Leonhard Frank

Links wo das Herz ist

Roman

aufbau digital

Impressum

Mit einem Nachwort von Armin Strohmeyr

ISBN 978-3-8412-0793-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1955 erschienen; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik

Design unter Verwendung eines Fotos aus dem Schiller-Nationalmuseum – Deutsches Literaturarchiv Leonhard Frank mit Lucie Mannheim (l.) und Käthe Dorsch

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

Nachwort

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

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Meiner Frau

Charlotte

gewidmet

I

Michael war das Sorgen vermehrende unerwünschte vierte Kind gewesen. Sein Vater, ein Schreinergeselle, der Parkettböden legte und glatthobelte – zehn Stunden im Tag auf den Knien, die Stirn nahe dem Boden, den er hobelte, hartes Buchenholz –, verdiente achtzehn Mark in der Woche. Am Eßtisch gab es große Augen und kleine Bissen. Acht Monate im Jahr liefen die vier Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen, keine Schuhsohlen durch. Aber im Winter, wenn Schnee lag und der Main zugefroren war, konnten sie nicht mehr barfüßig in die Schule gehen.

Daß die Mutter es vollbrachte, Geld für Holz und Kohlen abzuzwacken, dem schwer arbeitenden Vater jeden Morgen Vespergeld mitzugeben, Schuhe und Winterkleider für zwei Erwachsene und vier Kinder beizuschaffen und dennoch die Miete zu bezahlen und täglich zweimal Essen für sechs auf den Tisch zu stellen, alles von achtzehn Mark in der Woche, war ein Wunder, vergleichbar mit dem des Wundertäters Jesus, der mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Hungrige speiste.

Eine nicht vorauszuberechnende und unvermeidliche Geldausgabe hatte diese schlaue, kampfgewohnte und siegreiche Mutter, die aus Resten, die von anderen in den Müllkübel geworfen werden, ein schmackhaftes Essen machte und aus Lumpen etwas, das kleidsam war, während der ganzen Kindheit Michaels nicht wieder einzusparen vermocht. Er war an Diphtheritis erkrankt, und sie hatte, um den Doktor und die Medizin bezahlen zu können, den Sonntagsanzug des Vaters im Leihhaus für fünf Mark versetzt, an einem Mittwoch, und ihn am Samstag mit fünf Mark von des Vaters Wochenlohn wieder ausgelöst. Infolgedessen waren am nächsten Mittwoch kein Pfennig und kein Bissen Brot mehr im Haus gewesen. Sie hatte den Sonntagsanzug wieder versetzt. Und so war es weitergegangen, diese fünf Mark hatte die Mutter trotz ihrer Schwarzkunst nie wieder einzusparen vermocht. Jeden Mittwoch war kein Brot mehr im Haus gewesen – Jahre und Jahre hindurch den Anzug ins Pfandhaus und Samstag wieder heraus und am Mittwoch kein Brot im Haus. Der Längsbalken des Kreuzes, das die tapfere Mutter während ihres ganzen Lebens auf dem Rücken schleppte, war lang.

Aber für Michael gab es in den Jahren, bevor er in die Schule kam, trotz allem auch Minuten reinen Glücks. Die Mutter kommt mit dem großen Henkelkorb voll Kartoffeln und Gemüse vom Markt zurück. Er fragt erwartungsvoll gespannt nur mit den Augen, und sie schüttelt betrübt den Kopf. ›Nichts! Dazu hat’s nicht gereicht!‹ Der Fünfjährige kann die Hoffnung nicht aufgeben, er sucht mit der Hand in den Bohnen und Kartoffeln, den Blick über den Marktkorb hinweg ins Hoffnungsland gerichtet, findet plötzlich die fünf Zwetschgen, eingewickelt in ein Salatblatt, und sie lacht Tränen, weil es ihr gelungen ist, ihn so zu überraschen, daß seine Augen noch größer werden und die Lippen sich öffnen.

Michaels Mutter, eine schöne Frau, dünn, mit großen Feueraugen, liebte ihren Mann und war ihm so himmelhoch überlegen, daß er es in seinem ganzen Leben niemals bemerkte.

Die große Not, herzabdrückend und die Seele verwundend, begann für Michael erst in der Schule.

Der Schlag ins Gesicht, dem ein viele Sekunden währender Wutblick des Lehrers in die Augen des hypnotisierten Schülers voranging, und die mit vollster Wucht verabreichten Hiebe mit dem Rohrstock, daß Fingerspitzen und Handballen blau anliefen, auf den Hintern, daß die Striemen schwollen, rot-violett und dick wie Würmer, waren nicht das Ärgste, das der Volksschullehrer Dürr seinen vierzig Prügelknaben zufügte. Das Ärgste war die Angst. Seine Erziehungsmethode war, die Knaben in Angstbesessene zu verwandeln. Das Schulzimmer war mit Angst geheizt. Angst war nachts der Trauminhalt seiner Schüler. Frühere Schüler fuhren seinetwegen noch als verheiratete Männer aus Angstträumen hoch und wichen auf der Straße zur Seite, wenn er unverhofft ihres Weges kam.

Auch während des Religionsunterrichts, wenn Adam und Eva im Paradies und das ewige Himmelreich das Thema war, ging er, fanatisch lächelnd in Erwartung der falschen Antwort, wie ein Tierbändiger hin und her, in der Hand den Rohrstock, als hätte er nicht vierzig Kinder für den Weg ins Leben vorzubereiten, sondern vierzig Bestien zu dressieren. Er benutzte seine überwältigende Autorität dazu, die Persönlichkeit des Schülers auszurotten, und beging den Seelenmord gründlich. Nach kurzer Zeit bestand die Mehrzahl aus Kreaturen mit allen Eigenschaften des Untertanen, fertiges Material für die nächste Autorität, den Feldwebel im Kasernenhof, und die Empfindsameren trugen den Stempel des Irrenhauskandidaten auf der Stirn.

Sein Lächeln war besonders gefürchtet. Wenn er morgens, bei Schulbeginn, »Kopfrechnen!« gerufen hatte, lächelte er vom Katheder aus zuerst eine Weile hinab in die Totenstille, bis die vierzig Knaben vor Angst gehirntaub waren und die sinnverwirrende Furcht, aufgerufen zu werden, selbst einen zehnjährigen Immanuel Kant unfähig gemacht haben würde, auszurechnen, daß acht mal sieben sechsundfünfzig ist.

Michael, ein empfindsamer Knabe, der vor der Schulzeit fließend gesprochen und unter dem Hammer des Lehrers plötzlich gestottert hatte, ein Leiden, das er erst nach Jahrzehnten wieder überwand, wurde nicht mehr aufgerufen, da er so dumm sei, daß nichts von ihm kommen könne und sowieso nie im Leben etwas aus ihm würde. Der Lehrer hatte den Stotterer in die letzte Bank gesetzt, ihn allein. Nur zur Belustigung der Klasse rief er ihn noch manchmal auf, und sie durften zusammen mit dem Lehrer über Michael lachen, wenn er seine falsche Antwort stotternd herauspreßte.

Als Michael nach sieben Jahren die Schule verließ, war er ein schwerverwundeter Junge, der nur deshalb nicht Selbstmord beging, weil er im Gefühl noch nicht wußte, daß der Mensch, wenn er nicht mehr weiterkann, Selbstmord begeht. Unbewußt unternahm er mehrere Selbstmordversuche. Seine Überzeugung, daß er zu nichts fähig und von allen der Dümmste sei, wich hin und wieder plötzlichen Anfällen ungezügelter Wildheit. In diesem Zustand raste er, um sich und seinen Freunden von der Straße zu beweisen, daß er zu allem fähig sei, auf dem schmalen Steingeländer im Galopp über die Mainbrücke, haushoch über dem Wasserspiegel im Wettlauf mit dem Tod, oder kletterte von Mauervorsprung zu Mauervorsprung zwanzig Meter außen am Kirchturm empor. Zweimal wurde Michael, der nicht schwimmen konnte und seinen Freunden hatte beweisen wollen, daß er unter einem Floß durchschwimmen könne, der Mutter bewußtlos ins Haus gebracht, also schon tot.

Erst als er siebzehn war und seine Lehrzeit bei einem Schlossermeister schon hinter sich hatte, endeten die unbewußten Selbstmordversuche. In dieser Zeit entstand die Sehnsucht nach etwas, dem er keinen Inhalt geben konnte. Er sehnte sich danach, »etwas« zu werden, und wußte nicht, was. Ein Doktor oder Rechtsanwalt könne er selbstverständlich nicht werden, er, der allein in der letzten Bank gesessen hat. Er fragte fortgesetzt ins Nichts, zerquält von ziellos unbestimmter Sehnsucht, und fand die Antwort nicht. Sein Zustand war der einer jungen Pflanze, die mit einer so dicken Schicht Asche bedeckt wurde, daß sie nicht durchwachsen kann. Jahre hindurch grübelte er am Schraubstock immer wieder und wieder darüber nach, was er werden könnte, und erreichte damit nur, daß er ein schlechter Schlosser wurde. Der Druck unter dem Brustbein wich nicht.

An einem Sonntagnachmittag zeichnete Michael vor dem Spiegel auf ein Blatt Papier sein linkes Auge, in natürlicher Größe, und darüber die Braue, jedes Härchen, jede Wimper. Das linke Auge, mit äußerster Genauigkeit gezeichnet, wie der Hase von Albrecht Dürer, nur nicht so gut, blickte ihn an. Noch ahnungslos, was sich ereignen würde, begann er, auch das rechte Auge zu zeichnen, zufällig in der richtigen Entfernung vom linken. Erst als das zweite Auge fertig war, fragte er sich: ›Und warum eigentlich jetzt nicht auch die Nase dazwischen und darunter den Mund?‹

Nach zehn Stunden starrte Michael, der anfangs nur ein Auge hatte zeichnen wollen, sein Selbstporträt an, plötzlich glühend in unbegreiflicher Begeisterung, als der Gedanke einschlug, daß er vielleicht Kunstmaler werden könnte. Die innere Befreiung riß ihn in die Wolken.

Den folgenden Samstagabend räumte Michael wie gewöhnlich seine Werkbank auf, wischte mit einem Klumpen alter Putzwolle die Feilspäne herunter, auch vom Schraubstock, an dem er Jahre hindurch vergebens darüber nachgegrübelt hatte, was er werden könnte, und sagte zu seinem Meister, daß er am Montag nicht mehr komme. Auf die Frage des erstaunten Meisters nach dem Grund antwortete er nur, er müsse fort aus Würzburg. Die Begründung leuchtete dem Meister nicht ein. Da er aber seit jeher der Meinung gewesen war, daß Michael eigensinniger sei als der bockigste Esel, versuchte er nicht, ihn zu halten.

Am Montag nahm Michael Abschied. Die Mutter weinte. Unschlüssig, in welche Richtung er wandern solle, stand er vor dem Haus auf der Straße und fragte sich, wo er besser Kunstmaler werden könne – flußaufwärts oder flußabwärts, und da gerade ein Fuhrmann, der seinen Gaul am Zügel in die Schmiede führte, vorüberging, flußaufwärts, ging auch er flußaufwärts.

Michael hatte die Absicht, bei einem Zimmermaler als Anstreicher zu arbeiten, da die Anstreicher in den Wintermonaten keine Arbeit haben und dafür in den Sommermonaten besser bezahlt werden. Im Winter wollte er mit dem ersparten Geld Kunstmaler werden. Er war dreiundzwanzig.

Das neu erbaute Schlachthäuschen von Rothenburg ob der Tauber stand zwei Kilometer vom Städtchen entfernt inmitten blumenübersäter Wiesen auf einem Grundstück, das von einem Lattenzaun umgeben und beträchtlich größer war als die Höfe sämtlicher Schlachthäuser Chikagos.

Den Zaun, der ein unübersehbar großes Oval bildete und aus mehr als fünfhunderttausend Latten bestand, sollte Michael zweimal mit Ölfarbe streichen, zweimal von außen herum, zweimal von innen.

Nur mit einem guten Fernglas hätte jemand vom südlichen Bogen des Zaun-Ovales aus das Figürchen zu sehen vermocht, das am nördlichen Bogen Streichbewegungen machte, auf und ab, auf und ab.

Beständig nichts als Latten vor den Augen, von früh sechs bis abends sechs, hatte Michael im Laufe der drei schönen Sommermonate des Jahres 1905 schließlich und endlich den Lattenzaun einmal gestrichen, einmal von außen herum, einmal von innen herum. Er hatte auch nachts im Schlaf und Traum Latten gestrichen. Es gab nur noch Latten und Zwischenräume zwischen Latten.

Als er am Montagmorgen um sechs Uhr wieder vor dem Zaun erschien, um den zweiten Anstrich zu beginnen, starrte er voller Grauen auf die grasgrün gestrichenen Latten und durch die Zwischenräume auf die gegenüberstehende ferne Lattenreihe, bei der er erst nach Monaten angelangt sein würde. Er konnte nicht beginnen. Er zog sein Skizzenbuch heraus und zeichnete den Büschel Löwenzahn, der am Rande der Wiese blühte. Er zeichnete jeden Zacken der gezackten Blätter und mit größter Sorgfalt jedes Blättchen der schwellenden trompetengelben Blüten.

»Wenn so etwas noch einmal vorkommt, können Sie zum Teufel gehen«, sagte der Meister, der lautlos hinter Michael getreten war und schon eine Weile seinen zeichnenden Anstreicher erzürnt beobachtet hatte.

Michael sagte sich, als der Meister gegangen war, für seine Kunst müsse der Künstler jedes Opfer bringen. Aber das Opfer dürfe nicht so groß sein, daß der Künstler dabei draufgehe und blödsinnig werde. Er stieß den Pinsel zurück in den Topf, daß die Farbe hochspritzte, und ging quer über die Wiesen davon, diesmal flußabwärts.

Nachdem Michael in Frankfurt am Main zusammen mit vier Kollegen im Laufe eines Monats die eiserne Flußbrücke mit stahlgrauer Ölfarbe gestrichen hatte, fuhr er nach München, im Brustbeutel die ersparten sechzig Mark, mehr als genug, um Kunstmaler zu werden, und zweifellos der berühmteste von allen.

II

Das Bohemecafé Stefanie bestand aus einem Nebenraum, an dessen Fenstertischen Münchener Berühmtheiten jeden Nachmittag Schach spielten vor zuschauenden Straßenpassanten, und dem größeren Hauptraum mit einem glühenden Kohlenofen, versessenen, stark nach Moder riechenden Polsterbänken, roter Plüsch, und dem Kellner Arthur, der in ein zerschlissenes Büchlein, notdürftig zusammengehalten von einem Gummiband, die Pfennigsummen notierte, die seine Gäste ihm schuldig blieben. Der überfüllte Hauptraum hatte seinen eigenen warmen Geruch, eine spezielle Mischung aus Kaffee- und dumpfem Moderduft und dickstem Zigarettenrauch. Wer hier eintrat, war daheim.

Irgendwo im Haus oder im Himmel mußte ein Elektrizitätswerk sein. Die Gäste, angeschlossen an den Starkstrom, zuckten unter elektrischen Schlägen gestikulierend nach links und nach rechts und vor und von den Polsterbänken hoch, fielen ermattet zurück und schnellten mitten im Satz wieder hoch, die Augen aufgerissen im Kampf der Meinungen über Kunst. Hier und dort saß ein Jüngling, reglos grübelnd über das täglich wiederkehrende Problem, wie er Arthur diesmal überzeugen solle, daß er seine Zeche morgen ganz bestimmt bezahlen werde.

Im Café Stefanie gab es Kreise. Der Magnet eines Kreises war Johannes Wohl, ein innerlich wohlig ausgeglichener Oscar Wilde mit blauen Plüschaugen, der immer einen Strichjungen und einen Band Stefan George bei sich hatte und um seiner kantenlos warmen Liebenswürdigkeit und weichen Schönheit willen von wohlhabenden älteren Damen verehrt und hin und wieder auch gepflegt wurde, wenn er es sich gönnte, ein wenig krank zu sein und schön im Bett zu sitzen. Er war eine pfenniglose Lilie auf dem Felde, die nicht säte und dennoch erntete und gerne gut aß.

Hugo Lück, der hoch über dem Menschengewürm durchs Café zu seinem Tische schritt, den Kopf im Nacken, duldete nur differenzierte Anhänger, die wußten, daß ihre Bibel, »Die Blumen des Bösen« von Baudelaire, nur von den Gedichten übertroffen werden würde, die Hugo Lück demnächst schreiben werde. Er setzte mit seiner Geliebten pornographische Zeichnungen Beardsleys in die Praxis um und blickte mit einem imaginären Fernglas aus grauer Einsamkeit hinab auf die Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts. Kürzlich hatte er eine Ausnahme gemacht und einen kerngesunden jungen Maler in seinen Kreis aufgenommen, Carlo Holzer, der soeben im Begriffe war, das Lungenflugzeug zu erfinden. Der Apparat brauche natürlich keinen Motor, er sei ganz einfach, er habe Atmungsklappen, nichts als Atmungsklappen, nämlich Lungen, und werde deshalb das Luftmeer beherrschen und darin leben, so selbstverständlich wie ein Vogel. Den Vogelrumpf und die mächtigen schwungvoll ausgreifenden Flügel hatte Carlo schon gezeichnet. Die paar technischen Kleinigkeiten für die stählerne Lungenmaschinerie mußten noch erfunden werden, unter der Oberaufsicht Hugo Lücks, der gesagt hatte: »Ich bin entschlossen, unser Lungenflugzeug, das den Atlantischen Ozean zu einer Regenpfütze reduzieren wird, ans Kriegsministerium zu verkaufen.«

Auch Doktor Otto Kreuz hatte einen Kreis von Anhängern. An seinem Tische saßen ein knochenmagerer, zwei Meter langer Russe mit einem winzigen Knabenköpfchen, Fritz, ein verbummelter Student aus Karlsruhe, der einen mißglückten Selbstmordversuch hinter sich hatte und seitdem fröhlich trank, ein junger Schweizer Anarchist, hager, mit Schweizer Gebirgsnase, der zwei Jahre im Gefängnis gewesen war, wegen eines Raubüberfalles, begangen im Dienste der anarchistischen Weltanschauung, und die Malerin Sophie Benz, eine zwanzigjährige primitive Madonna aus dem dreizehnten Jahrhundert, mit Stupsnase und einfach geschnittenen Augen im milden Jungfraugesicht.

Doktor Kreuz, dreißig Jahre und verheiratet, hatte an der Grazer Universität Psychiatrie studiert. Die Oberpartie seines Gesichtes – blaue, kindlich unschuldig blickende Augen, Hakennase und volle Lippen, die immer ein wenig offen standen, als trüge er, lautlos keuchend, alles Leid der Welt – stimmte nicht überein mit der schwächlichen Unterpartie, dem Kinn, das nur angedeutet war und sich nach hinten ganz verlor. Wer das fanatische Vogelgesicht, das aus leicht getöntem Porzellan zu sein schien, einmal gesehen hatte, vergaß es nie. Doktor Kreuz kannte die Philosophie Nietzsches mit dem Herzen und war einer der frühesten Anhänger Freuds.

Diesen Abend saß auch Michael am Tisch. Er hatte Sophie in der Malschule kennengelernt und sie ins Café begleitet, in dem er vorher nie gewesen war.

Im überfüllten Hauptraum wurde es plötzlich still, als schwebte ein Gespenst durch. Arthur, der Napoleon seines Reiches, betrachtete, das Kinn hochgereckt, mit einem Rundblick seine verstorbenen Gäste. Ein bleicher Mann sagte, während er am Tisch vorüberschlich, zu Doktor Kreuz: »Freud – alles Unsinn! Glatter Unsinn!«

Der Gesprächssturm setzte ebenso plötzlich wieder ein. Doktor Kreuz sagte, während er eine Zigarette drehte, halb Tabak, halb Tee, lächelnd zu seinen Anhängern: »Den meisten erscheinen die Erkenntnisse Freuds heute noch als Unsinn; ich denke, die Ergänzung Nietzsches durch Freud könnte der große Glückszufall des zwanzigsten Jahrhunderts sein.«

Der lange Russe sagte entschlossen: »Kein Zweifel, Nietzsche und Freud ermöglichen es uns, den Weg zu bereiten für den komplexfreien hemmungslosen Übermenschen. Das ist das brennende Problem der Epoche. Wenn wir es gelöst haben, werden wir in dünner Luft gefährlich leben.« Er stützte die Stirn in die Hand. »Da ist nur ein Hindernis, allerdings ein sehr ernstes, äußerst ernstes – das Christentum.«

Der Anarchist, seiner Sache ganz sicher, entgegnete ruhig: »Das Christentum ist durch Nietzsche ins Schwanken geraten. Nietzsche hat den Unterbau des Christentums gelockert.«

»Ah, ja, das hatte ich vergessen«, sagte der Russe erleichtert.

Doktor Kreuz schien eine bissige Bemerkung zu unterdrücken, er verzog stirnrunzelnd das Gesicht, als schmerzte ihn der Kopf von dem Gerede seiner allzu gelehrigen Schüler.

Michael, der die Namen Nietzsche und Freud noch nie gehört hatte, verstand nicht das geringste. Um seine Unwissenheit vor Sophie und ihren Freunden zu verbergen, preßte er, als sei er vom Gespräch abgelenkt durch einen Schmerz, sein rechtes Handgelenk, in dem er immer noch das Anstreichen des Lattenzaunes spürte.

Henry Ring, ein junger Franzose, mit dem zusammen Michael in einem Atelier wohnte, trat ein und setzte sich rittlings auf den Stuhl, die verschränkten Arme auf der Lehne, das Kinn auf den Armen. Doktor Kreuz fragte ihn höflich, warum er München Paris vorziehe. Henry, in dessen knospenhaft festem Gesicht alles viereckig war, auch der Mund, sagte vergnügt lächelnd, das viereckige Kinn noch auf den Armen: »Meine Mutter ist fünfundvierzig und sieht aus wie fünfundzwanzig. Zu verstehen, daß sie keinen erwachsenen Sohn im Haus haben will. Es würde ihr Geschäft ruinieren – meine Mutter ist eine Hur.« Er war sechzehn.

Der Russe blickte den Anarchisten an, bedeutungsvoll, als sei da ja schon ein junges hemmungsloses Übermenschlein im Kommen.

Arthur hielt Henry schweigend den Schuldenzettel hin und sagte, nachdem Henry nur die Augen verdreht hatte: »Ich brauche mein Geld, das ist doch logisch. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder, das ist doch logisch.«

Als Henry grinsend sagte: »Da hätten Sie eben nicht heiraten sollen, das ist doch logisch«, hieb Arthur die Serviette unter den Arm und eilte zur Tür, da soeben neue Gäste eintraten, bürgerlich solide Leute, die offensichtlich ihren Kaffee bezahlen konnten.

Doktor Kreuz schnellte hoch, als wäre dicht neben ihm soeben ein Blitz herabgezuckt. Alle standen auf. Arthur eilte herbei und verbeugte sich ruckartig, als Doktor Kreuz sagte: »Schreiben Sie nur alles auf meine Rechnung.« Er war ein sicherer Gast. Frau Doktor Kreuz erschien von Zeit zu Zeit im »Stefanie« und in den benachbarten Tabakläden und bezahlte die Schulden ihres Mannes.

Sie gingen langsam in der Richtung zu Doktor Kreuz’ Wohnung, im Gespräch über Nietzsche und Freud, ein Grüppchen, isoliert vom Alltagsleben der Straße. Michael, von Sophie freundlich aufgefordert, ging auf dünnstem Eise mit. Seit er in München war, hatte er im Kopf die Empfindung, in einem Kreisel zu stecken, der mit ihm herumwirbelte, so verwirrend schnell vorbei an neuen und immer anderen neuen Lebensbildern, daß er nicht dazu kam, eines festzuhalten und darüber nachzudenken.

Doktor Kreuz sank beim Gehen tief in die Knie und schnellte mit jedem Schritt federnd hoch auf die Zehenspitzen in Kraft verschwendendem Auf und Ab.

Seine Frau, maisblond wie er, mit schweren Beinen und etwas zu starker Nase – in linealgerader Linie mit der Stirn – , eine üppige Nofretete, die schön aussah, sooft beim Lächeln die großen, ebenmäßigen Zahnbögen sichtbar wurden, machte belegte Brote zurecht, einen Berg – in den langen Russen ging viel hinein.

Doktor Kreuz, der die Frauen verehrte, das Prinzip des Weiblichen, wie er sich auszudrücken pflegte, und der Ansicht war, daß ihre Sexualkomplexe nicht nur analysiert, sondern auch tapfer im Bett abreagiert werden müßten, forderte seine Anhänger durch Blicke auf, Sophie und Michael im kleinen Zimmer allein zu lassen. Daß Sophie, die er besonders schätzte, noch unberührt war, erschien ihm gefährlich komplexhaft und ihrer nicht würdig. Alle verließen das Zimmer, Hals über Kopf, als hätten sie soeben entdeckt, daß Sophie die Cholera habe.

»Hoffentlich wird er Sophie deflorieren, damit auch sie das brennende Problem der Epoche mit den Augen der Mitte sieht«, sagte der Russe und schob mit seinen langen, delikat gespreizten Fingern einen riesigen Streifen Brot mit Schinken in den Mund, ohne anzustoßen.

Sophies Gesicht war bis zum Haaransatz glührot geworden. Michael, der die Blicke des Doktors ebenfalls bemerkt hatte und dunkel ahnte, daß sie auch ihn angingen, studierte interessiert das Tapetenmuster. Plötzlich streckte Sophie das Kinn hoch, resolut, als hätte sie sich durch eine innere Anstrengung befreit von ihrer Verlegenheit, und während sie fragte, ob er mit zu ihr kommen wolle, in ihr Atelier, erschien wieder das anmutige warme Lächeln, mit dem sie ihn bei der ersten Begegnung in der Malschule, ohne es zu wissen, zum Gefangenen gemacht hatte.

Sie verließen die Wohnung ungesehen durch die Hintertür und gingen schweigend die Straße hinunter. Obwohl Michael froh war, mit Sophie wieder allein zu sein, hatte er das Empfinden, barfüßig durch Brennesseln zu waten, weil er auch jetzt nicht auszusprechen wagte, was er ihr seit Tagen hatte sagen wollen – wie sehr er wünschte, daß sie seine Freundin würde.

Die Einrichtung ihres Ateliers bestand aus einer Ottomane, einer Kiste mit Spirituskocher, dem zwei Meter langen Zeichentisch, einer runden Sitzbadewanne aus Holz und einem dreiteiligen verstellbaren mannshohen Spiegel, den sie für fünf Mark bei einem Trödler gekauft hatte. An den Wänden hingen, mit Reißnägeln angeheftet, Dutzende Aktstudien, in Tusche, Bleistift, Sepia, Rötel, einige stellenweise leicht aquarelliert, und alle nach demselben schönen Mädchenkörper. Sophie hatte vor dem verstellbaren Spiegel immer wieder das Modell gezeichnet, das nichts kostete – ihren Akt, in allen Größen, mehrmals lebensgroß, in allen erdenklichen Stellungen, kniend, stehend, liegend, und von allen Seiten: eine primitive Madonna mit hochangesetzten kleinen Brüsten und schmalem Becken, das dennoch den weiblichen Schwung hatte und Platz für das Kind.

Sie stellte den Teekessel auf den Spirituskocher. Michael, umgeben von fünfzig nackten Sophies, senkte den Kopf und machte sich Vorwürfe, wie ekelhaft gemein er sei, weil er, dem die Kunst doch über alles gehen müsse, Sophies Akte nicht als Maler angesehen habe.

Ihm gegenüber hingen in der Mitte der Wand zwei größere Sophie-Akte dicht nebeneinander, Rückansicht und Vorderansicht, beide stehend, und darunter ein mit Rötel gezeichneter lebensgroßer liegender Akt, in allen Einzelheiten mit Schatten und Kreide-Glanzlichtern plastisch ausgearbeitet. Sophie lag auf dem Rücken, Kopf schulterwärts geneigt, Augen geschlossen und die entspannte Hand am Leib, wie die Venus von Giorgione. Obwohl Michael sich jetzt energisch befahl, diese lebensgroße liegende nackte Sophie ausschließlich als Kunstwerk zu betrachten, hatte er sich nach Sekunden aufs neue den Pelz verbrannt.

Sie stellten die Kiste vor die Ottomane. Sophie goß Tee ein. Sie trug ein eng anliegendes hautfarbenes Strickkleid, das erst unterhalb des knapp umspannten Beckens glokkenförmig weit wurde für den Schritt und oben klar zeigte, daß ihr Körper als Modell gedient hatte für die sanften Rundungen und fließenden Linien der Aktstudien an der Wand.

Sophie hatte einen kleinen Kopf, so rund wie ein Mädchenkopf sein kann. Das Gesicht – einfach gezeichnete Lippen, etwas zu starke Backenknochen und runde Stirn – war beständig von innen her belebt.

Sie erhob sich. »Nehmen Sie Zitrone oder Milch zum Tee?« Auch in dieser Sekunde, da sie auf Antwort wartete, hatte ihr Gesicht und selbst der Körper – gereckt stehend, schon ein wenig schief, auf dem Sprung, zu holen, was er wünschte – den Ausdruck lebensmutiger Bereitschaft, die der Grundzug ihres Wesens war.

Sie brachte die Milch und setzte sich wieder neben Michael auf die Ottomane. Er brachte kein Wort hervor. Es wurde eine lange Pause. Schließlich fragte Sophie, in aller Unschuld nichts als die Kunststudentin, wie ihm die Aktstudien gefielen.

»Gut! Sehr gut!« Es war ihm nicht wohl dabei. Er blickte zu Boden.

»Es ist noch nichts, ich weiß. Ich sollte noch viel, viel mehr Akt zeichnen, jahrelang, bevor ich einen Pinsel anrühre.« Sophie, die Tochter eines Gymnasialprofessors, war aus Ellwangen und sprach stark den schwäbischen Dialekt. »Michelangelo hat sicher hunderttausend Akte gezeichnet, bevor er seinen David modellierte und die Sixtinische Kapelle ausmalte. Glauben Sie nicht?«

Darüber kann er jetzt nicht sprechen. Und was ist denn das – die Sixtinische Kapelle? Jetzt ist er mit ihr allein im Atelier, wenn er es jetzt nicht sagt, kommt vielleicht nie wieder so eine Gelegenheit. Jetzt muß es heraus. Jetzt gleich! Er sagte: »Was die Sixtinische Kapelle anlangt, haben Sie sicher recht.«

Sophie hob zufällig den Kopf, ihr Blick traf auf seinen Blick, der alles sagte. Sie senkte errötend die Lider und klammerte sich an die Teetasse. Michael bemerkte, daß ihre Hand zitterte. Er wußte nicht, warum er sich plötzlich sicherer fühlte. Er sah ihre Hände an, während sie Tee nachgoß, und sagte, nach einem Blick auf den lebensgroßen liegenden Akt: »Und auch wunderbar schöne Hände haben Sie.« Und dann ging es wie von selbst. »Ich möchte Sie etwas fragen – ich meine, ob Sie meine Freundin werden wollen.«

Selbst ihre Ohren erröteten, als sie ihm das glührote Gesicht zudrehte. Da legte sein Arm sich selbsttätig um sie, und die Lippen küßten. Es war ein Kinderkuß. Michael war noch so unerfahren wie Sophie.

Als sei sie es ihrer Ehre schuldig, jetzt tapfer zu sein, sah sie ihn tapfer lächelnd an und ließ sich noch einmal küssen. Es war, als äßen zwei Kinder zusammen einen Apfel. Wie es jetzt weitergehen sollte, wußten beide nicht. Da waren noch Berge und Gletscher dazwischen. Ihm wurde der Kopf heiß. Er sagte, aus Angst vor dem nächsten Schritt, den er nicht wußte, jetzt müsse er heim.

Michael, dunkelblond und gewachsen wie ein Leichtathlet, breitschultrig und beckenschmal, hatte ein längliches, zu mageres Gesicht, glatt wie Säuglingshaut, sehr dünne Lippen und über den Riesenaugen gewölbte Energiehöcker. »Die reine Denkerstirn«, hatte seine Mutter lächelnd gesagt und mit der Fingerspitze darüber gestrichen. (Sie und auch der Vater stammten von unterfränkischen Bauern ab.)

Auf der Straße lag Neuschnee. Michael wurde vom Glück dahingeweht. Die langsam herunterschwebenden großen Flocken sagten lautlos ja zu seinem Glück, und die eingeschneiten Bäume, glitzernd im Lichte der Bogenlampen, waren Frühlingsbäume, die in blendendweißer Blüte standen.

Henry war stehend über den Zeichentisch gebeugt, als Michael heimkam. Er hatte diesen Nachmittag seine erste Zeichnung – krumme, nächtliche Gasse in der Münchener Altstadt und ein Mädchen für Geld, wartend unter der Laterne – an den »Simplizissimus« verkauft und war, voller Begeisterung über seinen Erfolg, schon dabei, eine neue zu zeichnen.

Auf die Frage, wo er gewesen sei, antwortete Michael leichthin wie ein routinierter Frauenjäger: »Ach, nur bei meiner Freundin im Atelier … Und du? Was hast du gemacht?«

Henry arbeitete weiter, während er sagte: »Ich war bei einer Hur. Zwei Mark fünfzig! Aber sie macht alles.« Er trat fortwährend von einem Fuß auf den anderen und preßte zwischendurch die Schenkel zusammen, halb in die Knie sinkend.

Michael sagte: »Also jetzt geh doch schon endlich hinaus.«

»Ich kann dir ihre Adresse geben. Eine dicke Pauke!« Er machte noch einen Strich, warf einen letzten Blick auf die Zeichnung, schleuderte den Bleistift hin und stürzte hinaus.

›Was meint er damit – sie macht alles?‹ Er hätte gerne gewußt, was man alles machen könne. Aber Henry zu fragen und damit seine Unwissenheit zuzugeben, ließ sein Mannesstolz nicht zu. In der Nacht träumte er von Sophie, von dem lebensgroßen liegenden Akt, der sich bewegte und von der Wand herunterstieg. Auch die zwei Mark fünfzig kamen dazwischen. Er hatte sie in der Hand. Es war ein wirrer Traum, aus dem er gerädert erwachte.

Sophie war noch nicht da, als er gegen neun Uhr früh in die Malschule kam. Er stellte seine Staffelei neben ihre und begann das Aktmodell zu zeichnen, das reglos auf dem Podium stand – ein muskelbepackter junger Bursche mit verwüstetem Gesicht und wulstigen Lippen.

Die Malschule war in der Georgenstraße, in einem Holzhäuschen, das im Garten stand. Unten war das Atelier, aus dem eine steile, hühnerleiterartige Treppe emporführte zu einer Holzgalerie, dem Zugang zu der winzigen Kammer, die der Inhaber der Schule bewohnte, Herr Ažbe. Er lag angekleidet im Bett, in tiefem Alkoholschlaf. Die Kognakflasche stand neben ihm.

Seine Schule war berühmt, er galt als ein genialer Lehrer. Die begabteren jungen Leute verließen die Akademie der Künste, um unter seiner Leitung zu studieren. Aus allen Ländern Europas kamen Kunstjünger zu ihm. Er fragte nicht, ob ein Schüler bezahlen konnte, und wußte auch nie, wer Schulgeld bezahlt hatte und wer nicht. Solange Geld für die Modelle und für Kognak in seiner Nachttischlade lag, war die Buchführung in Ordnung. Viele warteten auf einen frei werdenden Quadratmeter, seine Malschule war überfüllt. »Wer zuerst kommt, malt zuerst«, war sein stehender Scherz, den er und die Schüler, die nicht bezahlen konnten, ganz ausgezeichnet fanden.

Sophie ging auf den Zehenspitzen um den glühenden Kohlenofen herum zu ihrer Staffelei. Es war warm und still. Alle arbeiteten. Die unbestreitbare Tatsache, daß er gleichberechtigt zu diesen Künstlern gehörte und jetzt auch noch heimlich einen Blick wechseln konnte mit Sophie, die zurücklächelte, schwellte Michaels Brust. Das Leben war dick wie ein bekränzter Preisochse.

In die Arbeitsstille tönte ein Knarren – Ažbe stand oben auf der Holzgalerie, in seinem pelzgefütterten schwarzen Mantel mit Pelzkragen, die schwarze viertelmeterhohe Pelzmütze tief in der Stirn. Er hielt den Mantel, der bis zu den Knöcheln reichte, vorne hoch, stieg Stufe für Stufe herunter, sehr langsam, die Hand am Holzgeländer, und ging langsam auf einen Schüler zu, x-beinig und schleifend wie ein Kind, das Rollschuh laufen lernt.

Die Korrigierstunde, derentwegen er und seine Schule berühmt waren, begann damit, daß er den Schlitten der Staffelei vierzig Zentimeter herunterließ zu seiner Blickhöhe – er war so klein wie ein zehnjähriger Knabe. Die Schüler standen um ihn herum und sahen aufmerksam zu, wie der Akt, der in der Luft gehangen hatte, durch ein paar Striche auf die Füße zu stehen kam, in der richtigen Gewichtsverteilung des Körpers. »So, nämlich«, sagte er und trat langsam vor die Staffelei nebenan.

Dieser Schüler hatte an seiner nur handhohen Aktstudie eine ganze Woche herumgefummelt, Ažbe strich sie mit der Zeichenkohle durch, langsam, von der linken Schulter quer herunter zum rechten Fuß, und sagte: »Keine Knochen, keine Muskeln, keine Anatomie, nämlich.« Während er eine dicke Kontur um die sorgfältig retuschierte Photographie herumzog, erschien unter den Blicken seiner Zuschauer der Akt des Modells, das auf dem Podium stand.

Ažbe war ein Chirurg, er operierte seine Schüler, indem er ihre Arbeiten operierte. Mancher starb unter seinem Messer und verließ die Schule; die Begabten lernten, was von einem Lehrer gelernt werden kann.

Der nächste, ein schwarzhaariger Junge mit dicker Nase und eingefallenem, quittengelbem Gesicht, war so vertieft in seine Arbeit, daß er erst aufblickte, als Ažbe ihn auf die Schulter tippte. Er hatte nicht den Männerakt gezeichnet, sondern einen weiblichen Unterleib, nur den Teil zwischen Nabel und Schenkeln, in dreifacher Lebensgröße. Ažbe, der durch den dicken Pelzmantel fast so breit war wie hoch und trotz der hohen Pelzmütze den Schülern nur bis zur Brust reichte, lachte ein paar dunkle Alkoholtöne und sagte anerkennend: »Gut, nämlich. Aber gehen Sie nicht zum Irrenarzt, sondern zu einem Mädchen, nämlich.«

Ažbe wurde in München nur »Professor Nämlich« genannt. Aus seiner Schule waren anerkannte Maler hervorgegangen. Von ihm selbst hatte niemand ein Bild gesehen. Niemand wußte, ob er je ein Bild gemalt hatte. Niemand wußte etwas aus seinem früheren Leben. Jahre später, in einer kalten Dezembernacht, fiel er auf dem Heimweg in den Schnee, im Kognakrausch, und schlief ein. Er wurde erst am Morgen aufgefunden, erfroren. Seine Herkunft blieb unbekannt. Die Münchener Künstler folgten dem Sarg.

Michael versagte sich das Mittagessen, da das Kapital, mit dem er sein ganzes Studium hatte bestreiten wollen, in den drei Wochen schon bis auf ein paar Mark zusammengeschmolzen war. Er aß um sechs Uhr in einem vegetarischen Restaurant für fünfzehn Pfennige sein Lieblingsgericht, Backreis mit Aprikosenkompott, und erfuhr, als er heimkam, daß er sein Diner mit der Nachspeise begonnen hatte. Henry hielt triumphierend zwei Zwanzigmarkscheine hoch, das Honorar für seine Zeichnung. Zehn Minuten später saß er mit Michael in der Odeonbar, dem besten und teuersten Restaurant von München.

Sie begannen mit Austern und aßen sich über Schildkrötensuppe und Forellen blau langsam empor zu Hasenrücken mit Preiselbeeren und über Omelette soufflé, Käse und Obst allmählich herunter zu schwarzem Kaffee, Hennessy und importierten Havannas. Sie hatten eine Flasche edlen Frankenweines getrunken, Escherndorfer Lump, Jahrgang 1893, dessen Qualität in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur von den Jahrgängen 1911, 1917 und 1921 wieder erreicht wurde. »Ein Wein zum Hinknien«, hatte Michael nach dem ersten Schluck gesagt.

In beträchtlich gehobener Stimmung gingen sie heim ins Café Stefanie. Michael sagte: »Es gibt Höhepunkte im Leben, findest du nicht?«

Henry entschloß sich, mit den neunzig Pfennigen, die von den vierzig Mark übriggeblieben waren, die Hälfte seiner Schulden zu bezahlen. Arthur, der manchmal eine halbe Stunde verstreichen ließ, bevor er einem säumigen Schuldner schließlich doch wieder einen Kaffee hinstellte, ließ das Tablett diesmal sofort auf die Marmorplatte gleiten, schwungvoll und eine Sekunde in der Verbeugung verharrend, mit einem innigen Blick der Bereitwilligkeit. Er war ein unfehlbarer Psycholog. Schon an der Art, wie ein Schuldner die Tür öffnete und Kaffee bestellte, roch er, daß Bargeld in der Tasche war.

Hugo Lück trat ein wie ein Ereignis, gefolgt von seiner Freundin Lotte und von Spela Albrecht mit ihrem neuen Mann, die diesen Morgen geheiratet und dem Standesbeamten vorher erklärt hatten, sie heirateten nur aus Witz.

Lotte war ein schön gewachsenes Mädchen mit knabenhaft schmalem Becken, seidigem braunem Haar, kurz geschnitten, und wachsbleicher Haut. Während sie durchs Café ging, ließ sie durch Haltung und Gesichtsausdruck –

vornüberhängend, linke Schulter hochgezogen bis zum Ohr und das Kinn zur Schulter gestreckt – keinen Zweifel aufkommen darüber, daß sie Hugos Sklavin war. Spela war dicklich und sehr klein. Die Frisur ihres rostroten Haares hatte die Form eines riesigen Turbans, zweimal so hoch und breit wie das winzige schneeweiß gepuderte Spitzmausgesichtchen, das wissend lächelte, beständig, als trüge sie eine wissend lächelnde Maske.

Die vier setzten sich in die Fensterecke. Hugo Lück lehnte den Hinterkopf an die Wand, Kinn hochgestreckt, und sagte scharf: »Die Tragödie des modernen Menschen ist das möblierte Zimmer.« Sein aschgraues Gesicht bestätigte es.

Michael blickte aufmerksam horchend hinüber, als Albrecht, der eine verkrustete Bißwunde am Mund hatte, ein neues Gedicht von sich rezitierte. Es handelte von düstersüß duftenden Tuberosen, die in Spelas weißen Händchen zu Peitschen wurden. Henry sagte ruhig: »Scheiße.« Lotte schob den Ärmel bis zur Achsel hoch und zeigte Spela die runden rot entzündeten Flecken, die der Geliebte mit der Zigarettenglut in ihre Haut gebrannt hatte. Michael verstand nichts.

Der bleiche Mann, ein schon halb verhungerter Komponist, der zu Doktor Kreuz gesagt hatte: »Freud – alles Unsinn, glatter Unsinn«, trat an den Tisch und fragte, gespenstisch lächelnd, ob die Herren Goethe und Schiller Herrn Beethoven einen Kaffee bezahlen könnten. Lück, der seinen Hunger erfolgreich totgeraucht hatte, zählte sein Vermögen auf den Tisch, fünfundvierzig Pfennige, und schob Herrn Beethoven wortlos zwanzig davon hin.

Rauchwölkchen unzähliger Zigaretten schwebten empor zu der dicken Rauchwolke über den Gästen, deren stürmische Kampfgespräche zusammenklangen, monoton rauschend wie ein Wasserfall. Van Gogh vor allen anderen hatte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im Café Stefanie ein Erdbeben verursacht, und in einigen Köpfen wetterleuchtete schon die Revolution der abstrakten Malerei, die ein paar Jahre später mit den ersten Versuchen durchzubrechen begann.

Als Henry sagte, er werde nur die Hälfte seiner Schulden bezahlen, fragte Arthur, wo denn dann die vierzig Mark vom »Simplizissimus« seien. Das Ereignis hatte sich im Café Stefanie und in ganz Schwabing herumgesprochen und war Arthur vor einer Minute zu Ohren gekommen. Während sie sich nach längerem Hin und Her einigten, neben dem Büfett, kam Johannes Wohl, nachdem er seinem Strichjungen väterlich den Haarschopf geglättet hatte, herüber zu Michael, den Band George wie ein Gebetbuch in der Hand. Er hatte ein kleines Doppelkinnchen unter dem ebenmäßigen weichen Oval. Sein Mund wäre selbst für die schönste Frau eine Zierde gewesen. Er blickte Michael tief in die Augen und sagte: »Sie sind schön geworden.«

Michael wußte noch nichts von Homosexualität. Aber als Wohl ihm den Arm zärtlich um die Schultern legte, schnellte er in instinktivem Abscheu seitwärts und starrte ihn an, fassungslos vor Entsetzen und Zorn.

Professor Nämlich blieb stehen, einen Schritt entfernt, und ließ sich von Arthur ein Wasserglas mit Kognak füllen. Michael grüßte verstört und flüchtete in die Toilette. Er kämmte zehn Minuten sein Haar, das schon die Künstlerlänge hatte, und machte sich dann auf den Weg zu Sophie, mit der er verabredet war.

Er kam zu früh. Als er an die Ateliertür klopfte, stand Sophie noch in der hölzernen Sitzbadewanne, von oben bis unten eingeseift. Sie bedeckte sich unwillkürlich mit den Händen, als stünde Michael schon vor ihr, und rief, er müsse ein bißchen warten.

Er setzte sich auf die Treppenstufe. Plötzlich spürte er wieder Wohls Arm. Sein Rückgrat wurde eisig kalt. Einen Lattenzaun zu streichen war einfacher, als im Café Stefanie zu sitzen und zu begreifen, was da alles vorging. Nietzsche. Freud. Er muß lesen, alles lesen. Johannes Wohl wird er die Faust ins Gesicht knallen. Und was soll er jetzt zu Sophie sagen? Das beste wäre, auf und davon zu gehen. Aber mit ihr ist es ja ganz anders. Und er hat sie ja schon zweimal geküßt. Er wird sie einfach wieder küssen.

Sie öffnete die Tür und streckte den Kopf heraus. Da war wieder das anmutige Lächeln, diesmal mehr verlegen als etwas anderes. Sie hatte absatzlose Filzschuhe an und nur einen dünnen Morgenrock, knapp in die Taille geschnitten. Am liebsten hätte er sie sofort umarmt und geschehen lassen, was der Schöpfer aller Dinge wollte.