Kathrin Groß-Striffler

Zum Meer

Roman

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Für Tanja

Inhaltsübersicht

1. TEIL

2. TEIL

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Informationen zum Buch

Über Kathrin Groß-Striffler

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

1. TEIL

Wir fahren unter dem Meer hindurch, ich höre es rauschen, die Wände des Tunnels ziehen sich zusammen, weiten sich, ein großes Herz pocht, es schlägt fest und regelmäßig, ich schließe die Augen und brauche sie nie mehr zu öffnen, jemand hält mich, wiegt mich, alles ist gut. Alles könnte gut sein, stattdessen rauchen wir unsere Zigaretten, rot leuchten die Spitzen, das Ende des Tunnels ist schon zu sehen, ein kleines helles Loch, das größer wird. Aus und vorbei. Neben mir eine Frau in den Fünfzigern, wortkarg, mit einem herben Gesicht mit viel Make-up, einem extravagant gezackten Ring am Finger, die Hände sind sicher kühl, nie schweißig und heiß, so wie meine, auch jetzt, als ich mich umsehe, die Insel in Augenschein nehme, was heißt das eigentlich, in Augenschein nehmen, da scheint doch nichts, der Himmel hängt tief, umgepflügte Felder, kackbraun, und gelbliche Wiesen ziehen sich bis zum Horizont, schwarze Raben sitzen auf den Schollen, reißen die Schnäbel auf, krächzen, flattern mit den Flügeln, schwarze Raben bringen Unglück. Ich schaue weg, schaue zu dem Dorf, das hinter einer Kurve auftaucht, viele Fensterläden sind vorgelegt, nur vereinzelt stehen Rauchsäulen über den Dächern. Wo sind die Leute?, frage ich, wo sind sie im Winter? Sie sagt, wenn keine Touristen kommen, wohnen sie in der Stadt und arbeiten dort. Das gefällt mir. Sie verhängen ihre Fenster, ziehen Polsterschoner über ihre Sofas, schließen die Tür ab, ziehen wie Zugvögel vor Wintereinbruch davon, lassen die Insel Insel sein, Kälte kriecht durch die Mauern und nistet sich ein. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Hände der Frau, die auf dem Lenkrad liegen, locker, entspannt, sie hat das Leben im Griff, so wie sie den Wagen im Griff hat, es gibt solche Menschen, denen fliegt alles zu, denen kann man kein X für ein U vormachen, ja, so wirkt sie, eine Ärztin, sie hat es mir erzählt, nein, mitgeteilt, als wir noch auf dem Festland waren, dann hat sie ihren Mund wieder über gleichmäßig weißen Zähnen geschlossen, sie hätte es nicht gesagt, wenn ich sie nicht gefragt hätte, ich bin immer neugierig, neugierig auf Menschen, die nicht aus dem Takt kommen, wie machen die das? Ihre Mutter wohnt auf der Insel, sie wird Weihnachten mit ihr verbringen, ich stelle mir eine sehr gepflegte weißhaarige Mutter vor, die sich gerade hält, die mit abgespreiztem kleinem Finger die Gabel zum Mund führt, die es mustergültig ordentlich in ihrem Häuschen hat, Karofliesen, schwarz-weiß, in der Küche karierte Vorhänge, im Wohnzimmer einen Kronleuchter, alte Möbel, ein Gärtchen, in dem im Sommer Dahlien blühen. Passiert mir oft, dass ich mir Dinge vorstelle, aus meinem Leben herausfalle, ich sitze da und glotze vor mich hin, gehe in fremden Gärten spazieren, niste mich in fremden Köpfen ein, und um mich herum kann passieren, was will, ich merke es nicht. Dann höre ich nicht einmal, wie Mia-Sophie schreit, nein, das stimmt nicht ganz, ich höre es und höre es nicht, ich nehme es wahr, aber es betrifft mich nicht. Es kratzt nur am Rand meines Bewusstseins, als würde ich in einer Glasglocke sitzen, und Nägel strichen knirschend über das Glas, es ist ein unangenehmes Geräusch, jemand will was von mir, aber ich bin nicht da. Ich stehe nicht zur Verfügung. Die Frau kennt Steffis Tante, die ein Hotel auf der Insel hat, es ist eins der wenigen, die auch im Winter geöffnet haben, ich bringe Sie hin, sagt sie, aber sie fragt nicht, warum ich hier bin, sie will nichts wissen, solche Menschen sind so, sie haben an nichts Interesse, sie schweigt, und plötzlich bin ich wütend auf sie. Man könnte ja mal den verdammten, dezent geschminkten Mund aufmachen und seinem Mitmenschen eine Frage stellen, finde ich, ganz heiß kocht die Wut in mir hoch, es würde mich nicht wundern, wenn Lava zwischen meinen Lippen hervorquellen würde, so ist das bei mir, eben noch ist alles paletti, und plötzlich bin ich auf hundertachtzig. Damit es mir besser geht, denke ich an Kurt, den LKW-Fahrer, der mich bis kurz vor den Tunnel mitgenommen hat, der mit dem Namensschild am Fenster und der blondgelockten Barbiepuppe am Rückspiegel. Wie die Frau jetzt schweigsam ist, war Kurt gesprächig, er fährt Oldtimer in seiner Freizeit, es hat mir gefallen, wie begeistert er sprach, ich konnte es fast vor mir sehen, wie er über einen glänzenden Kotflügel strich und um so einen Oldtimer herumtanzte und strahlende Augen hatte, das war doch was ganz anderes als diese blöde schweigsame Tussi neben mir, die ihr Schäfchen im Trockenen hat, eine feine Penthousewohnung und ein kleines Glas Rotwein am Abend bei leiser klassischer Musik. Jetzt hör aber auf, sage ich mir, aber ich kann nicht anders, ich mache sie nieder, mit allen Klischees, die mir zu Verfügung stehen, will ich ihr zeigen, wie spießig ihr Leben ist, wie abgeklärt, langweilig, ach, mir fehlen die Worte, wie kann man nur so genügsam sein. Und die ganze Wut nur, weil sie mich nicht beachtet. Es macht mich krank. Es macht mich zappelig. Und plötzlich kann ich es nicht erwarten, dass wir endlich da sind, dass ich das Hotel sehe, vielleicht hat es direkten Blick auf das Meer, ach, es muss direkten Blick aufs Meer haben, ich will mich klein und demütig fühlen, ich will alles vergessen, ich will, dass die Zahnrädchen in meinem Kopf zum Stillstand kommen, und da braucht es schon was Gewaltiges wie das Meer. Auf keinen Fall aber will ich ein Weihnachten wie das letzte erleben, so etwas darf sich nicht wiederholen, nie, ein Glück, dass ich im letzten Moment noch auf den glorreichen Gedanken gekommen bin, mich abzusetzen, wer weiß, was sonst passiert wäre, Mia-Sophie hab ich schon mal durchs Zimmer geschmissen, aber gottlob war sie dick in einen Schneeanzug gepackt. In dem Moment dachte ich, hau ab, so schnell du kannst, ich habe den anderen aus der WG einen Zettel hinterlassen und ein schlafendes, frisch gefüttertes, frisch gewindeltes Kind, ich habe gewusst, dass einer von ihnen rechtzeitig da sein würde, ich habe tatsächlich an alles gedacht, ich habe auch Geld hingelegt und ein Paket Windeln, und dann: Ein paar warme Sachen in die Tasche und raus an die Straße und den Daumen hoch.

Es dämmert schon, wieso eigentlich, es ist noch nicht mal vier, da fällt mir ein, dass die Insel im Norden liegt, der Tag also früher zu Ende ist, das habe ich nicht bedacht, o Gott, nein, das habe ich wirklich nicht bedacht, wo doch jede Minute zählt, die es hell ist, der kürzeste Tag des Jahres ohnehin noch bevorsteht, es also immer noch schlimmer kommen wird, es ist, als habe mir eine große Faust in die Magengrube geschlagen. Aber was kann ich dafür, dass Steffis Tante hier ein Hotel hat und nicht im Süden. Wie schön das gewesen wäre, lange Tage, milde weiche Luft, eine orangerote Sonne, die abends ins Meer plumpst, wie damals, vor zwei Jahren. Es fehlt nicht viel, und ich würde den Geruch nach Zedern riechen anstatt den nach Benzin, auch nach Gülle riecht es, nach Schweinepisse, Kuhpisse, was weiß ich, ich stippe die Asche von meiner Zigarette in den Aschenbecher, inhaliere tief, sehe wieder auf die Uhr: Mir fehlt eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde, die es da, wo ich sonst wohne, noch hell ist, ein Geschenk scheint sie mir plötzlich, diese halbe Stunde, ein Geschenk, auf das ich freiwillig verzichtet habe, das hab ich jetzt von meiner Flucht, eine halbe Stunde früher Nacht, Dunkelheit, die rasend schnell hereinbricht, gerade war es noch hell, gleich ist es finster, jetzt übertreib mal nicht, sage ich mir, beruhige dich, atme tief durch, als käme es auf eine halbe Stunde an. Mein Kopf ist es gewohnt, Befehle zu empfangen, Befehle wie: Beruhige dich, übertreibe nicht, sei nicht hysterisch, und er kümmert sich einen Dreck darum, genauso wenig, wie Mia-Sophie sich darum kümmert, wenn ich ihr etwas androhe, sie weiß, dass ich nichts durchhalten kann, Verbote nicht, Versprechen nicht. Es gibt jetzt mehr Häuser rechts und links, viele sind Hotels, die leer stehen, Schneereste, mit grauer Rußschicht überzogen, säumen die Straße, einladend ist das nicht, wahrhaftig nicht. Die Frau hält an. Hier ist es, sagt sie, sie deutet auf einen sechsstöckigen Bau mit Flachdach, ein paar der Fenster sind erleuchtet, vor dem Gebäude steht ein Tannenbaum, mit Glitzerlämpchen geschmückt, es weihnachtet sehr. Ich bleibe sitzen, ich rühre mich nicht. Vielleicht hat sie ein Einsehen und nimmt mich wieder mit. In meinem Leben sind immer an wichtigen Stellen Schutzengel erschienen, vielleicht ist sie einer von ihnen, vielleicht habe ich sie falsch eingeschätzt, ich drehe den Kopf und lächle sie an. Also dann auf Wiedersehen, sagt sie. Fröhliche Weihnachten. Sie kann mich mal. Hochmütig wende ich den Kopf, greife nach meiner Tasche, öffne die Tür, steige aus, werfe sie laut und hart ins Schloss, es wundert mich nicht, dass die Frau gleich losfährt, aber nicht mit quietschenden Reifen, dazu ist sie zu vornehm, die dumme Kuh. Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe an der Hausfassade hoch, es hat zu nieseln begonnen, es ist fast völlig dunkel inzwischen, dunkel und kalt, bald wird der Regen in Schnee übergehen. Ich frage mich, was ich erwartet habe. Wie immer habe ich etwas Schönes erwartet, etwas Feierliches, das mich mitreißt, das macht, dass ich mich vergessen kann, immer soll es sein, als liefe ich über ein Feld der Sonne zu und in die Sonne hinein, aber wenn ich dann dort bin, sind da nur Stoppelhalme, die meine Füße pieksen. Und jetzt ein Hotel. Eine nackte Tanne in der Eingangshalle, Kartons daneben, in denen Christbaumkugeln noch halb in Papier eingeschlagen sind, eine Kette mit elektrischen Kerzen liegt auf dem Boden. An der Wand steht ein mächtiger Tisch, um den sechs, sieben Leute sitzen, Leute in abgetragenen Klamotten, Marke C&A, Leute, die nicht herblicken, die irgendwelche Papiere vor sich liegen haben, über ihnen brennt eine helle Lampe, ansonsten ist das Licht gedämpft, auch an der Rezeption, Schlüssel hängen an der Wand, aber niemand ist da. Es riecht nach – nach was? Irgendwie fischig, schweißig, der Geruch kommt von den am Tisch Sitzenden oder von ihren Mänteln, die sicher feucht sind. Der braune Teppichboden ist abgetreten. Ein sehr großer Mann steht auf, seine langen Haare kleben am Kopf, er trägt irgendetwas vor mit Abendrot und schwankenden Tannen und zirpenden Grillen, als er fertig ist, sieht er stolz um sich, sieht mich, macht einen tiefen Diener, tritt auf mich zu. Wir sind Schriftsteller, mit Verlaub, sagt er. Er ist es, der so stinkt, es ist fast nicht auszuhalten, er sagt, wenn Sie auch schreiben, können Sie bei uns mitmachen, wir sind immer offen für Neue, aber ich schüttele den Kopf, trete an die Rezeption heran, drücke auf die Klingel, ich weiß nicht, was ich hier soll, es muss ein Missverständnis sein, was habe ich in einem runtergenudelten Hotel mit stinkenden Schriftstellern zu tun, irgendwie bin ich im falschen Film, warum hat Steffi nicht gesagt, wie es hier aussieht. Typisch Steffi. Auf sie ist kein Verlass.

Niemand kommt. Und wenn ich eins nicht kann, dann ist das warten, das macht mich fertig, das ist, als wäre ich ein toter Hase, an allen vieren auseinandergezogen und straff aufgespannt, auf meiner Haut kann man die Trommel schlagen, wenigstens dazu bin ich nütze. Ich hab die Dinge nicht in der Hand, wenn ich warten muss, ich hab die Gefühle nicht in der Hand, die Phantasien, sie fallen in meinen Kopf ein wie Aale in totes Zeugs, sie schlängeln sich und bäumen sich und ich stehe machtlos da und glotze blöd, glotze auf die Klingel, die ich noch einmal betätigen könnte, wenn ich die Kraft aufbrächte, schon hebt sich meine Hand, ganz ohne mein Zutun, aber sie fällt wieder herab, ich höre das Rascheln der Seiten, als einer der Schriftsteller sie wendet, es klingt wie trockenes Schaben und passt zu dem Hüsteln, das aus einem der Münder kommt, ja, sie alle wirken ausgetrocknet, alte Haut, die abgeworfen und übrig ist, was hab ich nur mit denen zu schaffen, mit ihnen und ihrem Gestank. Ich strenge mich an, in meinem Kopf das Bild wiederzufinden, das ich mir von diesem Hotel gemacht habe, an weinroten Plüsch will ich denken und an flauschigen Teppichboden und moderne Deckenleuchten und an das Meer, das ich mir türkisgrün vorgestellt habe, mit ganz kleinen Wellen, so ein Schwachsinn bei dieser Jahreszeit. Dagegen diese Schlüssel, die an ihren Haken hängen wie fliegende Hunde, die Kästchen darunter für Briefe, alle leer und dunkel, Kästchen, die hinten offen sind und in die Wand hineinführen, wo die Briefe hinunterfallen und sich im Schacht zu einem Haufen schichten, im Schacht, wo kein Wind hinkommt, wo es finster ist wie in einem Tunnel, aber das darf nicht sein, dass mein Fenster auf einen Schacht hinausgeht, nein, das darf nicht sein, das wäre ein Grund, sofort die Fliege zu machen, aber wohin denn dann? Die Fliege zu machen: kein schöner Ausdruck, Fliegen tummeln sich über Scheiße, über Misthaufen, schöner wäre es, den Vogel zu machen, die Möwe, mit sacht schlagenden Flügeln, ich höre Tritte auf der Treppe, die knarrt, ich muss einen guten Eindruck auf die Tante machen, die Tante stelle ich mir übrigens verhärmt vor, mager und knochig, mit spröden Haaren und durchdringendem Blick. Die böse Hexe aus dem Bilderbuch, die mir schnell zu verstehen gibt, was ich darf und was ich nicht darf, die meine Fingerknöchelchen abtastet und für zu mager befindet, mich für zu mager befindet. Was kann ich dafür, dass ich so dünn bin. Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht, ein kleiner Stein wird, wie sich meine Härchen aufstellen, ich spüre meine Zähne, als hätte ich Kaltes gegessen, ich bin auf der Hut. Die Schritte kommen näher. Ein lächelndes Gesicht, dessen unzählige Fältchen zu einem Feuerwerk feinster Linien zerbersten. Grüne Augen mit einem glitzernden Stern in der Mitte. Die Tante trägt Leggings. Sie trägt Leggings mit Leoprint, darüber einen sehr weiten schwarzen Pullover, schwarze Stulpen, eine silberne Halskette. Sie ist vielleicht Mitte fünfzig, groß, schlank, sie muss mir ansehen, was für eine Anstrengung es mich kostet, beide Bilder zur Deckung zu bringen, es scheint sie zu amüsieren, wie ich mich anstelle, bestimmt liegt ein dummer Ausdruck auf meinem Gesicht. Sie streckt mir die Hand hin. Saskia?, fragt sie. Ich nicke. Willkommen. Dass sie so freundlich ist, habe ich nicht erwartet, das ist gefährlich, da werde ich weich und schmelze, in die Arme will ich mich ihr schmeißen, meinen Kopf an ihrer Brust bergen. Ich möchte ihr gefallen. So geht es immer los. So ging es auch bei Raffael los. Und soll mir keiner sagen, dass ich die Leute nicht blenden kann. Ich hab das drauf, wenn ich will. Ich kann machen, dass meine Augen blitzen, meine Lippen sind voll, geschminkt habe ich mich auch, Mascara, Lipgloss, Rouge, es gibt kaum einen Tag, an dem ich mich nicht schminke, man weiß ja nie. Je schwärzer die Augen, desto besser, ich verwende auch Wimpernverlängerer, ich trage Ohrringe, die klimpern, wenn ich den Kopf schüttle, meine Haare sind mit Wachs behandelt, sie stehen mir wirr um den Kopf, ich sehe aus wie der Junge von Picasso, hat Steffi gesagt, burschikos, mir macht keiner was vor. Die Tante gibt mir die Hand. Ob sie etwas weiß über mich, Steffi ist eine Plaudertasche, vielleicht weiß sie, dass ich ein Kind habe, dass mein Kind milchkaffeebraun ist und einen Brasilianer als Vater hat, dass ich die Schule abgebrochen habe, ich weiß nicht, ob ältere Frauen bei jüngeren mütterliche Gefühle kriegen, ich habe keine Mutter, auch keine Tanten, so wie Steffi diese Tante hat, ich bin verloren auf weiter Flur. Ich habe Angst, dass sie ein Urteil über mich fällt. Als käme es darauf an, was ein fremder Mensch über mich denkt. Und doch, hier kommt es darauf an, keine Ahnung, wieso, bloß weil sie ein freundliches Lächeln hat, bloß weil sie willkommen gesagt hat. Immer mache ich mich abhängig von anderen Leuten. Als könnte ihr Urteil über mein Leben oder meinen Tod bestimmen. Diesmal habe ich Glück gehabt, erst einmal jedenfalls, sie lächelt immer noch, ergreift meine Hand, sagt, dass das Zimmer für mich fertig ist, langt hinter sich, nimmt einen Schlüssel vom Haken, Nummer 19, sagt sie, sechster Stock, mit Blick aufs Meer, gewöhnen Sie sich ein, alles andere besprechen wir später, ein jähe Woge packt mich, spült mich hoch, ich grinse blöd von da oben herab, leicht bin ich, vogelleicht. Den Schlüssel in der Hand, laufe, nein hüpfe ich die Treppe hoch, der Läufer ist flaschengrün und weich, fast wie in meinen Träumen, von goldenen Stäben eingefasst, wenn das Mia sähe, sie würde die Treppe hinaufkrabbeln, die Zungenspitze zwischen den Zähnchen, ach, Mia, ich hoffe, sie passen gut auf dich auf, sie machen es bestimmt besser als ich. Dazu gehört nicht viel, dass man es besser macht als ich. Aber jetzt, in diesem Augenblick, müsste sie da sein, was könnte ich ihr nicht alles erzählen, dass der Läufer aus Moos ist, was Wichtel über die Treppe gespannt haben, das ist Moos, Mia, würde ich sagen, es ist weich und gleichzeitig fest, es ist so, wie die Menschen sein müssten, wie deine Mama sein müsste, nicht wahr, kleines Geschöpf, ich würde ihr über die flaumigen schwarzen Löckchen streicheln, das Schwarze hat sie von ihrem Papa, das Flaumige von mir. Auf meinen Schultern dürfte sie reiten, ein Stockwerk hoch und noch eines, bald, kleine Mia, zeig ich dir das Meer, ich zwitschere wie ein Vogel, mein Schnabel öffnet und schließt sich, schwarzer Schnabel vor hellem Grund. Der Schlüssel dreht sich im Schloss, ich stoße die Tür auf, knipse das Licht an. Die Vorhänge sind zugezogen, es ist ja schon Nacht, es gibt ein breites Doppelbett und einen kleinen Schreibtisch und einen Schrank. Ich mache das Fenster auf. Ich höre das Meer, wie es rauscht, wie es tobt, wie es auf den Sand kracht, Atem holt, aber ich sehe es nicht, es ist schwarz wie der Himmel, der Mond ist von Wolken verdeckt. Die Woge, auf der ich geritten bin, zerbirst am Strand. Die Schwärze ist furchtbar, ich bekomme kaum Luft, ich halte die Hand hinaus, und sie wird von der Finsternis verschluckt, die auch mich ansaugt, gleich zieht sie mich hinaus, abrupt drehe ich mich um. Das Zimmer ist leer. Wenn nur Mia hier wäre, wenn ich mich um sie kümmern könnte, ich würde ihr den Schneeanzug ausziehen und die Stiefelchen, ich würde sie auf meinen Schoß setzen und ihr von den Wichteln erzählen, ich würde sie herzen, nicht wahr, lieb haben würde ich sie, bis die Schwärze sich auch im Zimmer ausgebreitet hätte, denn der entkommt man nicht, am Ende ist sie es, die Sieger ist, das weiß ich genau, und Mia-Sophie würde zu weinen beginnen. Wie mich das nervt, wenn Kinder weinen, greinen, nölen, quengeln, ich schnappe nach Luft. Aber sie ist nicht da. Mia-Sophie ist nicht da. Das ist gut, denn nun muss ich keine Angst haben, dass ich ihr etwas zuleide tun könnte. Wenigstens etwas. Ich mache meinen Koffer auf und hole mein Gras heraus, ich habe genug für zwei Wochen, ich rolle einen Joint und lege ihn auf den Nachttisch, daran halte ich mich fest, denn wenn ich rauche, geht es mir gut. Wenn ich kein Gras habe, kann ich nicht schlafen. Ich rede mir zu, morgen wird es hell sein, morgen wirst du das Meer sehen, morgen wirst du wissen, warum du hier bist. Jetzt halte ich es für eine total bescheuerte Idee, im Winter an die Ostsee zu fahren, also wirklich, aber ich hatte keine Wahl, das Geld war alle, und hier muss ich nichts zahlen. Du hilfst meiner Tante, hat Steffi gesagt, dann kannst du bei ihr mitessen, sie ist froh, wenn sie sich nicht selber um alles kümmern muss. Hier gibt’s wahrscheinlich nicht einmal ’ne Kneipe, die offen hat. Ich schalte den Fernseher ein, Sex and the City, das gefällt mir, das sehe ich oft, aber heute kotzt es mich an, und ich schalte wieder aus. Die Stille dröhnt in meinem Kopf. Ob noch mehr Gäste im Haus wohnen, ob ich die Einzige bin? Ob die Tante abends abschließt und ihr Häuschen am Meer aufsucht, sie hat sicher Katzen mit langen seidigen Haaren, die schnurrend um ihre Beine streichen, die mit ihr auf dem Sofa Platz nehmen, sich an sie schmiegen. Steffi hat gesagt, dass die Tante verwitwet ist und keine Kinder hat. Sie hat Perserteppiche ausliegen, viele Kissen überall, schwere Vorhänge, die auf dem Boden aufstehen, sie hört sich etwas im Radio an, ich merke, wie ich anfange, mich in ihrem Haus zu bewegen, meine Nase einmal in die Ecke, einmal in eine andere zu stecken, ich sehe ihr breites Bett, auf dem immer noch zwei Kissen liegen, den Überwurf mit Rosenmuster, die altmodische Stehlampe neben der Couch, ihre Hausschuhe aus Lammfell, eine Uhr mit einem langen Pendel tickt leise und sachte; sie legt die Beine hoch auf einen Hocker, sie ist müde, sie schließt die Augen, sie schläft ein, sie erwacht, lauscht der Opernmusik, ach, keine Ahnung, vielleicht hat sie auch einen Lover und ist gar nicht allein. Nur ich bin allein. Ich hätte Mia-Sophie mitnehmen sollen, dass sie mich ablenkt, nur ein kleines bisschen hätte ich mich noch beherrschen und sie mitnehmen sollen, eine Mutter-Kind-Kur machen, so etwas gibt es doch, ich hätte sie neben mich ins Bett gelegt und zugedeckt und ihr etwas erzählt, etwas von einem tiefblauen Meer und heißem Sand und Schaumkronen, die auf ihm liegen bleiben wie Sahnebaisers, sie hätte nicht viel verstanden, aber dem Klang meiner Stimme gelauscht, gelächelt, die Augen geschlossen, nein, Mia, mach sie wieder auf, lass mich nicht allein! Aber sie hätte mich alleingelassen, Kinder lassen einen immer allein. Wie Embryos rollen sie sich zusammen und machen dicht. Da kann ich mit dem Fingerknöchel an ihre Haut pochen, da rührt sich nichts. Ich springe auf, laufe im Zimmer auf und ab, drei Schritte mal zwei Schritte, viel ist das nicht, ich reiße die Tür auf, kann es sein, dass ich wirklich die Einzige bin? Ich lausche, höre das Meer tosen, der Flur ist schwach erleuchtet, es gibt auch einen Lift an seinem Ende, ich drücke auf den Knopf, die Seile vibrieren, es dauert lange, bis er kommt, die Tür öffnet sich wie ein breites Maul, das mich verschlingen will. Ich drücke schnell auf Erdgeschoss, ziehe meine Hand zurück, das Maul schließt sich, die Schachtel gleitet in die Tiefe. Es wäre schön gewesen, wenn ein Gast drin gewesen wäre. Auch wenn er mir nur eine Grimasse geschnitten hätte, wäre es schön gewesen. Sie hätte mich wieder im Leben vertäut, vielleicht hätte ich mich wieder gespürt, ich bin mir verlorengegangen, meine Haut ist aus Glas. Die Treppe führt hinab wie eine Feuerleiter außen am Haus, man muss aufpassen, dass man nicht danebentritt, das Knarren ist, als würden sich Tausende von Würmern durch das Holz fressen, das ist eklig, dass man auf Würmer tritt. Im fünften Stock ist es auch nicht anders, gedämpftes Licht, Stille, keine Schuhe vor den Türen, nichts. Die Tante hat mich loshaben wollen, warum hätte sie mir sonst ein Zimmer im obersten Stock gegeben, wo ich rumfliege wie ein Raumschiff durch die Schwärze des Weltalls. Was hat Steffi ihr noch erzählt? Steffi, die mich betrunken in der Kneipe auf dem Tisch hat tanzen lassen, einen Strip hat machen lassen, und sie stand davor, die Arme verschränkt, und hat sich totgelacht. Steffi, meine Freundin, hat sie ihr erzählt, dass ich immer alles verliere, Handy, Geldbeutel, Hausschlüssel, hat sie gesagt, die ist ganz wuschig im Kopf? Im vierten Stock kommt ein Streifen Licht unter einer Tür durch. Meine Knie werden weich, ich muss mich an der Wand abstützen, ein Fernseher läuft, ich glaube die trockene Stimme eines Nachrichtensprechers zu hören, da drin ist ein Mensch, der ruhig die Nachrichten schaut! Übermütig laufe ich in den dritten Stock, nichts, im zweiten sind zwei Zimmer belegt, im ersten sogar drei, es ist der Hammer, es ist der Wahnsinn, ich bin nicht allein! Und die Tante, wohnt sie vielleicht doch hier, im Souterrain, schreibt sie eine Einkaufsliste, sortiert sie Bettwäsche, keine Ahnung, was in einem Hotel für Dinge zu erledigen sind. Und dann fallen mir die Schriftsteller ein, sie haben mich eingeladen mitzumachen, vielleicht sind sie immer noch da, ich hätte schon Lust, ihnen einen fetzigen Text hinzulegen, über Brasilien zum Beispiel, gut, dass Mia nicht dabei ist, ich kann kommen und gehen, wie ich will. Zum ersten Mal, seit sie auf der Welt ist, kann ich kommen und gehen, wie ich will. Kein Wunder, dass das ungewohnt ist. Ist doch eigentlich alles in Ordnung. Ich bin hier, um mich mal wieder auf mich zu besinnen, wie man so sagt, um Abstand zu gewinnen, um mich zu erholen, ich hab lange Zeit Stress gehabt, kein Wunder, dass ich durchgeknallt bin. Wird sich schon geben. Ich bin auf Kur. Ist das nicht toll?

Die Schriftsteller sind weg, aber die Tante ist da. Von wegen Opernarien im Häuschen, von wegen Lover, sie sitzt an der Rezeption und wendet Seiten in einem Ordner, sie ist ganz vertieft, ich bleibe stehen, schaue mir den Raum an. In einem Aquarium stoßen Fische ihr dickes Maul gegen das Glas, Luftbläschen steigen auf, in einer Ecke stehen drei Sessel um ein Tischchen, das Gleiche noch zweimal. Da schaut sie auf, stutzt kurz, lächelt mich an, ihre Haut ist zerknittert, schön sieht das aus. Alles in Ordnung?, fragt sie, und ich trete näher und nicke, will mich am liebsten zu ihr unter den Lichtkegel setzen, sie sagt, abends ist hier nicht viel los, nicht entschuldigend, sie stellt eine Tatsache fest. Ich krieg Depressionen in diesem Land, sage ich, wenn es so bald dunkel wird, jedes Jahr ist es dasselbe, aber sie geht nicht darauf ein, sie sagt, der Frühstücksraum ist dort drüben, hinter der Schiebetür, und ich lege nach, sie hat mich sicher nicht recht verstanden. Die Dunkelheit, sage ich, die Kälte, ich krieg ganz schreckliche Bilder in meinen Kopf, jedes Jahr. So, sagt sie und dann: Es wäre schön, wenn Sie das Frühstücksgeschirr abräumen würden, und danach sind die Betten neu zu beziehen von den Gästen, die abreisen, ansonsten ist nicht viel zu tun, um diese Jahreszeit ist es ruhig hier, Sie sollten mal sehen, was im Sommer los ist. Sie kann sich ihr ganzes Hotel an den Hut stecken, von mir aus, da öffne ich mein Herz, und sie hört nicht einmal zu, ich hab die Schnauze voll. Sie hat mich als billige Arbeitskraft hierherkommen lassen, ich hab verstanden, sie sieht mich an, sehr aufmerksam, aber nein, sie hat schon bei mir verschissen. Gut, dass so jemand keine Kinder hat. Sie schaut wieder auf ihren Ordner, ich bin entlassen. Menschen enttäuschen einen eigentlich immer, ich hab noch nie was anderes erlebt, Raffael war der Schlimmste. Bietet mir Crack an. In Salvador laufen kleine Jungs rum, acht-, neun-, zehnjährig, mit Beinchen, so dünn wie Blumenstängel, klauen, gehen auf den Strich, nur für Crack, sie essen nichts, und er bietet es mir an, mir, seiner Freundin. Getreten hab ich ihn, dass er aus der Nase geblutet hat, das war unser letzter Streit, dann bin ich hoch in die Luft, sein Kind im Bauch. Und dabei hab ich ihn geliebt, es hat mir das Herz zerrissen. Aber so sind die Menschen. Alle gleich. Er hat es bei der Gringa aufs Geld abgesehen, haben alle gesagt. Ja, ich hab ihn ausgehalten. Aus Liebe. Aus dem Knast hab ich ihn geholt, ich hab einen Anwalt bezahlt, aus Mülltonnen hab ich gegessen und auf der Straße geschlafen, alles für ihn. Ich höre das Wenden der Seiten hinter mir. Sie fragt, geht es Steffi gut, ich sage, der geht es immer gut, spöttisch, kalt, aber auch das verpufft. Blöde Kuh. Und bei der wär ich fast weich geworden. Das Beste ist, man hält sich zurück, man bleibt auf der Hut. Ich wende mich ab, da ist eine Pinnwand, darauf ein Zettel: Mithilfe im Tierheim gesucht, ich laufe weiter, die Treppe hoch, in einen Lift kriegt mich keiner, auch der Läufer ist abgetreten, das Haus ist eine Klitsche, jawohl. Was für ein Leben, so einen Kasten zu führen. Was für ein beschissenes, beschissenes Leben.

Ich brenne mir gleich meinen Joint an, setze mich aufs Bett, ziehe die Beine hoch, inhaliere, das Ende glimmt auf, einmal, zweimal, wie gut das tut, soll die Tante doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ich puste Rauch in die Luft, lege mich zurück, die Decke ist eierschalenfarben gestrichen, puttputtputt, ich bin das Hühnchen, das an die Schale klopft, ich zerzupfe das Häutchen, mit dem Schnabelende bin ich schon draußen, los geht’s, Flügel angelegt und durch. Die Luft ist weich und trocknet meine Federn. Ein angenehmes Gefühl, mir ist nicht zu warm, nicht zu kalt, ich bin leicht, ich mache meine Flügel auf, ich fliege davon. Ich muss lachen, weil die Tante immer noch über ihren Büchern sitzt und es mir so gut geht, die und ihre Erdenschwere, die und ihre Pflichten, die hat bestimmt noch nichts von der Welt gesehen. Ist auf der Insel geboren, ist auf der Insel aufgewachsen, hat das Hotel von ihren Eltern geerbt, ach, wie dumm, ich lache mich kaputt. Selber schuld, was soll’s. Ich höre ein Weinen, das mir vertraut vorkommt, das ist Mia, wieso ist sie doch hier, aber nein, es ist ihre übliche Begleitmusik, wenn ich meinen Joint rauche, dagegen hat sie was, ich höre sie, weil ich sie immer höre, Gewohnheit, weiter nichts, manchmal hab ich schon gedacht, dass sie im Schlafen spürt, wenn ich meinen Joint anbrenne, immer wacht sie auf und fängt zu weinen an, ist das nicht blöd. Aber mehr als das Zimmer kann ich mir nicht leisten, das Kellnern wirft nicht so viel ab. Ich hab sie durch ihr erstes Jahr gebracht, die kleine Mia-Sophie. Darauf bin ich stolz. Das habe ich ganz alleine geschafft. Ich spüre, wie sich meine Mundwinkel wieder heben, Lachen tut gut, man lacht so wenig, finde ich, dabei ist die Welt voller lustiger Dinge, man muss sie nur sehen, man denke nur an den Poeten da unten, seine fettigen Haare. Wie er sich in die Brust warf. Ich kichere vor mich hin, müde werde ich auch, das ist das Gute an Hasch – man schläft schön ein, ganz entspannt, und wenn kein Gör einen weckt, kann man durchschlafen. Ich habe lauter Nächte vor mir, wo ich durchschlafen kann, was für eine Wonne, was für ein Glück. Zähneputzen lasse ich ausfallen, die Decke unter mir ist so weich, ich muss nur darunterkrabbeln. Der Joint ist alle. Ich drücke ihn im Aschenbecher aus. Gute Nacht, kleine süße Mia-Sophie.

Ich habe vergessen, mich zu erkundigen, wann ich aufstehen muss, um das Frühstücksgeschirr abzutragen. Hätte sie mir ja sagen können, die Tante, jetzt hat sie den Salat, ich bin kein Frühaufsteher, und wenn ich schon einmal keine Mia zu versorgen habe, bleibe ich liegen, das Licht ist nicht schlecht, kein Sonnenschein, aber so was Diesiges, Weiches, das die Kanten der Möbel aufzulösen scheint, ich habe tatsächlich Teppichboden, und das Licht verwandelt ihn in die ruhige Oberfläche eines Sees, wenn ich die Augen nicht ganz aufmache, kann ich sogar sehen, wie kleine Wellen das Wasser sanft riffeln, mein Bett ist ein Schiff, das ruhig dahintreibt. Auch mit Mia habe ich oft versucht, liegen zu bleiben, nichts ist so wichtig, dass es unbedingt getan werden müsste, und unter der Decke ist es warm, ich habe Höhlen für Mia gebaut und ihr Geschichten erzählt, von Helgomäuschen, einem Wesen halb Mensch, halb Tier, das Abenteuer zu bestehen hatte, aber das hat sie natürlich nicht verstanden, sie war ja noch zu jung. Sie hat mich angesehen mit diesem Blick, in dem ich schlichtweg ersoffen bin, ganz klein und dumm bin ich mir vorgekommen, wenn sie mich so ansah, und dann hat sie sich abgewendet und zu knören begonnen, als hätte ihr das, was sie gesehen hat, nicht gefallen, das Knören hat sich zu leisem Weinen gesteigert, na ja, sie hatte Hunger, also bin ich aufgestanden. Aber sauer war ich schon auf sie, dass sie mich nicht hat liegen lassen, und meine gute Laune war fürs Erste dahin. Ich hab ihr Fläschchen gemacht und mich in den Sessel gesetzt und sie auf den Schoß genommen, das hat ihr gefallen. Dieses Geräusch, wenn sie trank, dieses leise Schmatzen, und die Händchen, die sich geöffnet und geschlossen haben, die kleinen Fingerchen mit den zarten Nägeln, das hat mich dann wieder mit der Welt versöhnt. Milchkaffeebabys sind viel süßer als weiße Babys. Raffael wird nie wissen, dass er ein Kind hat, ich habe seine E-Mail-Adresse verloren und er wohl auch meine. Er war noch viel schusseliger als ich, er hat dauernd das Werkzeug liegenlassen, mit dem er seine kleinen Figuren aus Draht gemacht hat, die er am Strand verkaufte, und er saß Modell, kein Wunder, er sah super aus, dunkelbraun, Rastalocken, herrliche braune Augen, toller Body, ich darf gar nicht so viel an ihn denken, an die einzelnen Haare um seine Brustwarzen, an seine schmalen Hüften, den glatten Bauch, groß war der Kerl und sehr schlank, aber das Irrste waren die Augen, Samt und Seide, seelenvoll, nie hätte ich gedacht, dass die einem Menschen gehören, der mich ausnutzt. Aber sie haben mir erzählt, dass er vorher eine Spanierin hatte, und jetzt wird er wieder eine haben, die Geld hat. Viel hatte ich ja selber nicht, aber mehr als er. Crack hat er selten genommen, nur Gras hat er geraucht, als sie ihn mit einer größeren Menge erwischt und eingesperrt haben, hat er mich heulend angerufen, da drinnen würde man vergewaltigt, hol mich raus. Ich krabbele aus dem Bett, gehe langsam ans Fenster. Da ist das Meer. Ich warte auf ein Gefühl, das diesem heiligen Augenblick entspricht, aber das Meer ist schmutzig grau, die Wellen laufen gesittet am Strand aus, die Sonne grinst schwach hinter dünnen hellen Wolken hervor, es ist eine Enttäuschung, hat gar nichts Gewaltiges. Meine Jeans riecht schuppig, als ob es das gäbe, einen schuppigen Geruch, aber so riecht sie, sie ist kalt und steif, sie macht mir keine Lust auf den Tag, nichts macht mir Lust auf den Tag, die Aussicht, Geschirr abräumen zu müssen, auch nicht, und um vier geht schon wieder die Dunkelheit los. Mein enger Pulli riecht nach feuchter Wolle. Ich putze die Zähne. Das Zimmer hat sich verändert, seit ich es bezogen habe, überall liegt was rum, Klamotten, Taschentücher, das Handtuch, Kerzen fehlen mir noch, fällt mir ein, man braucht jede Menge Kerzen um diese Jahreszeit, auch im Bad, sonst wird man verrückt. Schade, dass es keine Badewanne gibt. Ich hätte mich stundenlang hineingelegt, Kerzen angezündet, heißes Wasser nachlaufen lassen, MP3-Player im Ohr, Janis Joplin dazu und Tom Waits, seine späten Lieder, wo seine Stimme rauchig ist und klingt, als wäre er besoffen. Bei Tageslicht sieht der grüne Läufer überhaupt nicht aus wie Moos, die Lampen sind aus, bereits im dritten Stock höre ich das Klappern von Geschirr, ich hoffe, es gibt ein gutes Frühstück, schwarzen Kaffee, in dem der Löffel steckenbleibt, das brauch ich zum Wachwerden, kalter, frisch gepresster Orangensaft wäre nicht schlecht, so was kriegt man doch in Hotels, gibt es in Brasilien an jeder Straßenecke, und Lachs kriegt man, Lachs auf Vollkornbrötchen, darauf hätte ich Lust, Vollkornbrötchen mit gerösteten Kürbiskernen. Der Lift wird geholt, ich höre, wie sich seine Türen mit einem leisen Schmatzen schließen, wie er nach unten gleitet, mit einem Ruck zum Stehen kommt, Gelächter höre ich, was kann es sein, das so witzig ist. Ich hätte gern jemanden dabei, der mich zum Lachen bringt, allein ist es schwierig, zu lachen. Im Frühstückszimmer sitzt noch ein älteres Paar, das Timing passt also, schließlich kann ich nicht abtragen, wenn jemand seine Ruhe will, ich gehe ans Büfett und bediene mich. Es gibt tatsächlich Lachs und Schinken und Käse und Vollkornbrötchen. Wow! Von der Tante ist nichts zu sehen. Das Paar schweigt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es bei denen unter der Bettdecke zugeht, sicher tote Hose. Sie stehen auf, sehen kurz zu mir her, ich schaue weg. Und dann trete ich in Aktion, ich schaffe fünf Teller auf einem Arm, vier Tassen rechts, alle Gäste haben ihren Müll ordentlich in den Plastikbehälter getan, es gibt eine kleine Küche, ich stelle alles in die Spülmaschine, Wurst, Lachs und Käse in den Kühlschrank, die Tante sollte mich sehen, wie zackig das alles geht, kein Wunder nach Jahren des Kellnerns. Sie steht plötzlich hinter mir, meine Güte, bin ich erschrocken. Bei Tageslicht sieht sie müde aus, faltig, traurig, ihre Schultern sacken leicht nach vorn, noch so ein Mensch, der nicht glücklich ist. Haben Sie gut geschlafen?, fragt sie, ich nicke, aber ich bleibe reserviert. Holen Sie sich die Schlüssel an der Rezeption, sagt sie, sie sind in einem Korb, ich hänge nur die auf, wo nichts zu machen ist, verstehen Sie? Ich verstehe. Ich habe das Gefühl, dass sie abwartet, dass sie noch nicht weiß, was sie von mir halten soll, und plötzlich ist da so ein Bild in meinem Kopf, sie allein auf einer langen Straße, die Hände in den Taschen, ich hab einen Riecher für Menschen, die einsam sind, vielleicht stimmt das ja sogar, das mit den Katzen, wer weiß. Sie ist schon wieder weg, ich hole die Schlüssel, im ersten Stock kommt grade das schweigsame Paar aus dem Zimmer, Koffer und alles, Sie können rein, sagen sie zu mir. Ich schlucke meinen Stolz hinunter. Daran bin ich gewöhnt, meinen Stolz hinunterzuschlucken, als Kellnerin erlebt man so einiges, und jetzt bin ich das Zimmermädchen. Die Kissen sind zerknüllt, ich ziehe die Bettdecke weg, na so was, kleine gelbe Flecken, da haben die doch tatsächlich gebumst. So kann man sich irren. Ich setze mich erst mal in den Sessel, lasse die Atmosphäre auf mich wirken, Hotelzimmer gefallen mir, Menschen auf der Durchreise, immer dahin, wo das Gras grüner ist oder scheint, nein, das ist ein blöder Gedanke, es gibt Orte, wo das Gras tatsächlich grüner ist, ich hab’s schon erlebt. Verfügbar muss man sein, immer bereit zum Abflug, nur mit Kind ist das so eine Sache, besonders mit einem Kind wie Mia-Sophie. Wo andere Babys still in ihrem Wagen lagen, wenn ihre Mama einkaufen ging, einen Kaffee trank, Klamotten anprobierte, schrie Mia, sie schrie so laut, dass die Leute zusammenliefen, mein Gott, war das peinlich. Sie wollte auf meinen Arm. Ein Jahr und drei Monate lang wollte sie immer auf meinen Arm. Kein Wunder, dass ich zum Schluss völlig fertig war, völlig abgefuckt, wie Steffi sagen würde, da ging einfach nichts mehr, ich war am Ende. So ein Gör kann einen verrückt machen. Hätte ich sie nur nie bekommen. Nicht nur ein Mal habe ich mir das gesagt. Hätte ich nur abgetrieben. Oder Babyklappe. Ich hab mir sogar vorgestellt, in den Flieger zu steigen und sie Raffael in den Arm zu drücken. Da, du bist dran. Aber dann wär so ein Crackkind aus ihr geworden. So eins mit dünnen Beinen und Armen und großen Augen in tiefen Höhlen. Lebensdauer zehn Jahre. Man kann mir vieles vorwerfen, aber nicht, dass ich das zugelassen hätte.