CARMINE ABATE

Zwischen
zwei Meeren

Roman

Aus dem Italienischen
von Esther Hansen

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Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel Tra due mari erschien

2002 bei Mondadori Editore, Mailand.

ISBN 978-3-8412-0812-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juni 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2002 Arnoldo Mondadori Editore S.p.A., Milano

This edition published in arrangement with Grandi & Associati

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Einbandgestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von Getty Images/Gamma-Rapho/Edouard Boubat

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Abreise

Erste Reise

Zweite Reise

Dritte Reise

Vierte Reise

Einkehr im Fondaco del Fico

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor/zur Übersetzerin

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a Meike, naturalmente

natürlich für Meike

ne, Meikes

ABREISE

Was wusste ich schon von ihm? Eines Julitages wurde er festgenommen und verschwand für Jahre aus meinem Leben, ohne dass sich jemand bereitgefunden hätte, mir seine Geschichte zu erzählen. Ich war noch klein. Das wenige, was ich wusste, waren Lügen, die ich mit der Zeit vergaß.

Manchmal jedoch, wenn die Melancholie mich hinterrücks im Schlaf überfiel, lauschte ich dem Echo einer fernen Stimme und stürzte jäh in die nächtliche Leere, bis ich verschwitzt in seinem Dorf landete. Über der Piazza, in den Bars hörte ich seinen Namen aufsteigen wie einen frischen Windstoß: »Giorgio Bellusci!« Erneut sah ich seinen verwegenen Blick vor mir. Spürte die Wärme seiner riesigen Hände. Und fühlte vor allem meine Liebe zu ihm, denn einen Mann wie Giorgio Bellusci kannst du noch so oft vergessen, am Ende steht er machtvoller denn je vor dir auf.

»Herzlich willkommen, Florian«, sagte er zu mir und küsste mich auf die Stirn. Und verschwand wieder.

Jenseits des Fondaco del Fico zum Meer hin sieht man nichts als lehmige Berge, Steineichenwälder und mit Brombeergestrüpp gepolsterte Schluchten. Drum herum schrundige, trockene Hügel, ähnlich hier und da verstreuten Kuhfladen. Die Straße, die zum Dorf meiner Mutter hinaufführt, sah aus wie nach einem Fliegerangriff, tiefe Schlaglöcher fraßen sich im Zickzackmuster durch die von Rissen gespaltene Serpentine. In der drückenden Hitze kämpfte sich unser Volvo Kombi bergan. Am Steuer mein Vater, ungeduldig und angespannt, er stöhnte, vielleicht litt er mehr als ich, doch er sagte nichts.

Ich hatte die gesamte Strecke von Hamburg bis zur Autobahnabfahrt durchgehalten wie eine Biene in einem umgestülpten Glas, 2581 Kilometer quälende Langeweile, stets die Letzten in einer langen Kolonne von Autos, die alle schneller waren als wir, und schließlich der schier endlosen Reihe blühender Oleander folgend. Doch diese Etappe am Ende war die schlimmste, sie drehte mir im wahrsten Sinne des Wortes den Magen um.

Ich war auf dem Weg in die großen Ferien, und am liebsten wäre ich auf der Stelle umgekehrt.

Das Dorf schmiegt sich hufeisenförmig auf die Kuppe eines Hügels zwischen zwei Meeren, dem Ionischen und dem Tyrrhenischen Meer. Es trägt einen hübschen Namen, Roccalba, weiße Festung, doch wegen der schwülwarmen Glocke, die sich den ganzen Sommer unerbittlich über den Ort legt, nannte ich es abschätzig Roccalda, die Glutfestung.

Alle zwei Minuten verkündete meine Mutter auf Deutsch: »Klaus, Florian, gleich sind wir da!«, und immer wieder wies sie uns mal auf eine noch blühende Distel hin, mal auf die ersten reifen Feigen, auf die grünen Renekloden oder die in der Hitze aufgeplatzten Granatäpfel, alles mit der Verzückung eines Menschen, der das Paradies betritt. Mein Vater starrte wie ein Schiffbrüchiger nach vorn, in der steten Hoffnung, endlich das verrostete Ortsschild mit der Aufschrift »Roccalba« zu entdecken. Sein Lächeln kehrte erst zurück, als er endlich den Fuß ins Dorf setzte, ein künstliches Lächeln, das von dem Zeitpunkt an den gesamten Urlaub über auf seinem Gesicht kleben blieb. Einzig meine Mutter war durch und durch glücklich. Sie sah ihre Eltern wieder, ihre Schwester Elsa mit der Nichte Teresa, ihre Freunde aus Kindertagen, die Gassen, die Koben mit den Ferkeln, die Zikaden in den Olivenbäumen, die Felsstürze hinter der Kirche, die gesprenkelten Nelken an den Balkonen, die Schwalben im hohen, weiten Himmel. »Hast du jemals einen so weiten Himmel gesehen, Florian?«, fragte sie mich, wohl wissend, dass ich nicht antworten würde. »In der Nacht ist er ein einziges, endloses Sternenmeer, so weit du blicken kannst.« Und sie sah den Fondaco del Fico wieder, endlich. Ihr Vater, Giorgio Bellusci, begleitete sie am späten Vormittag dorthin. Nach einem Jahr wieder vereint, nur sie beide allein inmitten der Natur und der Hitze, genossen sie ihre Unterhaltung vor den Ruinen der alten Familienschenke, die früher einmal das berühmteste Gasthaus ganz Kalabriens gewesen war, so brüstete sie sich.

»Mag ja sein, aber heute ist er nur noch ein trüber Speichelsprutz im Auge, eine verfallene, angekohlte Steinmauer, die hässlich zwischen Dornengestrüpp und wilden Feigen aufragt«, so hatte Onkel Bruno, der Mann von Tante Elsa, eines Abends ohne jedes Taktgefühl ihren Stolz attackiert. Rasend vor Zorn feuerte meine Mutter eine verbale Maschinengewehrsalve auf ihn ab: »Du dumpfbackiger, hirnloser Armleuchter, was weißt du schon über die Geschichte unseres Fondaco? Du kannst doch nichts als fressen!« Wir hatten gerade das Abendessen beendet. Giorgio Bellusci ließ sich nichts anmerken und lächelte nur belustigt. Dann sammelte er in seinem Mund Spucke und Melonenkerne, nahm Onkel Brunos rechtes Auge ins Visier und traf mit einer Speichelladung voll ins Schwarze. »Das ist ein trüber Speichelsprutz im Auge«, erklärte er dann abschließend. Alle brachen in Gelächter aus, auch Tante Elsa und ihre Tochter Teresa, alle außer Onkel Bruno, der den Schwiegervater aus einem finsteren und einem vor Spucke und Kernen triefenden Auge anstarrte. Doch alle hatten wir die Lektion gelernt: dass die Ruinen des Fondaco del Fico unseren Respekt verlangten wie die sterblichen Überreste eines nahen Verwandten. Und dass Giorgio Bellusci ihn bald wieder zum Leben erwecken würde.

Ja, vor allem das wusste ich über ihn: Er liebte den Fondaco del Fico wie ein Familienmitglied, vielleicht sogar noch mehr. Und er war der Vater meiner Mutter, also mein Großvater. Ein in vielen Dingen großzügiger Mensch, den ich leider nie mit dem vertrauten »Nonno« hatte anreden können, vielleicht weil ich ihn immer nur für einen Monat im Jahr sah und auch dann fast nur zu den Mahlzeiten. Und seitdem er verschwunden war, ohne sich von mir zu verabschieden, brannte eine zornige Gleichgültigkeit in meinem Innern, und ich sagte mir, dass er mich null interessierte, weil er sich für mich noch weniger als null interessierte. Niemals hatte er mit einem Brief oder einer Postkarte oder einem Anruf von sich hören lassen. Es war, als hätte diese Welle aus drückender Schwüle, die Roccalba im Sommer seiner Festnahme überrollte, ihn für immer hinweggespült.

Zum Glück erfuhr ich in dem Moment, als unsere Distanz langsam unüberbrückbar wurde, von seiner Reise als junger Mann. Anfangs durch meine Mutter, dann durch meine Großmutter und schließlich durch Hans Heumann und seine Fotos. Ich war noch ein Kind, und das erste Mal lauschte ich angespannt und unter Schweißausbrüchen. »Das Dorf stank nach Sommer«, begann meine Mutter, und ich glaubte, dem Echo eines vor Zeiten vernommenen Gesangs zu lauschen, der mich bis heute überallhin begleitet, wie ein Chor unsichtbarer Zikaden oder unbändiger Schwalben. Plötzlich sah ich Giorgio Bellusci in klarerem Licht, erkannte seine Spuren im Staub und klammerte mich mit aller Kraft an ihn.

ERSTE REISE

Das Dorf stank nach Sommer. Die Hitze legte sich auf die Haut wie warmer Kleister, und trotzdem war Giorgio Bellusci zu seiner Reise aufgebrochen. Kein Erdbeben hätte ihn aufhalten können und kein Kanonenschuss. Er war aufgebrochen in eine Stadt, von der er nur den Namen kannte, Bari, und die Himmelsrichtung, der er folgen musste: nach Norden, über Metaponto hinaus, bis zur Küste eines Meeres namens Adria. In einer Straße dieser Stadt wohnte Patrizia Cassese, ein schönes Mädchen, das jeden Winter einen Monat lang mit ihrer Familie Ferien in Camigliatello machte, in einem Häuschen umgeben von Tannen, Kastanienbäumen und Schnee. Dort hatte Giorgio Bellusci sie kennengelernt, in einer Trattoria von Camigliatello, wo er quasi zu Hause war, weil er hier ganze Sommer lang seine Rinderherden weidete und mehr Freunde hatte als in Roccalba.

Er war gerade zweiundzwanzig geworden, und seine Eltern, die den familieneigenen Starrsinn in seinen Venen wohl kannten, versuchten gar nicht erst, ihn umzustimmen, umarmten ihn aber fest vor den Augen der versammelten Nachbarn, die im Chor murmelten: »Der Junge muss verrückt sein. Da oben in der Stadt werden die Brüder und der Vater dieser Patrizia ihm bei lebendigem Leibe das Fell gerben«, ungeachtet des Umstands, dass Patrizia keine Brüder hatte und der Vater als Stadtmensch mitnichten so eifersüchtig und rückständig war wie sie. Dann verbarrikadierten sich die Eltern hinter einer Fassade aus Stolz und begannen ihr Warten im selben Moment, in dem er auf seiner bis obenhin mit Essenspaketen, Wasser und Wein beladenen Vespa losfuhr.

Giorgio Bellusci fuhr über die in der Augusthitze erstickten Felder von Roccalba wie durch einen unruhigen Morgentraum. Zu seiner Linken, nahe den Fiumaren, erkannte er die Ruine des Fondaco del Fico, und seine Unruhe wuchs ins Unerträgliche. Er versuchte sie durch ein geträllertes Lied zu vertreiben, danach durch zwei Schlucke Wein; er versuchte es mit lautem Gelächter, das die Vögel und Zikaden verstummen ließ. Nichts. Die Unruhe wuchs. Also gab er Gas, fuhr so schnell er konnte und brüllte, als sei ihm der Tod auf den Fersen.

Erst als er zu seiner Rechten das glitzernde Meer erblickte, fühlte er sich wieder ruhig und glücklich. Und zum ersten Mal seit seiner Abreise dachte er an Patrizia: Vielleicht war sie ja schon verlobt oder gar verheiratet; vielleicht wollte sie ihn gar nicht mehr. Die Reise war eine Schnapsidee, das wusste er. Bei all den schönen Mädchen, die es in Kalabrien gab, ehrbar und aus gutem Hause, musste man da wirklich bis nach Bari fahren? Eine sinnlose Reise war es, und er war verrückt, das sagten alle in Roccalba, Frau und Vieh suchte man sich nach alter Redensart im eigenen Dorf, und dennoch fühlte er in sich die unbändige, wachsende Lust zum Aufbruch, er meinte fast, den Neid der anderen zu spüren.

Es war später Abend. Er stieg von der entkräfteten Vespa, gab ihr einen Klaps auf den Sattel und ließ sie auf einem Streifen trockenen Grases zwischen Strand und Straße verschnaufen. Zu Fuß lief er zum Meer und wusch sich das Gesicht und die staubigen Haare. Er hatte Lust, etwas zu essen, doch die Müdigkeit war stärker als sein Hunger. Er streckte sich auf dem warmen Sand aus und schlief ein.

Am nächsten Morgen weckte ihn das laute Hecheln eines Hundes mit rötlichem, schmutzstarrendem Fell. Nie zuvor hatte er gesehen, wie die Sonne dem Meer entstieg und es in ihr rotes, blendendes Licht tauchte. Mit gierigen Augen sog er den Anblick ein, atmete tief durch und sagte, an den fremden Hund gewandt: »Das Meer ist schön! Das Leben ist schön!« Dann setzte er seine Reise fort, hinter sich den Hund zurücklassend – Hase, Kaninchen, Maus, Fliege, Mückchen und schließlich nur noch Asphalt im Rückspiegel der Vespa.

Es geschah in der Ebene von Sibari, wenige Stunden nach seinem Aufbruch. Giorgio Bellusci hatte sich in die Felder geschlagen, fernab von der asphaltierten Straße. Er kauerte bequem hinter einem Gebüsch, verrichtete in aller Ruhe sein Geschäft und ließ die Gedanken nach Roccalba schweifen. Er entfernte sich von einem Leben aus Langeweile und einer Familie, die ihn zwar auf ihre Art liebte, zweifelsohne, ihn aber nicht verstand und seinen Plan, den Fondaco del Fico wieder aufzubauen, für eine Grille der Jugend hielt, die sich von selbst erledigen würde, sobald er heiraten würde und an Frau und Kinder denken müsste. In diesem Moment hörte er, wie der Motor der Vespa ansprang, gleich beim ersten Versuch. Er schnellte hoch und rannte zum Saumpfad hinter dem Gebüsch. Wie naiv er gewesen war. Aber wer hätte auch damit gerechnet, hier gab es keine Menschenseele weit und breit, nur Schwalben über dem Kopf und Zikaden in den Bäumen. Hurensöhne. Sie waren zu zweit, er sah sie in rasender Hast davonfahren mitsamt Motorroller, Essen und sämtlichen Flaschen, und mit seinem Geld, das er in dem Fach unter dem Sattel verstaut hatte. So keuchte er jetzt durch die staubige Hitze, zu Fuß und wüst fluchend. Wenn er die Flegel zu fassen bekäme, Gesindel und Diebespack, das sie waren, bekämen sie einen kräftigen Tritt in die Eier. Hurensöhne. Er wankte.

Hitze und Staub, mit Olivenbäumen und Feigenkakteen überzogene Hügel, Schafe und Schafhirten, und hin und wieder das Rinnsal einer Fiumara, das seinen Durst löschte und ihn erfrischte, bevor es zwischen flachen Steinen und Oleanderbüschen versickerte. Er wankte weiter, und wann immer die Straße zu einer Kreuzung wurde, blieb er benommen stehen und wusste nicht wohin, bis ein Hirte oder Bauer ihm im Vorbeigehen den Weg wies. Bei diesem Tempo würde er Bari erst in ein, zwei Monaten erreichen. Vielleicht auch nie, denn er hatte seit zwei Tagen kein Stück Brot oder Schinken mehr gegessen, und die Feigen, die er von den Bäumen am Wegesrand stahl, füllten ihm zwar für einige Stunden den Magen, sorgten dann aber auch bald für lautstarke, grünlich spritzende Entleerungen.

Schlimmer hätte seine Reise nicht beginnen können. Jeder andere an seiner Stelle wäre schleunigst umgekehrt, zumal ihm alle paar Schritte das drängende Verlangen nach Tagliatelle mit scharfer Wurstsoße das Denken vernebelte. Doch beim Gedanken an die feixenden Freunde stillte er seinen Hunger doch lieber mit Feigen und folgte den schmerzenden Beinen, die ihn ziellos hierhin und dorthin trugen.

In der ersten Nacht schlief er unter einem wild wachsenden Olivenbaum, dessen Krone im vollen Augustmond wie eine riesige Glühbirne leuchtete. Das Queckengras unter ihm war weicher als die Matratze aus Maisblättern, auf der er zu Hause schlief, und es raschelte auch nicht bei jeder kleinsten Bewegung. Er merkte, dass er in den Schlaf fiel, und wunderte sich, wie ruhig er trotz allem war, der Magen wohlauf, der Kopf leicht. »Ich muss zu Patrizia«, flüsterte er mit halb geschlossenen Augen dem erleuchteten Ölbaum zu. Dann schlief er mit einem Lächeln ein.

Am Morgen leuchtete der Baum in der roten Sonne. Und neben ihm, als hätte er die ganze Nacht über ihn gewacht, saß der streunende Hund mit dem roten, schmutzigen Fell. Giorgio Bellusci streckte sich mit feiertäglicher Trägheit auf seiner Queckengrasmatratze aus und fand, dass er es wirklich gut hatte, er vermisste nichts und niemanden, weder seine Eltern noch die Freunde noch Roccalba. Er kraulte den Hund am geifernden Maul. Nur der Fondaco del Fico fehlte ihm. Und Patrizia, doch sie nicht mehr lange.

Er stand auf, klopfte sich den Staub von Hemd und Hose und wanderte weiter. Der Hund folgte ihm stur. »Ksch ksch, weg mit dir«, rief Giorgio Bellusci, erhielt als Antwort aber nur ein zärtliches Winseln. Und so, da sie scheinbar dieselbe Richtung hatten, gab er ihm den Namen, der ihm schon seit seiner Kindheit durch den Kopf schwirrte: Milord.

Hitze und Staub, und manchmal ein einsamer Feigenbaum mit halbvertrockneten Früchten, die dann in seinem Bauch rumorten, während Milord, der noch hungriger war als er, einer Katze gleich nach Eidechsen und Feldmäusen jagte. Die Tage vergingen, und Giorgio Bellusci bereute es allmählich, auf Reisen gegangen zu sein. Schafherden und Hirten waren verschwunden, genauso wie die asphaltierten Wege und die Glockentürme. Und einer wie er, sagte sich Giorgio Bellusci, der nicht einmal den Weg nach Bari fand, würde wohl niemals seiner Patrizia in die Augen schauen. Er drehte sich im Kreis, wie die Mauersegler, die über seinem Kopf durch den schwülen Himmel schossen und wie kleine schwarze Bälle zurückgesprungen kamen, seine Haare streiften und ihm auf die Schulter kackten. Doch nicht einmal in diesen Augenblicken der totalen Erschöpfung sehnte er sich nach Roccalba oder seinen Eltern und Freunden zurück. Im Gegenteil, der Gedanke an sie war ihm lästig, und auch der Gedanke an Bari, wo er vielleicht niemals ankam, was am Ende auch kein Drama wäre, oder vielleicht doch, aber gewiss doch, denn wenn du sagst, dachte Giorgio Bellusci, ich gehe nach Bari, und dann verirrst du dich wie ein kleines Kind, dann bist du nichts wert, dabei glaubtest du immer, wer weiß wer zu sein, himmelweit klüger als die anderen, weil du kapiert hast, dass es dumm ist, so zu sterben, wie man geboren wurde, als sturer Esel, der niemals schlau wird, wie ein Baum, der sein ganzes Leben still vor sich hin vegetiert. Das war das Drama: jäh auf offenem Feld zu erwachen, nachdem man den Anfang eines schönen Traums erlebt hatte. Armer Giorgio, ich erkenne dich nicht wieder. Und da schloss Giorgio Bellusci in einem Anfall wütenden Stolzes die Augen und rannte los. Entweder ich laufe gegen einen Baum, oder ich finde die Straße, sagte er sich und wusste, wie unsinnig der Einfall war. Doch er blieb dabei: Er lief, ohne die Augen ein einziges Mal zu öffnen, gefolgt von dem glücklich bellenden Milord und den verrückten Mauerseglern, die über seinem Kopf ein höllisches Anfeuerungsspektakel veranstalteten. Lauf, Giorgio, lauf, hopp hopp hopp. Hin und wieder stolperte er über die tückischen Wurzeln eines Erdbeerbaums oder einer Flaumeiche oder einer Tamariske oder einer Heckenrose oder Erika oder sonst etwas, und er stolperte auch über Milord, der ihm zwischen den Beinen herumsprang. Doch er stürzte nicht. Er hatte ja Übung: Als Kind war er mit geschlossenen Augen durch die Gassen gestreunt, die von seinem Haus zum Dorfplatz führten. Nur einmal war er dabei mit einem dicken, weichen Mann zusammengestoßen: seinem Vater, der ihn besorgt fragte: »Wo willst du denn hin, mit geschlossenen Augen?« Und er hatte im Weiterlaufen geantwortet: »Zur Piazza, siehst du das denn nicht, Pa’?«

Seit zehn Minuten rannte er immer geradeaus, ohne auf unüberwindliche Hindernisse zu stoßen, als er am Ende einer kurzen Steigung ein Hupen vernahm, Milords Bellen und, im nächsten Moment, laut kreischende Bremsen. Er riss die Augen auf.

Vor ihm stand tuckernd und in eine Staubwolke gehüllt ein rotes Auto in Form einer Schildkröte, am Steuer ein kahlköpfiger Mann, der blass und wild erbost in einer fremden Sprache schimpfte.

Nachdem der Mann sich beruhigt und in brüchigem Italienisch erboten hatte, ihn ein Stück mitzunehmen, dabei auch dem Hund bedeutete, ins Auto zu steigen, erfuhr Giorgio Bellusci, dass er Hans Heumann hieß, aus Deutschland kam und fünfundzwanzig Jahre alt war, wenngleich seine Kahlheit ihn deutlich älter erscheinen ließ. Mit Gesten und Worten verständigten die beiden sich über ihre jeweiligen Reiseziele: Der Deutsche fuhr nach Süden, nach Kalabrien, nicht zum Urlaub machen, sondern zum Arbeiten, wie er sagte, als angehender Fotograf. Giorgio Bellusci wollte nach Norden, nach Bari, nicht zum Urlaub machen, sondern … »Einfach so, ohne Grund«, presste er mit dünner Stimme zwischen den trockenen Lippen hervor. Hans Heumann begriff, dass der junge Mann erschöpft war und einen Bärenhunger hatte. Also lud er ihn in der ersten Trattoria, auf die sie stießen, zum Essen ein.

Und während Giorgio Bellusci sich Nudeln und scharfe Kutteln einverleibte, begleitet von großen Schlucken tiefroten Weins, der wie Fruchtsaft aussah, dabei dem Hund Milord Fleischstückchen zuwarf, unbekümmert rülpste und mit den Augen lächelte, fragte Hans Heumann, ob er ihn durch Kalabrien führen wolle. Er könne sich ausruhen, in Hotelbetten schlafen, in Restaurants essen, alles für ihn kostenfrei, versteht sich. Giorgio Bellusci schien nicht recht zu begreifen, aß, rülpste und schwieg. Also fügte Hans Heumann hinzu, dass er ihn danach auch nach Bari bringen würde. Ja oder nein. Da sagte Giorgio Bellusci ja, aber natürlich, ja, ja, danke, und hörte umgehend auf zu rülpsen.

So fuhren sie kreuz und quer durch ganz Kalabrien, die zwei Männer und der Hund Milord. Und während Hans Heumann fotografierte – Bauern auf ihrem Heimweg vom Feld, eingehüllt in schwarze Mäntel wie Banditen, Schafherden im blendenden Sonnenlicht, Frauen, nebeneinander auf niedrigen Mäuerchen vor ihren Häusern sitzend oder beim Brotbacken, barfüßige Kinder mit Gesichtern wie Erwachsene –, sah Giorgio Bellusci Orte, an denen er noch nie gewesen war, Dörfer am Rande schwindelerregender Abgründe, den Gedenkstein im Aspromonte-Gebirge, wo Garibaldi verwundet wurde, ein vom Meer umspültes Kastell, eine einsame Marmorsäule, mit Lorica-Kiefern getüpfelte Berghöhen, darunter auch die älteste Pinie Europas von weit über tausend Jahren. Was der Glatzkopf, der deutsche Hans, brauchte, war Gesellschaft, denn Wissen hatte er mehr als ganz Roccalba zusammen! Und was er nicht wusste, las er nach in einem Buch mit dem Titel Old Calabria, das ein englischer Reisender Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verfasst hatte. Hans Heumann war nicht nur gebildet, er war auch neugierig, und ihm entging nichts. Die Linse des Fotoapparats, den er um den Hals trug, war sein drittes Auge und vielleicht noch aufmerksamer als die anderen zwei, immer bereit, sich zu weiten und das Leben einen Augenblick lang festzuhalten. Und natürlich war er ein Mann, der Wort hielt. Als Anfang September der erste Regen einsetzte, beschloss er, nach Hamburg zurückzukehren, brachte aber zuvor Giorgio Bellusci nach Bari zu Patrizia, wie versprochen, und anschließend nach Roccalba. Milord immer im Schlepptau.

Als sie am Fondaco del Fico vorbeikamen, hielten sie an, und Giorgio Bellusci trat gerührt an die halbverkohlte Steinmauer. Dann erzählte er die Geschichte von drei Reisenden und ihrem Hund Milord, die an einem Oktobertag des Jahres 1835 zum Fondaco del Fico kamen. Dies war einer der zwei Sätze, die Hans Heumann verstand. Der andere Satz war ein Tagtraum, dessen Worte Giorgio Bellusci langsam aussprach, als seien sie ein Gebet oder ein sehnlicher, unverrückbarer Wunsch: »Ich will den Fondaco del Fico wieder aufbauen, so wie er zu den goldenen Zeiten meines Urgroßvaters aussah und noch schöner.«

In diesem Moment schoss Hans Heumann eines der stärksten Bilder seines Lebens, und Giorgio Bellusci sah, während er seinen Wunsch formulierte, vor seinen Augen ein Licht aufblitzen gleich einer Sternschnuppe. Danach fuhren sie ins Dorf hinauf. Es war der zehnte Oktober 1950, als zum ersten Mal ein roter VW-Käfer mit einem jungen Kahlkopf am Steuer in Roccalba einfuhr. Giorgio Bellusci hatte vier Kilo zugenommen, kraulte einen Hund mit rotem, glänzendem Fell und lächelte jeden an, der ihm begegnete, braungebrannt und mit langen Haaren wie ein wunderschöner Wilder.

Als der Traum viele Jahre später endlich zum Bauvorhaben herangereift war, geplant vom besten Ingenieur der Gegend, und kurz vor seiner Realisierung stand, passierte das, was den Traum wie einen Tontopf in tausend Scherben zerspringen ließ: Eines Sommers, der heißer und drückender war als gewöhnlich, wurde Giorgio Bellusci verhaftet.

Ich hatte nichts bemerkt, ich spielte zu Hause Fußball mit mir selbst, als es passierte, ich sah auch nicht den Mannschaftswagen der Carabinieri – oder wollte ihn nicht sehen –, der mit quietschenden Reifen davonfuhr, Giorgio Bellusci auf der Rückbank. Die Stimmen vom Dorfplatz jedenfalls, die der glutheiße Wind durch die mittäglich leeren Gassen fegte, klangen nicht lauter oder erregter als sonst.

Ich war erst vor wenigen Tage in Roccalba angekommen und noch ganz benommen von diesem mit staubiger Schwüle geblähten Sommer, der sich bleiern auf mich gelegt hatte, sobald ich dem Volvo meines Vaters entstiegen war, und mich seitdem nicht mehr losließ.

Ich konnte es kaum erwarten, ans Meer zu kommen, dort lag es, nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt, und wartete darauf, mich zu erfrischen, doch meine Eltern ließen sich Zeit. Sie drehten ihre Runden durch die Gassen von Roccalba, schweißverklebt und lächelnd, sie küssten alle, die ihnen über den Weg liefen: zahnlose alte Weiber, kurzbehoste Buben, Mädchen in Miniröcken, alte Männer mit Trauerknöpfen am Hemd. Ich aber hielt mir schützend den Arm vors Gesicht und ließ mich, wenn überhaupt, nur von den Mädchen küssen. Natürlich ahnte ich den Grund für die Euphorie meiner Mutter, die nach einem Jahr in ihr Dorf zurückkehrte, doch Klaus’ ewiges Lächeln, das sich in Momenten der Erschöpfung in ein erstarrtes Grinsen verwandelte, als säße er beim Fotografen, konnte ich mir nicht erklären. Was hatte er zu lachen und zu lächeln, der sonst so melancholisch oder griesgrämig oder nachdenklich dreinblickte, der kaum ein Dutzend Worte Italienisch verstand und kein einziges von diesem merkwürdigen Dialekt, den sie in Roccalba sprachen?

Zum Mittag- und Abendessen kehrten wir nach Hause zurück.

Großmutter drückte mich an ihren festen, runden Bauch und deckte dann nacheinander alle Töpfe auf, um mich einen Blick auf die Köstlichkeiten werfen zu lassen, die sie zubereitet hatte: gefüllte Auberginen, scharfes Paprikagemüse, Saubohnen oder im Steingut gesottene Kichererbsen, Lasagne oder hausgemachte Nudeln mit Ziegen- oder Lammragout, Ricottaravioli mit Anis aus dem Sila-Gebirge. Und dann ihre Spezialität: Miesmuscheln mit Kartoffeln und Zucchini, panierte Kürbisblüten und Öhrchennudeln mit Rübstiel nach einem Rezept, das sie aus Apulien mitgebracht hatte. Großmutter lächelte, wenn mir das Wasser im Mund zusammenlief, und ich gab ihr einen dankbaren Kuss. Sie war eine kleine Frau wie meine Mutter, mit einem großen, weichen Busen, der sich immer enger an ihren Bauch anschmiegte und zwei schöne Kamelhöcker bildete. Die Nonna hatte keine Kanten, weswegen sie mir von allen die liebste war. Außerdem war sie eine der wenigen Frauen eines gewissen Alters, deren Zähne noch gesund und weiß waren. Sie arbeitete den ganzen Tag im Haus, hielt es sauber und aufgeräumt wie die Wohnungen in der Werbung, und mit den Nachbarinnen war sie immer freundlich, wenngleich leicht reserviert, als wolle sie damit hervorheben, dass sie mit ihnen nicht viel gemein hatte, immerhin war sie aus einer Großstadt, aus Bari, und entstammte einer wohlhabenden Familie von Olivenölhändlern.

Giorgio Bellusci kam, als wir schon bei Tisch saßen. Das Wort »Nonno« brachte ich nicht über die Lippen, sosehr ich mich bemühte, und auch nicht seinen Vornamen, wie ich es manchmal bei meinem Vater tat. Ich redete ihn einfach überhaupt nicht an, was ihn schmerzte, wenngleich er es mich nicht spüren ließ. Er war fast so groß wie mein Vater, aber viel muskulöser, denn er arbeitete als Metzger und in seiner freien Zeit als Bauer. Er besaß auch eine Herde Schafe und eine mit Rindern, die von zwei Viehhütern aus dem Dorf versorgt wurden. Er verkaufte frische Milch, Ricotta, jungen Provolakäse und andere, reifere Sorten, und die fettesten Tiere schlachtete er selbst, nachdem er sie mit einem Faustschlag auf die Stirn betäubt hatte. Er war, das sagten alle, ein unermüdlicher Arbeiter und auch, das merkte ich selbst, ein unermüdlicher Redner. Er redete ständig, von den tausend Sachen, die er heute getan hatte, und den tausend Sachen, die er noch tun musste, vor allem für den Wiederaufbau des Fondaco del Fico, des verfallenen Gasthauses draußen auf dem Land, das er in ein kleines Hotel mit dazugehörigem Restaurant verwandeln wollte. Und er redete laut, wie alle in Roccalba. Die anderen nickten, mein Vater lächelte ohne rechten Grund, und manchmal fragte meine Mutter nach näheren Informationen zum zukünftigen Fondaco del Fico oder gab unverlangte Ratschläge wie beispielsweise, das Hotel mit einem Pool auszustatten, mit der gleichen extrem lauten Stimme wie alle. Ja, ich war wie betäubt nicht nur von der Schwüle, die mich immerzu quälte, sondern auch von der Lautstärke ihrer aufgedrehten Stimmen. Ich fühlte mich wie in einem Dorf von Schwerhörigen.

Anfangs befand sich Giorgio Bellusci in Hochstimmung. Erstens, weil die Familie wieder vereint war. Zweitens, weil die Geschäfte gut liefen, fast zu gut, sagte er, vor allem im Sommer, wenn die Einwohnerzahl im Dorf sich dank der aus dem Norden zurückkehrenden Emigranten verdoppelte und der Fleischabsatz sich verdreifachte, weil die Auswanderer im Urlaub nicht aufs Geld achteten. Sie verzehrten Fleisch in Mengen, dem Himmel sei Dank, um zu zeigen, wie gut sie finanziell dastanden.

Dann, mit dem ersten Julisonntag, verdüsterte sich Giorgio Belluscis Laune. Er redete zwar immer noch viel, doch man spürte seine Verbitterung, und in manch hitzigem Moment schossen Blitze puren Zorns aus seinen glänzenden braunen Augen, die von schwarzen Streifen durchzogen waren wie zwei blanke Kastanien.

Was genau mit ihm los war, sollte ich erst Jahre später mit Hilfe meiner Mutter herausfinden, und ich war überrascht, an wie viele Dinge ich mich erinnern konnte, die ich damals sofort aus meinem Bewusstsein verdrängt hatte.

Nun, begonnen hatte alles am späten Vormittag jenes ersten Julisonntags. Die Metzgerei war leer, und Giorgio Bellusci hängte gerade das übriggebliebene Fleisch in die Kühlkammer zurück. Er ließ sich absichtlich Zeit dabei und blieb immer wieder länger als nötig vor dem offenen Eisraum stehen. Draußen herrschte eine gemeine, drückende Hitze, und die kühlen Luftschübe erfrischten angenehm seinen verschwitzten Kopf und seine langen nackten Arme, die hier und da mit Rinderblut beschmiert waren.

Vor der Metzgerei hielt ein großzylindriger Wagen mit zwei Männern darin. Der Fahrer blieb sitzen. Der andere, jung und elegant, stieg aus, sah sich um und stöhnte wegen der schrecklichen Hitze. Er betrat die Metzgerei und grüßte höflich in stark kalabresisch gefärbtem Italienisch: »Guten Tag, capo. Wie geht’s?« Er trug einen azurblauen Leinenanzug mit Schweißflecken unter den Armen.

»Euch auch einen guten Tag«, erwiderte Giorgio Bellusci. »Ihr kommt gerade noch recht, ich war schon dabei, den Laden dichtzumachen. Eine Kalbsnuss ist noch übrig, die Leute hier haben keinen Schimmer, was gut ist, sie schauen nur auf den Preis. Dieses Fleisch hier zergeht auf der Zunge. Hauseigenes Kalb.«

Der Mann klopfte mit dem Finger auf die Keule, wie um zu prüfen, ob sie auch wirklich zart sei, und lächelte zufrieden. Er sagte: »Die Geschäfte laufen gut, was, Capo!«

Giorgio Bellusci erwiderte: »Ich kann nicht klagen, danke.«

»Und der Acker? Und das Vieh? Wie ich höre, wollt Ihr unten am Fluss ein paar Weingärten kaufen. Und dann das Bauvorhaben, das Hotel! Der Fondaco del Fico! Eine grandiose Idee! Mein Großvater erzählte mir immer, dass dort früher ein ganz flottes Gasthaus stand. Wo alle Reisenden einkehrten. So etwas brauchen wir. Das nächste Hotel liegt unten am Meer. Ihr werdet haufenweise Geld verdienen, zumindest im Sommer. Ihr expandiert, ja! Ihr kommt voran. Man sieht, dass Ihr ein tüchtiger Kerl seid.«

Giorgio Bellusci atmete kurz in der kalten Brise der Kühlkammer durch, die er wieder geöffnet hatte, und musterte den Mann misstrauisch: »Woher kommt Ihr, dass Ihr so gut über mich Bescheid wisst, besser noch als meine Frau?«

Sein Gegenüber betrachtete ihn abschätzig, jetzt auf einmal mit arrogantem Blick.

»Ich komme daher, wo meine Mutter mich gemacht hat. Das braucht Euch nicht zu interessieren. Ihr sollt nur an Euer Fortkommen denken, so mögen wir das. Ihr habt unseren Segen, unseren Schutz. Ihr zahlt eine kleine Rate jeden letzten Sonntag im Monat. Ich komme vorbei und hol die Kohle ab. Ihr braucht Euch um nichts zu kümmern. Ihr seid in guten Händen.«

Giorgio Bellusci traute seinen Ohren nicht, er wollte es einfach nicht glauben. Er war so überrascht, dass ihm keine Antwort einfiel. Sollte er ihm die Keule ins Gesicht schleudern oder ihn zum Teufel schicken oder auslachen? Er versuchte es mit Ironie: »Haltet Ihr mich etwa für einen, der im Lotto gewonnen hat? Ich arbeite hart, mit diesen Händen hier.« Und zum Beweis hob er seine schwieligen Pranken in die Höhe.