Über Merelie Weit

Merelie Weit wurde in Berlin geboren und hat dort Kunst, Drehbuch und Kreatives Schreiben studiert. Sie arbeitet als Autorin und freie Künstlerin und lebt mit ihrem Traummann, ihrem Sohn und einer roten Katze in einem großen Garten voller Butterblumen in der Märkischen Schweiz und in Berlin.

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Liebe will riskiert werden!

Eigentlich sehnt sich Helena nach dem Mann fürs Leben. Aber aus Angst, sich falsch zu entscheiden, bleibt sie lieber allein. Dann mischen sich ihre besten Freundinnen ein, und plötzlich steht ihr Leben Kopf. So viele Verabredungen hatte sie noch nie! Doch wer ist jetzt der richtige Mr. Right? Und kommt die Liebe nicht eigentlich immer dann, wenn man nicht mit ihr rechnet?

Ein Plan, ein Jahr und viele Männer – doch wer ist der Richtige?

Eigentlich ist Helena rundum zufrieden mit ihrem Leben, nur mit der Liebe hapert es. Denn Helena kann sich nicht entscheiden. Kein Problem bei Kaffeemaschinen, da kauft man eben zwei; nur beim Traummann geht das nicht so einfach. Und dann spielt ihr das Schicksal am Abend ihres 35. Geburtstags einen Streich. Denn plötzlich steht sie ihrem Alter Ego in 35 Jahren gegenüber und ist schockiert! – so will sie nicht enden.

Sie muss jetzt endlich Mr. Right finden. Allerdings natürlich den richtigen Mr. Right.

Bloß wie sieht der aus? Gut, dass sie ihre besten Freundinnen hat. Gemeinsam sind schnell mögliche Kandidaten gefunden. Schluss mit der Angst, sich falsch zu entscheiden – Liebe will riskiert werden!

Ein zauberhaftes modernes Märchen über die Suche nach dem Traummann, dem richtigen.

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Merelie Weit

Traummann zum Frühstück

Roman

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Impressum

1. Kapitel

»Schöne Frau! Welche Oliven sollen es denn sein?« Der immer so fröhliche Verkäufer italienischer Antipasti auf dem Wochenmarkt zeigte auf seine Auslage. Grün oder schwarz? Gefüllt oder nicht? Ich hasste Entscheidungen! Aber heute, an diesem besonderen Tag mit strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel, würde ich mich damit nicht belasten.

»Alle! Von jeder Sorte hundert Gramm.« Selbstbewusst sah ich ihm in seine dunklen Augen. Er zog überrascht eine Augenbraue hoch.

Normalerweise ließ ich mir bei diesen Fragen immer etwas Zeit.

Er begann, die Oliven in kleine Plastikschälchen zu füllen und abzuwiegen.

»Und noch je hundert Gramm von den Pasten«, ergänzte ich.

»Alle?«

Es waren eigentlich ein bisschen zu viele – aber egal.

Jetzt lachte er wissend.

»Hui, das sieht aber diesmal ganz nach einer Party aus.«

»So ist es.« Ich lächelte.

Er musterte mich.

»Und so ein schönes Kleid. Hast du etwa Geburtstag?«, fragte er mich in seinem von einem starken italienischen Akzent gefärbten Deutsch. Ich nickte.

»Oh, dann alles Gute zum Fünfundzwanzigsten! Hier, die Oliven mit den Mandeln kriegst du geschenkt!«

»Zum Fünfundzwanzigsten …« Ich lachte. Natürlich hatte er bewusst untertrieben, aber es tat trotzdem gut. »Haut nicht ganz hin. Aber vielen Dank!«

»Eine schöne Frau ist doch immer fünfundzwanzig!«, strahlte er mich an, während er meine kleinen Schälchen mit Oliven und Pasten in eine Plastiktüte verpackte.

»Grazie Mille!«, sagte ich. Seine gute Laune war ansteckend.

Ich winkte ihm zum Abschied, kaufte am Stand mit Backwaren aus Brandenburg noch vier Baguettes, dann hatte ich alles zusammen.

Heute war der erste richtig warme Tag im Mai. Das weiße Dach meines kleinen roten Fiat 500 Bicolore blitzte unter der blühenden Kastanie. Es war das erste neue Auto, das ich mir in meinem Leben gekauft hatte, und ich hoffte, dass alles weiter so gut lief mit meinem Job, damit mich die Raten nicht in Teufels Küche brachten. Doch bisher sah es nicht so aus. Meine Karriere als Sprecherin schien endlich Fahrt aufzunehmen. Dieses Jahr waren es einmal nicht nur Werbespots. Ich hatte sogar eine Rolle für ein Hörspiel bekommen, und gleich darauf sollte ich einen Roman einlesen. »Hey, Alfred, da bin ich wieder«, rief ich übermütig, als würde jemand im Auto sitzen. Aber bis auf die zwei Kisten Prosecco, die ich vorhin beim Getränkemarkt gekauft hatte, war es leer. Ich hatte mein Auto, als neues Familienmitglied, Alfred getauft.

Zugegeben, meine Familie war nicht groß. Sie bestand aus mir, meinem schwarzen Kater Fritz mit dem gelben und dem grünen Auge und eben Alfred, rot und weiß. Eventuell konnte man meine Wohnung noch dazuzählen. Sie hieß Emma, aber keiner wusste, dass ich ihr ebenfalls einen Namen gegeben hatte. Nicht mal meinen drei besten Freundinnen Cara, Lucy und Melanie hatte ich davon erzählt.

»Emma«, seufzte ich manchmal, »kannst du dich nicht mal selber aufräumen? Wenigstens das Bad. Los, komm schon!«

Wenn Lucy davon wüsste, würde sie mich sofort wieder aufziehen: »Was? Du plauderst mit deiner Wohnung? Hey, Helena, wird Zeit, dass du unter die Haube kommst. Das sind die ersten Isolationserscheinungen!« Sie wollte mir bei jeder Gelegenheit einen Mann aufschwatzen. Aber Männer … das war so ein Thema für sich.

Ach, meine Freundinnen! Ich freute mich so auf unseren gemeinsamen Abend. Inzwischen war es schon eine ganze Weile her, dass wir uns alle vier getroffen hatten. Seit Melanie und Lucy in festen Händen waren, war es schwieriger geworden. Doch heute, an meinem Fünfunddreißigsten, hatten sie fest versprochen, alles stehen und liegen zu lassen und mit mir eine Mädchen-Dachterrassen-Party zu feiern, mit anschließender langer Tanznacht in einem Club.

Ich parkte Alfred direkt vor der Haustür des Altberliner Wohnhauses, in dem sich, ganz oben unter dem Dach, meine Emma-Wohnung befand. Alfred war nicht mit meinem vorherigen Auto, dem alten VW-Bus meines Vaters, zu vergleichen. Mit ihm fand ich überall den richtigen Parkplatz. Besonders jetzt, da ich fast täglich in ein anderes Tonstudio der Stadt fuhr, würde das ein riesiger Vorteil sein.

Ich schleppte die Prosecco-Kisten und die Leckereien in den Hausflur. Puuh, war das gestern mit vierunddreißig eventuell noch leichter gewesen? »Blödsinn!«, würde Cara sofort rufen, »fünfunddreißig ist die neue fünfundzwanzig.« Bei ihrer zarten Statur und einer Haut, so glatt wie Porzellan, traf das sicher zu. Cara würde immer wie fünfundzwanzig aussehen.

Ich schaute mir in dem großen Spiegel dabei zu, der die Wand im Hauseingang schmückte, wie ich mit der ersten Kiste und einer Einkaufstasche zu den Treppen lief. Das sonnengelbe Kleid stand mir tatsächlich gut, obwohl ich bis gestern noch gedacht hatte, Gelb wäre nichts für mich, bei meinen weißblonden Haaren und den hellgrauen Augen. Melanie fand, meine Pupillen sähen darin aus wie Stecknadeln, als hätte ich magische Kräfte oder so was. »Und trotzdem wirst du so schnell braun«, beneidete sie mich immer. Sie war eine klassische Rothaarige, mit feuerroten Locken und schneeweißer Haut.

»Herr Gott Sacramento«, hörte ich es vor mir und stieß gegen einen Widerstand. »Können Sie nicht aufpassen?« Oje, ich hatte nicht nach vorne geschaut und dabei fast Frau Rosenfeld umgerannt, eine alte, aber sehr feine Dame aus dem Hochparterre. Sie lebte allein und war jeden Tag herausgeputzt, als würde sie in die Oper gehen.

»Entschuldigen Sie, Frau Rosenfeld. Ich habe heute Geburtstag.«

Ihre Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. Sie kniff die Augen zusammen und musterte mich. »Nicht mehr dreißig, aber auch noch nicht vierzig, würde ich schätzen. Herzlichen Glückwunsch.«

Ich sah sie verblüfft an. Es war das erste Mal, dass wir mehr zueinander sagten als nur guten Tag. »Fünfunddreißig ist die neue fünfundzwanzig«, verteidigte ich mich.

Sie lächelte nachsichtig. »Aber Kindchen, das richtige Leben geht erst mit vierzig los, willst du wirklich noch einmal fünfzehn Jahre drauf warten, obwohl es eigentlich nur noch fünf sind?«

»Äh …« Ehe mir etwas einfiel, was ich darauf antworten konnte, war sie kopfschüttelnd an mir vorbeigegangen.

Mit vierzig? Das war doch die ungefähre Grenze, um überhaupt noch Kinder zu bekommen. Hm, vielleicht hatte sie ja keine Kinder. Trotzdem, wie meinte sie das?

Fritz lag eingerollt auf dem Sofa und öffnete nur kurz sein gelbes Auge, als ich die Wohnung betrat. Emma war ein circa fünfzig Quadratmeter großer Raum mit einer Küchenzeile, einem separaten Bad und einer kleinen Terrasse, die allerdings einen grandiosen Blick über die Stadt und auf den Fernsehturm bot. Ich brachte alles in den Küchenbereich und öffnete erst mal die Terrassentür. Das Wahrzeichen von Berlin hatte heute ebenfalls gute Laune. Kein noch so feiner Dunst trübte seine Kugel und auch nicht seine rot-weiße Spitze. Die großen Fenster der Aussichtsetage und des Telecafés glitzerten in der Sonne, und ich war mir sicher, dass der Fernsehturm mir soeben zugezwinkert hatte.

Nachdem ich alles im Kühlschrank verstaut und die Party vorbereitet hatte, passierte dann doch noch das, was ich seit heute Morgen befürchtete. Ich fand mich vor meinem bodentiefen Spiegel wieder und begann an dem gelben Kleid zu zweifeln. Ob es mir wirklich gut stand? »Fritz, was meinst du?« Fritz öffnete diesmal nur das grüne Auge.

Was wollte er mir damit sagen?

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, meine gesamte Garderobe anzuprobieren. Ich konnte mich mal wieder nicht entscheiden. Mist. Am Schluss entschied einfach die Wohnungsklingel. Als es läutete, hatte ich gerade meine Haare zu einem Zopf gebunden, eine hellblaue Röhrenjeans und ein kurzes weißes Kleid mit blauen Blümchen darüber an, und dabei blieb es.

»Hey, Süße! Happy Birthday!«, begrüßte mich Melanie, umarmte mich überschwänglich. Dann drückte sie mir einen riesigen Strauß Blumen in die Arme und stiefelte in ihrem engen grünen Kleid, das perfekt zu ihren dicken roten Locken passte, und den hohen Absatzschuhen in die Wohnung. Ich bewunderte sie dafür, dass sie trotz ihres kräftigen Körperbaus keine Probleme damit hatte, figurbetonte, kurze Kleider zu tragen. Melanie streichelte Fritz und drehte sich um: »Na? Ist es schon lauter geworden hier?«

Ich sah sie fragend an, während ich eine Vase für die Blumen aus dem Schrank holte.

»Na, tick, tick, tick? Ob dein Wecker Konkurrenz bekommen hat.« Sie lachte.

»Tick, tick, tick?« Ich stand auf der Leitung.

»Die Biouhr! Legt die nicht am Fünfunddreißigsten los?«

Ich prustete los, knibbelte ein Blatt von dem Blumenstrauß und warf es nach ihr.

»Du hast’s nötig!«

Melanie war drei Monate vor mir fünfunddreißig geworden.

Erneut klingelte es.

Ein paar Minuten später umarmte mich Lucy und überreichte mir ein kleines Geschenk und eine tiefrote Rose. »Ich dachte mir, solange noch nicht der Richtige mit roten Rosen vor deiner Tür steht, kann ich das ja übernehmen.«

»Ach, ich bin mit diversen Falschen eigentlich ganz zufrieden«, scherzte ich, gab ihr einen Kuss auf die Wange und holte eine hohe Vase aus dem Schrank.

»Hui, aber die richtige Vase hat sie trotzdem schon«, witzelte Melanie.

»Hey, was denkst du? Dass ich die Rosen, die ich von den Nicht-Richtigen geschenkt bekomme, vertrocknen lasse?«

»Hast du auch wieder recht.«

»Wie wär’s mit der ersten Runde Prosecco?«

Ich zog die erste Flasche aus dem Karton und ließ den Korken knallen.

»Kommt denn Cara noch? Sie ist doch sonst immer die Erste«, fragte Lucy und fuhr sich mit den Fingern durch ihre glatten braunen Haare. Sie trug wie immer ein Kleid in gedeckten Farben, das ihr bis zu den Knöcheln ging, und dazu flache Schuhe.

»Cara hat definitiv zugesagt«, antwortete ich.

Lucy holte eine Flasche Orangensaft aus der Tasche, die sie auf den Tisch stellte. Ich wartete, dass sie dazu noch einen Likör zutage förderte, mit dem sie uns einen Cocktail mischen würde, aber sie beließ es bei der Flasche.

»Mh, lecker«, seufzte Melanie als sie das kleine Buffet entdeckte, das ich auf der Terrasse aufgebaut hatte.

Dann klingelte es zum dritten Mal.

»Ich geh schon«, rief Lucy und betätigte den Summer, während ich den Prosecco auf vier Gläser verteilte.

Cara erschien im Türrahmen. Sie hatte sich Locken in ihre hellbraunen Haare gedreht und sah in ihrem weißen Sommerkleid aus wie ein Engel. In der rechten Hand hielt sie einen riesigen Briefumschlag mit einer glitzernden Schleife. Aber viel mehr irritierte mich, was, oder besser gesagt, wen ihre linke Hand hielt. Einen Typen! Einen großen, blonden, ziemlich intelligent und ziemlich gutaussehenden Mann.

»Hella, alles Gute zum Geburtstag! Hier, das ist für dich. Da steht der Rest drin!« Sie reichte mir den Umschlag, aber ich konnte mich gar nicht darauf konzentrieren und schaute immer wieder zu ihrem anderen »Mitbringsel«. Offensichtlich war das ihr neuer Freund. Aber warum brachte sie ihn zu unserer Mädchen-Party mit?

»Und das ist Mike!« Ihre Augen funkelten ihn an. Oje, so hatte Cara ja noch nie einen Mann angesehen. Ich reichte ihm die Hand und sagte hallo. Er gratulierte mir höflich zum Geburtstag. Meine Güte, wo hatte sie denn den aufgegabelt?

»Keine Sorge, er bleibt nicht. Er hat mich nur bei dir abgesetzt. Sorry, bin etwas spät dran. Wir haben bei diesem herrlichen Wetter komplett die Zeit vergessen.«

Nun, am Wetter hatte es bestimmt nicht gelegen, so wie er sie jetzt mit Blicken verschlang.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Mike. Aber du kannst gern noch einen Prosecco …«, sagte ich zu ihm.

»Nein, nein, vielen Dank. Ein andermal vielleicht.«

Er machte Anstalten, meine Wohnung wieder zu verlassen. »Ich bring ihn noch zur Treppe, dann bin ich gleich wieder bei dir!«, flötete Cara und schon zogen sie meine Wohnungstür hinter sich zu.

Melanie hatte inzwischen die vier Prosecco-Gläser auf den Couchtisch gestellt.

»Sieht ganz danach aus, als wollte sie uns ihren Traumprinzen zeigen!«, sagte Lucy.

»Mädels, mein Gefühl flüstert mir, das ist diesmal ernst«, stimmte Melanie ihr zu.

Es klingelte. Cara trug einen Gesichtsausdruck zur Schau, wie er verklärter nicht sein konnte. »Und, was sagt ihr?«, fragte sie stolz.

»Sechser im Lotto«, antwortete Melanie.

»Also, wenn er hält, was er äußerlich verspricht …«, lautete Lucys Kommentar.

»Er hat Ausstrahlung«, sagte ich und dachte, dass die süße zarte Cara mit dem Puppengesicht bei dem großen stattlichen Mann bestimmt sofort den Beschützerinstinkt ausgelöst hatte.

Caras Gesichtsausdruck wurde noch verklärter, falls das überhaupt möglich war. Sie schüttelte ihre Locken, als müsste sie sich erst mal von einem Bann befreien, mit dem Mike sie belegt hatte.

»So, jetzt aber auf dich!« Sie ging zum Couchtisch und schnappte sich ein Glas Prosecco.

Ich nahm mir auch eins. »Macht den Eindruck, als hätten wir nicht nur meinen Geburtstag zu feiern«, antwortete ich. Melanie erhob ihr Glas. Cara und ich taten es ihr nach. Doch Lucy ließ ihrs stehen und fragte, ob ich noch ein anderes hätte.

»Noch ein Glas? Hast du etwa auch einen neuen Traumprinzen in deiner Tasche versteckt?«, witzelte ich.

Sie drehte den Schraubverschluss des Orangensafts auf.

»Na ja, in der Tasche nicht … aber es gibt noch etwas zu feiern.« Ich zählte den verschmähten Prosecco und Lucys Antwort blitzschnell zusammen und jubelte sofort los.

»Jetzt sag nicht, dass du schwanger bist!«

Lucy fasste sich an ihren nicht vorhandenen Bauch und bekam auf einmal auch ein verklärtes Grinsen.

»Das ist ja … toll!«, jauchzte Cara.

»Wow«, gab Melanie hinterher. Ich wollte auch etwas Positives sagen, aber stattdessen entfuhr es mir: »Jetzt schon? Du und Kai, ihr seid doch erst ein Jahr zusammen!« Lucy sah mich irritiert an. Ich biss mir auf die Zunge.

»Sorry, ich meine … ich weiß, bei euch passt es einfach … ich war nur … Meine Güte, das hat mich jetzt echt überrascht! Hey, Lucy. Glückwunsch wollte ich sagen!« Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und erhob noch einmal mein Glas. »Also, dann …«

»Moment!«, ging Melanie dazwischen. »Wenn wir schon dabei sind, ich hab ebenfalls einen Grund zum Feiern.« Alle drehten sich zu Melanie und starrten unwillkürlich auf ihren Bauch.

»Nein, nein, nicht doch! Aber stellt euch vor, Falk hat mir gestern einen Heiratsantrag gemacht!«

»Was? Auf einmal doch? Kein Muffensausen mehr, so wie bisher?«, fragte Lucy strahlend. Sie wollte auch am liebsten heiraten, aber Kai musste sich erst noch von seiner früheren Frau scheiden lassen.

»Nein! Es war wunderschön, er hat mich in ein teures Restaurant eingeladen, mit Kerzenschein, Geigenspieler und«, sie streckte ihre linke Hand hervor, »einem Ring.«

An ihrem Ringfinger glitzerte ein silbernes Schmuckstück. Alle starrten bewundernd darauf und gaben Ahs und Ohs und Wieschöns von sich.

Lucy hatte sich inzwischen ein Glas geholt und schenkte sich Orangensaft ein. Sie wollte schon immer Mutter sein und würde sicher vollkommen in der Rolle aufgehen und weitere Kinder bekommen. Endlich hoben alle ihre Gläser: »Trotz allem, zuallererst auf dich, Hella!« Alle riefen durcheinander und begannen dann, vor mir aufgereiht, Happy Birthday zu singen. Ich lächelte meine Freundinnen an, die vor dem Panorama der Stadt ein schönes Bild abgaben. Zwischen ihnen fiel mir der Fernsehturm auf. Im Gegensatz zu ihnen wirkte er mit seinen dunklen Scheiben auf einmal bockig, obwohl es doch so viele wunderbare Neuigkeiten gab!

2. Kapitel

Die Fliesen meiner Terrasse schienen im Laufe des Abends uneben geworden zu sein. Und versuchte der Fernsehturm etwa, sich zur Erde zu neigen? Es sah so aus, als würde er sich vor Lachen biegen oder gleich übergeben.

»Helena!«, rief Lucy und packte mich am Arm. »Komm am besten kurz an die frische Luft. Dann kriegst du wieder einen klaren Kopf.«

Sie führte mich zum Geländer der Terrasse, wo auch Melanie und Cara standen. »Herrlich hier oben bei dir, mit dem Lichtermeer der Stadt zu Füßen«, seufzte Cara. Lucy reichte mir ein Glas Wasser, und alle stießen mit ihren Gläsern dagegen.

»Auf unseren Quotensingle!«, rief Melanie.

»Der sich heute so richtig die Kante gibt«, setzte Lucy hinzu.

Alle gackerten, und ich stimmte mit ein.

»Einer muss sich ja weiter um die Freiheit kümmern«, erklärte ich und trank das halbe Glas Wasser leer. »Ich bleibe dabei: Männer sind wie Schokoladencreme. Was Leckeres zum Frühstück auf dem Brötchen. Aber zu viel davon und den ganzen Tag, da kriegt man Bauchschmerzen.«

Lucy schwieg diplomatisch, und Cara sah das gerade bestimmt völlig anders.

»Du bist und bleibst eben ein Freigeist«, sagte Melanie.

»Fünfunddreißig ist die neue fünfundzwanzig, und mit vierzig geht das Leben sowieso erst los«, antwortete ich und zauberte einen leicht irritierten Ausdruck auf die Gesichter meiner Freundinnen.

»Also, ich hab das Gefühl, mein Leben fängt genau jetzt, mit vierunddreißig, an.« Lucy streichelte ihren Bauch.

»Meins auch, mit dreiunddreißig schon.« Cara bekam wieder dieses langsam etwas nervige verklärte Gesicht.

»Und meins erst! Übrigens, der Hochzeitstermin steht bereits: 28. August, unser Kennenlern-Datum. In einem Schloss in Brandenburg, von dessen Turm eine weiße Fahne mit einem großen roten Herz weht. Ihr werdet Augen machen.« Melanie legte verzückt die Hände auf ihr Dekolleté.

»Ich glaube, ich muss mich mal kurz setzen«, sagte ich, entfernte mich ein paar Schritte von den dreien und ließ mich rücklings auf einen Gartenstuhl fallen. Ich spähte in die Nacht hinaus. Die frische Luft tat wirklich gut, der Fernsehturm war in seine aufrechte Position zurückgekehrt.

Dann sah ich wieder zu meinen Freundinnen hinüber, die sich über Melanies Hochzeitspläne unterhielten und was sie sich schon alles für den Festtag ausgedacht hatte. Nach und nach begannen sich Bilder vor mein inneres Auge zu schieben.

Zuerst sah ich Lucy vor mir, in einem Reihenhaus, in dem sie den Rest ihres Lebens verbrachte, mit drei Kindern, die verhinderten, dass jemals Ordnung oder Ruhe herrschte, und einem Mann, der immer um 18 Uhr aus dem Büro kam – Kai war Beamter. Müde saß er vor dem Fernseher und trank Bier.

Dann Melanie: Sie würde von nun an bis ans Ende ihrer Zeit in einem Eigenheim – freistehend, Bungalowstil, mit roten Klinkern – am Rande der Stadt leben und bis zur Rente im Unternehmen ihres Mannes schuften, der auf dem Nebengrundstück einen Autohandel betrieb. Zuletzt baute ich das Schicksal von Cara zusammen. Ihr großes Männerlos war Statiker, hatten wir im Laufe des Abends erfahren. Er kaufte gerade eine Remise im Bezirk Charlottenburg. Die würden sie ausbauen und mit antiken Möbeln bestücken. Und da sie es liebten, zusammen zu kochen, würden sie dreigängige Menüs für ihre Freunde in einer perfekt ausgestatteten Küche zubereiten, bis ihre Haare komplett weiß waren.

Wie es aussah, waren die Weichen bei allen dreien gestellt. Sie hatten sich festgelegt. Einfach so für den Rest ihres Lebens. Es fröstelte mich plötzlich am ganzen Körper, und ich schlang die Arme um mich.

»Helena«, hörte ich Cara dicht an meinem Ohr. Sie berührte meinen Arm. »Du hast ja totale Gänsehaut. Ist dir kalt?«

»Mir? Nein.« Ich lächelte sie an und sprang auf, um meinen Grübeleien zu entkommen. Unternehmungslustig blitzte ich meine drei Freundinnen an.

»Wollen wir los? Ich hätte jetzt so richtig Lust auf vier Tanzebenen in der Kalkscheune.«

Die Reaktionen darauf waren alles andere als mitreißend. Lucy trank den letzten Schluck Orangensaft und gähnte: »Hm, na ja … also, ehrlich gesagt, du glaubst gar nicht, wie müde man vom Schwangersein wird. Es ist unglaublich.«

Cara sah auf ihre filigrane goldene Uhr: »Ist auch schon kurz nach zwölf. Kann ich voll verstehen, Lucy.«

Na toll, mit meinen Freundinnen war nichts mehr los, weil sie alle drei auf den Nestbau zurasten.

»Hört sich so an, als wenn es dir auch nicht so unrecht wäre, aufs Tanzengehen zu verzichten?«, forschte ich nach und versuchte dabei, nicht bockig zu klingen.

»Ich, also … Mike schläft heute bei mir und freut sich bestimmt, wenn ich nicht zu spät nach Hause komme. Aber …«

»Ha«, ging Melanie dazwischen. »Ich glaube, du bist es eher, die ihn nachts nicht zu lange alleine lassen will!«

Cara lächelte verlegen. »Wie auch immer, eigentlich wollte ich sagen, Mike und ich haben uns ja noch das ganze Leben. Schließlich hatten wir Hella fest versprochen …«

»Nein, nein, das soll doch kein Zwang werden! Nur, wenn ihr auch richtig Lust auf eine lange Tanznacht habt!«, beteuerte ich, obwohl meine Enttäuschung perfekt war.

»Also, wenn’s danach geht«, fing Melanie nun auch noch an. »Seit dem Heiratsantrag vor ein paar Tagen von Falk ist bei uns die Stimmung so wundervoll, wisst ihr. Irgendwie wäre es komisch, wenn ich jetzt die halbe Nacht wegbliebe, um in einem Club zu versacken.«

»Das heißt, du hast auch keine richtige Lust«, hakte ich nach.

»Das wäre die Wahrheit, und die wollten wir uns doch immer sagen. Aber dennoch, versprochen ist versprochen«, antwortete Melanie.

»Ich hätte sogar Lust, wenn ich nicht so hundemüde wäre.« Zur Bekräftigung gähnte Lucy gleich noch einmal.

Obwohl ich mich fühlte, als würden mich meine Freundinnen auf einem einsamen Planeten zurücklassen, konnte ich sie alle drei irgendwie verstehen. Bestimmt würde es mir nicht anders gehen, hätte ich gerade den Mann meines Lebens getroffen, einen Heiratsantrag bekommen oder wäre plötzlich schwanger.

»Hey, hey, schon in Ordnung«, erklärte ich. »Es war ein toller Abend. Wirklich, er war toll. Und all die großartigen Geschenke. Ich bin so froh, dass ich euch habe. Wir verschieben das einfach, vielleicht in den grauen Winter, oder so.«

Alle machten ein schuldbewusstes Gesicht, wirkten aber gleichzeitig erleichtert.

»Dann lasst uns wenigstens noch einen kleinen Absacker trinken«, schlug Melanie vor und köpfte eine weitere Prosecco-Flasche.

»Au ja«, rief Cara, und selbst Lucy trank einen winzigen Schluck Prosecco aus einem Schnapsglas.

»Auf die Jungfrauen von Lyon.« Melanie hob das Glas.

»Auf die Jungfrauen von Lyon«, sagten alle im Chor, und die Gläser klangen und klirrten. Dieser Trinkspruch ging zurück auf die französische Stadt im Süden, wo wir vier uns auf einer Jugend-Sprachreise kennengelernt hatten. Wir hatten im Abitur alle Leistungskurs Französisch belegt, waren im Sommer vor dem letzten Schuljahr von unseren Eltern auf diese zweiwöchige Sprachreise geschickt worden und in einem Vierbettzimmer gelandet. Jeden Abend holten uns ein paar französische Jungs auf Mopeds ab. Wir übten mit ihnen Küssen, quasselten die Nächte durch und bekamen am nächsten Vormittag nicht wirklich viel vom Unterricht mit. Und in der letzten Nacht gestanden wir einander, dass wir alle noch Jungfrauen waren.

Die Reise begründete ein echtes Freundinnen-Quartett, das bis heute existierte. Danach trafen wir uns fast jedes Wochenende und zogen durch die Clubs von Berlin. Das Französisch-Abi schafften Melanie, Lucy und ich immerhin mit Drei und Cara sogar mit Zwei.

Inzwischen, nachdem wir alle beruflich eingespannt waren, hatten sich unsere abendlichen Mittwochstreffen in einer Kneipe etabliert. Wir ließen sie selten ausfallen, nur bei Krankheit mit Fieber war Schwänzen erlaubt. Und seit Lucy und Melanie Kai und Falk hatten, manchmal leider auch ihretwegen. Wie sollte das nur werden, wenn jetzt auch Cara in festen Händen war und Lucy schwanger?

»Auf dass die alten Zeiten niemals enden«, gab ich einen weiteren Trinkspruch aus, um das dunkle Gefühl wegzudrücken, dass genau das gerade passierte. Ich war die Einzige, die sich ein weiteres Glas einschenkte und es in einem Zug leerte. Dann brachte ich meine besten Freundinnen zur Tür. Oder besser gesagt, sie stützten mich, damit ich es bis dorthin schaffte, und gaben mir links und rechts Küsschen auf die Wange, so wie wir es damals in Frankreich gelernt hatten.

»Du gehst sofort ins Bett, Hella, klar?!«, ermahnte mich Melanie.

»Emma kann ja aufräumen«, nuschelte ich. Aber zum Glück verstand niemand, wovon ich redete.

»Wir bringen das morgen zusammen in Ordnung«, Lucy wies auf das Trinkgelage, die Essensreste und das Konfetti, das überall in der Wohnung verstreut lag.

»Okay«, sagte ich. Cara strich mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. »Danke für alles.«

»Ich danke euch«, seufzte ich, sah meinen Freundinnen hinterher, wie sie die Treppe hinabstiegen, und schloss die Wohnungstür.

Ich sammelte ein grünes Konfetti auf und freute mich, dass mir das in meinem Zustand gelang, ohne hinzufallen. Dann ein rotes und dann ein gelbes. Ich betrachtete noch einmal den Gutschein für das übernächste Wochenende in unserem Lieblings-Wellnesshotel, den mir Cara geschenkt hatte. Die tiefroten Perlen der Halskette, mit der Melanie den großen Blumenstrauß geschmückt hatte, fühlten sich wunderbar kühl und glatt an. Ich liebte bunte Perlenketten. Danach nahm ich den apfelgroßen Würfel von Lucy in die Hand. Er war golden, und auf seinen Seiten standen keine Punkte, sondern die Wörter Ja, Nein und Vielleicht. »Eine Hilfe bei Entscheidungsschwierigkeiten. Falls du zu oft Vielleicht würfelst, müssen wir da eben auch noch Ja und Nein raufkleben«, hatte sie gesagt. Ich würfelte, und auf der Oberseite erschien Vielleicht.

Fritz, der sich bei dem Krawall der letzten Stunden mit lauter Musik und gackernden Frauen unter dem Sofa verkrochen hatte, kam wieder hervor und beschnupperte den Würfel. Ich gab ihm einen Rest Frischkäse und merkte, dass ich I’m singing in the rain vor mich hinsummte, während mir herrlich milde Luft von der Terrasse aus entgegenwehte.

Okay, sofort ins Bett.

Aber ich steuerte nicht auf meine zwei mal zwei Meter breite Liegewiese zu, vom Rest des Raumes durch einen Paravent abgetrennt, sondern ging nach draußen auf die Terrasse.

Quotensingle! Das Wort verdrängte plötzlich das Lied aus meinem Kopf. Es klang nach einer Minderheit, um die man sich besonders kümmern musste. Quatsch, um mich musste sich niemand kümmern! Mir ging es prima. Ich war die neue Fünfundzwanzig. Und wenn meine liebsten Freundinnen anfangen würden, mich wegen Männern, die ihr Schicksal besiegelt hatten, zu vernachlässigen, dann würde ich ihnen was erzählen! Schließlich war ich ihr letzter Anker zur Freiheit. So rum musste man das sehen!

Zur Bekräftigung trank ich die letzten Schlucke aus der Prosecco-Flasche, die noch auf dem Tisch stand, und stellte sie laut scheppernd auf den Fliesenboden. Ich konnte mich gerade noch am Liegestuhl in der Ecke festhalten, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Der Liegestuhl! Ich musste ihn unbedingt noch in die Kammer stellen, falls es regnete!

»Es könnte schlechtes Wetter aufziehen, weißt du, Fritz«, sagte ich zu meinem Kater, der mir gefolgt war und die Nase in die Abendluft reckte, als würde er mich genau verstehen.

Ich brauchte erstaunlich lange, um das sperrige Ding zusammenzuklappen. Als es mir endlich gelungen war, öffnete ich die schmale Tür zur Kammer und wollte den Liegestuhl hineinschieben. Aber da schien Licht zu mir heraus. Warmes, gemütliches Licht! Verdutzt spähte ich in die Kammer, die eigentlich kein Licht besaß. Sie war auf einmal kein winziger dunkler Raum mehr, sondern ein Zimmer, so groß wie meine Wohnung! Und in ihr befanden sich nicht drei klapprige Gartenstühle, sondern richtige Möbel. Aber am unglaublichsten war: Mitten im Raum saß eine alte Oma, die mich zu sich heranwinkte.

Ich lehnte den Liegestuhl an die Wand neben der Tür und folgte wie hypnotisiert ihrer Aufforderung.

Meine Güte, hier sah es genauso aus wie bei mir! Dieselbe Küchenzeile, nur dass die inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen war. Und das Poster an der Wand mit dem Bambuswald, das ich gerade erst vor ein paar Wochen gekauft hatte, wirkte ziemlich vergilbt. Ja, das war meine Wohnung, nur spiegelverkehrt und viel älter.