SYLVIA BRANDIS

WINDSBRAUT

Wie ich lernte, die Sprache
der Pferde zu verstehen

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Aufbau Digital

Impressum

Mit 22 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0733-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co, KG

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Umschlaggestaltung Büro Süd, München unter Verwendung eines Motivs von Sylvia Brandis Lindström und büro süd, München

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

PROLOG

TRAUMSCHULE FÜR ANFÄNGER

DIE BÖSE ENGLÄNDERIN

ZEHNPFENNIGTRABER

PFERDEZAUBER

GUT UND BÖSE

DER BÖSE BLICK

TRAUMPFERDE

L’AMOUR

GOLDREGEN

HÄSSLICHES ENTLEIN UND STEPPENWOLF

ZERSCHLAGENE TRÄUME

BÜCHER, FLÜGEL

FROSCHKÖNIG WIRD ENTHAUPTET

BERLINER NÄCHTE

MUSE GESUCHT

LIEBEN HEISST LOSLASSEN KÖNNEN

DIE ERSTE NACHTIGALL

UNTERWEGS

VON BERZONA NACH BARFÖRDE

JUNGE PFERDE

DAS MECKERN DER HIMMELSZIEGEN

DIE GESTUNDETE ZEIT

TRAURIGE PFERDE, EINSAME MÄNNER

TESTOSTERON

DAS ANDERE ENDE DER WELT

FRIDTJOF NANSEN UND DER TOD EINES PFERDEHÄNDLERS

SCHIMMELREITER

DIE LEBENDEN UND DIE TOTEN

DIE SPRACHE DER PFERDE

HAPPY BIRTHDAY?

SCHWARZE PERLEN

LANDUNTER

DICHTUNG UND WAHRHEIT

PIET

GEFLÜGELTER RAT

ABSCHIEDE

DIALOGE MIT DEM MOND

GESPRÄCHE OHNE WORTE

MESSER-NISSES FESTMENÜ

BOCKFIEBER

VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES

DAS AUGE

VOLLER WUT ERZÄHLEN

HEIMWEH

DIE INSEL DER NACHTIGALLEN

LINDSTRÖMS HÄSTAR

S.

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

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PROLOG

Piets Blut

Viertausend Kronen kostet der Tod. Bar und im Voraus zu entrichten, hat man mir mitgeteilt. So also soll nun alles zu Ende gehen: ein drastischer und dennoch den Umständen nach barmherziger Schluss. Schnell und schmerzlos, zu Hause in vertrauter Umgebung und nicht begleitet von fremden Stimmen und verwirrenden Geräuschen, von Blutgeruch und Einsamkeit und Agonie. Ich rolle die inzwischen feuchtwarmen Geldscheine in meiner rechten Hand zusammen. Der Preis meiner Liebe ist höher. Ich kann und ich darf mich nun nicht drücken, so wenig ich mich dieser Art von Abschied auch gewachsen fühle. Piet in seiner letzten Stunde fremden Männern zu überlassen, wäre ein noch größerer Verrat. Er ist allzu sehr auf mich fixiert. Mein Lampenfieber vor vielen unserer Auftritte hat ihn nie angesteckt. Wenn ich nervös war, blieb er stets gelassen. Er hat mir immer vertraut. Und gerade das macht alles nun noch schwerer.

Die Haupteigenschaft, die ein Pferd für mich begehrenswert macht, unterscheidet sich nicht wesentlich von jener, die ich auch an Männern schätze. Maßgeblich ist für mich die Glut, jenes innere Feuer, das Männern Leidenschaft verleiht und Pferde zu Bewegungskünstlern macht. Ein Pferd drückt Lebenslust ganz selbstverständlich in Bewegung aus, und diese dynamische Energie ist bei einem Pferd die Voraussetzung für Schönheit und Charisma. Ein faszinierendes Pferd kann ebenso wenig phlegmatisch sein wie ein attraktiver Mann ein Kleingeist. Ein schönes Pferd will nicht nur, es muss ganz einfach tanzen.

Piet ist genau so ein heißblütiges Pferd. In all den Jahren, die er mich begleitet hat, ist er stets voller Elan und Schwung gewesen, und selbst die stärker werdenden Schmerzen seiner Arthrose hat er so lange wie möglich stoisch ertragen. Wir waren Partner, Arbeitskameraden und Freunde, wobei der Begriff Freundschaft die Beziehung zwischen Mensch und Pferd natürlich selten richtig definiert. Das besondere Band zwischen uns ist eine Mischung aus Vertrauen und Vertrautheit, Sympathie und gegenseitigem Respekt. Piet erweist mir die spezielle Höflichkeit eines selbstbewussten Hengstes gegenüber dem Menschen, dessen Leitung er sich anvertraut. Er bringt mich nach all den Jahren immer noch zum Staunen mit seiner intuitiven Klugheit, Eleganz und Noblesse. Er ist stolz, loyal und sehr gehorsam. Niemals jedoch unterwürfig. Anderen Pferden gegenüber kann er herrisch und wie ein Tyrann auftreten. Menschen hingegen behandelte er mit Huld und Sanftmut. Zuweilen, wie mir scheint, mit Nachsicht. Ich bin davon überzeugt, dass Piet sich gar nicht so selten uns Zweibeinern gegenüber ein wenig überlegen fühlt. Sechzehn Jahre lang hat er zu meinem Leben gehört, ist mehr und mehr »mein« Pferd geworden und damit ein Teil meiner Identität, und auch ich bin vermutlich inzwischen ein wichtiger Bestandteil seiner Welt. Er liest meine Stimmungen, nimmt gelassen zur Kenntnis, ob ich Liebeskummer oder Heimweh habe oder einfach aufgeräumt und glücklich bin. Er selber ist nicht launisch, sondern von einer bemerkenswerten Ausgeglichenheit. Sein inneres Gleichgewicht ist wohl die eigentliche Quelle seiner Kraft und Energie. Als Mensch hätte er vermutlich mit dem Buddhismus geliebäugelt. Ein energisches Pferd mit Vorwärtsdrang ist wie ein optimistischer Mensch, der nach vorn blickt und auf diese Weise von Neurosen verschont bleibt.

Piet K fan Veldbos. So lautet sein vollständiger Name. Selbstverständlich ist er adlig. Niemand, der ihn je gesehen hat, zweifelt daran. Er ist ganz einfach und in allem eine Majestät. Sein Vater heißt Falke, allein das klingt ja wie Poesie oder auch wie der Anfang eines Märchens. Rappen gelten seit jeher als besondere Pferde. Schwarz als die Farbe des Todes ist zugleich auch die Farbe der Macht. Piets Fell bleicht niemals aus wie das der gewöhnlicheren Winterrappen, die sich im Sommer ins Bräunliche verfärben. Er ist auch in der hellen Jahreszeit tiefschwarz wie afrikanisches Ebenholz, das dem Mythos nach böse Geister in Schach hält und magische Kräfte verleiht. Seine lange, leicht gewellte Mähne ist einen guten Meter lang, der üppige Schopf reicht ihm bis zu den Nüstern. Seine großen, lebhaften Augen zeugen von dem viele Generationen zurückliegenden andalusischen Blut, mit dem die spanischen Besatzer der Niederlande im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert die bodenständigeren friesischen Pferde veredelt haben. In den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts waren die meisten Friesen wieder eher Wagenpferde, imposante und kalibrige Traber, die sich mit dem Galoppieren jedoch oft etwas schwertaten. Piet ist ein für sein Geburtsjahr 1988 ungewöhnlich edles und bewegliches Friesenpferd, zugleich modern und auch barock, und er galoppiert elastisch und ausdauernd wie seine spanischen Urahnen. In Friesland geboren, hat er als Junghengst meinen Stall in Dithmarschen bezogen und ist dann später mit mir nach Schweden umgesiedelt. Der einsam gelegene Hof Tegelvik in Västergötland war unser erster schwedischer Halt, bevor wir schließlich nach Öland gelangten, in traditionelles schwedisches Pferdeland. Er versteht auf diese Weise mindestens drei Menschensprachen: Friesisch, Deutsch und Schwedisch. Ich habe ihn als Dressurpferd ausgebildet, ihm Galoppwechsel und Seitengänge beigebracht. Er hat mich Wesentlicheres gelehrt: sein eigenes Idiom der nonverbalen Pferdesprache, das ich inzwischen hinlänglich verstehe.

Die tierärztliche Diagnose lautet »Schale«; Knochenwucherungen, die nach einer Reizung der Knochenhaut entstanden sind, zu immer stärkeren, chronischen Schmerzen und einer zunehmenden Unbeweglichkeit des Gelenks geführt haben. Bei Piet ist das linke Hinterbein betroffen. Sein Todesurteil. Denn das Lebenselixier eines Pferdes ist Bewegung. Es ist nicht schwer, das einzusehen.

Jahrzehntelang haben Pferde in meinem Leben den roten Faden ausgemacht. Die Orte, an denen ich gelebt habe, die Menschen, die mir etwas bedeuten, meine Arbeit, meine Lebensform, meine Passion und nicht zuletzt auch meine Lebenslust. In irgendeiner Weise hat für mich alles stets mit Pferden in Zusammenhang gestanden. Tagsüber habe ich mit ihnen gearbeitet, und nachts haben sie seit meiner Kindheit meine Träume bevölkert. Wie soll mein Leben weitergehen, wenn ihm fortan diese Richtschnur fehlt?

Das Geräusch des Dieselmotors auf dem Hof reißt mich aus meinen Gedanken. Es ist so weit. Ich lasse Piet in seiner Box zurück und gehe mit zitternden Knien den beiden Männern entgegen, die soeben dem Lastwagen entsteigen. Aus dem Augenwinkel nehme ich dabei den Kran auf der Ladefläche wahr und verbiete mir alle weiteren Assoziationen. Der Fahrer, ein untersetzter Mann mittleren Alters mit schütterem Haar und einer rosigen Gesichtsfarbe, hat sanfte, sehr blaue Augen. Die Quittung für mein Bargeld ist bereits ausgeschrieben, und er murmelt etwas von dem Unterschied zwischen einem Tier und einem Pferd, der ihm sehr wohl bekannt sei.

»Wir brauchen Platz zum Arbeiten«, sagt der Fahrer und sieht sich auf dem Hof um. »Dort, glaube ich, wird es gehen.«

Sein Gehilfe nickt. Grau und mager ist er und sehr jung, und er meidet meinen Blick.

Die Haltung der beiden Männer verändert sich, als ich Piet aus dem Stall führe. Er weiß, wie er auf Menschen wirkt. Bei unseren gemeinsamen Auftritten hat er kaum jemanden unberührt gelassen. Er hat Menschen zu Tränen gerührt und zum Träumen gebracht; die, die keine Träumer waren, haben unwillkürlich vor ihm strammgestanden, und selbst den schwedischen König, für den doch der Anblick imposanter Pferde vermutlich eher zum Alltag gehört, hat er einst bei unserer Begegnung in Kastlösa ein wenig aus der Reserve gelockt. Nun steht er würdevoll und gelassen neben mir und schenkt seinen andächtig gewordenen Schlächtern keine weitere Beachtung. Trotz der chronischen Lahmheit ist er noch immer erstaunlich muskulös, und sein kohlschwarzes Fell glänzt in der Morgensonne.

Das Bolzenschussgerät löscht durch einen gezielten Schuss ins Gehirn auf der Höhe des Mähnenansatzes augenblicklich das Bewusstsein des Pferdes aus. Es heißt, es empfindet danach keinen Schmerz mehr. Der Tod tritt erst durch das anschließende Ausbluten ein. Ich lege meine Hand über Piets rechtes Auge. Er soll das tödliche Gerät nicht sehen. Ein dumpfer Knall. Mir wird schwarz vor Augen. Er bricht zusammen, seine Beine zucken noch, und etwas in mir stirbt. Es geht alles sehr schnell.

Einer der Männer hält das Messer bereits in der Hand. Ich erspare mir den blutigen Anblick und gehe ins Haus. Das Bild des in sich zusammensackenden Pferdekörpers jedoch hat sich bereits in meine Netzhaut eingebrannt, und ich werde es nicht vergessen. Ich glaube daran, dass der Tod an sich nichts Schreckliches ist. Nur der Übergang, das Sterben und die menschliche Phantasie machen ihn furchterregend. Dennoch muss ich zugeben, dass ich diesen Tag unglücklich, konfus und grüblerisch verbringe. Ich frage mich, was Piet mit seiner intuitiven Pferdeklugheit von allem geahnt hat. Was hat er empfunden? Für mich besteht kein Zweifel daran, dass Tiere beseelte Lebewesen sind. War Piets Seele im Augenblick seines erlöschenden Bewusstseins verwirrt oder eher befreit?

Ein Pferd von Piets Kaliber hat über fünfzig Liter Blut. Im Zentrum meines Hofes ist, als der Lastwagen des Abdeckers mit dem Kadaver davonrollt, ein runder Blutfleck zurückgeblieben. Er hält sich dort, Sonne und Regen zum Trotz, hartnäckig auf dem Kies. Täglich muss ich nun auf meinem Weg ins Haus dieses sinnreiche Mahnmal passieren. Das kostet mich anfangs Überwindung. Doch allmählich besinne ich mich darauf, dass es klüger ist, die Leihgaben des Lebens wertzuschätzen, als in Kleinmut zu verfallen.

Dieser Sommer ist für mich ein Sommer der Abschiede und der Veränderungen. Mein Leben scheint an einem Wendepunkt angelangt. Hauke bereitet sich auf seinen Aufbruch von zu Hause vor. Als Mutter erscheint mir das allzu früh. Als er fünf war, hatte ich unser wundersames Leben in meinen Kinderbüchern beschrieben. Obwohl ich mich weitgehend an die Wirklichkeit gehalten und die Begebenheiten nur erzählerisch ein wenig zugespitzt hatte, war ich von den Rezensenten für phantasiebegabt gehalten worden. Unser Märchen würde nie zu Ende gehen, hatte ich damals wider besseres Wissen geglaubt. Nun wird Hauke sechzehn, auf der Insel Öland gibt es kein Gymnasium, und die tägliche Busreise nach Kalmar ist einfach zu weit. Er wird mir entsetzlich fehlen. Doch ich verstehe zugleich seine gespannte Erwartung auf das Abenteuer eines neuen, unabhängigeren Lebens in der Stadt und will ihm durch meine Wehmut nicht die Vorfreude verleiden. Eine ältere Bekannte hat ihm vor gar nicht langer Zeit mit der Frage danach, was er einmal werden will, wenn er groß ist, nur ein trotziges Achselzucken entlockt. Zum einen, weil er es wirklich nicht weiß, und zum anderen, weil er weder groß sein noch es jemals werden will. Kluges Kind! Diese Nostalgie nach der Kindheit habe ich ihm offenbar vererbt. Ich habe mit fünfzehn Jahren dasselbe verspürt.

Nun bin ich Anfang vierzig, und meine Antwort auf diese Frage fiele nicht viel anders aus als die meines halbwüchsigen Sohns. Was soll beruflich aus mir werden, wenn ich mich von Pferden fortan fernhalte? Denn Piet ist für mich unersetzbar. Kein anderes Pferd kann oder soll seinen Platz einnehmen.

Ich habe mich hauptsächlich mit Handel und Wandel sowie der Ausbildung und Vermittlung von Pferden über Wasser gehalten. Mit Piet habe ich die Sommer über schwedische Schlösser, historische Festivals und andere Veranstaltungen bereist und damit einen Großteil unseres Unterhalts bestritten. Zwischendurch bin ich Märchenerzählerin gewesen, habe Holzpferde entworfen, bemalt und verkauft und ab und zu stundenweise in einer Seniorentagesstätte Demenzpatienten betreut. Ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung bin ich in allem, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, Autodidakt. Ich bin bislang immer mein eigener Chef gewesen und habe nie eine feste Anstellung gehabt, daher gibt es für mich auch keinerlei finanzielle Absicherung im Falle von Arbeitsmangel oder Krankheit. Das beunruhigt mich kaum, denn ich bin es so gewohnt. Ich habe immer von der Hand in den Mund gelebt; nicht nur, was die Finanzen anbetrifft, sondern auch in puncto Liebe.

Mein öländischer Mann und ich sind nach der Scheidung gute Freunde geblieben, und es mangelt mir nicht an neuen Verehrern. Ich falle auf, gelte als selbstbewusst und lebensmutig, und man sieht mich, wenn ich einen Raum betrete. Doch als Einzelgängerin bin ich verschlossener und unnachgiebiger, als es nach außen hin den Anschein hat, und immer weniger zur Anpassung bereit.

Der Blutfleck auf meinem Hof erinnert mich indes daran, dass wer vernünftig ist, liebt, ohne Gegenliebe zu erwarten. Die Liebe zu Pferden ist eine gute Schule fürs Leben, selbst wenn sie die Liebe zu einem Menschen natürlich nie ersetzen kann. Sie ist kontemplativer, einfacher und anspruchsloser.

Selbstverständlich können auch Pferde Freundschaften eingehen. Mit anderen Pferden, auch mit anderen Tieren oder mit Menschen. Sie können starke Zuneigung oder große Anhänglichkeit entwickeln und empfinden. Unsere menschliche Liebe, all das Heimweh nach Einheit und Verbundenheit, nicht nur mit dem Geliebten, sondern letztlich mit dem Leben, mit der Welt, haben sie jedoch nicht nötig. Und auch den Gefahren von Narzissmus und Eitelkeit, die Verliebtheiten innewohnen, ist ein Tier nie ausgesetzt.

Ein aus Übermut tanzender Hengst bewegt sich mit einer die Schwerkraft verachtenden Leichtigkeit und wird eins mit der Bewegung; mit der Erde, die ihn trägt, und mit der Luft, die ihn umgibt. Mit der Erregung, die er empfindet, und mit der Lust, am Leben zu sein. Und alles hat damit zu tun, dass seine Sprache keine Worte hat; weder für die Liebe noch für den menschlichen Liebesdurst, den letztlich kein Geliebter, keine Geliebte jemals löschen kann.

Ich nehme eine Reihe von Gelegenheitsjobs an. Arbeite als Aushilfskraft in der kommunalen Altenpflege, fahre manchmal frühmorgens Zeitungen aus oder putze nachts den ICA- Supermarkt, wobei ich die Radiomusik laut aufdrehe und mit dem Schrubber durch die Gänge tanze. Ich bin allein und frei, blicke auf mein bisheriges Leben zurück und sehe all die bunten Momentaufnahmen sich im Kaleidoskop meiner Erinnerung zu wechselnden Mosaiken zusammenfügen; weine ein paar Tränen über Versäumtes und unwiederbringlich Vergangenes und spüre eine erwartungsvolle Spannung auf all das, was die Wundertüte des Lebens noch für mich bereithält, allmählich wieder überhandnehmen. So pendele ich zwischen Wehmut und Zuversicht, während Piets Blutfleck auf meinem Hof langsam an Umfang und Farbe verliert und der Sommer seinem Ende entgegengeht.

TRAUMSCHULE
FÜR
ANFÄNGER

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1. März 2013

Baltischer Frost und Schnee. Von Frühling keine Spur. Die Kälte kriecht durch die Wände meines Holzhauses und nistet sich überall ein. Ich bin soeben von ein paar Wochen Urlaub in der Sonne nach Hause gekommen, und der anhaltende schwedische Winter erscheint mir noch gnadenloser als vor meiner Abreise. Doch das Licht, dessen Abwesenheit diese Jahreszeit so trostlos machte, ist zurückgekehrt. Ölands in ganz Schweden berühmtes Licht lockt seit jeher Künstler auf die Insel. Sein stimmungsvoller Schein ruft die Magie der kargen Landschaft wach, lässt ihre spröde Schönheit leuchten.

Ich sitze in Wolldecken gehüllt fröstelnd an meinem Schreibtisch hinter dem Computer und bin dennoch froh, wieder zu Hause zu sein. Nach drei pferdefreien Wochen beginnen für mich unweigerlich die Entzugserscheinungen. Das heißt: ich werde rastlos, die Arbeit mit den Pferden fehlt mir, ich träume von meinen Friesen und vermisse sie. Meine kurze »pferdelose Zeit« nach Piets Tod ist nun bald zehn Jahre her, und dank Sandström währte sie nicht lange. Ein Leben ohne Pferde ist für mich kaum vorstellbar. Selbst im Urlaub kann der Luxus sorgenfreien Müßiggangs auf die Dauer nicht mit meinem physisch oft so anstrengenden Arbeitsalltag konkurrieren.

Meinen Urlaub lege ich stets in die kalte Jahreszeit. Dann leiste ich mir, wenn irgend möglich, einen Betriebshelfer, der die Pferde in meinem Stall während meiner Abwesenheit versorgt. Im Frühjahr und Sommer habe ich zu viel zu tun. Meine Arbeitstage beginnen dann frühmorgens und dauern oft bis zum Einbruch der Nacht; zwölf oder vierzehn Arbeitsstunden sind für mich eher Regel als Ausnahme, und ein Wochenende oder Feiertage gibt es für mich nicht.

Ich bin Equitherapeutin. Das jedenfalls steht auf meinem Diplom als meine offizielle Berufsbezeichnung, dem ein zweijähriges Studium an einer Spezialhochschule im sörmländischen Katrineholm vorausgegangen ist. Die Schule gibt es inzwischen nicht mehr. Ich gehörte zum letzten Jahrgang, der mit staatlichen Fördermitteln dort studieren durfte. Das ist Schweden von einer seiner besten Seiten: selbst mit Anfang oder Mitte vierzig bekommt man noch einmal eine neue Chance, darf sich mit Hilfe des Staates nochmals auf die Schulbank setzen. Ich habe das nie als selbstverständlich angesehen, sondern bezahle die vierteljährlichen Raten meines Studiendarlehens, das ich noch gute zehn Jahre zu tilgen habe, stets mit einer gewissen Dankbarkeit zurück. Ich bin froh, damit jemand anderem die Möglichkeit zu geben, so wie ich noch einmal umzusatteln und späte berufliche Träume zu verwirklichen.

Die staatlich geförderte Hochschule HTU in Katrineholm und das dortige zweijährige Vollstudium waren zu ihrer Zeit einzigartig in Europa, die Studienplätze dort hochbegehrt. In meinem Jahrgang kamen auf dreißig Ausbildungsplätze weit über dreihundert Bewerber. Ausschlaggebend für die Annahme waren praktische Erfahrungen in der Arbeit mit Pferden. Mir hat die Ausbildung ermöglicht, endlich, nach so vielen Jahren und unterschiedlichen Jobs mit Pferden, einen Aufgabenbereich zu finden, der mir ganz und gar gemäß ist.

Ein Equitherapeut ist so etwas wie ein Physiotherapeut für Pferde und behandelt Störungen des Bewegungsapparates, die häufig vom Rücken ausgehen und muskuläre Ursachen haben; mehr oder weniger diffuse Beschwerden und Unpässlichkeiten, die von Tierärzten kaum untersucht und noch seltener behandelt werden. Zum Stellen einer Diagnose muss man über gute anatomische Kenntnisse und ein gewisses Fingerspitzengefühl beim Untersuchen der Geschmeidigkeit der Muskeln und Beweglichkeit der Gelenke verfügen. Man ist jedoch auch so etwas wie ein Seelendoktor für Pferde. Denn chronische Muskelschmerzen und Rückenbeschwerden verändern die Psyche, machen ein Pferd je nach Charakter und Temperament entweder widersetzlich und aggressiv oder auch apathisch. Als Reit-, Fahr- oder Arbeitspferde welcher Art auch immer sind solche Pferde ohne entsprechende Behandlung kaum noch zu verwenden.

Ein Equitherapeut muss neugierig, wissbegierig und kreativ sein, um im Laufe seiner Tätigkeit eigene Methoden und Behandlungsformen zu entwickeln. Es gibt bei der Behandlung von Problempferden keine Standardmethoden, und die Ausbildung an der Hochschule ist mehr ein Anstoß, sich fundierte Grundlagenkenntnisse anzueignen. Für die Praxis reicht sie bei weitem nicht aus. Um auf die Dauer Pferden erfolgreich helfen zu können, bedarf es eines breiteren Spektrums an Fertigkeiten.

Mir helfen meine langjährigen Erfahrungen in der Ausbildung zahlreicher junger Dressurpferde. Das Dressurpferd ist ja der Gymnast und der Athlet unter den Sportpferden, und wer Dressurpferde reitet, der muss zwangsläufig ein Gefühl für Rhythmus, Balance und Bewegung entwickeln. Im Laufe der Jahre habe ich Hunderte von Verkaufspferden geritten, und auch das kommt mir bei meiner therapeutischen Arbeit zugute, denn ich habe dabei gelernt, mich recht schnell auf neue, unbekannte Pferde einzustellen.

Um kreativ zu sein, benötigt man schließlich Phantasie. Was das betrifft, so kommt mir mein altes Faible für Märchen zugute. Wer Phantasie hat, denkt freier und unbehinderter von gängigen Normen und Konventionen. Das hilft oft, Lösungen zu finden, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind. Die Sprache der Pferde verstehen zu wollen ist jedenfalls ein alter Menschheitstraum und ein recht anspruchsvolles Unterfangen; hilfreich, wenn nicht gar erforderlich, will man Symptome und Beschwerden eines Pferdepatienten deuten, und nicht immer einfach. Ich bin in dieser wie in den meisten anderen Lebensfragen ein unverbesserlicher Optimist, entdecke lieber Möglichkeiten, als mich von Schwierigkeiten abschrecken oder einschüchtern zu lassen. Und Optimismus ist auch oft gefragt, wenn ich zu Pferden gerufen werde, deren Beschwerden oder Verhalten von Tierärzten und Reitlehrern als unerklärlich beurteilt wurden. Die Ursache der Probleme habe sich nicht finden, die Symptome nicht recht behandeln lassen. Röntgenaufnahmen und der Monitor eines Ultraschallgerätes sagen selten alles.

Meinen Kunden bedeuten ihre Pferde in der Regel sehr viel. Leider jedoch schließt passionierte Pferdeliebe Unkenntnis nicht immer aus, und was gut gemeint war, kann dennoch Ursache der nun so schwer zu lösenden Probleme sein. Das ins rechte Lot zu rücken erfordert nicht selten Diplomatie. Als Equitherapeut bin ich auf den guten Willen und die Zusammenarbeit mit den Pferdebesitzern stets angewiesen.

Für meine Pferdepatienten hingegen steht weitaus mehr auf dem Spiel. Für sie geht es letztlich um Sein oder Nichtsein; um eine deutliche Besserung ihrer Symptome oder, wenn Hilfe unmöglich scheint, den Weg zum Schlachter.

2. März

Ein erster, langer Tag zu Hause. Ich lebe mich allmählich wieder ein. Nach einer Reise wieder richtig anzukommen, dauert immer seine Zeit. Die Pferde, die mich drei Wochen lang nicht gesehen haben, verhalten sich anfangs eher zurückhaltend. Natürlich erkennen sie mich wieder, denn sie verfügen über ein ausgezeichnetes Gedächtnis; doch sie warten erst einmal ab. Kontinuität ist im Leben eines Pferdes das Allerwichtigste. Pferde sind Gewohnheitstiere. An Überraschungen und plötzlichen Veränderungen, selbst zum Besseren, ist ihnen nicht gelegen. Das Bekannte, regelmäßig Wiederkehrende flößt ihnen Vertrauen ein. Ausdauer und Unbeirrbarkeit, damit kommt man bei einem Pferd am weitesten. Mir kommt in diesem Punkt mein Einzelgängertum zugute. Ich bin zäh und stur und gebe nur selten und ungern klein bei.

Sternklare Nacht. Mir schwindelt beim Blick in den Himmel. Wie stets sehe ich noch einmal im Stall nach dem Rechten. Dort kauen fünf schwarze Pferde und ein weißes nun zufrieden ihr nächtliches Heu. Für mich sind diese vertraulichen Stunden allein mit meinen Pferden magische Augenblicke, in denen ich mich in meinem Leben und auf dieser Erde vorübergehend ganz zu Hause fühle.

Im Haus ziehe ich meine Stiefel aus, stelle sie an den Kamin und lege ein paar Scheite nach. Die Flammen lodern, das Feuer hinter der Glasscheibe prasselt und braust auf. »Gute Nacht!« erscheint auf dem Display meines Handys. Hansens abendliche SMS.

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DIE BÖSE ENGLÄNDERIN

Je älter ich werde, desto weniger imponiert mir das Erwachsensein. Das Kind, als das ich mich erinnere, steht mir noch immer nahe. In den ineinander verschachtelten Geschichten meines Lebens wohnt im innersten Raum, als letzte Puppe in der Puppe, ein etwa vierjähriges Kind. Manchmal tritt es mir im Spiegel entgegen und sieht mich an – nicht unfreundlich, eher ein wenig skeptisch. Sein breites Gesicht mit den hohen Wangenknochen ist mir fremd und vertraut zugleich. Wer bist du, will es von mir wissen, wer warst du, und wer bin ich? Oder bin ich es, die fragt, um dann seine Antwort zu begründen?

Ich war die kleine Schwester eines Wunderkindes, das intelligenter, begabter und ehrgeiziger war als ich; ein Kind, das man mit ins Museum nahm und das Städtebesichtigungen mit großen Augen und ernstem Interesse absolvierte, während ich gelangweilt hinterhertrödelte und mit einem Stofftier im Arm von anderen Welten träumte. So sehr meine Eltern sich auch um Gerechtigkeit bemühten, so mussten doch in einer Akademikerfamilie einem Kind wie meiner Schwester die höheren Erwartungen gelten. In ihrem Windschatten segelte es sich daher oft recht unbehelligt und bequem. Dass die Scheinwerfer die meiste Zeit über auf sie gerichtet waren, verschaffte mir Freiräume und Möglichkeiten, ganz unbemerkt in meine eigene Welt zu entkommen. Hier, in den geheimen Schlupfwinkeln meiner Phantasie, erwies sich mein Selbstvertrauen als ein zäheres Gewächs, als es nach außen hin und meiner Schüchternheit zum Trotz den Anschein hatte. Eines Tages, so lautete das Mantra meiner trotzigen Tagträume, werden alle sehen, dass auch ich besonders bin.

Meine große Schwester war der Mensch, der mir am allernächsten stand. Wir lebten in einer ungewöhnlich engen Symbiose und in unserer eigenen Welt. Sie war tonangebend, und ich folgte ihr. Unser schwesterlicher Pakt bestand aus Solidarität und unbedingter Treue. Es gab für uns wenige, dafür umso striktere Regeln und Gesetze: Geheimnisse mussten bewahrt, Ehrenworte gehalten werden. Den Erwachsenen gegenüber war Verschwiegenheit Pflicht. Verrat wurde mit dem Tode bestraft.

Unser Heimatland hing hoch oben in den Wolken. Es hieß Faticiland, und die Einreise war ausschließlich Mitbürgern gewährt. Die waren nicht sehr zahlreich. Von den Kindern, die wir kannten, war keines dabei, und eine befristete Ehrenbürgerschaft wurde nur gewissen Erwachsenen zugesprochen, die wir aus irgendeinem Grund wertschätzten; heimlich und ohne deren Wissen, wie sich verstand.

Regiert wurde unser Land von dem sogenannten Faticioberrat, der moralischen und rechtlichen Instanz, dessen Entscheidungen über jeden Zweifel erhaben waren. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass meine Schwester ihm stets ihre Stimme lieh. Seine Gegenspielerin war die böse Engländerin. Warum Engländerin, ist für mich heute schwer zu ergründen, das Attribut böse jedenfalls war ganz und gar missverständlich. Denn unsere böse Engländerin war eher borniert und kleinkariert und ein Ausbund an Vernunft und Mittelmäßigkeit. Man kenne, bitte schön, seine Grenzen, falle nicht auf und tue, was alle anderen tun. Die böse Engländerin stellte all das dar, was wir nie im Leben werden wollten (und glücklicherweise auch nicht geworden sind!): die abschreckende Karikatur einer angepassten Frau mittleren Alters und eine eingefleischte Fürsprecherin aller Normen und Konventionen. Eine Person, die aus dem schillernden Reich der Kindheit und der Phantasie für immer und unwiderruflich ausgewiesen worden war.

4. März

Für viele Pferde hier auf der Insel und auf dem Festland in Småland ist der Winter eine relativ ruhige Zeit. Wer keinen Zugang zu einer Reithalle hat, der stellt das Reiten in den strengsten Winterwochen ein und lässt seine Pferde ruhen. Mich hat heute der Anruf eines Trainers nach Kalmar auf die Trabrennbahn geführt. Dort stellt er mir Donny vor, einen großen fünfjährigen Braunen, der nach etlichen Siegen und guten Platzierungen nun seinen Dienst vor dem Sulky verweigert. Er führt sich äußerst ungebärdig auf, ist am Start kaum zu halten, und seine Kräfte sind aufgezehrt, noch ehe das Rennen zur Hälfte bestritten ist. Selbst im Training ist das Anspannen inzwischen zu einem Risiko geworden, da er kaum zu bändigen und noch weniger zu kontrollieren ist. In der benachbarten Pferdeklinik hat man einmal mehr Cortison in seine Huf- und Fesselgelenke gespritzt. Ohne spürbaren Erfolg.

Der Wallach ist nervös und duldet kaum, dass ich ihn berühre. Er kann nicht stillstehen, entzieht sich meinen Händen, und seine Muskeln sind hart und verspannt. Einem solchen Pferd darf man sich nicht aufdrängen. Es ist wichtig, seine Integrität zu achten und sein Vertrauen zu gewinnen, ehe man es untersucht. Ein derart verspanntes Pferd ist voll und ganz davon in Anspruch genommen, sich gegen die Außenwelt abzuschirmen, und gibt kaum von sich aus Auskunft über sein körperliches Befinden.

Im Leben eines Trabers gelten weitaus härtere und weniger sentimentale Gesetze als in dem eines Reitpferdes. Wer keine Leistung bringt, der wird mit etwas (und zudem oft zweifelhaftem) Glück billig als Reitpferd verkauft. Doch es gibt allzu viele erfolglose Traber, nicht alle können Reitpferde werden, und die Mehrzahl landet schließlich beim Abdecker.

Donny hat zwei Besitzer. Seinen Trainer Göran und einen alten Pferdemasseur namens Roi, der eine Vielzahl von Pferden gesehen und behandelt hat, doch nun hoch in den Siebzigern und körperlich für seinen anstrengenden Beruf nicht mehr recht fit ist. Er will bei meiner Untersuchung dabei sein und sieht mir anfangs recht skeptisch zu. Das macht mich etwas nervös, denn der Mann, der später meine Rechnung bezahlen soll, will nun alle meine Spezialkniffe und -griffe geboten bekommen. Doch ich verhalte mich zunächst einmal passiv. Das ist meine einzige Chance, dem aufgebrachten und von chronischen Beschwerden geplagten Pferd näherzukommen.

Innere Ruhe und eine gewisse emotionale Leere sind notwendig, um sich auf ein Pferd wirklich einstellen zu können. Allzu heftige Gefühle sind da nur im Weg und verstellen einem die Sicht. Ich versuche, bei der Begegnung mit jedem neuen, mir unbekannten Pferd innerlich wie ein unbeschriebenes Blatt zu sein, um alle Eindrücke unvoreingenommen auf mich wirken zu lassen. Ich denke nicht an einen möglichen Erfolg oder Misserfolg meiner Behandlung, und ich versuche auch, andere und ähnliche Fälle aus meinem Bewusstsein zu verdrängen. Vergangenheit und Zukunft sind für eine Weile suspendiert, für die Begegnung zählt nur das Hier und Jetzt. Ich atme tief, blicke in eine andere Richtung und schenke dem Wallach neben mir zunächst einmal kein besonderes Interesse. Und allmählich gibt er seine abweisende Haltung auf und lässt mich etwas näher kommen.

Jedes Pferd hat gewisse Körperzonen, an denen behutsame Berührung einem wie ein Zauberschlüssel die Wege zur Kommunikation öffnet. Das können bestimmte Akupunktur- oder auch Triggerpunkte sein, die auf erste Berührung schmerzhaft reagieren. Aktive Triggerpunkte sind Bereiche, in denen die Muskulatur und auch das dazugehörende Bindegewebe geschädigt sind. Erst wenn die miteinander verklebten Muskelfasern sich voneinander lösen und der Muskel sich entspannt, wird die Berührung nach und nach als angenehm und wohltuend empfunden. Was Donny betrifft, so folge ich meiner Intuition, um diese Punkte in Erfahrung zu bringen. Und allmählich lässt er mich gewähren. Schließlich lässt er zu, dass ich meine Finger behutsam zwischen Schulterblatt und Brustkorb schiebe. Seine Brustmuskulatur ist so steinhart und verspannt, dass meine flache Hand zunächst kaum Einlass findet. Doch dann gibt er den Widerstand auf, schnaubt und senkt den Hals, und ich lade ihn dazu ein, den schwerer und schwerer werdenden Kopf auf meiner Schulter ruhen zu lassen. Seine Unterlippe wird schlapp, und er verdreht bald wie in Trance die Augen.

»Donnerwetter!«, sagt Roi. »Erklär mir, wie du das hinkriegst.«

»Ein andermal«, erwidere ich. »Schick Donny für ein paar Wochen nach Öland. Dann werde ich sehen, was ich für ihn tun kann.« Er sieht den Trainer an, der ein wenig resigniert nickt und seufzt.

»Hoffentlich reicht unsere Kasse für dich aus? Na, egal. Wir haben ja sonst schon alles probiert …«

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ZEHNPFENNIGTRABER

Kurz nach der ersten Auszahlung meines monatlichen Taschengeldes richteten wir auf Geheiß meiner Schwester eine gemeinsame Kasse ein. Die Zeit des Privatvermögens war für mich somit vorüber, noch ehe sie recht begonnen hatte. Unsere monatlichen Groschen und Fünfzigpfenningstücke wurden fortan unmittelbar in eine schwere, silberne Spardose eingezahlt, deren Schlüssel meine Schwester verwahrte. Dass sie als die ältere mehr Taschengeld bekam, wurde nie erwähnt, und die Fünfzigpfennigstücke, die meine gutmütige Großmutter mir zuweilen zusteckte, landeten mit ebensolcher Selbstverständlichkeit in der gemeinsamen Kasse. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, sie zu unterschlagen. Gemeinsam planten wir dann unsere zukünftigen Investitionen: Trabrennpferde. Komplett mit Sulky und Fahrer kosteten die in der Zehnpfennigkiste des Spielwarengeschäfts Böbs jeweils einen Groschen. Sie waren aus hartem Plastik, und es gab sie in vielen verschiedenen Farben und Modellen. Bald waren wir vielfache Pferdebesitzer, und bei den Rennen erwiesen sich aus unerfindlichem Grund meine Pferde denen meiner Schwester so gut wie immer als unterlegen, was mich jedoch weder störte noch weiter verwunderte.

Das Geschäft lag an der Strandpromenade in Niendorf, wo wir im Hause unserer Großmutter und unseres Onkels den wärmeren Teil des Jahres verbrachten. Es wurde von zwei altjüngferlichen Schwestern geführt, vor deren höhnischen Mienen und spitzen Kommentaren wir uns fürchteten, wenn wir verschämt und mit niedergeschlagenem Blick unsere abgezählten Groschen auf den Ladentresen legten. Ganz offenbar verabscheuten die beiden Schwestern Kinder. Sie sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Es war schwer auszumachen, welche von ihnen die ältere war und also mehr zu sagen hatte.

Pünktlich um achtzehn Uhr schlossen sie jeden Abend ihr Spielzeuggeschäft und begaben sich kurz darauf in langen Bademänteln und bauschigen Badehauben an den Strand. Dann konnte man von der Strandpromenade aus die beiden bleichen, kinderhassenden Spielzeugverkäuferinnen in ihren schwarzen Altdamenbadeanzügen mit dem dunklen Wasser der Ostsee verschmelzen sehen, und einzig ihre weißen Badehauben trieben auf der Wasseroberfläche und wippten wie große Wattebäusche bei jedem Zug, den sie schwammen, kaum merklich auf und ab.

6. März

Heute habe ich im südlichen Teil Ölands zu tun. Südöland ist von der strengen, stillen Landschaft des großen Alvar geprägt, einer kargen, großflächigen Steppe, die in ihrer Art in Europa einmalig ist und diesem Teil der Insel den Status eines Weltnaturerbes eingebracht hat. Öland ist eine Pferdeinsel, das Weideland hier seit langem in ganz Schweden berühmt. Schon zu Gustav Vasas Zeiten wusste man, dass auf Ölands kalkreichen Weiden starke Pferde mit stabilem Knochenbau heranwachsen. Im Sommer verbringen die Pferde auf den Hunderte von Hektar großen Weideflächen ein ungestörtes Wildpferdeleben, und die Kargheit des Landes täuscht. Rund und wohlgenährt kehren die Tiere im Herbst in ihre heimatlichen Ställe zurück.

Hier im Süden der Insel sind viele Islandpferde beheimatet, und zu einem Isländer bin ich heute auch gerufen worden. Isländer sind eine archaische Pferderasse, die nach gut tausend Jahren Reinzucht noch immer in Aussehen und Temperament den Pferden der Wikinger entsprechen. Diese stämmigen Pferde haben ein großes Herz, sind stark und eigenwillig und verfügen über eine innere Glut, die einen unwillkürlich an die Geysire Islands denken lässt. Sie haben die Größe eines Ponys und sind dennoch keine kleinen Pferde; klug, ursprünglich und selbstsicher. Ein Jahrtausend lang haben sie große, kräftige Männer auf ihren Rücken getragen, und in ihrer nördlichen Heimat wird der Reitsport auch heute noch von Männern dominiert. Ich habe Respekt vor diesen zähen Tieren und bin von ihnen fasziniert, ohne dass sie meinem persönlichen Pferdeschönheitsideal entsprechen. Sie sind integere, stoische Pferde, und das macht sie zu schwierigen Patienten. Denn ein Isländer beißt, solange es geht, die Zähne zusammen und unterwirft sich, wenn nur irgend möglich, nicht dem Schmerz. Er zeigt ungern, wo es ihm wehtut, und ist daher nicht leicht zu untersuchen oder zu behandeln. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Isländer nicht wie ein gewöhnliches Pferd über drei Grundgangarten verfügt, nämlich Schritt, Trab und Galopp, sondern oft zudem noch Pass und Tölt beherrscht. Wenn ein Isländer lahm ist, stehen ihm somit viele Gangarten zur Verfügung, um sich zwar unrein, jedoch so schonend wie irgend möglich zu bewegen, was eine Diagnose seiner Lahmheit oft zusätzlich erschwert.

Die Fuchsstute, die man mir vorstellt, lahmt jedoch deutlich auf der Hinterhand. Eine Beugeprobe, bei der ich die Sprunggelenke des jeweiligen Hinterbeines für eine Minute stark anbeuge und die Stute danach traben lasse, fällt positiv aus. Die Lahmheit der Stute wird deutlich stärker. Verdacht auf Spat. Das ist eine Verknöcherung des Sprunggelenks, die in der akuten Phase mit einer Entzündung einhergeht. Röntgen ist hier erforderlich, also ein Fall für den Tierarzt. Denn lahme Pferde darf ich nicht behandeln, bevor nicht ein Tierarzt diese untersucht hat. Die Besitzerin ist besorgt. Doch ich kann sie ein wenig beruhigen. Spat gehört zu den Berufskrankheiten des Isländers, und viele Pferde sind, nachdem die akute Phase der Krankheit überstanden ist, durchaus wieder als Reitpferde einsetzbar, wenn auch etwas weniger beweglich in dem nun verknöcherten Gelenk.

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PFERDEZAUBER

Für die großartigen Geschenke, mit denen meine Schwester mich zu Weihnachten und an meinen Geburtstagen stets überraschte, konnte ich mich nie recht revanchieren; dafür war sie handwerklich und künstlerisch viel zu geschickt. Mit Hilfe meiner in solchen Dingen ebenfalls erfindungsreichen Mutter tischlerte sie mir ein Puppenhaus mit abnehmbarer Vorderfront und eine zweigeschossige Fachwerkvilla für mein Meerschweinchen mit einer Leiter, über die es durch die mit Fensterläden versehenen Einschlupföffnungen ins Innere gelangen konnte. Ein mannshohes, stabiles Kaspertheater mit handbedruckten Stoffkulissen lud ein zur Inszenierung aller uns bekannten und neuer, von mir erfundener Märchen, und von meiner Schwester bekam ich auch mein allererstes Reitpferd: einen Apfelschimmel. Den Kopf des Steckenpferdes hatte sie eigenhändig ausgesägt und dann bemalt und auch die Trense aus bunten Garnresten gefertigt. Wenig später baute sie mir in einem Niendorfer Sommer aus groben Baumstämmen ein Pony mit Rindenohren und Zügeln aus Bast. Sie nahm nun Reitunterricht und ich, wie stets meinem Vorbild nacheifernd, verehrte die Pferde bald so wie sie; womöglich sogar noch mehr, jedenfalls rein theoretisch. Denn im Praktischen fürchtete ich mich vor diesen allzu großen, überirdischen Geschöpfen mit ihren schwarzen, intensiven Augen, von denen ich mich zugleich so angezogen fühlte. Diese Furcht war mächtig und größer als angebracht, und erst später wurde mir klar: vermutlich war ich bereits damals mit dieser Pferdeliebe infiziert, die mein Leben bestimmen sollte, die Bezauberung hatte längst begonnen. Faszinierend, furchterregend und in aller Heimlichkeit …

9. März

»Lieber Sandström, den neuen Pferden geht es gut, bislang entsprechen sie ganz meinen Wünschen und Erwartungen. Ich arbeite mit ihnen diese Woche noch vom Boden aus, Longe und Doppellonge, und hoffe, dass der Schnee bald schmilzt. Dann werde ich sie alle satteln. Ajuna sollten wir zuerst verkaufen. Sie macht mir Spaß; wohl nicht das beste Dressurpferd von den dreien, aber sie hat einen starken Willen und Charakter und ist draußen mutig und energisch. Hübsch ist sie außerdem, wie Sie ja selbst auf all den Fotos gesehen haben. Habe Interessenten für alle drei Pferde, doch die müssen sich vorerst gedulden. Ich zeige ihnen die Pferde nicht, bevor sie richtig in Form sind.

Beste Grüße von Öland nach Kopenhagen, Sylvia.«

Sandströms Friesen, zwei Stuten und ein Wallach, belegen zur Zeit drei Boxen in meinem Stall. Sandström kauft oft Pferde im Herbst. Die Preise in Holland sind dann erschwinglich, denn kein Züchter oder Händler hat in der kalten Jahreszeit gern allzu viele Pferde aufgestallt. Und ich habe einen Winter lang Zeit, die neuen Pferde kennenzulernen, bevor die intensivere Ausbildung unterm Sattel und die Vorbereitung für den Verkauf dann im Frühjahr beginnt.

Sandström ist ein sonderbarer Mann, für mich stets ein wenig undurchschaubar. Ich nehme an, gerade das macht ihm Spaß. Er weiß, wie ich aussehe, denn er hat mich damals mehrfach bei meinen Vorführungen mit Piet gesehen. Und sieht mich nun ja ständig auf den Fotos seiner Pferde, die sein Cousin Hansen ihm mailt. Ich kenne ihn jedoch nur via E-Mail. Von meinen Auftraggebern und Pferdebesitzern ist er der Anspruchsvollste und zugleich auch derjenige, der am meisten auf mich setzt. An Geld und an Erwartungen.

Es ist acht Jahre her, dass Hansen und ich auf Sandströms Auftrag hin die erste gemeinsame Reise nach Friesland unternommen haben. 2005, kurz nachdem Hauke und sein bester Freund Johan nach Kalmar gezogen waren, um dort das Gymnasium zu besuchen, hatte Sandström mir zum ersten Mal gemailt. Obwohl ich soeben den Bescheid erhalten hatte, einen der begehrten Studienplätze an der Katrineholmer Hochschule für Equitherapie bekommen zu haben, vermisste ich Hauke sehr. Und Piet, der nicht mehr lebte. Sandströms allererste Mail habe ich damals ausgedruckt und aufbewahrt, da sie für mein weiteres Leben (mit Pferden) von so entscheidender Bedeutung war.

»Liebe Sylvia Lindström, erfuhr vom Tode Ihres schönen Hengstes Piet. Bekunde mein Beileid. Sein Foto mit Reiterin im langen, roten Kleid vor dem Hintergrund von Borgholms Schlossruine (Östrans Reportage vom 17. Mai 2000) hängt in meinem Kontor hier in Kopenhagen. Sie können nicht wissen und nicht ahnen, was dieses Bild für mich bedeutet, und ich will Sie damit nicht belästigen. Die Gedanken sind frei. Keine Sorge, ich bin auf keine neuen Frauenbekanntschaften aus. Will Sie auch nicht kennenlernen. Kenne Sie auf meine Weise bereits gut genug. Bin Ihnen und Ihrem Märchenhengst bei meinen Schwedenaufenthalten mehrfach begegnet: Kalmar Schloss, Skokloster Schloss, Vittskövle Schloss, Borgholms Schloss by night, Färjestadens Ölandstage usw. Ungewollt gewollt waren Sie oft dort, wo auch ich mich befand. Zufall oder Fügung – einerlei. Das sind Fragen, mit denen man sich als Nachtclubbesitzer besser nicht befasst.

Zur Sache: Ich liebe Pferde. Und ich verstehe nichts von Pferden. (Genauso geht es mir übrigens auch mit Frauen – doch das nur nebenbei erwähnt). Habe eine Idee und benötige Expertenrat. Bescheidenheit hat mir noch nie gelegen. Groß ist gut. Nun, da man Sie und Ihr schönes Pferd nirgendwo mehr sehen wird, schwebt mir etwas noch Größeres vor: eine Formation von zwanzig schwarzen Pferden und zwanzig attraktiven Reiterinnen. So wie früher an den Fürstenhöfen: elegante Reiter und Pferde in einem Tanz zu eigens dafür komponierter Musik. Schauvorführungen zu festlichen Anlässen in Schweden. Sechs bis acht Minuten lang. Perfektion in allem angesagt. (Sie sind ja Deutsche, wie mir zu Ohren kam.) Ich weiß, um diese Vision zu verwirklichen benötigt man Geld und Zeit. Ersteres habe ich. Letzteres – nun, das wird sich erweisen.

Mein Vetter und wirtschaftlicher Ratgeber Olof Hansen, der in Stockholm wohnhaft ist, wird Sie, wenn es Ihnen recht ist und Sie Ihr okay dazu geben, anrufen. Er hält dieses Projekt für Wahnsinn, doch das ist seine Sache und mir in diesem Fall egal. Er wird auch, falls Sie mit von der Partie sind, in Zukunft Ihr Ansprechpartner sein. Keine Sorge. Er ist auf seine Art ein netter Kerl. Sie werden sehen. Ich selbst halte mich wie gehabt bei allem stets im Hintergrund.

Freundlichen Gruß aus Kopenhagen,

Ihr Sie aus der Ferne wertschätzender Sandström«.

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GUT UND BÖSE

Pferde waren das bevorzugte Motiv meiner großen Schwester, wenn wir mit unseren Zeichenblöcken und Farbstiften im elterlichen Wohnzimmer vor dem Grammophon saßen und dem Märchenerzähler lauschten, dessen Stimme in Deutschland jeder kannte. Den Mann, dem die berühmte Stimme gehörte, kannte man hingegen kaum, und erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er Hans Pätsch hieß und von seinen Fans »der Märchenprinz« genannt wurde.

Meine Schwester verbesserte und verwarf selbstkritisch und voller Eifer und Engagement ihre farbigen Pferdebildnisse, während ich nach einer Weile meine Strichmännchen und dilettantischen Landschaften auf sich beruhen ließ, mich zurücklehnte, lauschte und träumte.

Hans Christian Andersens Wehmut war schwer zu widerstehen. Kein Wunder, denn das hässliche Entlein, von dem er erzählte, das war ja ich. Anders als die anderen. Groß und einem Kalekutenei entschlüpft. Und ich ballte heimlich die Fäuste, wenn Pätschs Stimme zum gehässigen Chor der Entengeschwister anschwoll, die den hässlichen jungen Schwan verhöhnten. Seine Nachtigall rührte mich jedes Mal zu Tränen (übrigens auch heute noch!). Und die archaische und oft so rätselhafte Grausamkeit der Gebrüder Grimm verursachte mir eine Gänsehaut. Vor allem die als Magd verkannte Königstochter, die dem abgeschlagenen und an die Wand genagelten Kopf ihres treuen Pferdes ihr Leid klagte. Der arme Fallada. Mich schauderte jedes Mal.

»O Fallada, da du hangest!«

»O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, ihr Herz tät ihr zerspringen.«

10. März

Männer und Frauen. Trotz Sandströms Extravaganzen denke ich manchmal, mein Job wäre leichter mit mehr männlichen Auftraggebern. Doch lediglich der Trabrennsport wird noch immer von Männern dominiert. Im Reitpferdebereich sind die meisten Pferdebesitzer Frauen. Das hat Vor- und Nachteile.

Ich komme in der Regel gut mit Frauen zurecht, aber Männer sind einfacher und direkter. Als Pferdebesitzer sind sie sachlicher und rationaler, reden weniger von Gefühlen als Frauen. Ihre Wünsche sind (wie im wirklichen Leben) schlichter (daher leichter zu erfüllen!), ihre Träume leichter zu verstehen. Von der Liebe reden sie nur selten. Lieben sie deshalb weniger?

Frauenträume in Sachen Pferde können heikel sein. Manchmal entspringen sie menschlichen Defiziten, die ein Pferd gar nicht ausgleichen kann, einer diffusen, ewig ungestillten Sehnsucht nach Tugenden und Werten, an denen es in ihrem Leben mit Menschen mangelt. Das können Träume von Schönheit, Treue, Loyalität, Harmonie, Einverständnis und Zusammengehörigkeit sein. Und natürlich von Liebe. Dem so oft missbrauchten Wort, aktiv angewandt und dennoch passiv gemeint: denn die Sehnsucht danach, geliebt zu werden, ist oft größer, als die Fähigkeit zu lieben.

Andersen behauptet: »Die Liebe ist Sehnsucht, und gestillte Sehnsucht vergeht.« Hat er recht?

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DER BÖSE BLICK

Gut und böse. Wie einfach hätte dieser Dualismus der Märchen mein eigenes Leben gemacht. Doch meine Welt war von den unergründlichen Launen meiner großen Schwester abhängig und daher komplizierter. Sie verfügte über den bösen Blick, eine vernichtende Waffe, dank der sie nach Belieben alles untergehen ließ, was sie einst für mich erschuf. Mit morbider Neugier betrachtete sie dann die moralische Vernichtung ihres Adepten. Auf solche Dramen verstand sich kein Erwachsener. Man musste sie allein durchleben.