Über Karine Tuil

Karine Tuil, geboren 1972, studierte Jura in Paris und beschäftigt sich derzeit in ihrer Doktorarbeit mit gesetzlichen Bestimmungen zu Wahlkampfkampagnen in den Medien. Sie ist Autorin mehrerer gefeierter Romane und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Paris.

Maja Ueberle-Pfaff übersetzt aus dem Englischen und Französischen und hat u.a. Werke von Mark Twain, Jules Verne, Alice Walker, Shimon Peres, Ingrid Betancourt und Pierre Assouline ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Die Lügen des Lebens – das Meisterwerk aus Frankreich

Nina, Samuel und Samir – mit zwanzig Jahren sind die drei Freunde unzertrennlich, sie teilen dieselben Werte, erträumen sich eine Zukunft, in der sie ihre Ideale verwirklichen werden. Nina und Samuel sind ein Paar, doch als Nina eine leidenschaftliche Affäre mit Samir beginnt, sind Liebe, Freundschaft und Vertrauen zerstört. Samir verschwindet aus Frankreich und aus dem Leben der beiden Freunde – bis sie ihn zwanzig Jahre später durch Zufall im Fernsehen wiedersehen. Samir lebt als Staranwalt in New York, er trägt maßgeschneiderte Anzüge und das Lächeln der Erfolgreichen zur Schau, während Nina und Samuel ein tristes Dasein am Rand der Gesellschaft führen. Samuel brennt vor Eifersucht, zumal der Aufstieg des Rivalen auf seiner eigenen tragischen Lebensgeschichte beruht. Und so initiiert er ein Treffen in Paris, um sich an Samir zu rächen – doch am Ende fordert das Schicksal jeden Einzelnen zur Rechenschaft.

Ein großer Gesellschaftsroman über die Lügen des Lebens, über Schein und Sein, über Liebe und Verrat, über zerstörerische Ambitionen und das Scheitern daran. Ein aufwühlendes, »in seiner Intensität überwältigendes Buch« (Les Inrockuptibles).

»Mit Leidenschaft verschlingt man diesen Roman, der das Scheitern in unserer Gesellschaft in allen Variationen durchspielt. Zweifellos einer der wichtigsten Romane dieses Bücherherbstes.« Paris Match

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Karine Tuil

Die Gierigen

Roman

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Inhaltsübersicht

Über Karine Tuil

Informationen zum Buch

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Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Teil II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil III

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Teil IV

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Anmerkungen

Impressum

Für Ariel

»Die Liebe ist keineswegs eine so erquickliche Angelegenheit, wie alle sagen – vielleicht foltert man die Leute, damit sie das behaupten? Auf jeden Fall lügen sie alle.«

Orhan Pamuk, Les Inrocks, April 2011

»Hinter jedem Erfolg verbirgt sich eine Entsagung.«

Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

»Der literarische Erfolg stellt einen kleinen Teil meiner Sorgen dar. Der Erfolg zerrinnt Ihnen zwischen den Fingern, entgleitet Ihnen allenthalben (…), und es ist mein eigenes Leben, das am Ende am meisten zählt.«

Marguerite Yourcenar im Gespräch mit Bernard Pivot, 1979

I

1

Mit seiner Wunde hatte es angefangen, ja, mit ihr hatte es angefangen, dem letzten Stigma einer Tyrannei, der Samir Tahar sein Leben lang zu entkommen suchte: einer drei Zentimeter langen Schnittwunde am Hals, die er einmal von einem Schönheitschirurgen am Times Square mit einem Diamantschleifkopf hatte glätten lassen wollen, vergeblich, es war zu spät gewesen, er würde sie als Souvenir behalten und sie sich jeden Morgen ansehen, um sich daran zu erinnern, woher er kam, aus welcher Gegend/aus welchem Umfeld der Gewalt. Schau hin! Fass sie an! Sie schauten hin, sie fassten sie an, und beim ersten Mal waren sie schockiert über den Anblick und die Beschaffenheit dieser bleichen Narbe, die ihn als Draufgänger auswies, die von der Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, zum Widerstand zeugte – einer Form von Skrupellosigkeit, die, bis zum Äußersten getrieben, reine Erotik war. Eine Wunde, die er unter einem Schal, einem Seidentuch, einem Rollkragen verstecken konnte, und schon sah man nichts mehr.

An jenem Tag hatte er sie tatsächlich unter dem gestärkten Kragen seines Businesshemds versteckt, für das er garantiert 300 Dollar hingelegt hatte, sicher stammte es aus einer dieser Edelboutiquen, an denen Samuel Baron nicht mehr vorbeigehen konnte, ohne dass ihn der leise Wunsch befiel, mit der Kasse abzuhauen. Samirs ganzes Erscheinungsbild verströmte Wohlstand, Selbstzufriedenheit, Konsumorientierung, Null-Fehler-Prinzip, nichts war geblieben von seiner Vergangenheit, das verrieten auch sein hochmütiger Gesichtsausdruck und sein pseudoaristokratisches Näseln – dabei war er an der Juristischen Fakultät einer der militantesten Aktivisten der proletarischen Linken gewesen. Einer der radikalsten! Einer von denen, die ihre eigenen Demütigungen zu Waffen gegen die Gesellschaft umgeschmiedet hatten! Heute saß da ein Dandy, ein Emporkömmling, ein Spieler, ein grandioser Rhetoriker, eine Lex Machine. Das konnten nur ein radikaler Identitätswechsel, befriedigter Ehrgeiz, ein sozialer Aufstieg bewirkt haben – das genaue Gegenteil dessen also, was Samuel erlebt hatte. Eine Fata Morgana? Vielleicht. Das ist doch nicht wahr, dachte/betete/schrie Samuel, dieser nagelneue, hochgelobte, umschwärmte Mann kann doch nicht Samir sein, nie und nimmer ist er dieses Wesen da im Fernsehen, das sich selbst erschaffen zu haben scheint, dieser von seinen Günstlingen umschwärmte Fürst, dieser Meister der Scheinargumente. Vor der laufenden Kamera spreizte er sich, flirtete, gefiel Männern wie Frauen, wurde von allen beweihräuchert, vielleicht auch neidisch beäugt, aber doch respektiert. Im Gerichtssaal agierte er virtuos, er war einer von den Anwälten, die das Anklageverfahren kurzerhand aus den Angeln hoben, die Beweisführung ihrer Gegner mit vernichtendem Humor zerpflückten und bei alledem nicht mit der Wimper zuckten. Das kann doch nicht Samir sein, dieser scharfe Hund da in New York, auf CNN, auch wenn auf dem Bildschirm sein amerikanisierter Name in Großbuchstaben aufleuchtete, SAM TAHAR, und darunter sein Titel, Lawyer – Rechtsanwalt. Und er, Samuel, hauste für 700 Euro pro Monat zur Untermiete in einer Absteige in Clichy-sous-Bois, rackerte sich acht Stunden täglich als Sozialarbeiter in einer Einrichtung für benachteiligte Jugendliche ab, denen nichts Besseres einfiel, als ihn zu fragen: Baron, ist das ein jüdischer Name? Abendelang surfte Samuel im Internet und las/kommentierte unter dem Namen Witold92 Einträge in Literatur-Blogs, schrieb unter Pseudonym Manuskripte, die regelmäßig zurückgeschickt wurden. Sein großer Gesellschaftsroman? Auf den warten wir noch. Das kann doch nicht Samir Tahar sein, so vollkommen verwandelt, kaum wiederzuerkennen, eine beigefarbene Make-up-Schicht auf dem Gesicht, den Blick in die Kamera gerichtet, mit der unnachahmlichen Souveränität eines Schauspielers/Dompteurs/Scharfschützen, die dunkelbraunen Augenbrauen mit Wachs epiliert, in einem maßgeschneiderten Markenanzug, den er vielleicht sogar für diesen Anlass gekauft hatte und der sein Publikum beeindrucken/verführen/überzeugen sollte – die heilige Dreieinigkeit der politischen Kommunikation, die man ihnen bis zum Erbrechen in ihren Seminaren eingetrichtert hatte und die Samir jetzt mit dem Dünkel und der Selbstsicherheit eines Wahlkämpfers einsetzte. Samir vertrat auf Einladung des amerikanischen Fernsehens die Familien von zwei US-Soldaten1, die in Afghanistan gefallen waren, stimmte das Loblied auf die Interventionspolitik an, schmeichelte der populistischen Moral, spielte auf der Klaviatur der Gefühle und saß der Journalistin2, die ihm ehrerbietig ihre Fragen stellte – ihn befragte, als wäre er das verkörperte Gewissen der freien Welt! –, ruhig und selbstbewusst gegenüber. Offenbar hatte er dem wilden Tier, das in ihm steckte, einen Maulkorb umgebunden und die Aggression gemeistert, die lange jede seiner Gesten infiziert hatte.

Und dennoch nahm man bei der ersten Begegnung mit ihm nur diese heimliche Wunde wahr, den tragischen Widerhall des Grauens: Seine schönsten Jahre hatte Samir zwischen den dreckigen Wänden eines zwanzigstöckigen Hochhauses verbracht, zusammengepfercht mit fünfzehn, zwanzig – wer bietet mehr? – anderen, in Treppenhäusern, in die Hunde und Männer pissten. Jahrelang vegetierte er im achtzehnten Stock dahin, mit Aussicht auf die Balkons und die Wäscheleinen gegenüber, an denen Freizeitklamotten hingen – Imitate von Adidas, Nike, Puma, spottbillig gekauft oder erschachert in Taiwan/Ventimiglia/Marrakesch oder bei Emmaus vom Trödel abgestaubt –, grau verfärbte, schweißgetränkte Unterhemden, abgewetzte Slips, raue Handtücher, kunststoffbeschichtete Tischdecken, Hosen, die durch häufiges Waschen und die Bewegung des Körpers ausgebeult waren. Das ganze Zeug hing unmittelbar vor den Satellitenschüsseln, die sich massenhaft über die Dächer und Fassaden ausbreiteten, wie die Ratten, die man in den düsteren Kellerräumen aufscheuchte, in die freiwillig keiner mehr ging, aus Furcht vor Raubüberfällen/Vergewaltigungen/Angriffen, in die sich keiner mehr wagte, es sei denn, jemand bedrohte ihn mit Revolver/Messer/Cutter/Schlagring/Schlagstock/Schwefelsäure/Pumpgun/Tränengas/Karabiner/Nunchaku, und das war noch vor dem Flächenbrand im Osten gewesen, der massenhaft Kriegswaffen aus Ex-Jugoslawien ins Land spülte, welch eine Gabe des Himmels! Ein Familienausflug und hopp!, schon lag der ganze Plunder zwischen den Spielsachen im Kofferraum: Sturmgewehre, Automatikwaffen, Kalaschnikows, Uzis, Handgranaten mit elektronischem Zünder. Ganze Lager waren da im Niemandsland versteckt, und wenn einem danach war, wenn man Cash auf die Kralle gab, wenn es einen scharfmachte, konnte man auch Panzerfäuste kaufen. Und damit ging man in den Wald, feuerte ganz in Ruhe, in aller Stille, ohne Zeugen. Trainierte für den unterirdischen Krieg in den Tiefgaragen, zwischen Öl- und Urinpfützen, auch dahin ging niemand mehr, außer ein Bulle kam mit, der aber nicht mitkam, wenn ihn nicht ein anderer Bulle begleitete, der aber auch nicht mitkommen wollte. Machte sich fit für den ideologischen Krieg in den besetzten Häusern, wo großmäulige Typen von fünfundzwanzig, dreißig die Welt missbilligten/neu erfanden. Oder für den sexuellen Krieg in den feuchten, vom Gestank der Scheißhaufen verpesteten Kellern, wo Typen von vierzehn, fünfzehn reihum Minderjährige OHNE DEREN EINWILLIGUNG bestiegen, zehn, zwanzig von ihnen nahmen sich die Mädchen vor, einer nach dem anderen – man muss ihnen doch zeigen, dass man ein Mann ist, man muss doch irgendwohin mit der Wut, sagten sie dem Richter zu ihrer Verteidigung, die muss doch irgendwo raus. Oder für den Krieg der Gangs auf dem unbebauten Gelände, das in eine Kampfarena umgemodelt worden war, Tag und Nacht drängten sie sich zu Dutzenden um diesen Kampfplatz, auf dem Pitbulls mit verklebten Augen und den Namen gestürzter Diktatoren – Hitler war besonders beliebt – aufeinander losgingen, setzten hohe Summen auf den Besten, den Wildesten, den Mörderischsten, und aufgeputscht durch das Blut/das zerfetzte Fleisch/das Röcheln, ermutigten sie das Biest, seinen Gegner in Stücke zu reißen, ihm mit seinem kräftigen Kiefer die Augen auszubeißen – während er, Samir, oben blieb und schuftete, weil er nicht ohne Perspektive, ohne Zukunft, ohne sicheres Gehalt leben wollte, weil er nicht als Putzmann/Lagerarbeiter/Lieferant/Hausmeister/Wachmann enden wollte oder im besten Fall, wenn einen der Ehrgeiz stach, als Dealer. Er hatte vor, seiner Mutter Nawel zu beweisen, dass es auch anders ging.

Nawel Tahar war Hausangestellte bei der Familie Brunet – ihr Arbeitgeber, der französische Politiker François Brunet, geboren am 3. September 1945 in Lyon, war Abgeordneter der Sozialistischen Partei, Autor mehrerer Bücher, das aktuellste trug den Titel Für eine gerechte Welt und verkaufte sich bestens (Quelle: Wikipedia). Nawel, eine kleine, dunkelhaarige Frau mit schwarzen Augen, war eine Perle, sie wusste alles über die Familie, wusch deren Wäsche, Geschirr, Fußböden und Kinder, scheuerte, putzte, polierte, saugte, zu fünfzig Prozent schwarz, arbeitete an Feiertagen und Samstagen, manchmal auch abends, um die Brunets/ihre Freunde bei Tisch zu bedienen, sozial engagierte, reizbare Freunde, die ihre Namen in der Presse suchten, die ego-googelten, um im Bilde zu sein, sobald jemand etwas über sie schrieb – gut oder schlecht, Hauptsache, man sprach über sie –, die glücklich waren, wenn sie in ganzjährig gemieteten Dachkammern junge Frauen unter dreißig vögelten, die sich Sorgen machten wegen ihres Gewichts, wegen der Börsenkurse, besessen waren vom Verlust ihrer Jugend, ihres Kapitals, ihrer Haare. Leute, die miteinander schliefen, miteinander arbeiteten, sich Posten, Ehefrauen, Geliebte zuschoben, sich gegenseitig beförderten, einander die Stiefel leckten und sich die eigenen von albanischen Huren lecken ließen, weil die die professionellsten waren, und wenn diese Huren dann in der Abschiebehaft landeten, wo ehrgeizige Beamte (die Statistik!) sie festhielten, versuchten sie ihre Beziehungen spielen zu lassen, ohne Erfolg, wie bedauerlich, sie waren angewidert von der Politik, die ihnen die Objekte ihrer Begierde entriss, ihre Hausangestellten, die Ammen, die ihre Kinder liebgewonnen hatten, die Schwarzarbeiter, die ihnen leerstehende Industriegebäude (die Krise!) zu Luxuslofts umbauten, in denen sie ihren Protest fortsetzten, der genau bis zur Metrostation Assemblée Nationale reichte – was dahinter lag, ging sie nichts mehr an. Nawel, nehmen Sie doch die Reste mit, wir möchten sie nicht wegwerfen, und einen Hund haben wir nicht.

Ja, das Unglück und der Hass von zwanzig Jahren, in denen Samir die fürchterlichsten Dinge erleben musste, hatten Spuren hinterlassen, hatten sich als tragisches Funkeln in seinem Blick eingeprägt – ein harter, verschatteter, messerscharfer Blick, mit dem er einen skalpierte, aber es half nichts, man musste ihn trotzdem lieben. Doch das alles lag vor seinem Auftritt als gemachter Mann, als beifallheischende Fernsehmarionette: Bravo, gut gemacht!

Sie war erobert. Denn Samuel saß nicht allein vor dem Fernseher, dort saßen zwei Personen, beide bemüht, ihre latente Hysterie im Zaum zu halten, zwei Komplizen in der Niederlage – bei ihm war Nina. Sie hatte ihn geliebt, mit zwanzig, als das Spiel noch offen war, als noch alles möglich war, und welche Ziele hatten sie heute? 1. Eine Gehaltserhöhung von 100 Euro aushandeln. 2. Ein Kind bekommen, bevor es zu spät war – aber was für eine Zukunft hätte es? 3. In eine Zweizimmerwohnung umziehen, mit Blick auf einen Bolzplatz/Müllcontainer/ein verschlammtes Ufer, an dem zwei schmutzigweiße Schwäne sich angiften/dekorativ dahingleiten. 4. Ihre Schulden zurückzahlen – aber wie? Kurzfristige Maßnahme: Schuldnerberatung. Ziel: noch zu definieren. 5. In Urlaub fahren, eine Woche Tunesien vielleicht, nach Djerba in einen Club, all inclusive, man wird ja noch träumen dürfen.

»Schau ihn dir an!«, schrie Nina, den Blick wie hypnotisiert auf den Bildschirm geheftet, von ihm angezogen wie ein Insekt vom Schein einer Halogenlampe, an der es verglühen wird, und Samuel, fassungslos, hatte nur eine Erklärung für das, was sie da gerade sahen: Samir verschwendete keinen Gedanken mehr an die Ereignisse, die sich 1987 an der Universität von Paris abgespielt und ihn, Samuel, endgültig gebrochen hatten. Zwanzig Jahre hatte Samir Zeit gehabt, das Drama zu vergessen, das Samuel unbewusst inszeniert hatte und zu dessen Sühneopfer er geworden war, und wo tauchte er jetzt auf? Bei CNN, zur besten Sendezeit.

Sie waren sich Mitte der 1980er Jahre an der Juristischen Fakultät von Paris begegnet. Nina und Samuel waren bereits seit einem Jahr ein Paar, als sie am ersten Tag des Studienjahres Samir Tahar kennenlernten. Man konnte ihn nicht übersehen, er war neunzehn Jahre alt wie sie, wirkte aber älter: ein mittelgroßer, muskulöser Mann mit einem dynamischen Gang, ein Mann, den man auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv fand, aber das änderte sich, sobald man mit ihm ins Gespräch kam. Man war gefesselt und dachte: So sieht männliche Autorität aus, das ist animalische Ausstrahlung, so entfacht man sexuelle Begierde. Sein ganzes Wesen verhieß Genuss, er vibrierte vor Erotik, aber es war eine aggressive, verderbliche Erotik. Das war das Verwirrendste an diesem Typ, den sie kaum kannten: Er lebte seinen Eroberungsdrang völlig offen aus. Seine Sucht nach Frauen – Sex war schon damals seine Schwäche – sprang einem sofort ins Auge, ebenso sein Talent zur unverblümten, fast mechanischen Verführung, seine sexuelle Gefräßigkeit, die er nicht einmal zu beherrschen versuchte, die er mit einem einzigen Blick auszudrücken vermochte (einem durchdringenden, starren, pornographischen Blick, der seine Absichten enthüllte und auf das geringste Echo lauerte) und die schleunigst befriedigt werden musste. Man registrierte seinen fordernden, hemmungslosen Hedonismus, sein umwerfend lässiges Auftreten. Jeder freundschaftliche oder soziale Kontakt zu einer Frau hatte für ihn offensichtlich nur dann Sinn, wenn die Möglichkeit bestand, dass daraus eine andere Art von Kontakt wurde.

Aber da war noch etwas anderes … Man nahm eine Art Jagdinstinkt an ihm wahr, man spürte bei diesem Sohn tunesischer Einwanderer den Zorn, der von einer Kränkung gespeist wurde, und diese Kränkung war so offensichtlich, dass man sich fragte, welche Punkte in seiner Biographie und in seinen von Misstrauen geprägten Beziehungen ihn überhaupt so lange und so zuverlässig am Leben erhalten hatten. Gut, er hatte die Ambitionen seiner Mutter. Er war auf Erfolg aus, er wollte den familiären Teufelskreis der Niederlagen und Entbehrungen, des Verzichts und der Entsagung durchbrechen, der seinen Vater das Leben gekostet, die Träume seiner Mutter zunichtegemacht und seine Familie entwurzelt hatte. Er wollte aus seinem sozialen Gefängnis ausbrechen, und wenn er die Gitterstäbe mit den Zähnen durchnagte. Ein Streber? Vielleicht … Auf jeden Fall ein Migrantensohn, der sich nicht bescheiden wollte, der die Botschaft der Politik verinnerlicht hatte: Ihr müsst studieren, ihr müsst arbeiten. Ein Vorbild. Man beneidete den jungen Agitator um seinen anarchischen Mut und um eine intellektuelle Angriffslust, die durchaus ihren Charme hatte. Und wie hätte man ihm auch widerstehen können, wenn er leicht ironisch, aber mit herzergreifender Eindringlichkeit von seiner Kindheit in den schäbigsten Armenvierteln Londons und in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung am Rand von Paris erzählte, von seiner Jugend in der Dienstbotenkammer und dem Umzug in einen verwahrlosten Sozialbau, und fünf Minuten später über eine Diskussion zwischen Gorbatschow und Mitterrand referierte, als wäre er dabei gewesen. Seine Stärke war sein Sinn für politische Zusammenhänge und für das Anekdotische. Er konnte ganze Abende lang Memoiren oder Nobelpreisreden lesen, er liebte Berichte über außergewöhnliche Lebensläufe, denn genau das wollte er: ein Schicksal. Die Aura, das Charisma hatte er bereits.

Für Samuel, der sich als ein einziges Bündel von Neurosen betrachtete und nur den einen Ehrgeiz besaß, seine persönliche Leidensgeschichte zu einem großen Roman zu verarbeiten, war diese Freundschaft ein Glücksfall. Denn als er Samir kennenlernte, war er völlig am Boden zerstört. Er hatte gerade auf brutale Weise die Wahrheit über seine Herkunft erfahren, und in ihm herrschte das reinste Chaos. Seine Eltern hatten ihm pünktlich zu seinem achtzehnten Geburtstag eröffnet, dass er als Krzysztof Antkowiak in Polen zur Welt gekommen war – Schluss mit der Freude über die Volljährigkeit, willkommen in der Welt der Erwachsenen. Ihm wäre es lieber gewesen, er hätte das alles nicht erfahren … Er wusste nicht, was ihn mehr schockierte: dass seine Eltern nicht seine Erzeuger waren oder dass sein richtiger Vorname von Christus abgeleitet wurde. Denn er war von einem durch und durch religionsfeindlichen Paar erzogen worden, das kompromisslos, stur und aggressiv für eine laizistische Gesellschaft eintrat und dann auf einmal zum jüdisch-orthodoxen Glauben übertrat – eine spektakuläre Umorientierung, für die es keine rationale Erklärung gab. Das allein bot schon Stoff für ein ganzes Buch. Ein paar Stunden nach seiner Geburt war Samuel von seiner Mutter Sofia Antkowiak3 ausgesetzt, von Unbekannten in ein Waisenhaus gebracht und schließlich von Jacques und Martine Baron, einem französischen Ehepaar jüdischer Herkunft, adoptiert worden. Ihre Namen sind in Vergessenheit geraten, aber in den 1960er und 1970er Jahren gehörten sie zu den unermüdlichsten Agitatoren der intellektuell-politischen Protestbewegung in Frankreich. Jacques und Martine Baron, die dem assimilierten jüdischen Kleinbürgertum entstammten, waren Mitglieder des Kommunistischen Studentenverbands UEC und der Kommunistischen Partei Frankreichs, standen Alain Krivine und Henri Weber nahe und hatten seit langem jeden Identitätsanspruch verworfen. Sie lehnten Determinismus und Herdentrieb ab – und diese Prinzipien hatten sie dazu gebracht, sich wie durch Zauberei neu zu erfinden. Sie bewegten sich im Dunstkreis der intellektuellen Schwergewichte, die die Szene beherrschten. Sie hatten gemeinsam an einer Elitehochschule studiert und erfolgreich die Prüfung abgelegt, die sie dazu befähigte, an Universitäten zu lehren. Sie unterrichteten Literatur und Philosophie, waren jung, schön, kämpferisch und hatten alles – außer dem, worauf es ankam: einem Kind. Jacques war zeugungsunfähig und litt sehr darunter, denn er hatte schließlich sein ganzes Leben auf die Weitergabe von Wissen ausgerichtet. Das Paar leitete ein Adoptionsverfahren ein und erhielt nach einer Wartezeit von zwei Jahren endlich einen positiven Bescheid. An jenem Abend feierten sie mit ungefähr dreißig ihrer engsten Freunde die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Kindes. Nach einigen Gläsern Wein erhob sich die Frage: »Und wie wollt ihr das Kind nennen?« Diese Frage hatten sie sich – das wurde ihnen jetzt erst bewusst, wie peinlich! – noch nie gestellt. Martine kam als Erste mit dem Vorschlag, sie könnten ihn doch Jacques nennen, nach ihrem Mann. Oder Paul, zum Beispiel, oder Pierre. Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, man trank auf den zukünftigen PierrePaulJacques. Dieser Abend sollte ihnen als einer der wichtigsten ihres Lebens in Erinnerung bleiben. Zwei Wochen später jedoch beschloss Jacques zur Überraschung aller, die ihn kannten, seinen Sohn beschneiden zu lassen, obwohl er selbst nicht beschnitten war. Er nannte ihn Samuel, was in der wörtlichen Übersetzung aus dem Hebräischen so viel bedeutet wie »Sein Name ist Gott«, veranstaltete ein großes Fest und lud alle seine Freunde dazu ein. Und als der Rabbiner mit lauter Stimme den Vornamen des Kindes nannte, geschah etwas Außerordentliches: Jacques erklärte dem Rabbiner, er wolle von nun an wieder seinen echten Namen – Bembaron – tragen und sich künftig Jacob nennen. Er wolle den Bund, den sein Sohn gerade geschlossen hatte, selbst erneuern. Unter den Anwesenden – im Wesentlichen militante Linke, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer und laizistische Intellektuelle – herrschte Ratlosigkeit. Wenn nicht gar Bestürzung. »Rückkehr ins Ghetto«, ging manch einem durch den Kopf. Jacques/Jacob war wie verwandelt, er schwitzte, und sein Gesicht strahlte, obwohl er nichts getrunken hatte, er sah den Rabbiner, er sah die golden schillernden Stickereien, welche die Thorarollen schmückten, er hörte die brausenden Orgelklänge von der Empore herab, und er hatte eine Erleuchtung. Eine andere Erklärung gab es für diese Hinwendung zum Heiligen nicht, die er später tatsächlich »meine Rückkehr« nannte – nicht die Rückkehr ins Ghetto, sondern die Rückkehr zu sich selbst, zum Text. Bald darauf verließ die Familie Paris, das Quartier Latin, das Café de Flore und ihre Freunde, die sie nicht mehr verstanden, die sagten: »Sie sind verrückt geworden, wie traurig, eine Tragödie, sie stecken in einer Krise, sie werden zurückkommen.«

Sie kamen nie mehr zurück. Sie zogen in eine Dreizimmerwohnung in der Rue du Plateau im 19. Pariser Arrondissement, meldeten ihren Sohn in einer ultraorthodoxen jüdischen Schule an, wo die Lehrer Bärte und schwarze Hüte trugen und Gebete und heilige Schriften studiert wurden. In dieser Umgebung fühlte sich Jacob wohl. Er hatte sich noch nie so wohl gefühlt wie an der Seite seines Lehrers, eines charismatischen Siebzigjährigen, der ihm Hebräisch beibrachte und ihn in das Studium von Thora, Talmud und Kabbala einführte. Er fühlte sich wie neugeboren, er war nicht mehr der hochpolitische, rebellische, wütende Mann von früher. Und wenn er letztlich doch den Namen Baron behielt, dann nur, weil die Behörden ihn dazu zwangen.

Samuel wusste nichts über seine Herkunft. Jacob hatte mit der großen Offenbarung bis zur Volljährigkeit des Jungen gewartet. Zuerst reagierte Samuel gar nicht. Dann, nach ein paar Minuten, stand er wortlos auf, ging aus dem Zimmer, verließ das Haus. Kaum eine Stunde war vergangen. In der Toilette der städtischen Badeanstalt rasierte er sich den Bart, schnitt sich die Schläfenlocken ab und zog seine schwarze Kleidung aus. Lüge. Irreführung. Verrat. Schluss damit! Mit seiner Wut hatten die Eltern gerechnet, nicht aber mit der brutalen Zurückweisung, dem Bruch. Samuel schlief fortan in besetzten Häusern, dann begegnete er Nina im Hörsaal seines Fachbereichs. So, sie war keine Jüdin? Umso besser, ihm lag viel daran, seine Eltern zu provozieren. Denn für praktizierende Juden, denen die Weitergabe der jüdischen Identität am Herzen lag, war das ein Drama. Und sie stellten ihn vor die Wahl: Entweder du kommst zurück, oder du bleibst bei ihr und siehst uns nie wieder. Ein kategorisches Ultimatum, eine aggressive Kampfansage war genau das Richtige, um ihn von der Rückkehr ins Elternhaus abzuhalten. Er fand Unterschlupf bei einer Tante, die Eltern waren eingeweiht, sie steckten mit ihr unter einer Decke, aber es funktionierte. Es war ihnen lieber, ihr Sohn wohnte bei ihr als auf der Straße. In jener Zeit war er sehr verliebt in Nina und emotional vollkommen abhängig von ihr, kein angenehmer Zustand, aber die Soldatentochter hatte eine ziemlich strenge Erziehung über sich ergehen lassen müssen und ein starkes Moralempfinden. Loyalität war ihr wichtig. Als Siebenjährige hatte sie erlebt, wie ihre Mutter zu einem anderen Mann gezogen war. Sie war eines Morgens aufgewacht und hatte eine Abschiedskarte der Mutter auf dem Wohnzimmertisch vorgefunden, eine farbenfrohe Grußkarte, wie man sie nach einer Einladung an die Gastgeber schickt, um sich zu bedanken. Auf der Vorderseite stand in Großbuchstaben »DANKE« geschrieben. Auf die Rückseite hatte sie mit zittriger Handschrift ein paar Worte gekritzelt. Danke für die gemeinsam verbrachten Jahre, danke, dass ihr mich nicht verurteilt, danke, dass ihr mir verzeiht. Der Vater hatte die Karte an ein Feuerzeug gehalten und sie vor Ninas Augen verbrannt. Von diesem Schlag hatten sie sich nie erholt. Der Vater hatte angefangen zu trinken. Nina war zu einem aufrechten, moralischen jungen Mädchen ohne Selbstvertrauen und Orientierung herangewachsen, dem Samuel den Spitznamen »die französische Justitia« gab.

Samirs plötzliches Auftauchen hatte frischen Wind in ihre monotone Beziehung gebracht. Von nun an waren sie zu dritt, wie eine Phalanx rückten sie vor, wie eine Welle, man sah sie von weitem kommen, sie waren Freunde, Komplizen, das verliebte Duo und das frei bewegliche Elektron, keine Spur von Eifersucht oder Falschheit. Das gab Anlass zu Gerede, nicht nur auf den Fluren der Universität: Seht euch an, wie sie ihre Freundschaftsnummer abziehen, wie sie im Gleichschritt marschieren! Sie waren Gesprächsthema, und das genossen sie, es war ein Spiel.

Und dann auf einmal die Tragödie: Wenige Tage vor den mündlichen Prüfungen, nachdem Samuel lange nichts mehr von seinen Eltern gehört hatte, erfuhr er, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Ein Polizist hatte es ihm im Morgengrauen mitgeteilt. Davor hatte er ihn gefragt, ob er auch wirklich der Sohn von Jacques und Martine Baron sei. Ja, das bin ich. Er ist wirklich der Sohn seines Vaters, als der Polizist ihm erzählt, dass das Auto von der Straße abgekommen und in eine Schlucht gestürzt sei. Samuel erinnert sich nicht mehr an seine Reaktion, ein schwarzes Loch tat sich auf, vielleicht ist er zusammengebrochen, hat geweint, hat geschrien, hat »Das ist doch nicht möglich! Ich kann das nicht glauben. Sagen Sie mir, dass es nicht wahr ist!« hervorgestoßen. Glauben Sie mir, es ist wahr. Aber an die Totenwache erinnert er sich noch gut und auch an den Anblick der beiden mit Leichentüchern bedeckten Körper, umgeben von schwarzgekleideten Männern, die Gebete murmelten, und er selbst stand mit seinem Gebetbuch in der Hand dabei und rezitierte das Kaddisch für den Frieden ihrer Seelen. Samir war auch da, er stand hinter ihm, das Käppchen auf dem Scheitel. Auch er dachte an seinen Vater, zu dessen Beerdigung niemand gekommen war und den niemand beweint hatte. Noch am selben Tag überführte Samuel, begleitet von seiner Tante, die sterblichen Überreste seiner Eltern nach Israel, wie es ihrem letzten Wunsch entsprach. Doch bevor er das Leichenschauhaus verließ, nahm er Samir zur Seite und bat ihn in ernstem Tonfall: »Kümmere dich um Nina. Lass sie nicht allein. Ich verlasse mich auf dich.«

Und Samir kümmerte sich. Er lud sie zum Essen und ins Kino ein, brachte ihr Bücher, begleitete sie in die Bibliothek und ins Museum, hörte sie ab, und als sie kaum eine Woche nach Samuels Abreise in Tränen aufgelöst aus einer mündlichen Prüfung kam, brachte er sie in eine winzige Wohnung, die ihm ein Freund zur Verfügung gestellt hatte, nahm sie in die Arme, damit sie sich beruhigte, und brachte sie innerhalb weniger Minuten dazu, dass sie sich, immer noch weinend, gegen ihn fallen ließ. Er zog sie aus, sie trug einen Rock, das traf sich gut, und er tröstete sie auf seine Weise. Sex war seine Form von Trost, von Wiedergutmachung, seine Antwort auf die Brutalität der Welt – die deutlichste Antwort von allen, er hatte nie eine bessere gefunden. Dabei hätten sie es belassen können, aber das war unmöglich. Es war zu stark. Zu intensiv. Es überwältigte sie. Auf einmal waren sie schutzlos, einander ausgeliefert, das hatten sie nicht vorausgesehen. Und obwohl er ihr hätte sagen müssen, dass alles ein Irrtum war, obwohl er es hätte beenden müssen – denn das tat er immer, ganz instinktiv, ohne böse Absicht, weil er sich langweilte und nicht gern etwas wiederholte –, verliebte er sich in sie. Sie sahen sich wieder, sie trennten sich nicht mehr, verbrachten mehrere Tage eng aneinandergeschmiegt. Er liebte sie, begehrte sie, wollte mit ihr leben und sagte es ihr. Es war ein unsäglicher Verrat, Samuel würde wiederkommen, er hatte gerade unter tragischen Umständen seine Eltern verloren, er war sein Freund. In einer gerechten, fairen, moralisch einwandfreien Gesellschaft war das ein Skandal, aber wir leben nicht in einer gerechten Gesellschaft, dachte Samir, ich kenne mich aus, ich weiß, wovon ich spreche. Vielleicht ist das hier eine unfassbare Gewalttat – und wenn schon. Gewalt ist überall, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Auch die Liebe ist gewalttätig. Entscheide dich.

Als Samuel zurückkam, erzählten sie ihm nichts von ihrer Affäre. Samuel bedankte sich bei Samir – du bist ein Freund, ein wahrer Freund, auf den man sich verlassen kann, der da ist, wenn man ihn braucht, ein Bruder, dem man vertrauen kann. So ging es neun Monate, vielleicht auch länger, und Nina wollte Samuel, der jetzt allein in der Mietwohnung seiner Eltern zwischen den Möbeln und Habseligkeiten von Toten lebte, immer noch nichts sagen. Sie besuchte Samir nie, er kam nie mehr zu ihr – es war vorbei, sie schliefen nicht mehr miteinander, doch am Ende des akademischen Jahres stellte er ihr ein Ultimatum: er oder ich.

An diese Zeit erinnerte sich Samuel mühelos, und er wusste bald nicht mehr, wie er der Bilderflut von Samir-Superstar Herr werden sollte, die in mächtigen Wellen über ihn hinwegrollte und alles zerriss, was mühsam geflickt war, die alles überschwemmte, auch das fragile Gebäude, das er in sich errichtet hatte und das nun krachend zerbarst, bis kein Stein mehr auf dem anderen blieb.

Sein Erfolg beeindruckt dich, gib’s zu.

Nina betrachtete ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Zorn.

Ja.

Das ist wahr.

So ist es.

Es ist so weit.

Sie hatte sich einen kurzen Moment lang vorgestellt, was passiert wäre, wenn sie vor zwanzig Jahren, als Samir sie vor die Entscheidung gestellt hatte, mit ihm weggegangen wäre. Hier ein von Selbstvertrauen strotzender Samir, ein Mann auf Erfolgskurs, dem niemand widerstehen konnte, dort ein von der Liebe geschwächter, vom Unglück gebeutelter, durch die abrupte Trennung von Nina niedergeschmetterter Samuel. Er hatte damals kein anderes Mittel gefunden, sie aufzuhalten, als sich mitten im Hörsaal mit einem Teppichmesser die Pulsadern aufzuschneiden, einem Messer mit blauem Plastikgriff und einziehbarer Klinge, bei dem man den Schieber einrasten lässt – eigentlich sollte es gleich beim ersten Schnitt klappen, selbst wenn die Haut zähen Widerstand bot, selbst wenn es weh tat, damit das Blut und all die Traurigkeit herausrinnen konnten. Ihm war nichts anderes als Liebesbeweis eingefallen, sie sollte wissen, dass er bereit war, für sie zu sterben, und dieser entsetzliche Schmerz sollte aufhören, er wollte ihn mit einem einzigen Schnitt beenden. Ratsch.

Beim Aufwachen hatte er verstanden, dass sie sich für ihn entschieden hatte. Die Illusion, dass der erste Impuls nicht trügt. Dass er nicht manipuliert werden kann. Dass es keine Fehlerquote gibt. Die Fesseln der Theorie, das Gewicht der Vernunft, die Tyrannei der Moral, die Verlockungen des Konformismus und der Wiederholung – all das lässt uns erstarren. Die Geißel der Entscheidung. Ihre Risiken. Ihre Gefahren. Und doch muss man da durch. Nina saß da, mit struppigen Haaren und bleichem, fast ausgezehrtem Gesicht – er leidet, also leide ich. Sie saß am Bettrand, fast zu seinen Füßen, wie ein Hündchen, das Bild drängte sich auf. Sie war ganz für ihn da, schüttelte ihm das Kopfkissen auf, reichte ihm sein Glas, wenn er Durst hatte, half ihm beim Essen – es war die Stunde der Wiedergutmachung, der Mechanismus der Buße funktionierte wie geschmiert. Nina erlag der romantischen Vorstellung vom Selbstmord aus Liebe – wie schön, wie heldenhaft, wie gewaltig. Nina wich nicht von Samuels Seite, ging nur aus dem Zimmer, wenn das medizinische Personal auftauchte, und von Samir war keine Rede mehr. Die Sache war erledigt. Keiner von beiden versuchte je, ihn wiederzusehen. Sein Vorname wurde zum Tabu. Sie taten so, als hätten sie ihn vergessen.

Nach seinem Klinikaufenthalt zog Samuel aus der viel zu teuren Wohnung seiner Eltern aus, überließ ihre Möbel karitativen Einrichtungen, mietete sich eine Einzimmerwohnung und brach sein Jurastudium ab. (Er fragte sich, warum er gegen den Willen seines Vaters überhaupt damit angefangen hatte, aber er kam zu keinem Ergebnis, denn sein Suizidversuch und der Klinikaufenthalt hatten irgendwie jede Entschlusskraft und jedes Durchsetzungsvermögen ausgelöscht, und er bewegte sich von da an in einer verschwommenen, unscharfen Sphäre, in der alles mehrdeutig war.) Er studierte Literatur an einer Fernuniversität und brachte Ausländern Lesen und Schreiben bei. Auch Nina brach das Studium ab, das ihr nicht gefiel, und jobbte erst einmal als Verkäuferin, Kellnerin und Empfangsdame. Später modelte sie für die Kataloge großer Einzelhandelsunternehmen, vor allem für Carrefour und C&A.

Da! Schau dir das an!

Es war etwas Primitiv-Masochistisches an der Beharrlichkeit, mit der sie sich Samirs triumphalem Medienauftritt auslieferten. Umschalten? Nein. Möglicherweise schürte ihre passive Opferhaltung die Wut und die Empörung noch (endlich ein Motiv zum Schreiben, dachte Samuel, endlich der Anlass, einen Roman zu schreiben, der gelesen wird). Nina und Samuel saßen wie versteinert vor ihrem Firstline-Fernseher, den sie für 545 Euro, zahlbar in drei Raten ohne Zusatzkosten, bei Carrefour gekauft hatten (die Anschaffung des Geräts hatte für beträchtlichen Unfrieden gesorgt, da Nina seit Jahren einen Fernseher wollte, Samuel hingegen sah ihn als Bedrohung an und sperrte sich, gab am Ende allerdings nach), und begriffen, dass nichts mehr so sein würde wie bisher, dass etwas für immer verdorben/zerstört/beschmutzt war. Man konnte es Unschuld nennen oder auch den falschen Frieden der Ahnungslosen.

Samuel trat dicht an den Bildschirm heran und nahm Samir genau in Augenschein. Sah die Nase nicht so aus, als sei sie korrigiert worden, waren die Lippen nicht aufgespritzt? Auch die glänzende Stirn war unnatürlich glatt. Durch ein grausames Spiel der Spiegelungen überlagerte sich Samirs Kopf mit seinem. »Geh weg! Ich seh nichts!«, beschwerte sich Nina. Samuel trat zur Seite und stellte sich hinter Nina, sah ihren gebeugten Rücken, wie sie fast demütig vor dem Fernseher kniete und etwas vor sich hin murmelte – aber was?

Samir lächelte die Journalistin mechanisch an, es machte ihn stolz, auf diesem Stuhl zu sitzen, er war glücklich, das merkte man daran, wie er sich aufplusterte und die Oberlippe anspannte, sein Hochgefühl sprang einen direkt an. Nichts von dem, was sie zusammen erlebt hatten, schien ihn wirklich berührt zu haben, er sah aus wie jemand, der nach einem grauenhaften Autounfall dem brennenden Fahrzeug unverletzt entsteigt, während der Beifahrer auf der Stelle tot ist.

2

Seine Mutter4 hatte angerufen – fünf Mal, Samir hatte mitgezählt, das wurde langsam zwanghaft –, jedoch nicht, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, und auch nicht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Nein, sie klang verstört und hatte eine beunruhigende Nachricht hinterlassen, in der sie ihn um einen Rückruf bat, es sei »ernst«, es sei »dringend«. Dabei hatte er ihr doch in aller Deutlichkeit klargemacht, dass er keinen Kontakt mehr mit ihr wünschte, so sehr er sie liebte, das hatte er mehrfach hervorgehoben: Ich werfe dir nichts vor. Er reagierte nie auf ihre Anrufe, nicht etwa, weil er sie verachtet hätte – er respektierte seine Mutter –, sondern weil er keinen Missklang wollte. Nur darum ging es: Er wollte im Einklang sein mit dem Leben, das er sich ausgesucht hatte. Du bist vierzig, du hast in den USA eine außergewöhnliche Karriere hingelegt, du hast die Tochter eines der reichsten amerikanischen Unternehmer geheiratet, wie du das angestellt hast, spielt hier keine Rolle, du hast es so gewollt, du hast dich dafür abgerackert, du hast dich mit Beharrlichkeit durchgesetzt, das war nicht leicht, niemand hat dir dabei geholfen, niemand hat dich bei einflussreichen Leuten empfohlen, du hast dir selbst eine Existenz aufgebaut und warst auf dich allein gestellt, mit deinem Willen, der Erste zu sein, der Beste zu sein, getrieben von dem unbezähmbaren Wunsch, reich zu werden (wo ist das Problem?), ein schönes Haus zu besitzen (das schönste), eine Luxuskarosse (die stärkste), du hast die Vorlieben der Reichen, der Neureichen, na und? Mehr als einmal wärst du fast gescheitert, weil sich die Hindernisse auftürmten und ein Scheitern unvermeidlich schien: Du musstest in einem fremden Land studieren, die amerikanische Zweigstelle einer der renommiertesten französischen Anwaltskanzleien auf die Beine stellen und dir dort eine Position schaffen, dir einen Namen machen, du hattest manchmal Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, als du aus Frankreich weggegangen bist und jeden Kontakt zu deiner Familie, deiner Mutter abgebrochen hast, aber diese Zerfallsprozesse musste man eben ertragen.

Was wollte sie jetzt auf einmal, warum hatte sie ihn angerufen? Geld schickte er ihr regelmäßig, das vergaß er nie, die Überweisungen linderten seine Schuldgefühle, sie sprachen ihn frei, er unterstützte immerhin seine Mutter, er spendete für wohltätige Zwecke. »Du bist ein guter Sohn«, schrieb seine Mutter dankbar, »und, wie ich hoffe, EIN GUTER MUSLIM« – die letzten Worte hatte sie in Druckschrift geschrieben und unterstrichen. Er verabscheute diese krampfhafte Suche nach Identität, all das, was ihn vertrieben hatte, ihn die Wahrheit verschweigen und betrügen ließ.

Er hatte ihren Brief verbrannt.

Während er sich fragte, ob seine Mutter womöglich den Verstand verloren hatte, hielt er die manikürte Hand seiner Frau fest, die ihn mit verbundenen Augen durch die Dunkelheit führte. Er überließ sich blind ihrer Führung, tastete sich auf einen geheim gehaltenen Ort zu. Nichts war durchgesickert, niemand hatte etwas ausgeplaudert. Er fühlte sich ein wenig beengt in seinem Anzug, den er erst kürzlich bei Dior für seinen CNN-Auftritt gekauft hatte (und ich war gut, dachte er, ich war gelöst, redegewandt, präzise – einen »Fernsehgott« hatte die Moderatorin ihn hinterher augenzwinkernd genannt, und ihr kokettes Lächeln hatte ihn zu einem Wiedersehen eingeladen, sie könnten doch noch ein wenig plaudern/etwas trinken gehen oder auch mehr, wenn es sich ergab, und ob es sich ergeben würde, und er hatte im Stillen erwidert, »wenn du wüsstest, wie göttlich ich erst im Bett bin«, es war seine Art, immer alles auf Leistung zu reduzieren, sich mit anderen zu messen und ihnen überlegen sein zu wollen … in seine erotischen Fähigkeiten hatte er unbedingtes Vertrauen). In solchen Momenten existierte seine Mutter nicht mehr, und als er das leise Glucksen und unterdrückte Lachen im Raum hörte, hatte er sie besiegt, da war von seiner Vergangenheit nicht mehr übrig als von einem Leichnam, den man in Säure gelegt hat, damit er sich auflöst. Es gab nur noch ihn, Samir, inmitten einer riesigen Menschenmenge, die seinetwegen zusammengekommen war, ihn erwartete und ihm applaudierte. Mit der raschen Geste eines Entführers, der seine Geisel freilässt, löste seine Frau mit zarter Hand die Augenbinde, und Samir erblickte Hunderte von Gästen, die »Happy birthday to you, Sami« sangen. Er sah einen Luchs, zwei Timberwölfe, Goldene und Weiße Tiger, einen Sahara-Gepard, einen Asiatischen Löwen – alle waren in Käfige gesperrt und wurden von peitscheschwingenden Frauen, die in aufreizend durchscheinenden Panther-Kostümen steckten, im Zaum gehalten. Er sah einen bemalten Elefanten5, der majestätisch über einen Schaumteppich schritt, einen altersgrauen Gorilla mit Emailleaugen, den man für ausgestopft gehalten hätte, wenn er nicht all jenen, die es wagten, ihn durch die Eisengitter seines Käfigs hindurch zu streicheln, seine riesige, haarige Pranke entgegengestreckt hätte. Zwischen dieser Menagerie standen Herren mit Krawatte und ihre maskierten Begleiterinnen. Die Damen trugen mit Strass besetzte und mit Goldfäden abgesteppte Masken; Masken aus geklöppelter, gehäkelter, handgefertigter Spitze; Masken aus Stoff, Gips, Naturleder; Masken aus Pfauenfedern, Latex, Wildseide, Filz, schwarzem Samt; Piratenmasken, Zorro-Masken, afrikanische Masken, venezianische Masken – alles war erlaubt, was das Objektiv des Fotografen anlockte, der den vierzigsten Geburtstag von Samir Tahar für die Ewigkeit festhielt. In einem der exklusivsten und angesagtesten Clubs von New York drängte sich die Elite der amerikanischen Intellektuellen; Politiker, Anwälte, Verleger, Wirtschaftsexperten waren herbeigeströmt, um der Einladung der Tochter von Rahm Berg zu folgen. Ruth, Tahars Frau, hatte eine vorbildliche Biographie aufzuweisen: eine liebevolle Kindheit im Schoß einer großbürgerlichen, jüdisch-amerikanischen Familie, Jurastudium in Harvard, ein Kommunikationstalent, ein Mathematiktalent, ein Multitalent – und noch dazu uneigennützig, eine Philanthropin, die mehrmals im Jahr Lebensmittel an Bedürftige verteilte, eine reiche, eine immens reiche junge Frau, die jedoch nie vergaß, zehn Prozent ihres Einkommens an karitative Einrichtungen zu spenden, wie es das jüdische Gesetz vorschrieb. Natürlich hielt sie sich an die Traditionen, sie hatte neben den Rechtswissenschaften auch ein Literaturstudium absolviert und bei Joseph Brodsky, der sie als eine seiner brillantesten und feinsinnigsten Studentinnen bezeichnete, dichten gelernt. Sie hatte die klassischen Sprachen studiert und auch die Thora in der Originalsprache – angeleitet von ihrem Großvater mütterlicherseits, Rav Chalom Levine6, einem Rabbiner mit Bart und Schläfenlocken, der einem Roman von Isaac Bashevis Singer7 hätte entsprungen sein können. Es war alles sehr beeindruckend.

8Der Stadtneurotiker