Hans Meyer
zu Düttingdorf

DAS
BANDONEON

Bild ROMAN

in enger Zusammenarbeit
mit Juan Carlos Risso

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0745-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung büro Süd

unter Verwendung eines Motivs von © Paulo Santos photography/getty-images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

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Dankeschön

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1.

Titel

Da saß sie nun inmitten gepackter Kisten und letzter Möbel. Christina hielt eine Handvoll alter Fotos zwischen den Fingern – der Urlaub in Niendorf an der Ostsee, Fotos der unzähligen Wochenenden am Wannsee, Christina mit Schultüte und gelbem Kopftuch der Verkehrswacht – auf der Rückseite dieses Fotos hatte Mutter »Christinas erster Schultag« geschrieben. Sie musste lächeln über die liebevolle Überflüssigkeit dieser Notiz. Christina wollte nicht weinen, nicht jetzt, wo jeden Augenblick die Entrümpler in der Tür stehen würden.

Ihre Mama. Sie zwei waren es, die das Leben gemeinsam meisterten. Ein Leben mit einem viel zu früh verstorbenen Ehemann, einem nie gekannten Vater. Ein Leben voller Stolz, Zuneigung und auch Abhängigkeit voneinander. Wie wenig doch davon übrigblieb – diese paar Kisten, Möbel und einige Fotos, deren Ränder sich bereits wölbten. Christina hatte das Gefühl, die vergilbten Siebziger-Jahre-Fotos deckten sich mit den Farben ihrer Erinnerungen.

Sie hatten es beide gewusst – gewusst, dass ihre Mutter es diesmal nicht überstehen würde. Auch wenn Christina und sie niemals darüber sprachen. »Wir schaffen das schon.« So als könne man ein nahendes Gewitter dadurch aufhalten, dass man ihm den Rücken zudreht. Alles ging so furchtbar schnell. Dieser erste Anruf damals, ihre Mutter mit entkräfteter Stimme: »Kind, ich habe da was im Bauch.«

Noch immer wagte Christina nicht das Wort »Krebs« auszusprechen. »Ich habe da was im Bauch …« war so aggressiv, dass unmittelbar nach der Diagnose Operation und Chemo folgten. Schmerzen, unsägliche Übelkeit, Perücke, Angst, Hoffnung, gute Diagnose, vier Wochen Vertrauen in die Milde des Schicksals – wir schaffen das schon – und schließlich das niederschmetternde Urteil: Es war zu spät. Der rasante Verfall ihrer Mutter ließ keinen Platz für Zweifel. Nein, sie hatten es nicht geschafft. Und nun saß sie hier in der fast ausgeräumten Wohnung, wartete darauf, dass die Entrümpler auch noch das letzte bisschen greifbare Existenz mitnahmen, und konnte ihre Tränen nicht aufhalten.

Ein Klingeln riss Christina aus ihren Gedanken. Sie stürzte zur Tür, bemerkte dabei, dass es nicht die Türschelle war, sondern ihr Handy. »Bernd« stand auf dem Display. Bernd hatte ihr in diesem Moment gerade noch gefehlt. Er war der Mann, mit dem sie ihr Leben teilte. Zumindest hatte sie das seinerzeit vorgehabt, als sie ihm glücksdurchströmt ihr Ja-Wort entgegenhauchte. O nein, diese Baustelle wollte sie nun definitiv nicht auch noch in ihre Gedanken lassen. Die Entscheidung »wegdrücken« oder »rangehen« wurde ihr von den an der Eingangstür klingelnden Entrümplern abgenommen. Als sie die Tür öffnete, spiegelte sich in der Miene ihres Gegenübers Christinas Befürchtung wider: Ihr Make-up hing als zwei schmuddelig schwarze Flussdeltas unter ihren geröteten Augen … Mist, es musste doch nicht jeder gleich sehen … Warum eigentlich nicht? Warum sollte nicht jeder gleich sehen, dass – ja, genau, dass …

»Ja, das kann alles mit, außer den Fotos hier auf der Kiste. Warten Sie, ich packe die Bilder schon weg … vielen Dank … ja, ich weiß, schade um die schöne Ledergarnitur – vielleicht können Sie sie ja … Ach ja, natürlich, wenn Sie jede Sitzgarnitur nehmen wollten … schon klar … war ja nur so eine Idee … vielen Dank … ja, meine Mutter … ist nicht leicht, nein, bitte, nehmen Sie jetzt die Sachen mit, je schneller, desto besser, so wird es einfacher für mich sein – vielen Dank …« Bei so vielen »Vielen Danks« hätte Pit ihr einen Artikel komplett gestrichen. Voraussichtlich mit einer treffenden Bemerkung wie: »So viele Wörter hat die deutsche Sprache – warum benutzt du sie nicht?« Christina musste bei dem Gedanken an ihren Redaktionschef lächeln.

»Dieses Foto war noch hinter der Kommodenschublade eingeklemmt.« Der Packer reichte ihr ein uraltes Schwarz-Weiß-Foto mit irgendeinem Musikensemble drauf.

Es war eine alte Postkarte. Christina steckte sie zu den anderen Aufnahmen in ihrer Tasche. Dann schleppten diese Männer also das Leben ihrer Mutter aus der Wohnung und damit auch einen Teil ihres eigenen Lebens. Sofa, Sessel, Regale, das Schlafzimmer mit Doppelbett, in dem die zweite Hälfte immer leer war.

Ob Mutter wohl jemals wieder …?

Christina ging in die Küche. Wenigstens konnten die Küchenmöbel in der Wohnung bleiben. Wäre auch schade drum gewesen. Die Küche war doch noch so gut wie neu. Christina schaute aus dem Küchenfenster auf die Baumkrone im Hinterhof. Ihre Mutter liebte diesen vierten Stock.

»Ich will nichts über mir haben, das mir auf die Schultern drückt«, hatte sie gesagt. Sie hatte deshalb immer im obersten Stock wohnen wollen, nur noch das Dach und den Himmel über sich. Ob Christina denn nicht auch bemerke, wie sich Licht und Energie in einem Haus beim Übergang vom dritten in den vierten Stock änderten?

»Ich merke nur, wie sich meine Energie ab ungefähr dem zweiten Stock langsam aufbraucht, wenn ich dir deine Wasserkisten schleppe«, hatte sie damals geantwortet.

Ihre Mutter hatte nur gelacht. Wenn Mutter doch wenigstens einen Fahrstuhl gehabt hätte. Vielleicht hätte sie dann sogar in ihrer Wohnung etwas länger bleiben können. Die Stimme des Entrümplers riss Christina aus ihren Gedanken. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Wohnung so gut wie leer war.

»Sie sind ja schon fast fertig.«

Der Mann gab ihr mit kräftigem Druck die Hand und verabschiedete sich. »Sollen wir die Tür zuziehen?«

»Ja, bitte.«

Nun hallten Christinas Schritte in der leeren Wohnung. Wie kalt und grau plötzlich alles war und wie heruntergekommen so eine ausgeräumte Wohnung aussah. All die Tapetenränder von nicht mehr existenten Möbeln und Bildern. Umrisse einer Erinnerung, Schattenwürfe eines Lebens. Einmal noch durchatmen, einmal noch die wieder aufsteigenden Tränen unterdrücken und dann gehen. Es war alles mit der Hausverwaltung geregelt. Christina würde den Schlüssel in den Briefkasten werfen und später die Renovierungskosten begleichen. Ein neuer Mieter sei schon gefunden.

Ein neuer Mieter, wie seltsam das klang. Das war doch die Wohnung ihrer Mutter. Hier war Christina selbst aufgewachsen, in diese Wohnung gehörten doch nur Mama und sie.

Nun zog sie also tatsächlich die Tür ein letztes Mal hinter sich zu. Abschließen lohnte nicht, war ja außer der Einbauküche nichts mehr drin. Christina zögerte am Briefkasten. Wenn sie den Schlüssel jetzt hineinwarf, gab es wirklich kein Zurück mehr. Tief einatmen, Metall fiel auf Metall, dann schnell raus an die frische Luft, sich den leichten Wind ins Gesicht wehen lassen, vielleicht trocknete er ja die Tränen. Ihr verwüstetes Make-up war Christina egal. Sie schaltete das Handy aus und ging ziellos durch die Straßen. Nur nicht umdrehen, nach vorne schauen.

»Mama, ich vermisse dich!«

Das Gehen tat ihr gut. Sie schaute sich die Häuser an. Breite Bürgersteige vor den Altbaufassaden. Sie liebte dieses alte Berlin, hinter dessen Fenstern sich so viele Geschichten verbargen. Sie liebte es, sich vorzustellen, wer wohl in diesen Wohnungen gelebt hatte, wie sie einst eingerichtet waren. Wer hatte denn früher eigentlich in den Ein-Zimmer-Wohnungen im Hinterhaus gelebt? Waren es die Angestellten der herrschaftlichen Vorderhaus-Bewohner? Im Vergleich zum so genannten modernen Wohnungsbau waren allerdings auch diese Hinterhauswohnungen nahezu prunkvoll. Wenn sie an das Fünfziger-Jahre-Loch dachte, in dem Bernd und sie ihre Mainzer Studienzeit verbracht hatten, glich jedes Treppenhaus eines Altbaus tatsächlich einem Palastaufgang.

Als Journalistin interessierte sie sich dagegen gerade für die anderen Bezirke: Berlin, du kannst so hässlich sein … Straßen, auf denen wilde Müllentsorgung zum Routinebild gehörte, Hochhauskolonien, die die Sonne nahmen, oder auch diejenigen Bezirke, die eher wie eine provinzielle Vorstadt in Westdeutschland aussahen.

Schließlich stand Christina vor ihrer Haustür. Sie war selbst überrascht, wie sie, ohne zu denken, den Weg genommen hatte. Sie stand im Eingangsflur mit seinen hohen Decken und öffnete mechanisch den Briefkasten. Die Umsonst-und-werbungtriefende-ein-Wochen-Fernsehprogrammzeitschrift warf sie, eingeschweißt, wie sie war, in den bereitstehenden Papierabfall.

Heute lieber Treppe als Fahrstuhl.

»Merkst du nicht, wie sich Licht und Energie vom dritten auf den vierten Stock eines Hauses ändern?«

Sie schloss die diversen Schlösser auf. Bernd war ein Sicherheitsfanatiker.

»Wofür brauchen wir diese vielen Schlösser und Riegel? Sollte unser Haus mal einstürzen, wird als Einziges unsere Tür abgeschlossen bis zum Schluss in ihrer Zarge verharren. Das ist doch total überflüssig, wir leben hier in Berlin und nicht in Takatuka-Land«, hatte ihm Christina einmal vorgeworfen.

»Sei froh, dass wir nicht in Takatuka-Land sind, sonst würdest du nämlich das Feuer bewachen und die Höhle sauber halten müssen. Aber das letzte Mal, dass du einen Staubwedel in der Hand hattest, war ja wohl, um ihn mir zu schenken. Und…«, war Bernd seinerzeit fortgefahren, »man kann überhaupt nicht vorsichtig genug sein. Auch in Berlin werden viele Wohnungen aufgebrochen. Glaubst du denn, unsere Versicherung würde auch nur einen Cent bezahlen, wenn wir nicht unsere Wohnung vernünftig sichern?«

»Versicherung! Bernd, dein ganzes Leben ist doch eine einzige Versicherung. Sei doch mal lockerer. Und sei mal kreativer. Als Mathematiker kann man so tolle Sachen machen, zum Beispiel … na ja, das wirst du doch wohl selbst viel besser wissen als ich. Warum kannst du dich nicht einmal von deiner Existenzangst freimachen und dich von deinem völlig unangemessenen Verwaltungsposten lösen? Du hast damals doch das beste Examen gemacht, dir hätten alle Türen offen gestanden.«

»Nun tu mal nicht so tun, als hättest du nicht auch schon oftmals von meinem sicheren Einkommen profitiert. Bin ich dir nicht genug? Wenn du allerdings auf Yachten und Schickimicki stehst, das kann ich dir in der Tat nicht bieten. Das hatte ich aber auch niemals vor. Lass mich einfach auch mal mein Leben leben. Es tut mir leid, wenn deine Vorstellungen davon nicht mit meinen eigenen übereinstimmen. Ist es dir denn eigentlich nicht klar, dass du deine gesamte freiberufliche journalistische Karriere nur deswegen durchziehen kannst, weil ich jeden Monat sicheres Geld nach Hause bringe? Glaubst du denn wirklich, dass uns die Bank auch nur das Schwarze unterm Fingernagel gegeben hätte, um diese Wohnung hier zu finanzieren, wenn ich nicht meine unkündbare Stelle als Sicherheit zu bieten gehabt hätte?«

Ihre Beziehung wurde immer häufiger von diesem Kräftemessen bestimmt. Streit ohne Versöhnung. Keine Umarmung, kein »Sorry, tut mir leid!«, kein »Ich weiß auch nicht, was mit mir los war!«, oder ein »Soll ich wirklich hier die Höhle bewachen?«. Stattdessen nur Schweigen. Ein Schweigen, das eine Leere beschrie, die zwischen ihnen waberte. Rückzug in Arbeitszimmer und Wohnzimmer, Computer an, Fernsehen an. Schweigen. Nach einiger Zeit dann: »Willst du auch was essen? Ich mache einen Salat«.

»Ja, von mir aus.« Essen ohne Worte, Kauen vom TV-Ton übertönt.

»Was guckst du denn da?«

»Irgendeine Doku über den Panamakanal.«

»Ah ja.« Und wieder Schweigen. Es wurde spät genug, einer von ihnen konnte müde sein und ins Bett gehen, ohne dass es unglaubwürdig wirkte.

»Ich gehe schon mal schlafen.«

»Ich komme später nach.«

Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sie getrennte Schlafzimmer hätten. Aber wie, in einer Drei-Zimmer Wohnung mit steuerlich absetzbarem Arbeitszimmer?

Christina betrat die leere Wohnung. Im Flur streifte sie die Schuhe ab und ließ sie gerade so liegen, wie sie von den Füßen fielen. In der Küche lag ein Zettel von Bernd:

Wo warst Du denn so lange? Habe versucht, Dich anzurufen, Dein Handy war aus. Bin weg, bin zur Vernissage. B.

Ach herrje, die Vernissage hatte sie ganz vergessen. Die Frau von Bernds Chef übte sich in der zwar floralen, aber nicht gegenständlichen Malerei und hatte nun tatsächlich den Betreiber ihres Stammcafés überredet, ihre Bilder auszustellen. Als Bernd und Christina bei einer Bezirksamtsfeier die Frau kennenlernten, begeisterte diese sich augenblicklich für Christina.

»Christina, wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Uns zwei kreative Seelen verbindet doch so viel! Sie schreiben, ich male. Sie bringen Buchstaben auf das Papier und ich Farbe und Inspiration.« Dann folgte ein nicht enden wollender Monolog über jedes Detail ihres künstlerischen Lebens. Keine Station wurde ausgelassen. Nicht die Kindheit, nicht die musizierende Mutter, nicht der strenge Vater, dessen übertriebene Härte sie in die Kunst hatte fliehen lassen, wie sie mit ihrem Psychotherapeuten herausgearbeitet hatte.

»Ein hervorragender Mann, ich muss mal schauen, vielleicht habe ich sogar hier noch seine Karte … ach nein, das ist die Karte des Ayurveda-Zentrums …« Schließlich kam Misses Floral auf ihre neuesten Arbeiten zu sprechen. Sie habe sich inspirieren lassen von ihrem Malerei-Urlaub in der … (Christina flehte in Gedanken: Sag jetzt bitte nicht »Toskana«, bitte nicht auch noch dieses Klischee.) …Toskana (Bingo), und schon hatte Christina eine Einladung zu eben dieser Vernissage in der Hand, die sie nun verpassen würde.

Spät am Abend wurde Christina von Bernd geweckt. Er überraschte sie: Keine Vorwürfe, kein »Wo warst du denn so lange?«, kein »Ich habe versucht dich anzurufen«, stattdessen ein freundliches »Was deine Einschätzung ihrer Kunstqualität angeht, hattest du leider völlig recht!«. So viel Verständnis brach in Christina jegliche Dämme, und sie begann hemmungslos zu weinen. Alle zurückgehaltene Trauer, aller Schmerz suchten sich ihren Weg.

Bernd wirkte hilflos und streichelte sie unbeholfen. »War schlimm heute, oder?«

Christina nickte. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle und wischte sich die Tränen ab. Als sie auf ihre Handrücken schaute, sah sie die Reste vom Make-up.

»Ich sehe bestimmt furchtbar aus!«

»Och, wenn man Pandabären, die durch eine Autowaschanlage geschickt wurden, mag – nein.« Bernd lächelte sie an. Er entlockte ihr sogar ein kurzes Lachen. Doch ja, es gab immer noch diese Augenblicke, in denen sie Bernd wirklich mochte.

»Ich gehe mal ins Bad und wasche mein Gesicht.«

Bernd schaute seiner Frau nach. Da hatte sie nun auf dem Sofa bei laufendem Fernseher geschlafen. Auf dem Tisch stand ein halb ausgetrunkenes Glas mit Kakao. Sie, die immer so stark war und die so hart sein konnte, in sich zusammengekauert mit tränenverschmiertem Gesicht. Die Krankheit ihrer Mutter hatte ihnen beiden schwer zugesetzt. Es waren furchtbare Monate. Er hatte beobachtet, wie sehr sie unter dem ständigen Verfall ihrer Mutter litt. Christina war es gewohnt, ihr Leben ihren eigenen Plänen entsprechend auszurichten. Schicksal gehörte nicht dazu. Sie war in ihrem Beruf ehrgeizig und erfolgsverwöhnt. Beides Eigenschaften, die ihm völlig fremd waren. Er war froh, einen ruhigen Job gefunden zu haben, der ihn angemessen forderte, den er aber, wenn er abends die Bürotür schloss, getrost bis zum nächsten Morgen vergessen konnte. Und er war froh, schließlich wieder in seiner Heimatstadt Berlin gelandet zu sein. Während Christina diverse Jobs in ganz Deutschland annahm, war sein Bestreben gewesen, möglichst schnell nach dem Diplom wieder zurück zu können zu seinen alten Freunden, zu seinem alten Leben.

Chris, wie er sie manchmal in guten Stunden nannte, und er hatten sich im Studium in Mainz kennengelernt. Beide aus Berlin und beide in diesem Dreckloch von Mietshaus, das ihr gemeinsamer Feind wurde. Christina zog in die Nachbarwohnung. Bei ihrem Einzug hatte er sich sofort in sie verliebt. Er hätte nie zu träumen gewagt, dass dieses Mädchen ausgerechnet ihn wählen würde, ihn, den langweiligen Mathematikstudenten, dem sein Aussehen nie so wichtig war. Nur, dass er aufgrund guter Gene eine ganz passable Figur hatte, das war ihm durchaus bewusst. Bei dem Gedanken straffte Bernd seine Bauchmuskeln, doch auch die vermochten nicht den kleinen Ring um die Hüften zu leugnen.

Er wusste nicht einmal mehr, wann und wie es genau geschehen war. Irgendwann hatten sie wohl beide dieses elektrische Knistern, diese magische Anziehung gespürt. Es ging alles ganz schön schnell: erstes Kennenlernen, erstes gemeinsames Zur-Uni-Gehen, »Wollen wir uns heute Mittag in der Mensa treffen?«, verstohlene Blicke, die deutlicher wurden, der erste gemeinsame Abend, das verlegene Vorder-Tür-Stehen wenn man Tür an Tür wohnt, zögert sich der Moment der entscheidenden Frage nun wirklich bis zur letzten Sekunde hinaus , aber bevor Bernd etwas sagen musste, hatte Christina ihn schon geküsst, und ihr gemeinsames Leben begann.

Nach so vielen Jahren kannten sie sich genau, wussten von den Schwächen des anderen, kannten fast jede Geschichte und hatten die meisten ja gemeinsam erlebt. Für Kinder war in Christinas Leben kein Platz, die gehörten nicht zu ihrem Plan. Bernd fand es zwar schade, hatte sich aber damit abgefunden. Wenn er an die Erzählungen seines Freundeskreises über Kita-Suche, Schulärger, über Schwiegermütter, die sich in die Erziehung einmischten, und was sonst noch alles zur glücklichen Familie gehörte, dachte, fand er die Kinderlosigkeit eigentlich gar nicht so schlimm.

Christina war eine klasse Journalistin, sie war eine klasse Frau und manchmal schwer zu ertragen. Diese Augenblicke hatten leider zugenommen. Natürlich war das letzte Jahr ein Ausnahmejahr, die Krankheit seiner Schwiegermutter hatte an ihrer aller Nerven gezerrt. Da waren emotionale Ausbrüche leicht zu verstehen. Während er Christina liebte, wie sie war, und gerade weil sie so war, wie sie war, hatte Bernd das Gefühl, dass er ihr nicht mehr reichte. Immer wieder beklagte sie sich über sein angebliches berufliches Phlegma. Es regte sie neuerdings auf, dass er blaue Socken zur braunen Cordhose trug, und im Bett war nicht mehr viel los. Auch wenn ihm ein guter Freund sagte, dass das alles ganz normal sei und Frauen eben manchmal so seien, hatte Bernd vor dieser Entwicklung Angst. Er hoffte, dass sich ihre Beziehung jetzt, nach dem Tod von Christinas Mutter, wieder auffrischen würde und sie beide Zeit zum Atmen fänden. Er hätte Christina auch jetzt noch an jedem Tag wieder heiraten wollen, umgekehrt war er sich da nicht so sicher.

Christina kam aus dem Badezimmer zurück. Der Spiegel hatte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nachdem sie ihr Make-up abgewaschen hatte und nun zwar farbloser, dafür aber menschenähnlicher aussah, war sie bereit zu sprechen. Sie erzählte Bernd vom Ausräumen der Wohnung, von der Ledercouch, der Einbauküche und vom Baum im Hinterhof (obwohl Bernd das alles kannte, tat er trotzdem so, als höre er es zum ersten Mal), vom Schlüsseleinwerfen und vom ziellosen, betäubten Umherirren durch die Straßen.

»Mutters Wohnung ist jetzt leer. Ich bin froh, dass schon alles so weit vorbereitet war, dass wirklich nur noch die Sachen zum Entrümpeln rausgeschafft und nicht noch sortiert werden mussten.«

Christina musste reden, und Bernd hörte zu. Hinterher schalt sie sich, dass sie ihm nie sagte, was für ein guter Zuhörer er war. Schließlich fielen ihr die Fotos ihrer Kindheit in den siebziger Jahren wieder ein.

»Bernd, die musst du dir unbedingt ansehen. Oder hast du mich etwa schon mal mit Kopftuch gesehen? Sag bloß, du musstest diese gelbe Verkehrswacht-Mütze nicht bei deiner Einschulung tragen? Bei uns Mädchen gab es statt der Mütze ein Kopftuch, scheußlich. Ich zeig dir die Fotos.« Christina eilte in den Flur und kam mit ihrer Handtasche zurück. Nach einigem Kramen hielt sie die Aufnahmen schließlich in den Händen. Da fiel ihr auch die alte Postkarte wieder auf, die der Möbelpacker hinter einer Schublade gefunden hatte. Es war eine Schwarz-Weiß-Aufnahme mit einer Musikkapelle. Vier Männer starrten mit versteinerter Miene dem Betrachter entgegen. Einer der Männer hielt eine altertümliche Gitarre in der Hand, daneben stand jemand am Kontrabass, ein Geiger kam dazu, und in der Mitte saß ein gutaussehender Kerl mit einer Art Akkordeon auf den Knien, allerdings war es ein sehr kleines Akkordeon. Alle trugen sie Anzüge, wahrscheinlich der Sonntagsstaat, doch selbst auf dieser schlechten Aufnahme konnte man die einfachen und grob gewebten Stoffe erahnen. Auf einer Seite stand eine kleine Palme auf einer verschnörkelten Säule, die wohl kolonialen Luxus herbeizaubern sollte. Trotz aller Bemühungen war dem Quartett anzusehen, dass es mit seiner Musik nicht reich wurde.

Christina lachte über Bernds Bemerkung, er könne sich lebhaft vorstellen, wie diese starren Typen Stimmung in den Saal brachten. Die Postkarte war mit einem gezackten Rand eingefasst. Bernd schätzte die Aufnahme auf eine Zeit aus den dreißiger Jahren, vielleicht sogar noch früher.

Etwas faszinierte Christina an dem Foto. Sie konnte nicht sagen wieso, aber das Bild hatte für sie eine Bedeutung. Bernd wusste, dass das ungewöhnliche Instrument ein Bandoneon war, ein typisches Tangoinstrument. Klinge genauso grauenhaft wie eine Quetschkommode, sei aber kleiner. Seltsamerweise tat Christina seine abfällige Bemerkung weh. Sie musste sich eingestehen, dass es nicht so sehr das Bandoneon war, das sie faszinierte, sondern vielmehr der junge Musiker, der das Bandoneon auf seinem Schoß hielt. Seine Augen starrten in die Kamera, doch anders als bei seinen Kollegen hatten sie etwas Weiches, Verstehendes, eine Tiefe, die Christina anzog. Sie stellte sich seine Stimme vor, eine warme und angenehme Stimme. Vielleicht war er ja sogar der Sänger der Gruppe. Seine Hände mussten fein sein, wenn sie die vielen Knöpfe auf dem Bandoneon beherrschten. Sie musste sich zwingen, den Blick von ihm abzuwenden, als Bernd sie aufforderte, die Karte umzudrehen.

»Da steht bestimmt, von wo diese Aufnahme stammt.«

Tatsächlich stand etwas auf der fleckig vergilbten Rückseite. Zu Christinas Verwunderung war es jedoch nicht nur der klein gedruckte Hinweis »Los Tangueros de Buenos Aires«, die Tangomusiker aus Buenos Aires, mit einer noch kleiner gedruckten Adressangabe, sondern eine kurze Notiz in gestochen scharfer Schrift. Diese Schrift war Sütterlin. Christina wusste um diese alte deutsche Schrift, die wohl in den zwanziger oder dreißiger Jahren benutzt worden war. Sie konnte die Schrift aber leider nicht lesen. Auch Bernd konnte die Buchstaben nur in Teilen erraten.

»Aber wieso besaß deine Mutter diese Karte überhaupt? Eine Karte aus Argentinien mit einer deutschen Widmung. Und warum hat sie die Aufnahme versteckt? Oder ist sie nur versehentlich hinter die Kommodenschublade geraten? War es vielleicht einfach irgendwas vom Trödel?«

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Meine Mutter hasste alles Überflüssige. Trödel kam ihr nicht ins Haus. Doch wer hätte diese Karte aus Argentinien schicken können? Moment, nein, diese Karte wurde nie abgeschickt. Sie muss Mutter gegeben worden sein.«

»Aber warum und von wem? Und wer hat dort in diesem gestochen scharfen Sütterlin geschrieben?«

»Mutter mit Sicherheit nicht.«

Christina wusste um die dürftige Schulbildung ihrer Mutter. Früher hatte sie sich manchmal für ihre Mutter geschämt, die keine Fremdsprachen sprach und die niemals eine höhere Schule besucht hatte. Später war Christina ihre Arroganz peinlich. Sie wusste doch, dass Mutter ihre Eltern bei einem der letzten Bombenangriffe auf Berlin verloren hatte. Sie wuchs in einem Waisenhaus auf und musste ziemlich früh zusehen, wie sie sich ernähren konnte. Da gab es keinen Platz für Schulbildung. Ihre Mutter erzählte nicht viel über die Zeit im Heim. Sie wollte wohl nicht daran erinnert werden, obwohl, wie sie immer betonte, die Betreuerinnen des Stifts außerordentlich liebenswert gewesen waren.

Das Schicksal war ihrer Mutter auch später nicht gnädig gewesen. Wie mochte es sich angefühlt haben, nur ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter, ihren Mann bei einem Autounfall zu verlieren? Der Schmerz wollte nie enden.

»Die hat ja keinen Vater!«

Es hatte wehgetan, von den Mitschülern gehänselt zu werden. Christina fehlte ihr Vater, als Kind, als Jugendliche und auch heute noch. Und am meisten fehlte ihr, dass sie niemals erfahren würde, was ihr genau fehlte. Sie hatte von dem, was ein Vater für ein Kind bedeutete, nur eine vage Vorstellung, die sich vor allem aus Büchern und Filmen ergab.

Bernd kam mit einer gedruckten Seite vom Computer zurück. »Sütterlinschrift«, das Online-Lexikon hatte zu jedem Thema etwas parat. So lernten die beiden, dass die deutsche Sütterlinschrift ab 1915 in Preußen eingeführt wurde und sich in den zwanziger Jahren stark verbreitete. Ab 1935 war Sütterlin Teil des offiziellen Lehrplans an Schulen, jedoch wurde die Schrift knapp zehn Jahre später wieder verboten.

»Das bringt uns leider auch nicht weiter«, stellte Christina fest.

»Wenn wir jemanden fänden, der in dieser Zeit Lesen und Schreiben gelernt hat …«

Sie schauten sich an und sagten fast gleichzeitig: »Frau Müller aus dem Erdgeschoss!«

Frau Müller hatte früher unten im Haus einen Laden betrieben – einen Gemischtwarenhandel, was auch immer das hieß. Nun residierte in den Räumen lange schon eine Bäckerei, und Frau Müller fristete seit Jahrzehnten ihr Rentnerdasein in der Souterrainwohnung im Hinterhaus. Bernd und Christina trafen die alte Frau nur selten. Sie konnte kaum noch gehen. Ihre dicken, bandagierten Beine ließen auf große Mühen schließen, aber dennoch schien diese Frau keine schlechte Laune zu kennen. Wenn sie, auf ihren Rollator aufgestützt, versuchte, ihren krummen Rücken aufzurichten und Christina anzusehen, hatte sie immer ein Lachen auf ihrem freundlichen Gesicht.

»Wir gehen sofort zu ihr runter!« Christina war ganz aufgeregt.

»Schau mal auf die Uhr, ich glaube, Frau Müller wäre nicht very amused, wenn du sie um diese Zeit aus dem Bett klingeltest. Und ehrlich gesagt, würde ich Frau Müller auch nicht unbedingt in ihrer Nachtwäsche sehen wollen.« Bernd hatte recht, es war leider schon zu spät, aber gleich morgen wollte Christina zu ihr gehen. Bernd konnte nicht nachvollziehen, warum ihr diese Postkarte so wichtig war. Was verstand er schon von Intuition?

Christina wachte früh am nächsten Tag auf. Sie fuhr den Rechner hoch und schrieb Pit eine kurze Mail in die Redaktion.

Komme heute wegen meiner Mutter wohl etwas später … Na ja, war nicht ganz gelogen. Dieses Argument schützte sie vor jeglichen Nachfragen. Sie wusste, dass Pit mit Trauer nicht umgehen konnte und sie in dieser Sache, so raubeinig er auch sonst war, mit Glacéhandschuhen anfasste. Das sicherte ihr einen freien Vormittag.

Um kurz nach neun lief Christina die Treppen hinunter. Der Eingang zur Wohnung von Frau Müller lag gleich in der ersten Treppenbeuge, etwas tiefer als das Erdgeschoss. Wieder eines der Geheimnisse eines so alten Hauses. Was war wohl einmal der Zweck dieser Wohnung hinter der niedrigen Tür gewesen? Vielleicht hatte eine Concierge dort gewohnt? Christina stand vor der kleinen Tür halb unter der Treppe. Auf dem getöpferten Klingelschild mit Blumen und einem Entchen war »Müller« zu lesen. Sie klingelte. Aus dem Inneren hörte sie schlurfende Schritte. Eine Stimme rief: »Bin gleich da, Augenblick!«

Eine Ewigkeit später wurden Schlüssel im Schloss gedreht, und die Tür wurde einen Spalt geöffnet, eine Vorhängekette spannte sich.

»Hallo, Frau Müller, ich bin’s, Christina, Ihre Nachbarin!«

Die Alte hatte etwas Gnomenhaftes, wie sie so von unten versuchte, Christina in voller Gestalt zu erkennen.

»Ach, was für eine Überraschung! Warten Sie!«

Die Tür klappte wieder zu. Christina hörte, wie die Kette aus der Schiene geschoben wurde, die Tür wurde ganz geöffnet.

»Das ist ja eine Überraschung«, wiederholte sich Frau Müller. Ihr Gesicht nahm einen erschreckten Ausdruck an. »Es ist doch nichts passiert, oder?«

»Nein, nein«, erwiderte Christina und schaute ins Innere der Wohnung. Ein dumpfer Geruch schlug ihr entgegen. Im engen Flur stand eine Kommode mit einer Vase voller Plastikblumen. Dicke Teppiche lagen übereinander. »Ich habe nur eine Bitte.«

»Na, liebes Kind, kommen Sie rein. Ich habe gerade Kaffee gekocht, Sie trinken doch bestimmt eine Tasse mit?« Frau Müller wartete Christinas Antwort gar nicht erst ab, sondern drehte sich mühsam mit ihrem Rollator um.

»Eigentlich wollte ich nur kurz …« Christina wurde die Aussichtslosigkeit ihres Ansinnens bewusst, die ganze Sache an der Tür abzuhandeln. Na gut, sie schloss die Wohnungstür hinter sich und schaute in ein vollgestelltes Wohnzimmer. Die Rollläden waren heruntergelassen, der Fernseher lief. Christina konnte nicht viel erkennen, doch da, in einem Sessel saß jemand.

»Das ist mein Mann«, sagte Frau Müller, als hätte sie Christinas Gedanken erraten. »Er lebt schon lange in seiner eigenen Welt. Aber wenigstens ist er noch da, sonst wäre ich ja ganz alleine.«

Ein dicker, schwarzer Hund schob sich an Frau Müllers Beinen vorbei.

»Nein, Daisy, natürlich nicht ganz alleine. Dich habe ich ja auch noch.« In der Küche verbreiteten Neonröhren unbarmherzige Helligkeit. Wenigstens stank es nicht ganz so muffig wie im Flur. Frau Müllers Frühstück stand auf dem Tisch: ein angebissener Marmeladentoast und ein Becher mit Kaffee. Sie stellte einen großen Becher auf die andere Seite des kleinen Tisches und schüttete ihn randvoll mit Kaffee. Sollte Christina etwa sagen, dass sie keinen Filterkaffee mochte, sondern nur noch italienischen Kaffee trank? Wohl total unpassend. Na gut, Christina setzte sich auf den angebotenen Stuhl und hoffte, dass die Tasse sauberer als die Wohnung war. Daisy machte es sich auf einem ausgefransten Kissen bequem.

»Mein liebes Kind«, Frau Müller reichte Christina Milch und Zucker, »Sie haben gerade Ihre Mutter verloren, richtig? Das tut mir furchtbar leid!« Woher wusste die alte Frau das denn? Christina versetzte es einen Stich. »Es ist furchtbar, einen lieben Menschen zu verlieren. Sehen Sie, ich bin schon so alt, habe das Glück, dass mein Mann noch bei mir ist – na ja, wenn auch nicht mehr so ganz richtig im Kopf. Alle meine Freundinnen sind schon lange tot.«

Christina rollte eine Träne über die Wangen.

»Ach entschuldigen Sie, da wühle ich in Ihrem Schmerz. Als alter Mensch vergisst man, wie unglaublich weit weg das Lebensende für die jungen Leute ist und welchen Schrecken es noch hat. Nun«, ihre Stimme nahm einen aufmunternden Ton an, »was führt Sie denn eigentlich zu mir?«

Christina reichte der alten Frau die Schwarzweiß-Postkarte, die sie schon die ganze Zeit in ihrer Hand hielt. Noch bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte, sagte Frau Müller: »Ah, eine Tangokapelle!« Ihre Augen glänzten.

»Das haben Sie sofort erkannt?« Christina war überrascht.

Frau Müller lächelte Christina an. »Na, mein Kind, glauben Sie denn, dass ich schon immer mit dieser blöden Gehhilfe durch die Gegend geschoben wäre?«

Christinas Nachbarin erzählte ihr, dass sie 1923 auf die Welt gekommen war. Ihr Vater war preußischer Offizier im Ruhestand, leider hatte sich der Ruhestand nicht auf seine preußischen Ansichten bezogen, was ihr das Leben als junges Mädchen nicht leichtgemacht hatte.

»Wussten Sie, dass Tango den Offizieren damals verboten wurde? Zu anrüchig! Zu erotisch! Na, diese Erzählungen haben natürlich meine Mädchenphantasien beflügelt. Unter Hitler kam dann alles anders. Gestatten Sie mir, dass ich es mir erspare, Ihnen diese Zeit zu schildern. Zu viel Schmerz, zu viele böse Bilder. Ich habe so viele Freunde und so viel Familie damals verloren, daran wird man nicht gerne erinnert. Nach dem Krieg heiratete ich irgendwann dann in diesen Laden hier ein und in die Familie.« Frau Müller zwinkerte lächelnd. »Meine Schwiegerfamilie, die Müllers, hatten ja noch Glück: Das Haus war nicht zerstört, und der Laden existierte noch. Sie konnten ihr Geschäft fortsetzen. Mein Mann kam relativ früh nach Kriegsende zurück. Auch er hatte Glück gehabt. Er war unverletzt. Sagen wir so, er hatte noch Arme und Beine, aber was man unseren Männern angetan hat, war grausam. Und glauben Sie mir, der Heldentod ist alles andere als heldenhaft.«

Die alte Frau spülte ihren Kloß im Hals mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter.

»Als mein Mann wieder nach Hause kam, fand er die Wohnung also beinahe unversehrt vor, und auch seine Eltern lebten noch. Die Familie wohnte damals in der großen Wohnung im ersten Stock direkt über dem Laden. Das hier«, Frau Müller schaute sich in ihrer Küche um, »diese Wohnung hier war das Lager für den Laden. Wer hätte sich träumen lassen, dass wir zwei eines Tages hier hausen würden. Nun, so ist das Leben halt. Mein Mann hatte also Glück, er war gesund, er hatte eine Wohnung und eine Arbeit. Am Anfang war’s mit dem Laden natürlich schwer, gab ja nichts, aber im Westsektor ging’s bald bergauf. Doch wissen Sie, was sein allergrößtes Glück überhaupt war?«

Christina schaute mit großen Augen und wartete, dass Frau Müller sich selbst die Frage beantwortete.

»Na, ist doch wohl klar, er lernte mich kennen!« Das Lachen der alten Frau ging in einen Hustenanfall über. »Meine Liebe, was für ein Verfall … Nun, ich zog zur Familie meines Mannes. Es war eine gute Zeit, obwohl wir zwischen Ruinen lebten, eine Zeit des Aufbaus. Und gemeinsam etwas aufzubauen macht stark. Stellen Sie sich vor, ich lebe in diesem Haus schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Unglaublich …« Frau Müller versank in Erinnerungen.

»Haben Sie gehungert?« Christina brach nach einer Weile das Schweigen.

»Natürlich haben wir gehungert. Ich erzähle Ihnen lieber nicht, was wir alles gegessen haben. Glauben Sie mir, es würde Ihnen den Magen verderben.«

Christina lächelte die alte Frau an. Wie interessant Menschen wurden, wenn man sich mit ihnen beschäftigte. Fast vergaß sie die Dringlichkeit ihres Besuchs, die Worte auf der Rückseite der alten Postkarte.

»Ach ja«, Frau Müller kehrte aus ihren Gedanken wieder zurück, »der Tango – na, in den Fünfzigern mochten wir doch die verrückteste Musik. ›O Egon, Egon, Egon, ja nur aus Liebe zu dir, ja nur aus Liebe zu dir, bin ich so tief gesunken.‹« Die freundliche alte Frau stimmte mit ihrer brüchigen Stimme diesen Schlager an. »Das ist Tango!«

Frau Müller machte ein wichtiges Gesicht, Christina wurde unvermittelt an Margaret Rutherford in ihren berühmten Miss-Marple-Filmen erinnert.

»Frau Müller, ich habe ein Anliegen. Können Sie Sütterlin lesen?«

»Oje, ist schon lange her, aber ich denke mal, gelernt ist gelernt.«

Statt etwas zu entgegnen, drehte Christina die alte Postkarte um.

»Warten Sie«, krächzte Frau Müller. Das Reden hatte sie angestrengt. »Dafür brauche ich meine Lesebrille.« Sie versuchte ihren massigen Körper aufzustemmen. »Ach Kindchen, seien Sie so nett, die Brille liegt im Wohnzimmer auf dem Couchtisch.«

Christina ging in das abgedunkelte Wohnzimmer. Herr Müller starrte auf den Fernseher und nahm die fremde Frau nicht wahr.

Christina fühlte sich unwohl. »Ich hole nur die Brille Ihrer Frau, ich bin eine Nachbarin.« Sie klang wie ein kleines Mädchen, das etwas Verbotenes getan hatte.

Frau Müller kniff die Augen zusammen, als sie die Worte auf der Rückseite der Karte zu lesen versuchte. »Was für eine wunderschöne Schrift! Mein Gott, wie ordentlich das geschrieben ist. Kein Mensch kann heute mehr so schön schreiben. Und ehrlich gesagt, obwohl ich es ja auch gelernt habe, so hübsch hätte ich das niemals hinbekommen.« Frau Müller schien sich wieder in Erinnerungen zu verlieren.

»Aber was steht denn da nun?« Christina rückte auf der Stuhlkante nach vorn.

»Ach, Sie können das ja nicht lesen. Ist ganz einfach, da steht: ›Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben‹ – und dann noch der Buchstabe ›E‹.«

Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben! E. Das war alles? Christina war enttäuscht. Sie hatte sich etwas Spektakuläreres gewünscht, etwas Aufregenderes, wenn sie auch nicht wusste, was eigentlich.

Aber wer mochte sich hinter »E« verbergen?

2.

Titel

Buenos Aires – Emma ließ sich diesen Namen auf der Zunge zergehen. Buenos Aires, das hieß so viel wie »Gute Luft« – ein lustiger Name für eine Stadt.

Gerade mal fünfzehn Jahre nach dem furchtbaren Untergang der Titanic stand sie, Emma Hechtl, geborene von Schaslik, auf einem Dampfer und überquerte den Atlantik. Sie fühlte das glatt geschliffene Holz der Reling unter ihren Händen, ein kalter und feuchter Wind benetzte ihr junges Gesicht. »Cap Arcona« hieß das stolze Schiff, dessen drei Schornsteine sich majestätisch in den blauen Himmel streckten. Es war das modernste und schnellste Schiff der Hamburger Flotte. Was hatte es für ein Aufsehen im Hamburger Hafen gegeben! Blumen, so weit das Auge reichte, es war immerhin die Jungfernfahrt. Am Kai hatte es von Menschen gewimmelt: Passagiere, Dienstboten, Kuriere, Gepäckträger, neugierige Zuschauer, Pferdefuhrwerke, elegante Kutschen und hupende Automobile. Menschen schrien durcheinander, sich suchend, lachend, letzte gute Wünsche rufend. Pferde wieherten, irgendwo meinte sie, eine Ziege meckern zu hören, es verlor sich im Hundegebell. Auch Journalisten waren gekommen, der Geruch verrauchenden Blitzlichtpulvers hing in der Luft. Ein junger Mann wollte Emma fotografieren, doch sie drehte sich verschämt weg. Sie hatte eine Erziehung genossen und wusste, was sich gehörte, und vor allem, was sich für eine junge Frau nicht gehörte, zumal sie nun verheiratet war.

Was für ein aufregender Tag! Ihr Mann und sie verließen Europa. Ihr Gepäck wurde verladen. Eine von Girlanden umwundene breite Rampe führte vom festen Ufer auf das Schiff in den Bereich der Ersten Klasse. An Bord wurden sie vom Kapitän persönlich begrüßt und von einem Steward zur Kabine gebracht. Mit der Kabinentür öffnete sich die Tür zu einer Welt voll edelholzvertäfeltem Luxus: eine Suite mit eigenem Salon, einem großen Bad, messingbeschlagenen Bullaugen. Auf dem Tisch stand eine große silberne Schale mit einem Fuß aus Glas. Es stellte kunstvoll geschwungen drei Tänzerinnen dar, die scheinbar mühelos das frische Obst trugen, das üppig über den Schalenrand quoll. Schon am nächsten Tag würde Emma sehen, dass das Obst täglich frisch serviert wurde, egal, ob ihr Mann und sie davon gegessen hatten oder nicht.

Auf einer Herrenkommode im Ankleidezimmer stand bei ihrer Ankunft ein siebenarmiger Leuchter, die jüdische Menora. Auch wenn Emma selbst kaum Kontakt zu Juden pflegte, wusste sie doch um die Bedeutung. Offenbar ein Versehen. Emmas Gatte bekam einen Wutanfall, als er den Leuchter sah, und brüllte den Steward an.

»Das ist eine Unverschämtheit. Glauben Sie etwa, dass ich zu denen gehöre?«

Der Ausbruch ihres Mannes beunruhigte Emma.

»Liebster, es ist doch sicherlich nur ein Missverständnis, schließlich ist es die Jungfernfahrt, das ist doch für alle auf dem Schiff etwas Neues.«

Der Steward stammelte eine Entschuldigung, hochrot angelaufen packte er den Leuchter und verschwand rückwärtsgehend. Später entschuldigte sich der Kapitän persönlich bei ihrem Mann. Er, der Kapitän, könne sich nicht erklären, wie es zu einem solch skandalösen Missgeschick kommen konnte, er versicherte Juan, dass dieser Steward sie nicht mehr belästigen werde. Ja, Emma und ihr Mann waren besondere Gäste, Gäste der Reederei, und man hatte ihnen versprochen, dass sie diese Überfahrt niemals vergessen würden. Wie wahr! Später sollte Emma begreifen, dass es keine besseren Zeiten im Leben eines Menschen gab als die, in denen man seinen Träumen nachhängen konnte. Die Realität kam dann oft viel zu schnell. Doch nun lagen erst einmal Wochen der Völlerei und des Genusses vor ihnen, ein exquisites Abenteuer.

Sie lebten in einer turbulenten Zeit. Viele große Berliner Straßenzüge waren erst in den letzten zehn oder zwanzig Jahren entstanden, die alten Häuser waren abgerissen und durch großzügige Stadthäuser mit hellen, repräsentativen Wohnungen ersetzt worden. Manche von ihnen verfügten sogar über Fahrstühle. Es war eine moderne Zeit, wenn auch die wirtschaftlichen Verhältnisse sicherlich schon mal besser waren. Emma beobachtete, wie sich Jahr für Jahr tiefere Sorgenfalten den Weg in Vaters Gesicht suchten. Die Fabrik lief nicht gut. Dennoch genoss sie es, dass sie diese rasante Zeit erleben durfte. Draußen auf dem Tempelhofer Feld wurde sogar ein Flughafen gebaut. Fliegen! Unglaublich, aber wahr. Die tollsten Automobile fuhren durch die Stadt und ersetzten zunehmend die Pferdekutschen. Und wie schnell diese waren, bis zu sechzig Kilometer in der Stunde. Wie aufregend! Und nun sollte sie selbst ein noch viel aufregenderes Abenteuer beginnen, sie war auf dem Weg in die weite Ferne, stand an der Reling dieses schönen Schiffes an der Seite ihres frisch angetrauten Ehemannes und schaute aufs Meer.

Vor wenigen Tagen hatte sie ihre Eltern, ihren kleinen Bruder und Berlin mit vielen Tränen bei einem hässlichen Novemberwetter mit der Eisenbahn in Richtung Hamburg verlassen. Während Emma nun neben ihrem Mann an der Reling stand, traten ihr Tränen in die Augen.

»Weinst du?«, fragte er.

»Aber nein, das ist nur der Wind«, log sie und lächelte, auch wenn es schwerfiel.

»Lass uns hineingehen, im Salon wartet man bestimmt schon auf uns!«

»Ein bisschen noch, mein Lieber.«

Emma genoss das luxuriöse Ambiente an Bord, ihre Suite, die gutgekleideten Menschen, die Musik im abendlichen Salon, doch am allermeisten mochte sie die frische Brise, die sie sich an Deck immer wieder um die Nase wehen ließ.

Juan war ein gutaussehender Mann, er hatte hervorragende Umgangsformen, einen fast noch besseren Leumund und war unerhört wohlhabend. Seine Familie besaß ein Landgut im Umland von Buenos Aires, auf bestem Boden von unvorstellbaren viertausend Hektar. In der Stadt selbst hatte die Familie ein Stadtpalais, ein Stadt-p-a-l-a-i-s. Emma erschrak über ihre Eitelkeit. Sollte es wirklich die Aussicht auf Wohlstand gewesen sein, die sie diesen Mann hatte heiraten lassen?

Sie dachte an die letzten Tage, Tage zwischen ihren zwei Leben: dem alten Leben als Tochter von Familie und dem neuen als Ehefrau und später einmal Mutter, eingeheiratet in eine der besten Familien Argentiniens.

»Warum reisen wir denn bloß im Winter?«, hatte sie auf der Eisenbahnfahrt von Berlin nach Hamburg mit gespieltem Ärger gefragt.

»Weil wir in den Sommer fahren, Liebes.«

Emma hatte sich ihrer Dummheit geschämt. Wie konnte sie nur vergessen, dass Buenos Aires doch auf der anderen Erdhalbkugel lag, auf der Südhälfte, wo alles gerade umgekehrt war: Sommer statt Winter und Winter statt Sommer. Sie hatte sich auf die Unterlippe gebissen. Sie, die kluge und gewandte Emma, stellte sich wie eine verzogene Göre an.

Umgeben vom Meer und seinem unendlich weiten Horizont packte sie eine tiefe Sehnsucht. Sie war nun eine verheiratete Frau. Vorbei die Mädchenträume, die Zeiten im Garten des elterlichen Anwesens. In ihrer doch noch so jungen Erinnerung schien ihr beinahe schon jetzt alles größer und schöner, als es in Wirklichkeit war. Natürlich wusste sie von den zerschlissenen und mottendurchlöcherten Vorhängen im großen Saal, den sie selbst kaum noch als Ort festlicher Gesellschaften erlebt hatte. Sie wusste auch von den nicht mehr zu öffnenden Fenstern der ehemaligen Dienstmädchenstuben hoch unterm Dach. Aber warum auch reparieren, wo doch bis auf die alte Magd keine Angestellten mehr im Haus waren? Nur die große, hohle Linde in ihrem Garten strahlte noch immer ihre alte Pracht aus. In ihrem Schatten war seit jeher Emmas liebster Platz gewesen.

Und nun stand Emma neben ihrem Mann. Juan war zwar um einiges älter als sie, doch er war sehr stattlich. Sie würden gemeinsam schöne Kinder haben. Juan Hechtl, Sohn deutscher Einwanderer, geboren und aufgewachsen in Buenos Aires, der Hauptstadt dieses Glück verheißenden Landes, das allen Reichtum in sich vereinte. Dieses Land, das so weit entfernt auf einem fremden Kontinent lag und das bei aller Entfernung doch durch eine Linienschifffahrt mit Deutschland verbunden war. Dieser Gedanke beruhigte Emma. Wenn alles schiefgehen sollte, würde sie, egal, ob ihr Mann das wollte oder nicht, das nächste Schiff nehmen und wieder nach Deutschland zurückkehren. Sie war schließlich Emma von Schaslik – Emma Hechtl. Sie seufzte bei dem Gedanken, dass sie ihren Namen verloren hatte, schalt sich aber sogleich ihrer Eitelkeit.

Juan hatte seine Europareise genutzt und war mit der HSDG, der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft, in Verhandlungen getreten. Die HSDG betrieb auch die stolze Cap Arcona. Die Dampfschifffahrtsgesellschaft hatte im Weltkrieg beinahe ihre gesamte Flotte verloren. Ein wirtschaftlich herber Schlag, doch führte dieser letztlich dazu, dass sie nun über die modernsten Schiffe verfügte. Sie begannen gerade mit dem Bau einer ungeheuren Neuerung: Kühlschiffe. Mit diesen sollten Früchte beinahe wie frisch geerntet zwischen der alten und der neuen Welt transportiert werden und – das war für Juan wichtig auch Fleisch. Er sah sich bereits als einer der weltweit größten Exporteure von argentinischem Rindfleisch. In Hamburg hatte er erste Verhandlungen aufgenommen. Das Angebot war verlockend. Gegen eine zwar nicht unerhebliche Beteiligung an den Planungs- und Baukosten der Kühlschiffe würde er exklusive Verträge zur Nutzung der Dampfer abschließen können. Wenn alles gutginge, so würde niemand mehr, der Fleisch von Argentinien nach Europa mit Schiffen der HSDG transportieren wollte, an ihm und den von ihm erhobenen Gebühren vorbeikommen. Er sah für sich eine glänzende Zukunft voraus. Dabei war es nicht so sehr Geld, was ihn lockte. Das hatte seine Familie ohnehin genug. Juan ging es um Anerkennung, um Ansehen. Er hatte seinen Weg bereits gut geplant und die Schritte in die richtige Richtung gelenkt. Die Familie Hechtl und vor allem sein Name würden eines Tages in den Geschichtsbüchern synonym für erfolgreiche Wirtschaftspolitik stehen. Und seine junge hübsche Frau, die kleine Emma, passte gut in sein Bild von der Zukunft. Sie war ausgesprochen schön, geistreich und humorvoll, wusste sich in Gesellschaft zu benehmen und war von Familie, wenn auch verarmter Familie. Ihm würde aristokratisches Blut an seiner Seite guttun. Die wirtschaftliche Blüte derer von Schasliks war vorbei. Es wäre wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Reste dieser Industriedynastie in der Vergessenheit versanken. Emma konnte dankbar sein, dass er sie von diesem sinkenden Schiff geholt hatte. Er amüsierte sich über die Wahl dieses ausgesprochen passenden Bildes: Er, der sein Vermögen mit Schiffen machen würde, holte sie vom sinkenden Kahn auf ausgerechnet dieses moderne Schiff. Juan lachte zufrieden über dieses Bonmot.

»Was lachst du, Liebster?« Emma schaute ihren frischgebackenen Ehemann an. Sie hatten sich auf dem Winterball derer zu Eulenburg auf Schloss Liebenberg kennengelernt. Eine der wenigen gesellschaftlichen Verpflichtungen seit der wirtschaftlichen Talfahrt ihres Vaters, die sie noch wahrnahmen. Ihr Vater wollte die Einladung dieser Familie nicht ausschlagen. Sie waren alte und gute Freunde. Vater hatte auch in den schweren Zeiten, als böse Verleumdungen die Liebenberger trafen, zu ihnen gehalten. Emma wusste nicht viel darüber, es ging um