Florian Beckerhoff

Ein Sofa
voller
Frauen

Roman

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0762-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

VORSPIEL

EIN ERSTES LETZTES MAL

DIE SUPPE DER ERKENNTNIS

NORDISCHE VERSUCHUNG

CUBA LIBRE UND DAS ENDE DER LIEBE

ZU GAST ZU HAUSE

TRAUMHAFTES BRANDENBURG

RITTERFESSELSPIEL

DIE HERKUNFT DER GURKE

NACHSPIEL

NOCH WAS

Fußnoten

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Trust your instincts.                  

Erster Sicherheitshinweis

für Couchsurfer

VORSPIEL

Natürlich wusste ich, was synästhetisch bedeutet. Man schmeckte Blau, roch eine Durtonleiter oder hörte den Geschmack einer Wurst. Letzteres machte mir allerdings wirklich zu schaffen.

Der Auftraggeber wollte es noch knackschmatziger haben. So, dass die Endverbraucher am Radio auch mit vollem Tank und leerer Blase wie von selbst bei der nächsten Raststätte abfahren würden, um die unbändige Lust auf eine dieser eingeschweißten Würste zu befriedigen. Ich versprach bis Anfang nächster Woche Ergebnisse und legte das Telefon weg.

Kurz hielt ich inne, dann kletterte ich in meine schalltote Aufnahmebox, schloss die Tür hinter mir und riss die nächste Verpackung auf. Mit der Routine eines Akkordarbeiters entließ ich die in Kunstdarm gepresste Fleischmasse aus ihrem aromaversiegelten Gefängnis und führte sie zwischen meine Lippen. Ich spannte die Kiefermuskeln an, bis meine Zähne die Pelle platzen ließen und ins Wurstfleisch glitten. – SCHMATZ! –

Schnell spuckte ich das Wurstende in den Papierkorb. Dann hörte ich mir die Aufnahme an. – SCHMATZ! – Ich zögerte. Machte das wirklich Bock auf Bocki™, die geilste Bockwurst aller Zeiten? Ich klickte noch einmal zurück. – SCHMATZ! – Es klang noch immer zu wurstig. Ich brauchte mehr Biss, mehr Knack, nur funktionierte Möhre genauso wenig wie Kohlrabi und Paprika. Selbst wenn ich von all den aufgenommenen Gemüseklängen nur leicht dazumischte, wurde es zu rohkostig. Die Mitbewerber setzten auf das reine Knacken des Naturdarms, oft mit Hall stark verfremdet, als kaufe jemand Wurst, der eigentlich Möhren wollte. Ich brauchte beides: die gesunde Frische des Gemüses und die Lust am Fleisch. KNACK und SCHMATZ! Und die Zeit rannte davon.

Die Uhr auf dem Monitor raunte mir zu, dass ich mich von der Bockwurst losreißen musste, wenn ich nicht viel zu spät zum Kegeln kommen wollte. Aber noch konnte ich nicht. Ich spürte, dass ich kurz davor war. Es durfte nicht roh sein, aber auch nicht gekocht. Nicht Fleisch, nicht Fisch, nicht Gemüse. Da gab es etwas, doch ich kam nicht drauf. – SCHMATZ! – Noch einmal. – SCHMATZ! – Ja, da war etwas, ein Gefühl im Hinterkopf. – SCHMATZ!

»Denk nach, Dickie, denk nach! Du bist ganz kurz davor!«, murmelte ich und spürte die erlösende Idee schon in mir, fühlte die vorfreudig ausgeschütteten Endorphine meinen Körper durchströmen, sah meine Hände vor lauter Glück zittern, als all das plötzlich verschwand, das Paradies seine gerade noch weit offen stehenden Pforten wieder verschloss. DAS DURFTE NICHT WAHR SEIN! Wer klopfte da an meiner Wohnungstür? Warum stellte man bitte seine Klingel ab?!

Wissend, wie unsinnig alles Klagen war, schickte ich den Rechner in den Halbschlaf und ging durch den Flur, um Ingo hereinzulassen, der mich zum Kegeln abholte. Ich schluckte den Ärger runter und tätschelte mit flacher Hand die Freundesschulter. Kein Wort von dem so plötzlich unterbrochenen Fluss meiner so kostbaren Kreativität, davon, dass er mich um die Frucht von Stunden harter Arbeit brachte. Nichts. Kegeln war heilig, so lästig der Club-Termin gelegentlich auch war. An diesem Novembertag wäre ich besser zu Hause geblieben. Kaum waren die ersten Kegel gefallen, ging es wieder einmal darum, dass ich dringend weibliche Gesellschaft brauche.

»Ich sag’s dir, Dickie, das ist der Hammer«, rief Fissel und wischte sich den Bierschaum aus dem Bart. »Du siehst die Welt und kommst umsonst bei irgendeiner Alten unter!«

»Ich will nix von der Welt und von irgendeiner Alten sowieso nicht«, meinte ich und trank zügig mein erstes Bier.

»Du kannst sie dir ja vorher ansehen. Online stellen die alles rein. Für so ne Lady in Kamtschatka ist das ein Riesending, wenn einer von uns auf dem Sofa pennt. Die zweite Nacht liegst du dann spätestens bei ihr im Bett.«

Fissel hielt es selten länger als zwei Wochen in der Heimat, seit er das Couchsurfen für sich entdeckt hatte. Unermüdlich bereiste er die einsamsten Gegenden der Welt auf der Suche nach noch einsameren Frauen. Seinen Erzählungen zufolge mit Erfolg. Wir taten beeindruckt, solange er donnerstags zum Kegeln kam.

Wir, das war der Club, eine Handvoll Jungs, die es vor ein bis zwei Jahrzehnten aus allen Teilen des Landes in alle möglichen Teile der Hauptstadt verschlagen hatte, wo unsere Wege sich so intensiv kreuzten, dass wir donnerstagabends fast immer vollzählig am selben Ort zu finden waren: im Chinarestaurant Kanton 7 mit seinen beiden Bundeskegelbahnen, von denen wir eine besetzen. Neben uns spielten die »Netten Kegeletten«, allesamt Damen um die sechzig mit bewegter Vergangenheit, deren Spuren der Fröhlichkeit in ihren Gesichtern jedoch keinen weiteren Abbruch taten. Gelegentlich spendierten sie uns eine Runde Schlangenschnaps, ansonsten kam das Verhältnis einer friedlich schamlosen Koexistenz sehr nahe. So auch an diesem Abend, an dem ich meine reisefeindliche Lebensweise Fissel gegenüber so heftig verteidigen musste, dass ich mir schon wieder den Finger quetschte, weil ich die rücklaufende Kugel ganz vergessen hatte.

»Autsch! Scheiße!«

»Was denn?«

»Scheiß Sofasegeln!«

»Hier nimm nen Schluck«, meinte Attila und reichte mir sein halbvolles Glas.

»Keine Getränke auf der Bahn!«, sagte Klaus.

»Mund zu, kalt wird das Herz«, sagte Attila.

»Couchsurfen heißt das«, korrigierte Fissel, der zuletzt von einer Eroberung in einem Dorf bei Birmingham berichtet hatte. »Aber Sofasegeln klingt auch nicht schlecht. Irgendwie elegant-frivol.«

»Kann man die auch zu sich herkommen lassen?«, fragte Klaus.

»Wie jetzt? So callgirlmäßig?«

»Nee, nur zum Kennenlernen. Bei den Hotelpreisen und wo doch gerade jeder nach Berlin will. Du hast doch genug Platz in deiner Bude.«

»Aber kein Sofa und auch keine Couch.«

»Was ist da überhaupt der Unterschied?«

»Daran wird’s schon nicht scheitern.«

»Besten Dank«, sagte ich und hämmerte die Kugel mit aller Wucht in die Rinne. »Aber ich habe anderes zu tun, als Frauen aus Kamtschatka zu bewirten.«

»Ach komm«, sagte Attila und legte mir die Hand auf die Schulter. »Die Idee ist genial! Das ist die Therapie für deine Gynophobie!«

»Für seine was?«

»Vergiss es. Wenn ich mir was nach Hause kommen lasse, dann eine Pizza, aber sicher keine Frau.«

»Guck mal«, sagte Fissel und hielt sein Smartphone in die Runde. »Die wär doch was für Dickie, oder nicht?«

Beim schlechten Empfang im Keller baute sich das unterbelichtete Bild einer jungen Frau nur sehr langsam auf. Am Leuchten ihrer Zähne erkannte man immerhin, dass sie lächelte.

»Ihr seid total bescheuert«, sagte ich. »Als würde irgendeine Frau freiwillig bei einem fremden Typen wie mir pennen.«

»Na siehste«, sagte Fissel. »Das sind doch nur Details, die wir dann klären werden.«

Tatsächlich war ich niemand, der durch ein außerordentlich ausschweifendes Sexualleben auf sich aufmerksam gemacht hätte. Ganz im Gegenteil. Nachdem ich mit meiner Klassenkameradin Gesa vor mittlerweile fast zwanzig Jahren am Rande einer Scheunenparty ein Kind gezeugt hatte, pflegte ich zunächst eine ängstliche Abstinenz, aus der ich irgendwann trotz umfassender Kenntnis diverser Verhütungsmethoden einfach nicht mehr herausfand. Die Jungs konnten machen, was sie wollten, mir gelang es noch nicht einmal im Vollrausch, aus Versehen eine Frau anzusprechen. Und sie gaben wirklich alles, die Freunde, der Club, Fissel, Attila, Klaus und Ingo, die auch an diesem Abend wieder auf mich einredeten. Ich erkannte zu spät, dass ich mich längst auf ihr Spiel eingelassen hatte. Aber was sollten sie tun? Sie konnten mich schließlich nicht zwingen.

Während ich nach der nächsten Kugel griff, sah ich im Augenwinkel die bildhübsche Kellnerin durch die Tür in der dunkel vertäfelten Wand treten, und beschleunigte meinen Anlauf.

»Die dreiundzwanzig extra kross!«, rief ich zum Knallen der fallenden Kegel, die ich mit meinem fünften Wurf doch noch erwischt hatte.

»Musst du so reinhauen?«, fragte Ingo. »Jetzt, wo du bald Damenbesuch kriegst, könntest du ruhig auch mal abspecken.«

»Du kannst mich mal«, sagte ich und setzte mich, zufrieden mit meinem Wurf, zurück an den Tisch. »Räum du erst mal die Kegel ab.«

»So ’n Wohlstandsbauch kommt international gar nicht so schlecht«, meinte Fissel. »Mich hat letztens eine gefragt, ob ich genug zu essen krieg. Das war in Island, glaube ich.«

»Kann ich bei dir auch ein neues Thema bestellen?«, wand ich mich verzweifelt an die Kellnerin.

»Du bist ja mal humorvoll«, sagte die. »Wetter geht immer. Wetter und Frauen, oder?«

»Siehste!«, rief Fissel ganz begeistert.

Die Kellnerin lächelte fast mütterlich und ließ uns allein, um sich bei den Damen auf Bahn zwei nach weiteren Wünschen zu erkundigen.

»Sag mal, hast du die gerade einfach angesprochen?«, fragte Ingo ungläubig.

»Wen jetzt?«

»Na, die Kellnerin. Du hast die einfach angesprochen, und dann auch noch humorvoll.«

»Noch ein Wort, und ich gehe«, sagte ich.

Mit einem Schulterzucken hob Ingo seine Hände in Unschuldsgeste in Richtung des gusseisernen Leuchters.

Der Rest des Abends war normal erträglich, ja, sogar ziemlich lustig, weil die Kegeletten es besonders fröhlich trieben und uns schließlich mitrissen. Schlangenschnapstrunken böllerten wir die Kugeln in gemischten Teams auf die zellulitös gedellten Dielen. Niemand nahm keinen ernst, weswegen sich alle amüsierten und wir eine Platte Frühlingsrollen nach der anderen verschlangen, so dass die fettigen Finger die Kugeln kaum noch halten konnten. Es lief so gut, dass ich erst weit nach Mitternacht, zu Hause vor dem Kühlschrank stehend, wieder an meine Bockis™ dachte, die da in ihrer Kiste lagen. Direkt vor meinen Augen stand außerdem ein Glas Gewürzgurken.

»Ich Schwachkopf !«, rief ich. »Direkt vor meiner Nase!«

Hastig schraubte ich den Deckel ab.

Wenn nur nicht ausgerechnet diese beiden Letzten ihrer Gurkenart bissweich waren! In jedem Glas gab es diese Nieten, die so gar nicht knackig waren, sondern, ja, schwachkonsistent wie konservierte Würstchen. Bocki™ war anders! Sollte zumindest anders sein. Nicht wie eine wirklich frische Naturdarm-Metzgerwurst, aber doch besser als die Konkurrenz im Supermarktregal und in der Werbepause. Mit mehr Biss! Mehr Knack! Mehr Schmatz!

Um bloß kein Stück Gurke zu vergeuden, stürmte ich sofort an meinen Rechner, fuhr ihn hoch, hockte mich in die Box und startete die Aufnahme. So nah wie möglich am Kondensatormikrofon biss ich so knapp wie möglich am Gurkenende ab. Fast ungebremst schlugen meine Schneidezähne aufeinander, dass es schmerzte. DAS WAR KEINE GURKE! Das war WASSER in GURKENFORM!

Ich biss und biss und biss, bis die erste Gurke komplett zermatscht an der Hot-Dog-Theke Karriere hätte machen können. Dann fummelte ich auch die allerletzte aus der trüben Brühe heraus, versuchte tastend ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sie beschaffen war, presste dann meine Lippen um sie herum und ließ schließlich den Zähnen freien Lauf. Ein weiterer Biss ins Wasser.

Ich ließ mich zurückfallen in meinen kunstledernen Schreibtischstuhl und versuchte, mich zu beruhigen. Schließlich hatte ich noch das ganze Wochenende, um die richtige Gewürzgurke zu finden. Es ging nicht um das zirpende Knackknistern echten 99er Belugakaviars, sondern um einfache Grundlagen der ästhetischen Lebensmittelphysik.

Obwohl ich genau wusste, was mich erwartete, öffnete ich nach einigen Mut machenden Gedanken die Sound-Datei und lauschte dem unappetitlichen Schmatzen, das gar nichts Knackiges an sich hatte. Ein Angler, der durch Schlamm watet, die Stiefel mühsam mit den Zehen haltend. Kein Filter der Welt, nicht der ausgefuchsteste Effekt würde helfen können, wo die Geräuschsubstanz so ungenügend war.

Nur deshalb war ich dankbar für die Ablenkung, als ich sah, dass mir jemand geschrieben hatte: Fissel schickte die Adresse des Couchsurf-Portals. In jeder weniger verzweifelten Lage hätte ich die Mail einfach gelöscht. So aber, besoffen und von allen Gurken verlassen, klickte ich auf den Link und konnte nicht fassen, was ich da über mich erfuhr: Er hatte mich unter meinem richtigen Namen angemeldet, und dieser fünfunddreißigjährige Norbert Decker hatte schon jetzt ein knappes Dutzend hervorragender Bewertungen von ausschließlich weiblichen Mitgliedern unterschiedlichster Herkunft zwischen achtzehn und dreiunddreißig.

Wann hatte er das angestellt? Den Angriff musste er von langer Hand geplant haben! Das war hochgradig kriminell! Erst jetzt stellte ich fest, dass ich Fissel in Erinnerung kaum noch beim Kegeln sah, als wäre er irgendwann einfach verschwunden. Das letzte Bild zeigte ihn mit seinem Smartphone, als er uns diese Frau präsentierte, die er für mich gefunden hatte.

Es dauerte eine Weile, bis ich die Erinnerung an Fissels Verschwinden mit der Gegenwart auf meinem Monitor in Verbindung brachte. Die nächste E-Mail bestätigte dann aber meine schlimmsten Befürchtungen: Laura Barolli bedankte sich auf Englisch dafür, dass ich so spontan noch zugesagt hatte. Sie würde morgen gegen Mittag landen und so schnell wie möglich zu mir kommen. Warum tat Fissel mir das an? Zumal ich wirklich Wichtiges zu tun und außerdem auch gar kein Sofa hatte.

EIN ERSTES LETZTES MAL

Wenn ein Bruchteil der Chinesen auch nur gelegentlich annähernd so viel Schlangenschnaps trank, wie ich es getan hatte, dann mussten wir uns nicht vor ihnen fürchten. Die Chinesen, das fühlte ich ganz deutlich, würden sich selbst daran hindern, uns zu unterjochen. In den wenigen Stunden Schlaf, die mir geblieben waren, hatten die Giftstoffe des Gebräus um meine Matratze herum eine Mauer errichtet, die ich niemals würde überwinden können. Nicht in diesem Zustand. Genauso würden die vom Schnaps geschwächten Chinesen auf Ewigkeiten Gefangene ihrer eigenen Wallanlage bleiben. Angst haben, das begriff ich plötzlich, musste man vor Menschen und Völkern, die keinen Alkohol tranken. Den Arabern! O kämpferische Sarazenen! Sie würden uns vernichten, bei Nacht und Nebel auf schwarz im Mondschein schimmernden Hengsten über die Straße von Gibraltar fliegen, während wir unseren Rausch ausschliefen. Und gleich ritten sie weiter gen Osten, wo Polen und Russen, vom Schnaps geschwächt, das gleiche Schicksal blühte. Alkohol war die Geißel der Menschheit. Schlangenschnaps. Korn. Vodka. Und nach dem Stößchen ein Stückchen Hering oder Gurke, hauptsache salzig, dachte ich in Erinnerung an einen russischen Abend bei Fissel, und plötzlich waren sie weg, die Ängste vor der nüchternen Horde, weil ich mich erinnerte. Nicht an den Schlangenschnaps der Kegeletten, sondern an meine Gurken.

Ich riss die Augen auf. Der Wecker zeigte schon fast Mittag. Das Wochenende stand vor der Tür. Wann schlossen die Läden, verdammt? Mit hektischer Lethargie versuchte ich aufzustehen, beschloss mit schweißbedeckter Stirn, mir endlich so ein richtiges Bett zu kaufen, aus dem man direkt auf die Füße fiel, weil ich, wenn noch nicht alt, dann doch nicht mehr der Jüngste war. Dann erinnerte ich mich daran, dass heute erst Freitag war und außerdem sogar am Wochenende nichts mehr nicht verfügbar war in dieser Stadt, aus der sie mit Gott auch längst den Ladenschluss vertrieben hatten.

Endlich unter der Dusche, fand ich trotz Kater zu einer ganz ausgeglichenen Vorfreude, da ich wusste, was zu tun war. Ich brauchte Gewürzgurken und würde sie mir besorgen, um dann ein wunderbar zurückgezogenes Wochenende mit ihnen zu verbringen. Schon hörte ich, wie das perfekte KNACKSCHMATZ! am Sonntagabend erklingen würde. Allein der Gedanke machte mir Lust. Ja, ich hatte BOCK AUF BOCKI™, die knackigste Bockwurst aller Zeiten!

In meinem graublauen Marineparker und mit dem Regenschirm eines Rentenversicherers machte ich mich nach einer Kanne Kaffee und drei schnell verzehrten Bockis™ auf den Weg in den Supermarkt. Grau hing der Novemberhimmel an den letzten analogen Fernsehantennen. Vielleicht freuten sie sich darüber, noch einmal gebraucht zu werden, da ohne sie der Himmel langsam zur Erde gleiten und alles unter sich begraben würde. Männer. Frauen. Würste. Gurken.

Vor dem Supermarkt angekommen, fummelte ich die Einkaufswagenmarke aus der Sicherungsklammer an meinem Schlüsselbund, steckte sie in den Verschlussmechanismus an der Lenkstange und riss den Wagen heraus aus der langen Kette glänzenden Metalls. Fast im selben Augenblick rauschte ein vollbärtiger Kerl in Funktionsjacke an mir vorbei und rammte seinen Wagen in die Schlange hinein. Wollüstig stöhnte er auf, noch einmal etwas leiser, als er den Stecker des Vorwagens in den Verschlussmechanismus an seiner Lenkstange führte. Nicht auszudenken, was so ein Mann mit einer Frau anstellte.

Ich dachte an meine Gurken und machte mich auf die Runde. Im Uhrzeigersinn, das schwache, linke Bein also außen und somit langsamer als ein Mittelstreckenläufer auf der Tartanbahn, der es mit dem starken, rechten Bein außen mit Uhr und Zeigersinn aufnehmen konnte, es sei denn, er war Linksfüßer. Schnell war ich dennoch, und selbst die besten Ladenflächengestalter der Welt hätten mich nicht aufhalten können mit ihren billigen Tricks. Nicht der Geruch der frisch gebratenen Hähnchen an der Fleischtheke, nicht das Lächeln der Frauen auf den Klopapierpackungen, nicht die strahlenden Farben des kalt bedampften Frischgemüses und auch nicht die diverse Eleganz des Alkoholregals verlangsamten meine Schritte. Nein, ich rauschte durch den Supermarkt, umkurvte Regale und Schikanen mit der Geschicklichkeit eines Rennfahrers, bog schließlich ein in die Boxengasse, ging runter vom Gas und kam punktgenau zum Stehen. Da stand mein Treibstoff: drei Reihen von je fast einem halben Meter neben Zuckermais und Rote-Bete-Kugeln.

Ein Glas der mit Salz, Essig, Dill oder sonst einem Kraut gewürzten Gurken nach dem anderen packte ich in den Wagen. Vor meinem inneren Auge sah ich kurz die spreewäldischen Gurkenfelder und fragte mich, ob Gurken denn wirklich im Wald wuchsen oder nicht doch wie Reis in seichtem Wasser? Da rief mich schon mein innerer Boxenchef zur Ordnung. Der Tank war voll. Die Reifen gewechselt. Die kurvigen Straßen Monte Carlos erwarteten mich.

Ich ignorierte, dass überhaupt noch andere auf der Strecke unterwegs waren, schnitt eine protestierende Mutter, die fast im Kühlregal landete, drängte mich zwischen einem Touristenpaar hindurch, wobei ich dem stark übergewichtigen Mann eventuell leicht in die gesundheitsbeschuhten Hacken fuhr, drückte aufs Gas und schoss in eine Kassenzufahrt rein, die gerade erst geöffnet wurde.

»Hey, wir warten hier schon länger!«, maulte ein Jogger in Thermoanzug aus der Nebenschlange.

»In England würd’s so was nicht geben«, meinte eine sehr hübsche Hutträgerin. »Da gehört Anstehen zur Kultur.«

Die Kassiererin hatte trotz oder auch wegen ihrer jugendlichen Schönheit offenbar keine Ambitionen, eine Zweitkarriere in der Rennrichterbranche anzugehen, und zog kommentarlos die ersten Gurkengläser durch die Discobeleuchtung ihres Scanners.

»Ist das überhaupt noch eine haushaltstypische Menge?«, versuchte der Jogger nachzutreten.

»Ich glaube, man darf nur fünf von einem Artikel«, sagte die mit Hut.

Sie passten so gut zueinander, dass mir vor Neid fast die Tränen kamen. Warum passierte mir das nie? Musste man ein Arschloch sein, um Frauen an der Supermarktkasse kennenzulernen? Musste man immer einen gemeinsamen Feind haben, um zusammenzufinden?

»Als gäb’s nichts Wichtigeres«, versuchte ich verschwörerisch in Richtung Kassiererin zu lächeln.

»Fürs Reden werd ich nicht bezahlt«, sagte sie.

Ich verfluchte mich. So ein Idiot! Natürlich nicht die Kassiererin, die doch auch nur eine Variante der Kellnerin war, die jeden Tag von jedem angesprochen wurde, der keine bessere Idee hatte. Der Jogger und die Hutträgerin tauschten unterdessen Telefonnummern aus. Ich zahlte und schob den Wagen hastig raus auf die Straße.

Ich wohnte schon zu lange in dieser Wohnung, um die Veränderung nicht zu spüren. Die zwei großzügigen Zimmer mit Küche und Bad hatte mir ein Sozialarbeiter untervermietet, der selbst auf einen Bauernhof ins Umland gezogen war. Vor fast zehn Jahren. Eine zumindest wohnungstechnisch gute Zeit. Jetzt stimmte etwas nicht.

Vielleicht lag es am Gewicht all der Gurkengläser, die ich hoch in den zweiten Stock geschleppt hatte, vielleicht waren es noch immer Nachwirkungen des Schlangenschnapses, vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes. Unheimliches. Unfassbares. Jedenfalls spürte ich etwas hinter dieser Wohnungstür, die mir all die Jahre so sicherer Schutz vor der Welt und ihrer Unbill gewesen war. Da war etwas, was nicht sein sollte. Durch den Schlüssel hindurch erfühlte ich ein Weniger an Raum, das mir die Brust einengte. Flach und hektisch atmend zog ich die Tür zu mir, um den Schlüssel zu drehen und dann vorsichtig gegen das alte Holz zu drücken.

Das Schloss war unversehrt. Ich musste also nicht befürchten, einen toten Junkie auf meiner Matratze zu finden. Auch mein Equipment, der Rechner, das Mischpult, das Kondensatormikrofon, die schalltote Box, all das war sicherlich noch da. Und ich wusste ja auch längst, dass gar nichts fehlen würde, sondern dass etwas da war.

Ich ließ die Gurkengläser im Flur und die Wohnungstür offen und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Das Schlafzimmer atmete unberührt den abgestandenen Dunst des Schlangenschnapses. Die Tür zum Arbeitszimmer war verschlossen. Sicher, dass sie vorhin noch offen gestanden hatte, drückte ich die Klinke runter, dann gegen das Holz und hörte das so vertraute Stöhnen der Angeln. Und dann?

Ich hätte alles gegeben für ein Flasche Schlangenschnaps. Wäre lieber mit der Frau, mit der ich ganz versehentlich ein Kind gezeugt hatte, noch ehe ich Auto fahren durfte, ja mit der wäre ich zu einem ihrer Squaredance-Wochenenden gefahren, zu denen sie mich immer wieder einlud, damit ich meinem Sohn endlich etwas näherkäme, der seinen neuen Papa noch immer nicht ganz akzeptierte. Ich hätte unter Beobachtung des ganzen Clubs jede beliebige Frau auf der Straße angesprochen, um das nicht erleben zu müssen, was mir plötzlich so klar vor Augen stand: EIN MINDESTENS ZWEI METER LANGES SOFA!

Fassungslos ging ich zu Boden.

Bezogen mit tiefrotem Samt, stand der mobilare Eindringling, eingekeilt zwischen dem alten Klavier meines Vermieters und der Wand, quer in dem Zimmer, in dem ich jetzt unbedingt arbeiten musste, um nicht auch meinen allerletzten Auftraggeber zu verlieren.

Ich hievte mich vor dem Rechner auf die Knie, hieb auf die Tastatur ein mit der unsinnigen Hoffnung, dass alles nur ein schlechter Traum sein möge. Aber natürlich hatten sie mich wirklich bei diesem Portal angemeldet und sich während meiner Einkäufe mit Ingos Ersatzschlüssel in meine Wohnung geschlichen, um mir ein Sofa aufzudrängen. Und sie hatten diese Laura Barolli eingeladen, bis Montag auf diesem Ding zu wohnen! Zu leben!

Of course you can live on my sofa!, hatten sie in meinem Namen geschrieben. Hatte ich geschrieben! ICH! Als wäre Schlafen nicht genug!

Ich stürmte ins Treppenhaus, hämmerte gegen Ingos Wohnungstür, der natürlich nicht da war. Ich wählte Fissels Nummer, dann die von Attila und Klaus, aber auch sie hatten Besseres zu tun, als den verdammten grünen Hörer zu drücken und ihrem Freund Dickie das Leben zu retten! Ich raste zurück zum Computer.

Ihr Flugzeug war längst gelandet.

Hektisch sah ich mich um.

Der Anblick konnte keiner Frau gefallen. Es war mir so egal, was sie mochte oder nicht, diese Frau, nur dass sie ja nichts dafür konnte, dass diese Arschlöcher sie zu mir eingeladen hatten. Nein, Laura Barolli war unschuldig! Sie würde hierherkommen und mit mir darauf warten, dass sich einer der Freunde meldete, um sie zu sich zu nehmen, damit ich meinen Job erledigen konnte. Laura Barolli würde nichts dagegen haben, schnell wieder auszuziehen aus einer Wohnung, in der es bis auf mehrere Dutzend Gläser Gurken und eine Kiste voller Bockwürste nichts zu essen gab. Verdammt! Ich wollte tot sein! Und raste doch schon wieder in den Supermarkt, um Putzzeug und weniger exotische Nahrungsmittel zu kaufen.

Zurück im Treppenhaus, hämmerte ich noch einmal gegen Ingos Tür.

»Mach auf, du Arsch!«, brüllte ich. »Bitte!«

»So kriegste keine Alte rum«, rief der Säufer von oben, und ich hörte, wie er ansetzte, die Treppe herunterzukommen, um sich mit mir im Leiden zu verbrüdern.

DAS NICHT! Schnell in die Wohnung! Dann lieber Laura Barolli auf dem Sofa.

Zwei Stunden später hatte ich alle Böden gewischt, Altglas und Müll in den Keller gebracht, Geschirr gespült und das Bad gescheuert. Zuletzt bezog ich mein Bett neu und legte aufs Sofa frische Wäsche. Auch wenn Laura noch heute weiterziehen würde, sollte sie sich doch willkommen fühlen. Schließlich kam sie ganz allein von weit her zu einem vollkommen unbekannten Mann in die Wohnung.

Die Idee, etwas für sie zu kochen, hatte ich schnell wieder verworfen. Natürlich würde sie nach der langen Reise Hunger haben, nur würde ich einer Italienerin sicherlich keine Nudeln kochen und ihr auch keine glutamatigen Dosenravioli anbieten. Nein, wir würden zum Inder gehen oder zum Schwaben, das durfte sie entscheiden.

Ich war noch immer nicht zufrieden. Zu unruhig, um mich wieder an den Rechner zu setzen und wenigstens etwas zu erledigen, solange sie noch unterwegs war. Stattdessen räumte ich den Schreibtisch auf, verstaute Kabel und Mikroständer in der schalltoten Box, die ich mit Ingos Hilfe ins Arbeitszimmer gebaut hatte. Zuletzt hängte ich sogar ein Poster an die kahle Wand über dem Sofa. Das Filmplakat von Außer Atem.

Von mir selbst überrascht, bemerkte ich, dass ich mich langsam mit dem Monstrum arrangierte, das sie mir ins Zimmer gestellt hatten. Auch dieses Sofa war schließlich unschuldig und immerhin kein vergammeltes Ding vom Recyclinghof, sondern ein durchaus ordentliches Objekt. Irgendwo zwischen Backpacker-Hostel und Luxussuite, wobei ich weder das eine noch das andere aus eigener Erfahrung kannte. Jedenfalls hatte es eine Rücken- und zwei Armlehnen sowie eine ziemlich breite Sitzliegefläche. Sollte Laura Barolli nicht übertrieben großwüchsig sein, was bei einer Italienerin doch sehr überraschend wäre, würde sie bequem Platz finden, um sich auszustrecken, wenn es allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz doch so weit kommen sollte. Für diesen Fall allerdings musste ich unbedingt den Zimmerschlüssel finden. Alleine in der Wohnung eines fremden Mannes, sollte sie doch zumindest die Möglichkeit haben, sich einzuschließen. Ich fand ihn im Schreibtisch. Der Badezimmerschlüssel blieb allerdings unauffindbar, weshalb ich schnell noch einen Kartonboden zurechtschnitt, beschriftete und mit Schnur und Reißzwecke an der Badezimmertür befestigte. Free und Occupied boten sich international verständlich an. So würde es zu keinen Missverständnissen kommen.

Als ich endlich das Gefühl hatte, eine Frau in meiner Wohnung empfangen zu können, ohne dass sie sich vor lauter Ekel würde übergeben müssen, kochte ich Kaffee und riss die Fenster auf, um durchzulüften. Am straßenseitigen Ende des Arbeitszimmers blieb ich kurz stehen und atmete durch.

Die körperliche Arbeit hatte den Schlangenschnaps aus meinen Adern vertrieben, der Himmel hing nicht mehr ganz so grau und ganz so tief, das Verhalten meiner Freunde war zwar noch immer unakzeptabel, aber ich konnte mir immerhin vorstellen, dass sie es wirklich gut meinten mit mir. Letztlich war es doch kein Ding, ihnen den Gefallen zu tun und mitzuspielen. Später würde ich schon einen von ihnen erreichen und erklären, warum ich an diesem Wochenende keine freien Kapazitäten für Laura Barolli hatte, der sie also ein anderes Quartier besorgen müssten. Natürlich, hörte ich mich ihnen versichern, würde ich mich bald auch um mein Liebesleben kümmern, selbstredend konnte ich nicht ewig Angst haben, gleich noch ein Kind zu zeugen, nur weil ich eine Frau ansprach. Ich würde an meiner, wie Attila es nannte, gynophobischen Grundeinstellung arbeiten, nur war jetzt gerade nicht der passende Moment, so sehr mich die novemberlich verhüllten Reize der an meinem Haus vorbeieilenden Frauen auch beeindruckten.

Gerade in diesem Moment sah eine für die Umgebung so unpassende Schönheit auf eine Weise an den Häusern hoch, dass mir ganz anders wurde. Selbst aus dem zweiten Stock betrachtet, wirkten ihre Augen riesig und warm, strahlten die zerzausten schwarzen Haare, glänzten die vollen Lippen. Sie zog einen knallroten Rollkoffer hinter sich her und sah sich suchend um. Ich musste handeln, nur ging das nicht, da ich Besuch erwartete. Was brauchte man denn diesen Unsinn, Internet und Sofasurfen, wenn das Glück ganz von selbst vor der Tür stehen blieb?!

Ich versuchte, mich zu beruhigen, da ich mich gut genug kannte, um zu wissen, dass ich derartigen posttoxischen Verliebtheitsanwandlungen nicht trauen durfte. Emotionale Halluzinationen nannte Ingo das. Und wirklich wich das Gefühl von Liebe schnell dem von Panik, als sie ihre Schritte in Richtung der Haustür lenkte und aus meinem Blickfeld verschwand, woraufhin ich das Geräusch meiner Klingel vernahm.

Ich sah nur noch mein Spiegelbild im offen stehenden Fenster. Die Arbeit der letzten Stunden hatte Verheerendes angerichtet. Ich musste die Arme gar nicht heben, um festzustellen, dass ich stank. Wie ausgeleierte Hängematten hingen die Schweißflecke mir bis auf Höhe des Gürtels, den ich zur Jogginghose gar nicht trug.

Ich zitterte. Knie und Arme schlackerten. Ich wollte nur noch in mein Bett unter die Decke. Wer war ich denn, dass ich mit Hilfe krimineller Manipulationen eine Frau wie die da unten in meine Wohnung lotste? Sah ich nicht genauso aus wie der Perverse, den man hinter solchen Machenschaften vermuten würde? Ein Blick würde ihr genügen, um das Spiel zu durchschauen und die Polizei zu rufen, ganz gleich, wie sauber jetzt die Böden waren.

Ich riss mich los von meinem Spiegelbild, eilte zur Tür, um den Summer zu drücken, dann ins Schlafzimmer. Was konnte ich überhaupt noch tun? Krank spielen? Einen Wasserrohrbruch simulieren? Vorgeben, dass ich gerade mein Fitnessprogramm absolvierte? Und das, wo ich doch längst hätte nach unten eilen müssen, um ihr den Koffer abzunehmen! Mittlerweile war sie sicher schon im ersten Stock.

Ich musste alle Geschütze auffahren, um zumindest abzulenken von meinem Zustand, und hatte keine bessere Idee, als den Smoking meines Großvaters aus seinem Kleidersack herauszufummeln und überzuziehen. Dann hastete ich ins Bad, um mir zumindest noch Wasser ins Gesicht zu werfen, als es schon an der Wohnungstür klopfte. Als SIE an der Wohnungstür klopfte. Als mein HERZ plötzlich klopfte, als wolle es IHR Klopfen übertönen. Alles klopfte! SIE und ES. HILFE!!! INFARKT!!! DEFIBRILLATOR!!!

Anstatt einfach umzukippen, ging ich wie ferngesteuert an die Tür und öffnete, und dann? – – –

Noch nie, in keinem Traum, keinem noch so schmutzigen oder sauberen Film, keinem Magazin oder Museum hatte ich so etwas gesehen.

»You are Dickie?«, fragte sie und zeigte lächelnd ihre Zähne. »Are you okay?«

»Y … y … yeah«, stammelte ich.

»Nice costume.«

»Ähhh, yes. From my grandfather.«

So standen wir uns gegenüber. Sie lächelte. Ich versuchte, ihr das irgendwie nachzumachen. Mit bescheidenem Erfolg.

»Can I come in?«

»Yes … yes … ja, bitte …«

»Your grandfather didn’t like shoes?«

So herrlich duftend, dass ich nur mit Mühe bei Bewusstsein blieb, strich sie an mir vorbei in meine Wohnung hinein. Ich blickte an mir herab und sah meine rosa verwaschenen Tennissocken mit je einem großen Loch über dem dicken Zeh.

Irgendwie gelang es mir, die Wohnungstür zu schließen und sie in die Küche zu manövrieren, wo immerhin der Kaffee gerade durchgelaufen war. Sie musterte die Kanne interessiert und wollte gerne eine Tasse. Wir nippten im Stehen am viel zu heißen Gebräu, vollkommen gehemmt, bis ich ihr schließlich erklärte, dass ich gerade eine Art Kostümprobe machte für einen Kundentermin. Sie tat zumindest so, als verstünde sie. Ich bot ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Dann verschwand ich schnell, um mich frisch zu machen.

Es konnte nur besser werden. Alles. Der Gipfel war passiert. Jetzt ging’s rasant bergab, so unglücklich war der Gedanke. Als ich mich fertig umgezogen mit Deo imprägnierte, fiel mir ein, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, einer Italienerin Filterkaffee anzubieten. Da ich daran aber auch nichts mehr ändern konnte, versuchte ich, mich freundlich anzulächeln, entfernte mit einem Stück Klopapier noch einige Zahnpastaflecken, die den Spiegel auf Stirnhöhe schmückten, und ging mit dem festen Vorsatz in die Küche, dass unsere zweite Begegnung noch besser werden würde als die erste.

Nur war die Küche leer.

Ihr Koffer weg.

Die Tasse voll.

Ich hielt mich am Türrahmen fest. So sehr ich meine Freunde verflucht hatte, so schäbig ich mir vorgekommen war, so wenig konnte ich glauben, dass sie SO schnell geflohen war. Dass die eine Frau, die sich nun doch einmal zu mir verlaufen hatte, sofort wieder verschwand.

»I am here!«, hörte ich sie da hinter mir, und noch nie hatten von weiblichen Stimmbändern ausgesandte Schallwellen zarter über meine Hörknöchelchen gestrichen.

Ungläubig wandte ich mich um. Sie stand in meinem Arbeitszimmer und betrachtete das Sofa. Sie fand es lustig, dass ich ihr wirklich ein Sofa anbot. Bis jetzt sei sie immer auf Matratzen oder sogar in Betten untergebracht worden. Das hier fand sie richtig romantisch, überhaupt die ganze Wohnung und die Straße und die Stadt.

»You know, I feel so free!«, lachte sie so offen, dass ich mitlachen musste.

Dann fragte ich sie, ob ihr der Kaffee nicht geschmeckt habe, und bot ihr an, vom Italiener um die Ecke einen richtig italienischen zu hohlen. Da lachte sie noch lauter, weil sie doch nicht nach Deutschland fahre, um italienischen Kaffee zu trinken.

»I am so hungry!«, sagte sie. »I really would love to eat a Wurst

»Eine Wurst?«

»Si! Ja! Bitte!«

Ich dachte ganz kurz an all die Bockis™ im Kühlschrank und verwarf den Gedanken sofort. Natürlich würde ich sie nicht mit eingeschweißter Bockwurst bewirten, zumal ich die noch brauchte, um weiterzuarbeiten, wenn sie wieder weg sein würde, woran ich gar nicht denken wollte. Nein, wir würden zu dem Schwaben gehen, zu dem Ingo seine Frauen immer ausführte, wenn er sie tendenziell dem Waldorf-Milieu zuordnete. Mit Backpackerinnen ging er zum Inder, damit sie ihm erzählen konnten, dass es in Indien ganz anders schmeckte. Für eher konservativ Bürgerliche hatte er den Italiener, da die offensive Art der libanesischen Kellner ihn richtig wohlerzogen wirken ließ.

Ich erklärte Laura, dass ich ihr gerne ein Restaurant zeigen würde. Sie war einverstanden, ließ ihren Koffer einfach so in meiner Wohnung und folgte mir die Treppe runter auf die Straße, wo sie neben mir herging, als sei das ganz normal. Es war unfassbar, und ich hatte Angst, zu stolpern, in Hundekacke zu treten, irgendetwas Dummes zu tun und den Zauber so zu zerstören. Aber wir liefen einfach weiter, bis sie ganz unvermittelt stehen blieb. Es wäre auch zu schön gewesen. Jetzt war sie aufgewacht, zu sich gekommen, würde sie sich als V-Frau des Sittenschutzes zu erkennen geben, die perverse Sofasurfer enttarnte.

Wir standen vor dem Schaufenster der letzten Fleischerei des ganzen Stadtteils. Ihre Augen strahlten.

»Can we go here?«

»Hier?«

»Ja, bitte!«

Zwei der drei Stehtische waren besetzt. Zum Schwaben war es wirklich nicht mehr weit. Ich konnte sie unmöglich in eine Fleischerei ausführen, diese Traumfrau von feinster italienischer Art.

»I will invite you«, sagte sie und drückte die Tür auf.

Fröhlich bimmelte die Glocke. Ich sah mich um wie ein Studienrat vor dem Sexshop und huschte ihr hinterher. Sie stand schon an der Theke und bestaunte die Auslage.

»Is this all Wurst?«, fragte sie die Verkäuferin.

»Wat is Wurst?«, fragte die zurück.

»Yes«, sagte ich schnell.

Laura sah mich an mit den Augen eines Kindes unter dem Weihnachtsbaum.

»This is so beautiful! Che bellissimo! I want Wurst

»Which one? Was haben Sie denn zum Mittag?«

»Knacker hart und weich, Wiener von Pute, Kalb oder Schwein, Frankfurter, Debrecziner, Bockwurst bio oder nicht, Blut- und Leberwurst frisch, Thüringer und Krakauer gebraten, Nürnberger genauso in der Schnecke oder nicht, Merguez vom Lamm, ne grobe Bio-Bratwurst vom Strauß und Landjäger vom Känguru.«

Wir schwiegen. Machte die Verkäuferin sich über die Frau an meiner Seite lustig? Die Männer an den Stehtischen kauten, ohne von ihren Tellern aufzusehen.

»Eskimos have hundred words to say snow, Germans have hundred words to say Wurst, no?«

»And Italians?«

»We have thousand ways to say amore«, lachte sie, wandte sich wieder der Auslage zu und zeigte auf die zur Schnecke gerollte Nürnberger.

»Sind aber vorgebraten«, sagte die Verkäuferin. »Mit Sauerkraut und Sättigungsbeilage?«