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Angela Ochel

Luisas großer Weihnachtswunsch

Roman

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Über das Buch

Luisa ist sechs und kennt sich aus mit Weihnachtswünschen, schließlich hat sie selber immer ganz viele.

Aber diesmal ist es etwas anderes, denn Daniel, der neue Freund ihrer Mutter und ihr großer Held, wünscht sich etwas ganz Besonderes von Mama:

Er will ein Baby von ihr haben.

Für Luisa steht fest, dass das der beste Wunsch seit Langem ist, schließlich will sie unbedingt ein Geschwisterchen haben. Nur ihre Mama ist alles andere als begeistert. Plötzlich hört Luisa sie und Daniel abends immer streiten. Ob es dennoch fröhliche Weihnachten werden? Luisa hofft fest darauf, denn sie weiß, wenn man sich etwas richtig sehnlich wünscht, geht es auch in Erfüllung …

Montag vor Weihnachten

Luisa war wie alle kleinen Mädchen mit sechs Jahren ein ganz bezauberndes Wesen. Dazu kam: Sie hatte eine große Begabung. Sie kannte sich aus mit Wünschen.

Wenn Luisa sich etwas wünschte, wurde es wahr.

Leider klappte das nicht beim großen Barbiehaus - das würde sie auch dieses Jahr nicht bekommen, denn ihre Mutter sagte, ihr Zimmer sei viel zu klein dafür. Was ja auch stimmte. Ihr Zimmer war wirklich verdammt klein. So klein, dass nicht einmal ein Schreibtisch darin Platz fand und Luisa ihre Hausaufgaben in der Küche machen musste. Aber das war auch nicht schlecht, denn in der Küche war immer etwas los.

Dass ihre Wünsche wahr wurden, wusste Luisa aus dem letzten Jahr. Da hatte sie sich einen Mann gewünscht. Nein, nicht für sich! Für ihre Mutter. Und das hatte geklappt. Gut, erst hatte es nicht wirklich danach ausgesehen, dass es klappen würde, aber schließlich doch.

Seit Daniel zu Mama und Luisa in die kleine Dachwohnung eingezogen war, hatte sich alles verändert. Und Luisa liebte Veränderungen. Es war also kein Wunder, dass sie begeistert war, als sie am Abend zuvor, kurz bevor Daniel zur Arbeit musste (er arbeitete bei einem Paketunternehmen, denn Daniel war furchtbar stark, und die Firma brauchte ihn deshalb ganz dringend), hörte, wie Daniel sich etwas wünschte.

Es war in der Küche. Luisa hatte in ihrem Bett gelegen, ihre Tür war wie immer angelehnt, so dass sie alles in der Wohnung gut hören konnte. Sie wusste, gleich würde Daniel ihrer Mama einen Schmatzer geben und sagen, er müsse nun los. Und ihre Mutter würde sagen: »Pass auf dich auf! Bei diesen schweren Paketen kann sonst was passieren.« Und er würde lachen. Er hatte ein sehr nettes, sehr ehrliches Lachen. Wie nur Jungen lachen. Auch große Jungen. Daniel war groß, verdammt groß. Und dann hatte ihre Mutter zum hundertsten Mal dazugesetzt: »Und wieso arbeitest du überhaupt? Wir schenken uns einfach nichts dieses Jahr.«

Daniel hatte noch einmal gelacht. Und Luisa wusste, er hatte den Kopf geschüttelt, denn Daniel würde sich durch nichts davon abbringen lassen, Luisas Mutter ein Geschenk zu machen.

Er zog sich dann seine Lederjacke an, und ihre Mutter fand natürlich, dass die viel zu dünn war. Und er trug wieder keinen dicken Pulli, sondern nur ein T-Shirt, weil ihm immer warm war. Daniel hatte ganz viele Muskeln, und Oma sagte, wenn man so viele Muskeln habe, dann sei einem wahrscheinlich immer warm. Allerdings konnte es auch sein, dass ihre Oma etwas ganz anderes gesagt hatte, nämlich mehr in die Richtung, dass den Frauen in Daniels Nähe schnell warm werde, wegen der Muskeln. Das hatte Luisa noch nicht verstanden, aber sie müsste das einfach mal beobachten.

»Was wünschst du dir eigentlich von mir, Daniel?«, hatte Mama sanft gurrend gefragt.

Und damit kam alles ins Rollen. Daniel hatte darauf in letzter Zeit immer nur dieselbe Antwort. So sagte er auch jetzt zum gefühlt hundertsten Mal, dass er sich nur eine Sache am allerallermeisten zu Weihnachten wünsche.

»Ich wünsch mir nur ein Kind mit dir. Du weißt, dass das mein einziger Wunsch ist!« Wir süß! Er wünschte sich ein Kind mit Mama. Also ein Baby, das wusste Luisa. Und zwar eines mit Mama zusammen. Klar, er wollte es sich wohl nicht nur mit ihr teilen, er wollte es auch mit ihr machen. Und wohl nur mit ihr.

Ganz ehrlich? Luisa fand, das sei ein sehr normaler, fast etwas langweiliger Wunsch. Denn wenn man etwas mit ihrer Mama zusammen machte (Hausaufgaben, Backen, Basteln) dann klappte es sowieso IMMER. Denn Mama konnte alles.

Allerdings war es nun mal Daniels größter Wunsch. Das sollte man schon respektieren, fand sie. Allerdings war ihre Mutter da anderer Ansicht.

Mama fand den Babywunsch offenbar ziemlich blöd. Zumindest wurde sie ärgerlich, jedes Mal, wenn Daniel Kinderkriegen erwähnte.

So weit war dieser Wunsch völlig unromantisch in Luisas Augen. Und sie lauschte angestrengt, ob herauszubekommen war, wie die ganze Sache sich entwickeln könnte.

Schlecht. Das hörte sie. Da Daniel das alles nicht zum ersten Mal erwähnte, war Mama diesmal sogar ein bisschen aufgebrachter als beim letzten Mal. »Geht das schon wieder los! Himmel! Nein, Daniel, nein! Das hatten wir doch schon besprochen. Nein. Hör auf.«

Es stand also nicht gut um Daniels Wunsch.

Luisa rieb sich die Augen, als sie dem folgenden kleinen Streitgespräch (eigentlich war es eher ein Streitmonolog) gelauscht hatte. Lieber schlief sie jetzt ein, als sich das noch länger anzuhören. Wenn ihre Mutter sagte: »Das haben wir doch besprochen«, hieß das nichts anderes als NEIN. Und zwar in Großbuchstaben. Wie auf allerlei Verbotsschildern - die mit dem rot Durchgestrichenen –, und so war die Erfüllung dieses Wunsches so wahrscheinlich wie ein rosa Elefant im Schulklo.

»Das geht einfach nicht. Und du weißt das«, hörte sie Mama jetzt sagen. »Schau dich doch um! Und wir hatten das doch besprochen.«

Sie hatte es schon wieder gesagt. Besprochen.

‚Besprechenʽ ging bei Luisas Mutter so: Mama sagte NEIN. Damit war die Besprechung beendet.

Irgendwie war es sehr sympathisch, dass Daniel sich von so etwas offenbar nicht im Mindesten abbringen ließ. Er wollte ein Baby mit ihr. Und er wollte etwas »und alles andere, was dazugehört« auch.

Schließlich war Daniel gegangen. In die Firma mit den Paketen, und es wurde ganz still in der kleinen Wohnung.

Luisa hatte ihre Decke unter ihr Kinn gezogen und gegrübelt. Schließlich sagte sie leise zu sich selbst: »Verstehe ich nicht. Das ist ein toller Wunsch. Ein Baby! Klingt doch gut. Und Mama darf das Baby ja auch mal haben, zur Hälfte.«

Was war also nur los mit Luisas Mama? Andere Leute hatten doch auch Babys. Was musste da noch besprochen werden? Dazu muss man wissen: Lelah, Luisas allerallerbeste Freundin, hatte auch ein Baby. Ihre Mama hatte es vor einem Monat bekommen.

Vielleicht sollte ihre Mutter das mit den anderen Leuten, die ein Baby hatten, besprechen und nicht mit Daniel.

Wie gesagt, Luisa kannte sich aus mit Wünschen. Sie wusste, es gab welche, die man hatte, weil man etwas sah, was man sofort haben wollte. Dann schrie man freudig auf und rief so etwas wie: »Au ja! Das will ich auch. Sofort!«

Dann gab es Wünsche, die hatte man schon ganz lange. Für die musste man in einem ruhigen Moment die Hände zu Fäusten ballen, die Augen zusammenkneifen und wispern: »Bitte, bitte, lieber Wunsch, geh in Erfüllung ...«

Aber dann, ja, dann waren da noch die ganz, ganz großen, die wirklich, wirklich schwierigen Wünsche. Und die gingen nur in Erfüllung, wenn man sich sehr anstrengte. Man durfte sich auf keinen Fall von diesen Wünschen abbringen lassen und musste eine ganze Menge für ihre Erfüllung tun.

So ein Wunsch war der von Daniel. Das spürte Luisa. Genau diese Wünsche nämlich, die hatte man sich eigentlich gar nicht selber ausgedacht. Diese Wünsche fanden einen. Egal, wo man war. Die kamen aus dem Nichts und waren plötzlich da. Und gingen nie wieder fort. Bis, ja, bis sie sich erfüllt hatten. Nicht eine Sekunde vorher.

Da halfen kein Augenzusammenkneifen und kein Fäustemachen. Ja, diese Wünsche waren anders. Ganz anders. Und viel, viel stärker alles. Diese Wünsche wollten, dass man sich anstrengte.

Und so saß Luisa an diesem Montagmorgen, eine Woche vor Weihnachten, in einem dicken rosa Pulli vor ihrem Früchtemüsli, das die Milch rosa färbte, und baumelte mit den Beinen.

»Ui! Na, das ist ja was! Wie soll ich denn diesen Wunsch bloß schaffen? Weihnachten ist ja bald.«

»Hm?«, machte Daniel und sah erstaunt auf von der kleinen Hello-Kitty-Butterbrotdose, in die er die frisch geschnittenen Apfelstückchen legte. Das Obstmesser in seiner Hand sah winzig aus. »Was meinst du, Luisa?«

»Na, das Baby meine ich. Ich will auch ein Baby. Lelahs Baby ist supersüß. Wir können es uns ja auch teilen. Also du, Mama und ich bekommen es dann abwechselnd.«

»Wie war das?«

»Na, dein Weihnachtswunsch. Gestern hast du es schon wieder gesagt. Du willst ein Baby mit Mama.«

Daniel sah einen Augenblick zur Seite. Das machte er oft, wenn er mit Luisa sprach. Es war wohl seine Art, zu zeigen, wie überrascht er war, wenn Luisa den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Oma gebrauchte diesen Ausdruck. Und Luisa liebte es, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Denn es machte wirklich ein bisschen so ein Geräusch, so wie ZADONG im Kopf.

Daniel wohnte seit einem Jahr bei Luisa und ihrer Mama. Er hatte früher in dem Kaufhaus gearbeitet, in dem auch ihre Mutter gearbeitet hatte.

Für Luisa fühlte es sich nicht wie ein Jahr an. Für sie fühlte es sich bloß richtig an. Nicht wie Zeit.

Luisas Mama war Fotografin und hatte mittlerweile einen kleinen Laden, in dem sie Menschen fotografierte. Sie fotografierte auch Landschaften und so etwas. Sie machte das toll. Anfangs war die Sache mit dem Laden ganz schön schwierig gewesen, und ihre Mama hatte oft über Zettel gebeugt im Wohnzimmer gesessen und gerechnet, denn sie sagte, sie sei jetzt die Hauptverdienerin. Was immer das auch war, es schien kompliziert zu sein. Und sie war oft etwas nervös und gereizt gewesen am Anfang. Wegen des Geldes.

Wegen des Geldes hatte dann auch Daniel schließlich in einer Firma zu arbeiten begonnen, für die er Lkws mit schweren Paketen belud. Da bekam er ein bisschen mehr von dem Geld, das offenbar fehlte.

Luisa hatte von dem ganzen Geld noch nie etwas gesehen, weder seine Anwesenheit noch sein Fehlen. Aber so sind Erwachsene, sie sehen Probleme, die vielleicht gar nicht da sind.

Oma gab oft Mama und Daniel ein bisschen Geld. Warum das wohl nicht reichte? Es war immer schnell weg. Passte denn da keiner drauf auf?

Daniel arbeitete dienstags und donnerstags den ganzen Tag und am Wochenende manchmal. Er war sehr stark, und so konnte er das offenbar mit den schweren Paketen besonders gut. Montags, mittwochs und freitags war er zu Hause und passte auf Luisa auf. Er brachte sie dann morgens zusammen mit Lelah zur Schule und holte sie mittags ab. Zu Fuß, es war ja nicht weit, und außerdem hatte er kein Auto. Er machte anschließend Mittagessen und saß dann im Wohnzimmer. Er ließ Luisa nicht allein in der Wohnung. Auch nicht, wenn Lelah da war, und er brachte ihre Freundin sicher nach Hause. Und abends ging er mit Luisa zu Mamas Laden, um sie abzuholen und vielleicht noch etwas einzukaufen.

Luisa war ziemlich stolz auf Daniel, nicht nur, weil er auf sie aufpasste, sondern auch, weil er riesig groß war, zumindest kam es Luisa so vor. Er sah aus wie ein großer Junge mit etwas Segelohren, starken Armen und einem schiefen, sehr netten Lächeln. Er hatte helle Haare, helle Haut und ganz helle Augen, die einen merkwürdig intensiven Blick hatten. Anfangs hatte sich Luisa vor den Augen etwas gefürchtet, aber mittlerweile wusste sie, warum Daniel so dreinblickte. Es war, weil er ungemein aufmerksam zuhörte. Er hörte auf die Weise zu, wie es nur Menschen tun, die sich sehr anstrengen müssen, um alles zu erfassen. Und vor allem wie jemand, der alles verstehen WILL. Sein Gesicht hatte ein paar Falten. Nicht, weil er alt war. Im Gegenteil, er sah neben den anderen Vätern immer ein bisschen wie ein großer Schüler aus, der selber gleich spielen gehen wollte. Fußball oder Räuber und Gendarm. Seine Falten sahen leider fast immer traurig aus. Als verstehe er doch nicht ganz, warum die Welt so war, wie sie war. Das war es, warum Luisa ihn so mochte. Ja, sie mochte ihn. Es war schön, dass er zu ihrem und Mamas Leben gehörte.

»Du meinst das Baby? Du hast mal wieder gelauscht?« Er lachte jetzt leise vor sich hin und war offensichtlich nicht überrascht. Nun sah er sie direkt an, und Luisa betrachtete das merkwürdige Fehlen der Farbe in seinen Augen. Manchmal war sie nicht sicher, ob Daniel nicht vielleicht doch ein verzauberter Irgendwas war (nur kein Frosch), denn diese Augen waren nicht von dieser Welt. Sagte zumindest Lelahs Mama, die beste Freundin von Luisas Mama. Und die hatte andauernd Recht. Sagte Mama.

Daniel kratzte sich am Hinterkopf. Ihm war das Babythema wohl peinlich, aber Luisa war zu neugierig, um es fallen zu lassen. Das Thema. Nicht das Baby. Babys durfte man nie, nie, nie fallen lassen!

»Ja, Daniel, nun sag schon, wie machen wir das denn nun mit dem Baby?«

»Ähem. Besser gar nicht? Deine Mama meint, dass das nicht klappt. Wohnung und Geld und so.«

»Oh«, ja, stimmt ja. Und wenn Mama das sagte, und vor allem so energisch sagte, wurde es schwierig. Fast unmöglich. Blöderweise sagte sie das ein bisschen oft mit dem Geld. Luisa fand es etwas anstrengend. Denn dasselbe langweilige Argument kam andauernd. Kein Geld, wir haben kein Geld!, war die Antwort auf alles Schöne.

Warum sie nicht mal Urlaub am Meer machten.

Warum dies und das nicht gekauft wurde.

Warum es kein neues Auto gab.

Warum Luisa immer nur gebrauchte Fahrräder und Roller bekam.

Und warum sie nicht in einem Schloss wohnten.

Blababla.

»Findest du das schade?« Daniel schob die Butterbrotdose in Luisas Schulranzen. Dann ergriff er ihre leere Müslischale, stellte sie klimpernd ins Waschbecken und erhob sich. Die Küche war furchtbar klein, besonders dann, wenn Daniel sich in ihr aufrichtete von seinem Hocker. Er füllte sie beinahe komplett aus. Luisa strahlte ihn an. Irgendwie war das besonders großartig an ihm.

»Komm, Luisa, du musst los. Wir wollen ja keinen Ärger wegen weil wir zu spät kommen«, sagte er mit seiner tiefen, sanften Stimme. Er sagte die Sätze oft so, wie man nicht sprechen sollte. Er machte auch andere Sachen falsch, nicht nur die Sache mit der dünnen Jacke, auch beim Essen. Er sprach mit vollem Mund, hielt die Gabel steil in die Luft. Und er las kein Buch. Nur Zeitschriften über Fußball. Und spielte ganz viel mit dem Handy. In der Schule sagte man Luisa und ihren Freundinnen andauernd, dass man davon doof werde oder gemein.

Für Luisa ein Beweis mehr, dass manche Dinge, die die Lehrer sagten, großer Blödsinn waren. Denn wenn ein Mensch auf der ganzen Welt weder doof noch gemein war, dann war es Daniel.

Luisa lief ins Bad, putzte schnell ihre Zähne, kämmte sich das lange, lockige Haar und lief mit einem pinkfarbenen Haarband in der Hand zur Tür. Da, wo der kleine, wackelige Tisch stand, auf den sie sich beim Schuheanziehen nicht setzen sollten, es aber trotzdem taten, wenn Mama nicht da war. Daniel hatte schon seine dünne Jacke und die ausgetretenen roten Chucks an. Er wartete geduldig mit ihrer Jacke in der Hand. Chucks waren rote Turnschuhe, die über die Knöchel reichten. Also genau so etwas, was Luisas Mama nie kaufen würde. Aber Daniel war so cool!

»Machst du mir wieder die Haare, Daniel?« Luisa versuchte ihm seit einigen Tagen das Haareflechten beizubringen. Erst hatte er sich unfassbar dusselig angestellt, aber nun ging es. Er begab sich in die Hocke (dabei knackten seine Knie so lustig) und begann ungelenk, ihr langes Haar zu flechten. Es ziepte noch etwas, so wie er es machte, aber sie sagte nichts.

»So gut?«, fragte er immer wieder. Seine Stimme verriet, dass er zu Recht seine Fähigkeiten im Frisurenmachen stark anzweifelte. Luisa sah in den Spiegel. Es war schief, und Lelah müsste das nachher neu machen, aber Luisa nickte fröhlich.

»Gut gemacht, Daniel.« Sie nannte ihn ganz oft beim Namen, weil sie das besonders cool fand, wenn ihre Freundinnen dabeistanden. Die starrten dann Daniel immer so an und sagten nicht einen Pieps. Er freute sich über ihr Lob.

Daniel nahm Luisa nie in den Arm und hatte ihr bislang erst zweimal einen Kuss gegeben. Einmal zu Weihnachten (letztes Jahr), einmal zu ihrem Geburtstag. Luisa und ihre Mama gaben sich ganz viele Küsse. Klar. Und Mama und Daniel küssten sich an-dau-ernd. Das war manchmal fast etwas peinlich, vor allem beim Spazierengehen. Aber das müssten Eltern schon machen, das Küssen und Schmusen und so, hatte Lelah gesagt. Das wäre total wichtig, damit die zusammenblieben.

Na dann ...

Anders, als Luisa zunächst vermutet hatte, nämlich dass Daniel sie überhaupt nicht mochte, war es vielmehr so, dass er schüchtern war. Ja, er traute sich nicht. Vielleicht, weil er nicht ihr richtiger Vater war oder so. Bei Erwachsenen wusste man ja nie, was für krude Gedanken die sich mal wieder gerade machten. Haareflechten schien Luisa daher ein guter Kompromiss.

Daniel achtete darauf, dass Luisa ihre Mütze aufsetzte und ihre Handschuhe anzog.

»Und du, Daniel? Du hast wieder die dünne Jacke an. Mama würde schimpfen!« Aber er lachte nur und nahm pflichtschuldig seine graue Mütze vom Haken. Mit der sah sein Gesicht noch jungenhafter, irgendwie runder aus. Und seine Augen noch heller.

»Lelah wartet. Komm.«

Ihre beste Freundin wohnte nur ein paar Häuser weiter in einem schönen Haus an der Ecke der Straße. Lelahs Mutter war die beste Freundin von Luisas Mama, was logisch war, denn Luisa und Lelah waren ja auch beste Freundinnen.

Drei Straßen weiter, vor Lelahs Haus, klingelten sie, und Lelah erschien ein paar Minuten später an der Tür. Los ging es zur Schule. Lelah und Luisa vornweg und Daniel mit etwas Abstand hinter ihnen. Es hatte etwas geschneit, ein kalter, nasser Schnee klebte an den Windschutzscheiben der parkenden Autos. Daniel schob seine Hände tief in die Jackentaschen und fror ein bisschen. Wie Mama das ja schon vermutet hatte, dachte Luisa, aber Mitleid hatte sie trotzdem mit ihm. Sie wollte unbedingt stricken lernen und ihm mit Lelah zusammen einen Schal stricken. Aber wer brachte ihnen nur das Stricken bei? Vielleicht Oma?

Der Weg zur Schule dauerte nur eine halbe Stunde, für Luisa gerade Zeit genug, um mit Lelah alles zu besprechen, was am Wochenende passiert war, und um Lelah mitzuteilen, dass Daniel sich wieder ein Baby gewünscht hatte und dass Luisa nun da etwas unternehmen wollte.

»Das ist gut. Dann hast du auch ein Baby, wie ich. Und ich kann dir dann alles genau zeigen, wie das geht. Ich kenne mich ja nun aus.«

»Ja, und dann gehen wir spazieren mit unseren Babys.«

Es war also abgemacht.

Daniel würde ein Kind zu Weihnachten bekommen.

Zufrieden hüpften die Mädchen über einen Schneehaufen.

Daniel ging nicht ganz bis zum Schulgebäude mit, er blieb immer ein Stück davon entfernt stehen und nickte den beiden Mädchen zum Abschied zu. »Schön lernen, hört ihr? Das ist ganz doll wichtig. Ich weiß das«, sagte er jedes Mal, und die Mädchen fanden das schrecklich nett von ihm. Es klang immer so, als wäre Lernen etwas Tolles. Aber auch ein bisschen betrübt.

Die Mädchen liefen zum Gebäude, in dem es zum Glück viel wärmer war als draußen.

Beim Jackeaufhängen sagte Lelah dann etwas nachdenklich: »Schade ist natürlich, dass, wenn deine Mama und Daniel ein Baby bekommen, sie auch heiraten werden.«

»Ja, ein bisschen schade ist das schon. Aber muss ja«, nickte Luisa, die ihren eigentlichen Vater nicht kannte. Der hatte damals aus irgendeinem Grunde die falsche Frau geheiratet. Und ihre Mama hatte gesagt, deswegen hätten sie auch kein Geld, weil Luisas Mama von dem nicht einmal das Schwarze unter dem Fingernagel nähme.

Luisa wusste nicht, WER um Himmels willen auf dieser Welt das Schwarze unter dem Fingernagel je haben wollte! Aber für sie stand natürlich felsenfest, DAS wollte sie auch nicht von dem.

»Tja. Wir sollten deiner Mama das aber gönnen.« Lelah sprach wie ihre eigene Mutter. Luisa nickte tapfer.