Über Myriam Klatt

Myriam Klatt, Jahrgang 1984, studierte Literatur und Politik, war TV-Reporterin und lebt heute als freie Autorin und Redakteurin in Berlin. »Liebe geht immer« ist ihr erster Roman.

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Ist das Liebe, oder kann das weg?

Gerade war Charlottes Leben noch ein rosarotes Zuckerwatteparadies, dann ist sie vor allem eins: ex. Exfreundin, Exredakteurin, exglücklich. Aus dem Paradies gekickt von einer Frau, die zu perfekt ist, um wahr zu sein. Und so nimmt Charlotte den Kampf auf – gegen Hüftspeck und Schweinehunde. Nach Lauftraining, No-Carb, Mind-Coaching und minus 15 Kilo stellt sie fest: Ein Leben ohne kleine Sünden ist möglich, aber sinnlos. Außerdem hat sie Lars kennengelernt, und der hat nicht nur wunderbare Grübchen, sondern macht auch die besten Schokoküchlein der Welt.

Ein unglaublich witziger Roman darüber, was passiert, wenn man versucht, gelassener zu leben.

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Myriam Klatt

Liebe geht immer

Roman

Inhaltsübersicht

Über Myriam Klatt

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Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Impressum

Kapitel eins

Wenn man heimlich mit dem eigenen Chef liiert ist, dann bleiben Fragen offen, die andere Frauen sich gar nicht erst stellen müssen. So kommt es denn auch, dass ich am Sonntagmorgen in Olivers Bett liege und nicht schlafen kann. Die grünen Ziffern der Digitaluhr auf dem Nachttisch zeigen, dass es auf sechs zugeht, und ich beschließe, dass ich lange genug gewartet habe. Es wird Zeit für ein paar Antworten.

»Oliver?«, raune ich und drehe mich dabei auf die Seite. Der blondgelockte Mann neben mir im Bett brummt leise, macht aber keine Anstalten, mir zu verraten, ob er nun plant, mich zu heiraten, oder ob er mich befördern will. Dass eines von beidem kurz bevorsteht, dessen bin ich mir nach langer Debatte mit meiner besten Freundin Matilda sicher. In anderthalb Jahren Beziehung hat mein geliebter Vorgesetzter mich schließlich noch nicht ein einziges Mal ausgeführt, erst recht nicht so opulent wie gestern Abend: Erst ein teures Restaurant in Mitte, dann eine romantische Bootstour auf der Spree und zum Abschluss zwölfeinhalb Minuten Sex mit Licht an. Ein zumindest phasenweise spektakuläres Programm, und wenn ich eines genau weiß, dann das, dass Oliver so etwas nicht umsonst veranstaltet. Während ich hoffe und vermute, dass er mit diesem Abend meine Beförderung zur Moderatorin unseres Lokalsenders einläuten wollte, glaubte Matilda fest an einen Heiratsantrag. Doch bisher: nichts. Na ja, ein paar ominöse Andeutungen, dass zu Hause noch was ganz Großes passieren würde, die hatte er gemacht, aber nach dem Sex hatte Oliver nicht Klartext geredet, sondern war spontan in einen totengleichen Tiefschlaf gefallen.

»Oliver?«, gurre ich ihm ins linke Ohr. Er grunzt. Ich stupse ihn mit dem Fuß an, und er grunzt ein weiteres Mal.

»Oliver?«, sage ich wieder, diesmal so laut, dass selbst der Banker im Nachbar-Loft davon wach geworden sein dürfte. Auch Oliver schlägt jetzt endlich die Augen auf. Sie sind zwar ein wenig gerötet, aber trotzdem sehr anziehend. Vom ersten Moment an bin ich in seinen kühnen blauen Blick vernarrt gewesen. Auch alles andere an ihm finde ich mindestens so attraktiv wie am ersten Tag: seinen konsequent eleganten Kleidungsstil, die kompromisslose Art, mit der er unsere Entscheidungen trifft, und nicht zuletzt das unerschütterliche Selbstbewusstsein, mit dem er allem und jedem gegenübertritt.

»Lotte?«, murmelt er, »was ist denn los?«

»Warum das alles?«, frage ich. Eigentlich ist es nicht meine Art, mit der Tür ins Haus zu fallen, aber meine Geduld habe ich in den Stunden aufgebraucht, in denen mein werter Partner gemütlich vor sich hin geschlafen hat. »Warum der ganze aufwendige Abend? Was steckt dahinter?«

Oliver runzelt die Stirn. Dann dreht auch er sich auf die Seite und gähnt. »Ach Lotte«, seufzt er, »du und dein Spürsinn.«

Ich werde rot, peinlich, dass ich mich bei dem kleinsten Kompliment von ihm immer noch geschmeichelt fühle … »Der wird den Leuten in der Redaktion bestimmt fehlen«, fügt er hinzu, und ich blinzle entzückt. Außer Oliver hat bei uns nur eine einzige weitere Person ein eigenes Büro: die Moderatorin. Die Redakteure dagegen hocken hinter lachsfarbenen Aufstellwänden wie Hühner auf der Stange. Also doch die Beförderung! Mein Herz nimmt Fahrt auf. Bei aller Liebe für Glockengeläut und Sträuße werfen: Von Oliver träume ich erst seit einundzwanzig Monaten – von dem Job als Moderatorin dagegen schon mein ganzes Leben.

»Wird es das?«, säusel ich und lasse meine Lider auf Halbmast sinken. Wie immer, wenn ein sehnsuchtsvoller Wunsch nach langer Zeit in Erfüllung geht, fühlt sich das sehr surreal an. Surreal, aber wunderbar. So wie damals, als ich nach jahrelangem Betteln endlich den Drei-???-Detektivkoffer zum Geburtstag bekommen hatte. Den ersten selbstgenommenen Fingerabdruck habe ich heute noch an der Wand hängen.

»Ja. Ich sehe da beim besten Willen keine andere Möglichkeit«, Oliver richtet sich auf und fasst meine Hände, »es fehlt einfach das Geld.«

Wunderbar war einmal: Ich schlage verwirrt die Augen auf und lege den Kopf schief. »Das Geld? Was meinst du denn damit?«

»Kerstin Bayer ist ein Name, und ein Name kostet.«

»Kerstin Bayer?«

»Unsere neue Moderatorin für die Abendschiene.«

Mir wird heiß. Dann kalt. Dann kotzübel. Ich kann nicht fassen, was ich da gerade gehört habe. Ich bekomme eine Gänsehaut, und zwar nicht die von der guten Sorte.

»Unsere neue Moderatorin?!«

»Genau. Ein Talent vom Wetterkanal. Hübsch, seriös, ein echter Blickfang und außerordentlich begabt. Wirklich ein Glücksfall, dass ich sie überreden konnte, zu uns zu wechseln. So ein Name wie Kerstin Bayer, der kann uns weit bringen. Aber wie gesagt, das kostet natürlich.«

Ich schlucke vernehmlich.

»Natürlich«, wiederhole ich. Was Besseres fällt mir gerade nicht ein: In meinem Kopf ist Chaos, in meinem Herzen auch. Mir ist, als hätte ich auf einen Schlag komplett die Orientierung verloren, als wüsste ich nicht mehr länger, wo oben und unten und was richtig und falsch ist. Alles, was ich noch fühlen kann, ist eine bittere Enttäuschung, die ein riesiges schwarzes Loch in mein ganzes Leben reißt.

Oliver redet weiter. »Und deshalb«, sagt er beherzt, »muss ich dich leider entlassen. Ich weiß, das hört sich erstmal grausam an, aber Lotte, ich habe keine andere Wahl – und werde es wiedergutmachen, versprochen.«

»Entlassen?!«, rufe ich und setze mich erschrocken auf. Eben dachte ich den Tiefpunkt meines Daseins erreicht zu haben, doch jetzt wird mir klar, dass ich nicht mal in seiner Nähe gewesen bin. »Entlassen?«, wiederhole ich ungläubig, »was soll denn das heißen? Wie meinst du das?«

»Lotte, es tut mir wirklich unsagbar leid, aber Kiez TV kann dich nicht länger beschäftigen. Wir müssen die Ressourcen umverteilen. Mir sind da die Hände gebunden. Ich kann schließlich nicht Helene kündigen. Wie würde das auf die Anderen wirken, wenn ich eine alleinerziehende Mutter auf die Straße setze?«

»Aber …«, piepst meine Stimme, »aber du weißt doch, dass ich unbedingt selbst Moderatorin werden will. Nur deshalb bin ich doch überhaupt zu deinem Sender gekommen! Weil ich moderieren will!«

»Lotte«, Oliver tätschelt zärtlich meinen Arm, »nun sei doch nicht albern.«

»Wieso ist das denn albern?«

»Ach Lotte …« Oliver seufzt. »Bitte verstehe mich jetzt nicht wieder falsch, okay? Du weißt, dass ich finde, dass du deine Sache sehr gut machst – wenn es allein nach mir ginge, dann würden wir dich auch behalten. Aber Nachrichten-Moderation ist doch etwas ganz anderes. Da braucht man eine komplett andere Haltung als für Modeberichte und Beiträge über Lokal-Promis.«

»Das mag ja sein, aber wer sagt denn, dass ich diese Haltung nicht genauso gut einnehmen kann wie diese Wetterfrau?«

Schließlich leiste ich preisgekrönte Arbeit, bin bei den Leuten beliebt und in Berlin gut vernetzt, also eigentlich ideal, um das neue Aushängeschild von Kiez TV zu werden. Doch sein Gesicht verrät mir, dass Oliver anders denkt. Es ist die Art, wie seine Augenbrauen sich zusammenziehen, während auf seinen Lippen ein Lächeln liegt, das halb genervt und halb begütigend wirkt. Genauso guckt er Lieferanten an, die die falsche Pizza bringen.

»Ach Mensch Lotte, nun mach es mir doch nicht so schwer. Jeder hat halt andere Talente; der eine ist perfekt für Unterhaltungssendungen, der andere für seriöse Moderationen. Das ist doch ganz normal. Ich würde auch nicht plötzlich Sportveranstaltungen kommentieren.«

»Aber ich wünsche mir das doch schon so lange! Und ich bin sicher, dass ich ausgezeichnet seriös sein kann.«

Oliver seufzt auf.

»Wir haben im Sender lange darüber gesprochen, das ist ja nicht alleine meine Entscheidung, das heißt schon, aber ich entscheide natürlich immer im Sinne des Zuschauers. Und da sind die Umfrageergebnisse ganz klar.«

Ich rolle mit den Augen. Sobald es um die Einschaltquote geht, wird Oliver handzahm.

»Und was bitteschön haben die Zuschauer dagegen, dass ich die Nachrichten moderiere?«

»Ach, Lotte«, antwortet Oliver, und ich höre ihm an, dass er das Nächste eigentlich lieber nicht sagen würde. Aber er weiß genau, dass er damit bei mir nicht durchkommen würde. Nicht heute, nicht wenn es um so viel geht für mich. »Du weißt doch, wie die Leute sind. Haben ein ganz genaues Bild davon, wie eine Nachrichtenmoderatorin sein muss. Ernst, gepflegt, seriös … und schlank.«

Mein Herz bleibt beinahe stehen. Ich bin unfähig, ein Wort herauszubringen, unfähig zu reagieren, unfähig zu denken. Denn mit allem hätte ich gerechnet. Nur nicht damit, dass Oliver mir so kommt. Dabei war ich eigentlich vorgewarnt. Matilda war nämlich schon gestern Nachmittag in mein Schlafzimmer geplatzt und hatte mir lautstark verkündet: »Charlotte, du musst aufpassen! Früh geborene Stiere sollen heute mit besonderer Vorsicht durch die Stunden gehen, denn die Gefahr reist stetig mit! Hüte dich vor falschen Wünschen, Missverständnissen und Zwiebeln.«

»Zwiebeln?«

»Zwiebeln. Eventuell auch Knoblauch.«

»Knoblauch passt zu einem romantischen Dinner ja auch in etwa so gut wie ein Keuschheitsgürtel. Oder Lockenwickler.«

»Das Schicksal ist kein Scherz, Charlotte! Die Sterne sagen, heute wird etwas Schlimmes passieren!«

Meine Freundin hatte sich mit weit aufgerissenen Augen auf mein Bett gesetzt und nervös an ihren roten Locken gezupft. Ernst genommen hatte ich sie trotzdem nicht. Matilda wechselt die übersinnlichen Hobbys so zuverlässig wie mein Vater das Öl in seinem Mercedes und hatte sich nach einem halben Jahr Quija-Brett erst vor zwei Wochen der Astrologie zugewandt. Ihre Trefferquote war bisher allerdings nicht besser gewesen als meine beim Lotto.

»Die Zeichen stehen auf Aufruhr!«, hatte sie gerufen.

»Ich glaube, du hast da was fehlgedeutet. Irgendwelche Interpunktionen oder Konjugationen oder wie das heißt.«

»Konjunktionen. Die Sterne sind kein Grammatikbuch.«

»Siehst du, deshalb kannst du sie auch nicht einfach beugen.«

»Aber ich weiß, was ich gesehen habe! Und Gerald, mein Seminarleiter, betont immer, dass wir auf unsere Instinkte vertrauen müssen. Wegen der universellen Kräfte.«

»Also mein Instinkt sagt, dass Oliver mich zur Moderatorin macht. Es passt einfach alles zu gut: Die Stelle wird bald frei, ich will sie, und außerdem habe ich gerade diesen Preis bekommen.«

Matilda hingegen hatte auf einen Heiratsantrag getippt. Begeistert war sie davon allerdings nicht gewesen.

»Die Sterne stehen ungünstig bei euch beiden!«, hatte sie erklärt, »es fehlen einfach die harmonischen Schwingungen!«

»Was soll denn das jetzt bitte heißen?«

»Dass ein anderer Mann vielleicht besser für dich wäre. Jemand, der sensibel ist, dich stärkt und unterstützt. Nicht einer, der Termine bei der Kosmetikerin für dich macht und an deinem Kleidungsstil rumkrittelt. Ganz zu schweigen von der Sache mit der Waage.«

»Oliver hat sie mir nur geschenkt, weil meine kaputt war. Das sollte nur zeigen, dass er gerne für mich sorgt. Mehr steckt da nicht hinter«, hatte ich ihre Bedenken abgewehrt. Ich bin eher der Typ Mädchen von nebenan: durchschnittlich groß (1,66), mit durchschnittlichen Haaren (schulterlang und hellbraun), durchschnittlichen Augen (ebenfalls hellbraun) und durchschnittlichen Gesichtszügen. Nur mein Gewicht, das ist überdurchschnittlich, und zwar überdurchschnittlich hoch. Doch ich war mir absolut sicher gewesen, dass all das für Oliver nie ein Problem gewesen war und auch nie eines werden würde. Aber Pustekuchen: Jetzt sitze ich hier, frisch gefeuert und mit meinem Latein am Ende. Ich schweige, Oliver schweigt, und am liebsten möchte ich mir die Decke über den Kopf ziehen und sterben. Ohne viel Tamtam. Doch dann ist plötzlich Schluss mit Denken. Stattdessen explodiert etwas in meiner Brust, wahrscheinlich mein Herz oder das ganze Cholesterin.

»Ich bin also zu dick für meinen Traumjob?!«, schreie ich so laut, wie ich noch nie geschrien habe, »ich glaube, du hast sie nicht mehr alle!«

»Lotte, komm. Lass uns ordentlich darüber reden. Ich habe nie gesagt, dass du zu dick bist.«

»Stimmt, du hast gesagt, dass Moderatorinnen schlank sein müssen und ich leider keine Moderatorin sein kann. Heißt: Ich bin zu dick. Wie sonst soll ich das denn bitte verstehen?«

Oliver schweigt.

»Weißt du was? Fick dich!«

Er zuckt zusammen. Ich auch. Wenn ich Schimpfworte benutze, dann sind diese in etwa so gesalzen wie ein Vanillepudding. Selbst in der Pubertät bin ich nie aufmüpfig gewesen. Doch jetzt, Anfang dreißig, fühlt es sich erstaunlich gut an, keine Rücksicht auf Anstand und Vernunft zu nehmen.

»Fick dich!«, wiederhole ich also und kämpfe mich wütend aus dem Bettzeug. »Ich habe dir vertraut, hörst du? Vertraut!«

Tränen brennen in meinen Augen. Meine Stimme ist rau, mein Hals heiser und mein Herz wund. »Ich dachte, wir sind ein Team. Aber von wegen. Dich kümmert doch einen Scheißdreck, wie es mir geht.«

»Das ist nicht wahr!«

Ich schnaube, während ich mit der einen Hand das Kleid unter dem Bett hervorzerre und mit der anderen nach den Sandalen taste. »Mein ganzes Leben träume ich davon, eines Tages Nachrichten zu moderieren. Darauf arbeite ich seit Jahren hin, verstehst du, seit Jahren! Tag für Tag mache ich mich in deinem dummen Sender krumm in der Hoffnung, dass sich all die Mühe einmal auszahlt. Und was machst du? Du feuerst mich! Wie soll ich denn bitte meine Miete zahlen?«

Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Matilda mich vor die Tür setzt, aber es geht mir ums Prinzip. Oliver schaut mich an und wagt es sogar, zu lächeln. »Ich habe dir doch vorhin gesagt, dass ich das alles wieder gutmache, das war kein leeres Gerede. Mir ist ja klar, dass das nicht so toll ist mit der Kündigung. Aber was hältst du davon: Du ziehst einfach bei mir ein!«

Ich stoppe in der Bewegung und starre ihn an. Er versteht das als Aufforderung, weiterzureden.

»Denn das ist das Gute daran, dass du nicht mehr im Sender bist: keine Heimlichkeiten mehr. Kein Grund mehr, zu verstecken, dass wir beide, na ja, ein Paar sind. Dann kannst du schön hier einziehen, und es macht auch nichts, dass du nichts verdienst. Ich sorge für das Geld, und du machst es uns gemütlich.«

»Ach, ist das so?«, höre ich mich fragen, »na, das ist ja großzügig. Ein Traum. Wenn das dein toller Plan ist, dann kannst du dir den sonst wohin stecken. Ich spiel doch nicht das Frauchen am Herd, während irgend so eine Tussi meinen Traumjob macht, nur weil mein eigener Freund mich zu fett findet.«

Als ich meine Stimme höre, schnell, laut und hart, bin ich plötzlich ganz schön verblüfft über die Frau, die da zum Vorschein kommt.

»Ex-Freund, meine ich«, sagt diese Frau jetzt, und ich falle fast hinten über. Habe ich das wirklich gerade gesagt?

»Aber Lotte, nun beruhige dich doch mal. Das ist doch halb so wild. Du kannst dir doch auch einen anderen Job suchen, wenn dir das so wichtig ist, ich meine, ich habe Kontakte und du selbst doch sicher auch, da finden wir schon was für dich. Gemeinsam.«

Endlich entdecke ich die Schuhe beziehungsweise einen der Schuhe. Und schon ist er wieder weg, denn meine Hand schleudert ihn unverzüglich in Richtung Oliver.

»Lotte!«, brüllt er empört, dabei habe ich ihn um einen halben Meter verfehlt, »du bist ja geisteskrank! Das kannst du doch nicht machen.«

Ohne ein weiteres Wort – und ohne Schuhe – stürme ich aus der Wohnung.

Eine halbe Stunde später sitze ich auf dem Bordstein an der Admiralbrücke und starre auf meine verdreckten Zehen. Die Sonne ist höher in den blauen Himmel gestiegen, das Wasser im Kanal glitzert, die Vögel singen und die Luft ist frisch. Doch heute kann mich nicht mal das gute Wetter trösten. Müde fische ich mein Smartphone aus der Tasche und rufe Matilda an.

»Und? Wie war es?«

»Er hat mich gefeuert, und ich hab Schluss gemacht.«

»Wie bitte?! Ist das dein Ernst?«

Ich schildere ihr in knappen Worten, was geschehen ist.

»Das tut mir so leid«, sagt sie, als ich geendet habe, »ich fühle mit dir, Charlotte, ich kann mir vorstellen, wie schlimm das für dich sein muss. Wenn die Sicherheit des Seins so heftig erschüttert wird, dann leidet die gesamte Seele. Ich meine …« Sie verstummt, und ich rechne es ihr hoch an, dass sie die Gelegenheit nicht nutzt, mich darauf hinzuweisen, dass ich wohl doch besser auf sie und ihre Sterne gehört hätte.

»Und was willst du jetzt machen?«, fragt sie mich stattdessen. Wenn sie mich sehen könnte, wüsste sie, dass ich keinen Plan habe. Menschen mit Plan hocken selten im Rinnstein.

»Keine Ahnung«, antworte ich, »erstmal muss ich mich wohl aufraffen, nach Hause zu laufen. Barfuß, wohlgemerkt. Und dann werde ich mir wohl oder übel einen neuen Job suchen.«

Matilda zieht aufgeregt Luft ein. »Warte, warte, warte«, sagt sie so drängend, als wäre ich im Begriff, ihr jeden Moment davonzurennen, »ich glaube, ich habe da eine Idee.«

»Hast du die auch in den Sternen gelesen?«

»Ach was, nein«, antwortet sie, »das wäre doch dumm, wie soll ich das denn so schnell machen? Also wirklich. Nein, die Idee kommt vom Yoga, also nicht vom Yoga selbst, sondern aus Andreas’ Freitagskurs beziehungsweise von Adrian, der immer zu Andreas’ Freitagskurs kommt. Also eigentlich nicht von ihm, also sie kommt nicht von ihm, sondern sie ist über ihn beziehungsweise sie betrifft ihn.«

»Wie jetzt?«

»Also der Adrian, der ist in Andreas’ Yoga-Kurs. Freitags. Und der hat mir letzte Woche erzählt, dass sie expandieren und dringend neue Leute suchen.«

»Beim Yoga?«

»Nein, doch nicht beim Yoga! Also du kannst natürlich gerne kommen, das sage ich dir ja lange schon, dass das der Harmonie deiner Sinne gut tun würde, aber Adrian arbeitet ja nicht im Studio, sondern bei Friendz. Mit Z.«

»Bei Friendz? Mit Z?«

»Ja, ganz genau.«

»Und was ist das?«

»Na, der Laden von Adrian.«

Etwas stößt mich heftig ans Schienbein. Ich unterdrücke ein Quietschen und gucke runter. Es ist ein Kater, hellrot und kugelrund. Seine Schnurrbarthaare stehen kreuz und quer von seinem rosafarbenen Schnäuzchen ab, und eine kleine, gezackte Narbe zieht sich über seine Stirn. Sein zuckender Schwanz ist entschieden zu kurz für seinen Körper, und sein Bäuchlein baumelt so ausladend zwischen seinen Beinen, als wäre er kein Kater, sondern ein zu klein geratenes Hängebauchschwein. Schön ist anders. Aber als er den Kopf schief legt und mich aus grünen Augen anblinzelt, bin ich trotzdem hin und weg.

»Wirklich, ich mache da einen Anruf und zack bist du drin«, sagt Matilda gerade, und ich runzle verwirrt die Stirn.

»Aber wo drin denn genau?«

Ich streichle über den Kopf des Katers, der begeistert schnurrt. Wieder einmal denke ich, wie schön es doch wäre, ein Haustier zu haben.

»Na, bei Friendz«, sagt Matilda, die zwei Kaninchen und ein Aquarium hat. Und ein Haus, einen Job und einen Mann. Die Glückliche.

»So viel habe ich verstanden, Tilli. Aber was genau machen die denn da bei Friendz?«

»Online-News!«

»Online?«, frage ich gedehnt.

»Was hast du denn jetzt?«, fragt Matilda, »du klingst ja, als wäre das Internet ein Verbrechen.«

»Nicht das Internet an sich. Ich bestelle ja selber gern im Internet, das ist so schön bequem. Nur: Shopping ist das eine, Nachrichten was ganz anderes! Ich hab halt was gegen diesen Pseudojournalismus.«

»Aber warum denn? Du postest deine Beiträge doch auch immer bei Facebook. Außerdem lese ich so was gern!«

»Ich habe mein Handwerk gelernt, mit Journalistenschule und allem drum und dran. Mir sind so Sachen wie Recherche, Faktenüberprüfung und deutsche Grammatik wirklich wichtig, verstehst du? Meine Berichte mögen sich nicht immer um die wichtigsten Themen drehen, aber ich setze sie professionell und sorgfältig um –ohne Effekthascherei. Da habe ich keine Lust, für einen Hungerlohn mit meinem Smartphone zu filmen und über virale Videos zu berichten, die mit neonfarbenen Schriften zugeknallt sind. Til Schweiger spielt schließlich auch nicht die Hauptrolle in einem YouTube-Clip.«

»Til Schweiger ist auch nicht arbeitslos.«

»Das mag ja sein, und es ist lieb, dass du mir helfen willst. Aber ich schaue lieber, ob ich nicht noch was anderes finde.«

»Vielleicht wäre sogar ein ganz neuer Anfang gut, in einem neuen Arbeitsfeld … viele wechseln Anfang dreißig noch mal den Beruf, weißt du?«

»Ich aber nicht!«, sage ich empört, »die Kamera ist mein Leben!«

»Bist du dir da sicher?«

»Absolut. Weißt du, sobald ich ein Mikro in der Hand habe, bin ich glücklich. Weil … weil ich dann genau weiß, was ich tue, verstehst du? Wenn ich im Job bin, ist alles andere vergessen. Dann habe ich einen Grund, so zu handeln, wie ich es für richtig halte. Dann habe ich das Recht, nachzufragen oder sogar unhöflich zu sein, wenn es sein muss. Sobald ich als Reporterin unterwegs bin, hat der Job Vorrang. Dann hinterfrage ich nicht, was ich tun muss, ich tue es einfach. Und das ist ein gutes Gefühl, ein richtig gutes.«

Eines, das ich sonst nie habe, vor allem nicht im Privatleben. Gut, das, Oliver anzubrüllen, das fühlte sich – trotz meines gebrochenen Herzens – irgendwie ähnlich an, aber das war auch eine Ausnahme. Eine ziemlich große.

»Okay Charlotte. Ich unterstütze dich, egal wohin dein Weg dich führt!«

Nachdem wir uns verabschiedet haben, sehe ich mich etwas ratlos um. Natürlich interessiert es hier niemanden, dass ich ohne Schuhe und im dreckigen Kleid verloren an einer Brücke sitze. Das ist das Schöne und Schreckliche an Berlin; Du musst schon mit zersägten Leichenteilen unter dem Arm über die Straße gehen, damit jemand dich wahrnimmt. Oder mit einem Model-Körper, das funktioniert vielleicht auch. Ich beiße mir auf die Zunge. Olivers Worte hallen in meinem Kopf wieder: Der Zuschauer will eine schlanke Moderatorin. Ernst, seriös und schlank, schlank, schlank.

Am liebsten würde ich mich zusammenrollen und mich selbst bedauern. Aber ich vermute, dass eine Dusche mir mehr hilft als Selbstmitleid. Gott sei Dank wohne ich nur zwei Straßen weiter. Das bedeutet aber auch, dass mein Ex-Freund-Ex-Chef-Ex-Geliebter mir quasi jederzeit über den Weg laufen kann.

»Tschüss Kater«, sage ich im Aufstehen. Der Kater legt fragend den Kopf schief. »Oder willst du etwa mitkommen?«

Tatsächlich steht der Kater ebenfalls auf. Ich mache einen Schritt nach vorn. Der Kater tut es mir gleich. Ich laufe etwas schneller und gucke über die Schulter. Er bleibt weiter hinter mir. Ich schüttle verblüfft den Kopf. Vielleicht ist der Kater ja gar kein Kater, sondern ein Hund, gefangen im falschen Körper, so wie ich: eigentlich superdünn, nur leider grade ganz schön fett. Klar, es war irgendwie schon okay mich so durchzumoppeln in den vergangenen Jahren, aber durch und durch wohl mit mir selbst habe ich mich zuletzt als Kleinkind gefühlt. Nicht nur wegen der vielen Kilos auf den Hüften, auch wegen dem, wofür sie bei mir stehen: nämlich Mangel an Kampfgeist – gerne auch Faulheit genannt.

Der Kater bleibt an meiner Seite und marschiert bis in meine Wohnung, als wäre es das Natürlichste der Welt. Verirren wird er sich auch kaum, so groß ist es hier nicht. Vom Flur geht es ins Wohnzimmer und zur Küche, die zwar eng ist, aber dank des bodentiefen Fensters wenigstens hell. Eine Wendeltreppe führt hinauf in mein Schlafzimmer und das Bad. Weil die zweite Etage früher ein eigenes Apartment war und ich keinen zusätzlichen Eingang brauche, habe ich den Flur oben zum Kleiderschrank umgebaut. Eigenhändig, versteht sich, mein Werkzeugkasten ist nämlich ähnlich gut ausgestattet wie mein Schuhregal, und ich benutze besagten Inhalt auch ebenso routiniert wie Stilettos und Stiefel. Der Kater hält sich allerdings nicht mit einer Besichtigung der oberen Räumlichkeiten auf, sondern wandert schnurstracks zu meinem Esstisch und springt hinauf. Dort lässt er sich fallen, und zwar genau in der Mitte, da, wo die Vormittagssonne durchs Fenster fällt und ein großes Viereck auf die dunkle Holzplatte zeichnet.

Eigentlich müsste ich ihn verscheuchen, bringe es aber nicht übers Herz, ihn vom Tisch zu schmeißen. Er ist einfach zu süß: Mit dem Hintern liegt er halb auf einem Buch und mit den Pfoten auf der Zeitung vom Vortag. Sein buschiger Schwanz wischt entspannt über den Griff eines geflochtenen Präsentkorbes. Ich runzle die Stirn. Ich bin mir sicher, dass da gestern noch kein Korb war. Dann erhellt sich mein Gesicht. In diesen Körbchen serviert Matilda nämlich in ihrem Yoga-Studio zum Familientreff die Dinkelbrötchen und selbstgemachte Marmelade.

Bei mir ist, wie ich kurz darauf feststelle, was anderes drin, nämlich Schokoladenkekse, getrocknete Aprikosen, Haselnüsse, Pyramidenbeutel grünen Tees, ein Riegel von Lindt und ein dünnes Buch. Es ist in einen bunten Werbeprospekt eingeschlagen. Darauf klebt ein Zettel mit der unverkennbar schwungvollen Handschrift von Matilda: »Alles-wird-gut-Paket«, steht da.

Ich bin gerührt. Während ich die Nüsse knabbere, mache ich mich daran, das ökonomisch wertvoll verpackte Geschenk auszuwickeln. »Was meinst du?«, frage ich den Kater, »vielleicht ist es ein Katzenratgeber? Könnte ja sein, dass die Sterne Tilli schon verraten haben, dass du jetzt eingezogen bist. Oder hier ein Gastspiel hältst oder was auch immer.«

Aber nein, mit Katzen hat das Buch nichts zu tun: Das Geheimnis der Selbstliebe – 15 kurze Listen für ein besseres Leben.

»Aha«, sage ich etwas ratlos, »und was soll ich jetzt damit?«

Weil mir nichts Besseres einfällt, lese ich erst einmal den Klappentext, und zwar laut, der Kater soll schließlich auch was davon haben.

»Besiegen Sie den inneren Kritiker«, deklamiere ich, »und erkennen Sie Ihren eigenen Wert. Finden Sie achtsam und aufmerksam zu einem neuen Lebensgefühl – ganz ohne Zweifel und Ängste. In unterhaltsamen, lebensnahen Beispielen gibt Dr. Rebecca Hagenbeck wertvolle Tipps. Amüsant verfasst und gut umsetzbar! Mit Übungen.«

Gerade als ich mich gemütlich neben den Kater setzen und das Buch aufschlagen will, klingelt das Telefon. Ich greife ohne großes Nachdenken zum Hörer.

»Mai?«

»Hallo, Frau Mai, Ingo Prinz mein Name, von Umfrageinstitut Quotara! Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich?«

»Also eigentlich …«

»Es dauert nur eine Minute!«

»Ich bin im Moment sehr beschäftigt …«

»Es geht ganz schnell, versprochen!«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und verfluche nicht zum ersten Mal meine Entscheidung, in Sachen Telefon voll auf Retro zu setzen. Der Apparat verströmt Dank schauerlichem Beige, fester Wandverkabelung und Wählscheibe zwar echten Siebziger-Charme, hat aber den entscheidenden Nachteil, dass ich nie sehen kann, wer mich anruft. Und die Jungs von Quotara rufen oft an. Sehr oft. Und zwar immer genau dann, wenn ich wirklich keine Zeit habe.

»Ich habe doch erst vor zwei Tagen mit Ihnen gesprochen …«

»Da ging es um Politik! Jetzt geht es um Kind und Karriere!«

Ich stöhne. Genau mein Thema im Moment.

»Ich merke schon, das liegt Ihnen am Herzen!«

Ich setze an, den gut gelaunten Ingo abzuwürgen, aber als trainierter Telefonterrorist weiß er, dass er mich am besten gar nicht erst zu Wort kommen lässt.

»Gut«, sagt er geschäftig, »kurz ein paar Abfragen für die Statistik: Leben Sie allein im Haushalt?«

Da der Kater wohl nicht zählt, antworte ich mit ja. Obwohl ich eigentlich viel lieber nein sagen würde, nämlich zu dieser ganzen Umfrage. Trotzdem mache ich brav mit, denn ich will trotz meiner Abneigung nicht unhöflich sein, der Mann macht schließlich auch nur seinen Job. Und jetzt, wo wir bereits angefangen haben, wüsste ich ohnehin nicht, wie ich abbrechen soll, ohne mich komplett mies dabei zu fühlen. Also alles wie immer, wenn diese Anrufe kommen.

»In welcher Gehaltsklasse sind Sie. Ich zähle mal auf …«

»Ähm, eigentlich bin ich gerade arbeitslos.«

»Und Ihr Alter?«

»Zweiunddreißig.«

»Familienstand?«

»Ledig.«

»Kinder?«

»Nein.«

Mit jeder kleinlauten Antwort sacke ich mehr in mich zusammen.

»Wunderbar«, ruft Ingo, als wir durch die Folter der Statistik durch sind, »dann fangen wir mal an: Wie wichtig finden Sie die Frauenquote?«

»Ähm. Wichtig? Also es sollte definitiv mehr Frauen in Führungspositionen geben«, stottere ich, »wenn da nur eine Quote hilft …«

Ich starre auf die Wanduhr, während Ingo mich weiter mit Fragen zur Frau im Allgemeinen und ihrer Funktion in der Gesellschaft im Besonderen traktiert. Nach vierzehneinhalb endlosen Minuten scheint er endlich am Ende seiner Forschungsorgie angekommen zu sein.

»Letzte Frage: Wenn Sie sich frei entscheiden könnten, welches Leben würde Sie am liebsten führen?«

»Ähm, wie jetzt, frei entscheiden?«

»Wenn jedes Familien- und/oder Karriere-Modell für Sie zugänglich wäre, welches würden Sie wählen?«

»Ähm … Karriere? Ja. Ja, auf jeden Fall: Karriere. Ich wäre gern erfolgreich im Beruf.«

»Auch auf Kosten des Privatlebens?«

Ich zögere und lasse meine letzten Lebensjahre im Eilverfahren Revue passieren. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich beruflich vor mich hingedümpelt und gehofft, dass ein wenig nett und freundlich sein schon ausreicht, um irgendwann nach oben zu kommen. Statt Fortbildungen zu besuchen oder Überstunden zu machen, habe ich lieber zu Hause rumgesessen und gelesen oder mit Matilda gemütlich ein Glas Wein getrunken. Auch mit Oliver habe ich viel zu wenig über unseren Job geredet und viel zu viel über irgendwelche unwichtigen Alltagsdinge.

»Ja!«, antworte ich entschlossen, »man muss Prioritäten setzen. Und wenn man ein hohes Ziel hat, dann muss man bereit sein, dafür auch Opfer zu bringen!«

»Das war es auch schon, vielen Dank. Dürfen wir Sie wieder anrufen?«

»Ja klar«, sage ich und möchte mich im selben Moment kräftig ohrfeigen. Dass diese Typen es aber auch jedes Mal schaffen, mich kleinzukriegen! Bevor ich meine Zustimmung zurücknehmen kann, hat Ingo aufgelegt. Nun, dann eben beim nächsten Mal.

Seufzend wende ich mich wieder dem Selbsthilfebuch zu. Doch es ist wie verhext: Noch ehe ich es aufgeschlagen habe, klingelt es schon wieder, diesmal an der Tür. Ich fahre erschrocken zusammen. Mein Puls fällt in einen Jagdgalopp. Matilda hat einen Schlüssel. Das kann nur eines heißen: Oliver steht vor der Tür.

Schock weicht Hoffnung und Hoffnung blitzschnell Wut: Wenn er meint, ich wäre jetzt erleichtert, dass er mir nachrennt, dann hat er sich geschnitten. So schnell verzeihe ich ihm ganz sicher nicht. Instinktiv ziehe ich den Bauch ein, als ich in den Flur gehe, allein schon der geraden Haltung wegen. Als ich die Tür öffne, glaube ich zu fühlen, wie mein Herz aussetzt. Dann schlägt es aber doch einfach weiter, vielleicht weil es nicht Oliver ist, der vor mir steht, sondern Frau Mai aus dem Dachgeschoss, die vornehme alte Dame, die das Unglück hat, sich mit mir den Nachnamen zu teilen.

»Frau Mai!«, ruft sie nun aus und zupft an ihrer jadegrünen Seidenbluse. Meine Namensgenossin ist über achtzig und immer so angezogen, als ginge sie gleich auf eine Filmpremiere. Einmal habe ich sie auf einer Demo getroffen, und selbst da trug sie ein hellblaues Etuikleid. Wobei dieser elegante Aufzug sie nicht davon abgehalten hat, sich die Seele aus dem Leib zu schreien und ein Nazis-raus-Plakat zu schwingen. Heute kommt sie allerdings ohne meinungsbildende Utensilien aus. Dafür trägt sie ein kleines gelbes Pillbox-Hütchen.

»Hallo, Frau Mai«, grüße ich zurück, »was gibt es denn?«

»Ich hab schon wieder Post von Ihnen!«, erklärt sie fröhlich und winkt mit einem grauen Fensterumschlag. Dann zeigt sie auf das Selbsthilfebuch in meiner Hand. »Oh, Sie lesen das gerade?!«, fragt sie begeistert, »das ist ja toll, das hat Ihnen doch sicher unsere Vermieterin gegeben? Frau Engelbert? Sie sind doch befreundet, nicht wahr?«

Ich nicke, aber höre ihr nur mit halbem Ohr zu. Denn mit Argusaugen habe ich den Schriftzug auf dem Umschlag erspäht: der Otto-Versand. Ich denke an meinen neuen Laptop und an die Waschmaschine und an das Bett und an die Klamotten, und mir wird ein bisschen übel.

»Sind wir«, sage ich kläglich, »und hat sie.«

»Das dachte ich mir«, erklärt Frau Mai, »die Frau Engelbert ist eine sehr sensible junge Dame, da wundert es mich nicht, dass sie ein Gespür für diese Dinge hat. Ich glaube wirklich, dass dieses Buch Menschen helfen kann.«

»Wollen Sie es sich ausleihen?«, frage ich hoffnungsvoll. Ich spekuliere auf einen diskreten Geiselaustausch: Buch gegen Briefumschlag. Aber Frau Mai schüttelt den Kopf, wobei das Hütchen auf ihren aschblond gefärbten Haaren fröhlich hin und her wippt.

»Nein, nein«, sagt sie, »ich habe es schon gelesen.«

Sie beugt sich vor und zwinkert mir verschwörerisch zu. »Mir hat es geholfen. Sie wissen ja, wie schüchtern ich bin.«

Ich starre sie ungläubig an. Ich hätte vermutet, dass sie sich höchstens vor Flecken auf ihren Kostümen fürchtet, aber ganz sicher nicht vor der Kritik anderer Menschen.

»Ich freue mich schon drauf, es zu lesen. Aber jetzt bin ein bisschen in Zeitdruck.«

»Die fleißige Frau Mai, selbst am Sonntag keine Ruhe. Aber was soll ich sagen, das liegt wohl am Namen, ich bin ja auch immer nur am Schaffen und Tun, und wissen Sie was? Das ist auch gut so, da kommt man nicht auf dumme Gedanken!«

Meine Post behält sie trotzdem.

»Der Brief?«, frage ich also, und sie schreckt auf.

»Ach so, natürlich!«

Kaum dass wir uns verabschiedet haben und die Tür ins Schloss gefallen ist, reiße ich hektisch den Umschlag auf. Vielleicht hätte ich das lieber gelassen, denn wie schon vermutet enthält er keine tollen Sonderangebote, sondern eine fette Rechnung. Eine Rechnung über 4698,95 Euro. 4698,95 Euro, die ich beim besten Willen nicht bezahlen kann, solange ich keinen Job habe. Was übersetzt heißt: Entweder ich gewinne wirklich im Lotto, oder ich schlucke keine Schokolade mehr – sondern nur noch meinen Stolz.

Dr. Hagenbecks Selbsthilfe-Tipps
Fünf Argumente für die Selbstliebe

1. Schärfen Sie Ihren Blick: Wenn wir lernen, uns zu lieben, fällt es uns leichter, Anforderungen gerecht zu werden und Ziele zu finden, die uns glücklich machen!

2. Sorgen Sie für Katastrophenschutz: Wer innerlich gefestigt ist, der wankt auch wenig, wenn es draußen stürmt. Sie können also produktiver mit negativen Momenten umgehen.

3. Geben Sie die Liebe weiter: Wenn Sie mit sich im Reinen sind, können Sie auch andere mehr lieben – schließlich sind Sie darin geübt, wenn Sie das bei sich selbst gelernt haben!

4. Seien Sie gerecht mit sich: Denn so wenig, wie Sie einen geliebten Menschen ausschließlich über seine negativen Seiten definieren, so wenig sollten Sie das bei sich tun.

5. Geben Sie sich nicht auf: Egal wie lange man sich schon mit Selbstzweifeln quält: Man kann dieses Gefühl ändern!

Kapitel zwei

Adrian Salzleder sieht aus wie ein Mett-Igel mit Hornbrille und spricht so hell und hoch wie ein Kastrat. Aber wenigstens trifft er schnelle Entscheidungen.

»Du kannst sofort anfangen«, quietscht er nach einem flüchtigen Blick in meine Unterlagen, »du hast gesagt, du kannst was und du willst was, und das ist alles, was wir wollen: dass man will. Dass man sich reinhängt. Engagement zeigt.«

»Ich bin immer engagiert«, versichere ich, »ich war auf einer Waldorf-Schule.«

»Das ist gut, wirklich! Ohne Engagement kann man nämlich nichts Visionäres aus dem Himmel stampfen, schon gar nicht in diesen Zeiten, aber das macht nichts, wir sind der Zeit ohnehin voraus! Die Uhren laufen hier nämlich schneller, und ohne Engagement geht da natürlich gar nix. Da beißt der Hase kein Öhrchen ab.«

Ich runzle irritiert die Stirn, aber mein neuer Chef schaut nur gebannt auf seinen Schreibtisch. Vielleicht sind auf seiner neongrünen Unterlage noch mehr verdrehte Weisheiten notiert. »Da liegt der Rettich im Pfeffer«, sagt er nachdenklich, »im Engagement.«

Ich nicke. Matildas Yoga-Bekanntschaft Adrian hatte Gott sei Dank nicht nach einem Empfehlungsschreiben gefragt; dem eiskalten Schweigen nach, mit dem Oliver mich straft, hat mein ehemaliger Chef und Liebhaber gerade nicht viel Gutes über mich zu berichten. Trotz meiner Wut tut die Funkstille weh, vor allem wenn nichts mich ablenkt. Wie eine kleine Nadel im linken Lungenflügel, die ausgerechnet dann ganz besonders sticht, wenn man tief durchatmen will.

»Na, das ist doch wunderbar, ganz phantastisch, dann sind wir uns doch tiptop einig, das ist doch prima.«

»Mehr als prima! Überprima.«

Tatsächlich ist es hier auf den ersten Blick nicht so übel, wie ich vermutet habe. Friendz sitzt in der obersten Etage eines ehemaligen Fabrikgebäudes in der Nähe des Ostbahnhofs. Statt dem üblichen Riesenraum, in dem dreißig Redakteure sitzen, gibt es hier kleine Gruppenbüros, allesamt mit einer persönlichen Note; eine schillernde Tapete und eine exotische Pflanze hier, ein Ölgemälde oder ein Poster dort.

Adrian steht jetzt von seinem Drehstuhl auf und kommt um den Schreibtisch herum, um mir beschwingt die Hand zu schütteln.

»Willkommen unter Friendz«, sagt er und winkt mich in den Flur. »Heute machst du mal locker«, entscheidet er, während ich ihm brav hinterherdackle, »schaust erst mal, wie unsere Abläufe so sind, was hier so passiert, lebst dich ein. Magst du Espresso? Wir haben eine neue Maschine. Unsere Schnitträume sind eine Etage tiefer, da haben wir auch den technischen Kram; DLSRs, die 5D natürlich, kein EB allerdings, das ist zu sperrig. Besser viele kleine Tauben als einen großen Spatz!«

Mir schwirrt der Kopf. Selbst wir als Lokalsender haben uns einen anständigen Kameramann gegönnt. Mein Grinsen bei der Erinnerung an den jugendlichen Richard mit seinem roten Käppi erlischt allerdings sogleich wieder, als mir klar wird, dass es dieses wir, an das ich da denke, gar nicht mehr gibt. Kiez TV ist nicht mehr wir. Wir sind jetzt Friendz.

»Ach so, und ein Studio haben wir auch da unten.«

»Wirklich?«

»Ja, ja«, bestätigt Adrian, der mittlerweile vor einer geschlossenen Tür am Ende des Flurs stehen geblieben ist, »online heißt frisch, nah, direkt. Deshalb senden wir jeden Morgen zwei Stunden im Livestream. Über alles, was abgeht, Promis, Trends, ein bisschen Politik. Grandiose Klickzahlen haben wir da! Ich plane jetzt auch abends eine Sendung. Eine ganz heiße Nummer wird das, ein echter Coup. Lifestyle live, hot, hot, hot. Deshalb müssen alle extra Engagement zeigen.«

»Habt ihr denn für diese neue Sendung schon alle Leute zusammen? Redakteure und so?«, frage ich. Meine Stimme klingt gelassen, aber mein Puls schlägt schneller. Online hin und her: Sollte es hier überraschend die Möglichkeit geben, meine Moderationstalente in einer Livesendung zu beweisen, dann werde ich diese ganz sicher ergreifen. »Ich bastle da noch ein bisschen rum«, antwortet Adrian vage, und bevor ich nachhaken kann, ob er sich denn schon eine passgenaue Moderatorin zurechtgeschnitten hat, hat er schon die Tür aufgerissen. »Das ist Sandrine!«, ruft er, »Sandrine, das ist die Charlotte, die sitzt jetzt bei euch!«

Im Büro steht eine Blondine mit Bräune und Wespentaille. Sie blinzelt mich aus tiefdunkelblauen Kulleraugen an. Ihre zartrosa bemalten Lippen, voll und herzförmig, verziehen sich zu einem Lächeln, als sie um den Schreibtisch herumkommt und mir die Hand reicht.

»Hallo, Charlotte«, sagt sie. Sie klingt wie Zucker und Zitrone zugleich, eine süßsaure Mischung mit einem Schuss teurem Alkohol. Ein Whisky Sour auf zwei Beinen. »Es freut mich, dass endlich noch jemand im Büro sitzt. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns!«

»Sandrine kann dir auch gleich alles zeigen«, schaltet sich Adrian wieder ein, »sie ist am häufigsten unten. Sandrine ist die Moderatorin von Liveflash

War ja klar: Das pseudo-französische Supermodel ist die mit meinem Traumjob. »Natürlich«, rutscht es mir sarkastisch heraus. Die beiden blicken mich überrascht an. Innerlich bricht so etwas wie Panik in mir aus. Äußerlich allerdings bleibe ich cool. Es gehört schließlich zur Grundausstattung einer guten Reporterin, sich im Sekundentakt der aktuellen Lage anzupassen oder wenigstens so zu tun, als hätte sie die Dinge unter Kontrolle – selbst wenn in Wirklichkeit nichts mehr hilft als sanfte Gebete und eine beinharte Valium. »Ich meine, ich finde das großartig, dass du das machst«, sage ich strahlend, »einfach super. Awesome. Ein toller Job, um nicht zu sagen der beste, und ich glaube gern, dass Sandrine … Sandrine, ja? Dass Sandrine absolut perfekt dafür ist, das sieht man ja gleich. Und hört man. Eine tolle Stimme hast du.«

»Danke«, antwortet Sandrine, »für meine Stimme habe ich schon viel Lob bekommen. Allerdings ist das wohl eher unverdient, schließlich bin ich schon so geboren! Aber trotzdem danke für das Kompliment.«

Sie sagt das alles ziemlich unblasiert. Vielleicht kann sie ja auch für die Figur nichts. Einfach angeboren.

»Was ist denn das für einen Menschenauflauf?«, schallt es von hinten, und ich drehe mich nach der tiefdunklen, aber heiteren Stimme des Neuankömmlings um. Dabei sehe ich, dass die andere Hälfte des Büros bunter ist als die von Sandrine: Punkband-Poster, Gitarren-Bilder und Eintrittskarten hängen dort an der Wand, und auch der Schreibtisch ist über und über mit Kram bedeckt. Vor mir steht ein junger Mann in den Zwanzigern, von dem ich kurz vermute, er habe sich auf der Suche nach dem neusten Geheimtipp-Club im Gebäude geirrt. Seine Haare sind eisgrau gefärbt und zum Bob geschnitten, die Augen unter dem langen Pony glitzern tiefdunkelbraun und sind von kohlschwarzem Eyeliner umrahmt. Er trägt eine glänzende Leggings mit Regenbogenstreifen, ein weißes weites T-Shirt, auf dem in Neonorange der Schriftzug Fuck Donald prangt und zerfetzte pinke Boots mit goldenen Schnürsenkeln. Außerdem dürfte er noch gut zwanzig Kilo mehr wiegen als ich.

»Ich bin Julian«, sagt er und kommt beschwingt ganz ins Büro marschiert, wobei er Adrian fast an der Wand zerdrückt und Sandrine keines Blickes würdigt, »du bist der dritte Tisch? Na endlich! Ich liege Adrian schon seit Ewigkeiten in den Ohren, dass wir Redakteure brauchen. Du …?«

»Charlotte«, antworte ich verblüfft.

»Ich lasse euch mal allein, ich hab Termine«, lässt sich unser Chef vernehmen, »wir klären dann morgen dein Aufgabengebiet, Charlotte! Ich muss jetzt dringend mit Lagerfeld sprechen.«

»Dem Designer?«

»Dem Kameramann«, erklärt Sandrine, weil Adrian schon weg ist, »soll ich dich mal rumführen?«

»Das kann ich doch auch machen, Engelchen«, flötet Julian und beugt sich vor, um Sandrine Hand zu tätscheln, die ihr Gesicht sogleich säuerlich verzieht und nach hinten weicht. Ich bin ganz klar zwischen etablierten Feindeslinien gelandet. »Gern, Julian«, sagt Sandrine jetzt erzwungen höflich, »wie du möchtest. Das ist doch in Ordnung, Charlotte, oder?«

Als Julian mich aus dem Büro gezogen hat, lacht er herzlich und knufft mich in die Seite. »Lass dich nicht irritieren von uns, Charlie«, sagt er, und irgendwie gefällt es mir, dass er mich Charlie nennt. Das klingt viel cooler als das »Lotte« von Oliver. Ich muss grinsen. »Sag mal, weißt du zufällig, was genau Adrian mit mir vorhat? Das Bewerbungsgespräch eben ging so schnell, da hatte ich kaum Zeit ›Danke‹ zu sagen.«

»Ja, ja, so ist er meistens, der kleine Superboss. Voll dabei und trotzdem planlos.«

Julian unterbricht sich, um mich kurz einer hochgeschossenen Mittdreißigerin vorzustellen, deren Namen ich sofort wieder vergesse, und zieht mich dann in einen Raum, der sich als Küche entpuppt. Es ist gemütlich hier. In der Mitte stehen ein Tisch aus Akazienholz mit passenden Stühlen, und auf der Theke gibt es nicht nur die gerühmte Kaffeemaschine, sondern auch Müslis, eine Obstschale und mehrere Flaschen mit Wasser. Die Spüle ist sauber, die Hängeschränke passen zum Rest der Möbel, und der Fernseher über der Tür ist auf stumm geschaltet, was keine Selbstverständlichkeit ist in einem Medienbüro.

»Ich würde mir aber keine Sorgen machen, Schnucki«, nimmt Julian den Faden wieder auf, während er den Kopf in den Kühlschrank steckt, »hier gibt es mehr als genug zu tun.«

»Wegen der neuen Sendung?«

»Pff, Adrian hat doch eh jeden Tag vier neue Ideen, da ist dieser abendliche Live-Kram nur eine von. Ich hab damit aber sowieso nichts zu tun, ich berichte nur über Film und Musik, da kriegt mich auch keiner von weg.«

»Ja, wenn man einmal was gefunden hat, was einen wirklich glücklich macht …«

»Genau!« Julian kommt von seinem Tiefkühlgang zurück. Er ist mit zwei Kuchenstücken bewaffnet, die aussehen, als hätte er sie frisch vom Konditor geholt. Ich bedanke mich artig für die köstliche Verpflegung. Es wäre schließlich wirklich unhöflich, wenn ich Julian alleine futtern ließe. »Dann sag doch mal, Charlie-Babe, was ist dein Glücksthema?«

»Mein Glücksthema? Also ehrlich gesagt …«, ich zögere, unsicher, ob es klug ist, meine Karten offen auf den Tisch zu legen. Andererseits hat Julian ja schon klar gemacht, dass er mit seinem Job zufrieden ist, insofern muss ich wohl keine Konkurrenz fürchten. »Ehrlich gesagt würde ich gern moderieren.«

»Verstehe, Schätzchen. Tja, kann durchaus sein, dass er dir da die Chance gibt. Also an deiner Stelle würde ich ihn mal fragen …«

Aufgeregt stelle ich meine Tasse ab. »Meinst du wirklich?«

»Klar, warum nicht? Gut möglich, dass du ruckzuck das neue Format-Face wirst. Das heißt, wenn Sandrine da nicht schon dran ist. Unser Eisengel teilt das Rampenlicht nur äußerst ungern.«

Ich lächle beseelt und denke mir, dass dieser Job bei Friendz