Über Katharina Peters

Katharina Peters, Jahrgang 1960, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist passionierte Marathonläuferin, begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt am Rande von Berlin.

Informationen zum Buch

Romy Beccare und eine geheimnisvolle Tote am Strand.

Am Strand zwischen Glowe und Juliusruh wird eine nackte Frauenleiche gefunden, der man die Lippen mit zwei Ringen verschlossen hat. Kommissarin Romy Beccare fühlt sich an einen Fall vor fünfzehn Jahren erinnert. Da spielte sie den Lockvogel für einen Mann, der genauso vorgegangen war. Der Täter von damals ist erst kürzlich aus der Haft entlassen worden und wohnt nun in Neustrelitz. Als sie jedoch die Identität des Opfers herausfindet, ergibt sich eine andere Spur. Die Frau arbeitete für einen Pharmakonzern – und war vermutlich eine Erpresserin.

»Katharina Peters weiß, wie man Spannung erzeugt.« Schweriner Volkszeitung.

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Katharina Peters

Strandmord

Ein Rügen-Krimi

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Ermittlerteams: Rügen und Stralsund

Impressum

Prolog

Der Winter hatte sich viel Zeit gelassen. Erst im neuen Jahr kam der große Frost, und sie musste nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau halten. Die alten Scheunen und verlassenen Stallungen auf dem Land taugten nicht für grimmige Winterzeiten, es sei denn, sie lagen so abgelegen, dass es nicht auffiel, wenn sie ein Feuer machte. Dann war es für einige Zeit warm genug zum Schlafen oder besser gesagt: Sie erfror nicht und hatte ihre Ruhe. Der Nachteil war, dass der Fußweg nach Greifswald oder in einen anderen größeren Ort, wo es eine Obdachlosenunterkunft und etwas zu essen gab, wo man betteln und auch mal stehlen konnte, verdammt lang war.

Ina schlief nicht gerne in Gemeinschaftsunterkünften. Sie hatte Angst, beklaut zu werden, obwohl sie kaum etwas besaß, das andere interessieren dürfte, von etwas Kleingeld und ihren Handschuhen einmal abgesehen. Ihr wertvollster Schatz bestand aus einem Block und drei Stiften sowie einem zerlesenen Taschenbuch. Aber es war nicht nur diese Angst.

Vor sechs Jahren, mit vierzehn war sie abgehauen und lebte seitdem auf der Straße – anfangs in einer buntgemischten Clique, später schloss sie sich einer Straßengang an. Sie lernte das Klauen, Saufen und Prügeln genauso schnell wie das Ertragen von Gewalt und das Flüchten, Lügen und Verstecken. Seit drei Jahren war sie alleine unterwegs – mit ihrem Block voller Zeichnungen. Sie wanderte über die Dörfer und an der Ostsee entlang. Es gab unbeschwerte Sommerzeiten, in denen der Blick über die See ihr Herz warm, heiter und ruhig stimmte und das Geschrei der Möwen ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Wenn der Sturm kam, verkroch sie sich – der innere Sturm. Er war schlimmer als das Brüllen über dem Meer. In ihm wohnten das Grauen und ein Kummer, für den sich keine Worte fanden, egal, wie lange sie darüber nachdenken würde. Also versuchte sie es erst gar nicht.

Manchmal begegnete sie hilfsbereiten Menschen, die sie mit frischer Kleidung und Essen versorgten; hin und wieder musste sie sich gegen Übergriffe wehren – mit allen Tricks, die sie im Heim und auf der Straße gelernt hatte. Einige Male war ihre Lage so verzweifelt gewesen, dass sie anschaffen gehen musste, um nicht zu verhungern. Dunkle Zeiten.

An diesem kalten Januartag traf Ina mittags in Greifswald ein und lief zum Marktplatz. Der Würstchenverkäufer spendierte ihr eine zerplatzte Wurst in einem halben Brötchen. Sie vertilgte die Mahlzeit im Schutz des Rathauses, während sie die winterverhüllten Menschen beobachtete und in Gedanken eine Skizze nach der anderen anfertigte – frostige Lippen, graue Gesichter, schmale Augen, in denen leise Wehmut oder Furcht wohnte, vielleicht auch Trotz oder Heiterkeit und Ruhe.

»Wie wäre es mit einem heißen Tee?«

Der Mann stand plötzlich neben ihr und suchte ihren Blick. Ina musterte ihn eine Weile. Seine Haltung signalisierte Freundlichkeit – auf eine Art, die sie zur Genüge kannte. Viele Menschen gefielen sich darin, etwas Gutes zu tun, sich als spendabel, zugewandt und mitfühlend zu erweisen. Sollten sie ruhig. So hatten beide Seiten etwas davon. Sie nickte. Er wandte sich zu einem der Marktstände um und kam mit zwei dampfenden Bechern und einem großen Stück Kuchen zurück. Ina lächelte vorsichtig, aß und trank.

»Du redest nicht viel?«

Sie schüttelte den Kopf und aß weiter.

»Gefällt mir. Und du behältst deine Umgebung sehr gut im Blick. Gefällt mir auch.«

Sie stutzte kurz, nickte dann. Das Leben ist gefährlich, dachte sie. Es ist nur angemessen, Augen und Ohren offenzuhalten und keineswegs darauf zu hoffen, dass so etwas wie Sicherheit existierte.

Minuten später machte sie sich auf den Weg, ließ den spendablen Mann und seine Gesprächsbemühungen nach einem letzten Blick zurück. Zumindest ging sie in diesem Moment davon aus.

Sie lief Richtung Bahnhof, in der Hoffnung, in einem der abgelegenen Lagerschuppen Unterschlupf zu finden, wenigstens für eine Nacht. Als sie von der Langen Straße in die Hirtenstraße bog, spürte sie einen leichten Schwindel. Das wäre nicht ungewöhnlich, wenn sie tagelang zu wenig gegessen hätte, aber die eben vertilgte Mahlzeit war geradezu üppig gewesen. Ina schüttelte den Kopf und ging langsam weiter. Ihre Beine fühlten sich mit jedem Schritt weicher und kraftloser an. Sie blieb stehen, beugte sich vor, stützte die Hände auf die Oberschenkel und atmete tief durch. Ein Ehepaar eilte an ihr vorüber, ein junger Typ warf ihr einen gelangweilten Blick zu und wechselte die Straßenseite. Der Schwindel nahm zu, und mit ihm stieg Übelkeit in ihr auf. Sie lehnte sich an eine Litfaßsäule. Es wäre dumm, das gute Essen auszuspucken. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ein Wagen am Bordstein anhielt. Kurz darauf griff jemand nach ihrem Oberarm, sie stolperte zwei Schritte, dann wurde alles schwarz.

Als sie zu sich kam, war es angenehm warm. Gedämpftes Licht erfüllte den Raum. Sie wollte sich aufrichten, aber das war nicht möglich – ein breites Band war quer über ihrer Stirn befestigt und hielt ihren Kopf fest umklammert und niedergedrückt. Arme und Beine konnte sie auch nicht bewegen. Ina benötigte einen Augenblick, bis ihr klarwurde, dass sie gefesselt und sogar ihr Kopf fixiert war. Plötzlich erinnerte sie sich an ihren Zusammenbruch, aber warum …

Das Geräusch einer knarzenden Tür unterbrach ihre Gedanken; ein Schwall von Panik durchflutete sie. Einen Augenblick später beugte sich ein Gesicht über sie. Der spendable Mann vom Marktplatz. Ein breites Lächeln erhellte sein Gesicht. »Ich sehe, du erkennst mich wieder.«

Sie begann zu zittern.

Er musterte sie mit stiller Freude. »Wie schön, dass wir uns begegnet sind.«

Inas Herz trommelte.

»Ich könnte es sogar als Zeichen werten, wenn ich auf so etwas Wert legen würde. Aber das tue ich nicht.« Er nickte. »Als ich dich heute auf dem Markt beobachtete, wusste ich vom ersten Moment an, dass du die Richtige bist. Doch an einem anderen Tag oder auch nur eine Stunde früher oder später wäre meine Wahl wohl auf eine andere gefallen. Es gibt viele wie dich, und das ist wunderbar, weil damit alles so einfach ist.«

Er legte den Kopf schief und strich mit dem Zeigefinger über ihre Augenbrauen und Lippen. »Aber weißt du was? Du bist nicht nur die Richtige, du bist ideal«, flüsterte er ergriffen.

Ina konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal eine derart abgrundtiefe Angst verspürt hatte. Dabei hatte sie in ihrem Leben kein Gefühl häufiger durchlitten als Angst. Nun begegnete sie ihr in ihrer reinsten Form. Nichts war quälender, als einem grausamen Menschen ausgeliefert zu sein. Ein Blitz müsste einschlagen, um sie aus dieser Situation zu befreien. Das passierte allerdings nur in Filmen, in albernen Filmen.

Der Mann griff hinter sich; als er sich wieder umdrehte, hielt er einen zierlichen Ring zwischen Zeigefinger und Daumen. »Sieh genau hin.« Er zeigte ihr den Ring von allen Seiten. »Siehst du, dass er an einer Stelle durchbrochen ist?«

Sie atmete hektisch. Er lächelte. »Du kannst wirklich nicht sprechen, oder? Das ist ganz wunderbar.« Er zwinkerte. »Vielleicht rettet es dir sogar das Leben.«

Ina wusste nicht, wann sie zum letzten Mal gesprochen hatte – unwichtig, zumindest in diesem Augenblick.

»Aber du verstehst mich offenbar sehr gut.« Er sah wieder auf den Ring zwischen seinen Fingern. »Vier Stück habe ich. Man kann sie aufbiegen und wie kleine Skalpelle benutzen oder scharfe Drähte, verstehst du? Mit ihnen werde ich deine Lippen durchstoßen und dann verschließen. So ist es dir verwehrt zu schreien.«

Er sah sie abwartend an, wartete, bis das Entsetzen sie durchzuckte. Dann lächelte er. »Und schließlich sorge ich dafür, dass deine Augen für immer geöffnet bleiben. Das habe ich schon lange nicht mehr getan.«

Er starrte einen Moment wie gebannt ins Leere, dann fixierte er sie wieder. Ein Blick, in dem das Eis zu glühen schien. »Ich werde deine stille, ungeteilte Aufmerksamkeit haben und sie dir auf ewig einbrennen.«

Ina begriff zu ihrer eigenen Verwunderung sofort, was er damit meinte und was er vorhatte.

Die Schmerzen waren kaum zu ertragen. Aber das Entsetzen, nicht schreien zu können und ihn mit starr geöffneten Augen unverwandt anblicken zu müssen, übertraf alles, was sie je durchlitten hatte.

1

Eisiger Wind fegte über die Insel. Kommissarin Romy Beccare, seit gut vier Jahren als Ermittlerin auf Rügen unterwegs, machte sich an einem stürmischen Januarmorgen mit ihrem kleinen Geländewagen von Middelhagen im Südosten der Insel auf den Weg nach Bergen. Ihr Lebensgefährte Jan Riechter, Leiter des Stralsunder Kriminalkommissariats, war bereits eine Stunde zuvor in Richtung Hansestadt aufgebrochen.

Kurz hinter Zirkow klingelte ihr Handy. Romy erfasste mit einem raschen Blick aufs Display Fines Konterfei. »Moin«, grüßte Romy. »Alles okay bei …«

»Eher nicht. Fahr gleich weiter in Richtung Glowe. Leichenfund am Strand an der Schaabe.«

»Oh.«

»Genaueres vor Ort.«

»Ist der Neue …«

»Der Kollege aus Sassnitz, Bernd Kasch, erwartet dich bereits. Technik und Spusi sind schon unterwegs. Kann heute aber alles etwas länger dauern. Schietwetter.«

»Alles klar.«

Romy unterbrach die Verbindung.

Der war der erste Fall ohne Kasper, ohne seine bedächtige, umsichtige Art, seine Skepsis, jahrzehntelange Erfahrung und Loyalität, sein Schweigen und das hervorragende Gedächtnis, das keine Datenbank der Welt ersetzen konnte. Daran würde sie sich erst gewöhnen müssen. Kasper selbst hatte monatelang mit seiner bevorstehenden Pensionierung gehadert. Als schließlich beschlossen wurde, dass er dem Team bei Bedarf extern nach wie vor zur Verfügung stehen würde, bis ein Nachfolger seinen Dienst antrat, war ihm der Abschied leichter gefallen. Nicht nur ihm, dachte Romy. Darüber hinaus verstärkte der Sassnitzer Kollege Polizeiobermeister Bernd Kasch zunächst das Team.

Romy fuhr langsam; die Straßen waren glatt, hinter Binz und dem Prora-Komplex gab es in Richtung Mukran einige besonders tückische Stellen. Normalerweise benötigte sie von Middelhagen bis Glowe fünfzig bis höchstens sechzig Minuten – mit dem Roller kam sie häufig schneller durch –, an diesem Morgen war sie fast anderthalb Stunden unterwegs. Kasch erwartete sie am Strandzugang zwei, ungefähr drei Kilometer hinter Glowe Richtung Breege-Juliusruh auf einem der Parkplätze an der Schaabe. Ein schmaler Streifen Kiefernwald trennte Bodden und Ostsee. Im Hochsommer war hier tagsüber kaum ein freier Parkplatz zu ergattern.

Romy unterdrückte ein Seufzen, als sie Kasch zwischen mehreren Polizeiautos und dem Fahrzeug der Kriminaltechnik entdeckte. Das runde Gesicht des Dreißigjährigen war rot vor Kälte. Er trampelte auf der Stelle und gestikulierte mit beiden Händen, als wollte er ein Flugzeug einweisen.

Ich hab’s verstanden, dachte Romy dezent entnervt. Sie war Kasch bislang bei zwei Gelegenheiten begegnet, und weder beim ersten noch beim zweiten Mal hatte der Mann Sympathiepunkte bei ihr erringen können. Das war manchmal so. Es gab Kollegen, mit denen klappte es auf Anhieb, bei anderen benötigte man eine gewisse Anlaufzeit, doch Kasch würde es schwer bei ihr haben, so viel stand bereits fest. Er war einfach nicht ihr Typ – er wirkte eine Spur zu gemütlich, freundlich, jovial, umständlich. Romy wurde unruhig, wenn sie ihm länger als zwei Minuten zuhören musste, insbesondere wenn er von seinen beiden Kindern erzählte. Kasch war frischgebackener Vater von Zwillingen, und privat gab es kein anderes Thema. Er gehörte zu der Kategorie Männer, die ihr WhatsApp-Profil fortan im Babyface-Modus führten, stets auf Anhieb die Windelgröße ihres Zöglings nennen konnten und auch zum Inhalt derselben den einen oder anderen fachkundigen Kommentar abzugeben jederzeit bereit waren.

Romy stieg aus. Der Wind stach wie mit Nadelspitzen.

»Moin. Gut, dass Sie da sind.« Kasch wies hinter das Absperrband Richtung Strandzugang. »Sieht ganz furchtbar übel aus. Kommen Sie, ich bringe Sie …«

»Schon klar.« Romy eilte voraus.

Kasch hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, was nicht nur seinem Übergewicht geschuldet war. Oberhalb der Düne bot sich ein mitreißender Anblick. Über der aufgewühlten See hingen schwere graue Wolken, weiter draußen war die Silhouette einer Fähre zu erkennen, die sich durch die Gischt kämpfte, der Strand war vereist. Abgesehen vom Leiter der Kriminaltechnik Marco Buhl, der mit seinen Leuten den Fundort sicherte, und einigen Polizisten aus Sassnitz und Sagard, die die Umgebung absuchten, schien die Insel wie ausgestorben.

Romy atmete einen Moment tief durch, dann hörte sie das Schnaufen von Kasch in ihrem Rücken und eilte weiter zu Buhl, der vor einer Leiche hockte.

»Moin«, sagte Buhl und sah nur kurz zu Romy hoch. Er griff nach dem Reißverschluss des Leichensacks. »Schlimmer Anblick, wenn ich das mal vorausschicken darf.«

Romy nickte. Sie hatte im Laufe der Jahre schon einige übel zugerichtete Leichen begutachten müssen, auch auf Rügen. Aber es konnte nicht schaden, wenn man vorbereitet war. Das Knarzen des Reißverschlusses drang an ihre Ohren, während das Gesicht einer toten Frau Stück für Stück zum Vorschein kam. Romy brauchte mehrere Augenblicke, bis sie begriff, was sie sah. Dann atmete sie scharf ein und hielt die Luft an. Die Augen der Toten wirkten übernatürlich groß und weit aufgerissen, während die Lippen wie festgefroren und zusammengewachsen schienen.

»Ein Perverser«, sagte Buhl schlicht. »Er hat schmale, scharfe Drähte durch Augenbrauen und Lider gestochen, so dass die Frau ihre Augen nicht schließen konnte. Ihre Lippen wurden ebenfalls damit durchstochen und auf die Weise zusammengepresst.«

So konnte die Frau nicht schreien, fuhr es Romy durch den Kopf. Sie verschränkte die Arme und atmete langsam aus. Dunkles Unbehagen stieg in ihr auf. »Ringe, wie man sie beim Piercing verwendet?«, setzte sie nach.

»Ja, möglich, aber es können auch ganz normale Drähte sein. Ich muss mir die Dinger erst genauer ansehen.«

»Verstehe.«

»Außerdem war sie gefesselt.«

Kasch schloss auf und kam neben ihr zum Stehen. Er keuchte. »Scheußlich, nicht wahr?«

Romy hob den Kopf und starrte einen Moment übers Meer, dann suchte sie Buhls Blick. »Weitere Besonderheiten?« Ihre Stimme klang heiser.

Buhl hob eine Braue. »Wenn dir die nicht reichen … Sie ist nackt, weist zahlreiche großflächige Schlagverletzungen auf und wurde wahrscheinlich vergewaltigt. Das ist aber im Moment nur eine Vermutung. Der Doc wird dir später mehr dazu und natürlich zur Todesursache sagen können. Da können wir jetzt nur spekulieren.« Er zwinkerte. »Alles in Ordnung, Beccare?« Das klang für seine Verhältnisse fast besorgt.

Nichts war in Ordnung.

»Bisschen früh für so eine Leiche, was? Das kann den stärksten Kreislauf umhauen.«

Für Buhls Verhältnisse fiel diese Bemerkung in die Kategorie liebevolle Fürsorge. Als sie sich das erste Mal über den Weg gelaufen waren, hatte es zwischen ihnen nicht gerade vor Begeisterung und Sympathie gefunkt. Inzwischen ließ Romy nichts auf den manchmal etwas garstig wirkenden Buhl kommen, und umgekehrt verhielt es sich ganz ähnlich. Der Kriminaltechniker schätzte Romys Hartnäckigkeit, ihren unbeirrbaren Drang, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, auch wenn dabei häufig mehr als eine Hürde zu überwinden und so manche steile Klippe zu erklimmen war.

Romy rieb sich über die Nase. »Ich habe so etwas schon mal gesehen«, erwiderte sie leise. »Vor ungefähr fünfzehn Jahren. Das war ganz zu Beginn meiner Kripozeit in München bei der Sitte. Allerdings überlebten die Frauen damals …« Sie brach ab. »Buhl, ich brauche sehr genaue Angaben zu dem verwendeten Material. Wie wurde es angebracht und so weiter.«

»Klar, wie immer.«

Kasch räusperte sich. »Wir wissen noch nichts zur Identität der Frau«, bemerkte er.

»Veranlassen Sie die übliche Routine«, erwiderte Romy abwesend. »Die Kollegen sollen sich in Glowe und Juliusruh umhören.«

»Die sind doch längst unterwegs.«

»Und die Spusi soll den Parkplatz nicht vergessen. Irgendwo muss die Vergewaltigung stattgefunden haben. Außerdem wird der Täter sie anschließend kaum zu Fuß hierhergeschleppt haben«, überging sie seinen Einwand.

Kasch nickte zögerlich. »Es hat zwischenzeitlich geschneit. Viel werden wir nicht …«

»Es muss nicht viel sein. Es genügen Hinweise.« Romy wandte sich um und ging mit raschen Schritten zum Parkplatz zurück. Der Schnee knirschte unter ihren Sohlen. Sie setzte sich hinter das Steuer und blieb minutenlang still sitzen.

Konrad Ahlbeck hatte damals das Leben von zwei jungen Frauen zerstört – soweit sie es wussten, denn womöglich war gar nicht jede Tat gemeldet worden. Sie hatten ihn geschnappt, nachdem Romy sich aufgrund der Aussagen eines seiner Opfer als Lockvogel zur Verfügung gestellt hatte. »Wir werden uns wiedersehen«, hatte er ihr zugeflüstert, als sie ihn abführten. Sie hatte ihm den Mittelfinger gezeigt …

Romy schrak zusammen, als ihr Handy klingelte. Es war Jan.

»Wie sieht’s aus?«

»Ziemlich scheußlich.«

»Ja, ich habe die ersten Bilder bereits vorliegen. Wer macht denn so was?«

»Konrad Ahlbeck.«

»Wie bitte?«

»Der Typ hat vor fünfzehn Jahren in München sein Unwesen getrieben, bis wir ihn schnappten. Er hat seine Opfer genauso behandelt – durchstochene Lider und Augenbrauen sowie Lippen. Er hat sie vergewaltigt, aber nicht getötet und anschließend irgendwo gefesselt abgelegt. Sie sollten für den Rest ihres Lebens daran zurückdenken, dass es ihnen nicht möglich war, die Augen vor ihm zu verschließen und ihren Schmerz herauszuschreien oder nach Hilfe zu rufen.«

Jan atmete laut aus. »Ist das ein Zitat?«

»Fast. So ungefähr lautete sein Statement bei den ersten Vernehmungen.«

»Du erinnerst dich aber gut.«

»Ja, viel zu gut. Ich hatte mich damals als Lockvogel zur Verfügung gestellt. Das zweite Opfer konnte recht präzise Angaben zur Kontaktaufnahme machen.«

Stille.

»Das musst du mir genauer erzählen«, meinte Jan schließlich. »Du klingst, als ob …«

»Ja, später.«

»Okay. Was habt ihr bislang?«

»Nichts weiter, außer diesen Überschneidungen mit Ahlbeck. Wir wissen noch nicht mal, wer die Frau ist. Aber Max kann schon mal mit den Recherchen zu Ahlbeck anfangen – finde ich. Oder spricht was dagegen?«, schob Romy rasch nach.

Immerhin war Jan – rein formal – der Ermittlungsleiter und ihr Vorgesetzter, seitdem die Polizeiinspektion Stralsund als übergeordnete Behörde fungierte, und er bestimmte die Vorgehensweise. Allerdings trafen sie wichtige Entscheidungen meist gemeinsam und in der Regel einvernehmlich, was jedoch kontroverse und auch hitzig geführte Diskussionen im Vorfeld keineswegs ausschloss.

»Natürlich nicht. Ihr macht das schon«, erwiderte Jan. »Ich habe im Moment hier alle Hände voll zu tun und bin ganz froh, wenn ich – noch dazu bei dem Sauwetter – nicht sofort auf die Insel kommen muss. Ich spreche gleich mit dem Staatsanwalt, und ihr haltet mich wie immer zeitnah auf dem Laufenden.«

»Na klar.«

»Romy? Ist alles in Ordnung?«

»Es ist selten alles in Ordnung, wenn wir einen Mordfall zu bearbeiten haben.«

»Du weißt, was ich meine.«

»Natürlich. Ich …« Sie schüttelte den Kopf. »Manchmal steht die Vergangenheit so lebendig vor dir, als wäre sie niemals weg gewesen.« Ist sie ja auch nicht, fügte sie still hinzu. Ich habe sie nur nicht beachtet.

»Ich weiß, was du meinst. Melde dich bitte, auch wenn du einfach nur reden willst.«

»Mach ich.«

Romy telefonierte unmittelbar im Anschluss mit dem Datenexperten des Teams, Maximilian Breder, und gab ihm ein paar Eckpunkte zu Ahlbeck durch, bevor sie sich auf den Weg machte. Wenn sie Glück hatten, würde Max bereits erste Informationen parat haben, sobald sie im Kommissariat Bergen eintraf.

Konrad Ahlbeck, inzwischen Anfang vierzig, war nach langer Haftstrafe vor knapp einem Jahr entlassen worden. Er galt als geläutert; zwei Gutachter bestätigten eine positive Sozialprognose. Der Exhäftling – seinerzeit als Requisiteur an einem Münchner Theater tätig – hatte sich in Neustrelitz niedergelassen und war dort aushilfsweise im Landestheater beschäftigt. Seine kürzlich verstorbene Mutter hatte ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen. Wie es aussah, bemühte sich Ahlbeck aktiv um einen Neubeginn. So in etwa lautete das Ergebnis von Max’ erster Kurzrecherche.

Auffälligkeiten in Ahlbecks Lebenslauf nach der Entlassung aus der JVA hatte er nicht feststellen können. Ein detaillierter Abgleich mit dem Mordopfer war natürlich erst dann möglich, wenn die Leiche identifiziert war.

Romy hatte sich in ihr Büro zurückgezogen und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Sie wusste nur zu genau, dass es müßig war, alte Geister heraufzubeschwören, solange die Details der Tat nicht feststanden. Ein aufsehenerregendes und bizarres Gewaltverbrechen rief oftmals Nachahmer auf den Plan, auch Jahre später. Dennoch – Ahlbeck war längst auf freiem Fuß, und er lebte gerade mal hundertfünfzig Kilometer von Rügen entfernt. Was hatte den Münchner nach Neustrelitz verschlagen? Eine Chance am dortigen Theater, die er sich nicht hatte entgehen lassen wollen? Nicht auszuschließen. Exhäftlingen boten sich nicht gerade atemberaubende berufliche Chancen, schon mal gar nicht mit derartigen Vorstrafen in der Vita.

Ein vorläufiger Bericht der Rechtsmedizin lag am Nachmittag vor. Demnach wies das Opfer zahlreiche, zum Teil üble Schlagverletzungen auf, von denen jedoch keine todesursächlich gewesen war, darüber hinaus auch solche, die im Zusammenhang mit einer brutalen Vergewaltigung entstehen, aber keine Spermaspuren; Reste eines Narkotikums konnten nachgewiesen werden. Die Todesursache lautete Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand aufgrund von Unterkühlung. Rechtsmediziner Dr. Möller ging von einem Todeszeitpunkt zwischen zwei und vier Uhr in der Nacht aus. DNA-Spuren konnten nicht gesichert werden, da die Frau äußerst gründlich mit Desinfektionsmittel abgerieben worden war.

Auch in diesem Punkt ähnelte die Vorgehensweise der von Ahlbeck. Der Mann hatte sich große Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen, auch wenn er seine Opfer nicht getötet hatte. Die Frau jedoch war am Strand gestorben, nicht lange nachdem sie dort abgelegt worden war. War das genau so geplant gewesen? Vielleicht hatte Ahlbeck seine Methode geändert. Oder Ahlbeck hatte nicht das Geringste damit zu tun.

Romy stand abrupt auf, verließ ihren Schreibtisch und wäre an der Tür beinahe mit Kasch zusammengestoßen. Der lächelte verlegen. »Entschuldigung, ich …«

»Schon gut. Was Neues?«

»Ja. Wir haben einen Namen.« Kasch nickte ernst und andächtig. »Ein Hotel in Glowe hat einen Gast vermisst. Sie haben sich gemeldet, als sie von dem Leichenfund erfuhren und …«

»Name?«

»Die Frau heißt Karola Tiehl, fünfunddreißig, unverheiratet, eine Pharmareferentin aus Güstrow, die sich auf Dienstreise befand«, erklärte Kasch, während sie gemeinsam in den Besprechungsraum gingen, wo Max bereits wartete.

Romy goss sich einen Kaffee ein und setzte sich an den runden Tisch. Fine hatte für belegte Brötchen gesorgt, und Kasch griff freudig zu, bevor er sich setzte.

»Und weiter?«

Der Kollege sah verlegen auf und schüttelte den Kopf – er war mit einem großen Bissen beschäftigt und konnte nicht sofort antworten. Romy atmete tief durch und blickte Max an.

»Sie hat eine Tagung vorbereitet«, fuhr der rasch fort. »Für ihren Arbeitgeber, einen Pharmakonzern namens Medom, der Hauptsitz befindet sich in Dortmund. Karola Tiehl war hauptsächlich in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, hat Kliniken und Ärzte beraten, Informationsveranstaltungen vorbereitet und durchgeführt und so weiter.«

»Und wann ist sie das letzte Mal gesehen worden?«

»Gestern. Sie hatte einen Termin bei einem Arzt in Bergen, wie im Hotel bekannt war. Am späten Nachmittag ist sie losgefahren. Danach verliert sich offenbar ihre Spur, soweit wir bis jetzt wissen.«

»Name des Arztes?«

Max hob die Hände. »Noch nicht bekannt. Aber Buhl ist bereits auf dem Weg in das Hotel. Vielleicht finden sich dort ein Terminkalender und andere Hinweise.«

Romy überlegte nur kurz, dann nickte sie Max zu. »Wir telefonieren die Bergener Ärzte ab und fragen in Dortmund nach, welche Praxen Tiehl in Bergen besucht haben könnte, und Sie«, wandte sie sich an Kasch, »fahren bitte noch einmal nach Glowe in das Hotel.«

Kasch nickte und kaute weiter – beides überaus eifrig. Als Romys Blick eindringlicher wurde, stutzte er und erhob sich dann zögerlich. »Ach so, jetzt gleich?«

»Das ist ungefähr die Idee.« Romy knirschte mit den Zähnen. »Aber lass dir ruhig Zeit und pack dir ein Lunchpaket für unterwegs ein …«

»Okay, bin schon weg.« Mit den Worten schnappte er sich ein weiteres Brötchen, griff seine Jacke und schlüpfte zur Tür hinaus.

Max suchte Romys Blick und grinste. »Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass er das Zeug hat, dein Lieblingskollege zu werden.«

Romy verdrehte die Augen. »Polizist des Monats wäre auch eine Möglichkeit.«

»Aber eine Chance hat er verdient.«

»Klar.« Romy winkte ab. »Haben wir das nicht alle?«

»Einen zweiten Kasper kriegen wir ohnehin nie mehr.«

»Wohl wahr, aber …« Sie brach ab. »Schon gut, ich denke, ich habe verstanden. Ich reiße mich zusammen.«

Eine knappe Stunde später wurde Max fündig. »Sie war am frühen Abend mit einem Kinderarzt verabredet«, sagte er und legte das Telefon beiseite. »Doktor Markus Nebert. Die Praxis ist gleich hier um die Ecke.«

Romy stand auf. Während sie in ihre Jacke schlüpfte, meldete sich Kasch aus Glowe. »Hier sieht alles ganz normal aus.«

»Wie genau darf ich mir das vorstellen?«

»Keine Spuren von Gewaltanwendung oder so.«

»Oder so.«

»Ja – sie wurde nicht hier überfallen, wie es aussieht. Der Laptop wird gerade gesichert und …«

»Geben Sie mir mal Buhl.«

Einen Moment später erklang die Stimme des Technikers. »Hier ist die Frau sehr wahrscheinlich nicht überwältigt, geschweige denn zusammengeschlagen worden. Aber wir untersuchen natürlich jeden Zentimeter in ihrem Zimmer und kümmern uns auch um den Laptop. Handynummer und andere Daten schicke ich euch gleich, dann kann Breder schon mal das Bewegungsprofil abfragen und den ganzen Kram. Das Hotel verfügt übrigens über ein Sicherheitssystem mit Videoüberwachung. Ich lasse die Aufnahmen sichern – alles natürlich so schnell wie möglich.«

»Hinweise auf ihren Wagen?«

»Nein. Da müsste Breder sich drum kümmern.«

»Werde ich ihm ausrichten. Danke.«

»Willst du deinen Kollegen noch mal sprechen?«

»Wen meinst du?«

Räuspern. »Verstehe. Bis später.«

Romy brauchte in flottem Tempo gerade mal fünf Minuten bis zur Praxis von Dr. Nebert in der Nähe des Bahnhofs. Die letzten beiden Patienten verließen gerade das Haus, und Romy schlüpfte durch die Tür. Eine Arzthelferin in mittleren Jahren, auf deren Namensschild Peggy Boschner stand, sortierte Unterlagen hinter dem Tresen am Empfang, im Wartezimmer summte ein Staubsauger, irgendwo klingelte ein Telefon.

»Ist der Doktor noch im Haus, Frau Boschner?«, fragte Romy und zückte ihren Dienstausweis. »Mein Kollege hat gerade angerufen. Es geht um den gestrigen Termin mit der Pharmareferentin Karola Tiehl. Ich müsste Ihnen ein paar Fragen dazu stellen.«

Die Arzthelferin nickte zögernd. »Worum geht es eigentlich? Was hat Frau Tiehl …«

Im Flur erklangen Schritte, ein mittelgroßer Mann mit kurzem, leicht ergrautem Haar und tiefbraunen Augen bog um die Ecke und warf Romy einen fragenden Blick zu. Sie zeigte auch ihm ihren Ausweis und stellte sich kurz vor.

»Wir ermitteln im Fall einer schwerwiegenden Straftat«, erklärte sie dann.

Peggy Boschner machte große Augen, Dr. Nebert zog die Brauen zusammen.

»Ist das die Frau, die gestern hier war?« Romy hatte ein Passfoto auf ihrem Handy gespeichert.

»Ja, das ist Frau Tiehl«, sagte Boschner sofort.

Dr. Nebert nickte. »Sie kommt alle paar Monate mal vorbei und stellt neue Therapien und Medikamente vor. Gestern hatte ich nicht viel Zeit für Sie, weil ich noch einen Hausbesuch machen musste.«

Romy hielt den Blick des Mannes fest. »Wann war sie hier?«

Der Arzt wandte sich an seine Mitarbeiterin. »Tja …«

»Gegen halb sechs«, warf die ein. »Sie hat ungefähr fünfzehn, zwanzig Minuten warten müssen.«

»Und gegen halb sieben ist sie auch schon wieder aufgebrochen«, ergänzte Dr. Nebert.

»War irgendetwas anders als sonst?«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein. Wie gesagt – ich hatte es etwas eiliger als sonst. Sie hat mich über die bevorstehende Tagung in Glowe informiert, die am kommenden Wochenende stattfinden soll, und ein neues fiebersenkendes Mittel für Säuglinge vorgestellt, und das war es dann im Wesentlichen schon.«

»Hat sie erwähnt, was sie anschließend vorhatte?«

»Nein. Was ist passiert, wenn ich fragen darf?«

»Wir haben Frau Tiehl tot aufgefunden und gehen von einer schweren Straftat aus.«

Die Arzthelferin hielt sich entsetzt eine Hand vor den Mund, während Dr. Nebert einen Moment ins Leere blickte. Dann schüttelte er langsam den Kopf. »Wollen Sie damit sagen, dass sie ermordet worden ist?«

Romy zögerte. Karola Tiehl starb an Unterkühlung, Kreislaufversagen, Schock. Mord wurde rein juristisch anders definiert. Rein juristisch wurde so manches seltsam definiert. Die Frau wurde heftig geprügelt, gequält könnte man auch sagen, und ihr Tod billigend in Kauf genommen beziehungsweise provoziert. Sie hatte da draußen um diese Zeit bei den Temperaturen nicht die geringste Chance gehabt.

Doch, das fiel unter Mord, dachte Romy und nickte. »Davon gehen wir aus.«

»Das ist ja grauenvoll«, sagte Peggy Boschner.

»Bitte melden Sie sich bei uns, falls Ihnen noch etwas einfällt.«

Die Arzthelferin nickte stumm.

Romy fröstelte, als sie wieder auf der Straße stand. Es wurde dunkel. Diesiger Schneefall setzte ein. Es war wenig los auf den Straßen. Die Fenster im Kommissariat waren hell erleuchtet. Romy blieb unten stehen und blickte mit zusammengekniffenen Augen hoch. Max würde noch viele Stunden vor seinem PC sitzen, um so schnell wie möglich alle verfügbaren Daten zu Tiehls Lebenslauf zusammenzustellen, Überschneidungen mit Ahlbeck zu überprüfen, ihr Bewegungsprofil zu beleuchten, den Wagen ausfindig zu machen. Und tausend Sachen mehr, um die Max sich stets höchst akribisch und ohne auf die Zeit zu achten kümmerte und ohne die eine fundierte Ermittlung nicht reibungslos funktionierte.

Er hatte einen Job, um den Romy ihn nicht beneidete, und er seinerseits war heilfroh, nicht im Außendienst eingesetzt zu werden. Manchmal passte alles hervorragend zusammen. Romy musste unweigerlich an Kasch denken und stöhnte leise. Zwischen uns passt gar nichts, dachte sie. Ich bin unfair und ungeduldig und sehr schnell mit einem Urteil zur Stelle. Ja. Der Kollege kann nichts dafür, dass er nicht mein Typ ist. Stimmt. Ach, Kasper.

Nebert war seit fast dreißig Jahren Arzt. Nicht immer war er glücklich, sich nach langen Studienjahren für die Fachrichtung Pädiatrie entschieden zu haben, weder zu Beginn seiner Tätigkeit noch später mit eigener Praxis. Die Konfrontation mit dem Tod am Bett eines Kindes, neben den entsetzten, unter Schock stehenden Eltern, war etwas anderes als bei schwerkranken Erwachsenen oder alten Menschen, deren Zeit gekommen war. Nebert war ein kluger Mann, der seine Stärken und Schwächen gut kannte, doch er hatte die seelische Belastung unterschätzt – wie so viele andere Kollegen auch –, als er sich nach längerem Abwägen und mehreren Praktika mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fachrichtungen schließlich für die Kinderheilkunde entschied. Dennoch war er ein guter, ein umsichtiger Arzt geworden, kein perfekter. Niemand war perfekt – kein Lehrer, kein Techniker, keine Wissenschaftlerin oder Musikerin, kein Busfahrer, keine Staatsanwältin. Doch von Ärzten erwartete man, dass sie niemals einen entscheidenden Fehler machten, insbesondere wenn man selbst betroffen war.

Als Karola das erste Mal vor knapp fünf Jahren in seiner Praxis aufgetaucht war, hatte sein Herz einen deutlich spürbaren Sprung gemacht. Die junge Frau wirkte munter, dynamisch, zupackend, voller Optimismus, und sie verstand etwas von ihrem Job. Sie war gebildet und wissbegierig. Darüber hinaus war sie zwanzig Jahre jünger und verströmte – nun ja – Erotik pur. Nebert war kein Draufgänger – oder Schürzenjäger, wie man früher sagte – und auch kein Typ, der leichtfertig seine Ehe aufs Spiel setzte oder bedenkenlos seine Frau verletzte, das schon mal gar nicht. Sie gingen seit Jahrzehnten gemeinsam durch dick und dünn, das schweißte zusammen. Aber Träumen und Schwärmen war ja nicht verboten, und hin und wieder ein heimliches Treffen in einem guten Restaurant irgendwo weiter oben auf der Insel oder auch im Süden tat niemandem weh. Ein, zwei Stunden, in denen er Karola ein wenig anflirtete und ihre Gegenwart in vollen Zügen genoss, sich ausmalte, was geschehen könnte, wenn er nicht verheiratet, sondern frei oder aber mutiger, gewissenloser wäre.

Dass er sich längst verliebt hatte, spürte er beim dritten oder vierten Treffen in einem kleinen Bistro in Wiek, mit Blick auf den Hafen. Es war Spätsommer, eigentlich schon Herbst, trügerisch warm, eine Zeit voller Farben. Die Abendsonne leuchtete tiefrot, ein Segelboot glitt lautlos vorbei, am Nebentisch erklang ein lautes Lachen. Ein friedlich intensiver Moment, den er tief in sich aufnahm. Und fast hätte er einen Schritt auf sie zu gewagt. Doch Karola kam ihm den Bruchteil einer Sekunde zuvor.

»Wir müssen reden, Doktor.« Ihre Stimme klang rau.

Er holte tief Luft, ein aufgeregtes Lachen saß ihm im Hals, und er wollte etwas sagen – etwas Verrücktes, Verspieltes, Romantisches. Aber wieder war sie schneller.

»Ich habe etwas entdeckt, und wir sollten in aller Ruhe darüber sprechen.«

Er zwinkerte verwirrt. »Ja?«

»Ja, unbedingt, mein Guter.«

Mein Guter. Die Heiterkeit war wie weggeblasen. »Wie meinst du das – du hast etwas entdeckt?«

»Es wird dir nicht gefallen.«

Ihre Stimme hatte plötzlich einen eigenartigen Klang. Er sah sie irritiert an. Auch in ihren Augen schimmerte ein fremder Glanz, aber erst als sie zu reden begann, begriff er seinen tiefgreifenden Irrtum, und als sie Minuten später endlich wieder schwieg, wusste er, dass es die Karola, für die sein Herz entflammt war, niemals gegeben hatte. Er verstand plötzlich auch, warum Menschen von einem Augenblick zum nächsten abgrundtiefen Zorn und Hass empfinden und sich zum Berserker wandeln konnten.

Niemals zuvor hatte er ein derart starkes Bedürfnis empfunden, jemandem mit ganzer Kraft ins Gesicht zu schlagen. Seine Gefühle standen ihm offenbar ins Gesicht geschrieben. Karola nickte kaum merklich, während sie ihn beobachtete. Ihre Züge hatten sich völlig verändert.

2

Die Teamsitzung zog sich hin. Bis alle vorliegenden Ergebnisse und die weitere Vorgehensweise eingehend besprochen waren, vergingen fast zwei Stunden. Romy war unkonzentriert und nervös. Sie arbeitete danach ihre Telefonliste ab und brachte Jan anschließend auf den neuesten Stand.

»Jemand müsste nach Güstrow fahren und sich in der Wohnung der Frau umsehen«, schloss sie ihren Bericht ab.

»Bleib auf der Insel. Ich schicke zwei Leute aus meinem Team«, entschied Jan nach kurzem Überlegen.

Dagegen hatte Romy nicht das Geringste einzuwenden. Sie verließ wenig später das Kommissariat und machte sich auf den Weg zu Kasper. Sie hatte bereits zwischendurch kurz mit ihm telefoniert und ihn gefragt, ob er Zeit für sie hätte.

»Was für eine Frage – natürlich.«

»Klingt gut.«

»Ich könnte eine Kleinigkeit kochen«, hatte er hinzugefügt. »Wie wäre es mit …«

»Fisch?«

»Genau.«

Sie lächelte, als er die Tür öffnete und sie mit einem leisen Augenzwinkern hereinbat. Du fehlst, dachte sie, verdammt, wie sehr du mir fehlst, und zwar keineswegs weil Kasch nervt. Die Lücke, die du hinterlässt, ist viel breiter und tiefer, als ich geahnt habe.

Sie gingen in die Küche, wo es nach Bratkartoffeln und Fisch roch, und er wies auf die gemütliche Eckbank unter dem Fenster. »Setz dich. Wir können gleich essen.«

Er sah gut aus – erholt und entspannt und ein bisschen neugierig.

»Ihr habt ja einen üblen Fall an der Backe«, meinte er, nahm die Pfanne vom Herd und setzte sich zu Romy. »Siehst müde aus«, fügte er stirnrunzelnd hinzu und musterte sie einen Moment eindringlich. »Iss erst mal, dann reden wir – ja?«

Romy nickte. Als sie satt war, schob sie ihren Teller beiseite und sah Kasper an. Er erwiderte ihren Blick. »So schlimm, Mädchen?«, fragte er mit leiser Stimme.

»Du hast noch nie Mädchen zu mir gesagt.«

»Stimmt. Ich nehme es sofort zurück, wenn du willst.«

»Nicht nötig.«

»Gut. Also – was ist los?«

Romy überlegte einen Moment, wo sie anfangen sollte – in München vor fünfzehn Jahren oder in Glowe, wo es einen der schönsten Strände der Insel – ach, der Welt – gab, wenn er auch seit dem Vortag nie mehr ihre erste Wahl sein würde. Sie könnte referieren, was Buhl und Max und Rechtsmediziner Möller bereits nach sehr kurzer Zeit herausgefunden hatten, um damit fortzufahren, dass Karola Tiehl offenbar eine energische und selbstbewusste Persönlichkeit gewesen war, sie aber nach wie vor keine Ahnung hatten, wo sich ihr Wagen befand und die Tat begangen wurde. Und nicht zuletzt könnte sie sich darüber auslassen, dass man ihr mit Bernd Kasch einen behäbigen Hafenpolizisten an die Seite gestellt hatte, der sie schon nach wenigen Tagen zur Weißglut brachte.

Romy stützte die Arme auf den Tisch, während Kaspers seeblaue Augen auf ihr ruhten. Meine Stimme wird zittern, dachte sie. Na und? Kasper weiß doch längst, dass ich Angst habe. Angst? Ja.

»Ich war vierundzwanzig, als es in München zwei Fälle gab, bei denen die Frauen mit durchstochenen Augenlidern und Lippen wehrlos und stumm gemacht wurden, bevor man sie vergewaltigte – besser gesagt: zwei Fälle, die polizeilich bekannt wurden«, begann Romy zu berichten. »Allerdings überlebten die Frauen. Der Täter hieß Konrad Ahlbeck. Wir haben ihn geschnappt. Er fiel auf mich als Lockvogel herein.«

Kasper rieb sich über die Nase, verschränkte die Hände ineinander und blieb still.

»Ich hielt mich damals für ziemlich tough – mutig und stark, überlegen, schlau. Als er mich dann überfiel und verschleppte, habe ich ununterbrochen Stoßgebete gen Himmel geschickt, obwohl ich schon seit gefühlt zwanzig Jahren nicht mehr gebetet hatte. Zum Leidwesen meines Vaters natürlich, aber das nur so nebenbei.« Romy lächelte schief.

»Meine Kollegen sind rechtzeitig eingeschritten«, fuhr sie fort. »Die ganze Aktion war perfekt geplant und nach einer guten Stunde beendet. Aber … sie klang lange nach, und seit gestern fühlt es sich so an, als wäre das Ganze vor drei Tagen passiert oder vor drei Stunden.«

Kasper nickte. »Das Opfer in Glowe wurde auf die gleiche Art zugerichtet?«

»Ja. Aber Karola Tiehl starb – sie war massiver Gewalt ausgesetzt, bevor man sie am Strand ablegte. Nach kurzer Zeit versagte ihr Kreislauf aufgrund von Schock und Unterkühlung. Ahlbeck hat seine Opfer auch geschlagen und vergewaltigt, aber hier ist eine andere Stufe der Eskalation erreicht, habe ich zumindest den Eindruck – was alles Mögliche bedeuten kann.«

»Stimmt. Was wisst ihr über ihn?«

»Ahlbeck ist seit einem Jahr auf freiem Fuß und hat sich in Neustrelitz niedergelassen, wo er aushilfsweise am Theater arbeitet. Der Mann ist gelernter Requisiteur«, setzte Romy ihren Bericht fort. »Bislang gibt es nicht den geringsten Hinweis auf eine Verbindung zwischen ihm und der Pharmareferentin, die aus Güstrow stammt und deren Arbeitgeber in Dortmund sitzt. Max hat, wie immer, sehr gründlich recherchiert und wird das natürlich auch weiterhin tun. Die Spurenlage am Strand war wenig aufschlussreich, das Gleiche gilt für das Hotelzimmer.«

»Also ein Nachahmer?«

»Nach dem Stand der Dinge – wahrscheinlich …« Romy brach ab. »Aber selbst wenn sich bei den noch anstehenden Überprüfungen keine Übereinstimmungen herausstellen und er ein perfektes Alibi vorweisen kann: Dieser Scheißkerl lässt mir keine Ruhe, verstehst du?«

»Natürlich. Wer würde das nicht verstehen? Waren seine Opfer damals willkürlich ausgewählt?«

»Die Frauen waren sich typmäßig ähnlich – auch in diesem Punkt fällt Karola Tiehl heraus –, und wir sind davon ausgegangen, dass er sie in einem Club beobachtete, den die beiden häufig besuchten, womöglich über einen längeren Zeitraum.«

»Und wie ist er vorgegangen?«

»Er hat beiden Frauen nachts auf dem Heimweg an der Straße aufgelauert, sie in seinen Wagen gezerrt und betäubt und ist nach Hause gefahren. Als sie aufwachten, befanden sie sich im Keller in Ahlbecks Haus ungefähr zwanzig Minuten außerhalb der Stadt in einem Dorf.« Romy atmete tief durch. »Sie waren gefesselt und nackt. Er hat die Ringe angebracht, sie vergewaltigt und später in der Nacht an einer Schnellstraße wieder rausgesetzt. Niemand hat davon etwas mitbekommen.«

»Hm.«

Romy hob die Hände. »Auch in diesem Punkt ist alles anders. Aber Menschen können sich ändern, Gewohnheiten ablegen oder neuen Gegebenheiten anpassen. Das gilt wahrscheinlich auch für Gewalttäter.«

»Und was habt ihr sonst herausgefunden? Wer hätte ein Motiv?«

»Gute Frage. Nach dem, was wir bis jetzt wissen, war Karola ausgesprochen ehrgeizig«, führte Romy weiter aus. »Ich habe vorhin mit zwei Kollegen telefoniert, die wohl nicht zu ihrem engeren Freundeskreis gehören dürften. Sie hätte sehr häufig ihre Ellenbogen eingesetzt, um voranzukommen, hieß es, und besonders beliebt war sie nicht.«

Kasper nickte.

»Familie hat sie übrigens nicht mehr. Sie ist beim Vater aufgewachsen, der bereits verstorben ist. Zur Mutter bestand kein Kontakt. Aktuell sind wir auf nichts gestoßen, was auf eine Beziehung hindeutet. Sie war mal verheiratet, ist aber seit fünf Jahren geschieden. Kinder gibt es auch nicht.«

»Demnach war sie auf ihren Beruf konzentriert und ständig unterwegs.«

Romy nickte. »Hauptsächlich in Mecklenburg-Vorpommern. Interessant sind ihre Finanzen. Sie hat regelmäßig größere Beträge auf eine ausländische Bank überwiesen. Die Details überprüfen die Stralsunder gerade. Vielleicht gibt ihr Laptop dazu auch noch was her.«

»Sie dürfte gut verdient haben.«

»Anzunehmen.«

Einen Moment blieb es still. Kasper stand schließlich auf, räumte den Tisch ab und kochte Tee. Der Wasserkessel begann leise zu sirren, und er stellte eine dickbauchige Kanne bereit.

»Sie war in Bergen bei einem Kinderarzt, hat ein neues Medikament vorgestellt – Routinetermin«, fuhr Romy schließlich fort. »Um halb sieben brach sie von dort wieder auf. Danach hat sie niemand mehr gesehen.«

»Habt ihr einen Aufruf geschaltet?«

»Ja, gleich heute Morgen. Außerdem werden sämtliche Videoüberwachungen zwischen Putgarten und Stralsund gecheckt. Das kann natürlich dauern, aber Jan hat zwei Leute aus seinem Team dafür abgestellt. Ich hoffe, dass wir einen Treffer landen.«

»Früher oder später landen wir immer einen Treffer.« Kasper goss den Tee auf, stellte die Kanne auf den Tisch und setzte sich wieder zu Romy. »Was macht dieser Ahlbeck eigentlich ausgerechnet in Neustrelitz?«

»Er ist als Aushilfe im Theater beschäftigt.«

»Klingt richtig gut.«

»Tja.«

»Ansonsten lebt er von einer kleinen Erbschaft.« Romy fuhr sich durch die Locken. »Es gibt keinerlei Auffälligkeiten. Ich möchte dennoch sehr genau wissen, was er in den letzten Tagen gemacht hat, und hoffe, dass es bald grünes Licht für eine Überprüfung gibt.«

»Verständlich.«

Romy sah zum Fenster hinaus.

Kasper goss Tee ein, gab Kandis in seine Tasse und trank zwei kleine Schlucke.

»Sag mal, wie kommst du eigentlich mit Bernd klar?«, fragte er dann in beiläufigem Ton.

»Gar nicht.«

»Dachte ich mir.«

»Gib ihm …«

»Eine Chance, ja.« Sie winkte ab. »Wenn er mir das nächste Mal Babyfotos zeigt …«

»Dann schau sie dir an und lächle. Seine Frau hatte in den letzten Jahren zwei Fehlgeburten. Die beiden wissen nicht aus noch ein vor Glück.«

Romy blies die Wangen auf und schaute betreten zu Boden. Sie räusperte sich. »Das wusste ich nicht.«

»Jetzt weißt du es.«

»Ich hab’s kapiert.«

»Gut. Er ist nicht der Schnellste und auch nicht der Hellste, aber du kannst dich auf ihn verlassen.«

»Okay.«

Kasper zwinkerte.

Romys Handy klingelte – Max. Sie stellte die Verbindung her.

»Karola Tiehl erhielt regelmäßig Überweisungen von einem Konto in Bergen, die sie dann auf ihr ausländisches Konto weiterleitete«, berichtete Max nach kurzer Begrüßung. »Verwendungszweck Beratungskosten. Inhaber des Bergener Kontos ist der Kinderarzt Dr. Nebert.«

»Nun …«

»Es sind hohe Beträge.«

»Wie hoch?«

»Jedes Mal um die zwei-, dreitausend Euro. Das läpperte sich ganz schön zusammen.«

Romy runzelte die Stirn. »Interessant. Wir sollten mit dem Arzt sprechen, diesmal allerdings im Kommissariat. Könnt ihr das veranlassen?«

»Machen wir. Noch was: Die Münchner haben sich gemeldet und uns die Akte von damals zur Verfügung gestellt. Ich habe das auch sofort an Buhl weitergeleitet.«

»Gut.«