Gill Paul

Die
Affäre

Roman

Aus dem Englischen
von Ulrike Seeberger

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Affair

erschien 2013 bei Avon, A division of HarperCollins Publishers.

ISBN 978-3-8412-0770-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau

Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH &Co. KG

Copyright © Gill Paul 2013

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung HarperCollinsPublishers Ltd 2013

grafische Adaption capa, Anke Fesel unter Verwendung eines Motivs von Getty Images und Arcangel Images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Einleitung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Epilog

Die Dreharbeiten zum Film

La Dolce Vita

Die Premiere in New York

Danksagungen

Fußnoten

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Anne Nicholson, meine Tante,
die mich immer zum Schreiben ermutigt hat.

Einleitung

Ischia, Juni 1962

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber am östlichen Himmel war schon ein Schimmer zu ahnen, und das stahlgraue Mittelmeer wurde allmählich heller. Auf einer Holzbank saß ein alter Fischer und mühte sich damit ab, die ausgefransten Kanten eines zerrissenen Netzes zu flicken. Er liebte die Stille vor Tagesanbruch. Die Luft war seltsam ruhig: keine Brise, kein Vogelgesang, kein Insektengebrumm, nur das regelmäßige Rauschen der Wellen.

Hinter einem Zaun zu seiner Linken lagen Dutzende von Holzbooten aus der Antike an einem neugebauten Landungssteg, wie eine Fata Morgana. Sie sollten in einem Hollywood-Film eingesetzt werden. An den Seiten der Schiffe ragten lange Reihen von Rudern hervor, Bug und Heck der Boote waren elegant nach innen geschwungen. Der Fischer hatte gehört, dass all diese Schiffe in einer nachgespielten Seeschlacht zerstört werden sollten, und schüttelte den Kopf über so eine Verschwendung. Das alles sollte in tausend Stücke zerschmettert werden – die Welt war verrückt geworden.

Er vernahm murmelnde Stimmen, und dann sah er zwei schattenhafte Gestalten zum Strand hinunterschleichen. Ein Frauenlachen war zu hören. Sie würden ihn nicht bemerken, denn er saß mit dem Rücken an einen Felsen gelehnt, aber er schaute zu. Die Frau tauchte einen Zeh ins Wasser und schrie auf, weil es so kalt war. Ihr Begleiter sagte etwas Unverständliches; zweifellos war es ein Mann. Sie tranken etwas aus einer Flasche, und als sie leer war, warf sie der Mann ins Wasser. Der Fischer schnalzte missbilligend mit der Zunge, und der Mann wandte sich in seine Richtung, als hätte er es bemerkt.

Plötzlich packte er die Frau am Arm und zog sie auf den Sand. Besonders bequem wird es da nicht sein, überlegte der Fischer, mit all den spitzen Steinchen und hin und wieder einem Scherben Seeglas. Manchmal buddelten sich auch stechende Schalentiere unter die Sandoberfläche; das würde ihr einen schönen Schrecken einjagen. Mit jeder Sekunde wurde es heller, und jetzt konnte der Fischer sehen, dass der Mann auf der Frau lag. Verheiratet sind die beiden nicht, vermutete der Fischer. Würden sie sonst freiwillig für die Liebe eine zerklüftete Küste dem bequemen Ehebett vorziehen? Bei diesem Gedanken musste er seufzen, in Erinnerung an seine vor vier Jahren verstorbene Frau und den ungeheuren Trost, den ihr Körper ihm stets geschenkt hatte.

Jetzt vögelte der Mann die Frau. Wusste er, dass er einen Zeugen hatte? Erregte ihn das? Dem Fischer bereitete das Zuschauen kein Vergnügen –  in seinen Lenden regte sich nichts mehr –, aber trotzdem wandte er den Blick nicht ab. Als die beiden fertig waren, stand die Frau auf und bürstete sich die Steinchen vom Rücken. Er konnte an ihrem Tonfall erkennen, dass sie sich lachend über die kleinen Verletzungen beschwerte. Der Mann küsste sie, und sie sprachen leise miteinander. Doch schon bald darauf wandte er sich ab und ging den Hügel hinauf.

Statt ihm zu folgen, spazierte die Frau am Strand entlang, schaute auf den rosigen Schein am Horizont, ließ die Schuhe in einer Hand baumeln. Sie ging an die Stelle, wo das Boot des Fischers auf dem Sand lag, stand einfach nur eine Weile da und schaute.

Sobald der erste Streifen des strahlend weißen Sonnenrads über dem Horizont aufgestiegen war und man die Hitze des Tages bereits ahnen konnte, drehte sich die Frau um und ging den Strandpfad hinauf geradewegs auf den Fischer zu. Als sie näher kam, sah er, dass sie eine Schönheit war, eine sehr bekannte noch dazu.

Sie erschrak ein wenig, als sie ihn bemerkte, sagte aber mit amerikanischem Akzent »Buongiorno«. Sie musterte ihn, als wollte sie prüfen, wie viel er wohl gesehen hatte, und als sie an ihm vorüberging, zwinkerte sie ihm zu.

Er nickte kurz. Sie sollte besser ihre Schuhe anziehen, dachte er. Es lagen Fischhaken auf dem Weg, leicht zu übersehen, aber nur schwer wieder aus dem Fleisch herauszubekommen. Doch da er nicht wusste, wie man das auf Englisch sagte, flickte er nur weiter sein Netz.

Etwas später funkelte die Sonne auf einem Gegenstand im Sand, an der Stelle, wo das Paar gelegen hatte. Der Fischer ging hin, um ihn näher zu untersuchen, und sah, dass es ein Schmuckstück aus glitzernden Steinen war. Er hob es auf und war verwundert, wie schwer es war. Er hatte zwar noch nie Brillanten gesehen, hegte aber keinen Zweifel, dass es welche waren. Er überlegte einen Augenblick und steckte dann den Gegenstand in die Tasche seiner Öltuchhose, ehe er zu seinem Netz zurückging.

Kapitel 1

London, Juli 1961

»Ich habe ein Gespräch aus Los Angeles für Sie. Los Angeles in Amerika. Ich verbinde.«

»Ich glaube, das ist ein Irrtum …«, protestierte Diana – sie kannte niemanden, der in Amerika lebte. Aber ihre Stimme verlor sich bereits in einer Abfolge von Klicken und Brummen, während die Telefonistin Stecker an ihrer Schalttafel umstöpselte.

»Ich stelle Sie sofort zu Mr Wanger durch«, sagte eine fröhliche amerikanische Stimme, und Diana zog verwundert die Augenbrauen hoch. Walter Wanger war der Produzent eines Films über Cleopatra, für den man im letzten Winter in den Pinewood Studios mit den Arbeiten begonnen hatte. Die Produzenten hatten jedoch dem Film den Geldhahn zugedreht, nachdem Elizabeth Taylor, der Star des Films, an einer lebensgefährlichen Lungenentzündung erkrankt war.

Walter kam an den Apparat. Seine Stimme klang, als spräche er aus einer Höhle in weiter Ferne. Zusätzlich wurde Diana noch dadurch irritiert, dass sie auch das Echo ihrer eigenen Stimme hörte. Sie musste immer wieder Pausen einlegen, damit es verklingen konnte.

»Wir brauchen Sie in Rom«, sagte Walter. »Ende September fangen wir mit dem Dreh an. Aber bitte kommen Sie schon vorher, sobald Sie können.«

»Sie brauchen mich? Wofür in aller Welt?« Diana hatte im Vorjahr einen Tag in den Studios von Pinewood verbracht und ihm Ratschläge zu den schrillbunten Kulissen des Films gegeben. Da sie ihm im Grunde gesagt hatte, wenn man historisch genau sein wollte, müsste man eigentlich noch einmal ganz von vorn anfangen, hatte sie nicht damit gerechnet, je wieder von ihm zu hören.

»Sie haben in Oxford über Cleopatra promoviert, Sie sind die Topexpertin des British Museum. Niemand sonst könnte der Produktion mit so viel Autorität unter die Arme greifen. Ehrlich gesagt, ohne Sie würde der Film nur halb so gut, wie er sein könnte. Sie müssen kommen, Diana.«

»Wie lange brauchen Sie mich?«

»Bestimmt nicht mehr als sechs Monate«, antwortete er. »Vielleicht ein bisschen weniger.«

Sie schnappte nach Luft. Sie hatte mit höchstens einer Woche gerechnet, aber Walter erklärte ihr, er hätte sie gern während des gesamten Drehs dabei. Er bot ihr ein Gehalt an, das beinahe doppelt so hoch war wie das, was sie im Augenblick bezog – sogar höher als das ihres Mannes Trevor als Universitätsdozent. Dazu kam noch ein großzügiges Spesenkonto. Das Studio würde für sie ein Zimmer in einer Pension buchen, und sie würde von einem Studiochauffeur durch die Stadt kutschiert. Walter redete und redete, er erwähnte all die Annehmlichkeiten, die sie genießen würde, und außerdem würde ihr Name sogar im Abspann des Films auftauchen. Diana bekam kaum ein Wort dazwischen.

Es schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, dass sie sein Angebot ablehnen könnte. Diana äußerte ihre Bedenken nicht, weil alles so ungeheuer glamourös klang. Sie war noch nie in Rom gewesen. Eigentlich war sie bisher überhaupt nur ein einziges Mal im Ausland gewesen, als Studentin auf einer Forschungsreise nach Ägypten. Wenn sie bei den Dreharbeiten dabei war, könnte sie sicherlich auch die Stars bei der Arbeit beobachten, und das wäre sehr aufregend. Außerdem fühlte sie sich geschmeichelt, weil Walter Wanger so großes Vertrauen in sie setzte.

Als Diana sich nach dem Ferngespräch in ihrem kleinen Wohnzimmer umschaute, kam sie jedoch erst einmal ins Grübeln. Wie konnte sie Trevor allein lassen? Sie würde ihn schrecklich vermissen, und er wäre ohne sie völlig verloren.

Er war außerstande, sich ein anständiges Abendessen zuzubereiten. Wenn sie nicht da war, würde er wahrscheinlich von Toast und kalten Bohnen aus der Konservendose leben. Er konnte nicht einmal eine Büchse Suppe warm machen, ohne sie anbrennen zu lassen. Bei seinem ersten und letzten Versuch, die Waschmaschine zu benutzen, waren all seine Sachen eingelaufen. Sie war seine Frau. Es war ihre Pflicht, für ihn zu sorgen.

Zum Glück hatte er nie gemeint, nach der Hochzeit sollte eine Frau ihren Beruf an den Nagel hängen. Er hatte sie immer dafür bewundert, dass sie beruflich vorankommen wollte, und er hatte sie ermutigt, ihre Arbeit ernst zu nehmen. Also hätte er vielleicht nichts dagegen, dass sie diese Gelegenheit beim Schopf packte. Und sechs Monate waren ja eigentlich gar nicht so lang.

Trevor kam spät von einer Versammlung der Victorian Society nach Hause zurück, und Diana brachte ihm eine Tasse Tee und einen Teller mit Wurstbroten, ehe sie ihm von dem Angebot erzählte.

»Das soll wohl ein Witz sein!«, war seine erste Reaktion. »Was für eine Unverschämtheit von dem Kerl, eine verheiratete Frau zu bitten, ihren Mann monatelang allein zu lassen!«

»Ich weiß, es scheint eine lange Zeit zu sein, Schatz. Aber ich bekomme Spesen für ein paar Heimreisen nach London, und du könntest doch auch nach Rom kommen. Wahrscheinlich könnten wir sogar jedes Wochenende miteinander verbringen, entweder hier oder in Rom. Und wir könnten eine Menge Geld auf die hohe Kante legen, damit wir uns eine größere Wohnung leisten können, wenn …« Sie verstummte.

Seit Diana ihre Promotion abgeschlossen hatte, versuchte sie schwanger zu werden, bisher jedoch ohne Erfolg. »Vielleicht machen wir ja was falsch«, hatte Trevor gescherzt, um seine Enttäuschung zu verbergen, als ihre letzte Monatsblutung anfing. »Ganz klar, wir müssen mehr üben.« Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als wäre es allein ihre Schuld, dass sie nicht schwanger wurde. In einer Zeitschrift hatte sie gelesen, dass es beinahe immer an der Frau lag.

»Wir werden schließlich beide nicht jünger«, brachte ihr Trevor nun in Erinnerung. »Ich will nicht alt und klapprig sein, wenn ich meinem Sohn das Fahrradfahren beibringe. Und deine Eianlagen werden auch nicht besser, wenn wir zu lange warten.«

»Ich glaube nicht, dass sechs Monate da viel ausmachen«, brachte sie vor. Doch sie wusste, dass er sich sorgte, weil er schon Mitte vierzig war, achtzehn Jahre älter als sie.

»Sie werden dir dort den Kopf verdrehen. Dieser verflixte Walter Wanger wird dich bitten, auch als Beraterin an seinem nächsten Projekt mitzuarbeiten, und dann am nächsten, und ehe du dich’s versiehst, gondelst du überall auf der Welt rum und benutzt nie wieder dein Gehirn. Wusstest du, dass der Kerl auch Die Dämonischen1 gedreht hat? Langsam habe ich das Gefühl, dass mit dir auch so was passiert ist. Außerirdische sind gekommen und haben dich durch eine Diana ersetzt, die genau das Gegenteil von der Frau ist, die ich geheiratet habe.« Er lächelte und strich ihr übers Knie, versuchte, einen Witz daraus zu machen, aber sie sah deutlich, dass er aufgebracht war.

»Ich bin immer noch ich«, sagte sie und griff nach seiner Hand. »Ich bin immer noch deine Frau. Ich denke, ich hatte nur den Wunsch, noch was Aufregendes zu erleben, ehe ich

mich auf ein Leben als Mutter einlasse. Dann bin ich zwanzig Jahre oder länger ans Haus gefesselt, wenn ich unseren Nachwuchs aufziehe, und Beraterin bei diesem Film zu sein, das wäre ein kleines Abenteuer, das ich mir noch leisten könnte: etwas Aufregendes, von dem ich eines Tages unseren Kindern und Enkelkindern erzählen könnte.«

Ein verletzter Blick überschattete seine Augen. »Unser Leben ist also nicht aufregend genug? Was ist denn mit all den spannenden Sherry-Einladungen im historischen Institut?«

Sie musste über seinen Sarkasmus lächeln. »Ich mag unser Leben, wirklich. Ich mag sogar die Sherry-Einladungen, aber manchmal habe ich das Gefühl, in der Falle zu sitzen.« Er holte tief Luft, also sprach sie schnell weiter. »Es kommt mir vor, als wäre mein ganzes Leben vorgezeichnet und ich müsste mich streng an diesen Plan halten. Ich fände es wunderbar, wenn sie dich für sechs Monate nach Rom oder sonstwo ins Ausland versetzten und ich dann an den Wochenenden zu dir fliegen könnte. Ich würde liebend gern mehr reisen und fremde Städte erkunden.«

»Das können wir alles irgendwann machen, aber du weißt doch, dass ich jetzt an meiner akademischen Laufbahn arbeiten muss, ein weiteres Buch herausbringen – wenn ich je die Zeit dazu finde. Es würde mich Monate zurückwerfen, wenn ich mich jetzt zusätzlich zu meiner Lehrtätigkeit auch noch um die Wäsche und die restliche Hausarbeit kümmern müsste, nur weil du dich auf einem Filmset rumtreibst.«

»Du kannst deine Wäsche gern am Wochenende mit nach Rom bringen, dann mache ich sie dir da«, scherzte sie leichthin.

»Jetzt bist du albern«, blaffte er, und es war eine Spur Wut in seiner Stimme, die er sich schnell zu verbergen bemühte. »Kannst du dir vorstellen, dass ich jedes Wochenende mit einem Koffer voller verschwitzter Socken in der Ewigen Stadt auftauche? Wenn die beim Zoll beschließen, mein Gepäck zu durchsuchen, würden sie vom Gestank ohnmächtig werden.«

»Möglicherweise könnte ich einen Teil meines Gehalts dazu benutzen, für dich eine Haushaltshilfe einzustellen.«

»Oh, jetzt ist es auf einmal dein Gehalt, ja? Ich bezahle die Miete für die Wohnung hier mit meinem Gehalt, und du gibst mir mit deinem Gehalt gnädig Almosen. So sieht es also aus?«

»So habe ich das nicht gemeint«, flüsterte sie und war wütend auf sich. Vielleicht sollte sie es ihm nicht unbedingt auf die Nase binden, dass sie in Rom mehr verdienen würde als er. So nah an einem Streit waren sie lange nicht mehr gewesen, und sie wusste, dass sie die Sache schlecht angefangen hatte.

»Außerdem hatte ich gedacht, dass du dich um eine Assistentenstelle an der Uni bewerben wolltest, sobald etwas Passendes ausgeschrieben wird. Was würde wohl eine Auswahlkommission davon halten, dass du dir sechs Monate Auszeit genommen hast, um beim Dreh eines Hollywood-Films mitzuwirken? Das scheint nicht gerade seriös.«

Diana schwieg einen Augenblick. Sie wusste, dass sie es ihr Leben lang bereuen würde, wenn sie jetzt einen Rückzieher machte und diese Gelegenheit nicht beim Schopf packte.

»Ich bin nicht so seriös wie du, Trevor. Mich langweilt die akademische Welt. Ich wünsche mir eine neue Herausforderung, draußen im weiten Leben, nicht in dem staubigen kleinen Eckchen, an das wir uns gewöhnt haben.«

Trevor starrte in seinen Schoß. »Kannst du diese neue Herausforderung nicht in London finden? Ich wäre todunglücklich ohne dich, mein Schatz.« Als sie nicht antwortete, stand er auf. »Na, jedenfalls habe ich morgen einen langen Tag in der langweiligen alten akademischen Welt, also gehe ich jetzt besser schlafen.« Er gab ihr einen raschen Kuss auf die Wange, als wollte er »nichts für ungut« sagen. »Du kommst doch auch bald, nicht?«

»Ich habe noch Lust auf eine Tasse Tee. Wärm schon mal das Bett für mich an.«

In der Küche saß Diana an dem roten Resopaltisch, hielt den Zettel mit Walter Wangers Telefonnummer in der Hand und musterte die Zahlen, als wäre darin die Antwort in einem Geheimcode verschlüsselt. Was hatte sie denn da vor? Sie sehnte sich danach, Rom zu sehen – aber sie und Trevor konnten durchaus im Urlaub dort hinfahren. Sie war neugierig darauf, wie es am Filmset zugehen würde, aber vielleicht würde Walter sie ja auch für kürzere Zeit verpflichten, nur bis Weihnachten zum Beispiel? Würde sich Trevor darauf einlassen? Sie verspürte ein kleines Nagen und wusste genau, dass sie, wenn sie einmal dort mit der Arbeit am Film angefangen hatte, bestimmt nicht gern nach der Hälfte weggehen würde.

War sie unerträglich egoistisch? Ja, das war sie wohl. Sie war die Ehefrau, die Hausfrau. Es wäre nicht fair, Trevor so lange im Stich zu lassen. Ihr eigener Beruf sollte an zweiter Stelle stehen, zunächst sollte sie sich um seine Bedürfnisse kümmern. Sie hatte allerdings gedacht, Trevor und sie wären ein moderneres und progressiveres Paar als all die anderen. Das hatte ihr an ihrer Beziehung immer so gefallen.

Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, und sie konnte sie nicht zum Schweigen bringen. Sie wusste, dass sie ins Schlafzimmer gehen, neben ihm ins Bett kriechen und ihm zuflüstern sollte: »Natürlich fahre ich nicht nach Rom. Es tut mir leid, dass ich das Thema überhaupt angesprochen habe.« Er würde sich zu ihr umdrehen und sie küssen, und alles wäre gut. Das musste sie tun, aber sie stand nicht auf. Da nagte noch ein kleiner Zweifel in ihrem Herzen, es war ein kleiner harter, vielleicht ein egoistischer Zweifel, jedenfalls aber ein hartnäckiger Zweifel.

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug Mitternacht, dann ein Uhr, und immer noch saß Diana mit dem Kopf in den Händen da. Gab es irgendein Argument, mit dem sie Trevor dazu überreden konnte, sie fort zu lassen? Das Geld wäre nützlich, aber alle anderen Gründe klangen fadenscheinig. Frauen wie sie machten so was einfach nicht. Aber sie wollte es doch so ungeheuer gern. Je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass sie es nicht ertragen könnte, sich diese Gelegenheit durch die Lappen gehen zu lassen. Sie musste ihn einfach überreden. Irgendwie musste sie es schaffen.

Um drei Uhr morgens ging sie ins Schlafzimmer und schlüpfte ins Bett. Trevor war im Tiefschlaf und regte sich kaum. Sie konnte die Wärme seines Körpers spüren, aber sie war tieftraurig über die scheinbar unüberbrückbare Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte.

Kapitel 2

Rom, Juli 1961

»Un espresso, per favore«, rief Scott Morgan einem Kellner zu, setzte sich dann hin und schlug seine langen Beine unter dem Tischchen eines Straßencafés übereinander. Die Luft an der Piazza Navona war mit Benzindünsten gesättigt, und die Sonne schien schon gleißend vom Himmel, was das Pochen in seinen Schläfen nur noch verstärkte. Er drückte die Finger in die Augenhöhlen.

»Hai avuto una bella sbornia sta’notte, eh?«, scherzte der Kellner. »Es ist wohl eine wilde Nacht gewesen?« Als der Mann Scott den Kaffee brachte, deutete er mit einer Pantomime an, dass jemand ein Glas kippt und betrunken torkelt. Ein paar Touristen am nächsten Tisch kicherten.

»Grazie, Giovanni, non mi prendi in giro!« Er rang sich ein schwaches Grinsen ab. Das fehlte gerade noch, dass sich Giovanni über ihn lustig machte.

Der Kellner hatte natürlich völlig recht. Er war am Vorabend mit den Jungs von der Auslandspresse auf Sauftour gewesen, und er hatte, beflügelt von der Kameraderie, dem Erzählen von Anekdoten und dem Gefühl, ein »echter Journalist« zu sein, ein paar Whiskys über den Durst getrunken. Die anderen hatten ihn angestachelt, weil sie nur zu gern sehen wollten, wie der Jüngste von ihnen unter den Tisch kippte oder das Abendessen auf die Dachterrasse des Hotel Eden kotzte.

Scott spürte einen gewissen Neid von seiten dieser verlebten alten Kämpen, die sich vom Redaktionsvolontär bei irgendeinem Käseblatt hochgearbeitet und nun den Zenit ihrer Laufbahn erreicht hatten und als Italienkorrespondenten für überregionale Zeitungen in der Heimat arbeiteten. Sie waren der Meinung, sich einen solchen Posten verdient zu haben, mit vielen langen Jahren, in denen sie Berichte und Nachrufe über Rodeos geschrieben hatten, also war es nicht verwunderlich, dass sie es Scott übelnahmen, wenn er direkt vom College hier gelandet war, mit nichts als einem Harvard-Abschluss in internationalen Beziehungen und ein paar Artikeln im Harvard Crimson als Empfehlung. Zugegeben, er arbeitete nicht für die New York Times oder die Washington Post. Seine Zeitung, der Midwest Daily, war ein respektables, mittelgroßes Blatt, das bei den Bauern im überfrommen Mittleren Westen beliebt war, aber es war doch eine ziemlich prestigeträchtige Position für einen blutigen Anfänger. Er erzählte den anderen nicht, dass man ihm den Job nach einem Anruf seines Vaters angeboten hatte, der einen großen Teil der Aktien dieses Unternehmens besaß.

Scott war im Mai in Rom eingetroffen und hatte sich als Erstes eine Vespa, eine Ray-Ban-Sonnenbrille und ein paar schwarze Rollkragenpullover gekauft. Er wollte wie der ultra-coole Typ werden, den Marcello Mastroianni in La Dolce Vita spielte, in der ganzen Stadt eine wunderschöne Frau nach der anderen verführen und sich von Berühmtheiten aushalten lassen, die sich Artikel von ihm erhofften, während er gleichzeitig ernsthafte, wichtige Berichte einsandte, die ihm die Bewunderung seiner Kollegen einbringen würden. Bisher hatte die Wirklichkeit mit dieser Vorstellung nicht ganz Schritt gehalten. Tatsächlich war nicht eine einzige seiner Geschichten gedruckt erschienen, seit er hier vor zwei Monaten angekommen war, und die Schreiberlinge hatten ihn am Vorabend ständig damit aufgezogen.

»Alle Storys abgeschmettert, abgelehnt, in den Papierkorb gewandert, was? Wir sollten dich Basket nennen, weil all deine Sachen im Papierkorb landen. Was meint ihr, Jungs?«

Sie hatten alle mitgemacht. »Gib mal den Aschenbecher, Basket.« – »Noch einen Whisky, Basket?«

Wenn er die Berichte seiner Landsleute las, die von merkwürdigen Bündnissen zwischen den politischen Parteien Italiens oder von undurchdringlichen landwirtschaftlichen Statistiken aus dem Süden des Landes handelten, musste er ein Gähnen unterdrücken. Vielleicht sollte er auch so was machen, aber er konnte keine solchen Geschichten schreiben, weil er die Kontakte nicht hatte. Er hatte erwartet, ein gut besetztes Büro voller Mitarbeiter vorzufinden, die Interviews für ihn arrangieren würden. Er hätte dann nur hingehen, ein paar kluge Fragen stellen und seinen Bericht pinseln müssen. Stattdessen war seine einzige Kollegin eine Italienerin mittleren Alters, die Anrufe beantwortete und seine Korrespondenz tippte. Sein Vorgänger, ein Journalist namens Bradley Wyndham, war weggegangen, ohne irgendwelche Telefonnummern oder guten Ratschläge zu hinterlassen, und nun musste Scott eben selbst schauen, wie er klarkam.

»Hat einer von euch Bradley Wyndham gekannt?«, fragte er die Schreiberlinge, und sie hatten alle geantwortet, sie hätten ihn mal getroffen, aber nicht gut gekannt.

»Ob du’s glaubst oder nicht, der war Abstinenzler«, hatte einer mit ungläubigem Staunen hinzugefügt. »Ein Journalist, der nicht säuft, ist wie ein Hai, der nicht schwimmt. Er hat ein paar wirklich anständige Stories geschrieben, aber er hat irgendwie nicht dazugehört.«

»Vielleicht war es aus gesundheitlichen Gründen«, schlug Scott vor. »Oder vielleicht war er fromm.« Niemand schien etwas über Bradley Wyndhams Privatleben zu wissen oder auch nur zu ahnen, warum er Rom Hals über Kopf verlassen hatte.

Einer der Journalisten, ein Mann namens Joe, begann seinen »besten Freund« Truman Capote zu zitieren: »Truman hat mal gesagt: ›Es ist mir egal, was die Leute über mich reden, solange es nicht stimmt.‹ Ist das nicht rasend komisch? Wenn man mit Truman rumhängt, hat man immer das Bedürfnis, das Notizbuch rauszuholen und mitzuschreiben, was er sagt, weil er die unglaublichsten Sachen raushaut, einfach so aus dem Stand.«

»Ja, aber dann wiederholt er sie die nächsten zehn Jahre, ob man sie hören will oder nicht«, erwiderte ein anderer mit schleppender Stimme. »Der hat noch nie was gegen Selbstzitate gehabt.«

Scott war skeptisch, was Joes Freundschaft mit Truman Capote betraf. Gewiss würde doch der gefeierte New Yorker Schriftsteller in erleseneren Kreisen verkehren?

Als er heute am Morgen nach der Sauftour im Café saß, dachte Scott, dass Rom wohl doch nicht der richtige Posten für ihn war. Hier gab es einfach nichts, über das er schreiben konnte. Er wünschte sich, man hätte ihn nach Berlin geschickt, wo im Augenblick die hart umkämpfte Front im Kalten Krieg verlief und sich die Situation zuspitzte und immer mehr Menschen vom sowjetischen Teil in den von den westlichen Alliierten besetzten Teil flohen. Oder in die UdSSR, wo Chruschtschow mit dem sowjetischen Kernwaffenarsenal und mit der Führung im Weltraumrennen prahlte. Oder nach Israel, wo Adolf Eichmann wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht stand.

Um halb elf ging die Tür des Gebäudes gegenüber auf, und wie jeden Tag um diese Zeit trat eine atemberaubende junge Italienerin heraus. Das war der Grund, warum Scott dieses Café besonders bevorzugte, obwohl es einige Straßen von seinem Büro entfernt lag. Die junge Frau hatte wunderbar welliges, glänzend schwarzes Haar und das hübscheste Gesicht, das er je gesehen hatte: herzförmig, mit hohen Wangenknochen und schokoladenbraunen Augen. Sie trug ein altmodisches Sommerkleid in hellen Pastellfarben, das an der Taille von einer Schärpe zusammengehalten wurde und züchtig weit unter dem Knie endete. Manchmal, wenn die Sonne hinter ihr stand, konnte Scott die Umrisse ihrer Hüften und Beine durch den Stoff ausmachen. Seit er sie zum ersten Mal erblickt hatte, war er hoffnungslos verliebt. Sein Herz setzte regelmäßig ein paar Schläge aus, wenn sie morgens aus ihrem Haus trat.

Sie trug einen Korb, und er wusste, dass sie auf dem Weg zum Einkaufen auf dem Markt war und dann zur Messe in eine Kirche gehen würde. Er war ihr ein paarmal gefolgt, und der Ablauf war immer der gleiche.

Sie überquerte die Straße, und als sie am Café vorüberkam, rief Scott: »Buongiorno, bella signorina

Sie nickte in seine Richtung und warf ihm ein rasches, nervöses Lächeln zu, ohne jedoch stehen zu bleiben.

Er hatte sie nun schon über einen Monat beinahe jeden Morgen so gegrüßt und freute sich, dass sie das zumindest zur Kenntnis nahm, wenn sie auch nicht zurückgrüßte. Welche Chance hatte er, dass sie eines Tages mit einem Rendezvous einverstanden wäre? Er malte sich aus, dass sie sich bei Kerzenschein an einem Tisch gegenübersaßen, dass er sie in seinem besten Italienisch umwarb und es ihm dann gelang, ihr auf einer dunklen Straße einen Kuss zu geben, wenn er sie nach Hause begleitete. Weiter reichte seine Phantasie nicht. So ein Mädchen würde man niemals ins Bett bekommen, ohne sie zu heiraten, und so weit wollte er nicht gehen. Aber Scott liebte die Herausforderung, und diese junge Frau war gewiss eine.

Er beschloss, es sich zur Aufgabe zu machen, noch vor Ende des Sommers ein Rendezvous mit ihr zu arrangieren. Er war ledig. Sie trug keinen Ehering, auch sonst keinen Schmuck außer der Halskette mit dem goldenen Kreuz. Was konnte so ein Treffen schaden? Und wenn es dazu kam, musste er unbedingt ein Foto von sich und ihr machen lassen, das er seinen Kumpels zu Hause zeigen konnte; sonst würden sie ihm niemals glauben, dass eine solche Schönheit ihn anziehend finden könnte.

Kapitel 3

Diana kam am 25. September am römischen Leonardo-da-Vinci-Flughafen an und suchte ihren Koffer aus den in der Ankunftshalle gestapelten Gepäckstücken heraus. Man hatte ihr gesagt, dass sie jemand abholen würde, der ein Schild mit ihrem Namen in der Hand halten würde, aber sie sah niemanden, auf den diese Beschreibung passte. Es war ein glühend heißer Tag, und sie wünschte, sie hätte ihren Wintermantel nicht an, aber es war einfach im Koffer kein Platz mehr dafür gewesen. Jetzt zog sie ihn aus und legte ihn sich ordentlich gefaltet über den Arm. Ein paar Taxifahrer tauchten auf und wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit, aber sie winkte ab. Ihr Fahrer steckte wahrscheinlich im Stau und würde sich verspäten.

Beim Warten gingen ihr die Streitgespräche der vergangenen Wochen im Kopf herum. Trevor hatte recht: Sie musste eine sehr egoistische Person sein. Sie wusste, dass sie eine schlechte Ehefrau war. Sie wusste, dass sie ihn enttäuschte. Ihre Diskussionen waren immer erbitterter geworden, und ihre Standpunkte hatten sich verhärtet. Diana konnte sich einfach nicht vorstellen, diese Gelegenheit zur Mitarbeit an dem Film verstreichen zu lassen. Doch Trevor hatte das sehr persönlich genommen, als hieße das, dass sie ihn nicht genug liebte. Sie hatte alle möglichen Argumente vorgebracht, aber er wiederholte immer nur, dass er ohne sie nicht klarkommen würde, dass er sie zu sehr vermissen würde.

Sie hatten kaum miteinander geredet, seit sie ihren Flug gebucht hatte. Er war so verletzt, dass er sie nicht einmal anschaute, und sie ängstigte sich, dass sie ihrer Ehe unwiderruflich geschadet hatte. Trevor würde sich doch nicht etwa von ihr scheiden lassen? Sie hatten keine geschiedenen Leute in ihrem Bekanntenkreis, kannten nicht einmal in der Universität welche. Was würde sie machen, wenn er sich entschließen würde, diesen außergewöhnlichen Schritt zu tun? Sie hatte ein sicheres, wohlgeordnetes Leben aufgegeben, um sich in ein ungewisses Abenteuer zu stürzen. Dass niemand gekommen war, um sie abzuholen, schien ihr symbolisch für das Chaos, das sie zu erwarten hatte. Da stand sie nun mitten unter den Taxifahrern in der geschäftigen Eingangshalle und überlegte, ob sie den größten Fehler ihres Lebens begangen hatte.

Nachdem sie sich eine halbe Stunde dort aufgehalten hatte, wechselte sie an einem Schalter etwas Geld. Dort sagte man ihr, zum Telefonieren bräuchte sie gettoni. Also kaufte sie welche und benutzte sie, um in Walter Wangers Büro anzurufen. Sie musste es ein paarmal versuchen, ehe sie begriff, welche Zahlen sie mitwählen musste und welche nicht. Das Telefon klingelte, aber es ging niemand an den Apparat. Sie versuchte, ihre Angst zu beschwichtigen, und beschloss, ein Taxi zu den Filmstudios von Cinecittà zu nehmen. Was konnte sie sonst machen, da sie doch die Adresse ihrer Pension nicht kannte? Sie wählte einen älteren Fahrer aus, der weniger aufdringlich schien als die anderen, und ließ ihn ihr Gepäck in den Kofferraum wuchten. Zum Glück sprach sie einigermaßen anständig Italienisch, seit sie einen Kurs an der Universität belegt hatte. Sie hatte sich mit dem Sprachenlernen immer leichtgetan, während Trevor trotz seines überlegenen Intellekts dafür überhaupt kein Talent besaß.

Während der halbstündigen Fahrt fragte sie sich, was wohl schiefgelaufen war. Erwartete man sie heute noch nicht? Hatte man es sich noch einmal anders überlegt und wollte sie doch nicht anstellen? Der Fahrer hielt vor dem Eingang eines eingeschossigen rosafarbenen Gebäudes, über dessen Tor ein Schild mit dem Schriftzug Cinecittà hing. Diana bezahlte den Fahrer und stand schwitzend in der Hitze, während ein übergewichtiger Wachmann in einem dunklen Anzug mit Walter Wangers Büro telefonierte und es dann mit einer anderen Nummer im Produktionsgebäude probierte. Diana hatte einen Knoten im Bauch. Was, wenn alles ein Riesenfehler gewesen war und man sie überhaupt nicht erwartete? Hatte sie ihre Ehe wegen eines Missverständnisses aufs Spiel gesetzt?

Ein junge Frau mit Pferdeschwanz und weißen Caprihosen kam über den Rasen auf sie zugerannt. »Diana?«, rief sie. »Sie müssen gedacht haben, wir hätten Sie komplett vergessen. Heute ist der erste Drehtag, und alle waren am Set und haben zugeschaut, einschließlich des Fahrers, der Sie abholen sollte. Ich schwöre, auf Italiener kann man sich einfach nie verlassen.« Sie war Amerikanerin.

»Schon in Ordnung«, sagte Diana. »Jetzt bin ich ja hier.«

»Wir bringen Ihren Koffer ins Produktionsbüro und erledigen die Formalitäten. Sie müssen noch Ihren Vertrag unterschreiben, und dann führe ich Sie herum. Ich heiße Candy«, fügte sie hinzu.

Diana folgte ihr über die große Rasenfläche. Dutzende von Leuten hatten sich dort ausgestreckt, rauchten, sonnten sich, lasen Zeitschriften, plauderten und lachten, und sie richteten kurz ein paar neugierige Blicke auf Diana und ihren sperrigen Koffer. Die jungen Frauen trugen alle Caprihosen oder kniekurze Röcke und kleine Blüschen, und plötzlich hatte Diana das Gefühl, in ihrem längeren Rock im Stil der fünfziger Jahre, mit ihrer Jacke und ihren beigen Lederhandschuhen ziemlich altmodisch auszusehen. Sonst hatte niemand Handschuhe an. Die jungen Frauen zeigten sonnenbraune, nackte Beine, während Dianas in rehbraunen amerikanischen Strümpfen steckten, und sie voller Neid überlegte, wie viel weniger die anderen schwitzten.

Candy führte sie zu einer Gruppe von Gebäuden. »Das sind die Produktionsbüros«, sagte sie. »Sie können Ihren Koffer hier stehenlassen.«

Diana schüttelte ein paar Leuten die Hand, die an Schreibtischen saßen, und unterschrieb an den vorgesehenen Stellen ihren Vertrag. Man informierte sie, dass sie jeden Freitagabend am Ende des Arbeitstages ihr Gehalt von 50 000 Lire (etwa 28 Pfund Sterling) abzüglich der örtlichen Steuern erhalten würde und dass das Studio eine Arbeitserlaubnis für sie besorgen würde, sie sich allerdings innerhalb der nächsten Tage polizeilich melden müsste.

Als sie den Raum gerade verlassen hatten, blieb Diana auf der Treppe stehen und schaute auf einen Mann, der in einer römischen Toga auf sie zukam. Sie war höchst verdutzt, als sie begriff, dass es Rex Harrison war. Sie und Trevor hatten ihn im Theatre Royal in der Drury Lane in My Fair Lady gesehen, wo er den Professor Higgins spielte, den Mann, der einem Londoner Blumenmädchen beibrachte, wie man »richtig spricht«. Es war eine wunderbare Inszenierung gewesen, und die Leute waren begeistert aufgesprungen und hatten applaudiert, bis ihnen die Hände weh taten. Rex Harrison ging vorbei, ohne in ihre Richtung zu blicken, aber sie verspürte trotzdem einen kleinen aufgeregten Kitzel.

»Haben Sie Walter schon kennengelernt?«, fragte Candy. Diana erklärte, dass sie an ihrem einzigen Tag in den Pinewood Studios mit ihm gesprochen hatte. »Dann nehme ich Sie mit rüber, damit Sie Joe Mankiewicz hallo sagen können, wenn er eine Sekunde für uns übrig hat.«

»Was macht der?«, fragte Diana, und Candy starrte sie erstaunt an.

»Er ist der Regisseur. Wussten Sie das nicht?«

»Ich dachte, das wäre Rouben Mamoulian. Ich bin mir sicher, dass ich das irgendwo gelesen habe.«

»Ja, das war er auch, aber den haben sie schon vor ewigen Zeiten rausgeschmissen. Die Besetzung hat sich völlig geändert, seit wir in Italien sind. Aber Liz haben wir noch – wohl oder übel.«

»Was meinen Sie damit?«

Candy verdrehte komisch die Augen. »Sie werden schon sehen.«

Jemand steckte den Kopf zur Tür herein. »Candy, wir haben ein Problem mit den Elefanten. Die sind richtig aggressiv geworden und lassen niemanden in ihre Nähe. Könntest du mal hingehen und mit dem Elefantenmenschen reden, was er dazu zu sagen hat?«

»Klar«, erwiderte Candy. »Warum kommen Sie nicht mit, Diana? Dann kann ich Ihnen gleich ein bisschen was zeigen. Den Mantel und die Jacke können Sie hierlassen. Da draußen ist es ja wie im Backofen.« Sie warf einen Blick auf Dianas züchtigen Rock und die Strümpfe, und es schien, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann überlegte sie es sich wohl anders.

Sie spazierten eine schattige Allee entlang. Überall waren ordentlich gemähte Rasenflächen und elegante Boulevards mit römischen Pinien und Oleanderbüschen zu sehen. Viele Leute winkten und riefen Candy Grußworte zu, als sie vorübergingen, und sie rief zurück, machte aber keine Anstalten, Diana vorzustellen.

»Die Kantine ist da drüben, und die Bar hier.« Sie deutete auf einen gesonderten Häuserblock, ging aber daran vorbei. Diana war völlig ausgetrocknet und hätte ein kühles Getränk brauchen können, wollte aber keine Umstände machen. »Ich habe für Sie ein Zimmer in der Pensione Splendid bei der Piazza Repubblica reserviert, so dass Sie nur etwa zwanzig Minuten brauchen, um morgens herzukommen. Ein Fahrer des Studios holt Sie etwa um acht ab.« Sie plapperte über alle möglichen anderen praktischen Dinge weiter, und Diana versuchte, sich alles zu merken und gleichzeitig die Orientierung in diesem riesigen Studiogelände zu bekommen, das sich meilenweit in alle Richtungen zu erstrecken schien.

Sie konnten die Elefanten von Weitem hören und riechen, lange ehe sie das eingezäunte Gelände erreichten. Die Tiere brüllten mit hocherhobenen Rüsseln und stampften mit den Füßen, was die Pferde in den nahegelegenen Ställen scheu machte. Diana konnte sie nicht zählen, denn einige standen auch in einem Außengebäude aus Sandstein, aber vier liefen draußen auf und ab. Candy näherte sich einem Mann, der der Verantwortliche zu sein schien, und redete Italienisch mit ihm. Er breitete die Arme aus und zuckte mit den Achseln, erklärte ihr wohl, dass es nicht seine Schuld war, dass die Tiere so unruhig waren. So seien sie eben.

Diana schaute sich die armen Wesen an, die jeweils mit einer schweren Kette um den Knöchel gefesselt waren. Ihre Augen wirkten erstaunlich menschlich und weise. Der Elefant, der am nächsten bei ihr stand, schien um Mitgefühl für sein Leid zu flehen. Dann schaute Diana auf seine Ohren, die klein waren und schlapp herunterhingen. Sie erinnerte sich daran, dass die Biologielehrerin ihnen in der Schule erklärt hatte, afrikanische Elefanten hätten große Ohren, beinahe in der Form des Kontinents Afrika, mit denen sie sich über den Nacken fächeln, indische Elefanten dagegen kleinere, eher hängende Ohren, die ein wenig wie eine Landkarte von Indien aussehen.

Sie fragte den Trainer: »Questi sono elefanti indiani

»Sì, certamente«, erwiderte der und sprudelte eine ganze Latte von Beschwerden über seinen Vertrag und seine Arbeitsbedingungen hervor.

»Ist das ein Problem?«, fragte Candy.

»Na ja, eigentlich hätte Cleopatra natürlich afrikanische Elefanten gehabt. Ihr Königreich lag in Afrika. Aber kaum ein Zuschauer wird den Unterschied bemerken, da bin ich mir sicher.«

»Phantastisch!«, rief Candy. »Sie haben uns vielleicht gerade einen Ausweg aus unserem Vertrag mit diesem Typen und seinen viel zu aggressiven Tieren aufgezeigt. Walter wird begeistert sein.«

»Oh, gut. Sollten wir ihn dann nicht suchen?« Diana sehnte sich danach, ein freundliches Gesicht zu sehen. Vielleicht könnte Walter ihr auch erklären, was von ihr erwartet wurde.

»Walter kann man nie finden, wenn man ihn braucht – nur, wenn man ihn nicht sucht«, antwortete Candy. »Wir gehen zurück, legen vielleicht ein kleines Päuschen ein und trinken was. Sie sehen aus, als wäre Ihnen warm.«

Diana nickte dankbar. Sie hatte einen blassen englischen Teint und vertrug die Sonne nicht besonders gut. Bereits nach einer halben Stunde im römischen Sonnenschein merkte sie, dass ihre Wangen ein wenig brannten. Sie bat den Barmann um Wasser, das er in einer grünen Glasflasche mit einem hübschen Etikett servierte, auf dem San Pellegrino stand. Warum haben die hier Wasser in Flaschen, fragte sie sich, wo doch Rom den Ruf hatte, das beste Leitungswasser der Welt zu haben, das über die berühmten römischen Aquädukte geradewegs aus den Bergen kam? Es erschien ihr verrückt.

Candy hatte im hinteren Teil des Studiogeländes zu tun, und Diana gesellte sich zu ihr und fühlte sich völlig verloren. Würde sie sich je in diesem virtuellen Metropolis zurechtfinden? Ihr war warm, sie war müde und außerordentlich dankbar, als ihr Candy endlich anbot, einen Fahrer zu rufen, der Diana in ihre Pension bringen sollte.

Ihr Zimmer lag im zweiten Stock eines alten Gebäudes. Es war ein großes, helles Zimmer mit einem eigenen kleinen Balkon und mit einer schönen Aussicht auf die Bäder des Diokletian. Das Zimmer enthielt ein Doppelbett, einen Schrank und ein Waschbecken, und alles sah ordentlich und sauber aus. Auf einem kleinen Tisch stand ein Aschenbecher mit dem vertrauten rot-weiß-blauen Schriftzug von Cinzano. Auf dem Flur befand sich ein gemeinschaftlich genutztes Badezimmer. Als Allererstes zog sich Diana aus und gönnte sich ein lauwarmes Bad, um den Reiseschmutz abzuwaschen. Sie schlüpfte in ein kühles Baumwollsommerkleid, gab Pond’s Cold Cream auf ihre Wangen und ging hinunter, um die padrona zu fragen, ob sie das Telefon benutzen dürfte.

»Tut mir leid, ist kaputt«, erklärte ihr die Frau. »Das nächste öffentliche Telefon ist in der Bar auf der anderen Straßenseite, aber Sie brauchen dazu gettoni. Die können Sie im tabaccaio drüben beim Bahnhof Termini kaufen.« Sie machte eine vage Handbewegung.

Diana ärgerte sich, dass sie vorhin am Flughafen nicht mehr gettoni gekauft hatte. Sie wusste, dass der Bahnhof ein paar Straßen entfernt war. Sie hatte eigentlich vorgehabt, Trevor anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass sie gut angekommen war. Sie hätte ihm auch gern erzählt, dass sie Rex Harrison gesehen hatte, und ihm von den indischen Elefanten berichtet, aber ihr war klar, dass sie nicht erwarten konnte, dass er ihre aufgeregte Freude teilte. Sie redeten ja kaum noch miteinander.

Sie verspürte einen scharfen Schmerz, denn sie vermisste ihn. Normalerweise erzählten sie einander alles, in langen Gesprächen, die sie immer sobald wie möglich auf den neuesten Stand brachten, wenn sie einmal voneinander getrennt gewesen waren.

Es fiel ihr schwer, von dieser innigen Vertrautheit zu einem Leben überzugehen, das sie mit niemandem teilte, über das sie niemandem berichten konnte.

Sie hängte ihre Kleider auf, setzte sich aufs Bett und schaute über die Dächer der Ewigen Stadt, während die Sonne unterging und dabei einzelne Fenster wenige Minuten in ein feuriges Licht tauchte und über Türme und Türmchen einen goldenen Schein breitete. Aus der Küche der trattoria nebenan wehte ein appetitlicher Duft herauf, und Diana beschloss, dort zu essen und dann früh zu Bett zu gehen. Sie würde Trevor morgen anrufen. Er hatte sich nicht einmal richtig von ihr verabschiedet, da konnte er nicht erwarten, dass sie gleich am ersten Abend bei ihm anrief.

Kapitel 4

»He, Scott, wie geht’s?«, dröhnte die Stimme des Chefredakteurs aus dem Telefon. »Ich hab einen Auftrag für Sie: fünfzehnhundert Wörter über die italienische kommunistische Partei. Wie unterscheidet sich ihr Stil von dem des Kommunismus im Sowjetblock? Was sind ihre Ziele, und wie viel Einfluss hat sie in Italien? Meinen Sie, Sie können das schaffen?«

»Klar! Wann braucht ihr es?«

»Reicht eine Woche? Oder haben Sie zu viel damit zu tun, hinter den italienischen Mädels herzurennen?« Der Redakteur hielt Scott für einen Playboy von internationalem Format, und Scott wollte ihm diese Illusion nicht rauben, indem er ihm eingestand, dass er seit seiner Ankunft in Europa nicht einmal einen Kuss bekommen hatte.

»In einer Woche dann«, antwortete er. Endlich konnte er zeigen, wozu er fähig war. Diese versoffenen Schreiberlinge in der Hotelbar des Eden würden ihn ernst nehmen müssen, sobald man einen intelligenten Bericht von ihm veröffentlich hatte.

Er brauchte ein paar Zitate von römischen Politikern. Seine Sekretärin hatte ihm von einem Dolmetscher namens Angelo erzählt, der die Interviews vereinbaren und ihm helfen konnte, wenn sein sehr einfaches Italienisch nicht mehr ausreichte. Dann hätte er bei den Politikern einen Fuß in der Tür. Es war nur schade, dass die ersten, die er treffen würde, ausgerechnet Kommunisten waren. Scott hatte darüber sehr entschiedene Ansichten. Eigentlich begann er den Artikel bereits zu schreiben, ehe er überhaupt jemanden getroffen hatte.

Einige Gewerkschaftler hier in Rom haben die brutale Unterdrückung des Ungarnaufstands durch die Sowjets verurteilt, aber die Parteiführung hat sich ruhig verhalten, weil sie sehr gut weiß, wo ihr Vorteil liegt, schrieb er. Moskau hat die Hand am Geldhahn für die Finanzen, auf denen ihre Macht hier beruht, und obwohl die Parteiführung gemäßigtere Töne anschlägt als Señor Fidel Castro, glauben die italienischen Kommunisten doch immer noch, dass die Arbeiterklasse sich zusammentun und den Kapitalismus stürzen sollte. Etwa vier Prozent aller italienischen Arbeiter sind Mitglieder der kommunistischen Partei, aber man kann jede Wette eingehen, dass das nicht die fortschrittlich denkenden Arbeiter sind, die Mailand zu einem so modernen Zentrum der Bekleidungsindustrie gemacht haben, und auch nicht die Leute, die mit dem Schutz der berühmten antiken Überreste in Rom, Venedig und Florenz betraut sind, denn der Kommunismus würde all das zu Staub zerfallen lassen. Nur politisch völlig ungebildete Bauern glauben noch all die schönen Worte über das Verteilen der Reichtümer und ahnen nicht, dass es unter dem Kommunismus diese Reichtümer gar nicht mehr geben würde, genauso wenig wie freie Meinungsäußerung und andere Freiheiten.

Er interviewte die Politiker, zitierte sie aber so, dass ihre Worte bestenfalls naiv und schlimmstenfalls eigennützig klangen.

Korruption gehört in Italien zum täglichen Leben, behauptete er, und da gibt es keine Ausnahmen, aber die Politiker der äußersten Linken mit ihren moralischen Sprüchen vom Gemeinwohl sind mit Abstand die größten Scheinheiligen. Man muss sich nur vor Augen halten, wie schnell Señor Castro Anfang dieses Jahres die demokratischen Wahlen in Kuba abgeschafft hatte. Wenn man sie nur ließe, würden die italienischen Kommunisten das noch schneller bewerkstelligen.

Es war genau das, was seine Leser im Mittleren Westen hören wollten, die noch unter der Erinnerung an die amerikanische Niederlage in der Schweinebucht vor vier Monaten litten. Zufällig war es auch Scotts Meinung. Er und seine Kommilitonen in Harvard waren völlig entgeistert gewesen, als die von der CIA ausgebildeten Konterrevolutionäre von Castros Truppen mit ihren sowjetischen Jagdpanzern und Jagdbombern besiegt worden waren. Jetzt sah es ganz so aus, als müssten sich die Amerikaner damit abfinden, dass sie die Roten vor der Tür hatten, nur durch achtzig Meilen Meer von den Florida Keys getrennt, es sei denn, John F. Kennedy hatte noch einen anderen Plan in der Schublade. Den hatte er doch bestimmt.

Scotts Redakteur hatte den Artikel auf zwei Seiten gedruckt, mit Fotos von italienischen Landarbeitern und einem hochmodernen Webstuhl in Mailand. Scott war ganz aufgeregt, als er sein Exemplar der Zeitung per Sonderkurier zugeschickt bekam. Unmittelbar unter der Schlagzeile stand »von Scott Morgan, unserem Rom-Korrespondenten«.