Ann Rosman

Die Gefangene von Göteborg

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn

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Inhaltsübersicht

Widmung

Zitat

Kapitel 1

GUT STOLA

ADELSSITZ SALAHOLM

Kapitel 2

KLOSTERLYCKAN

LILLA GISSLARED

Kapitel 3

DER HAFEN VON MARSTRAND

PÄCHTERHÄUSCHEN HAGEN

Kapitel 4

GUT STOLA

PÄCHTERHÄUSCHEN HAGEN

Kapitel 5

GUT STOLA

LILLA GISSLARED

Kapitel 6

POLIZEISTATION GÖTEBORG

LILLA GISSLARED

Kapitel 7

HOF MOGREN AUF DEN LÄNDEREIEN VON GUT STOLA

LILLA GISSLARED

Kapitel 8

GÖTEBORG

LILLA GISSLARED

Kapitel 9

GUT STOLA

LILLA GISSLARED

Kapitel 10

KYRKOGATAN 17, MARSTRAND

LILLA GISSLARED

Kapitel 11

MARSTRAND

LILLA GISSLARED

Kapitel 12

HOF MOGREN AUF GUT STOLA

LILLA GISSLARED

Kapitel 13

GUT STOLA

LILLA GISSLARED

Kapitel 14

RATHAUS

LILLA GISSLARED

Kapitel 15

MARSTRANDSÖN

LILLA GISSLARED

Kapitel 16

RAUM NR. 9, KOMMANDANTENHAUS AUF DER FESTUNG CARLSTEN

ADELSSITZ SALAHOLM

LILLA GISSLARED

Kapitel 17

MASKENBALL AUF DER FESTUNG CARLSTEN

RESIDENZ DES LANDESHAUPTMANNS MARIEHOLM

LILLA GISSLARED

Kapitel 18

MARSTRAND

AUSSERORDENTLICHES GERICHT AUF SALAHOLM

Kapitel 19

MARSTRAND

GERICHT FALKÖPING

Kapitel 20

FESTUNG CARLSTEN

GEFÄNGNIS FALKÖPING

Kapitel 21

MARSTRAND

STAATSGEFÄNGNIS MARIESTAD

Kapitel 22

E6 IN NÖRDLICHER RICHTUNG

FALKÖPING

Kapitel 23

RECHTSMEDIZINISCHES INSTITUT

STAATSGEFÄNGNIS MARIESTAD

Kapitel 24

FESTUNG CARLSTEN

ADELSSITZ VIKENS

HOFGERICHT JÖNKÖPING

Kapitel 25

KYRKOGATAN 17

PROVINZRICHTER ARSENIUS’ RESIDENZ

Kapitel 26

REICHSSTRASSE 44 VON TROLLHÄTTAN NACH LIDKÖPING

STAATSGEFÄNGNIS MARIESTAD

Kapitel 27

GUT STOLA

BEI GUSTAF RIDDERBIELKE IN ACKLINGA

Kapitel 28

LILLA GISSLARED

SCHLOSSGEFÄNGNIS JÖNKÖPING

Kapitel 29

HÖGVAKTEN

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 30

MARSTRAND

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 31

MARSTRAND

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 32

GUT STOLA

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 33

ZWISCHEN GUT STOLA UND EDSMÄREN

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 34

GUT STOLA

FESTUNG CARLSTEN

Kapitel 35

NORDISCHES MUSEUM

GALGENBERG FÄGREMO

NACHWORT

QUELLEN UND DANKSAGUNG

Mündliche Quellen

Schriftliche Quellen

Artikel

Ein ganz besonderes DANKESCHÖN an

Informationen zum Buch

Über Ann Rosman

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Cecilia und ihre Familie –

die die Geschichte fortsetzen

DAS BÖSE KANN SIEGEN,

WENN DAS GUTE

TATENLOS ZUSIEHT.

1

GUT STOLA

NOVEMBER 2011

»Wer hätte das gedacht, dass dieser Mistkerl Papas Testament anfechten würde?« Hugo Ekeblad, der den Brief in der Hand hielt, war rot angelaufen. Seine grüne Tweedjacke war aufgeknöpft, und die Krawatte hing ihm schief auf der Hemdbrust.

»Und das dann auch noch per Brief zu erfahren – verdammt, der kann doch wohl bei uns anklopfen und mit uns reden, oder nicht?«

Hugos Schwester und ihr Mann sahen ihn schockiert an.

»Wer hat das Testament angefochten?«, fragte Magnus.

»Na, wer wohl? Carl-Henrik natürlich.«

»Aber man kann doch wohl das Testament nicht aufheben, die Anwälte sind doch alles durchgegangen«, meinte Maud. Sie blickte erst ihren Mann fragend an und dann ihren Bruder. Dass es in der Familie Streit gegeben hatte, war kein Geheimnis, aber dass ihr älterer Bruder versuchen würde, seine beiden Geschwister um ihr Erbteil zu bringen, das war doch wohl nicht möglich, oder? Maud konnte es kaum fassen, was ihr Bruder da sagte.

»Es wird noch besser – er will die Sache obendrein über ein Fideikommiss weiterlaufen lassen.«

»Wie bitte?« Maud ließ sich auf das gemusterte Sofa plumpsen, das in der Kammer der Reichsrätin stand.

Das Anwesen, Gut Stola, war eines der wenigen noch existierenden Fideikommisse in Schweden, was bedeutete, dass der Grund und Boden seit 1723 ungeteilt vom Vater auf den ältesten Sohn übergegangen war. Während die anderen Güter im Laufe der Erbfälle geteilt und immer kleiner geworden waren, war Stola über Jahrhunderte hinweg nicht angetastet worden. Doch dass Güter ausschließlich an den ältesten Sohn vererbt wurden, wurde inzwischen als unzeitgemäß betrachtet, und das nicht nur von leer ausgehenden Töchtern und jüngeren Brüdern. 1964 trat das Gesetz über die Abwicklung von Fideikommissen in Kraft. Es besagt, dass die noch bestehenden Fideikommisse aufgelöst und die großen Güter unter den Erben aufgeteilt werden sollten, sobald der Fideikommissinhaber starb. Der alte Graf Ekeblad hatte in seinem Testament geschrieben, wie das Anwesen bei seinem Ableben unter den beiden Brüdern und Schwester aufzuteilen war – ein Testament, über das sich ausnahmsweise mal alle einig waren. Jedenfalls hatte es so ausgesehen. Aber vielleicht hatte Carl-Henrik ja die ganze Zeit schon andere Pläne gehabt.

Erst jetzt fiel Maud ein, dass Gunnel wahrscheinlich gerade putzte und mit Sicherheit mit anhörte, wie ihr Bruder hier herumschrie. Nicht, dass ihr so etwas neu gewesen wäre, denn jeder, der schon etwas länger auf dem Gut arbeitete, wusste, dass es auf Stola jede Menge Konflikte gab. Ein Außenstehender wäre mit solchen Informationen sofort zur Presse gerannt, aber hier waren alle loyal. Zumindest hoffte Maud das.

Gunnel war genauso alt wie sie und war bei der Familie, seit sie sechzehn war, wie schon ihre Mutter und auch ihre Großmutter vor ihr. Und Gunnels Sohn Andreas arbeitete im landwirtschaftlichen Betrieb des Gutes.

Maud stand auf und ging durch das große Haus, um Gunnel zu suchen. Obwohl sie schon mehrere Räume entfernt war, hörte sie immer noch die laute Stimme ihres Bruders.

»Und jedes Mal, wenn wir zusammensaßen und darüber redeten, ob wir das Anwesen intakt lassen und eine Aktiengesellschaft daraus machen wollen, sagte er nein. Es sei besser, dass jeder bekommt, was ihm gesetzlich zusteht, meinte er. Er hat uns eiskalt ins Gesicht gelogen. Natürlich war das besser so – und jetzt schnappt er uns alles vor der Nase weg.«

Das enttäuschte sie an der ganzen Sache am meisten, dachte Maud. Dass sie ihrem großen Bruder vollkommen vertraut hatte. Aber je länger sie überlegte, umso wahrscheinlicher kam es ihr vor, dass Carl-Henrik die Sache die ganze Zeit geplant hatte. Das wäre so typisch.

Maud blieb vor dem Vitrinenschrank im großen Esszimmer stehen, in dem die Meißner-Porzellan-Sammlung ihrer Mutter verwahrt wurde. Sie hatte sich schon darauf gefreut, sagen zu können, dass sie jetzt ihr gehörte, ihrer Tochter auch ein paar Teile schenken zu können, aber jetzt war sie gar nicht mehr so sicher. Gehörte das Porzellan zum Fideikommiss? Wo verlief die Grenze zwischen privatem Eigentum und dem Eigentum des Gutes? Maud musterte die elegante Potpourri-Schale mit Deckel. Das war Gunnels Lieblingsstück, und Maud hatte vorgehabt, es ihr bei Gelegenheit zu schenken. Sie musterte die gemalten Blumen auf weißem Grund, die vergoldeten Bronzebeschläge des Gestells, auf dem die Porzellanschale ruhte, und das ganz eigene blaue Muster, bei dem sie immer an Fischschuppen oder Schlangenhaut denken musste. Wenn sie den vergoldeten Bronzeknopf auf dem Deckel nur ansah, wusste sie bereits, wie er sich in der Hand anfühlte. Und wie die Rosenblätter dufteten, die in der Schale lagen. Ihr Bruder konnte das Testament doch nicht einfach so aufheben, oder? Sie hatten doch wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden – immerhin waren sie ja alle Kinder des Erblassers. Obwohl der älteste Sohn schon immer ein Anrecht auf eine Hälfte des Erbes gehabt hatte und oft auch auf das Hauptgebäude, wenn ein Fideikommiss vererbt wurde, hatte Maud trotzdem ein Recht auf ein Drittel der verbleibenden Hälfte. Und ein Drittel der Hälfte war in diesem Fall immer noch viel. Ganz schön viel.

Manchmal fragte sie sich, ob Magnus sie wegen des Geldes geheiratet hatte. Wenn ja, würde sich das nun wahrscheinlich zeigen. Ihr Blick wanderte vom Porzellan der Gräfin zu den Gemälden an den Wänden. Mehrere Porträts stellten Verwandte dar, die früher einmal hier gelebt und sich lange vor ihrer Geburt um das Anwesen gekümmert hatten. Ihre Familie hatte sich immer in den Kreisen der Mächtigen bewegt – die Söhne wurden Landeshauptmann, und die Töchter heirateten in vornehme Familien ein. Das prominenteste Mitglied ihres Geschlechts hieß Claes Julius Ekeblad, der Reichsrat gewesen war, ein Posten, der damals gleichbedeutend war mit dem eines Ministerpräsidenten. Ein Pastellkreideporträt von ihm hing direkt neben dem Bild seiner Frau in der Kammer der Reichsrätin. Seine blauen Augen schienen geradezu zu leben, wenn sie den Menschen folgten, die zweihundert Jahre nach seinem Tod an ihm vorbeidefilierten. Mein Gott, Hugo schreit ja vielleicht rum!, dachte sie und ging nach links in Fräulein Ebbas Kammer.

Gunnel war gerade mit der Kammer fertig und hatte sogar noch den Boden feucht gewischt. Maud fand sie, als sie gerade auf der unteren Hälfte der Steintreppe kniete. Ihre kräftigen Arme bewegten sich mit effektivem Schwung.

»Gunnel?«, sagte Maud.

»Ja?« Sie drückte den Mopp ins Wasser, um ihn auszuwaschen, und blickte auf.

Hugos Stimme war bis hierher zu hören, aber Gunnel tat, als merke sie nichts.

»Soll ich lieber später wiederkommen?«, fragte sie und wrang den Mopp aus.

»Ja, das wäre vielleicht besser.« Maud hatte das Gefühl, Gunnel erklären zu müssen, warum Hugo so laut wurde. »Wir dachten, dass die Fideikommissbeauftragten herkommen wollten, um das Gut vor der Aufteilung des Erbes in Augenschein zu nehmen, aber Hugo hat uns gerade mitgeteilt, dass Carl-Henrik um eine Fortsetzung des Fideikommisses ersucht hat und dass sie deswegen vorbeikommen. Ich schätze, da hat es irgendwo ein Missverständnis gegeben.«

Gunnel nickte.

»Passt es, wenn ich um zwei wiederkomme, Maud?« Sie nahm den Eimer.

»Ja, das wäre gut. Danke.«

Maud eilte durch das große Esszimmer zurück und ging rechts durch den Grünen Salon, um sich dann wieder aufs Sofa in der Kammer der Reichsrätin zu setzen. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder schon einmal so aufgebracht erlebt zu haben. Er fuchtelte wie wild mit den Armen und hatte seine Lautstärke immer noch nicht gedämpft. Obwohl sie sich ein ganzes Stückchen entfernt hatte, hatte sie kaum etwas von seiner Tirade verpasst. Und seine dunkelrote Gesichtsfarbe machte ihr Sorgen. Maud ging zu ihrem Bruder und fasste ihn bei den Schultern.

»Jetzt beruhig dich doch erst mal, Hugo. Bist du denn sicher, dass es so schlimm ist?«

Er stieß ihre Hände weg und ließ sich auf die große Truhe plumpsen. Angeblich ein Beutestück aus dem Dreißigjährigen Krieg, das auf Gut Stola stand, seit es dieses Anwesen gab.

»Ja, was glaubst du denn?«

»Du hast Gunnel zu Tode erschreckt«, sagte Maud. »Sie war gerade beim Putzen. Und mich hast du im Übrigen auch erschreckt. Du bist doch keine fünfundzwanzig mehr, denk doch an dein Herz.«

Sein Herz, ja, dachte Magnus. Er betrachtete die Frau, mit der er seit fünfunddreißig Jahren verheiratet war. Maud und Magnus hatten mit dem großen Erbe gerechnet, die ganze Zeit hatten sie gewusst, dass ihnen irgendwann eine erhebliche Summe zufallen würde. Er liebte sie zwar, aber er konnte nicht leugnen, dass seine Wahl auch von anderen Faktoren beeinflusst worden war. Ihr Vater, Graf Ekeblad, war schon damals recht hinfällig gewesen. Niemand hätte ahnen können, dass er noch sechsundneunzig Jahre alt werden würde.

Magnus kam ebenfalls aus einer guten Familie und besaß große Waldgrundstücke im Norden, aber die Familie Ekeblad spielte schon in einer ganz anderen Liga. Die Bewerber hatten Maud geradezu die Tür eingerannt, angelockt von der Aussicht, dass eine landwirtschaftliche Immobilie, die vierhundert Jahre lang als Fideikommiss Stola zusammengehalten worden war, nun zwischen den Erben aufgeteilt werden würde – und dass ein Erbteil an Maud, die Tochter des Grafen, fallen würde. Magnus hatte kämpfen müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und ihre Liebe zu gewinnen.

Ihr Sohn und ihre Tochter hatten jeweils ein großes Haus zu erwarten, das ihr Großvater ihnen per Testament zugedacht hatte. Und jetzt, wo Mauds Vater verstorben war, sollte der weitläufige Besitz von 11 500 Hektar aufgeteilt werden wie besprochen.

Seit 1530 befand sich dieses bewirtschaftete Gut mit seinem Wald- und Ackerland in Familienbesitz und war entweder ungeteilt oder manchmal sogar noch um einen Teil vergrößert an die nächste Generation, den nächsten Verwalter übergeben worden. Abgesehen von den riesigen Äckern und Wäldern gab es vier Herrenhäuser, darunter Salaholm und Fröslunda, sieben Pachthöfe und mehrere Pächterhäuschen. Der alte Graf sollte der Letzte in der Reihe dieser Verwalter sein, dem noch das gesamte Gut unterstand, nachdem die Familie Ekeblad im Jahre 1723 beschlossen hatte, aus dem ganzen Besitz ein Fideikommiss zu machen.

Hugo saß zusammengesunken auf der Truhe und sah aus, als wäre ihm die Luft ausgegangen. Er schaute seine Schwester an.

»Carl-Henrik ist zum Kultusministerium gegangen und hat erklärt, dass das Anwesen – ich zitiere wörtlich: …« Er blickte auf den Brief mit dem Emblem des Kultusministeriums. »… dass zu diesem Anwesen Kultur- und Naturschätze von nationalem Interesse gehören, die Gefahr laufen, verloren zu gehen, wenn das Erbe zwischen drei Geschwistern aufgeteilt wird, die Schwierigkeiten haben, sich zu einigen.«

»Aber es muss doch irgendwas geben, was wir da unternehmen können?« Maud fingerte nervös an den Knöpfen ihrer Strickjacke. »Wir waren uns doch absolut einig. Papa hat das Testament geschrieben, damit es eben keinen Streit gibt. Wie kann da etwas unklar sein?«

»Es ist ja gar nichts unklar«, erwiderte Hugo. »Arme Maud, verstehst du, was das bedeutet? Wir bekommen nichts. Nichts! Der Besitz wird nicht aufgeteilt, sondern ungeteilt erhalten. Das Fideikommiss wird fortgesetzt.«

Mauds Hände begannen zu zittern.

»Aber sie kommen doch, um die Immobilie vor der Aufteilung des Erbes in Augenschein zu nehmen, oder?«

»So war das zu Anfang gedacht, ja, aber jetzt nehmen sie sie eben in Augenschein, bevor das Fideikommiss fortgesetzt wird, damit sie die Möglichkeit abwägen, ob man tatsächlich eine Ausnahme machen und das Ganze dem Fideikommiss zuschlagen soll. Die Provinzregierung, die Gemeinde, das Amt für Naturschutz und bestimmt auch noch ein Bauhistoriker werden ihre Meinung zu diesem Anwesen kundtun, bevor die Fideikommissbeauftragten ihre Entscheidung mitteilen.«

»Wem teilen sie die mit?«, wollte Maud wissen.

»Der Regierung, die dann die Entscheidung trifft.«

»Die Regierung? Und wir? Haben wir denn gar kein Wörtchen mitzureden?« Maud blinzelte, wie sie es früher immer gemacht hatte, bevor sie sich endlich eine Lesebrille zulegte.

Hugo wusste, dass das ihre Art war, sich zu konzentrieren. Er schüttelte den Kopf.

»Nicht, wenn es um nationale Interessen geht, da können wir nicht viel ausrichten. Er hat es wirklich elegant formuliert, das muss man ihm lassen«, fügte er bitter hinzu.

»Und die Kinder? Die Häuser, die Papa unseren Kindern versprochen hatte?«

»Nichts, Maud. Kein Geld, keine Häuser, keine Grundstücke.« Hugo seufzte. »Bis jetzt ist zwar keine Entscheidung gefallen, aber sonnig sieht es nicht unbedingt aus.«

»Aber man muss doch irgendwie in Berufung gehen können, oder nicht?« Magnus runzelte die Stirn. »Wenn es dumm läuft, müssen wir doch die Möglichkeit bekommen, mit unserem Widerspruch zur nächsten Instanz zu gehen.«

»Da gibt es keine nächste Instanz, weil die Regierung selbst die Entscheidung gefällt hat, auf der Grundlage der Einschätzung der Fideikommissbeauftragten. Bei welcher Stelle willst du da Berufung einlegen?«

Maud klappte die Einladungskarte, die seit einer Woche auf der großen Kommode stand, auf und wieder zu.

»Wollen wir zusammen auf das Fest fahren, Hugo?«

Die beiden Männer wandten ihr den Kopf zu. Die Frage kam für sie völlig überraschend.

»Auf das Fest?« Man hörte Hugo seine Verblüffung an.

»Auf den Maskenball von Papas Schwester. Dieses Jahr wird er auf Carlsten abgehalten. Ich habe schon Zimmer im Grand Hotel für uns gebucht.«

»Wie zum Teufel kannst du von Festen reden, wenn unsere ganze Existenz auf dem Spiel steht? Begreifst du nicht, dass ihr um euer Erbe gebracht werden könnt, Hugo und du? Dann habt ihr kein Geld mehr für so was wie Zimmer im Grand Hotel. Und ich habe nicht vor, auf ein Fest zu gehen, auf dem Carl-Henrik erscheinen wird.«

»Du wirst auch nichts vom Erbe abbekommen, Magnus. Schade, oder?« Hugo fixierte seinen Schwager.

»Hör auf, Hugo.« Mauds Stimme klang überraschend scharf. »Ihr habt nicht bedacht, dass der Maskenball in Marstrand eine großartige Gelegenheit ist, von Angesicht zu Angesicht mit Carl-Henrik zu sprechen. Ansonsten haben wir ja nie die Möglichkeit, weil er sowieso nur über seinen Anwalt mit uns kommuniziert. Ich könnte das übernehmen. Und ihr wisst doch, wie nahe sich Papas Schwester und Carl-Henrik stehen.«

»Du meinst doch nicht im Ernst, dass wir da hingehen sollen?«

»Doch. Du solltest auch den Einfluss unserer Tante auf Carl-Henrik nicht unterschätzen. Er hat schließlich ganze Sommer bei ihr verbracht, als Papa und er sich überwarfen. Es könnte sogar ihre Idee gewesen sein.«

»Unsere Tante soll die Idee gehabt haben, das Fideikommiss fortzusetzen? Wohl kaum. Das hat der sich schön alleine ausgedacht. Und unsere Tante ist ja auch …« Hugo machte eine vielsagende Geste vor seiner Stirn.

»Da könnt ihr aber allein hingehen«, sagte Magnus. »Ich habe nicht vor, meinen Fuß dort hinzusetzen. Und nachdem er diesen ganzen Vorgang in die Wege geleitet hat, wird er sich nicht mehr davon abbringen lassen.«

»Aber einen Versuch ist es doch zumindest wert. Und sei es bloß, dass wir es schaffen, das Fideikommiss weiterhin gemeinschaftlich zu betreiben«, meinte Maud.

»Mit Carl-Henrik möchte ich überhaupt nichts betreiben. Unmöglich.« Hugo schüttelte den Kopf.

»Nein, ich ja auch nicht. Aber wie sieht die Alternative aus?«, fragte Maud.

»Ja, wie zum Teufel sieht die Alternative aus?«, echote ihr Mann.

»Jetzt müssen wir unsere Rechtsanwälte einschalten und die schweren Geschütze auffahren«, meinte Hugo. »Hier steht ausdrücklich, wenn es einen Konflikt in der Familie gibt, ist man eher geneigt, das Fideikommiss fortzusetzen, weil die Gefahr besteht, dass das Anwesen zersplittert wird, wenn die Familie Schwierigkeiten hat, sich zu einigen.«

»Wir gehen auf das Fest und reden mit Papas Schwester. Die hat bis jetzt ja bloß Carl-Henriks Version der ganzen Geschichte zu hören gekriegt. Und dann sehen wir zu, dass wir auch mit Carl-Henrik selbst ein paar Worte sprechen können. Und mit Viktor«, sagte Maud.

Gunnel kam nicht umhin, den Streit mitanzuhören. Sie stellte den Mopp weg und ging in den Flur, um ihre Jacke anzuziehen. Der alte Graf hatte nach dem Ideal vergangener Zeiten gelebt und immer behauptet, dass Frauen keinen Beruf zu lernen brauchten. Sie sollten sich um Heim und Familie kümmern, sich ansonsten zu benehmen wissen und Konversation treiben. Infolgedessen hatte Maud nie eine höhere Ausbildung genossen. Zwar war sie wie die Söhne aufs Internat Lundsberg geschickt worden, aber während ihre Brüder danach studierten und dazu erzogen wurden, das Gut zu verwalten, war Maud auf Stola spazieren geritten, hatte sich hübsche Kleider angezogen und den Augenstern ihres gräflichen Papachens gespielt. Eine Arbeit hatte sie nie gehabt, das erachtete niemand für notwendig. Als ob wir noch im 18. Jahrhundert leben würden, dachte Gunnel. Das Anwesen mag ja alt sein und die Ahnenreihe beeindruckend, aber die Zeiten haben sich doch geändert. Er hätte seiner Tochter eine ordentliche Ausbildung gewähren müssen, eine Möglichkeit, sich an der Verwaltung des Gutes zu beteiligen. Jetzt ist sie von ihrem Mann und ihren Brüdern abhängig, und was soll sie anfangen, wenn sie nichts vom Erbe des Grafen abbekommt?

Gunnel beschloss, nach Hause zu fahren und Mittag zu essen, statt hier bis zwei Uhr zu warten, um fertigputzen zu können. Sie trocknete den Fahrradsattel mit einem Lappen ab, den sie wieder unter den Sattel klemmte, bevor sie ihre Handtasche in den Fahrradkorb stellte und den Ständer hochklappte. Es war weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass sie heftige Diskussionen auf Stola mitangehört hatte. Zu Lebzeiten des alten Grafen war es zuweilen sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Züchtigungen hatten nämlich ebenfalls zu Graf Ekeblads Ansichten über eine gesunde Kindererziehung gehört. Sie würde den Anblick nie vergessen, wie sie ins Zimmer kam und Carl-Henrik erblickte, der den Rohrstock in der hoch erhobenen Hand hielt, um seinem damals fünfundachtzigjährigen Vater all die Prügel zurückzugeben, die er im Laufe der Jahre von ihm kassiert hatte. Der alte Graf und sein Sohn waren sich so ähnlich – vielleicht hatten sie deswegen ständig gestritten.

Gunnel setzte sich aufs Rad, während sie weiter über Maud nachdachte. Sie war so naiv, dass es manchmal schon an Dummheit grenzte, aber nach Gunnels Meinung war das darauf zurückzuführen, dass man sich immer um sie gekümmert hatte, sie nie selbst hatte denken und eigene Entscheidungen treffen müssen. Man hatte sie in Watte gepackt, sie durch ein behütetes Dasein geschaukelt und immer in dem Glauben belassen, dass die Welt vor den Toren des Gutes genauso war.

War es wirklich möglich, dass Carl-Henrik versuchte, seinen Geschwistern ihren Anteil am Erbe zu verwehren? Würde mich nicht wundern, dachte Gunnel. Sie hatte schon früh gelernt, immer darauf zu achten, dass sie nicht allein mit dem ältesten Sohn des Grafen im Zimmer blieb. Ihre Augen tränten in der frischen Herbstluft, als sie die Anhöhe hinunterrollte. Sie fror an den Händen, traute sich aber nicht, eine Hand in die Tasche zu stecken, weil sie Angst hatte, auf dem rutschigen Herbstlaub ins Schlingern zu kommen. Die Allee, die zum großen Wohnhaus hinaufführte, sah prächtig aus im feuerroten und gelben Farbspiel des Laubes. Erst ganz unten am Fuß des Hügels hielt sie an und zog die Handschuhe über. Sie drehte sich um. Obwohl sie jeden Morgen mit dem Rad kam, genoss sie den Anblick der schönen Gebäude und der hohen schmiedeeisernen Tore. Aber die phantastische Fassade sagte eben nichts über die Intrigen aus, die hinter diesen hübsch verputzten Mauern gesponnen wurden.

ADELSSITZ SALAHOLM

5. Oktober 1801

Metta lehnte sich zurück und musterte den hübschen Stuck an der Decke und den Kristalllüster, der in der Mitte befestigt war. Das Licht brach sich in den vierundachtzig Prismen und warf Reflexe an die Wand. Bedächtig tupfte sie sich die Mundwinkel mit der Serviette ab. Das Essen war hervorragend gewesen, Adam Focks Köchin verstand sich wahrlich auf ihr Handwerk, dachte Metta zufrieden und nahm noch einen Schluck von dem spanischen Wein. Sie mochte diesen Teil des Hauses, und dieser Speisesaal war der gemütlichere der beiden. Vielleicht lag das daran, dass man durch den verglasten Teil der Wand die Vögel und das Grün im Garten sah, was einem fast das Gefühl gab, im Freien zu sitzen. Sie glaubte, draußen einen Pfau vorbeihuschen zu sehen, und reckte den Kopf. Seltsame Tiere, aber entzückend. Nur ihre irgendwie unheilverkündenden Schreie waren ihr nicht ganz geheuer. Sie trank den Wein aus und stellte das Glas behutsam auf dem Tisch ab.

Das Hausmädchen trat mit einem Tablett in der Hand durch den Dienstboteneingang.

»Tee für die gnädigen Herrschaften«, sagte sie und stellte das Tablett auf den Esstisch.

Sie goss das dampfend heiße Getränk in drei kleine Tassen mit dem grün-weißen Wappen der Familie Fock. Dann hüllte sie die Silberkanne in ein Futteral aus hellblauer Seide, damit sie länger warm blieb. Metta genoss den Duft. Oh, wie lange hatte sie den schon nicht mehr gerochen?

»Aber das ist ja gar kein Tee, das ist Kaffee!«, rief ihr Mann Henrik glücklich.

»Du irrst dich, mein Liebster, es ist Tee.« Metta nahm noch einen Schluck und genoss die Wärme und das Aroma.

»Nein, das ist Kaffee. Ich bin ganz sicher.« Henrik stellte die Tasse wieder auf die Untertasse. »Ist das Kaffeeverbot denn aufgehoben worden?«, staunte er.

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Metta. »Und deswegen müssen wir uns ja auch mit Tee begnügen.« Sie sagte es in bestimmtem Ton, in der Hoffnung, dass ihr Mann den Wink verstand. Dann nickte sie dem Hausmädchen zu, zum Zeichen, dass das Mädchen ihr nachschenken sollte. Sie war gleich bei ihr und goss Kaffee in zwei Tassen nach.

Metta stand auf und trat vor eine Büste, die auf einem Sockel stand.

»Schön«, sagte sie. »Die war noch nicht hier, als wir dich das letzte Mal besucht haben, oder?«

»Die ist von Johan Tobias Sergel«, erwiderte Adam kurz angebunden.

Diese Frau wusste nicht, wo ihr Platz war, aber das war nur ein Teil des Problems. Adam Fock betrachtete die Cousine seines Vaters Henrik Johan Fock, den alle nur als »Focken« kannten. Die Familie war schon 1779 gegen die Verlobung der damals vierzehnjährigen Metta Charlotta Ridderbielke mit Focken gewesen, und seine Mutter und seine Großeltern hätten sich sicherlich im Grabe umgedreht. Freilich kam das Mädchen aus gutem Hause, etwas anderes wäre ja gar nicht denkbar gewesen. Und freilich war sie schön. Aber sie war auch launisch und bekam Zornesausbrüche, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Adam selbst wusste von diesen Streitereien nur durch Hörensagen, denn er wurde erst ein Jahr nach der Verlobung geboren. Aber jetzt, wo er einundzwanzig Jahre alt war, konnte er nicht umhin, sich der allgemeinen Meinung anzuschließen.

Mettas Mutter und ihre Brüder hatten das Mädchen allein aufziehen müssen, weil der Vater drei Monate vor ihrer Geburt verstorben war. Vielleicht war der Stiefvater, den sie im Alter von fünf Jahren bekam, auch allzu nachgiebig mit dem Mädchen gewesen. Focken hatte im Alter von acht Jahren ebenfalls seinen Vater verloren, und da seine Mutter zwei Jahre später wieder heiratete, ist es nicht ganz abwegig, dass der Stiefvater in dem Jungen ein Problem sah. Als an einem kalten Dezembertag 1783 die Trauung vollzogen wurde, hatte man in der Familie Fock immer noch Zweifel, ob die verwöhnte, launische Metta Charlotta Ridderbielke die passende Gattin für Focken war. So langsam, wie er dachte, hätte er wohl eher eine folgsame Frau gebraucht, die genug Geduld für ihn aufbrachte.

Ein paar Jahre später sollte sich herausstellen, dass man Recht gehabt hatte. Die Schande war komplett, als Metta einen Vormund für ihren Mann besorgte. Statt die Sache diskret abzuwickeln, hatte sie einen entsprechenden Beschluss beim Vormundschaftsgericht erwirkt, so dass noch der letzte Bauer über Henrik Johan und die Familie Fock lachen konnte. Den Familienmitgliedern hingegen war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Adam wurde immer noch wütend, wenn er daran zurückdachte. Als wäre Focken nicht selbst in der Lage gewesen, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern. Mehr als einmal hatte sich Metta in Fragen eingemischt, die sie überhaupt nichts angingen. Ackerbau, Forstwirtschaft, die Führung des Hofes. Sie betrieb das Gut Lilla Gisslared – sie, eine Frau! –, als wäre es ihr eigenes, ebenso wie Wald und Landwirtschaft. Nein, die Wahl dieser Gattin war keine glückliche Entscheidung gewesen.

Adam folgte ihnen, als sie am Kachelofen vorbeiging, der das Wappen der Focks und das der Ekeblads trug. Seine Mutter hatte es damit sehr genau genommen – ihr Ekeblad-Wappen sollte unbedingt auch darauf sein. Sie verließen den Salon und gingen durch die beiden angrenzenden Gemächer, bis sie im Flur auf dem gewürfelten Kalksteinboden standen. Die Steine kamen vom Kinnekulle, dem Berg am südöstlichen Strand des Vänern-Sees. Als Kind war er an heißen Sommertagen oft durch die kühle Halle gekrabbelt und war dem seltsamen Steinmuster gefolgt.

Metta warf sich Mantel und Schal um die Schultern, bevor sie auf die Treppe trat. Normalerweise hätte er ihr natürlich seine Hilfe angeboten, aber wenn sie sich um ein ganzes Gut kümmern konnte, dann konnte sie wohl auch Mantel und Schal allein anziehen. Adam nickte dem Jungen zu, der den Wagen holte. Die Kutsche wurde von einem grauen Pferd gezogen, das er noch nie gesehen hatte.

»Was hast du da für ein Pferd?«, erkundigte sich Adam und musterte die magere Stute nachdenklich.

»Die hab ich einem Bauern in Falköping abgekauft«, erklärte Focken und nickte bedächtig.

Das Pferd machte ein paar Schritte vorwärts.

»Aber die lahmt ja!« Adam runzelte die Stirn.

»Ja, aber der Bauer meinte, das vergeht. Ihm war das noch gar nicht aufgefallen.«

»Und das hast du ihm geglaubt?« Metta seufzte und schüttelte den Kopf.

»Was hast du für sie bezahlt?«, fragte Adam, der die Flügeltür hinter sich zugemacht hatte und jetzt zu dem Pferd ging, um sein Bein zu betasten.

»Acht Reichstaler und sechs Schilling.«

»Acht Reichstaler und sechs Schilling für ein lahmendes Pferd! Das Geld hätten wir auch für andere Dinge brauchen können.« Metta raffte ihre Röcke zusammen und kletterte in den Wagen. »Mein guter Bruder Gustaf hat Henrik gebeten, das Pferd zurückzubringen und sein Geld zurückzuverlangen, aber mein Mann besteht darauf, dass er es behalten will.«

Adam biss die Zähne zusammen und ignorierte ihren Kommentar. Mettas Bruder war der Vormund, den das Gericht Fock zugeteilt hatte, was bedeutete, dass auf dem Hof der Fock-Familie Metta Charlotta selbst das Ruder in der Hand hielt.

Die Kutsche setzte sich in Bewegung, vorbei an der großen Ulme, die den Hof vor dem Hauptgebäude dominierte. Die Sonne schien von Südwest und beleuchtete das große Haus und die zwei torfgedeckten Dächer der Seitenflügel. Adam stellte sich in den Schatten des Südflügels. Als sie das Tor halb durchfahren hatten, drehte Focken sich noch einmal um und winkte mit beiden Händen zum Abschied. Adam hob die Hand. Metta nickte ihm gnädig zu, bevor sie den Kopf wieder nach vorn wandte. Das Pferd hinkte die Allee Richtung Lilla Gisslared entlang, zwischen den schnurgeraden Reihen von Ahorn- und Lindenbäumen hindurch, die rechts und links in Habachtstellung standen.

Adam blickte ihnen nach. Er war noch unverheiratet und würde darauf achten, nicht denselben Fehler zu begehen wie der Cousin seines Vaters. Natürlich war Focken manchmal einfältig, aber Metta müsste ihren Mann trotzdem mit Respekt behandeln.

Er blieb stehen, bis die Kutsche verschwunden war. Wie so oft erschienen Erinnerungen an seine Eltern vor seinem inneren Auge. Sie waren den drei Söhnen gar zu früh genommen worden. Adam war gerade mal sieben, als seine Mutter verstarb, und schon ein Jahr darauf verlor er seinen Vater. Er konnte sich noch an die Stimme seiner Mutter und das Gesicht seines Vaters erinnern. Sein Vater hatte sich immer um seinen Cousin Focken gekümmert, deswegen wollte Adam das gern auch tun. Außerdem hatte er nicht so viele Verwandte – väterlicherseits war tatsächlich nur noch Focken übrig.

Onkel Ekeblad hatte die elternlosen Jungen in seine Obhut genommen, bis sie mündig waren, und er hatte auch den Vorschlag gemacht, dass Adam seine Cousine Eva Gustafa heiraten sollte. Sie als Hofdame der Königin Fredrika Dorotea Wilhelmina hatte es aber äußerst ungnädig aufgenommen, dass Focken für unmündig erklärt wurde. Dass ein naher Verwandter ihres zukünftigen Gatten einen Vormund bekommen hatte, weil er allein nicht zurechtkam, gefiel ihr ganz und gar nicht.

Metta war ganz in Gedanken versunken, als sie an den rotgestrichenen Gebäuden der Mühle von Kvissle vorbeifuhren. Der Müller hatte alle Hände voll zu tun, weil es so viel Korn zu mahlen gab. Auf seinem Hof standen gleich mehrere Karren. Die Leute, die von nah und fern zu ihm kamen, mussten manchmal über Nacht hierbleiben, bis ihr Getreide gemahlen war. Als Jungverheiratete hatten Metta und Focken kurz auf dem Mühlenhof gewohnt, wo auch ihr erstes Kind, Ulrica, geboren wurde.

Allerdings war das Mädchen nach gerade mal vier Monaten gestorben. Danach waren sie jedoch noch mit vier weiteren Kindern gesegnet worden und aufs nahe gelegene Lilla Gisslared umgezogen. Zwei Söhne und zwei Töchter. Die älteste Tochter, die auch auf den Namen Ulrica getauft wurde, war inzwischen mit Feldwebel Wahlberg verlobt, einem vielversprechenden jungen Mann. Der dreizehnjährige Claes Abraham hatte sich freiwillig zum Dienst beim Kavallerieregiment von Västgöta gemeldet, den er demnächst antreten musste, und bald würden nur noch die zwei jüngsten auf dem Gut zurückbleiben. Der siebenjährige Wilhelm und die dreijährige Charlotta Lovisa. Metta tat es im Herzen weh, wenn sie an das Mädchen dachte.

Als sie über die alte Holzbrücke fuhren, hörte sie das Donnern des Lidan-Flusses und blickte zur Stromschnelle und aufs bräunliche Wasser. Der Wagen schwankte, und als sie wieder aufblickte, sah sie, dass Focken ihn viel zu nah an den Rand lenkte. Metta warf sich nach vorn und riss ihrem Mann die Zügel aus der Hand, um das Pferd dann mit ruhiger Hand auf den Weg zurückzulenken.

»Was erlaubst du dir?«, rief Focken empört.

»Du kannst doch nicht so nah am Rand fahren, das war die Stelle, an der die Brücke letzten Winter nachgegeben hat, weißt du nicht mehr? An dieser Stelle sollte man lieber in der Mitte fahren.«

Focken verschränkte die Arme.

»Willst du wieder?«, fragte Metta mit sanfter Stimme und reichte ihm die Zügel.

»Fahr du doch, du kannst doch immer alles am besten«, erwiderte er mürrisch.

»Na, mein Lieber, wir wollen doch nicht streiten.« Sie trieb das Pferd an, das inzwischen deutlich langsamer ging. Wie sich herausgestellt hatte, war die Strecke zwischen Salaholm und ihrem Heim in Lilla Gisslared gerade so bemessen, dass die alte Stute sie noch bewältigen konnte, obwohl es kaum mehr als fünf Kilometer waren. Langsam trottete das Pferd über den schmalen Weg. Metta fröstelte. Der Herbst war im Anzug, und bis Winteranbruch gab es noch viel vorzubereiten. Sie wandte sich an ihren Mann, legte ihm eine Hand auf den Arm und wählte ihre Worte mit Bedacht.

»Ich fände es schön, wenn wir den Rest des Brennholzes rechtzeitig in den Schuppen bekommen, bevor noch mehr Regen kommt.«

»Das mache ich morgen.«

»Könnten wir nicht heute schon damit beginnen und morgen den Rest machen? Es wird ja doch über eine Woche dauern, bis das alles erledigt ist.«

»Ich sagte morgen.«

Es war völlig zwecklos, mit ihm reden zu wollen, wenn er so griesgrämig war, das wusste sie. Sie waren zwar gut miteinander ausgekommen und hatten fünf Kinder in die Welt gesetzt, von denen vier heute noch gesund waren, doch der begrenzte Verstand ihres Mannes warf immer wieder Schwierigkeiten auf, weil er sich die Dinge nie gründlich überlegte und meist übereilte Entscheidungen traf. Was am Ende spürbare Auswirkungen auf ihre Geldmittel hatte. Sie hatte lange stillgehalten, bis sie sich gezwungen sah, andere Maßnahmen zu ergreifen und einen Vormund für ihren Mann bestimmen zu lassen. Mettas eigenen Bruder, Gustaf. Was hätte sie sonst tun sollen? Immerhin war Gustaf ein gebildeter Mann, ein Pfarrer.

Der Hof kam in Sicht, das rote Wohnhaus, der Stall und die Schuppen. Metta sah, wie die Nachbarn von Stora Gisslared Focken grüßten, aber gleich darauf mit dem Finger auf sie zeigten und den Umstand kommentierten, dass nicht er, sondern sie die Zügel in der Hand hatte. Vielleicht sollte sie ihnen gestatten, das Moos zu ernten, worum sie schon lange ersucht hatten, vielleicht konnte das ja das Eis zwischen ihnen brechen. Sie würde zumindest darüber nachdenken, dachte sie, als sie das Pferd auf den Hof lenkte und zum Stehen brachte.

Focken stieg ab und ging auf seine Schwiegermutter zu, die auf die Treppe herausgekommen war. Sie hatte Charlotta Lovisa auf dem Arm, obwohl Metta darum gebeten hatte, dass sich eine der Mägde um sie kümmern sollte, solange sie bei Adam zu Besuch auf Salaholm waren. Das Mädchen gurgelte vergnügt und lächelte, als es seinen Vater sah. Obwohl es bereits drei Jahre alt war, hatte es noch kein Wort gesprochen. Die Familie hatte sich angewöhnt, Gesten zu verwenden, wenn sie mit der Jüngsten sprach, und Metta hatte lange geglaubt, dass ihre Tochter schon noch anfangen würde zu sprechen, doch dem war nicht so. Irgendetwas hatte die Kleine, man konnte es nicht länger leugnen. Sie schien ganz in ihrer eigenen winzigen Welt zu leben, und ihre Laute und ihr Mienenspiel waren nicht so wie bei den anderen drei Kindern. Als ihre Großmutter darauf hinwies, dass das Mädchen nicht mal auf Geräusche reagiere, hatte Metta es nicht wahrhaben wollen und war richtig wütend geworden, aber am Ende musste sie einsehen, dass ihre Tochter taubstumm war. Focken hatte es von allen am schwersten genommen. Bekümmert fragte er sich, was für eine Zukunft ein taubstummes Mädchen haben könnte. Zwei Wochen lang sprach er von nichts anderem als von seiner Tochter, die weder sprechen noch hören konnte. Immer und immer wieder wiederholte er, dass ihr Leben zu Ende war, bevor es auch nur angefangen hatte. Niemand würde sie zur Frau nehmen wollen.

Metta spannte das Pferd aus und führte es in den Stall. Das Torfdach musste repariert werden, wie so vieles andere auf dem Hof. Es tat ihr weh, wenn sie sah, wie das Wasser eindrang und die Holzwände aufweichte, bis sie langsam verrotteten und kaputtgingen. Wenn man sich rechtzeitig um die Gebäude kümmerte, musste sich der Schaden gar nicht bis zum Schlimmsten auswachsen. Es waren auch keine besonders großen Arbeiten, aber langsam wurden es einfach zu viele.

Sie streichelte dem Pferd das Maul und vergewisserte sich, dass es Heu und Wasser hatte, bevor sie die Stalltür verriegelte und zum Haus ging.

»Ist irgendetwas vorgefallen?«, fragte Witwe Gripenmarck ihren Schwiegersohn.

»Frag Metta, die weiß ja doch alles besser«, antwortete er, ging in die Küche und machte den Schrank auf.

Schon bevor sie die Flasche sah, wusste sie, dass er danach suchte. Mit dem einzigen Glas des ganzen Haushalts in der Hand stand er da und starrte über die Felder, während die Sonne unterging.

Die Witwe Gripenmarck seufzte. Es hätte alles so anders gehen können, wenn nur ihr erster Mann, Mettas Vater, noch leben würde. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Wahrscheinlich wäre Mettas Vater sorgfältiger bei der Wahl ihres Verlobten gewesen als ihr Stiefvater. Vielleicht hatte er nur eine Chance gesehen, das ungebärdige Mädchen loszuwerden. Früher hatten sie ein gutes Leben geführt, in einem geheizten Haus gewohnt, Dienstboten gehabt und sich nie Sorgen ums Geld machen müssen, doch nun hatte sich ihr Leben grundlegend geändert. Erst für Metta, die von zu Hause wegziehen musste, und dann für sie selbst, als sie erneut verwitwete und bei ihrer ältesten Tochter einzog.

Natürlich verfügte sie über gewisse Geldmittel, die sie mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn teilte. In letzter Zeit war sie allerdings dazu übergegangen, ihnen das Geld nur noch zu leihen, nachdem sie gesehen hatte, wie irrwitzig die Geschäfte ihres Schwiegersohns waren. Mittlerweile belief sich das Darlehen auf erschreckende dreihundertneunzehn Reichstaler und fünfundzwanzig Schilling. Außerdem war der Witwe nicht mehr allzu viel Bargeld geblieben.

Mehr als einmal hatte sie sich die Frage gestellt, ob sie das Richtige getan hatten, als sie ihre Tochter mit Henrik Fock verheirateten. Hätte er nicht zur Familie Fock gehört, hätte man ihn überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Seine Einfalt und seine Geistesschwäche, die man damals nur ahnen konnte, hatten sich im Laufe der Jahre verstärkt und inzwischen ein höchst unangenehmes Ausmaß angenommen.

»Immer noch besser, als Witwe zu sein«, hatte ihre Mutter einmal gesagt, als Metta nach einem schweren Arbeitstag in der heißen Sommersonne verschwitzt ins Haus kam.

»Bist du sicher?«, hatte Metta gefragt, hatte ihre Worte aber sofort bereut. Focken war kein böser Mensch, er dachte bloß nicht nach. Und immerhin war er auch der Vater ihrer vier Kinder.

Am nächsten Morgen hatte Focken sein Versprechen mit dem Brennholz schon wieder vergessen. Er saß gerade beim Frühstück, als Metta ihn daran erinnerte. Anders und Per, die zwei Knechte, die sie angeheuert hatten, waren schon hinausgegangen, um ihr Tagwerk zu beginnen.

»Heute müssen wir in den Wald fahren und das Brennholz sammeln«, stellte sie mit einem Blick in den grau bewölkten Himmel fest. Mit etwas Glück würden sie ohne Regen davonkommen.

»Heute ist kein guter Tag.« Entschieden schüttelte Focken den Kopf und schlürfte seine Milch.

»Das ist eine Arbeit, die man schon im Sommer hätte erledigen müssen, wir sind bereits sehr spät dran. Und was meinst du, womit wir im Winter heizen sollen?« Metta sah ihren Mann scharf an.

»Nicht heute«, sagte er. »Morgen.«

»Das wird doch nie erledigt. Was könnte denn wichtiger sein als unser Brennholz? Der Winter steht vor der Tür, und wenn wir das Holz in den Schuppen gebracht haben, muss es immer noch gespaltet und zurechtgesägt werden. Das ist harte Arbeit, da müssen alle mit anfassen.«

»Ich kann schon mithelfen, Mutter.« Claes Abraham war gerade hereingekommen und zog die Tür hinter sich zu.

»Ich weiß, mein liebes Kind. Aber du hast mit dem Mahlen des Getreides genug zu tun. Es ist einfach so vieles verschleppt worden.«

Dass sie außerdem versuchte, ihrem Mann solche Arbeiten zuzuweisen, bei denen er möglichst wenig Schaden anrichten konnte, behielt sie für sich, aber sie musste ständig Rücksicht nehmen und die Dinge anders organisieren, um ihren Mann von Orten fernzuhalten, an denen er doch nur Unordnung stiftete. Einfache Arbeiten gingen gut: Zweige im Wald sammeln, Holz sägen und hacken. Und wenn er sich an der Arbeit beteiligte, konnte er das Holz auch sehr schön stapeln. Doch die Reparatur des Stalldachs war keine Arbeit für Focken. Er dachte auch einfach nicht daran, dass das Wasser bei Regen hereinlief.

»Ich habe eine Verabredung mit Major Palmcrantz auf Krabbelund.«

»Ausgerechnet heute?«, fragte Metta.

»Ausgerechnet heute«, bestätigte Focken.

»Ich hoffe, bei dieser Verabredung redet ihr auch darüber, wie er dir helfen kann, den Kauf des Pferdes rückgängig zu machen. Einen anderen Grund für eine Fahrt nach Krabbelund kann ich mir nämlich nicht vorstellen.«

»Der Major und ich haben so einiges zu besprechen. Geschäftliches.«

»Du machst keine weiteren Geschäfte mehr! Wir haben ohnehin schon so hohe Schulden bei meiner Mutter.«

Focken trank den letzten Rest Milch, bevor er aufstand, Stiefel und Lederrock anzog und sich die gestrickte graue Mütze über die Ohren zog. Dann machte er wortlos die Tür auf und verschwand.

Metta seufzte und begann, den kläglichen Rest Grütze zu essen. Hier saß sie nun, mit ihrer alternden Mutter, vier Kindern und einem Gut, das sie allein führen musste. Was sollte sie nur tun?

Claes Abraham legte seiner Mutter die Hand auf die Schulter.

»Ich kann die Zweige im Wald sammeln gehen.«

Dreizehn Jahre war ihr ältester Sohn alt, aber er verstand es wesentlich besser als Focken, sich auf dem Gut nützlich zu machen. Und an Verstand fehlte es ihm wahrhaftig auch nicht. Viel von ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft setzte sie in ihren Sohn. Er war als minderjähriger Freiwilliger gemeldet, weil man mindestens fünfzehn sein musste, bevor man zu den Soldaten gehen konnte. Doch wenn er den Dienst in der Kavallerie bekam, würde man ihm einen Lohn zahlen, und den konnten sie wahrhaftig gut brauchen.

Auf manchen anderen Gütern ging es sicher auch knapp her, aber dort kümmerten sich die Frauen um Tiere und Haushalt, während die Männer Hof und Wald in Ordnung hielten.

Metta sah ihren Sohn an. Als Mutter sollte man keine Lieblinge haben, aber zwischen ihr und ihrem Ältesten bestand schon ein ganz besonderes Band.

»Du hilfst mir wirklich am meisten auf dem Gut, Claes Abraham«, sagte sie. »Ich nehme die Knechte mit in den Wald, die fahren die Ochsenkarren, ich nehme das Pferd. Wir werden mehr als genug Arbeit haben, wenn wir zurückkommen und das ganze Holz noch hacken und zersägen müssen.«

2

KLOSTERLYCKAN

NOVEMBER 2011

Andreas stellte den Spaten ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Anwesen war riesig – 10 500 Hektar – und auf dieser Lichtung war er noch nie gewesen. Die anderen Knechte auf Gut Stola hatten nur den Kopf geschüttelt, als beim Frühstück der Name Klosterlyckan fiel. Überhaupt hatten sie in letzter Zeit ganz schön oft den Kopf geschüttelt.

Die Wiese war seit den Zeiten des Großvaters von Graf Ekeblad nicht mehr bewirtschaftet worden. Keiner der Angestellten wollte sich dieser Arbeit annehmen. Graf Carl-Henrik Ekeblad, der auch dabei gewesen war, murmelte etwas von Aberglauben und alten Räuberpistolen, bis Andreas schließlich aufstand und erklärte, dass er sich um Klosterlyckan kümmern konnte.

Der Graf nickte wohlwollend und meinte, es sei ja auch mal an der Zeit für Andreas, diesen Kurs im Umgang mit GPS-gesteuerten landwirtschaftlichen Maschinen zu absolvieren, von dem sie schon gesprochen hatten. Vielleicht schon diesen Sommer. Andreas traute seinen Ohren kaum und sah, wie die anderen die Köpfe zusammensteckten.

Auf dem Weg zum Traktor hielt ihn einer der älteren Mitarbeiter auf.

»Diese Wiese ist kein guter Ort. Da bleiben die Traktoren stehen, und die Leute sterben.« Andreas schüttelte bloß den Kopf und meinte, dass Traktoren überall stehen blieben und sie sich ja in der Mittagspause weiter unterhalten konnten. Doch der Mann hatte Andreas an der Schulter festgehalten, bis der ihm versprochen hatte, vorsichtig zu sein.

Die dreihundert Jahre alten Eichen schienen die Wiese wie im Kreis zu umstehen, als hätte man sie aus irgendeinem Grund so gepflanzt. Die Sonne war gerade über die Baumwipfel gestiegen und ließ den Raureif auf dem gelben Gras und dem hie und da liegen gebliebenen Laub glitzern. In weiter Ferne konnte er zwischen den Baumstämmen den einzigen noch verbliebenen Flügel von Salaholm ausmachen. Den Südflügel. Schwer vorstellbar, dass dieses stattliche rote Holzhaus mit dem weißen Satteldach nur eines von zwei Flügelgebäuden gewesen war und dass dazwischen ein noch größeres Hauptgebäude gestanden hatte. Nur die Position der moosbewachsenen alten Ulme verriet, dass sie früher einmal von Gebäuden umgeben gewesen war. Elf insgesamt. Der Keller des Hauptgebäudes, wo die Äpfel von Salaholm gelagert wurden, war noch da, wenn auch nicht unmittelbar zu sehen und im Sommer überwuchert von Brennnesseln. Andreas hatte sich doch gern versteckt, wenn er mit den anderen Kindern spielte. Außer ihm hatte sich dort keiner ohne Taschenlampe hinuntergetraut. Und manchmal hatten die Roten Rosen dort ihre Gefangenen hingebracht. Die Gefangenen baten und flehten, keiner wollte in diesem Keller sitzen, und einer von den Weißen Rosen hatte sich vor Angst sogar in die Hose gemacht.

Schade, dass niemand bereit war, den alten Flügel zu renovieren, aber vielleicht wurde ja etwas daraus, wenn sich die Wogen geglättet hatten. Unter einer großen gelben Plane lag das Fundament eines anderen, ähnlichen Flügels, also gab es vielleicht doch Pläne, Salaholm wieder in seiner alten Größe aufzubauen. Doch die Flügelteile lagen nun schon lange dort. Andreas hatte mitgeholfen, als man die Zweige stapelte, die die Wände gebildet hatten, und die alte Handwerkskunst hatte ihm schwer imponiert. Alles war nach einem ausgeklügelten System markiert. Jeder Zweig war auf beiden Seiten sorgfältig mit geschnitzten Buchstaben und Ziffern gekennzeichnet, die noch genauso gut zu sehen waren wie damals, als die Wände zum ersten Mal hochgezogen wurden.

Den Nordflügel neu aufzubauen wäre eine Riesenarbeit, aber wenn er die Möglichkeiten gehabt hätte, hätte er sich vorstellen können, Salaholm selbst zu kaufen und den noch erhaltenen Südflügel zu renovieren. Er war groß genug, und rund ums Haus erstreckte sich ein sehr alter, gut durchdachter, jetzt freilich völlig zugewucherter Garten. Doch der Graf verkaufte niemals ein Stück Land, der kaufte nur alles, was er zwischen die Finger bekam. Genau wie es sein Vater einmal gemacht hatte und dessen Vater vor ihm. Andreas wusste fast alles über die Familie Ekeblad. Über Generationen hinweg hatte seine eigene Familie – wie viele andere in dieser Gegend – für den Grafen auf Gut Stola gearbeitet und lebte daher schon mindestens genauso lang auf diesem Boden.