Elvis Peeters

Der Sommer, als wir
unsere Röcke hoben
und die Welt
gegen die Wand fuhr

Roman

Aus dem Niederländischen
von Meike Blatnik

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Wij

erschien 2009 bei Uitgeverij Podium, Amsterdam.

Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Die Übersetzung dieses Buches wurde gefördert vom Flämischen Literaturfonds (www.flemishliterature.be).

ISBN 978-3-8412-0758-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Blumenbar, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© Elvis Peeters, 2009

Original Publisher: Uitgeverij Podium, Amsterdam

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Umschlaggestaltung Tim Jockel

unter Verwendung einer Illustration von Tim Jockel

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

»Ich weiß es. Doch was nützt es mir, es zu wissen.«

E. M. Cioran

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Buch lesen

Nissan

Sommer

Wespe

Zuhause

Liebe und Glück

Markt

Unterwegs

Frühling

Freier Wille

Rohstoffe

Sauerstoff

Tauschgeschäft

Möglichkeiten

Ambitionen

Hiebe

Kunst

Exit

Volle Lautstärke

Spaß

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Es schneite, es fror, dann taute es, Schmelzwasser tropfte vom Dach.

Es wurde Abend und es fror wieder. Morgens hingen Eiszapfen an der Dachrinne, einige bestimmt dreißig Zentimeter lang, als hätte das Dach Zähne, Zähne aus Glas.

Thomas betrachtete sie mit offenem Mund.

Seine Mutter machte Fotos: Von ihm zwischen den Schneeresten mit seinen warmen Wollhandschuhen, der dicken Jacke, den großen Stiefeln und der roten Mütze mit Ohren. Sein Gesicht, drollig, wunderlich, voller Begeisterung. Schöne Fotos.

Sein Vater holte eine Leiter, brach einige Eiszapfen vom Dach, legte sie in den letzten Schnee. Thomas steckte einen in den Mund, lutschte daran, der Zapfen war eiskalt.

Als er ihn herauszog, blieb er an seiner Unterlippe kleben, riss ein Stück Haut ab. Seine Lippe blutete. Mit dem dicksten Zapfen durchbohrte Thomas den Rest des Schneemannes, eine schief in sich zusammengesackte Gestalt. Dann leckte er am längsten Eiszapfen.

Das Rot an seiner Lippe passte perfekt zu seiner Mütze. Auch das ergab schöne Fotos, obwohl er auf ihnen weinte – wegen des Blutes, wegen des Schmerzes oder wegen der Kälte. Oder weil einer der Eiszapfen zerbrach, als er damit auf den kahlen Rosenstock eindrosch.

Den kürzesten legten sie in der Küche auf einen Teller. Im Viertelstundentakt sah er nach, wie er schmolz. Abends, als er schlief, schüttete seine Mutter das Wasser ins Spülbecken. Ein Eiszapfen wurde in eine Plastiktüte gewickelt und in den Tiefkühlschrank gelegt. Dort blieb er liegen.

Ab und zu fragte Thomas noch mal danach, dann vergaß er ihn.

Er wurde älter, sah die Winter mit anderen Augen.

Seine Mutter warf den Eiszapfen nie weg. Jedes Jahr, wenn sie den Tiefkühlschrank abtaute, legte sie ihn doch wieder zurück zwischen die portionierten Fleisch- und Suppenvorräte. Die Erinnerung an einen Tag, an dem ihr Sohn geweint hatte und vor lauter Staunen glücklich gewesen war.

Nissan

Wir sind frei. Ohne Wenn und Aber. Wir sind nicht so geboren, wir sind nicht so erzogen, wir sind es, weil wir das so wollen. Wahr oder unwahr?

Wir zucken mit den Schultern. Wahr.

Wahr.

Warum auch nicht?

Die Sonne scheint, grell, als wäre das nötig bei dieser Hitze. Liesl verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Ihre Achseln bilden glatte, flache Mulden. Ihre Brüste stehen weit auseinander. Sie sind klein, ihre Brustwarzen sind aus rosa Marzipan. Heute trägt sie keinen BH. In ihrem Nabel steckt ein glänzender Stein, ein Sprenkel Sonnenlicht.

Wann brechen wir auf?

In einer halben Stunde.

Wo bleibt Ena?

Thomas öffnet eine Dose Bier, das um diese Zeit sicher schon lauwarm ist.

Es geht auch ohne Ena.

Aber je mehr Mädchen, desto besser.

Sie hat alle Zeit der Welt. Sie kann auch später dazukommen, der Tag ist noch lang.

Wir brechen pünktlich auf, falls dieser Begriff überhaupt etwas bedeutet. Ena im Amazonensitz bei Karl hinten auf dem Motorroller. Liesl, Ruth und Femke fahren mit dem Rad, wie wir. Sie sehen gut aus mit ihren Röcken.

Die Sonne sticht, Ruth mault, sie will auch auf den Roller, sie findet, dass sie sich abwechseln sollten, dass Ena genauso gut Rad fahren könnte, dass es bei dieser Hitze auf dem Rad zu weit sei. Es ist alles wahr und alles unwahr. Wenn man ordentlich in die Pedale tritt, wird man weniger müde, als wenn man trödelt.

Wir können den Lärm der Autobahn schon hören.

Zu Dokumentationszwecken hatte Jens eine Kamera mitgenommen, für den Fall, dass etwas passierte. Wir hatten eine kaum befahrene Überführung ausgesucht, unter der die Autobahn in einer trägen Kurve verlief.

Die Mädchen nahmen ihre Fahrräder mit auf die Überführung, wir versteckten unsere hinter den Sträuchern am Straßenrand.

Einen richtigen Plan hatten wir nicht. Wir improvisierten, wie immer.

Wir setzten uns ein Stück hinter der Überführung zwischen die Sträucher. Thomas holte sein Fernglas hervor. Jeder hatte an irgendetwas gedacht. Auch der Motorroller stand auf der Überführung, zusammen mit Karl. Er fand es lächerlich, wie wir uns da verkrochen. Jens glaubte, die Bilder aus dem Grün vom Rand aus wären spektakulärer, die Autobahn dicht vor der Linse. Aber Karl hatte natürlich recht, von oben wären sie nicht weniger großartig. Wir hatten keine Lust zu diskutieren, und zwischen den Büschen war es schattig.

Karl saß auf seinem Motorroller, die verschränkten Arme auf dem Brückengeländer. Die Mädchen hatten ihre Slips ausgezogen. Eigentlich glaubten wir nicht daran, dass etwas passieren würde, aber wir fragten uns doch.

Der erste Tag bestärkte uns. Die Wahrscheinlichkeit war furchtbar klein, aber es war nicht ausgeschlossen, dass etwas geschah. Ein Wagen geriet ins Schlingern, ein schwarzer Mercedes. Ein Geschäftsmann, dachten wir. Die Mädchen behaupteten, auch ein paar andere Autos seien von der Spur abgekommen, ein Fahrer hatte gehupt – eine Frau, behauptete Karl. Auch ein Lastwagen war ins Schleudern geraten, aber Thomas war der Meinung, das habe nicht unbedingt an den Mädchen gelegen – Lastwagen schlingerten öfter. Vom Straßenrand aus hatten wir, bis auf den Mercedes, nichts Besonderes gesehen.

Wir fragten uns, wen es treffen würde, wenn es passierte.

Wir machten Witze darüber, schlossen Wetten ab.

Wir beobachteten die Mädchen mit dem Fernglas, filmten sie und riefen sie der Reihe nach an. Erst Femke, dann Liesl, dann Ena und schließlich Ruth. Wir hatten nichts zu sagen. Wir schlugen ihnen vor, mal auf unsere Seite der Überführung zu kommen. Sie standen auf der anderen und wir sahen nicht mehr als ihre Schultern und Köpfe. Nur Ena überquerte die Straße und ließ sich an unserer Seite bewundern. Sie streckte uns die Zunge raus. Die Autos rasten. Das Sonnenlicht flirrte. Kühe grasten entlang der Autobahn.

Im Großen und Ganzen waren wir zufrieden mit unserem ersten Tag. Die Mädchen riefen an, um zu melden, sie hätten Hunger und für heute genug. Auf dem Rückweg nahm Karl Ruth auf dem Roller mit.

Am nächsten Tag gingen wir zur selben Stelle. Nicht mit Absicht, wir waren nur zu faul, uns eine andere zu suchen.

Wir krochen nicht wieder in den Straßenrand, sondern stellten uns zu Karl und seinem Roller, ein Stück von den Mädchen entfernt; über der Gegenspur, wo die Überführung schon wieder leicht abfiel.

Auf der Überführung war kaum Verkehr. Ab und zu kam ein Traktor, manchmal ein Auto oder ein Radfahrer. Wir sahen sie von weitem. Wir waren einfach eine Gruppe Jugendlicher, ein paar Mädchen, ein paar Jungen, die sich aus Langeweile den Verkehr auf der Autobahn ansahen, der unter der Brücke hindurchraste. Lastwagenfahrer, Geschäftsleute, Kuriere, Familien auf dem Weg in den Urlaub. Es konnte jeden treffen. Am Steuer musste man aufmerksam sein. Die Leute ließen sich so leicht ablenken. Würden wir sie so weit kriegen?, fragten wir uns. Die Mädchen standen in einer Reihe nebeneinander, mit gespreizten Beinen. Sie winkten den Autos mit einer Hand zu. Mit der anderen hielten sie ihren Rock hoch, den Ellbogen lehnten sie aufs Brückengeländer. Ihre Scham passte genau zwischen zwei Gitterstäbe. Vier junge Mösen. Wer wollte das nicht sehen? Vormittags um halb elf. Die Sonne brannte bereits.

Plötzlich sahen wir ein Auto von der Spur abkommen, einen grauen Peugeot. Er berührte nur ganz kurz den grünen Nissan, der ihn gerade überholte. Sie fuhren beide mit hoher Geschwindigkeit. Ich meine sogar, dass Liesl nicht mit einem weißen Taschentuch winkte, sondern mit ihrem Slip. Wir hörten den Aufprall unter der Brücke. Jens rannte mit seiner Kamera zum Geländer auf der anderen Seite. Die Autos schossen schräg über die mehrspurige Fahrbahn. Der Nissan überschlug sich und landete auf dem Mittelstreifen, der vom Ginster gelb war. Der Peugeot schleuderte gegen die Leitplanke, schoss erneut auf die Straße. Femke filmte den Unfall mit ihrem Handy, sie muss blitzschnell gewesen sein. Wie durch ein Wunder berührte der Peugeot keine weiteren Fahrzeuge. Wir rochen förmlich Adrenalin, hörten unzählige Autos und Lastwagen quietschend bremsen. Ein blauer Audi mit Wohnwagen, der zu schnell fuhr, rammte einen Lieferwagen. Der Peugeot prallte gegen die Leitplanke, fast genau dort, wo wir gestern gesessen hatten. Danach ertönte ein lauter Knall. Der Nissan zwischen den Ginsterbüschen hatte sich überschlagen und fing Feuer. Wir hörten das brüllende, zischende Prasseln der Flammen. Karl startete den Motorroller, er nahm Liesl mit, die anderen Mädchen liefen zu ihren Rädern. Es war warm und wir hatten Durst. Womöglich schaffte es der Vorfall in die Zeitung, dann würden wir morgen wissen, wer die Opfer waren.

Das Schönste auf Jens’ Bildern sind die Flammen und wie der Ginster versengt. Femke hielt bloß schmutzig schwarze Rauchwolken fest.

Sommer

Haben unsere Mösen das tatsächlich verursacht? Haben wir eine solche Kraft? Lustig, wie sie alle danach verlangen. Und wir besitzen sie. Es wäre doch dumm, keinen Gebrauch davon zu machen.

Überhöhte Geschwindigkeit, mangelnde Aufmerksamkeit, Müdigkeit – was ist es, das einen Unfall verursacht? Einen, der mehr anrichtet als nur Blechschaden. Das führte uns zur Autobahn. Für spektakuläre Unfälle benötigt man Geschwindigkeit – das ist einfache Physik. Das Einzige, was wir beeinflussen konnten, war die Unachtsamkeit. Nicht sie selbst, auch nicht den Grund dafür. Wir waren nur der Auslöser. Etwas, was die Autofahrer ablenken konnte, was unwiderstehlich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Etwas, was sie begaffen konnten. Was sie sich – trotz ihrer Geschwindigkeit – nicht entgehen lassen konnten. Und was uns keine Mühe kostete. Wir hatten es in der Hand. Darüber waren wir uns einig.

Wir betrachten die Bilder immer wieder. Und lachen.

Was für einen anmutigen Salto der Nissan macht. Wie der Fahrer das Manöver des Peugeot nicht rechtzeitig bemerkt. Weil auch er einzig und allein Augen für unser Schauspiel hat. Nicht eine oder zwei, sondern vier Mösen. Unter anderem Enas. Wie soll man das mit nur einem Paar Augen zu fassen bekommen? Das war es, was dem Fahrer da plötzlich durch den Kopf spukte, und im nächsten Augenblick tauchte der Ginster auf, wie aus dem Nichts. Wie schön kann das Leben sein, vier frisch erblühte, saubere Mösen, einfach so, frei, unerwartet, umsonst, ungebunden, vier, von denen die eine – und unmittelbar darauf steht alles Kopf, in den flimmernden, gelben Flammen des Ginsters.

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Heute Vormittag fing der Sommer an. Ein Sack Hitze wurde über der Welt ausgeschüttet. Millionen kleine, hartnäckige Hämmer aus Hitze schlugen auf die Häuser ein, auf den Asphalt, die Bäume, die Hunde, das Gras. Klopften den Schweiß aus den Poren, den Gestank aus den Müllsäcken. Eine Erektion durchzog meinen ganzen Körper. Nahm all mein überflüssiges Blut auf. Nach der Erektion wurde ich wach. Ich dachte an Ena. Ihr Körper strahlt immer etwas Sommerliches aus. Heute Vormittag ist niemand da, meine Eltern sind zur Arbeit, mein Bruder kommt erst in einer Woche von der Uni zurück, ich habe das Haus für mich allein. Ich rufe Ena an. Sie liegt auch im Bett.

Ich hab eine Riesenerektion, sage ich.

Weil du ein Junge bist, sagt sie.

Bist du feucht?

Nein.

Du musst mir helfen, sage ich.

Mach mal, ich hör dir zu.

Sie atmet geräuschvoll ins Telefon.

Es wäre doch jammerschade, wenn ihr niemand zuhörte.

Ich nehme meinen Schwanz in die Hand und hol mir einen runter.

Du musst schreien, wenn es so weit ist, sagt sie.

Ich warte eine Weile und schreie dann.

Ich bin feucht, sagt sie, ich habe es mir gemacht.

Ich habe aber nichts gehört, sage ich.

Ich habe bloß zugehört. Zugehört und es mir gemacht. Kommst du?

Wenn ich fertig bin.

War es viel?

Eine ganze Hand voll.

Da stehe ich mit meinem Fahrrad in der Hand, den Sommer vor mir. Ein Vogel sinkt wie eine Feder auf eine schmale Baumkrone nieder. Das hässliche Villenviertel mit seinen roten und schwarzen Dächern glüht in der Sonne. Es muss furchtbar sein, hier zu leben, denke ich, aber für Liesl ist es ganz normal, und auch Thomas wohnt in dieser Gegend.

Sich immer die Häuser der anderen ansehen, um die Trostlosigkeit des eigenen zu vergessen.

Mir fallen die gar nicht auf, sagt Thomas.

Sie sind spät dran. Abwechselnd kommen wir alle zu spät oder zu früh. Wir achten auf die Zeit, um zu wissen, wie viel die anderen zu spät kommen.

Jens taucht als Erster auf. Die Schlafmütze liegt mit dem Kopf fast auf dem Lenker. Den größten Teil der Nacht hat er sich mit einem Film um die Ohren geschlagen, der ihm nichts gebracht hat.

Es dauert eine Stunde, bis alle da sind. Ena kommt als Letzte.

Ihr Blut fließt langsam, sagt Jens.

Es sei denn, es kommt in Wallung, sagt Karl.

Wir sehen uns vielsagend an und fangen an zu lachen.

Der Sommer liegt kahl und sengend vor uns. Lange Tage voller Licht, lange Abende mit kurzer Dämmerung.

Was sollen wir machen?

Ena entblößt grinsend ihre wunderbaren Schneidezähne. Sie hat die Frage nicht verstanden. Aber wer hat das schon? Niemand antwortet.

Etwas Aufsehenerregendes, sagt Ruth schließlich. Obwohl das auch keine richtige Antwort ist.

Wir nehmen unsere Fahrräder, Karl seinen Motorroller, und fahren los. Stehenzubleiben ist bei dieser Hitze noch anstrengender.

Wir fahren raus aus dem Dorf, zwangsläufig in Richtung eines anderen Dorfes. Das ist Jacke wie Hose.

In der Ferne hören wir das Rauschen der Autobahn.

Das erste Mal, als Verliebtheit mit einer Erektion einherging, war ich mit Femke zusammen. Wir taten es nur halb. Trotzdem wussten wir Bescheid.

In Jens’ Zimmer sahen wir uns auf seinem Laptop Pornoseiten an. Schwelgten in Mösen und Brüsten, Mädchen, die es sich selbst machten, Schwänze in den Mund nahmen, sich Schwänze in den Arsch steckten, von einem Hund lecken ließen, Männern, die eine Katze vögelten, bis diese kreischte, und ihnen das Blut an ihren Säcken hinunterlief. Jens hatte das Passwort seines Vaters oder seines Bruders für die härteren Seiten geknackt. Das Geld dafür würde von irgendeinem Konto abgebucht werden, von dessen Existenz die Mutter möglicherweise nichts wusste – es wurde nicht offen darüber gesprochen. Wir machten das nur ab und zu und auch nicht regelmäßig, damit sein Vater oder sein Bruder nicht allzu schnell Verdacht schöpften und vor allem nicht auf die Idee kamen, nachzufragen. Später legten wir zusammen und regelten das Ganze über Thomas’ Kreditkarte.

Es waren gemütliche Spanner-Sessions, aber nach einer Weile wurde es langweilig.

Wir waren jung, nicht pervers.

Wir wollten alles über die Welt in Erfahrung bringen, was man leicht herausfinden konnte – und dann weiterziehen, unseren eigenen Weg gehen.

Sex kochte von selbst in uns hoch. Wir bemerkten das auch an anderen, beobachteten das bei den Mädchen, bei uns selbst. Das kostete uns keine Mühe. Es kostete Mädchen nicht mehr Mühe als Jungen.

Eines Tages brachte Karl hinten auf seinem Motorroller eine Katze in einem Karton mit. Eine schöne Siamkatze. Eine der zwei Katzen seiner Nachbarin – die andere war ein kastrierter Kater. Er hatte auch ein Paar Handschuhe dabei für den Fall, dass sie wild werden sollte. Wir probierten die Katze einer nach dem anderen auf der Werkbank in der Garage aus. Das Vieh war zahm, es gab nur ein klägliches Jaulen oder ein zischendes Blasen von sich, blähte sich auf oder krümmte den Rücken, aber versuchte nicht einmal zu entkommen oder uns zu kratzen. In dem Film hatten sie es übertrieben, oder wir machten es nicht richtig.

Wir waren jung, nicht pervers.

Wir wollten wissen, wie sich warmes und feuchtes Fleisch von innen anfühlte, ein lebendiges und bewegliches Organ.

Das Innere der Katze war weich und eng, es schmiegte sich schön eng um unsere Schwänze, aber Thomas war als Einziger gekommen.

Vielleicht hätten wir ein Kaninchen nehmen sollen, Kaninchen sind fickriger.

Die Katze schien ihre besten Tage hinter sich zu haben. Karl steckte das erschöpfte Tier wieder zurück in den Karton. Im Badezimmer wuschen wir unsere Schwänze ausgiebig. Wir sahen, wie unterschiedlich sie waren, sowohl in halbschlaffem wie in erigiertem Zustand. In Ruheposition unterschieden sie sich möglicherweise genauso.

Wir blickten in den Karton. Die schöne Siamkatze lag merkwürdig zusammengekrümmt in einer Ecke, Erbrochenes kam ihr aus dem Maul. An einem Hinterlauf klebte Blut. Ihr Fell stand verschwitzt und zottelig in alle Richtungen ab. In diesem Zustand trauten wir uns nicht, sie zurückzubringen. Wir stopften den Karton samt der Katze in einen Müllsack und radelten damit zum Kanal. Unterwegs fanden wir einen brauchbaren Stein, legten ihn dazu und banden den Sack dicht. Mehr konnten wir nicht tun. Wir schmissen den Sack ins Wasser, wo er noch einige Augenblicke an der Oberfläche trieb.

Das Innere einer Katze ist nicht schmutziger als das Innere eines Mädchens. Das Innere eines Mädchens ist nur praktischer, komfortabler. Es ist erstaunlich, wie dehnbar die Natur ist. Zuerst hatten wir Mühe, die Spalte der Siamkatze zu finden, so unscheinbar war sie. Daneben sahen unsere Ständer erschreckend riesig aus. Karl schmierte mit bloßem Finger Olivenöl an die Spalte, wir schnitten auch Haarbüschel weg. Anschließend gossen wir uns Olivenöl über unsere Ständer. Triefend machten wir uns ans Werk. Thomas kam als Einziger. Er war am tiefsten in die Katze eingedrungen. Er warf den Sack in den Kanal.

Aber wir hatten nicht nur Sex im Kopf. Wir spielten auch Computerspiele, lasen Comics, ich las Bücher, wir trieben unsere Späße, hingen ab, Karl und Thomas spielten Fußball, trainierten zwei-, dreimal pro Woche, Jens spielte Klavier, übte so gut wie jeden Tag. Trotzdem konnten wir den Sex nicht von uns abschütteln. Wir standen damit auf, legten uns damit schlafen, wir hatten ihn im Leib. Auch wenn wir nicht ununterbrochen daran dachten.

Femke hatte Beine, die so lang waren wie die Tage, an denen ich sie nicht sah. Doch Verliebtheit geht vorüber. Sie ist ein ordinärer Trieb in kultivierter Gestalt. Femke fand es nicht schlimm, diese Maske der Kultiviertheit herunterzureißen. Der Trieb kam auch ohne Verliebtheit aus, ihm reichte das Begehren. Gegenseitige Anziehungskraft war genug.

In Femke traf ich eine verwandte Seele. Obwohl ich das nicht sofort begriff. Für sie sei es nichts anderes, als mit Puppen zu spielen, sagte sie. Es machte Spaß, man ging darin auf, stellte Dinge nach und wurde hinterher zum Essen gerufen oder gebeten, einkaufen zu gehen. Aber wir waren keine leblosen Puppen füreinander, und niemand rief uns zu Tisch. Ihre Brüste waren weich, ihre Brustwarzen auch. Ebenso ihr Bauch, ihr Po, ihre Hände. Ihre Lippen zu küssen – das waren die ersten vorsichtigen Schritte. Nach einer Woche schliefen wir miteinander, ohne verliebt zu sein. Wir taten es nicht richtig, wir wollten es nur lernen. Femke zeigte mir ihren Körper in demselben Maß, wie sie meinen entdecken durfte. Wir vögelten nur halb. Damit wir noch etwas teilen konnten, was wir noch nie ganz erlebt hatten. Damit uns etwas blieb, was wir abschließen mussten, bevor wir miteinander fertig waren. Das schuf ein Band, über das wir weiter kein Wort verloren. Sie stellte mich ihren Freundinnen vor, ich stellte sie meinen Freunden vor.

Für mich birgt eine Mädchenmöse nur noch wenige Geheimnisse.

In der Zeitung standen die Namen der Opfer. Wir kannten keinen von ihnen, konnten uns kein Bild von ihnen machen. Ein Toter, drei Schwerverletzte, drei Leichtverletzte. Die Tote war eine vierunddreißigjährige Frau, Mutter von zwei Kindern. Zwei der Schwerverletzten waren ihre Kinder. Ein Junge im Alter von sechs Jahren mit schweren Verbrennungen, der nicht nur seine Mutter, sondern auch einen Arm verloren hatte, und seine vierjährige Schwester, die ebenfalls schwere Verbrennungen davongetragen hatte. Der Vater konnte aus dem Fahrzeug entkommen und war nur leicht verletzt. Der dritte Schwerverletzte war der Fahrer des Peugeot, ein vierzig Jahre alter Mann. Seine fünfundzwanzigjährige Beifahrerin hatte lediglich Prellungen. Der dritte Leichtverletzte war ein Insasse des blauen Audi, der in den Lieferwagen gerast war.

Wir amüsierten uns bei dem Gedanken, wie wir in das Leben dieser Menschen eingegriffen hatten. Sie waren alle auf dem Weg in den Urlaub gewesen. Der unter der Überführung, die wir auserwählt hatten, ein abruptes Ende genommen hatte. Ein vierzigjähriger Geschäftsführer mit seiner fünfzehn Jahre jüngeren Geliebten. Eine tote Bankangestellte und ein Buchhalter mit zwei verbrannten Kindern. Wie vier schamlose Mösen ihrem Leben eine andere Wendung gegeben hatten. Würde dem Geschäftsführer mit dem gelähmten Arm und der gerissenen Lunge samt zertrümmertem Brustkorb die Geliebte davonlaufen? Woher sollte der Buchhalter eine neue Mutter für seine entstellten Kinder nehmen? Setzte die Familie mit dem Wohnwagen ihre Reise mit einem Ersatzfahrzeug fort oder änderte sie die Urlaubspläne? Wir stellten uns diese Fragen, um uns darüber lustig zu machen. Aber schon bald fanden wir das langweilig.

Der Sommer brannte Löcher in unsere Tage. Wir vergaßen, warum wir auf der Welt waren. Versuchten durch die Löcher in den nächsten Tag zu kriechen, der vielleicht weniger bodenlos wäre.

Unsere Haut, unsere Gebärden, unsere Anwesenheit waren voller Sex. Im Sommer wie im Winter. Wir machten uns über unsere Eltern lustig. Über alle Menschen, die sich abschufteten. Wir hatten keine Zeit zu verlieren, wir brauchten keine Zeit zu gewinnen, wir selbst waren die Zeit, sie strömte durch unsere Adern, sie glühte rot auf unseren Wangen, lag in unseren Blicken.

Wir sahen durch die Zeit und nichts ging vorüber. Alles blieb so, wie wir das wollten. Unsere Zeit kannte keinen Horizont, hatte keinen Schatten. Wir leckten Enas Möse jedes Mal, wenn sie uns darum bat oder wenn wir sie darum baten. Wir sahen die lächerlichen Versuche der Erwachsenen, ihre Sexualität am Leben zu erhalten, ihr hinterherzujagen oder sie auszuloten. Die Verrenkungen, die sie dafür zu unternehmen bereit waren. Wir beobachteten das zu Hause, ich las darüber in Romanen, wir sahen es in Filmen und im Internet, es hallte auf der Straße aus ihren Mobiltelefonen. Wir lachten sie aus. Wir besaßen alles, was sie verloren hatten. Wir waren jung, dachten nicht an die Zukunft, dachten nicht an die Zeit, sondern an das, was die Zeit aus uns machte, daran, wie wir uns dem Genuss vollkommen hingaben. Wir waren gern, was wir waren, unerfahren und unverantwortlich.

Ich wusste, dass diese Worte einen Gehalt hatten, der nicht immer gut ankam. Ich las Bücher. Aber was scherte es uns, wem gegenüber sollten wir uns verantworten und welche Erfahrung passte zu uns? Erfahrung war nicht nötig, allein der Wille reichte aus. Und Verantwortung führte zu Zweifeln, zu Angst und Selbstbetrug und schließlich zu Nichtstun, zu kleinlichen verantwortungsbewussten Mitmenschen, zu aufgeblasenen hinterhältigen Spießbürgern oder zu einer grauenhaften Mischung aus beidem. Vielleicht hätten weitere Reflexionen ein genaueres und nuancierteres Bild ergeben, aber was hätten wir schon davon gehabt? Das Bild, das wir von Enas sich windendem Körper hatten, war schockierend real, daneben verblasste jede tiefere Reflexion. Und genau das ist es, was Genuss zu Genießen macht, oder umgekehrt, denn auch darüber wollten wir uns nicht den Kopf zerbrechen.

Wir langweilen uns – so nannten wir es, aber es war keine Langeweile aus Lustlosigkeit, kein leeres, nutzloses Warten, dass die Stunden vergingen, der Vormittag, der Nachmittag, der Abend oder was auch immer. Es war eine Langeweile, die nach Ideen verlangte, eine Leere, aus der eine Fülle erwachsen konnte. Wir liebten die Unbestimmtheit in dieser unbestimmten Phase.

Wir wussten, dass Ideen entstehen würden, da wir die Langeweile liebten, sie aber nur aushalten konnten, wenn sie zu etwas führte, zu einem Plan, einer Beschäftigung, die das Nichtstun in einen Zeitvertreib ummünzte. So etwas wie den Stein der Weisen. Gold, gemacht aus Eisen und Zaubersprüchen. Ertragene Langeweile führt zu unvermutetem Elan, wenn man es versteht, sich auf ihn einzulassen.

Damit kannten wir uns aus.

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Wir hingen mit unseren Rädern herum. Karl hatte seinen Motorroller. Wir folgten den Jungs, auf der Suche nach der richtigen Stelle. Die Sonne schwebte wie ein böses Auge über unseren Köpfen, folgte jeder Bewegung, maß sie an unseren Schatten. Die waren lahm und matt. Die Jungs hielten an. Wir hörten die Autobahn brummen.