Über Mary L. Longworth

Mary L. Longworth lebt seit 1997 in Aix-en-Provence. Sie hat für die »Washington Post«, die britische »Times«, den »Independent« und das Magazin »Bon Appétit« über die Region geschrieben. Außerdem ist sie die Verfasserin des zweisprachigen Essay-Bandes »Une américaine en provence«, die der Verlag La Martinière 2004 herausgebracht hat. Sie teilt ihre Zeit zwischen Aix, wo sie schreibt, und Paris, wo sie an der New York University das Schreiben lehrt.

Im Aufbau Taschenbuch liegen bisher ihre Romane »Tod auf Schloss Bremont« und »Tod in der Rue Dumas« vor. Ihr neuer Roman »Tod auf dem Weingut Beauclaire« erscheint im Frühjahr 2014.

Informationen zum Buch

Sonne, Wein und Mord

Auf dem Weingut Beauclaire werden teure, alte Weine gestohlen. Außerdem treibt in der Gegend um Aix-en-Provence ein brutaler Frauenmörder sein Unwesen. Für Untersuchungsrichter Antoine Verlaque und seine Freundin, die attraktive Juraprofessorin Marine Bonnet, bleibt keine Zeit mehr, die Schönheit des provenzalischen Sommers zu genießen.

Ein Kriminalroman mit südfranzösischer Atmosphäre, Spannung und charmantem Personal.

»Genau die richtige Sommerlektüre.« Berliner Morgenpost

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Mary L. Longworth

Tod auf dem Weingut Beauclaire

Ein Provence-Krimi

Aus dem Amerikanischen von Helmut Ettinger

Inhaltsübersicht

Über Mary L. Longworth

Informationen zum Buch

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1. Kapitel: Für die Engel

2. Kapitel: Ihr letzter Markttag

3. Kapitel: Ein Ehemann in Sorge

4. Kapitel: Bekenntnisse eines Weindiebes

5. Kapitel: Ein Überfall in Eguilles

6. Kapitel: Ein Elsässer versucht die Provence zu begreifen

7. Kapitel: Zitronenkuchen

8. Kapitel: Ich bin, sie ist …

9. Kapitel: Jules’ kleines Notizbuch

10. Kapitel: Judy-Kreuzfahrten

11. Kapitel: Ein verändertes Dorf

12. Kapitel: Zu bling für mich

13. Kapitel: Philomène arrangiert die Blumen

14. Kapitel: Die Kinder der Liebe

15. Kapitel: Diebe! Diebe!

16. Kapitel: Eine Liebesgeschichte

17. Kapitel: Der Malibu-Boy

18. Kapitel: Verlaque verdächtigt einen Freund

19. Kapitel: Der Charme des Südens

20. Kapitel: Eine neue Buskarte

21. Kapitel: Höflichkeit

22. Kapitel: Der Wagen, der einen Präsidenten rettete

23. Kapitel: Ein Geheimnis im Garten

24. Kapitel: Honig und Toast mit Butter

25. Kapitel: Ein Big Spender

26. Kapitel: Zwei Gläser Lagavulin

27. Kapitel: Innovation aus Frankreich und England

28. Kapitel: Das Gargouillou

29. Kapitel: Bruno Paulik bricht eine Tür auf

30. Kapitel: Antoine Verlaques Geschenk

Epilog

Anmerkungen

Impressum

1. Kapitel
Für die Engel

Olivier Bonnard saß auf der untersten Stufe der Steintreppe zu seinem Weinkeller, den Kopf in den Händen vergraben, als plagte ihn eine Migräne. Mit seinen schwieligen Fingern fuhr er sich durch das dichte, leicht ergraute Haar und stöhnte. Als sein Blick auf die versteinerte Jakobsmuschel in der Kalksteinmauer fiel, lehnte er sich nach vorn und berührte sie sacht. Das war sein heimliches Ritual, das er, seit er denken konnte, stets vollzog, wenn er den Keller betrat. Das Fossil erinnerte ihn daran, dass vor Millionen Jahren ein großer Teil Südfrankreichs unter dem Meer gelegen und Salzwasser die Hänge umspült hatte, wo heute Weinstöcke wuchsen. Auch seine Winzerkollegen bis hinauf zum Luberon und zum Rhônetal hatten solche Stücke in ihren Mauern, aber diese kleine, perfekt geformte Muschel fand er am schönsten. Wieder wühlte er in seinem Haar, bemüht, die Tränen zurückzuhalten. Das letzte Mal geweint hatte er vor acht Jahren, als man seine Mutter zu Grabe trug.

Mit einem Seufzer zwang er sich, zu den Regalen mit den Weinflaschen hinzusehen, zog mit einer müden Bewegung Papier und Bleistift aus der Tasche seiner Steppjacke – im Keller herrschten konstant sechzehn Grad, weshalb er sich auch Anfang September warm anziehen musste – und machte sich ans Notieren. Auf die Liste setzte er zwei Eineinhalb-Liter-Magnumflaschen seines 1989er Roten, eine des 2005er Weißen, drei Flaschen Rotwein des Jahrgangs 1954 (den er selbst am meisten schätzte), zwei Flaschen Weißen von 1978 (der für einen Weißwein eigentlich zu alt und wahrscheinlich bereits umgeschlagen war), drei Flaschen 1946er Roten (von der ersten Lese nach sechs Jahren Krieg, der Lieblingswein seines alten Vaters) und schließlich eine Magnum von 1929, die allerletzte des ersten Jahrgangs, den sein Großvater abgefüllt hatte.

Nach ein paar Minuten ließ er den Stift sinken und hielt inne. Es fehlten noch mehr Flaschen, aber er brauchte eine Pause. Obwohl es sich um Weine seiner Familie handelte, tat sich Bonnard schwer, den Wert des 1929ers oder 1946ers zu schätzen. Diese Flaschen waren inzwischen zu reinen Sammlerstücken geworden. Sein Versicherungsvertreter in Aix würde ihm dabei helfen; er hatte die Kataloge der Weinauktionen von Sotheby’s und Christie’s in seinem Büro. Paul war ein alter Schulfreund und würde Olivier nicht übers Ohr hauen.

Durch den Verlust dieser Weine, die zu einem großen Teil noch sein Vater und Großvater gekeltert hatten, war der Winzer am Boden zerstört. Doch die Tränen trieb ihm der Gedanke in die Augen, dass der Dieb jemand sein musste, der ihm sehr nahestand. Der Weinkeller war stets verschlossen, aber alle Familienmitglieder wussten, wo sich der Schlüssel befand. Seit Olivier ein kleiner Junge war, hing er immer rechts neben der Küchentür. Wer sonst konnte davon Kenntnis haben? Gesichter zogen vor seinem inneren Auge vorüber, und obwohl seine Hände und Füße von der Kälte fast steif waren, lief er vor Zorn rot an. Freunde, Nachbarn oder Bekannte – er litt regelrecht darunter, sie sich als Verdächtige vorzustellen. Da war der Briefträger Rémy, der mit seinem uralten Moped oder außer Dienst mit seinem klapprigen Lieferwagen stets bis vor die Küchentür rollte. Da war Hélène, die Verwalterin des Weingutes und seine Kellermeisterin. Da ihr Mann bei der Polizei arbeitete, schied sie für ihn sofort aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Da war Cyril, sein zweiter Festangestellter, jahraus, jahrein seine zuverlässige Stütze. Schließlich Sandrine, eine Studentin aus Aix, die an Wochenenden und Feiertagen Weinverkostungen durchführte. Wenn er ehrlich war, hatte er sie vor allem wegen ihrer Schönheit, nicht ihrer Weinkenntnis oder ihres exakten Kassierens eingestellt. Dazu kam eine Schar Nordafrikaner, die jedes Jahr bei der Lese half. Aber sie gelangten kaum in die Nähe des Hauses, und er kam sich wie ein Rassist vor, wenn er ihnen den Diebstahl zutraute. Sie waren so sehr auf die Erntearbeit angewiesen, einen Knochenjob, den Olivier als Student gern auf sich genommen hatte, zu dem sich aber heutzutage nur wenige junge Franzosen bereitfanden.

Jetzt kam die Familie an die Reihe. Nur sah sie Olivier nicht als Reihe von Verdächtigen bei einer Gegenüberstellung im Justizpalast, sondern beim Abendessen. Nicht in ihrem eleganten Speisezimmer, wo seine Frau so gern aß, sondern an dem langen hölzernen Küchentisch vor einem lodernden Herdfeuer. Eine beruhigende Vorstellung, bei der gewöhnlich ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Heute aber bereitete sie ihm nur Magenschmerzen. Es gab keinen Grund, weshalb Elise, mit der er seit zwanzig Jahren verheiratet war, sich an den Weinen vergriffen haben sollte. Sie stand voll hinter seinem Geschäft, auch wenn sie selbst nur Tee trank. Viel mehr als Syrah, Grenache oder Mourvèdre interessierte sie die Boutique, die sie zusammen mit einer Freundin in Aix betrieb. Auch konnte er sich nicht vorstellen, weshalb sein achtzehnjähriger Sohn Victor, den Erde und Weinreben faszinierten, seit er laufen konnte, die kostbaren Flaschen gestohlen haben sollte. Schon gar nicht die dreizehnjährige Clara, sein ganzer Stolz und seine Freude, die ihre Nase nur in Bücher steckte und seit dem Kindergarten überall die Beste war. Außerdem lebte in einem Seitenflügel von Oliviers Haus aus dem 18. Jahrhundert sein Vater. Albert Bonnard war für seine 83 Jahre noch rüstig, ermüdete neuerdings aber rasch, und sein Gedächtnis ließ nach. Erst letzte Woche hatte Olivier ihn beobachtet, wie er die Reihen der Weinstöcke entlangging, mit ihnen sprach und ihnen für die reiche Ernte dieses Jahres dankte.

Olivier stand auf und streckte die verkrampften Beine. Nahezu eine Stunde lang hatte er, vor sich hinbrütend, dagesessen. Als er auf der Treppe Schritte hörte, fuhr er zusammen. Fast glaubte er, sogleich dem Dieb ins Auge zu schauen, der vielleicht wiederkam, um auch noch ein paar Flaschen aus den 1960ern mitgehen zu lassen, die er oder sie – Olivier wollte kein Sexist sein – bisher verschont hatte.

»Ich habe Licht im Keller gesehen. Suchst du schon den Wein für morgen Abend aus?«, fragte Elise Bonnard ihren Mann. »Oje«, fuhr sie fort. »So fassungslos, wie du mich anstarrst, hast du das Abendessen mit den Poyers bestimmt vergessen.«

Auch nach zwanzig Jahren Ehe freute sich Olivier immer, wenn er seine Frau sah, und an diesem Nachmittag umso mehr. Zwar trank sie keinen Alkohol, war aber eine gute Verkosterin und reiste gern mit ihm und seinen Weinen durch Frankreich oder ins Ausland. Letztes Jahr waren sie in Argentinien gewesen, wo südamerikanische und französische Weinbauern Erfahrungen ausgetauscht hatten. Als Elise jetzt vor ihm stand, wurde Olivier überdeutlich, was für ein glücklicher Mann er war und wie sehr er sie brauchte. Wieder stiegen ihm die Tränen in die Augen, er ließ die Schultern sinken und schluchzte tief auf. Elise Bonnard starrte ihren sonst so ausgeglichenen Mann erschrocken an, ihr Lächeln war wie weggewischt, sie lief die letzten Stufen herab und nahm ihn in die Arme.

»Was hast du, mein Lieber?«

Das raubte dem fast zwei Meter großen Kerl nun völlig die Beherrschung. Seine Tränenflut wurde nur noch von heftigen Schluchzern unterbrochen. Elise Bonnard zog ein paar Kleenex-Tücher aus ihrer Tasche und reichte sie ihm. Olivier flüsterte einen Dank, schnäuzte sich einige Male lautstark und seufzte tief auf. Mehrere Male atmete er kräftig durch, um sich zu beruhigen, so wie sie es ihren Kindern beigebracht hatten, wenn die sich bei einem Sturz weh taten oder sehr erregt waren. Schließlich drehte Olivier sich um, und nun konnte sie die großen Lücken in den Weinregalen sehen.

»Was ist denn das?« Elise stockte der Atem. Sie trat näher an die Gestelle heran, als traute sie ihren Augen nicht. Vier Generationen von Bonnards bauten auf diesem Gut bei Rognes, zwanzig Autominuten nördlich von Aix-en-Provence, nun schon Wein an, seit Oliviers Urgroßvater dieses Stück Land und die verfallenen Gebäude am Ende des 19. Jahrhunderts gekauft, vollständig wiederaufgebaut und den auf einer langen Geschichte beruhenden Ruf des Weingutes wiederhergestellt hatte. Viele ihrer frühen Weine hatten von berühmten Kritikern höchstes Lob erhalten. Mr. Colter aus den USA kam jedes Jahr herüber, um Bonnards Weine zu kosten und zu bewerten. An den weltberühmten Weinexperten musste Elise jetzt denken, der so viel Einfluss besaß, wie Olivier ihr immer wieder erklärte, und doch so bescheiden und einfach im Umgang war, dazu an allem leidenschaftlich interessiert, was ihre Region betraf. Einmal hatte er sie sogar nach dem Rezept für ihre Gougères, die kleinen mit Käse gefüllten Windbeutel, gefragt.

»Wie viele Flaschen fehlen?«, fragte Elise. Sie schloss für einen Moment die Augen und sandte ein stilles Stoßgebet gen Himmel. Als sie ihren Mann hatte weinen sehen, hatte sie fast geglaubt, er hätte Krebs oder sie seien ruiniert. Freilich war der Wein unersetzlich, aber sie würden neuen anbauen und auch wieder Spitzenernten erleben. Erschreckend war allerdings die Tatsache, dass jemand hier unbemerkt eingedrungen war.

»Bei 23 habe ich zu zählen aufgehört. Auch ein paar Magnum-Flaschen sind darunter. Wenn ich mich etwas beruhigt habe, muss ich weitermachen. Das Schlimme ist, dass mir die Lücken so wahllos vorkommen: Hier fehlt eine Flasche, da zwei.«

»Ob jemand den Keller offen gelassen hat?«, warf Elise ein.

»Die Tür war verschlossen, als ich vor einer Stunde gekommen bin, und den Schlüssel habe ich in der Küche vom Haken genommen. Würde ein Dieb daran denken, die Tür wieder zu verschließen und den Schlüssel an seinen Platz zu hängen? Außerdem habe ich den ganzen Vormittag auf dem Hof gearbeitet, weil ich den verdammten Traktor wieder in Gang bringen muss. Die Kellertür hatte ich dabei immer im Blick.«

Elise schluckte, sagte aber nichts. Da besaßen sie nun ein Weingut, das mehrere Millionen wert war, und ihr Mann bestand darauf, alle seine Maschinen und Motoren selbst zu reparieren.

»Wann bist du denn das letzte Mal in diesem Teil des Kellers gewesen?«, fragte sie.

Bonnard blickte sie betroffen an. »Gute Frage. Ich wage es gar nicht zu sagen: Das ist Monate her.« Der Weinkeller nahm eine riesige Fläche unter dem Wohnhaus ein. Üblicherweise fand man Olivier in der Kelterei, die in den ehemaligen Stallungen neben der Scheune untergebracht war. Dort standen große Tanks aus Edelstahl und dahinter Reihen von Eichenfässern. Im Alten Keller unter der Küche, wo sie sich jetzt befanden, lagerten die berühmtesten Weine der Familie. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm, der mit feinem Kies bestreut war. Ein uraltes Fass, das bereits Oliviers Großvater benutzt hatte, war zu einem großen Tisch umgebaut worden. Elise hatte aus dem Katalog von La Redoute vier Bänke erstanden. Beim Licht von ein paar Partyleuchten, die man ebenfalls angebracht hatte, saßen sie so manchen Abend mit Freunden in dicken Wollpullovern hier unten und ließen sich ihren Wein munden.

»Für das Ganze muss es doch eine vernünftige Erklärung geben«, sagte jetzt Elise und stützte die Hände in die Hüften.

»Welche denn? Soll der Wein vielleicht verdunstet sein?«

»Hör mal, mein Lieber, ich rufe Victor, damit er dir bei der Inventur hilft. Er hat sich schon für diese Flaschen interessiert, als er fünf Jahre alt war.« Elise ließ ein kleines Lachen hören, um die Stimmung ein bisschen aufzuhellen. »Victor ist nicht gerade gut in Mathematik, aber im Weinkeller ist er ein Genie!« Sie wollte schon gehen, da hielt Olivier sie am Ärmel fest.

»Was ist?«, fragte sie.

»Victor«, entfuhr es ihm mit einem Blick, in dem sich Bestürzung und Zorn mischten. Elise zuckte zusammen. Als er sie das letzte Mal so angesehen hatte, war es auch um Victor gegangen. Der damals Vierzehnjährige war mit ihrem Auto ins Dorf gefahren – nur so zum Spaß.

Elise begriff sofort. »Victor? Das glaubst du doch nicht im Ernst! Warum sollte er die Flaschen nehmen?«

»Um sie zu Geld zu machen?«, entgegnete Olivier mit einem Achselzucken. Jetzt war Furcht in seiner Miene zu lesen. »Mir gefallen einige der Kerle aus Aix nicht, mit denen er in der letzten Zeit herumhängt. Vielleicht haben die ihn darauf gebracht. Sie können ihn ja bedroht und dazu gezwungen haben. Er ist nie ein Anführer gewesen, immer nur ein Mitläufer.« Dass in der Familie die kleine Clara das Sagen hatte, erwähnte er besser nicht.

Elise biss sich auf die Unterlippe, was sie immer tat, wenn sie nervös war. »Diese neuen Freunde mag ich auch nicht gerade, aber Victor ist in der letzten Zeit wenig mit ihnen zusammen gewesen. Ich denke, das war eine zeitweilige Sache. Heute Abend zum Beispiel geht er mit Fabrice und Thomas ins Kino.« Fabrice und Thomas Clergue waren die Söhne von Bonnards Nachbarn, ebenfalls einer Winzerfamilie. Jean-Jacques Clergue hatte sich das Weingut nebenan selbst zum vorzeitigen Ruhestand geschenkt. Er hatte bei Goldman Sachs in London eine Menge Geld gemacht und sich bereits mit 37 Jahren in die Provence zurückgezogen, als seine Söhne noch im Krabbelalter waren. Die beiden Familien hatten sich sofort angefreundet. Elise war überzeugt gewesen, dass es Jean-Jacques’ englische Frau Lucy, die in London geboren und aufgewachsen war, höchstens zwei Monate lang auf dem Lande aushalten würde. Aber es war Lucy gewesen, die Elise zeigte, wie man Aprikosenkuchen mit Mürbeteigkruste bäckt, und die Olivier jeden Winter beim Beschneiden der Olivenbäume half. Den Vogel schoss allerdings Jean-Jacques Clergue ab. Nach einem Intensivkurs in Önologie gelangen ihm phantastische Weine. Zusammen mit Oliviers Kellermeisterin Hélène Paulik und Marc Nagel aus dem Var hatte Clergue viel dazu beigetragen, dass Weine aus Südostfrankreich wieder zu Ansehen gelangten. Andere Winzer lernten von dem Trio, und bald wurden die lokalen Sorten besser und besser.

Olivier und Elise erstarrten, als ein Paar schwarze Converse-Sneakers die Treppe heruntertrampelten und dabei viel Staub aufwirbelten. »Wenn man vom Teufel spricht …«, murmelte Olivier Bonnard vor sich hin.

»Hallo, ihr beiden! Ich suche euch schon überall«, sagte Victor. »Wann gibt’s Abendessen, Mama? Das Kino in Aix beginnt um acht. Wir müssen den Bus um zehn nach sieben kriegen.« Victor Bonnard blickte seine Mutter an. Die sagte nichts. Dann schaute er zu seinem Vater hin, aber auch der blieb stumm. Im ersten Moment glaubte der Junge, die Eltern hätten gerade miteinander gestritten. Die Kehle wurde ihm trocken. Vielleicht wollten sie sich scheiden lassen wie die seines Freundes Luc.

Da drehte sich sein Vater zu den Weinregalen um und lenkte Victors Blick mit einer Handbewegung auf die großen Lücken.

»Was ist denn das?«, entfuhr es dem Jungen.

»Das hat deine Mutter auch gerade gesagt.«

Victor rannte die Regale entlang wie ein gefangenes Tier. Elise warf ihrem Mann einen bedeutungsvollen Blick zu, als wollte sie sagen: Siehst du, er ist genauso betroffen wie wir.

»Der 1929er fehlt! Verdammt!«, rief Victor und setzte seinen gehetzten Lauf fort. »Weiß Großvater davon?«

»Nein, der ist noch beim Mittagsschläfchen. Ich habe keine Ahnung, wie ich es ihm sagen soll«, gab Olivier zurück.

»Wer macht denn so was?«, fragte Victor.

»Das wollte ich dich gerade fragen«, erwiderte Olivier Bonnard. Als der Satz heraus war, bereute er ihn auch schon.

Victor fuhr zusammen. »Was willst du damit sagen, Papa?« Das Gesicht des jungen Mannes lief rot an, er schlug so heftig mit einer Faust gegen die feuchte Kellerwand, dass er sich die Haut aufschürfte. »Na, vielen Dank auch, Papa!«, brüllte er und rannte die Treppe hinauf. Krachend fiel die Kellertür ins Schloss.

»Bravo, chéri«, sagte Elise nur, verdrehte die Augen, stieg ebenfalls die Treppe hinauf und trat in die Nachmittagssonne hinaus.

»Oje«, sagte Olivier Bonnard zu sich selbst und seufzte. Er wollte sich bei Victor entschuldigen und dann zu seinem Freund bei der Versicherung in Aix fahren. Seit Wochen war er nicht mehr in der Stadt gewesen. Der ungewöhnlich nasse August hatte ihm keine Atempause gelassen. Gemeinsam mit Hélène hatte er die Fässer mit dem einjährigen Wein in den Keller für den zweijährigen geräumt, um Platz für die neue Ernte zu schaffen. Als das getan war, hatte er mit Cyril das Gerät für das Pressen und Keltern der neuen Lese umgesetzt und vorbereitet, bis sein Traktor versagte. Dann gab es in den Kellern viel zu tun. Bonnard füllte die Fässer und erklärte dabei der gelangweilten Sandrine, dass fünf Prozent des Weines durch die hölzernen Fasswände hindurch verdunsten. Nach dieser Arbeit hatte sich bisher Victor immer gedrängt, aber dieses Jahr bat Olivier Sandrine, ihm dabei zu helfen, damit sie etwas mehr über die Arbeitsgänge der Weinherstellung lernte. Victor sollte sich auf die Schule konzentrieren. Sie waren übereingekommen, dass er sich in diesem letzten Jahr hinter die Bücher zu setzen hatte, um am Ende bei den landesweiten Prüfungen ein wenigstens einigermaßen ehrenhaftes Abitur, das Bac, zustande zu bringen. Als Victor noch klein war, hatte er ihm beigebracht, dass die fünf Prozent Wein, die verdunsteten, »für die Engel« seien, wie er es von seinem Vater Albert gelernt hatte. Olivier stellte sich vor, wie der sechsjährige Knirps ein Fass angestarrt hatte, darum herumgegangen war und versucht hatte, den sich verflüchtigenden Wein mit seinen Händchen aufzufangen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Wenn Olivier in Aix alles erledigt hatte, wollte er zu Jean-Jacques Clergue hinübergehen und ihn zu sich einladen. Er würde einen Rat brauchen, und es tat einfach gut, mit einem Freund im Alten Keller, umgeben von den noch verbliebenen Spitzenweinen, ein Glas zu trinken. Als Winzer achtete Bonnard wie alle seine Kollegen streng darauf, es damit nicht zu übertreiben. Aber heute Abend brauchte er das. Jean-Jacques war ein Genießer und brachte vielleicht sogar ein paar kubanische Zigarren mit. Olivier hatte neulich eine mit dem Richter aus Aix geraucht, der ihn besuchte, und war dabei auf den Geschmack gekommen. Er wusste, dass Elise das gar nicht gefiel, aber das störte ihn jetzt nicht. Olivier stieg die Kellertreppe hinauf, schaltete das Licht aus und schloss die Tür ab. Den Schlüssel steckte er diesmal in seine Jackentasche.

2. Kapitel
Ihr letzter Markttag

An einem ganz gewöhnlichen Dienstag ging Mme. Pauline d’Arras zum Einkaufen auf den Markt – das letzte Mal in ihrem Leben. Das Septemberwetter war warm, aber sie trug einen dünnen Baumwollpullover über ihrer Seidenbluse. Die Sonne strahlte bereits vom blauen Morgenhimmel, und je näher sie dem Justizpalast kam, wo auf dem großen Platz dreimal in der Woche Markttag war, desto lauter wurde es. Ihr Hündchen Coco zerrte sie vorwärts, es spürte, dass es zum Markt ging. Madame hielt die Leine kurz und lächelte Coco zu, die den Markt liebte, besonders die Verkehrspolizisten auf ihren Motorrädern.

Während Mme. d’Arras an den großen Gemüseständen vorüberging, warf sie den Verkäufern abschätzige Blicke zu. Die hier Bananen, Ananas und Limonen verkauften, bauten gewiss nichts Eigenes in der Provence an. Sie holten sich ihre Ware bei den Großhändlern in Marseille. Martin, zu dem sie am liebsten ging, hatte einen kleinen Stand ganz am Ende des Marktes. Er bot Biogemüse von seinem Hof nördlich von Aix an. Als sie sich durch eine Gruppe Touristen drängte, die Gewürzstände fotografierten, stieß sie sie absichtlich mit ihrem Korb an … Die wussten wohl nicht, dass es tatsächlich Leute gab, die zum Einkaufen hierherkamen, weil sie etwas zum Kochen brauchten! An Martins Stand trat sie mit einem Lächeln heran. Aber das verschwand sofort wieder, als sie die Schlange sah. Offenbar waren auch andere Leute darauf gekommen, welch ausgezeichnete Ware er anbot. Nun musste sie anstehen und würde sich mit ihrem Mittagessen mindestens fünfzehn Minuten verspäten. Nicht, wenn sie sich auf dem Heimweg beeilte, sich keine Zeit für einen Tee nahm und in ihrer Küche zügig arbeitete. Sie griff sich eine von Martins großen Plastikschüsseln, die auf einem kleinen Berg rotschaliger Kartoffeln standen, und begann die Zutaten für den Pot au feu, das mit verschiedenen Gemüsen gekochte Rindfleisch, zusammenzusuchen, den sie am Nachmittag für das Abendessen vorbereiten wollte – eine Kohlrübe, Möhren, Kartoffeln, Porree, Zwiebeln und Knoblauch. Das Fleisch kaufte sie stets in der Boucherie du Palais ein. Das hieß, noch einmal anstehen. Zum Mittag wollte sie für sich und Gilles Schweinekoteletts mit grünen Bohnen braten. Das ging schnell, und Gilles mochte es sehr. »So wie du, nicht wahr, Coco?«, sagte sie zu ihrem Hund.

Erschrocken blickte sie auf, als ihr klarwurde, dass jemand sie ansprach.

»Madame«, sagte Martin. Dabei lächelte er, konnte aber die Sorge in seinem Blick nicht verhehlen.

Mme. d’Arras nahm sich zusammen und lächelte ihrerseits Martin zu. Was für schöne große Hände er hat, dachte sie dabei. Wenn sie nur nicht so schmutzig wären. Seit wann er wohl schon mit mir spricht? Ihr fiel ein, dass sie gerade mit Coco geredet hatte, aber wie lange? Sie reichte Martin die Schüssel mit dem Gemüse. »Das soll es sein«, sagte sie dabei.

»Für einen Pot au feu heute Abend?«, fragte Martin.

»Genau«, gab sie zurück. »Ein schmackhaftes und preiswertes Essen … Wenn man von dem Rindfleisch mal absieht.« Sie blickte zur Fleischerei hinüber, um zu erkennen, wie lang die Schlange dort war, aber vor der Tür stand niemand. Ein gutes Zeichen: Die Schlange reichte noch nicht bis aufs Trottoir hinaus, wie es an Samstagen die Regel war.

Martin wog die Ware sorgfältig ab, denn er wusste, dass Mme. d’Arras die Waage mit Argusaugen kontrollierte. Sein Blick glitt über ihr perfekt frisiertes blondes Haar und die Designerbrille. Sie war eine der Frauen von Aix, deren Alter man nicht bestimmen konnte – irgendwo zwischen sechzig und fünfundsiebzig. Mit Mme. d’Arras war nicht gut Kirschen essen, aber er mochte sie. Sie hatte als eine der Ersten bei ihm eingekauft, als er Bioprodukte auf dem Markt anbot. Jahrelang hatte er auf die Genehmigung der Behörde für den Stand warten müssen, und die Vorfinanzierung hätte ihn fast in den Ruin getrieben. Doch jetzt rentierte sich die Sache, besonders am Samstag. Schon mittags hatte er in der Regel seine gesamte Ware verkauft.

Madame unterhielt sich mit einer anderen Frau in der Schlange. Beide planten einen Pot au feu für den Abend und verglichen ihre Rezepte. Ob die beiden sich kannten, wusste Martin nicht. Aix war für ihn der Ort, wo er am besten verkaufte, aber verglichen mit dem Nest nördlich von Manosque, wo er lebte, war dies für ihn fremdes Gebiet, das der Reichen und Privilegierten. Er wusste nie, ob Mme. d’Arras jemanden ansprach, weil der sie wirklich interessierte oder weil sie nur auf sich aufmerksam machen wollte. Sie ist wohl vor allem an sich selbst interessiert, dachte er bei sich. Trotzdem machte er sich Sorgen um sie. Zwar ging sie umher und erledigte ihre Einkäufe, konnte sich wohl auch Kochrezepte merken. Aber seit einigen Wochen schien sie ihm mehr und mehr abwesend zu sein. Oft reagierte sie nicht, wenn er sie ansprach, sondern schaute ihn nur mit glasigen, fast gelblichen Augen an.

»War das alles, Mme. d’Arras? Dann sind es sieben Euro und dreizehn Cent, bitte.« Rasch legte er ihr noch ein Sträußchen Petersilie in den Korb.

Mme. d’Arras zückte ihre Geldbörse von Hermès, ein Geschenk ihres Neffen, und zählte sorgfältig das Geld ab.

Martin dankte ihr mit einem Lächeln, und langsam ging sie mit ihrem Korb zwischen den Ständen mit Käufern und Verkäufern weiter. Bei einem Bauern blieb sie stehen und bewunderte die Sonnenblumen. Von einem Kauf sah sie jedoch ab, denn an dem Gemüse, besonders an Kartoffeln und Zwiebeln, hatte sie schon genug zu schleppen. Weiter ging es zur Boucherie du Palais. In der langen schmalen Fleischerei hatte sich nun doch eine beeindruckende Schlange gebildet. Rasch schritt sie zum hinteren Teil des Geschäfts, wo sich eine zweite, kürzere Reihe für Stammkunden oder solche, die Bescheid wussten, gebildet hatte. Sie nickte, lächelte Leuten zu, die sie kannte, und war vor allem damit beschäftigt, Coco zu beruhigen, die allmählich die Geduld verlor. Vor ihr stand eine junge Amerikanerin und redete auf ihren kleinen Jungen im Kinderwagen ein. Mme. d’Arras beugte sich nach vorn und tat so, als wolle sie das Fleisch genauer in Augenschein nehmen. Dabei schob sie sich Zentimeter für Zentimeter an der Amerikanerin vorbei, die nichts bemerkte oder zu höflich war, um der alten Dame Drängelei vorzuwerfen. Als sich Mme. d’Arras jedoch aufrichtete, stieß sie mit dem Bein gegen den Wagen, den die Amerikanerin ihr in den Weg geschoben hatte. »Wir müssen alle warten, Madame«, sagte die junge Frau in gutem, wenn auch nicht akzentfreiem Französisch.

Mme. d’Arras ärgerte sich, tat aber, als verstehe sie nicht, und redete auf Coco ein. Es störte sie sehr, dass die junge Frau ihr nicht nur den Weg versperrte, sondern auch das Geheimnis der zwei Schlangen zu kennen schien.

»Mme. d’Arras«, rief der Fleischer Henri ihr zu, als sie endlich an der Reihe war. »Wie hübsch Sie heute wieder aussehen.«

Mme. d’Arras errötete ein wenig und gab zurück: »Man sollte sich stets Mühe geben, präsentabel auszusehen, ganz gleich, welcher Tag ist.«

»In der Tat«, antwortete der Fleischer. »Und was gedenkt die bezaubernde Madame für ihren glücklichen Gatten heute zuzubereiten?«

Gegen ihren Willen entfuhr es ihr: »Einen Pot au feu.«

»Dafür darf ich Ihnen ein paar exzellente Stücke Rind und etwas Kalb anbieten.«

»Kalb?«, stotterte Mme. d’Arras. Das würde die Sache wesentlich verteuern. Andere Verkäufer in diesem Geschäft boten ihr dafür gewöhnlich nur Kochfleisch vom Rind an.

»Natürlich … Kalb! Aber wenn Madame das nicht wünscht …«

»Nein, nein, Sie haben sicher recht … Ein bisschen Kalb macht die Sache viel delikater, nicht wahr?« Sie wollte nicht, dass Henri oder diese Klatschbase Mme. de Correz dachten, sie müsse aufs Geld achten.

Henri, der gewiefte Verkäufer, lächelte, schnitt ein Stück zartes Kalbfleisch ab und legte es zu dem Rind.

Mme. d’Arras nahm das Fleisch und musste noch einmal an der Kasse warten, aber aus Erfahrung wusste sie, dass Henris Tochter sehr schnell und tüchtig war. Minuten später ging sie bereits über die Rue Emeric David zu ihrer Wohnung zurück. Jetzt musste sie auch noch Coco tragen, die vor Erschöpfung und Hunger ganz außer sich war. Bevor sie ihr Haus erreichte, blieb sie vor Nr. 16 stehen und runzelte die Brauen. Der Nachbar, ein junger Emporkömmling mit einer Menge Geld, stand vor dem Hôtel de Panisse-Passis und redete mit den Handwerkern, die ein Gerüst aufbauten. Philippe Leridon hatte das große Gebäude bereits vor ein paar Jahren gekauft. Bisher war es allerdings leer und verlassen, während er in Marokko Millionen verdiente – mit einer Kette von Luxushotels, wie Mme. d’Arras’ Gatte ihr erzählt hatte. Den heruntergekommenen, aber eleganten Bau aus dem 18. Jahrhundert hatte er während eines Urlaubs in Aix aus einer Laune heraus erworben. Anfang des Jahres trennte er sich dann von seinen Hotels und nahm seinen ständigen Wohnsitz in Aix. An dem Haus werkelten die Arbeiter bereits seit Wochen herum. Ständig dröhnte der Baulärm. Nicht einmal an den Samstagen war es ruhig. Von den Hammerschlägen hatten die Wände in Mme. d’Arras’ Wohnung bereits Risse bekommen. Ihr fiel ein, dass sie am Nachmittag ihren Anwalt anrufen wollte, und beschleunigte ihren Schritt. Sie war froh, ja geradezu stolz, dass sie solche Angelegenheiten völlig selbständig, ohne die Hilfe ihres Gatten, zu regeln vermochte.

Philippe Leridons »Bonjour, Mme. d’Arras!« riss sie aus ihren Gedanken, aber sie schritt ungerührt bis zur Nummer 18, dem Hôtel de Barlet, weiter. Bevor sie den Schlüssel in die Haustür steckte, wandte sie sich zu Leridon um und rief zurück, wobei sie ihre exzellente französische Aussprache demonstrierte: »Bonjour, Monsieur! Sie hören von meinem Anwalt!« Leridons Erwiderung drang nur noch gedämpft an ihr Ohr, denn sie war sofort ins Vestibül ihres tadellos erhaltenen Hauses, ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert, geschlüpft und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Diese trug zwar nicht so üppige Schnitzereien wie jene des Nachbarhauses, war in ihren Augen aber viel eleganter und passender. Der Eingang zum Hôtel de Panisse-Passis dagegen war total überladen mit geschnitztem Blattwerk, Schwertern, Kronen und Bändern. Viel zu auffallend – wie der neue Besitzer selber mit dem schweren Akzent eines Südfranzosen und dem riesigen Angeberauto, das kaum durch die Rue Emeric David passte.

Nun stand Mme. d’Arras atemlos im Hausflur, zu erschöpft, um die Post an sich zu nehmen, die der Briefträger auf einer Marmorkonsole abgelegt hatte. Langsam stieg sie die Treppe zu ihrer Wohnung im ersten Stock hinauf. Dabei setzte sie Coco ab, die bellend die Stufen hinaufjagte. Sie schloss die Tür auf, was eine Weile dauerte, denn drei Schlösser waren zu entriegeln, und ging hinein. Nachdem sie die Tür wieder verschlossen hatte, schlurfte sie zur Küche, während Coco um ihre Füße wuselte, und stellte ihre Einkäufe auf den Küchentisch. Matt ließ sie sich an dem kleinen weißen Tisch nieder, der gerade groß genug war, dass sie und Gilles daran frühstücken konnten. Etwas beunruhigte sie, aber es fiel ihr nicht ein, was. Das Anstehen? Nein, das war gar nicht so schlimm. Oder der Nachbar mit seinem Luxusschlitten und dem vielen Geld? Im Grunde war es Monsieur Leridon gewesen, der sie aus ihren Gedanken gerissen hatte. Sie hatte an ihre Schwester Clothilde und die kleine romanische Kapelle denken müssen, in der sie als junge Mädchen zusammen gesungen hatten. Sie sah das Kirchlein deutlich vor sich. Seine halbrunde Apsis war das Erste, was man von ihrem Dorf erblickte, wenn man nach Rognes hineinfuhr. Da ließ Coco ein Bellen hören. Sie verlangte ihr Futter.

»Gleich kriegst du was zu fressen«, sagte Mme. d’Arras, um das Hündchen zu beruhigen. Dabei musste sie an das Mittagessen denken. Tieftraurig vergrub sie das Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Sie hatte vergessen, die Schweinekoteletts zu kaufen.

3. Kapitel
Ein Ehemann in Sorge

Gilles d’Arras wohnte zwar seit über vierzig Jahren kaum einhundert Meter vom Justizpalast entfernt, hatte aber noch nie einen Fuß in das Gebäude gesetzt. Jetzt saß er einem riesigen kahlköpfigen Polizisten gegenüber, der ihn freundlich anschaute und in sanftem Ton mit ihm sprach.

Monsieur d’Arras blickte um sich und sah weitere Polizeibeamte am Computer tippen, miteinander sprechen oder mit Papieren in der Hand hin und her eilen. Genauso ging es auch in seinem Büro zu, nur dass einige der Männer und Frauen hier Uniform trugen. Als sein Blick wieder zu dem massigen Polizisten zurückkehrte, begriff er, dass er weitersprechen sollte. Die Worte kamen ihm jedoch nur schwer über die Lippen.

»Ich bin heute wie gewöhnlich zur Mittagszeit nach Hause gegangen. Das war kurz nach zwölf Uhr. Pauline, das heißt Mme. d’Arras, erwartet mich immer um halb eins zum Essen. Das ist so, seit wir vor 42 Jahren geheiratet haben.«

Der Beamte notierte etwas, schaute dann wieder zu Monsieur d’Arras auf und fragte: »Hatten Sie heute Morgen Streit, bevor Sie zur Arbeit gingen?«

»Nein«, antwortete Gilles d’Arras, von der Frage offenbar überrascht.

»Und da haben Sie Ihre Frau zum letzten Mal gesehen.«

»Ja. Ich bin um 8.45 Uhr ins Büro gegangen. Als sie zur Mittagszeit nicht zu Hause war, habe ich bei Freunden und Paulines Schwester Natalie angerufen und gefragt, ob sie vielleicht bei ihnen sei. Ich denke, sie muss eilig aufgebrochen sein, denn Coco … Entschuldigung, das ist unser Hund … hat sie in der Wohnung allein zurückgelassen. Das tut sie sonst nie.«

»Und auf dem Handy antwortet sie nicht, nehme ich an?«

Monsieur d’Arras schüttelte nur den Kopf. »Sie hasst diese Dinger. Ich hätte ihr gern eins gekauft, als sie in Mode kamen, aber sie wollte das nicht.«

Kommissar Paulik machte eine Pause und sagte dann so behutsam er konnte: »Monsieur d’Arras, ich habe Sie empfangen, weil Sie so darauf bestanden haben. Ich denke, dass Sie die Dinge ein wenig übereilen. Ihre Frau ist erst seit heute Mittag fort, und jetzt ist es 17.30 Uhr. Sie kann überall sein.«

»Das ist es doch gerade. Überall!«, beharrte d’Arras. »Ich hätte Sie nie belästigt, wenn es nicht dringend wäre. Sie kann überall sein … Hungrig, verletzt oder frierend. Seit über vierzig Jahren essen wir gemeinsam zu Mittag. Nur ein einziges Mal konnten wir es nicht. Das war am 20. März 1983 … Da hatte ich einen Termin in Paris. Es ist noch nie passiert, dass sie mir nicht gesagt hätte, was sie am nächsten Tag vorhat. Noch nie.«

Paulik spürte, wie sich die Härchen auf seinen mächtigen Unterarmen aufrichteten. »In den Krankenhäusern haben Sie schon angerufen, hat mir Polizist Flamant mitgeteilt.« Er konnte sich gar nicht erinnern, wann er und seine Frau Hélène das letzte Mal zusammen Mittag gegessen hatten. Dafür waren sie viel zu beschäftigt. Was für ein Leben doch die betuchten Alten in Frankreich hatten, ging es ihm durch den Sinn.

»Ja, in den Krankenhäusern habe ich als Erstes nachgefragt.«

Jetzt zeigte sich Kommissar Paulik überrascht.

»Meiner Frau ging es in der letzten Zeit gar nicht gut, müssen Sie wissen. Sie wirkte sehr verändert. Sie ist vergesslich und weinerlich geworden. Manchmal kommt sie mir völlig abwesend vor, als ob sie nicht hört, dass jemand mit ihr spricht. Ich fürchte, das sind erste Anzeichen von Alzheimer, aber sie will sich nicht untersuchen lassen.«

»Neigt Ihre Frau dazu, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen, Monsieur d’Arras?« Paulik war aufgefallen, dass Mme. d’Arras alles Mögliche ablehnte – Handys oder medizinische Untersuchungen.

»Das kann gut sein. Aber sie hat in der letzten Zeit auch einiges erdulden müssen. Sie leidet seit längerem an ziemlich schmerzhaften Mandelentzündungen. Nun hat ihr Hals-Nasen-Ohren-Arzt empfohlen, die Mandeln herausnehmen zu lassen. Das hat Pauline sehr erschreckt. Sie hasst Krankenhäuser. Und den Ärzten hat sie noch nie getraut.«

Auch Krankenhäuser lehnt sie also ab, stellte Paulik fest.

»Zurzeit ist es noch zu früh, eine Vermisstenmeldung herauszugeben. Aber ich verspreche Ihnen, wenn Ihre Frau bis morgen früh nicht aufgetaucht ist, dann tue ich das. Haben Sie ein aktuelles Foto von ihr dabei?«

Monsieur d’Arras nahm einen kleinen Umschlag aus seiner Brieftasche. Paulik war beeindruckt. In Panik und Stress denken die meisten Menschen nicht daran, ein Foto der gesuchten Person mitzubringen. Als der Kommissar einen Blick auf das Bild warf, sah ihm eine ernste, vornehme Mme. d’Arras entgegen. Ob wohl ein Geliebter im Spiel war? Eine schöne Frau, zwar in vorgerücktem Alter, aber gut erhalten. Sie war kaum einen Nachmittag, erst ein paar Stunden fort. Paulik war sich fast sicher, dass Monsieur d’Arras bald einen Anruf erhalten oder im schlimmsten Fall einen Abschiedsbrief seiner Frau finden würde.

Er legte das Foto in eine Mappe und erhob sich, um anzudeuten, dass das Gespräch für ihn beendet war. Monsieur d’Arras wirkte sehr geknickt und kam nur mit Mühe auf die Beine.

Paulik ging um seinen Schreibtisch herum, legte dem alten Mann die Hand auf die Schulter und sagte: »Sie rufen uns doch an, wenn Sie etwas über den Verbleib Ihrer Frau erfahren, nicht wahr?«

»Natürlich«, antwortete Monsieur d’Arras kaum hörbar.

»Polizist Flamant begleitet Sie hinaus.« Paulik warf Flamant, der an seinem Schreibtisch arbeitete, einen Blick zu und deutete auf Monsieur d’Arras. Flamant sprang auf und war mit ein paar Schritten an der Seite des alten Mannes. Er nahm ihn beim Arm und führte ihn zwischen den Schreibtischen hindurch auf den Gang hinaus.

Kommissar Paulik begab sich zum hinteren Teil des Raumes, wo die Sekretärin, Mme. Girard, ihr kleines Reich hatte. »Ist er da?«, fragte er und wies auf eine große schwarze Tür.

»Ja, ich habe ihm schon gesagt, dass Sie ihn sprechen wollen«, antwortete Mme. Girard. Für Paulik wirkte sie wie eine jüngere Version von Mme. d’Arras – perfekt frisiert, mit dezentem Make-up und im maßgeschneiderten Kostüm mit knappem Rock. »Gehen Sie ruhig hinein«, sagte sie und wies mit dem Stift auf die Tür.

»Danke.«

Paulik klopfte an und öffnete. Der Untersuchungsrichter saß lesend an seinem Schreibtisch. Als er den Kommissar erblickte, nahm er die Lesebrille ab und stand auf. Sie schüttelten sich die Hände. Zwar arbeiteten sie bereits über ein Jahr zusammen, aber Küsschen auf die Wangen gaben sie sich bisher nicht. Unter Männern war diese Geste nur sehr guten Freunden oder Verwandten vorbehalten.

»Wie steht’s?«, fragte Richter Verlaque. »Ich habe den alten Mann bei Ihnen gesehen … Ich kenne ihn, weiß aber nicht, woher.«

»Er wohnt nur ein paar Häuser weiter. Ich bin ihm schon öfter begegnet … Das ist eine Eigenart von Aix, nicht wahr? Er hat eine Vermisstenmeldung abgegeben. Seine Frau ist seit heute Mittag verschwunden.«

Verlaque schien überrascht. »Seit heute Mittag? Da kann sie ja sonst wo sein. Vielleicht ist sie nur einkaufen. Oder beim Friseur.«

»Ich weiß, aber der Mann wirkte sehr aufgeregt. Er fürchtet, sie könnte Alzheimer haben. Ich meine auch, sie könnte bei einer Freundin oder einem Liebhaber sein, aber vielleicht ist sie einfach losgegangen und findet nicht mehr zurück. Bei meinem Großonkel Jean kam das gelegentlich vor.«

»Das ist doch Zeitverschwendung«, murmelte Verlaque. »Kommen Sie deshalb zu mir?« Kaum waren die Worte heraus, da wurde dem Richter klar, dass er angesichts der Geschichte mit Onkel Jean etwas gefühllos wirken musste.

Paulik hüstelte. »Das nicht«, sagte er und zögerte, bevor er fortfuhr. »Vielleicht meinen Sie ja, auch das sei Zeitverschwendung, aber bevor Monsieur d’Arras bei mir auftauchte, hat mich Hélène angerufen. Sie war beinahe hysterisch.«

»Ihre Frau? Geht es ihr gut? Oder ist etwas mit Ihrer Tochter Léa?«

Verlaque schwärmte geradezu für Hélène Paulik, eine Winzerin, die auf einem privaten Weingut nördlich von Aix beschäftigt war. Pauliks zehnjährige Tochter Léa nahm an der Musikschule von Aix Gesangsunterricht und sollte, was man so hörte, ein wahres Wunderkind sein.

»Beiden geht es gut, danke. Hélène hat wegen der Domaine Beauclaire angerufen, dem Weingut, wo sie beschäftigt ist. Dort hat es einen Diebstahl gegeben. Ich weiß, dass so etwas nicht in unser Ressort fällt, aber ich brauche jemanden, um laut zu denken.«

»Natürlich. Was ist denn gestohlen worden? Geld?«

»Schlimmer. Wein. Sehr alte Flaschen, die älteste Jahrgang 1929.«

Verlaque ließ einen Pfiff hören, lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und rieb sich den runden Bauch. »Eine Schande. Haben sie bereits einen Überblick, was fehlt?«

Paulik schüttelte den Kopf. »Hélène und ihr Chef Olivier Bonnard machen gerade Inventur. Hélène konnte kaum reden, so aufgeregt war sie. Olivier hat angedeutet, dass er seinen Sohn, einen Teenager, in Verdacht hat. Der treibt sich wohl öfter mit ein paar Jungen aus Familien mit Geld herum … Das würde passen, denn arm sind die Bonnards auch nicht gerade … Ja, ja, die jeunesse dorée. Die hängen auf Partys mit Drogen und Champagner rum … Da gibt es einen Nachtklub, wo schon der Eintritt 40 Euro kostet.«

»La Fantaisie«, ließ Verlaque hören.

»Genau der. Dem Vater tut es natürlich weh, zu glauben, sein Sohn könnte alte Familienweine verkauft haben, um an Geld für Partys zu kommen.«

»Bonnard sollte keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Es ist kein Geheimnis, dass sein Gut in der Umgebung von Aix die Nummer eins ist. Es gibt Diebe, die sich auf teure Weine spezialisiert haben. Übrigens« – Verlaque hielt inne, setzte die Lesebrille wieder auf und schaute auf sein Blackberry – »da gibt es einen ehemaligen Weindieb, der die Fronten gewechselt hat und jetzt in Paris die Polizei unterstützt. Ich glaube nicht, dass unser Raubdezernat in Aix ihn kennt. Er arbeitet auch mit Christie’s und Sotheby’s zusammen. Ein toller Typ, wenn ich richtig informiert bin.« Verlaque wischte mit dem Finger über den winzigen Touchscreen, bis er gefunden hatte, was er suchte. »Da ist es. Der Untersuchungsrichter von Saint-Germain … Rufen Sie ihn an, vielleicht kann er Olivier Bonnard helfen und ihn mit dem Experten für Weindiebstahl zusammenbringen.« Verlaque nahm einen Zettel, schrieb einen Namen und eine Telefonnummer darauf und schob ihn zu Paulik hinüber.

»Danke«, antwortete der. »Das mache ich sofort. Hoffentlich ist er noch im Büro.«

»Da fällt mir ein, ich muss morgen ohnehin aus familiären Gründen nach Paris«, warf Verlaque ein. »Wenn Sie den Namen und die Adresse des Weinexperten haben, geben Sie sie mir. Vielleicht kann ich ihn aufsuchen. Der Kerl interessiert mich schon lange.«

»Wird gemacht«, sagte Paulik. »Tausend Dank.«

Verlaque nahm die Brille wieder ab und schaute Paulik voll ins Gesicht. »Und was halten Sie nun von der Geschichte mit Mme. d’Arras?«

»Nach dem Foto zu urteilen, könnte sie durchaus längere Zeit beim Friseur verbringen. Hélène hat sich einmal nur so zum Spaß das Haar tönen lassen. Das hat verdammte vier Stunden gedauert. Anschließend war sie richtig wütend. Vielleicht sitzt Madame ja gerade unter einem dieser Dinger«, meinte Paulik mit einer vagen Handbewegung.

»Hoffentlich«, gab Verlaque zurück. Er musste sich ein Lächeln verkneifen, denn als sein bulliger Kommissar, der auch aktiver Rugby-Spieler war, die Rundung der Trockenhaube über seinem Kopf angedeutet hatte, war er ihm wie ein Balletttänzer vorgekommen.

4. Kapitel
Bekenntnisse eines Weindiebes

Das Viertel weckte in Verlaque gemischte Gefühle. Er war am Place des Petits Pères Nr. 6 im ersten Arrondissement aufgewachsen. Dort war ganz Paris fußläufig zu erreichen, zumindest die Gegenden, in die es ihn zog. Aber es war ein Viertel für Touristen, die Schönheit und große Monumente liebten, keine Wohngegend. Gute Fleischereien und Gemüsehändler waren im ersten Arrondissement sehr selten. Die Menschen, die dort lebten, pflegten entweder auswärts zu essen, oder sie hatten, wie seine Eltern, Dienstboten, die in der Stadt herumliefen und für sie einkauften. Am Place Vendôme stoppte er kurz und warf einen Blick zum Ritz hinüber. Dabei umspielte ein Lächeln seine Lippen, denn ein Zigarrenliebhaber wie er fiel ihm ein – Ernest Hemingway, der die Bar des Hotels im Jahre 1944 befreit hatte.

Er ging die Rue de la Paix hinauf und klingelte an Nr. 15. Ein paar Sekunden später ertönte ein lautes »Ja?« aus der Wechselsprechanlage. Verlaque nannte seinen Namen. Der Türöffner summte, und er trat in einen prächtig ausgemalten Hausflur. Der Richter machte sich daran, die breite Treppe zu erklimmen. Auf jeder Etage hielt er inne, um die Messingschilder zu beiden Seiten der mit Schnitzwerk verzierten Holztüren zu lesen. In der dritten fand er, was er suchte: Monsieur Hippolyte Thébaud, Weinexperte. Er klopfte leise an die Tür, die sich fast augenblicklich öffnete. Was Verlaque da sah, verschlug ihm die Sprache. Der Weinexperte trat zur Seite und ließ den Richter ein. Hippolyte Thébaud war kein Exkrimineller mittleren Alters, wie Verlaque erwartet hatte. Tattoos oder andere Zeichen eines längeren Gefängnisaufenthalts konnte er an ihm nicht entdecken. Er war augenscheinlich erst Anfang dreißig und exzellent gekleidet. Er trug ein blaues Samtjackett, dazu eine weiße Leinenhose und hellblaue Lederschuhe. Hemd und Krawatte waren blauweiß gestreift. Die Streifen liefen dünn und längs über das Hemd, dick und quer über den Schlips. Sein welliges blondes Haar war zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt, er hatte eine lange, schmale Nase und volle Lippen. Schlank und hochgewachsen, mit breiten Schultern, die den regelmäßigen Besuch eines Fitnessstudios verrieten, war Hippolyte Thébaud ein Bild von einem Mann.