Über Annette Leo

Dr. Annette Leo, 1948 in Düsseldorf geb., lebt als Historikerin und Publizistin in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: »Leben als Balance-Akt. Wolfgang Steinitz – Wissen-schaftler, Jude, Kommunist« (2005), » ›Das ist schon ein zweischneidiges Schwert hierunser KZ …‹. Fürstenberger Alltag und das Konzentrationslager Ravensbrück« (2007). Zuletzt erschien im Aufbau Verlag »Erwin Strittmatter. Die Biographie«.

Informationen zum Buch

Berührend und unvergesslich: Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie.

Willy Blum war sechzehn Jahre alt, als er in Auschwitz Birkenau ermordet wurde. Von ihm blieb nur ein Name auf einer Liste, neben dem durchgestrichenen Namen Jerzy Zweigs, der durch Bruno Apitz` Roman »Nackt unter Wölfen« weltberühmt wurde.

Über Willy Blum und seine Familie wusste man bislang nichts. Annette Leo hat sich auf die Suche gemacht und erzählt die Geschichte der Familie Blum und zugleich auch die Geschichte des Verschweigens einer Opfergruppe in der Nachkriegszeit: die der Sinti und Roma.

Mit einem Vorwort von Romani Rose.

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Annette Leo

Das Kind auf der Liste

Die Geschichte von
Willy Blum und seiner Familie

Mit einem Vorwort
von Romani Rose

Inhaltsübersicht

Über Annette Leo

Informationen zum Buch

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Vorwort von Romani Rose

Einleitung. Die Nummer 200 auf der Liste

1. Mit dem Theater von Ort zu Ort

Geburt in Rübeland

2. Das Netz der Verfolgung

3. Hoyerswerda

Verhaftung

4. Odyssee durch die Konzentrationslager

Auschwitz

Buchenwald

Bergen-Belsen, Ravensbrück, Sachsenhausen, Graslitz

5. Nach der Befreiung

6. Ent-Schädigung

Die Suche nach den Marionetten

7. Ella Braun – die Nichte

Schluss. Zeichen der Erinnerung

Quellen

Anmerkungen

Die Familie Blum/Richter

Dank

Bildteil

Bildnachweis

Impressum

»Das Schlimmste für mich ist, dass diese Menschen keine Geschichte hinterlassen. Wir können nur über ihren Tod sprechen, wie ich das heute tue. Und das ist für mich ein großer Schmerz. Sie haben keine Nachkommen, mit denen man reden kann. Es gibt keine Geschichten, an die man sich erinnert, und das ist eigentlich das Schlimmste für mich.«

ELLA BRAUN, NICHTE VON WILLY BLUM

Vorwort

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Geschichte von Willy Blum, der mit sechzehn Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, nur weil er als Sinto geboren worden war. Sein gewaltsamer Tod ist mit einem weiteren Verfolgungsschicksal auf tragische Weise verwoben: dem des jüdischen Kindes Stefan Jerzy Zweig. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Nummer auf einer zweiseitigen Liste samt Zusatzblatt: Es handelt sich um eine Transportliste nach Auschwitz, die Ende September 1944 im Konzentrationslager Buchenwald zusammengestellt wurde und die die Namen von 200 Kindern und Jugendlichen umfasst. Der letzte, hinter der Nummer 200 stehende Name auf der Liste »Zweig, Stefan« ist durchgestrichen, auf dem Zusatzblatt steht statt seiner hinter der gleichen Nummer »Blum, Willy«. Die Namen wurden offenkundig nachträglich ausgetauscht, zusammen mit elf weiteren Namen. Wie es dazu kam, davon erzählt Annette Leo in diesem Buch, das gleichzeitig die Geschichte einer deutschen Sinti-Familie ist.

Ungeachtet aller komplexen Zusammenhänge im Detail bleibt festzuhalten: Sowohl Stefan Jerzy Zweig, der überlebte, wie auch Willy Blum, der ermordet wurde, sind unschuldige Opfer einer zutiefst menschenverachtenden Ideologie, die der Vernichtungspolitik des NS-Staates zugrunde lag und der sechs Millionen Juden und 500 000 Sinti und Roma zum Opfer fielen. Es ist das Verdienst dieses Buches, dass es dieses Menschheitsverbrechen – dessen Dimension notwendigerweise abstrakt und damit unvorstellbar bleibt – am Beispiel der Verfolgungsgeschichte von Willy Blum und seiner Angehörigen konkret veranschaulicht.

Wie die Geschichte der Marionettenspieler-Familie Blum eindrucksvoll bezeugt, sind Angehörige unserer Minderheit schon seit Generationen in Deutschland verwurzelt, sie sind Bestandteil der deutschen Kultur. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann ein Prozess der Entrechtung und Ausgrenzung unserer Menschen, der schließlich in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau enden sollte. Doch macht dieses Buch zugleich deutlich: Sinti und Roma – und das gilt selbstredend auch für alle anderen Verfolgten des NS-Regimes – wurden nicht als Opfer geboren, sondern sie wurden zu solchen erst gemacht: von einem verbrecherischen Staat und seinen willfährigen Helfern in Polizei, Wissenschaft und Verwaltung.

Während der Name Stefan Jerzy Zweig als »das Buchenwald-Kind« aus Bruno Apitz’ Roman »Nackt unter Wölfen« weltweit bekannt wurde, verblieb Willy Blums Leidensgeschichte im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung und der historischen Erinnerung. Weder im Roman selbst noch in der bekannten Verfilmung von Frank Beyer aus dem Jahr 1963 wird der junge Sinto erwähnt. Dass Willy Blum in der von der ARD ausgestrahlten Neuverfilmung von »Nackt unter Wölfen« aus dem Jahr 2015 erneut ausgeblendet wurde – obwohl sein tragisches Schicksal und seine Verbindung zur Geschichte von Stefan Jerzy Zweig zu diesem Zeitpunkt längst bekannt waren –, hat den Protest des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma hervorgerufen. Vor allem haben wir kritisiert, dass auch in der direkt anschließenden TV-Dokumentation über das Konzentrationslager Buchenwald weder Willy Blum noch die Tausende dort inhaftierten Sinti und Roma mit einem einzigen Wort erwähnt wurden.

Als Reaktion auf unseren Protest lud Peter Reif-Spirek von der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung den Drehbuchautor Stefan Kolditz und mich nach Weimar zu einer Podiumsdiskussion ein. Annette Leo moderierte die Veranstaltung, und daraus erwuchs schließlich die Idee, dass sie dem Verfolgungsschicksal von Willy Blum nachgehen sollte, um diesem offenkundigen Erinnerungsdefizit etwas entgegenzusetzen. Das Ergebnis ihrer akribischen Spurensuche ist die vorliegende Publikation.

Mein Dank geht an Peter Reif-Spirek, dessen Initiative und Engagement dieses Buch erst möglich gemacht haben. Sehr herzlich danke ich Annette Leo, die sich diesem schwierigen Thema behutsam und respektvoll angenähert hat. Ihr einfühlsamer Text zeugt nicht nur von der Fachkompetenz einer renommierten Historikerin, sondern auch von großer Sensibilität gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen – und das ist alles andere als selbstverständlich. Ich freue mich sehr, dass dieses Buch sowohl in der Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen als auch im Programm des Aufbau Taschenbuch Verlages erscheint und so hoffentlich auch den Weg in die schulische wie außerschulische Bildung findet.

Vor allem jedoch danke ich Ella Braun und ihrer Mutter, der inzwischen dreiundneunzigjährigen Auschwitz-Überlebenden Elli Schopper. Ihrer beider Erinnerungen sind in dieses Buch eingegangen. Elli Schopper berichtet vom unsagbaren Leiden der Sinti- und Roma-Kinder, an denen Mengele in Auschwitz seine mörderischen Versuche vornahm. Ihre Tochter erzählt von Diskriminierung und Ausgrenzung, die sie als Heranwachsende in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft erfuhr, aber auch von ihrem langjährigen Engagement für die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma als Konsequenz dieser demütigenden Erfahrungen.

Die Überlebenden und ihre Nachkommen, die im Schatten von Auschwitz aufgewachsen sind, wissen um den Wert der Demokratie und auch um ihre Gefährdung. Der europäische Integrationsprozess und die Versöhnung mit unseren Nachbarn nach dem Zivilisationsbruch der Nazi-Barbarei haben uns eine beispiellose Periode des Friedens und Wohlstands beschwert. Für die Zukunft unserer eigenen Kinder hängt viel davon ab, ob Europa, die vielbeschworene Wertegemeinschaft, in der gegenwärtigen Krise zusammensteht oder an ihr zerbricht.

Als politischer Vertreter der deutschen Sinti und Roma ist mir eine Botschaft besonders wichtig: Rassismus und Populismus bedrohen nicht nur die Rechte von Minderheiten, sondern sie zielen auf das Herz unserer Demokratie. Sie spalten die Gesellschaft und zerstören das Fundament unseres Zusammenlebens. Wir sind alle aufgerufen, die Errungenschaften der offenen, demokratischen Gesellschaft zu verteidigen: mit Leidenschaft und Vernunft. Auch dafür steht dieses Buch, dem ich viele interessierte Leser wünsche.

Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Dezember 2017

Einleitung
Die Nummer 200 auf der Liste

Am Anfang gab es nur seinen Namen auf einer Transportliste nach Auschwitz, genauer gesagt, auf einem Blatt, das dieser Liste nachträglich hinzugefügt worden war. Liste und Zusatzblatt wurden am 25. September 1944 in der Häftlingsschreibstube des KZ Buchenwald getippt. Willy Blum, die Nummer 200 auf dem Zusatzblatt, so ist dort zu lesen, rückte an die Stelle der Nummer 200 auf der Liste: Stefan Jerzy Zweig. Als dieses Dokument in den 1990er Jahren der Öffentlichkeit bekannt wurde, löste es Debatten in den Medien aus und war sogar Anlass für eine gerichtliche Auseinandersetzung. Strittig waren nicht die Geschehnisse im September 1944, sondern ihre Interpretation. Der mittlerweile über siebzigjährige Stefan Jerzy Zweig, dessen Name damals gestrichen worden war, wollte der Gedenkstätte Buchenwald untersagen, den Vorgang, in dessen Verlauf Willy Blums Name an seiner Stelle auf die Transportliste gesetzt worden war, als einen »Opfertausch« zu bezeichnen. Es ist nur allzu verständlich, dass er damit die quälende Vorstellung abzuwehren versuchte, das eigene Leben dem Tod eines anderen zu verdanken. Die Listen mit den Nummern und Namen suggerierten eine direkte, persönliche Beziehung zwischen ihm und diesem Willy Blum, zwischen seiner Rettung und dessen Deportation nach Auschwitz.

Der Austausch von Namen auf einer Liste war keine ungewöhnliche Praxis im KZ-Alltag. Es handelte sich um eine der wenigen Einflussmöglichkeiten von Funktionshäftlingen, wenn sie einen Kameraden etwa vor einer Verschickung in ein gefährliches Arbeitskommando bewahren oder ihn – umgekehrt – auf eine Liste für den Transport in ein anderes Lager setzen wollten, um ihn vor einer aktuellen Bedrohung in Sicherheit zu bringen. Doch ihre Rettungsmöglichkeiten reichten nicht weit. In jedem Fall mussten die Zahlen am Ende stimmen, musste für den einen Namen der eines anderen auf die Liste gesetzt bzw. gestrichen werden.

Stefan Jerzy Zweig, der im Alter von drei Jahren zusammen mit seinem Vater Zacharias Zweig mit einem Transport aus dem Lager Skarżysko-Kamienna nach Buchenwald kam, war keineswegs das einzige Kind, das das KZ Buchenwald überlebte, aber keines wurde später so berühmt wie er. Sein Schicksal bildete die Vorlage für den millionenfach gelesenen Roman von Bruno Apitz »Nackt unter Wölfen«. Darin wird die Geschichte von heldenhaften kommunistischen Kämpfern erzählt, die einen kleinen Jungen im Lager verstecken und damit der Mitmenschlichkeit auch unter unmenschlichsten Bedingungen zum Sieg verhelfen. Der überwältigende Erfolg des Romans beruhte nicht zuletzt auf der auch vom Autor unterstützten Vorstellung, es handele es sich hier um eine – literarisch zwar überhöhte, aber eben doch – authentische Geschichte. Das ging so weit, dass in der historischen Erzählung über das KZ Buchenwald die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwammen, dass der Ort der Gedenkstätte vor allem als Folie für die Romanhandlung diente und eine Erforschung der Geschehnisse auf der Grundlage der überlieferten Dokumente lange Zeit unterblieb. Das Kind von Buchenwald wurde in der DDR zum Symbol für das moralische Engagement des kommunistischen Widerstands. Zusammen mit dem Mythos von der Selbstbefreiung des Lagers stand die Geschichte seiner Rettung im Zentrum der übermittelten antifaschistischen Botschaft.

Die reale Geschichte des kleinen Stefan Jerzy Zweig verlief anders, widerspruchsvoller, jedoch keineswegs weniger dramatisch als die der Romanfigur. Deutsche politische Häftlinge, die in der Lagerverwaltung Funktionen innehatten, stellten den Jungen unmittelbar nach der Ankunft des Transports aus Skarżysko-Kamienna am 5. August 1944 in Buchenwald unter ihren Schutz. Sie nahmen ihn in ihrem Block auf und ließen ihn an ihren – im Vergleich zur Mehrheit der Häftlinge im Lager – privilegierten Lebensbedingungen teilhaben. Auf seiner eigens für ihn geschneiderten Häftlingsjacke trug Stefan Jerzy Zweig den roten Winkel, auf den ein P (für Pole) aufgedruckt war, darüber befand sich ein gelbes Dreieck, das ihn als Juden kennzeichnete.

Zwei Tage zuvor, am 3. August 1944, waren der sechzehnjährige Willy Blum zusammen mit seinem neunjährigen Bruder Rudolf und seinem Vater Aloys ebenfalls als Häftlinge in Buchenwald registriert worden. Sie kamen mit einem Transport von mehr als 900 Männern, Jugendlichen und Kindern aus dem sogenannten »Zigeunerlager« in Auschwitz-Birkenau. Nach ihrer Ankunft mussten sie zunächst im »Kleinen Lager« hausen. Nachdem Aloys Blum wenige Tage später zusammen mit anderen Männern aus ihrem Transport in den Stollen von Mittelbau Dora abkommandiert worden war, kamen die beiden Brüder ins Hauptlager in den Block 47. Als »Zigeuner« mussten sie den schwarzen Winkel tragen.

In Buchenwald herrschten zu dieser Zeit Überfüllung und Chaos. In rascher Folge trafen Evakuierungszüge mit Gefangenen aus den Lagern des Ostens ein. Sie wurden in das »Kleine Lager« gepfercht, weiter in Außen- und Nebenlager kommandiert oder gar zurück nach Auschwitz geschickt. Die geringsten Überlebenschancen hatten die Häftlinge auf der untersten Stufe der von der SS etablierten Hierarchie: die Juden, die Sinti und Roma, und am gefährdetsten unter ihnen waren die Kinder.

Der Unterschied zwischen der Situation von Stefan Jerzy Zweig und der Lage der völlig auf sich allein gestellten Blum-Brüder im Block 47 beschreibt die großen sozialen Kontraste, die innerhalb der Häftlingsgesellschaft herrschten. Aber auch der kleine Stefan geriet in große Gefahr, als in der letzten Septemberwoche 1944 Offiziere der Lager-SS dafür sorgten, dass sein Name auf eine Transportliste nach Auschwitz gesetzt wurde. Erst in allerletzter Minute nach einer verzweifelten Intervention eines seiner »Lagerväter«, des Kapos der Effektenkammer Willi Bleicher, konnte der Junge in den Krankenblock gebracht und vor dem Transport bewahrt werden. Um Stefan Jerzy Zweigs Geschichte jedoch wird es in dem folgenden Text nicht gehen – nicht darum, dass er danach nicht in den politischen Block zurückkehren konnte, auch nicht darum, dass die Gestapo seine Beschützer in das Lagergefängnis sperrte und wie es seinem Vater Zacharias Zweig gelang, ihn bis zur Befreiung aus immer neuen Gefahren zu retten. Seine Geschichte – die legendenhaft verdichtete wie die reale – wurde bereits geschrieben.

Hier soll vor allem von Willy Blum die Rede sein, dessen Name zweifellos ohne den Bezug zum berühmten »Buchenwaldkind« gar nicht erst in die Öffentlichkeit gelangt wäre. Doch mehr als der Name und die Tatsache, dass er in Auschwitz ermordet wurde, waren lange Zeit nicht bekannt. Als die ARD im Jahr 2015 den Roman »Nackt unter Wölfen« neu verfilmte, fand Willy Blums Schicksal weder in der Filmhandlung noch in der begleitenden Dokumentation irgendeine Erwähnung. Erst ein Protest des Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, brachte Bewegung in die Angelegenheit. In der Folge machte ich mich schließlich auf den Weg, um nach den Spuren des Lebens von Willy Blum zu suchen. Stellvertretend für die anderen 198 Kinder und Jugendlichen auf dieser Transportliste soll hier an ihn und an seinen Bruder Rudolf erinnert werden. Mittlerweile hat der Fund von zwei weiteren Dokumenten aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen (ITS) die anfängliche und umstrittene Vorstellung von einem »Opfertausch« infrage gestellt: Auf einem vom Buchenwalder Lagerarzt, SS-Sturmbannführer August Bender, unterzeichneten Blatt vom 23. September 1944 steht unter der Überschrift: »Transport jugendlicher Zigeuner«: »Die Häftlinge 41923 Bamberger, W. und 74254, Blum, Willy wollen auf Transport mit ihren Brüdern, wogegen keine Bedenken bestehen.«

Zwei Tage später, am 25. September, bescheinigt der Lagerarzt, dass Walter Bamberger und Willy Blum »arbeits- und transportfähig« seien. So gelangten die beiden – als Nummer 106 und Nummer 200 – auf das Zusatzblatt der Liste. Der achtzehnjährige Walter Bamberger und der sechzehnjährige Willy Blum hatten sich »freiwillig«, sofern man unter diesen Umständen ein solches Wort überhaupt verwenden kann, gemeldet, weil sie ihre kleinen Brüder – Otto, elf Jahre, und Rudolf, zehn Jahre – nicht allein lassen wollten. Zwischen Bruderliebe und Überlebenswillen hatten sie eine Wahl getroffen. Und auch das Wort »Wahl« scheint in diesen Zusammenhang nicht zu passen. Beide wussten, was Auschwitz-Birkenau bedeutete, schließlich waren sie vor kurzem erst von dort gekommen.

Diese neue Kenntnis nimmt den Geschehnissen nichts von ihrer Tragik, aber sie löst Willy Blums Geschichte aus dem Schatten der Debatten um das »Buchenwaldkind« und verschafft ihr einen eigenen Raum. Damit jedoch beginnen die Schwierigkeiten. Wie kann dieser Raum gefüllt werden? Welche Spuren in der Welt hat ein Mensch hinterlassen, der nur sechzehn Jahre alt wurde? Es gibt kein »Tagebuch des Willy Blum« und keine anderen Selbstzeugnisse seiner Eltern oder Geschwister. Die einzigen zunächst vorhandenen Hinweise auf seine Existenz sind die Vermerke auf den Transportlisten und die knappen Einträge im Gefangenenbuch von Auschwitz sowie die etwas ausführlicheren Angaben in der Häftlingskartei von Buchenwald.

Auf der Gefangenenkarte gab es kein Foto von Willy Blum, aber ich kann der »Personenbeschreibung« entnehmen, dass er 1,60 Meter groß war und »schlank«, was vermutlich eine beschönigende Umschreibung seines elenden körperlichen Zustands war, dass er schwarze Haare, braune Augen und eine Narbe am Kopf hatte. Acht Jahre besuchte er die Volksschule, als Beruf ist »Schausteller« eingetragen. Es ist derselbe Beruf, der auch auf der Karte seines Vaters Aloys Blum angegeben wird, darüber hinaus kann ich dort lesen, dass dessen Vater – Willys Großvater – Bernhard Blum hieß und ebenfalls Schausteller war. Bei dem Wort »Schausteller« stelle ich mir den Besitzer einer Losbude oder eines Karussells auf dem Rummelplatz vor. Auf der Karteikarte von Aloys’ Bruder Karl, der mit seinen beiden erwachsenen Söhnen Alfred und Siegfried mit demselben Transport nach Buchenwald gekommen war, steht jedoch, dass dieser Großvater (hier wird er Berthold genannt) einen Zirkus besaß. Dass auch Aloys Blum nicht einfach Schausteller war, sondern ein Marionettentheater betrieben hatte, sollte ich erst später erfahren, als ich mich zu den Geburtsregistern und Adressbüchern vorgearbeitet hatte.

Die kryptischen Zahlen und Klammern in der Rubrik »Kinder« auf der Karteikarte von Willys Vater bedeuten offenbar: neun Kinder im Alter zwischen zehn und sechsundzwanzig Jahren. Wo waren die anderen Kinder, Willy Blums Geschwister? Vielleicht bei seiner Ehefrau Antonie Blum, geborene Richter, die – auch das ist hier vermerkt – »derz. im KL Ravensbrück« inhaftiert war? Der neunjährige Rudolf unterzeichnete seine Karteikarte mit drei Kreuzen. In der Rubrik »Vorbildung« (als ob im KZ eine Nach- oder Weiterbildung stattfinden sollte!) steht »2 Kl. Volksschule«. Der Junge hatte also gerade begonnen, lesen und schreiben zu lernen und es im Schrecken von Auschwitz wieder vergessen.

Willy Blums Lebensgeschichte ist nur als Teil der Geschichte seiner Familie erzählbar. In ihrem Zentrum steht die mittlerweile versunkene Welt der Wandermarionettentheater. Aloys Blum, seine Frau Toni und ihre Kinder zogen mit dem Wohnwagen und einer Marionettenbühne durch das Land und präsentierten in Gasthöfen oder Gemeindesälen der Dörfer und Kleinstädte ihre Vorstellungen. Einzelne Mosaiksteine, aus denen sich ein Bild zusammensetzen lässt, konnten aus Geburtsregistern, Adressbüchern, Strafregistern, aus Unterlagen der »Rassenhygienischen Forschungsstelle« der NS-Sicherheitspolizei, den Überlieferungen der Reichstheaterkammer – und schließlich aus den Akten des Entschädigungsamtes des Landes Niedersachsen zutage gefördert werden. Doch diesem Bild ist zu misstrauen. Viele der Dokumente sprechen eine kalte Sprache. Es ist die Sprache der Bürokratie, die Leben nur in Tabellen und Formularen zu erfassen vermag. Es ist die Sprache des Vorurteils gegenüber einer Minderheit, deren vermeintliches Anderssein seit Jahrhunderten Quelle sowohl von Faszination als auch von Verachtung ist. Es ist die Sprache der Verfolger in Polizeiämtern und Gerichten, die Abweichungen von der Norm zum Verbrechen erklärten und mit Strafen belegten. Schließlich – in der Phase der schlimmsten, der tödlichen Verfolgung – ist es die Sprache der Täter, die auf der Grundlage ihrer pseudowissenschaftlichen, rassistischen Konstrukte Zehntausende Menschen als »Zigeuner« oder »Zigeunermischlinge« klassifizierten und dies als Begründung dafür nahmen, sie in Konzentrationslager zu verschleppen und zu ermorden.

Selbst die Dokumente aus der Nachkriegszeit, die vom Bemühen der Überlebenden zeugen, eine Entschädigung für erlittenes Unrecht, für erlittene Verluste zu erlangen, strahlen noch immer Kälte aus, enthalten offen oder versteckt Vorurteile und Abwehr. Auch hier sprechen die Betroffenen nicht mit ihrer eigenen Stimme. Ihre Leidensgeschichten sind übersetzt in die Sprache von Anwälten und Richtern. Ihr Leben ist darin segmentiert und in Anträge, Listen, Atteste, Gutachten gesteckt, um Ansprüche auf finanzielle Zuwendungen zu begründen oder – was sehr häufig geschah – um diese Ansprüche abzuweisen.

Nicht einmal den in den Akten enthaltenen Daten und Fakten, Zeiten und Orten ist in jedem Fall zu trauen. Sei es, dass ein Beamter, ein Polizist oder eben ein Häftlingsschreiber achtlos etwas niedergeschrieben bzw. verwechselt hat, sei es, dass die Betroffenen selbst, aufgrund von Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen, der behördlichen Registrierung ihres Lebens wenig Bedeutung beimaßen oder sie sogar zu vermeiden suchten.

Allein für das Geburtsdatum von Willy Blum habe ich fünf verschiedene Versionen gefunden: In seiner Geburtsurkunde, ausgestellt in schöner Handschrift vom Standesbeamten Busse des Harzstädtchens Rübeland, ist der 13. Juli 1928 vermerkt. Im Gefangenenbuch von Auschwitz-Birkenau dagegen steht der 4. Juni 1928, in der Transportliste von Auschwitz nach Buchenwald ist es der 13. Juni, in der Häftlingskartei von Buchenwald schließlich wurde der 26. Juni 1928 angegeben. Der erste Impuls ist natürlich, sich auf die Geburtsurkunde zu berufen und die anderen Daten als Missverständnisse und Fehler im Lärm und der Hast der Registrierung einer neu angekommenen Häftlingsgruppe im KZ beiseitezuschieben, wenn nicht Toni Blum 1954 in ihrem Antrag beim Entschädigungsamt Hannover angegeben hätte, ihr Sohn Willy sei am 24. Juni 1928 geboren. Nach dem Eintreffen der Geburtsurkunde aus Rübeland in der Behörde wurde das Datum zwar stillschweigend verändert, aber ich frage mich, ob der Erinnerung der Mutter an den Geburtstag ihres Kindes nicht von allen Varianten die größte Glaubwürdigkeit zugeschrieben werden sollte.

Wenn auch die wichtigste Aussage der Geburtsurkunde – das Datum – angezweifelt werden kann, so enthält das Dokument darüber hinaus aufschlussreiche Hinweise auf das damalige Leben der Familie Blum. Der Marionettentheater-Besitzer Aloysius Blum, so heißt es dort, wohnhaft in Wolfenbüttel, sei am 13. Juli 1928 erschienen und habe angezeigt, seine Ehefrau Toni Blum, geborene Richter, habe am selben Tag, nachmittags um drei Uhr, einen Knaben geboren, der den Vornamen Willy erhalten habe. Auch der genaue Ort der Geburt ist in der Urkunde vermerkt: »in Rübeland, in einer Baracke des Müllers Karl Jacobi«.