Über Zoe Fishman

Zoe Fishman arbeitete jahrelang in der New Yorker Verlagswelt, bevor sie mit ihrer Familie nach Atlanta zog und zu schreiben begann. Ihre Vorgängerromane wurden hochgelobt und vielfach ausgezeichnet. Zurzeit lehrt sie Kreatives Schreiben und schreibt ihren nächsten Roman.

Annette Hahn übersetzte neben Fay Weldon, Susan Choi, Patricia Shaw u. a. »Sex and the City« von Candace Bushnell ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Der Sommer der Frauen.

Maggie hat alle Mühe, für sich und ihre kleine Tochter zu sorgen. Dann erbt sie ein Strandhaus in den Hamptons und könnte auf einen Schlag alle Probleme los sein – sofern sie sich um die darin lebende 82-jährige Edith kümmert, die an Alzheimer erkrankt ist. Doch Edith hat überhaupt keine Lust, ihr Heim mit einer schlechtgekleideten Fremden und einem trotzigen Kleinkind zu teilen. Aber dann verschlimmert sich ihr Zustand, und in ihrer Not, ihre Erinnerung zu verlieren, lässt sie es zu, dass Maggie ihr hilft, ein Geheimnis ihrer Vergangenheit zu lüften. Und so erleben die so unterschiedlichen Frauen einen einzigartigen Sommer der Neuanfänge.

»Ein tragikomischer Lesegenuss und eine köstliche literarische Hühnersuppe für die Seele.« Mary Kay Andrews.

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Zoe Fishman

Die Frauen von Long Island

Roman

Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn

Inhaltsübersicht

Über Zoe Fishman

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Impressum

Kapitel 1

Ein Haus am Meer, wiederholte Maggie in Gedanken und trat benommen durch die Drehtür des Bürogebäudes in das Feierabendgewimmel von Manhattan hinaus.

Ein Haus in Sag Harbor. Allein die Worte Sag Harbor beschworen Bilder eines ihr bislang unbekannten Lebens herauf. Sanddünen und Wellen, Seetang und Bauernmärkte, reiche Frauen mit sonnenverwöhntem Teint und künstlich gestraffter Haut …

»Sind Sie sicher?«, hatte sie den Anwalt ungläubig gefragt.

»Ja, Miss Sheets«, erwiderte der mit freundlichem Lächeln und tippte mehrfach auf das Testament. »Hier steht es, schwarz auf weiß. Sie wollte, dass Sie es bekommen.«

Maggie konnte es immer noch nicht fassen und schüttelte den Kopf. Seit über vier Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt. Das ergab einfach keinen Sinn.

»Sag Harbor ist wundervoll, Miss Sheets. Ein Küstenort mit dem Ambiente von New York.«

»Haben Sie da auch ein Haus?«, erkundigte sie sich, obwohl es ihr im Grunde gleichgültig war.

»Wir haben eins im Norden. Meine Frau hasst Sand.«

Maggie nickte automatisch. Es sagt viel über einen Menschen aus, wenn er Sand hasst, dachte sie. Sie selbst hasste Sand schon aus Prinzip, weil er in jede Unebenheit eines Holzbodens kroch, sich in nassen, grießigen Haufen in der Badewanne sammelte und als trockener Staub in den Knitterfalten der Bettlaken. Wo Sand hinkam, kriegte man ihn nicht mehr weg. Ihn aber zu hassen, wenn man für seinen Lebensunterhalt nicht putzen ging (und stattdessen vermutlich jemanden wie Maggie dafür bezahlte), war etwas anderes.

»Aber zurück zu Ihnen«, fuhr der Anwalt fort. »Zu dem Haus in Sag Harbor kommt noch etwas hinzu.«

»Noch was?«

»Besser gesagt: noch jemand …«

Maggie seufzte. Natürlich … »Die Mutter«, sagte sie resigniert.

»Genau … Dann kennen Sie Edith?«

»Kennen? So würde ich es nicht ausdrücken. Wir haben uns ein Mal gesehen.«

»Aber Sie wissen, dass sie bei Liza wohnte, als sie verstarb.«

Verstarb  Das Wort klang falsch, dachte Maggie. Liza hatte sich umgebracht.

»Ja, das weiß ich.« Sie sah zu Boden und fragte sich, wie es Edith nach dem Tod ihrer Tochter nun wohl ging. Bei ihrer ersten Begegnung war Maggie von der alten Dame nicht gerade begeistert gewesen – sie hatten gemeinsam zu Mittag gegessen, und Edith hatte Maggie wie eine Bedienstete behandelt, obwohl Liza mehrfach erklärt hatte, dass sie vor allem Freundinnen seien. Dennoch sollte keine Mutter den Tod ihres eigenen Kindes erleben müssen.

Der Anwalt faltete die Hände auf seinem Schreibtisch. »Vor kurzem ist bei Edith Alzheimer diagnostiziert worden.«

»O nein«, sagte Maggie. »Ich hatte keine Ahnung … Liza und ich … wir hatten seit einer Weile keinen Kontakt mehr.«

»Die Diagnose besteht auch noch nicht lange. Um genau zu sein, wusste Liza es seit zwei Monaten.«

Maggie rieb sich die Schläfen. Das alles war schwer zu fassen.

»Tut mir leid, aber wäre jemand aus der Familie nicht besser geeignet, sich um sie zu kümmern? Ich putze Häuser und Wohnungen, Mr. Barnes. Ich kann nicht … ich habe noch nie einen älteren Menschen betreut. Davon habe ich keine Ahnung.«

Der Tod ihrer eigenen Mutter lag schon Jahre zurück, und ihr Vater hatte bald darauf ein neues Leben mit einer neuen Familie und neuen Kindern begonnen – von denen sie keines je gesehen hatte, fiel ihr nun ein, geschweige denn, dass sie sich dafür interessiert hätte. Sie dachte an all die Male, die Liza sie für ihre finanzielle Sorglosigkeit gerügt hatte, für ihr Beziehungschaos, ihren mangelnden Ehrgeiz … dafür, dass sie im Februar eine Jeansjacke trug. Warum hatte Liza ausgerechnet sie für diese Aufgabe ausgewählt?

»Ich fürchte, nein. Edith ist die einzig Verbliebene der Familie, und Liza war ein Einzelkind.«

»Und was ist, wenn ich das Haus nicht nehme? Was passiert dann damit? Und mit Edith?«

»Das Haus wird verkauft und Edith in einem nahe gelegenen Pflegeheim untergebracht«, antwortete er.

»Und das wollte Liza nicht.«

»Nein.«

Maggie überlegte, wann Liza das Testament wohl gemacht und ob sie zu dem Zeitpunkt schon gewusst hatte, dass sie sich das Leben nehmen würde. Die Vorstellung, wie Liza in ihrer alten Wohnung am Schreibtisch saß, ihre geliebten Erdnussbutterplätzchen knabberte, deren Krümel oft an den unmöglichsten Stellen herumlagen, dazu Cola Light aus der Dose trank, was einen dieser schwer entfernbaren Ringe auf der Tischplatte hinterließ, und beschloss, ausgerechnet Maggie all ihr Hab und Gut zu hinterlassen, versetzte ihr einen Stich.

»Würde es dich umbringen, einen Untersetzer zu benutzen?«, hatte sie Liza irgendwann einmal gefragt.

»Ja, würde es«, hatte die geantwortet, ohne von ihrem Buch aufzusehen, als Maggie beim Staubsaugen vor dem Sofa innegehalten und auf den ringförmigen Fleck auf dem Couchtisch gezeigt hatte. Jetzt kam ihr die Wortwahl von damals gedankenlos vor.

Von Lizas Tod hatte sie nicht etwa durch gemeinsame Bekannte erfahren – vier Jahre nach dem Ende ihrer Freundschaft waren davon keine mehr übrig –, sondern online, im Bett, beim Durchscrollen der Schlagzeilen.

Danach war sie tagelang wie betäubt durch ihr Leben gestolpert, den Kopf voller Erinnerungen. Und dann hörte sie überraschend die Nachricht des Anwalts in ihrer Mailbox, sie möge doch bitte vorbeikommen, er habe etwas mit ihr zu besprechen. Sie konnte es immer noch nicht glauben – nichts von alldem. Liza hatte so viele Leute gekannt … Warum hatte sie ausgerechnet Maggie auserwählt, ihr Erbe anzutreten? War das womöglich ihre Art, sich zu entschuldigen? Nein, das wäre als Geste viel zu dramatisch gewesen, zu übertrieben für die Situation. Und wer wusste schon, ob es überhaupt als Entschuldigung gemeint war?

Ganz gleich, was Lizas Beweggründe gewesen sein mochten, es war offensichtlich, was dieses Angebot bedeutete: mietfreies Wohnen sowie ein beachtliches monatliches Einkommen – und das weit über die absehbare Zukunft hinaus. Mit anderen Worten: Sicherheit für ihre Tochter Lucy. Als Maggie nur für den eigenen Lebensunterhalt geputzt hatte, war das ja eine Sache gewesen, aber jetzt, da sie für zwei Personen plus Kinderbetreuung arbeitete, eine ganz andere. Seit Lucys Geburt war es schwerer für sie geworden, das war nicht zu leugnen.

Maggie dachte an Strand und Meer … an das Gefühl von Sand zwischen den Zehen und an Lucys Lachen, wenn sie vor den Wellen davonliefe … Es wäre ein so viel schöneres Leben für ihre Tochter. Und alles wäre einfacher.

Maggie würde keine fremden Häuser mehr putzen müssen, nur noch ihr eigenes. In letzter Zeit war ihr die Arbeit immer mehr zuwider geworden – fremde Fußböden zu schrubben, während sie jemand anderen bezahlte, um auf Lucy aufzupassen, erschien ihr nicht sonderlich sinnvoll. Was das Finanzielle betraf, kam Lizas Angebot einem Lottogewinn gleich.

Aber: Das große Los bedeutete als Dreingabe eine eigenwillige alte Dame, die Maggie zu betreuen hätte. Es bedeutete außerdem, dass sie und Lucy ihr altes Leben aufgeben und an einen Ort ziehen müssten, an dem sie niemanden kannten. Und würden sie sich dort nicht auch der Schwermut und Schuld aussetzen, die Liza zurückgelassen hatte? Zwar glaubte Maggie nicht an Geister, aber die Reue, die sie schon jetzt nach dem Tod der Freundin empfand, verfolgte sie selbst hier in sicherer Entfernung schon wie ein Spuk.

Die Ampel auf der gegenüberliegenden Seite blinkte rot, aber Maggie sah kurz in beide Richtungen und lief trotzdem über die Straße.

Sie hatte Liza vor zehn Jahren kennengelernt, mit achtundzwanzig. Maggie hatte das Gefühl, seitdem sei ein ganzes Leben vergangen. Damals hatte sie gerade erst angefangen, für die Reinigungsfirma zu arbeiten. Es hörte sich zwar kläglich an, wenn eine Frau mit einem College-Abschluss putzen ging, aber die Rechnungen ließen sich damit besser bezahlen als mit dem Bürojob, den sie davor gehabt hatte.

Außerdem war es deutlich interessanter, als sie ursprünglich angenommen hatte, denn die Firma betreute ausschließlich vermögende Leute mit luxuriös ausgestatteten Häusern oder Wohnungen. Maggie gefiel ihre Arbeit. Die körperliche Betätigung war ihr lieber als Schreibtischarbeit, bei der man sich nur den Hintern platt saß und ihn mit nach Sitzungen übriggebliebenen Plunderstücken und durchweichten Nudelsalaten zusätzlich verbreiterte. Zudem lag eine große Befriedigung in dem Wissen, dass selbst reiche Leute im stillen Kämmerlein Dreck machten.

Sie war durchaus neugierig gewesen, wie es im Penthouse der weltberühmten Autorin Liza Brennan an der Upper West Side wohl aussähe. Und dann war es genau so, wie erwartet: Einbauregale vollgestopft mit unzähligen Büchern, jede Menge wertvolle Kunstgegenstände, edle Bettwäsche aus Mako-Satin, glatt und weich wie Seide. Die Wohnung war nicht übertrieben protzig eingerichtet, sie wirkte edel. Liza hatte einen guten Geschmack und kaufte genau solche Sachen, die Maggie – hätte sie entsprechende Mittel gehabt – auch gewählt hätte.

Als sie anfing, dort zu putzen, einmal pro Woche, am Donnerstagvormittag, hatte Liza sie zunächst nur kurz begrüßt und war dann – mit Laptop und einem Stapel Zeitungen in der dunkelblauen Umhängetasche – aus dem Haus gegangen. Doch schon bald fragte sie, ob es Maggie etwas ausmachen würde, wenn sie bliebe, weil sie sich im Café nicht so gut konzentrieren könne. Natürlich sagte Maggie, es mache ihr nichts aus, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach. Sie mochte es nicht, wenn ihre Klientinnen dablieben und jeden Handgriff überwachten, wie um sicherzugehen, dass sie nicht herumschnüffelte oder bei der Arbeit trödelte. Doch Liza war anders. Sie kümmerte sich nur um das, was sie auf dem Bildschirm vor sich sah, oder um das Buch, das sie las, ohne Maggie weiter zu beachten. Dies Vertrauen weckte in Maggie den Wunsch, ihre Sache besonders gut zu machen. Was sie auch tat.

»Jetzt kann man hier ja vom Boden essen«, hatte Liza beim Abschied gesagt, bevor Maggie sich mit ihrem kleinen Putzwagen wieder auf den Weg machte. »Vielen Dank.« Worauf sie ihr, ohne mit der Wimper zu zucken, fünfzig Dollar Trinkgeld in die Hand drückte. Jedes Mal.

Maggie kam am Gramercy Park vorbei. Der schmiedeeiserne Zaun schirmte den makellos gepflegten Privatpark und seine privilegierten Nutzer vor dem Pöbel ab – also vor Leuten wie ihr. Ob Pöbel tatsächlich das richtige Wort war? Liza hätte es gewusst.

Nach einigen Monaten hatten sie angefangen, sich zu unterhalten, waren ins Gespräch gekommen. »Was ist Ihre Geschichte?«, hatte Liza eines Morgens überraschend gefragt, als Maggie mit ihren gelben, ellenbogenlangen Gummihandschuhen gerade das Waschbecken schrubbte. Ihre Hände waren immer trocken wie Treibholz und die Nagelhäute dünn wie Seidenpapier, das ließ sich bei diesem Beruf wohl nicht vermeiden. Handschuhe halfen immerhin ein wenig.

»Meine Geschichte?«, hatte sie verwundert zurückgefragt.

»Ja, wie kommt es, dass Sie putzen gehen? Sie kommen mir nicht wie der klassische Putzfrauentyp vor.«

Maggie gehörte nicht zu den Menschen, die gern viel von sich erzählen, aber Liza vermittelte ihr ein Gefühl von Vertrautheit, und sie fühlte sich mit ihr wohl. So ungleich sie auch waren, wurden Freundinnen aus ihnen.

Bis ihre Freundschaft dann endete.

Maggie kam an den Bodegas und Secondhandläden vorbei, an den Weinstuben und Bars, dem Peruaner, dem Chinesen, dem Nagelstudio, in dem sie sich einmal die Augenbrauen hatte zupfen lassen, wonach nur eine unschöne Kommaform übrig geblieben war.

»Hallo José.«

Er sah von dem kleinen Schwarzweißfernseher auf, der neben ihm auf dem Tisch stand, und nickte. Sobald es Juli wurde, zog José aus seinem Kellerapartment, das er seit fast vierzig Jahren bewohnte, tagsüber auf die Eingangstreppe des Wohnhauses. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang saß er in Shorts und T-Shirt in seinem grünen Klappstuhl und guckte Baseball, und bis zum September waren seine Glatze und Unterarme dunkelbraun gebrannt.

Im Treppenhaus nahm Maggie immer zwei Stufen auf einmal und keuchte, als sie den vierten Stock erreichte. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und schob die Wohnungstür auf, die jedoch von der vorgelegten Kette gestoppt wurde.

»Mommy!«, rief Lucy augenblicklich.

»Hallo Miss Sheets«, sagte Daliah und löste die Kette. Lucy sprang mit der Geschwindigkeit einer olympischen Sprinterin auf Maggie zu und umklammerte ihre Beine. Ein zartes Pflänzchen war sie nicht gerade, ihre Tochter. »Lucy war wieder sehr brav. Hat gut gegessen, ein paar Puzzles gemacht …«

»Erniebert!«, krähte Lucy dazwischen.

»Ja, wir haben auch ein bisschen ferngesehen«, gab Daliah zu.

»Das ist okay. Sie ist heute ziemlich aufgekratzt, das merke ich schon.« Maggie zog das Portemonnaie aus der Tasche und gab Daliah ihren Lohn. Dabei fiel ihr auf, dass sie für den Rest der Woche nur noch zwei Zwanziger übrig hatte.

»Danke, Miss Sheets.« Daliah faltete die Scheine sauber zusammen und schob sie in die Gesäßtasche ihrer Shorts. »Ciao, Lucy!«

»Tssau, Dawia«, antwortete Lucy. »Umarmen!«

Lachend beugte Daliah sich vor. Lucy zog ihren Kopf mit der Bestimmtheit eines kleinen Don Corleone zu sich heran und hielt ihn eine Weile fest. Dann, zufrieden über den Segen, den sie anscheinend gerade verabreicht hatte, ließ sie Daliah wieder los und war zu neuen Taten bereit.

Noch bevor Daliah die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann Lucy in der Wohnung herumzulaufen und zu wiehern. Zum wiederholten Mal musste Maggie feststellen, wie ähnlich sie ihrem Vater doch sah. Die blonden Locken, die braunen Augen, das Grübchen, das Maggie überhaupt erst in diesen Schlamassel hineingebracht hatte …

»Wie war es mit Daliah?«, erkundigte sie sich. »Habt ihr Pferdchen gespielt?« Erschöpft und verschwitzt wie sie war, ließ sie sich aufs Sofa fallen, und Lucy kletterte ihr auf den Schoß. Nachdem sie es sich dort bequem gemacht hatte, trank sie ihre Milch aus der Nuckeltasse und schlug die stämmigen Beinchen übereinander.

»Ist Mommy traurig?«, erkundigte sie sich.

»Ja, Mommy ist traurig.«

»Wegen der Frau?«

»Ja.«

»Was ist passiert? Sie ist tot, oder?«

»Ja, mein Schatz, sie ist tot.«

An jenem Morgen, als sie von Lizas Tod gelesen hatte, waren Maggies Augen vom Weinen so gerötet und geschwollen gewesen, dass sie sie kaum noch aufbekam. Als Lucy dann fragte, was los sei, war Maggie nicht in der Verfassung, sich eine einfühlsame Geschichte über den Lauf des Lebens auszudenken.

»Meine Freundin ist gestorben«, sagte sie und überraschte sich selbst mit diesem Wort. Schon lange hatte sie an Liza nicht mehr als Freundin gedacht.

»Was ist gesstorben?«, wollte Lucy wissen.

»Tot. Weg. Für immer.«

»Oh.«

Lucy hatte eine Weile ihre Hand gestreichelt und sich dann, während Maggie mit stumpfem Blick aus dem Fenster in die leere Küche der Wohnung gegenüber starrte, wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung gewidmet: die kleinen Zootiere aus Plastik in einer langen Parade aufzureihen.

Jetzt sah Maggie sich im Wohnzimmer um, musterte die Puzzles und die bunten Kreidestifte, den abgewetzten Teppich, die Esstischgarnitur von Ikea, die sie gleich nach dem College gekauft hatte, und seufzte. Dann betrachtete sie ihre Hände, trocken und rau wie Schleifpapier.

Sie dachte an Liza und welchen Rat sie ihr wohl gegeben hätte, wäre jemand anders auf die Idee gekommen, Maggie ein Haus samt Mutter zu vererben.

»Wo liegt das Problem?«, hätte Liza gefragt.

»Aber die Mutter …«, hätte Maggie zu bedenken gegeben.

»Was ist mit der Mutter? Wie schwer kann es schon sein, zu kontrollieren, ob eine alte Dame ihre Medikamente einnimmt? Du wärst bescheuert, wenn du dieses Angebot nicht annimmst. So eine Gelegenheit kriegt man nur einmal im Leben.«

Und dann hätte sie das Thema gewechselt. Maggie konnte ihren Rat annehmen oder es bleiben lassen, das läge ganz bei ihr. So hatte ihre Freundschaft funktioniert. Damals noch.

Dies war nun also Lizas letzter Ratschlag. Nimm mein Haus und meine Mutter, schaff Lucy raus aus deiner winzigen Wohnung in dieser chaotischen Stadt, und fang noch mal von vorn an.

Maggie ließ sich nicht gern sagen, was sie zu tun oder zu lassen hatte, doch das hier war anders. Seit Lucys Geburt stand ihr das Wasser bis zum Hals, und sie hatte das Gefühl, langsam, aber sicher den Halt zu verlieren, unterzugehen, zu versinken.

Nach dieser Rettungsleine sollte sie greifen.

Kapitel 2

Edith wachte auf. Sie blinzelte in die Dunkelheit und wusste, noch bevor sie sich zu ihrem Wecker drehte, dass es 5 Uhr 22 war. Ihr Körper, dieses störrische alte Ding, weigerte sich, auch nur eine Minute länger zu schlafen. Die Welt vor ihrem Schlafzimmerfenster schwieg noch, aber bald würden die Vögel mit ihrem lebenshungrigen Zwitschern anheben, die Insekten mit ihrem unermüdlichen Summen und die jungen Nachbarn mit diesem unablässigen Kreischen und Planschen im Pool. Der Sommer war gerade zur Hälfte um, aber Edith wünschte, er wäre schon am Ende.

Es war jedes Jahr das Gleiche. Der Frühling kam, zunächst ganz zaghaft: ein Krokus hier, eine Osterglocke da, ein unerwarteter Sonnenbrand auf der Nase nach dem Spazierengehen … und dann ging es los: Menschen, noch dazu so viele, in glänzenden Autos, die bis obenhin mit Designertaschen und Bio-Lebensmitteln vollgestopft waren; Frauen mit dezent gefärbten Strähnchen, Männer mit kunstvoll drapiertem schütterem Haar, die Kinder herausgeputzte, verkleidete Äffchen. Edith verabscheute sie alle. Sag Harbor war das ganze Jahr über ihr Zuhause – bei Schnee und Sonnenschein, mit geöffneten Fenstern und knisternden Kaminen –, diese Leute aber waren im wahrsten Wortsinn nichts als Schönwettertypen.

Vorsichtig begann Edith sich zu strecken und stöhnte über die Steifheit ihrer zweiundachtzigjährigen Gelenke. Das mit dem Älterwerden war wirklich übel, vor allem, weil ihr Körper früher einmal biegsam wie Gummi gewesen war. Sie war Tänzerin gewesen und ihr Körper ihr Instrument. Jetzt fühlte er sich eher wie ein altes Auto mit defektem Getriebe an. Die Falten, die sich aus den Augenwinkeln über ihre Wangen und Stirn ausbreiteten wie die Fontänen eines Springbrunnens, kümmerten sie nicht so sehr wie die Tatsache, dass ihr Körper ihr nicht mehr gehorchte wie früher und immer dann streikte, wenn sie es am wenigsten gebrauchen konnte. Allein sich vorzubeugen und aufzustehen war mittlerweile eine peinvolle Angelegenheit, und Treppen mied sie am besten ganz. Dennoch wollte sie nicht kampflos aufgeben. Egal, wie schwer es ihr fiel, zwang sie sich jeden Morgen zu einem Spaziergang. Noch war sie es, die hier das Sagen hatte, besten Dank. Und auch ihren Verstand hatte sie im Griff, ganz gleich, was diese angeblich berühmte Ärztin in Manhattan ihr mit der unerträglich nasalen, mitleidtriefenden Stimme hatte beibiegen wollen.

Aber ob sie es nun glaubte oder nicht – die Ärztin hatte ihr einen ganz schönen Schrecken eingejagt, und so nahm Edith nun jeden Morgen brav ihre Tabletten, bevor sie ihren kurzen weißen Bob bürstete, khakifarbene Bermudashorts und eine ärmellose Chambray-Bluse anzog, in die Sandalen schlüpfte und sich hinter das Steuer setzte, um den kurzen Weg ans Meer zu fahren, wo sie exakt fünfundzwanzig Minuten den Strand entlangwanderte. Sie mochte es, wie ihr Körper auf das beruhigende Wogen des Wassers reagierte, wenn die Wellen ihre Füße überspülten, ihre Muskeln sich lösten und an ihre einstige Kraft erinnerten, und wie die Sonne zögernd in den Himmel stieg, als wäre sie von der Nacht noch benommen. Für Edith war es die schönste Zeit des Tages.

Nachdem sie Liza gefunden hatte, hatte sie auf ihr Morgenritual verzichtet und sich stattdessen bei gedämpftem Licht und zugezogenen Jalousien im Haus verschanzt – gleich einer eigenen Schiv’a. Sie war die schlechteste Jüdin aller Zeiten und hatte sich für die Religion, die ihre Mutter ihr als Kind hatte aufzwingen wollen, nicht im mindesten interessiert, es sei denn, sie entdeckte einen besonders appetitlichen Laib Challah im Supermarkt. Doch im Anschluss an diese Schrecklichkeit fühlte es sich auf einmal ganz natürlich an, eine Zeit der Trauer im Haus zu verbringen. Einen Rabbi gab es nicht, aber die Tür stand offen, und Menschen, die Liza gekannt und geliebt hatten, kamen herein und stapelten ihre klebrig wirkenden Aufläufe und missratenen Kuchen auf die Küchentheke.

Normalerweise gehörte Edith nicht zu denen, die sich ihren Gefühlen überließen, aber nach Lizas Tod überwältigte sie eine nie gekannte Traurigkeit. Hätte sie doch nur dieses oder jenes nicht zu Liza gesagt; wäre sie doch nur nicht so kritisch und ungeduldig gewesen – wäre sie doch nur eine andere Mutter gewesen. Ihre Gedanken liefen vor und zurück, wie auf einem Hamsterrad des schlechten Gewissens.

Dann rief auch noch ständig dieser Anwalt an. Zwei Wochen lang hinterließ er eine Nachricht nach der anderen auf dem Anrufbeantworter, aber Edith reagierte nicht. Er veranlasste Lizas Einäscherung, wie sie es in dem mit seiner Hilfe aufgesetzten Testament selbst bestimmt hatte, und Edith’ Meinung nach war sein Anteil am Geschehen damit erledigt. Sie war nicht bereit, die zahlreichen Facetten des Lebens ihrer Tochter zu zerpflücken, schon gar nicht mit einem völlig Fremden.

Und dann stand er plötzlich vor der Tür, mit von der Autofahrt zerknittertem Anzug. Edith wünschte, sie hätte ihm nicht aufgemacht, aber sie war nun einmal praktisch veranlagt und wusste selbst in ihrer Trauer, dass sie die Wünsche ihrer Tochter nicht ewig ignorieren könnte. Sie hatte ihm ins Gesicht gelacht, als er ihr eröffnete, die Putzfrau habe das Haus geerbt und würde mitsamt ihrer Tochter einziehen, um sich um Edith zu kümmern. Die Putzfrau!

»Nur über meine Leiche«, hatte sie erwidert.

»Tut mir leid, Edith, aber Sie haben das nicht zu entscheiden. Nun ja … Sie könnten sich natürlich weigern, aber das würde bedeuten, dass Sie hier aus- und in ein Pflegeheim umziehen müssten. Auch für diesen Fall hat Liza vorgesorgt und die Finanzierung über den Verkauf des Hauses abgesichert. Immerhin war es ihr Haus.« Er lachte unnatürlich – ein Lachen, das eher wie ein Hüsteln klang. Aber so sehr sie seinen dürren Hals auch hätte würgen mögen – er hatte recht.

»Mom, du kannst nicht mehr allein wohnen«, hatte Liza vor fünf Jahren nüchtern festgestellt, nachdem Edith in ihrem rosa gekachelten Badezimmer gestürzt war – eben jenem Badezimmer, in dem Liza groß geworden war.

Und so war Edith bei ihrer Tochter eingezogen – unter Protest, wohlgemerkt, bis sie einsah, dass das Leben dort gar nicht so schlecht war. Sie hatte eine Weile gebraucht, um sich an das »Baumhaus«, wie Liza es nannte, zu gewöhnen, an die offenen Flure und die quasi auf den Kopf gestellte Anordnung der Räume, da Küche und Wohnzimmer im ersten Stock lagen. Aber schon bald genoss sie die lichtdurchflutete Höhe mit Blick auf die umgebenden Baumkronen. Das Leben in diesem Haus beruhigte sie.

Sie und Liza entwickelten eine echte Freundschaft – zumindest hatte Edith es so empfunden. Jetzt war klar, dass ihre Tochter sie keinesfalls als Freundin betrachtet hatte, sondern als Last, die man an jemanden weiterreichte, dem keine Wahl blieb. Edith kam sich so dumm vor.

Zwei Tage lang hatte sie mit der Eröffnung des Anwalts gerungen; sie hatte auf der Couch gesessen und nachgedacht, während sich ihre Trauer über den Tod ihres Kindes allmählich in Wut verwandelte. Wie konnte Liza es wagen zu unterstellen, sie sei unfähig, für sich selbst zu sorgen? Edith hatte schon einmal neu angefangen und Schwierigkeiten bewältigt, von denen ihre Tochter nichts ahnte, und das könnte sie mit Sicherheit ein weiteres Mal schaffen – und zwar ohne die unerwünschte Hilfe einer Fremden.

Keine zehn Pferde würden sie aus diesem Haus bringen. Gut, sie hatte ein paarmal Dinge vergessen. Aber sie war immerhin zweiundachtzig, du meine Güte. Sie hatte eben nicht gut geschlafen, das war der Grund gewesen. Zu wenig Schlaf hatte sie schon immer vergesslich werden lassen. Und was das gelegentliche Hinfallen betraf – na und? Dann würde sie eben eines dieser lächerlichen Notfallarmbänder tragen, wenn sie dadurch ihre Unabhängigkeit behalten durfte.

Und was glaubte Liza wohl, wer sie war, dass ihr Wort schwerer wiegen sollte als das von Edith? Ihre Tochter hatte selbst ihre Probleme gehabt, schon seit Jahren, und der Beweis, dass sie sie nicht hatte lösen können, lag ja nun offen auf der Hand. Wenn man noch alle Sinne beisammenhatte, dann tat man nicht, was Liza getan hatte. Sie würde das Testament anfechten, beschloss Edith. Das Ausarbeiten einer genauen Strategie würde allerdings Zeit und Geld kosten, und unterdessen wollte sie ihr Zuhause auf keinen Fall verlassen. Sie würde also vorerst bleiben.

Und da waren sie nun. Als Maggie am Abend zuvor mit dem schlafenden Kleinkind im Arm eingetroffen war, hatte Edith sie zwar begrüßt, sich dann jedoch mit einem kleinen Glas Whiskey und einem Teller Käse und Cracker in ihrem Zimmer verschanzt. Sie hatte sich zum Essen aufs Bett gesetzt, das Geschirr im Waschbecken ihres Badezimmers gespült und sich wie eine Gefangene gefühlt. Ohne dass es ihr allzu viel ausgemacht hätte. Die Alternative – eine gezwungene Unterhaltung zu führen und so zu tun, als sei sie nicht wütend – war ihr unnötig strapaziös erschienen.

Aber was, wenn sie jetzt schon wach wären und mit ihr reden wollten? Noch vor dem Kaffee? Hoffentlich war diese Maggie einigermaßen bei Verstand. Sie hatte immerhin genug Grips gehabt, sich bei Liza anzubiedern und nun die Früchte ihrer Freundschaft zu ernten: eine kostenlose Unterkunft und ausreichend Geld für den Lebensunterhalt etlicher Jahre, wenn nicht gar für immer. Der einzige Haken an der Sache war natürlich sie, die schrullige Alte, die gewissermaßen zur Ausstattung des Hauses dazugehörte. Edith war so sauer auf Liza, dass sie sie hätte anspucken mögen. So etwas ging tatsächlich, wie Edith feststellen musste: sich nach jemandem zu sehnen und ihn gleichzeitig zu verabscheuen.

Die drei Schlafzimmer des pagodenartig aus Rotholz und weißen Steinen gebauten Hauses lagen im Erdgeschoss, Küche, Ess- und Wohnzimmer im ersten Stock, der vollständig von einem Balkon umgeben war – wie ein Schutzgürtel für die vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster. Es gab eine kleine Schuhschachtel von Gartenhaus, in dem Liza gearbeitet hatte, sowie einen Pool, in dem sie während ihrer Fitnessphasen immer etliche Runden geschwommen war.

Edith strich die weiße Überdecke auf dem Bett glatt und warf noch einen Blick durch ihr Zimmer. Von Schnickschnack hatte sie nie viel gehalten; es gab ein Bett mit vorbildlich gestärkter weißer Bettwäsche, ein Nachtschränkchen mit Messinglampe, auf dem ein zerfledderter Krimi lag, einen Sessel mit blauem Samtbezug, der bequemer aussah, als er war, und einen Schreibtisch aus Walnussholz mit einem kleinen Spiegel darüber. Ihr Bad lag direkt nebenan; dort war über die ganze Länge des Raumes ein Handlauf aus Chrom angebracht sowie zwei kürzere in der Dusche. Natürlich war Liza diejenige gewesen, die das veranlasst hatte, und natürlich hasste Edith es. Sie hatte immer den Eindruck, sie müsse in einer U-Bahn duschen.

Sie schloss hinter sich die Tür. Dies war ganz allein ihr Reich, so klein es auch sein mochte, und sie würde es verteidigen. Wer wusste denn, was so eine Zweijährige mit ihrer weißen Bettdecke anrichten würde? Bei der Vorstellung von kleinen erdbeerfarbenen Handabdrücken schauderte ihr.

Im Flur blieb sie stehen und lauschte, und sie war dankbar für die Stille. Gut, sie war die Einzige, die wach war. Bedächtig stieg sie die Treppe hinauf und stützte sich dabei fester am Geländer ab, als sie zugegeben hätte, während sie zu den rosa Lichtstrahlen hinaufblickte, die die aufgehende Sonne durch die Blätter vor den Fenstern schickte.

In der Küche machte Edith sich einen Kaffee und musterte dabei stirnrunzelnd die neuen Lebensmittel, die zwischen Toaster und Wand in der Ecke klemmten: Sesamcracker und Salzfischli, dazu Bananen und glänzend rote Äpfel in einer grünen Keramikschüssel. Ihrer grünen Keramikschüssel. Sie stupste sie mit dem Finger an und dachte: meins.

Während der Kaffee durchlief, versuchte sie, das trotzige Kind in sich zu verscheuchen, da sie wusste, dass solche Gedanken über die Inhaberschaft von Schüsseln albern und nutzlos waren. Es war ihr schon immer schwergefallen zu teilen.

Sie schrak zusammen, als sie hinter sich Schritte auf der Treppe hörte.

»Guten Morgen«, sagte eine leise, aber gut vernehmliche Stimme.

Edith atmete tief durch und drehte sich zu Maggie um. Sie sah ein zerschlissenes Oberteil, eine eingerissene Hose und dass die Frau keinen BH trug. Liza hatte sich immer in Lagen bunter Seide und Chiffon gehüllt, wie ein dicker Papagei, deshalb war es eine Weile her, seit Edith so unmittelbar mit einem weiblichen Körper konfrontiert worden war.

»Haben Sie gut geschlafen?«, wollte Maggie wissen.

»Ja, danke. Und Sie?« Das Piepsen der Kaffeemaschine durchbrach die Spannung, und Edith, dankbar, dass sie etwas zu tun bekam, hob fragend ihren roten Kaffeebecher.

»Sehr gern, danke«, sagte Maggie.

»Und was ist mit der kleinen … Verzeihen Sie, ich habe den Namen Ihrer Tochter vergessen.«

»Lucy. Lucy hatte eine unruhige Nacht, wahrscheinlich, weil hier ja alles neu ist und so, und am Ende ist sie zu mir ins Bett gekrochen. Also, eigentlich hat sie mich eher rausgeschubst. Sie macht sich nachts sehr breit.« Zur Demonstration warf Maggie die Arme über den Kopf. Edith wusste, sie sollte jetzt lächeln und verständnisvoll nicken, aber danach war ihr einfach nicht zumute.

»Den Kaffee kann ich ab jetzt immer kochen, Edith. Ich kann ihn schon am Abend vorbereiten, das ist kein Problem. Haben Sie eine Zeitschaltuhr an der Maschine?« Maggie sah genauer hin. »O ja, da ist eine. Sagen Sie mir einfach Bescheid, und ich kann Sie we…«

»Warum sollten Sie mir Kaffee kochen?«, schnitt Edith ihr scharf das Wort ab. »Ich bin sehr wohl in der Lage, mir selbst Kaffee zu kochen, Maggie.«

»Wie Sie möchten.«

»Ich weiß ja nicht, was Ihnen dieser blöde Anwalt erzählt hat, aber ich brauche Ihre Hilfe nicht.«

»Botschaft angekommen«, sagte Maggie. Sie sah zu den Hängeschränken. »Ist da Zucker drin?«

»Ja«, antwortete Edith. »Und Milch ist im Kühlschrank.«

»Danke.«

Mit finsterem Blick beobachtete Edith, wie Maggie sich Kaffee zubereitete.

»Also«, sagte Maggie dann und drehte sich zu ihr um.

»Also?«, wiederholte Edith.

»Wenn Sie sich beschweren wollen, sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich bin genauso überrascht wie Sie, dass Liza mich als Erbin eingesetzt hat.«

Edith hob ihren Becher an die Lippen und trank einen Schluck. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Aber das hat sie getan, und jetzt bin ich hier, also müssen wir beide uns damit abfinden. Und Unhöflichkeit ist nicht gerade ein guter Weg.«

»Was meinen Sie?«, fragte Edith.

»Kommen Sie, Edith, ich weiß, dass Sie über die Situation verärgert sind. Das wäre ich an Ihrer Stelle auch. Aber ich möchte Ihnen wirklich gern helfen – so gut ich kann, jedenfalls. Wenn Sie wollen, können wir einander auch aus dem Weg gehen, bis sich irgendwann einmal eine Situation ergibt, in der Sie mich brauchen. Aber seien Sie gewarnt: Einer Zweijährigen aus dem Weg gehen zu wollen ist ein hoffnungsloses Unterfangen.«

»Es gefällt mir nicht, wie Sie mit mir sprechen«, sagte Edith. »Ganz und gar nicht.«

»Ich möchte bestimmt nicht respektlos sein, das müssen Sie mir glauben. Ich dachte nur, es wäre einfacher, die Karten auf den Tisch zu legen.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, erwiderte Edith.

»Okay, verstanden. Ich werde Sie nicht dazu zwingen, mir Ihren Unmut einzugestehen.« Maggie ging zum Tisch und setzte sich. »Dann passiert es einfach, wenn es passiert. Vergessen Sie, was ich gesagt habe.«

»Ist das jetzt ein dummer Witz?«, fragte Edith.

»Was?«

»Dass ich vergessen soll, was Sie gesagt haben? Machen Sie sich über meine Erkrankung lustig?«

»O Gott, nein … Edith, bitte … Das würde ich niemals tun! Ich meinte das nur als Redewendung …«

Edith stürmte an Maggie vorbei und die Treppe hinunter. Hämisch lächelte sie in sich hinein. Natürlich wusste sie, dass Maggie es nicht böse gemeint hatte, aber es war ein gutes Gefühl, sie abzukanzeln. Mit ihrer Offenheit hatte die junge Frau sie kalt erwischt. Edith hatte ein schüchternes Mäuschen erwartet, keinen Pitbull.

Unten angekommen, nahm Edith ihre Schlüssel von dem schmalen Holztischchen im Eingangsbereich.

»Mommy?«, ertönte da eine feine Stimme aus Lizas Schlafzimmer.

Edith erstarrte und sah auf die Uhr. Sie lag jetzt schon zwanzig Minuten hinter ihrem Zeitplan zurück, und sich mit dem Kind abzugeben würde sie etliche weitere Minuten kosten. Dann wäre ihr normalerweise verlassener Strand mit den Yogamatten dieser selbstgefälligen, biegsamen Menschen zugepflastert, während hinter den gazellengleichen Läufern, die sie sonst geflissentlich mied, der Sand aufwirbelte. Ganz zu schweigen von der heißeren Sonne, die ihre Haut krebsrot färben würde. So leise sie konnte, schlich sie zur Tür – und ließ dann natürlich die Schlüssel fallen, die laut scheppernd auf den Boden klirrten.

»Mommy!«, krähte es nun fordernder und voller Entrüstung, bislang ignoriert worden zu sein.

Edith hob die Schlüssel auf und blickte beschwörend nach oben, damit Maggie ihre Tochter hören möge. Doch es kam keine Reaktion. Jetzt könnte sie entweder nach oben gehen und Maggie darauf aufmerksam machen, dass ihr Kind wach war, oder sich selbst darum kümmern. Kurzentschlossen ging sie in Richtung der Stimme und schob die angelehnte Schlafzimmertür auf.

Inmitten einer Meereslandschaft aus zerknüllten weißen Laken saß ein kleines Mädchen in einem rosa gestreiften Schlafstrampler, der vorn mit einem Reißverschluss geschlossen war. Ihre blonden Locken standen in alle Richtungen vom Kopf ab. Sie musterte Edith mit kühlem Blick, als wäre es das Normalste der Welt, eine fremde alte Frau in ihrer Tür stehen zu sehen.

»Guten Morgen«, grüßte Edith förmlich. Das Mädchen blinzelte. Edith hatte ihren Namen schon wieder vergessen. »Deine Mutter ist oben und macht Frühstück«, fuhr sie fort. »Ich bin Edith.«

»Edif«, wiederholte das Kind und legte den Kopf schief. »Miwoni!«, verkündete sie dann.

»Ja, das ist sehr hübsch«, erwiderte Edith. »Ich muss jetzt gehen. Brauchst du Hilfe beim Aufstehen?« Sie trat einen Schritt auf das Kind zu und streckte die Hand vor.

»Miwoni«, sagte die Kleine erneut.

Vielleicht sagt sie mir ihren Namen, dachte Edith, obwohl er nicht vertraut klang. Schon früher war es ihr schwergefallen, sich Namen zu merken. Sollte das tatsächlich der Name des Mädchens sein, so klang er ziemlich grotesk, aber das taten eigentlich alle Kindernamen, die sie heutzutage hörte. Beim Friseur in der Stadt blätterte sie immer in den Hochglanzmagazinen, wo die Berühmtheiten mit ihren Kindern »Apple« oder »Moon« abgebildet waren. Wie albern.

»Hallo Miwoni«, sagte sie also. »Ich bin Edith.«

»Nein! Miwoni!«, brüllte sie das Kind empört an und wandelte sich binnen Sekunden vom braven Lämmchen zum unbändigen Tigerbaby. Edith musste daran denken, dass Liza als Kleinkind auch so gewesen war. Sie wich zurück, als Maggie ins Zimmer kam.

»Lucy!«, schalt die Mutter. »So reden wir nicht mit Leuten. Entschuldige dich bei Edith.«

Ach ja: Lucy, dachte Edith.

Das Mädchen verzog das Gesicht zu einer zerknautschten Leidensmiene.

»Tut mir leid, Edith, die Kleine ist wohl ein bisschen durch den Wind.« Maggie hob sie aus dem Bett und setzte sie sich auf die Hüfte. Lucys kleine Beinchen umklammerten den Körper der Mutter wie ein Fangeisen.

»O nein, ist schon gut. Ich verstehe.«

»Miwoni«, wimmerte Lucy erneut.

»Ja, das ist Edith. Unsere neue Mitbewohnerin.« Bei der korrekten Übersetzung ihrer Rede breitete sich auf Lucys Gesicht ein strahlendes Lächeln aus, und ihre braunen Augen leuchteten.

»Ah, Mitbewohnerin!«, sagte Edith. Mitbewohnerin. Als ob sie drei sich ein Zimmer im Studentenwohnheim teilten.

»Das ist aber ein schweres Wort, Lucy«, sagte sie etwas hilflos. Lucy schmiegte ihr Gesicht an Maggies Hals und lächelte zufrieden. »Nun, dann fahre ich jetzt besser mal los«, verkündete Edith.

»Natürlich, machen Sie nur«, sagte Maggie freundlich, als hätte ihre kleine Auseinandersetzung in der Küche nie stattgefunden.

»Tssüs, Miwoni«, sagte Lucy.

Edith nickte und verließ das Zimmer.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen lag Maggie schon früh mit offenen Augen im Bett und beobachtete das Tanzen der Lichtsprenkel auf ihrer Bettdecke. Mitten in der Nacht war sie aus einem Traum erwacht, in dem sie Liza begegnet war, und hatte nicht wieder einschlafen können. Sie waren zusammen durch den Central Park gegangen, es war kalt, und Maggies Atem hing in einer Wolke vor ihrem Mund. Liza hatte so echt gewirkt, so lebendig, mit ihrem ansteckenden Lachen, das Maggie laut und deutlich in den Ohren klang. Dann hatte Maggie plötzlich die Balance verloren und war nach vorn gekippt, und während der Gehweg ihrem Gesicht immer näher kam, spürte sie ganz deutlich in Herz und Bauch, wie sie fiel … und – bumm! – war sie aufgewacht.

Und das in Lizas Bett. Es war die Art von Begebenheit, über die sie sich mit Liza kaputtgelacht hätte, über die Ironie des Schicksals. Ein Bett, in dem man von seiner einstigen Besitzerin heimgesucht wurde – wäre das nicht eine gute Geschichte, die man schreiben könnte? Aber Maggie hatte das Schreiben schon vor Jahren aufgegeben, im Groll hatte sie davon Abschied genommen. Vielleicht wäre es jetzt, nach Lizas Tod, wieder möglich? Allerdings war Liza, nun da sie nicht mehr da war, in Maggies neuem Leben präsenter denn je.

Es tat ihr leid, dass sie Edith am Vortag so hart angegangen war, sie hatte eine volle Breitseite auf eine harmlose, wenn auch ziemlich griesgrämige alte Dame abgefeuert. Immerhin war sie in Trauer. Maggie sollte geduldiger sein, verständnisvoller, wie sie es mit Lucy war. Wenn sie, um den Tag ohne kraftraubende Wutanfälle zu überstehen, so tun musste, als wäre sie Lucys gutbezahlte Dienerin und Entertainerin, dann schaffte sie das ja auch.

Draußen begrüßten die Vögel den neuen Tag mit Zwitschern und Trillern. Maggie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal zu anderen Geräuschen als von Presslufthämmern, Autohupen und vorbeirauschenden Bussen aufgewacht war. Von Natur umgeben zu sein, irritierte sie, noch dazu in einem Zimmer, das ihr ebenso fremd war wie die neue Welt jenseits der Tür. Sie schob ein Kissen gegen das Kopfteil des Eichenholzbettes und lehnte sich gähnend dagegen.

Die Wand rechts von ihr hatte drei Fenster mit weißen Holzläden, die Maggie nicht ganz geschlossen hatte. Darunter stand eine flache breite Kommode, deren Form sie an einen Dachshund denken ließ. Nichts darauf erinnerte an Liza, wie auch sonst im Zimmer keine persönlichen Dinge von ihr waren. Maggie überlegte, wer die Fotos und Schmuckstücke wohl entfernt hatte, die Cremetiegel und Frisierutensilien – all das, was ein Haus in ein Heim verwandelte. Sicher eine Putzfrau.

Auch sie hatte das einmal erledigen müssen: eine Wohnung an der Upper East Side von allen Spuren des verstorbenen Mieters befreien, ehe sie neu vermietet wurde. Dutzende leerer Kisten hatten dort gestanden, die befüllt und irgendwo in Queens eingelagert werden sollten, wo dann wer weiß was mit ihnen passieren würde. Sie hatte den Job angenommen, weil er extrem gut bezahlt war, sich aber nicht besonders wohl dabei gefühlt – es war, als würde sie den ehemaligen Mieter verraten.

»Wickeln Sie einfach alles ein, und packen Sie die Kisten randvoll«, hatte dessen Nichte sie am Telefon angewiesen. »Wir wollen von dem Scheiß nichts haben.«

Aber das war sein Leben, lag Maggie auf der Zunge. Sie sollten es nicht als »Scheiß« bezeichnen. Stattdessen erwiderte sie: »Ja, natürlich«, und tat, wie ihr geheißen.

Maggie setzte sich gerade. Dem Bett gegenüber lag der Eingang zum Marmorpalast beziehungsweise ihrem privaten Badezimmer. Alles darin, vom Boden über den Waschtisch bis hin zur gläsernen Duschkabine und der frei stehenden Badewanne, glänzte und blitzte und war von der Art magischer Lampen beleuchtet, die Falten und dunkle Augenringe wegzauberten. Um diese Pracht zu erhalten, würde sie das teure Reinigungsmittel für Naturstein benutzen müssen, das nicht scheuerte, einem mit seinem scharfen Geruch jedoch die Nasenhaare wegätzte. Die meisten Menschen verstanden Maggies Drang, alles sauber zu halten, nicht, aber sie fühlte sich gut damit, so als hätte sie etwas vollbracht.

Ihr Vater war genauso gewesen, wenn es um seinen Rasen ging. Jeden Sonntag, vom frühen Morgen bis zum Abendessen, jätete er in seinen sauber angelegten Blumenbeeten das Unkraut, mähte das Rasenrechteck in perfekt geraden Bahnen und schnitt die Kanten so akribisch wie ein Friseur einen Igelschnitt. »Der schönste Garten im ganzen Viertel«, verkündete er immer stolz, wenn er sich mit einem Waschlappen den Schweiß von der Stirn wischte. Einmal hatte Maggie »nein« gesagt. Und: »Was ist denn mit dem von den Hendersons?«, und er hatte ihr einen Klaps auf den Po gegeben, draußen vor dem Haus, wo jeder es sehen konnte.

Maggie fragte sich, ob er wohl immer noch einen Garten besaß und sich genauso sorgfältig darum kümmerte. Er musste inzwischen – wie alt sein? Dreiundsiebzig? Knapp zehn Jahre jünger als Edith.

Fünfzehn Jahre war es her, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten – seit er weniger als ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter wieder neu geheiratet hatte. Ohne Maggie seine Angebetete vorher ein einziges Mal vorzustellen oder sie zu der Hochzeit einzuladen. Es war in der Zeit nach ihrem College-Abschluss gewesen, und sie hatte in New York gelebt, als er es ihr eröffnete.

»Ich wollte nicht, dass du dir extra eine Fahrkarte kaufen musst«, erklärte er, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Es war sowieso nur eine kurze Sache beim Friedensrichter.«