina blickte sie mit zynischem Blick an. »Wir haben.«

»Was sich neckt, das liebt sich.«

|20|»Das dachte ich auch – für exakt zehn Stunden. Dann erfuhr ich von seinen Kumpels, dass er mich offenbar diesmal so richtig hereingelegt hatte.«

Julias Miene erstarrte kurz. Ungläubig blickte sie ihre Freundin an. »Du meinst, er hat dich … er hat das getan, um dich vor allen bloßzustellen?«

»Exakt.«

»So ein Scheusal.«

»Sagte ich das nicht?«

»Wie hast du reagiert?«

Irina seufzte erneut, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch ihr kurzes Blondhaar. »Auf die einzige Weise, die mir angemessen erschien. Ich bin hingegangen und habe überall herumerzählt, dass ich ihn hereingelegt hätte. Angriff ist noch immer die beste Verteidigung.«

Julia nickte nachdenklich. »Danach sind die Dinge dann wahrscheinlich eskaliert.«

»Es herrschte Krieg«, bestätigte Irina. »Ich war so froh, als wir endlich unser Abitur in der Tasche hatten und er zur Ausbildung in eine andere Stadt zog. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört, bis …«

»Bis er diesen Job in eurer Firma angenommen hat«, ergänzte Julia.

3. Kapitel

Etwas unschlüssig blickte Lars an dem rot verklinkerten Mehrfamilienhaus empor, in dessen Obergeschoss sich Irinas Wohnung befand. Ihr Bruder Daniel hatte ihn |21|hergeschickt, um ihr noch einige weitere Zeichnungen zu bringen, die bis morgen auf den neuesten Stand gebracht werden sollten. Lars hatte im Grunde nichts dagegen, noch nach Feierabend an diesem Projekt weiterzuarbeiten, doch sich dazu ausgerechnet in die Höhle der Löwin zu begeben, hielt er nicht für die beste aller Lösungen. In den vergangenen zehn Tagen war Irina ihm – wann immer möglich – aus dem Weg gegangen. Lars hatte es dabei belassen und gehofft, sie würde sich mit der Zeit abregen und einsehen, dass eine Neuauflage ihres Kleinkrieges sowohl sinnlos als auch überflüssig war. Gerne hätte er ihr erzählt, was er selbst erst kürzlich erfahren hatte, doch sie hatte offenbar beschlossen, sich in ihrem Schmollwinkel zu verschanzen. Und wenn Lars eines wusste, dann, dass es gefährlich werden konnte, zu versuchen, sie dort herauszulocken.

Achselzuckend ging er auf den Eingang des Wohnhauses zu. Was auch immer sie dazu sagen mochte, er würde ihr die Zeichnungen aushändigen und erklären, dass es nicht seine Idee gewesen war, sie noch heute Abend mit ihr zu bearbeiten.

Gerade als er auf den Klingelknopf drücken wollte, öffnete sich die Haustür und eine hübsche schlanke Blondine trat ins Freie. Ihr Gesicht kam ihm bekannt vor.

Als sie ihn erblickte, blieb sie überrascht stehen. »Herr Reuther? Guten Abend.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er automatisch ergriff. Sie lächelte ihn an und musterte ihn neugierig. »Ich bin Julia Rosenbaum. Wir sind uns vergangene Woche in Aarons Büro begegnet.«

|22|Lars lächelte zurück. »Natürlich, Sie sind die Steuerberaterin, nicht wahr? Und mit Irinas Bruder Daniel verheiratet.«

»So ist es.« Julia wies auf die Haustür. »Wollen Sie zu Irina?«

Lars verzog die Lippen. »Wollen ist leicht übertrieben. Ich soll in Daniels Auftrag ein paar Zeichnungen mit ihr durchgehen.«

»Jetzt noch?« Julia blickte auf ihre Armbanduhr. »Es ist nach sieben.«

»Wir benötigen die Zeichnungen morgen auf der Baustelle.«

Julia nickte. »Weiß sie, dass Sie auf dem Weg zu ihr sind?« »Nein.«

»Sie hätten vorher anrufen sollen.«

Lars schüttelte den Kopf. »Und riskieren, dass sie mich abwimmelt?« Er runzelte die Stirn. »Ist sie anderweitig … Ich meine, hat sie Besuch oder so?«

»Hatte sie bis eben – von mir.« Julia zuckte mit den Schultern. »Sie sind mutig, sich herzutrauen.«

»Ich tue nur meinen Job.«

»Aha. Dann hoffe ich, Sie haben eine Gefahrenzulage beantragt.« Julia nickte ihm zu und wandte sich zum Gehen. »Viel Vergnügen.«

Lars blickte ihr verblüfft nach, stieß dann die Haustür auf, die sie nicht ins Schloss gezogen hatte, und trat ein.

Irina reckte sich, stand von ihrem Stuhl auf und trug die beiden Teetassen zur Spüle. Irgendwie hatte es gutgetan, |23|Julia von den Dingen zu erzählen, die zwischen ihr und Lars vorgefallen waren. Es kam ihr vor, als könnte sie nun ein wenig klarer darauf zurückblicken. Vielleicht hatte Julia sogar recht – war das alles Kinderkram? Reagierte sie übertrieben? Lars hatte bisher keinerlei Anstalten gemacht, die alte Feindschaft wiederzubeleben. Wahrscheinlich, weil es ihm nicht angebracht erschien, sich mit der Tochter seines Chefs anzulegen. Ein-, zweimal waren sie aneinandergeraten, jedoch, das musste sie sich eingestehen, war sie selbst daran schuld gewesen, weil sie ihn provoziert hatte. Etwas an ihm reizte sie bis aufs Blut; sie kam nur nicht dahinter, was es war. Möglicherweise die Tatsache, dass er ihr keinerlei Angriffsfläche bot. Vielleicht aber auch, dass sie nun schon mehrfach wahrgenommen hatte, wie er sie mit einem merkwürdigen Blick beobachtet hatte. Diesen Blick hatte sie schon einmal gesehen. Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken, was damals mit ihr geschehen war. Es führte zu nichts als zu der frustrierenden Einsicht, dass sie auf ihn hereingefallen war. Noch einmal würde ihr das nicht passieren, ganz gleich, was er nun wieder im Schilde führen mochte.

Genervt über den Weg, den ihre Gedanken eingeschlagen hatten, schüttelte sie sich und wollte sich gerade wieder an den Küchentisch setzen, um die Zeichnung zu überarbeiten, als es an ihrer Wohnungstür klingelte. Rasch eilte sie in den Flur und öffnete die Tür. »Hast du etwas vergessen, Julia? Ich wollte gerade … Oh.« Als sie erkannte, wer vor ihr stand, machte ihr Herz einen unerwarteten Sprung |24|und holperte dann ungleichmäßig weiter. Sie runzelte die Stirn. »Was willst du denn hier?«

»Ich freue mich auch, dich zu sehen.« Lars hatte beschlossen, Irinas abwehrende Haltung mit Humor zu nehmen. Das war allemal besser, als sich von ihr provozieren zu lassen. Dummerweise kam sein Herzschlag ein wenig aus dem Tritt, als er bemerkte, dass ihr graziler Körper in einer enganliegenden altrosa Yogahose mit passendem T-Shirt steckte. Dieses mehr als legere Outfit setzte ihre Rundungen nur allzu deutlich in Szene. Er schluckte hart und bemühte sich, sich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, in dem er deutliche Verärgerung las. Er hob seine Aktentasche leicht an. »Ich soll dir noch ein paar Zeichnungen für morgen bringen.«

Irina kräuselte die Lippen. »Okay, gib sie mir und dann auf Wiedersehen.«

»Daniel bat mich, dir bei der Überarbeitung zu helfen.« Er blickte über ihre Schulter in ihre Wohnung. »Danke, dass du mich hereinlässt.« Ohne auf ihren Protest zu achten, schob er sich an ihr vorbei, stellte die Aktentasche unter der Garderobe ab und zog seine schwarze Lederjacke aus.

»Ich habe dich nicht hereingebeten«, knurrte Irina ungehalten.

»Das hättest du noch«, antwortete er lächelnd. »Oder wolltest du die Zeichnungen im Hausflur bearbeiten?« Rasch blickte er sich um, sah die offene Tür zur Küche und die Papiere auf dem Tisch. Wie selbstverständlich nahm er seine Tasche und steuerte den Küchentisch an, setzte sich auf einen der freien Stühle. »Was ist?« Er blickte sie |25|fragend an. »Sollen wir nicht anfangen? Ich habe keine Lust, bis Mitternacht zu arbeiten.«

Irina, die noch immer wie angewurzelt an der Wohnungstür stand, suchte vergeblich nach Worten. Schließlich knallte sie die Tür heftiger als nötig zu und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Lars hatte die neuen Zeichnungen bereits ausgepackt und war dabei, sie auseinanderzufalten.

Zwanzig Minuten später saßen sie einträchtig über die Zeichnungen gebeugt und fachsimpelten über die Verlegung von Kabeln und Leerrohren. Irina stellte fest, dass sie tatsächlich miteinander auskommen konnten, solange sie sich ausschließlich auf berufliche Themen beschränkten. Sie musste zugeben, dass Lars, was Können und Erfahrung anging, tatsächlich eine Bereicherung für die Firma war. Nicht, dass sie das jemals laut zugegeben hätte.

Sie wurden von einem aufdringlichen Klingelton aus der Konzentration gerissen. Lars hob grinsend den Kopf. »Bei dir piept’s.«

Irina konnte gerade noch ein Lächeln unterdrücken. »Sehr witzig.« Sie stand auf und ging zum Ofen, in dem sie eine große Tiefkühlpizza aufgebacken hatte. Rasch schob sie sie auf einen Teller und schnitt sie in handliche Stücke. Lars schob ein paar Papiere beiseite, um auf dem Tisch Platz für den Teller zu schaffen.

Irina nickte ihm kurz zu. »Wenn du Hunger hast, bedien dich.«

»Danke.« Prüfend musterte Lars Irinas Miene. »Ich hoffe doch, du hast meine Hälfte nicht vergiftet.«

|26|Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde verfinsterte sich Irinas Blick. »Wenn ich gewusst hätte, dass du herkommst und mir auf die Nerven gehst, hätte ich mir vielleicht tatsächlich einen Vorrat an Zyankali zugelegt.« Statt sich zu setzen, ging sie zum Kühlschrank und entnahm ihm eine Flasche Cola. Heftiger als notwendig knallte sie sie auf den Tisch und stellte zwei Gläser und zwei Teller dazu. »Mach bloß keine Fettflecke auf die Zeichnungen«, knurrte sie und pfefferte auch noch zwei Servietten auf den Tisch.

»Zu Befehl, Boss.«

»Nenn mich nicht ständig Boss.«

»Okay, wie hättest du es denn gerne? Frau Projektleiterin vielleicht?«

Lars’ ironischer Ton reizte Irina, und an seinem Blick erkannte sie, dass er genau dies beabsichtigte.

»Ich habe einen Vornamen«, antwortete sie etwas ruhiger. »Es reicht, wenn du ihn benutzt, Reuther.«

»Okay. Irina?« Der leise, dunkle Ton, in dem er ihren Namen aussprach, jagte ihr unvermittelt eine Gänsehaut über den Rücken. Als sie aufblickte, begegnete sie seinem intensiven Blick. »Auch ich habe einen Vornamen.«

Sie schluckte. »Das weiß ich.«

»Ganz sicher? Du hast ihn nämlich bisher noch nicht ein einziges Mal benutzt, seit ich bei euch angefangen habe.«

Da der rauchige Ton seine Stimme noch immer nicht verlassen hatte, begann Irinas Herz erneut aus dem Rhythmus zu geraten. Vergeblich bemühte sie sich, seinem Blick auszuweichen.

Lars streckte die Hand aus, und im ersten Moment |27|dachte sie, er wolle sie berühren, doch stattdessen griff er nach einem Stück Pizza und zwinkerte ihr zu. »Was hältst du davon, wenn wir die Verkabelung für die Gegensprechanlagen in den Büros hier entlang verlegen?« Mit links deutete er auf eine der Zeichnungen; seine Stimme hatte wieder ihren normalen Tonfall angenommen, so als sei nichts geschehen.

Es war ja auch nichts geschehen, rief Irina sich zur Ordnung. Dass sie so merkwürdig auf Lars reagierte, war allein ihr Problem, und sie würde es ganz sicher noch in den Griff bekommen. Sie beugte sich über die Zeichnung, deutete dann selbst auf eine Stelle. »Hier könnten wir den Kabelstrang mit dem der Telefonanlage zusammenführen. Aber dazu müssten wir hier durch die Decke gehen …«

Lars lächelte vor sich hin, biss in sein Stück Pizza. Zwar hatte er sich fest vorgenommen, sich weder provozieren zu lassen noch dies selbst zu tun, doch musste er sich eingestehen, dass es ihm nicht wenig Spaß machte, Irina aus dem Konzept zu bringen. Das war eine Sache, die ihm offenbar auch heute noch ohne viel Mühe gelang. Allerdings musste er sich mehrfach ermahnen, den Bogen nicht zu überspannen und weiterhin einen sicheren Abstand zu ihr zu halten. Zu gerne hätte er ihre Hand berührt, nur um zu sehen, wie sie darauf reagieren würde. Doch er wusste, dass er damit vermutlich mehr falsch als richtig machen konnte. Also konzentrierte er sich wie sie wieder auf die Arbeit, genoss ihre Nähe und hoffte, mit der Zeit die Barrikaden einreißen zu können, die sie ihm gegenüber errichtet hatte.

|28|Knapp zwei Stunden später faltete Irina die letzte der Zeichnungen zusammen und reichte sie Lars, der sie in seiner Aktentasche verschwinden ließ. »Das wäre es dann wohl für heute«, sagte sie und wandte sich in Richtung der Küchentür.

Lars machte jedoch keine Anstalten, den Raum zu verlassen. Stattdessen nahm er die beiden Gläser und stellte sie zu den Tellern auf die Anrichte, ließ Wasser ins Spülbecken laufen und gab ein paar Tropfen Spülmittel dazu.

»Was tust du da?« Verblüfft kam Irina näher und sah ihm dabei zu, wie er seelenruhig begann, das Geschirr zu säubern.

»Man nennt es spülen«, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen.

Sie zog die Stirn in Falten. »Das weiß ich. Aber warum …«

»Hier, nimm einfach das Geschirrtuch.« Er drückte ihr das Tuch in die Hand.

Mechanisch begann sie, die Teller abzutrocknen. Wenige Minuten später war die Arbeit erledigt und die kleine Küche wieder in ordentlichem Zustand. Lächelnd nahm Lars Irina das Geschirrtuch ab und trocknete seine Hände, bevor er es zurück an den Haken hängte. »Danke fürs Essen«, sagte er.

»Äh, ja. Danke für …« Irina machte eine unbestimmte Geste mit der Hand, die Anrichte und Spüle einschloss. »Ich schätze …«

»Ich sollte jetzt gehen«, beendete Lars den Satz. »Da hast du recht. Es ist spät, und wir müssen morgen beide |29|früh auf der Baustelle sein.« Er ging an ihr vorbei zur Garderobe, zog seine Lederjacke an.

Irina war ihm gefolgt und prallte ein wenig zurück, als er sich unvermittelt zu ihr umdrehte. In dem beengten Eingangsbereich ihrer Wohnung blieb ihr nur wenig Möglichkeit, vor ihm zurückzuweichen, also blieb sie stehen. Sie wurde sich unvermittelt der Tatsache bewusst, dass er fast einen Kopf größer war als sie. Seine Schultern waren breiter als damals. Die braunen Augen hinter den dezent silbern gerahmten Brillengläsern hatten sich jedoch kaum verändert. Falls überhaupt, war sein Blick noch eindringlicher geworden – und erwachsener. Was sie nun in ihm aufflackern sah, wollte sie lieber ignorieren, beschloss sie.

Sie räusperte sich und griff nach der Türklinke. »Also dann …«

Er machte einen Schritt auf sie zu. »Also dann«, wiederholte er ihre Worte. Sein Blick wanderte von ihren Augen über ihr Gesicht bis hinab zu ihren Lippen.

Irinas Nackenhärchen stellten sich unwillkürlich auf, als er den Kopf beinahe unmerklich in ihre Richtung neigte. »Ich habe es schon einmal gesagt, Reuther«, krächzte sie. »Finger weg.«

»Wie du willst«, raunte er, schob seine Hände in die Taschen seiner Jeans, lehnte sich jedoch ein Stückchen vor, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. »Zufrieden?«

Das Lächeln in seiner Stimme ließ ihr Herz schon wieder aus dem Tritt geraten. Als sein Blick erneut hinab zu |30|ihren Lippen glitt, schluckte sie hart. »Raus hier«, presste sie hervor und öffnete die Wohnungstür.

Lars tat, als hätte er die ganze Zeit nichts anderes im Sinn gehabt, griff nach seiner Tasche und trat in den Hausflur hinaus. »Gute Nacht, Irina«, sagte er, zwinkerte ihr noch einmal zu und verschwand dann die Treppe hinab.

Irina starrte ihm sekundenlang nach, warf dann die Tür zu und lehnte sich mit geschlossenen Augen dagegen. Sie ballte die Hände zu Fäusten. »Mist!«, flüsterte sie. Was auch immer er im Schilde führte – wenn sie nicht aufpasste, würde sie ihm wieder auf den Leim gehen.

4. Kapitel

»Santa Claus?«

Die helle Stimme von Elfe-Sieben, seiner Assistentin, riss den Weihnachtsmann aus der konzentrierten Arbeit an den Wunschzettel-Emails, die er gerade beantwortete.

»Ja, was gibt es?« Neugierig blickte er die kleine Elfe an, die daraufhin an seinen Schreibtisch trat und ihm einen Computerausdruck reichte. »Hier ist der neueste Bericht von Elf-Zwei und Elfe-Acht. Sie haben ihre aktuelle Kundschafter-Runde beendet und alle Beobachtungen aufgeschrieben. Und Elf-Dreizehn lässt ausrichten, dass er die Video-Überwachungsbildschirme morgen anschließen kann.«

»Sehr gut! Wir sind dieses Jahr ein bisschen spät dran, fürchte ich. Die neue Fabrikhalle hat uns ziemlich |31|aufgehalten.« Santa Claus warf einen Blick auf den Bericht seiner Kundschafter-Elfen, nickte zufrieden vor sich hin, bis er den letzten Abschnitt las. »Das gibt’s doch nicht! Das Christkind liegt jetzt schon mit fünf glücklichen Menschen vorn? Wie hat es das denn so schnell geschafft?« Er hob seinen Blick von dem Bericht. »Elfe-Sieben, bitte hol Elf-Dreizehn sofort hierher. Er muss die Bildschirme noch heute Abend anschließen. Und berufe bitte für morgen früh eine Versammlung der Elfenbrigade ein. Es kommt ja gar nicht in Frage, dass das Christkind unsere kleine Wette gewinnt. Wir müssen unsere Anstrengungen umgehend verdoppeln.«

»In Ordnung, Santa. Aber Elf-Dreizehn ist noch mit der Wartung deines Schlittens beschäftigt. Ich weiß nicht, ob er heute noch Zeit für die Bildschirme hat.«

»Ach was, dann soll er den Schlitten morgen fertigmachen. Die Bildschirme sind jetzt wichtiger.« Der Weihnachtsmann deutete auf den Stapel Wunschzettel neben seinem Computer. »Die Erfüllung dieser Wünsche hat jetzt höchste Priorität. Sag ihm das.«

»Okay, Santa, bin schon unterwegs.« Die kleine Elfe drehte sich um und huschte aus dem Büro des Weihnachtsmanns.

Santa Claus strich sich nachdenklich durch den langen weißen Bart und überlegte bereits fieberhaft, wie er den Vorsprung des Christkindes so rasch wie möglich aufholen konnte.

|32|5. Kapitel

»Also wenn du mich fragst, liegt da bei euch eine ganz schöne Spannung in der Luft«, befand Julia und kuschelte sich an die Seite ihres Mannes. Daniel hatte den Arm um ihre Schulter gelegt; gemeinsam gingen sie den einsamen Pfad im Park entlang und sahen ihrem Schäferhundmischling Nick dabei zu, wie er eifrig in den Büschen längs des Weges schnüffelte.

Daniel lachte. »Kein Wunder. Hat Irina dir erzählt, wie es zwischen den beiden rundgegangen ist, als sie noch gemeinsam zur Schule gegangen sind? Es ist ein Wunder, dass es keine Toten gegeben hat. Sie mussten sogar mehrmals bei der Rektorin vorstellig werden, weil sie mit ihren Streitereien den Unterricht gestört haben. Und so etwas von fast Erwachsenen! Ruhe ist erst eingekehrt, als sie das Abitur hatten und Lars von hier wegzog.«

»Ja, sie hat es mir erzählt.« Julia seufzte und legte den Kopf an Daniels Schulter. »Irgendwie kann ich sie verstehen. Wenn mir jemand so etwas angetan hätte – ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte.«

»Angetan?« Verblüfft blieb Daniel stehen und sah seine Frau an. »Was soll er ihr denn angetan haben? Sie haben sich gegenseitig ordentlich die Federn gerupft – bei jeder sich bietenden Gelegenheit.«

»Das mag ja sein, aber die Sache auf der Fahrt nach Prag …«

»Moment mal, was für eine Sache meinst du?«

|33|Julia biss sich auf die Lippen. »Oh oh. Du weißt gar nichts davon?«

»Wovon weiß ich nichts?«

Julia zögerte. »Na ja, dass die beiden einmal miteinander …« Sie brach ab und schwieg bedeutsam.

Daniel runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?« Schließlich dämmerte es ihm; entsetzt stieß er die Luft aus. »Du meinst, die beiden haben …«

»Auf der Jahrgangsfahrt nach Prag, ja. Bitte verrate Irina nicht, dass ich das ausgeplaudert habe. Ich glaube nicht, dass sie sehr glücklich darüber wäre. Aber ich dachte wirklich, dass du davon weißt. Ihr erzählt euch doch sonst auch alles.«

Daniel nickte, kratzte sich gleichzeitig am Kopf. »Aber warum um alles in der Welt sind sie sich dann weiterhin an die Kehle gegangen?«

»Weil sie erfahren hat, dass er sie nur hereinlegen wollte.«

»Wie bitte?« Empört starrte er sie an. »Ich höre wohl nicht recht! Und dieser Mistkerl wagt es, sich in unserer Firma zu bewerben? Ich drehe ihm den Hals um, sobald …«

»Schsch! Bitte nicht, Daniel.« Julia legte ihrem Mann rasch eine Hand auf den Arm und drückte ihn leicht. »Vergiss nicht, offiziell habe ich dir nichts davon erzählt. Ich schätze, sie hat es ihm längst mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt.«

Resigniert stieß Daniel die Luft aus. »Ja, vermutlich hat sie das. Irina ist nicht der Typ Frau, der so etwas auf sich |34|sitzenlässt.« Langsam ging er weiter, ergriff dabei Julias Hand. »Trotzdem könnte ich ihm den Hals umdrehen. Wie konnte er es wagen, meiner kleinen Schwester so etwas anzutun? Wenn er ihr auch nur noch ein einziges Mal näher als fünf Schritte kommt, sehe ich mich gezwungen, ihn zu kastrieren.«

Julia lachte auf. »O Gott, bitte nicht! Ich bin mir nicht sicher, ob du Irina damit einen Gefallen tun würdest.«

»Irina? Was hat sie damit zu tun? Lars ist es, den ich bluten sehen will.« Daniel runzelte grimmig die Stirn und reizte Julia zu erneutem Gelächter.

»Ich glaube, es wäre besser, wir hielten uns da ganz heraus, Daniel. Wie ich schon sagte, da herrscht eine ziemliche Spannung zwischen den beiden.«

Wieder blieb Daniel stehen. »Du sagst das in einem merkwürdigen Ton. Glaubst du etwa, er will sich noch einmal an sie heranmachen?«

»Ich glaube gar nichts. Aber da ist etwas zwischen den beiden, davon bin ich überzeugt. Seit er neulich Abend bei ihr war, schleichen die beiden umeinander herum wie zwei Wildkatzen auf der Pirsch.«

»Hat sie dir etwas erzählt?«

»Nein.« Julia schüttelte den Kopf. »Aber ich habe Augen im Kopf, mein Schatz. So, wie er sie immer ansieht …«

»Er soll sie gefälligst in Ruhe lassen«, brummte Daniel. »Wenn er es wagen sollte, noch einmal so eine Sache abzuziehen, kriegt er es mit mir zu tun.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob er eine Sache abzieht«, |35|sagte Julia, während sie beobachtete, wie Nick unter einem Strauch nach einer Maus buddelte. »Mir scheint, da steckt ein bisschen mehr dahinter.«