Über Katharina Peters

Katharina Peters, 1960 geboren und in Wolfsburg aufgewachsen, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist eine passionierte Marathonläuferin, trainiert Aikido und lebt als freie Autorin in Berlin. Bei Rütten & Loening erschien der erste Roman mit Hannah Peters »Herztod«. Bei atb erscheinen die Rügen-Krimis: »Hafenmord«, »Dünenmord« und »Klippenmord«.

Informationen zum Buch

Zwei vermisste Frauen

Zwei Vermisstenfälle erregen Aufsehen: Berit, eine junge Frau, verschwindet spurlos aus ihrem Ferienhaus am Fehmarnsund. Zwei Tage später taucht sie wieder auf: verstört und offensichtlich misshandelt. Die Kriminalpsychologin Hannah Jakob versucht vergeblich, Berit zu befragen, doch sie wird noch mit einem zweiten Fall konfrontiert: Eine Radiomoderatorin ist während ihres Urlaubs in Dänemark verschwunden. Hannah Jakob ahnt, dass beide Fälle zusammengehören. War die Journalistin einer großen Geschichte auf der Spur?

Hannah Jakob, Kriminalpsychologin mit dem Spezialgebiet vermisste Frauen und Kinder, ermittelt. Von der Autorin der Bestseller »Hafenmord« und »Klippenmord«.

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Katharina Peters

Wachkoma

Thriller

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Impressum

PROLOG

Der Mann war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, er trug Handschuhe und eine dünne Strumpfmaske über dem Gesicht, die zwei schmale Schlitze für die Augen freiließ. Auch der fensterlose, matt beleuchtete Raum war dunkel und niedrig – graue Steinwände, Betonboden, ein Stahlregal, zwei Stühle, eine Liege, auf der Berit unter einer Decke lag, ohne zu wissen, wie lange sie bereits hier war und wann sie begonnen hatte, ihre Umgebung wahrzunehmen. Es war kühl und roch dezent modrig. Feuchte Erde. Herbstlaub nach dem Regen. Ein Keller, dachte sie. Ich befinde mich in einem Keller. Sie kannte weder den Mann noch den Keller, und die Vorstellung, dass etwas Seltsames, vielleicht Unheilvolles geschehen war, löste höchstens Irritation aus. Als würde sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen.

Das ganze Szenario konnte ein Traum sein oder eine Erinnerung, die plötzlich in ihren Alltag eingebrochen war oder einen Traum zu beherrschen begann, aber kaum etwas mit ihr und ihrem realen Leben zu tun hatte, sondern mit einem Buch, das sie vor langer Zeit gelesen, einem Zeitungsartikel, der sie beschäftigt, oder einem Film, den sie gesehen hatte. Möglicherweise schreckte sie gleich hoch, und es war fünf Uhr morgens, ihr Mann schlief noch tief und fest. Sie würde leise aufstehen, einen Tee kochen und sich auf die Terrasse setzen, wo es nach Sommerwiese und Heu duftete; ein Kahn schipperte auf dem Kanal vorbei, der direkt am Grundstück entlangführte. Schon als Kind hatte sie Stunde um Stunde am Anlegesteg verbracht und den Booten und Kähnen hinterhergewinkt. Sie würde den Frieden genießen, den der frühe einsame Tagesbeginn in sich barg, den Blick über das weitläufige Anwesen streifen lassen, das ihr die Eltern hinterlassen hatten, und grob die anliegenden Aufgaben planen – ein paar Stunden im Büro, einige Telefonate mit Kunden, Teamsitzung, Projektgestaltung, eine Kajaktour auf dem Elbe-Lübeck-Kanal, mit Detlef essen gehen. Aber vielleicht würde sie auch plötzlich die Augen aufschlagen und feststellen, dass sie in der Badewanne lag und nur Sekunden zwischen dem Auftragen der Haarkur und dem abrupten Wegtauchen in eine völlig andere, erschreckend realistische Szene verstrichen waren.

Seit dem Unfall passierten ihr immer wieder solche Sprünge, wie Berit sie nannte, manchmal alle paar Stunden, dann wieder hatte sie mehrere Tage Ruhe, und es keimte die Hoffnung in ihr auf, dass es endlich vorbei sein könnte mit dem beängstigenden unkontrollierbaren Switchen zwischen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Alptraum und Alltagsrealität, Erinnerung und Gedankenspiel. Manchmal hatte sie das Gefühl, in einer wilden Achterbahnfahrt durch alle Windungen ihres Bewusstseins zu rasen und jede Wahrnehmung, mit der es je konfrontiert worden war, aufblitzen zu sehen – mal für Sekundenbruchteile schwach leuchtend, mal minutenlang grell blinkend. Die Ärzte hatten gesagt, dass das normal war – der schwere Unfall, die Hirnblutung, schweres Koma, dann Wachkoma und plötzlich, Wochen später, die Rückkehr ins Leben. Erinnerungslücken, Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit begleiteten den Heilungsprozess, und niemand konnte ihr sagen, wie lange er andauerte und wann die Begleiterscheinungen verblassten. Vielleicht nie. Das konnte man nicht ausschließen.

Das Erschreckendste war, dass Berit häufig nicht mit allerletzter Bestimmtheit sagen konnte, in welcher Wirklichkeitsebene sie sich gerade befand. Saß sie tatsächlich mit Detlef beim Frühstück, oder erinnerte sie sich lediglich daran, während sie im Büro die Mails abrief und vor sich hin träumte? Oder war es genau umgekehrt? War sie vielleicht längst tot? Mitten im Sterbeprozess, bei dem nach und nach jede Zelle ein letztes Mal Energie aussendete, um dann zu erstarren? Nein, sie war dem Tod einmal sehr nahe gewesen. Das hatte sich ganz anders angefühlt – friedlicher und klarer. Wenn ihre Eltern unvermutet auftauchten, wusste sie, dass sie sich in einem Traum befand, in dem Rückblende, Wunschdenken und sehnsüchtige Erinnerung zugleich verwirrend intensive Gefühle auslösten. Die beiden waren beim Tsunami-Unglück 2004 ums Leben gekommen. Zumindest an dieses tragische Ereignis entsann sie sich mit großer Gewissheit und hielt sie es nicht für einen bösen Alptraum oder eine uralte kindliche Angst. Für diese wenigen unmissverständlichen Hinweise und Orientierungshilfen war sie zutiefst dankbar, oder besser gesagt: Sie war zutiefst dankbar, sie klar erkennen und ohne jeglichen Zweifel zuordnen zu können.

Der schwarzgekleidete Mann nahm auf einem Stuhl Platz und sah sie aus den Schlitzen seiner Maske unverwandt an. Seine Augen glänzten. Berit nahm immer noch den modrigen Geruch wahr. Eine nachdrückliche Sequenz, die mein Bewusstsein gespeichert hat, dachte sie. Angst stellte sich immer noch nicht ein, auch nicht, als sich ein dumpfer Schmerz in ihrem Kopf auszubreiten begann.

»Wo bin ich?« Sie klang zaghafter, als sie sich fühlte. Langsam setzte sie sich auf. Benommenheit und Schwindel erfassten ihren Körper ähnlich intensiv wie die Atmosphäre des Kellers. Ich bin ganz nah an der wirklichen Empfindung, dachte sie.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich habe einige Fragen an dich«, sagte er leise, fast flüsternd, und sie war sicher, seine Stimme noch nie zuvor gehört zu haben.

»Wer bist du?«

Erneutes Kopfschütteln. »Das ist völlig unwichtig«, erwiderte er noch leiser.

Interessant, dachte Berit. Sie war gespannt, wann sie zurückspringen würde – in die Realität oder das, was sie dafür hielt –, und ob sich das Rätsel dieser Szene zuvor löste.

»Dorina Siebert – was sagt dir dieser Name?«

»Ich weiß nicht«, gab Berit zögernd zurück. »Wer soll das sein?«

»Ich stelle die Fragen. Überlege genau: Dorina Siebert – was verbindest du mit diesem Namen?«

Ich habe ihn schon mal gehört, dachte sie plötzlich. Oder einen ähnlichen Namen. Sie war unsicher. Der Kopfschmerz verstärkte sich. »Ich weiß es nicht.«

Der Mann seufzte. »Das ist kein Spiel, Berit. Du musst mir sagen, was du über Dorina Siebert weißt. Es ist wichtig.«

»Es kann sein, dass ich den Namen irgendwann schon einmal aufgeschnappt habe, aber ich …«

Der Schlag traf sie völlig unvorbereitet. Ansatzlos hatte der Mann ausgeholt und ihr mit der flachen Hand kraftvoll ins Gesicht geschlagen. Die Wucht warf ihren Kopf herum, der Schmerz explodierte hinter ihrer Stirn, Ohr und Wange wurden taub. Sie schnappte nach Luft und legte eine Hand auf ihre linke Gesichtshälfte. »Was soll das?«, flüsterte sie.

»Tut mir leid, Berit, aber ich muss dir weh tun, um ganz sicher zu sein, dass du die Wahrheit sagst. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« Die sanfte Unbeirrtheit in seiner Stimme stand in krassem Gegensatz zu seiner Drohung. Er erhob sich langsam.

In diesem Moment begriff Berit, dass sie nicht in einem Traum gefangen war oder Erinnerungsfetzen ein absurd authentisches Theater mit ihr veranstalteten. Der schwarzgekleidete Mann mit der sanften, leisen Stimme war so echt, so real und eindringlich, wie es der Unfall und der Tod ihrer Eltern gewesen waren, wie der Schmerz und die Angst, die in ihr hochloderten. Was war passiert?

Er trat näher. Eine Hand griff in ihren Haarschopf. Er musterte ihr Gesicht. »Dorina Siebert«, flüsterte er. »Was weißt du über sie?«

Großenbrode, schoss ihr durch den Kopf, als er zum zweiten Mal zuschlug. Sie hatte auf Sandra gewartet, doch dann war jemand in ihr Ferienhaus eingedrungen und hatte sie niedergeschlagen, kurze Zeit nachdem Detlef sich auf den Rückweg nach Lübeck gemacht hatte. Aber was sollte das alles? Wer war Dorina Siebert? Eine Stimme aus dem Radio. Doch diese Antwort genügte dem Mann nicht.

1

Dienststellenleiterin Dagmar Möller hatte bereits tags zuvor am Telefon keinerlei Hehl daraus gemacht, dass sie es für völlig unnötig erachtete, den Hintergründen der beiden Lübecker Vermisstenfälle mit tatkräftiger Unterstützung einer Sonderermittlerin des Berliner BKA nachzugehen, die noch dazu persönlich nach Lübeck zu reisen gedachte. Doch Hannah Jakob hatte sich nicht abwimmeln lassen – obwohl eine der beiden spurlos verschwundenen Frauen nach nur gut zwei Tagen wieder aufgetaucht war und sich zwar nicht bester Gesundheit erfreute, aber lebte, hatten ihre Alarmglocken geschrillt. Abgesehen davon löste die Einmischung des BKA in den meisten Dienststellen alles andere als Begeisterung, sondern in der Regel wenigstens anfänglich Skepsis aus – daran war sie längst gewöhnt, und zwar nicht erst seit sie aufgrund ihrer Sonderaufgabe quer durch die Republik zu reisen begonnen hatte.

Wenn Hannah guter Dinge war, ließ sie beim Werben für ihre Aufgabe ihren Charme spielen und betonte, dass sie bei etwaigen Ermittlungserfolgen die harmonische Zusammenarbeit mit dem Team der Dienststelle ausdrücklich hervorheben würde. War sie schlecht drauf, was deutlich seltener vorkam, oder blockte ein Dienststellenleiter besonders hartnäckig, spielte sie ihre professionelle Sachlichkeit aus und punktete auch mal mit übergeordneten Prioritäten. Darüber hinaus konnte sie sich ganz gut auf ihr Bauchgefühl verlassen. Wenn ein Fall sie nicht losließ, steckte meist mehr dahinter, als es auf den ersten und zweiten Blick schien, und in der Regel gelang es ihr früher oder später, die Kollegen von der Notwendigkeit weiterer Recherchen zu überzeugen.

Als Hannah nach dreistündiger Fahrt am Donnerstagmittag bei strahlendem Juliwetter in der Lübecker Polizeidirektion eintraf und auf Dagmar Möller wartete – an ihrer Seite wie immer Windhundmix Kotti –, war ihre Stimmung gemischt. Ihr Sohn Benjamin, der im letzten Jahr ein freiwilliges soziales Jahr in Brasilien absolviert und sich in einem Straßenkinder-Projekt engagiert hatte, war lediglich für eine zweiwöchige Stippvisite nach Berlin zurückgekehrt, um dann Freunde in Heidelberg zu besuchen und sich dort um einen Studienplatz zu bewerben. Der knapp Zwanzigjährige war in den vergangenen Monaten erwachsen geworden und deutlich gereift. Das Elternhaus wurde zunehmend unwichtiger, mehr noch: Es spielte höchstens noch eine Nebenrolle. Hannah war erstaunt, wie verwirrt sie darauf reagierte, dass Ben inzwischen sein eigenes Leben führte und mit souveräner Selbstverständlichkeit Entscheidungen traf, ohne sich vorab zu vergewissern, wie seine Mutter und deren Lebensgefährte Achim darüber dachten.

Was hast du erwartet – dass er aus dem Flieger steigt, sich in deine Arme stürzt und wieder hauptberuflich Sohn ist?, fragte eine spitze Stimme in ihr. Na ja, ein bisschen schon, zumindest für ein paar Monate. Hannah war nicht gut im Loslassen, schon gar nicht, wenn es um die Familie ging, aber dafür konnte ja Ben nichts.

Sie schob das Thema beiseite, als Hauptkommissarin Möller eintrat und sie beiläufig begrüßte, um dann hinter ihren Schreibtisch zu hasten und sowohl Hannah als auch Kotti abwartend zu mustern. Wir kommen ganz gut alleine klar, stand quer über ihre Stirn geschrieben, und sie gab sich keine Mühe, die Botschaft zu verschleiern. Sie hat ihre Meinung nicht geändert, stellte Hannah innerlich seufzend fest, ganz im Gegenteil. Sie fühlt sich bevormundet.

»Vermisste Frauen und Kinder sind seit einigen Jahren mein Spezialgebiet«, erläuterte Hannah nach flüchtigem Eingangsgeplänkel freundlich. Eigentlich schon immer, fügte sie in Gedanken hinzu – seit ihre Schwester Liv vor über zwanzig Jahren nach einem Streit mit Hannah wutentbrannt ihr Elternhaus in Hamburg verlassen hatte und seitdem spurlos verschwunden war. Es verging keine Woche, in der Hannah nicht an sie und die Eltern dachte, zu denen seit den tragischen Geschehnissen kaum mehr als ein flüchtiger Kontakt bestand.

Hannah schob die Erinnerungen beiseite. »Vorrangiges Ziel meiner Arbeit ist es, selbst bei mäßiger Spurenlage herauszufinden, was warum mit ihnen geschehen ist …«

»Tja, das wollen wir wohl alle.« Möller hob mit einer energischen Bewegung das Kinn.

»Was ist in welchem Kontext passiert?«, fuhr Hannah unbeirrt fort. »Warum verschwindet ausgerechnet dieser Mensch? Liegt eine individuelle Tragödie zugrunde? Oder hätte es jeden anderen zu dieser Stunde an diesem Ort auch treffen können? Jedes Tatgeschehen basiert letztlich auf Hintergründen und Motiven, die sich lediglich nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Aber vielleicht auf den zweiten und mit Hilfe psychologischer Ausleuchtung, die unter Umständen auch weiterreichende kriminelle Verflechtungen sichtbar macht.« Sie deutete ein Lächeln an.

»Interessant«, erwiderte Möller in aufreizend gelangweiltem Ton und übersah das Lächeln geflissentlich. Die Beamtin dürfte die fünfzig überschritten haben, schätzte Hannah. Erschöpfung und Frust hatten sich tief in ihrem Gesicht eingegraben. Das blondierte Haar wirkte farblos, und der Blazer saß zu knapp. Sie hatte etliche Kilo zu viel auf den Rippen, ihre Fitnesswerte dürften ausbaufähig sein, und sie schlief nicht gut, wie ihre tiefen Augenringe verrieten. Wahrscheinlich quoll ihr Überstundenkonto über, und der Haussegen hing schief, weil sie neben dem Job kaum noch die Kraft fand, so etwas wie ein erfülltes Privatleben zu gestalten … Hör auf zu spekulieren, ermahnte Hannah sich selbst.

»Ich glaube nicht, dass Sie Gelegenheit erhalten werden, Ihre Kenntnisse und Fragestellungen ausgerechnet im Zusammenhang mit diesen beiden Fällen hier in Lübeck zu vertiefen oder gar weitreichende kriminelle Verflechtungen zu entdecken«, fügte Möller hinzu, als Hannah sie unverwandt ansah. »Ein Vermisstenfall hat sich quasi selbst gelöst, wie wir bereits am Telefon besprachen – die Frau ist nach gut zwei Tagen aufgefunden worden und nach einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt seit einer Woche zu Hause. Und was Dorina Siebert angeht, so laufen die Ermittlungen seit Montag. Wir stehen in engem Kontakt mit den dänischen Behörden, die routinemäßigen Überprüfungen und Anfragen laufen, Befragungen im Familien-, Kollegen- und Bekanntenkreis sind erfolgt oder stehen zeitnah an, doch ein Hintergrund hat sich nicht erschlossen, noch nicht. Womöglich werden wir das Rätsel gar nicht lösen können – wie so häufig bei Vermisstenfällen. Abgesehen von der Tatsache, dass beide Frauen Lübeckerinnen sind und während eines Urlaubs verschwanden, haben die beiden Fälle nicht das Geringste miteinander zu tun.«

»Wissen oder vermuten Sie?«

»Es haben sich keinerlei Hinweise gefunden, die einen Zusammenhang herstellen könnten.« Möller machte eine wegwerfende Handbewegung, dann hielt sie inne und musterte Hannah mit scharfem Blick. »Oder wissen Sie und Ihre Dienststelle mehr?«

»Ich erkläre Ihnen gerne, welche Schlussfolgerungen ich aufgrund welcher Kenntnisse ziehe und wie ich mir meine weiteren Recherchen hier vor Ort vorstelle«, entgegnete Hannah ebenso gleichmütig wie ausweichend.

Selbstverständlich war sie nicht nur mit den Rahmendaten der beiden Fälle vertraut, sondern aufgrund eigener Nachforschungen auch über einzelne Aspekte informiert, insbesondere was auffällige kriminaltechnische Befunde und rechtsmedizinische Ergebnisse zum Berit-Konstedt-Fall anbelangte, aber das musste sie Möller nicht wenige Minuten nach ihrem Eintreffen auf die Nase binden, auch wenn die sich ihren Teil wahrscheinlich längst dachte und zähneknirschend zur Kenntnis nahm. Die Diskussionen und der intensive Austausch mit den Kollegen vor Ort waren fester Bestandteil ihrer Ermittlungsarbeit, selbst oder gerade wenn sie anfangs nicht mit offenen Armen aufgenommen wurde. Dabei kam manches zur Sprache, was nicht in den Akten stand.

»Fangen wir mit Berit Konstedt an?«, schlug Hannah vor.

»Nur zu.«

»Sie verschwand vor zwei Wochen aus ihrem Ferienhaus in Großenbrode am Fehmarnsund, kurze Zeit nachdem ihr Mann sie dort abgesetzt und sie am späten Nachmittag ein letztes Mal mit ihm telefoniert hatte. Eine Freundin war gerade mal eine Stunde später aus Kiel angereist und fand nur ein leeres Haus vor. Einbruchsspuren gab es nicht, gestohlen wurde auch nichts. Sie hat sofort Alarm geschlagen, weil Berit keinen Schlüssel mitgenommen hatte, über ihr Handy nicht erreichbar war und zudem nach einem schweren Unfall mit Hirnverletzungen und zeitweisem Koma vor einigen Monaten geschwächt ist sowie seitdem zeitweise unter Orientierungslosigkeit leidet.«

»Ja – das ist die Ausgangssituation, wie wir Sie ermittelt haben«, bestätigte Möller und trommelte mit den Fingern ihrer rechten Hand auf der Schreibtischplatte. Sie hielt es für pure Zeitverschwendung, die hinlänglich bekannten Tatsachen erneut und womöglich in allen Einzelheiten und Teilaspekten durchzukauen. »Zweieinhalb Tage später entdeckten Ausflügler die verwirrte und geschwächte Frau oberhalb des Trammer Sees nordwestlich von Plön. Ihr Körper wies Spuren von Gewaltanwendung auf. Sehr wahrscheinlich ist sie gefoltert und später ausgesetzt worden, außerdem hatte man ihr ein Betäubungsmittel verabreicht«, referierte sie schließlich weiter. »Berit Konstedt kann sich jedoch nicht an das Geschehen erinnern. Sie ist völlig traumatisiert. Ich muss Ihnen als Psychologin nicht erklären, dass sie höchstwahrscheinlich verdrängt, was geschehen ist, und niemand weiß, wann ihr Gedächtnis wieder mitspielen wird, zumal die Folgen des Unfalls auch noch eine Rolle spielen dürften. Auf gut Deutsch: Solange Berit Konstedt nichts zum Tathergang sagen kann, verfügen wir über keinerlei Hinweise, denen wir zielgerichtet nachgehen könnten, geschweige denn so etwas Ähnliches wie eine Spur, aber wir bleiben selbstverständlich an dem Fall dran.«

Es gibt sehr wohl einige Auffälligkeiten, die mich stutzig machen, dachte Hannah, behielt die Anmerkung jedoch für sich. Kollegin Möller war ganz und gar nicht darauf erpicht, sich mit einem Fall zu belasten, der ihrer Ansicht nach wenigstens aktuell keinerlei Spielraum für intensive und erfolgversprechende Ermittlungen bot – eine Einschätzung, die die Staatsanwaltschaft teilen dürfte. Berit Konstedt war wieder zu Hause – verletzt, gequält, ohne Erinnerung, aber lebend. Was geschehen war, spielte in diesem Augenblick lediglich eine sekundäre Rolle. Vielleicht würde sich das bald ändern.

»Sie ist nicht vergewaltigt worden«, nahm Hannah den Faden wieder auf.

»Nein.«

»Demnach wurde sie entführt, um …«

»Nicht einmal für eine Entführung gibt es eindeutige Beweise oder DNA-Spuren im Haus, geschweige denn Zeugenaussagen«, fiel Möller ihr ins Wort und ließ ihre Hand plötzlich ruhen. »Vielleicht hat sie das Haus verlassen, ist spazieren gegangen, verlief sich, geriet in Panik, verlor dann völlig die Orientierung – was seit Monaten immer wieder geschieht – und geriet schließlich zufällig in die Hände eines oder auch mehrerer Gewalttäter, die sie später im Wald aussetzten. So etwas passiert. Ihr Handy fand sich übrigens im Ferienhaus, es war stumm geschaltet – so blieb nicht mal die Möglichkeit, über eine Funkzellenauswertung ein Bewegungsprofil zu erstellen. Darf ich Ihnen mein Resümee in aller Kürze darlegen?«

»Nur zu.«

»Berit Konstedt war zur falschen Zeit am falschen Ort, und wir werden erst mehr erfahren, wenn sie sich erinnert. Und so lange können wir entweder im Trüben fischen, oder wir üben uns in Geduld. Letzteres halte ich für die weitaus bessere Idee, auch aus Rücksicht auf die junge Frau.«

Hannah lehnte sich zurück. Mit einer Hand strich sie Kotti sanft über den Kopf. Natürlich war der Standpunkt der Kommissarin nicht von der Hand zu weisen – so etwas passierte, leider Gottes, immer wieder. Vielleicht handelte es sich um einen Triebtäter mit schierer Lust an der Gewalt sowie an der Ohnmacht seines Opfers, und die sexuelle Komponente war weggefallen oder auf andere Weise ausgelebt worden. Triebtäter waren jedoch meistens Wiederholungs- und Einzeltäter, und die entsprechende Abfrage in der Datenbank war auf kein vergleichbares Muster gestoßen. Unter Umständen war es sein erster Übergriff. Nicht auszuschließen, dennoch: Hannah glaubte nicht an diese Variante, was aber für sich allein genommen zugegebenermaßen kein besonders gutes Argument darstellte.

Möller sah sie auffordernd an. »Lassen Sie mich raten – diese Einschätzung gefällt Ihnen nicht.«

»Darum geht es nicht. Zufallstäter haben in der Regel kein Narkotikum dabei, das sie ihrem Opfer sogar intravenös spritzen«, bemerkte Hannah ruhig.

»Sie sind gut informiert.«

»Ich gebe mir Mühe.«

»Nun, er könnte sich das Mittel später besorgt haben – oder sie, falls es mehrere Täter waren, was wir zurzeit nicht definitiv ausschließen dürfen. Berit Konstedt war einige Zeit in ihrer oder seiner Gewalt, und wir haben keine Ahnung, wo sie festgehalten wurde«, entgegnete die Beamtin schließlich forsch. »Die Bestimmung der Fremd-DNA hat auch hierzu keinerlei Erkenntnisse gebracht, wie Sie ganz bestimmt auch längst wissen. Vielleicht wurde sie in der Nähe des Ortes festgehalten, wo sie später ausgesetzt wurde, vielleicht hat der Täter einen längeren Umweg in Kauf genommen, um Spuren zu verwischen und nicht in eine Polizeikontrolle zu geraten. Wir können nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, wie viel Zeit Berit Konstedt mit dem Täter verbrachte – sechs Stunden? Zwölf? Eine Nacht und einen halben Tag? Ihr körperlicher Zustand ließ keine eindeutigen Interpretationen zu, meint der Rechtsmediziner. Da Abschürfungen und andere Verletzungen auch beim Herumirren im Wald entstanden sein können, bietet sich hier sehr viel Deutungsspielraum. Aber auch dieser Aspekt ist garantiert nicht neu für Sie.« Möller hob eine Braue.

»Stimmt«, bestätigte Hannah und deutete ein Nicken an. »Plön«, überlegte sie dann weiter. »Gut sechzig Kilometer von Großenbrode entfernt – warum ausgerechnet dort?«

»Nun, er kann sie irgendwo im Wald- und Seengebiet der Holsteinischen Schweiz ausgesetzt haben, und sie ist mehr oder weniger ziellos umhergelaufen, bis sie …«

Hannah schüttelte den Kopf. »Die hohe Restdosis des Narkotikums, das sich immer noch in ihrem Körper befand, und ihr geschwächter und verwirrter Zustand sprechen dagegen, dass sie in der Lage war, lange Strecken zu bewältigen. Sie dürfte viele Stunden geschlafen haben, später ist sie dann vielleicht zwei, drei Kilometer durch die Gegend gestolpert, viel mehr bestimmt nicht. Sie war verletzt, orientierungslos und hat sich wahrscheinlich völlig verängstigt irgendwo versteckt …«

»Mag sein«, fiel Möller ihr ins Wort. »Das können wir nicht ausschließen. Doch warum nicht Plön? Irgendwo am Wasser, im Wald – keine schlechte Idee, um jemanden unbemerkt auszusetzen, noch dazu jemanden, der verletzt und narkotisiert ist.«

»Und genau das ist der springende Punkt – das war sogar eine ausgesprochen gute Idee, und umso weniger klingt die gesamte Szenerie für mich nach der Zufallstat irgendeines Gewalttäters, dem Berit Konstedt über den Weg lief«, erklärte Hannah.

Kommissarin Möller zog die Brauen zusammen. »Wonach klingt es dann?«

»Nach einem gut durchdachten Plan, bei dem alle möglichen Faktoren berücksichtigt wurden«, fuhr Hannah fort. »Es gibt keine verwertbaren Spuren und keine Zeugen, die Frau verschwindet in einem äußerst günstigen Zeitfenster – kurz nachdem sie mit ihrem Mann telefoniert hatte und bevor ihre Freundin eintraf – und taucht gut zwei Tage später sechzig Kilometer entfernt wieder auf. Sie kann sich an nichts erinnern, und es finden sich kaum Indizien, die eine erfolgversprechende Ermittlung rechtfertigen. Befragungen im Familien- und Freundeskreis bleiben ergebnislos. Keiner weiß, was warum geschehen ist, und alle Ermittlungsansätze verlaufen im Sande.«

Möller atmete tief durch. »Selbst wenn Sie recht hätten …«

»Die junge Frau war in sehr schlechter Verfassung, sie hätte auch sterben können«, fuhr Hannah fort. »Das hat der Täter billigend in Kauf genommen. Andererseits …«

»Oder schlicht nicht einschätzen können? Es war ihm völlig egal, was mit ihr passierte.«

»Warum hat er sie nicht getötet und im Wald verscharrt? Möglicherweise wäre sie nie gefunden worden. Was wollte er von Berit Konstedt? Weshalb hat er sie gequält und lässt sie anschließend wieder laufen?«

Möller öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Konnte sie doch entkommen?« Hannah schüttelte den Kopf. »Halte ich für sehr unwahrscheinlich. Nein, der Täter hat die Entscheidung getroffen, sie laufenzulassen, weil er darauf vertraute, dass sie ihm nicht gefährlich werden kann – in welcher Hinsicht auch immer. Er war garantiert maskiert, er hat sie misshandelt – wir wissen nicht warum – und seine Spuren professionell beseitigt. Berit Konstedt wird ihn nicht identifizieren können. Vielleicht durfte sie deshalb weiterleben.«

Einen Moment herrschte tiefe Stille. »Ihre Argumente sind nicht schlecht«, gab Möller schließlich zu. »Doch das ändert nichts an meiner Auffassung, dass uns zumindest im Moment die Hände gebunden sind.«

»Ja und nein.«

»Was darf ich mir darunter vorstellen?«

»Ich möchte nach Ermittlungsansätzen suchen, auf meine Art …«

»Das heißt?«

»Ich werde meine Fühler ausstrecken und das Gespräch suchen – mit den Konstedts, mit der Familie, Freunden, Arbeitskollegen und so weiter. Ich würde darüber hinaus gerne Einblick in Ihre sämtlichen Akten nehmen, um alle Protokolle und Berichte zu lesen. Wenn die Tat geplant war und einem ganz bestimmten Zweck diente, wie ich annehme, werden sich Hinweise finden, und mögen sie noch so nebensächlich scheinen. Irgendwas bleibt immer hängen.«

»Niemand ist verpflichtet, mit Ihnen zu reden, solange …«

»Ich weiß, aber das ist keine neue Situation für mich. Im Übrigen lasse ich Sie an neuen Erkenntnissen oder Überlegungen selbstredend und gerne teilhaben, und wir entscheiden dann jeweils gemeinsam, wie es weitergeht.«

Möller wirkte nicht mehr ganz so selbstsicher und abweisend wie zu Beginn des Gesprächs, aber überzeugt war sie nicht, dass Hannah fündig werden würde. »Sie müssen sich alleine durchfragen«, sagte sie zögernd. »Ich kann Ihnen niemanden zur Seite stellen – die Urlaubszeit und der übliche Personalmangel …«

»Kein Problem.« Hannah winkte ab. »Ich werde mich schon zurechtfinden. Die Gegend ist mir nicht unbekannt. Ich bin in Hamburg geboren und kenne auch Lübeck ganz gut.« Sie sprach plötzlich mit hamburgischem Zungenschlag und konnte Möller erstmals ein Lächeln entlocken. Na endlich, dachte sie.

»Ach so. Und was machen Sie in Berlin?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich brauchte nach meiner Kommissarsausbildung einen Wechsel, etwas Neues, und habe mich entschlossen, einen anderen beruflichen Schwerpunkt zu wählen – Kriminalpsychologie. Ich habe studiert, nebenbei ein Kind großgezogen, war dann beim LKA und bin später zum BKA gewechselt«, erzählte Hannah freimütig und baute darauf, dass die Kollegin ihre Offenheit als vertrauensbildende Maßnahme auffasste. Bens Gesicht stieg vor ihrem inneren Auge auf. Er hatte nicht viel Ähnlichkeit mit Frieder. Niemals würde Hannah sich verzeihen, dass sie ausgerechnet mit ihm, Livs heimlicher Liebe, eine ebenso folgenschwere wie kurze Affäre eingegangen war – »One-Night-Stand« würde man heute dazu sagen. Andererseits gäbe es Ben nicht, wenn sie Frieder seinerzeit aus dem Weg gegangen wäre. Das machte es nicht einfacher.

Möller musterte sie abwartend.

»Es passte alles ganz gut«, ergänzte Hannah. »Ich habe mich intensiv mit Motivforschung und Gesprächsführung beschäftigt, bevor ich mich ganz auf Vermisstenfälle konzentriert habe.«

»Interessant.« Diesmal klang es ehrlich. »Möchten Sie einen Kaffee oder Tee, bevor wir weitermachen?«

»Kaffee wäre klasse.«

Als Hannah eine Stunde später ins östliche Lübeck zu ihrer Pension an der Wakenitz aufbrach – dem Amazonas des Nordens, wie der Fluss und seine vielfältige Landschaft auch genannt wurden –, hatte sie Kopien der Berichte, Befragungs- und Gesprächsprotokolle zu beiden Fällen sowie die entsprechenden Kontaktdaten im Gepäck. Sie war davon überzeugt, Möller noch nicht unbedingt auf ihre Seite gezogen, aber doch ihre Neugier geweckt und den einen oder anderen Zweifel an ihrer bisherigen Überzeugung gesät zu haben. Vielleicht war es ihr sogar gelungen, ihre Befürchtung zu zerstreuen, von einer hochmütigen BKA-Tante vorgeführt zu werden.

Während eines langen Spaziergangs, den sie Kotti und sich nach dem Einchecken durch den Drägerpark in südlicher Richtung entlang der dichtbewachsenen Flusslandschaft gönnte, ließ sie das Gespräch noch einmal Revue passieren.

»Berits Mann, Detlef Konstedt, bewacht seine Frau mit Argusaugen – sie habe genug durchgemacht und stehe für weitere polizeiliche Vernehmungen nicht zur Verfügung, hat er uns nach zwei kurzen Befragungen wissen lassen. An dem werden Sie sich die Zähne ausbeißen«, hatte Dagmar Möller im zweiten, deutlich entspannteren Teil ihrer Zusammenkunft betont, wie Hannah sich zitatgenau erinnerte. Sie war in der Lage, sich jedes Gesprächs wörtlich zu entsinnen – eine Fähigkeit, die ihr nach einem heftigen Sturz mit erheblichen Kopfverletzungen vor einigen Jahren quasi über Nacht zugeflogen war und über die sie selten sprach. Der Vorteil dieser sogenannten spontan erworbenen Savant-Begabung lag in ihrem Job klar auf der Hand, aber privat löste er nicht nur Staunen oder Bewunderung, sondern häufig Zurückhaltung und Misstrauen aus.

Detlef Konstedt arbeitete in der Geschäftsführung des Lübecker Flughafens; er war zehn Jahre älter als die 33-jährige Grafikdesignerin Berit, die ihre Eltern beim Tsunami in Thailand vor neun Jahren verloren hatte und eine kleine Marketingfirma leitete, die im Sport- und Eventbereich tätig war. Ihre Brötchen musste sie damit nicht verdienen, denn Berits Eltern – der Vater war Banker gewesen – hatten ihrem einzigen Kind ein großzügiges Anwesen direkt am Elbe-Lübeck-Kanal hinterlassen, dazu das Ferienhaus in Großenbrode sowie ein ansehnliches Bar- und Aktienvermögen.

Berit war, nach den Fotos der unversehrten jungen Frau zu urteilen, eine aparte Schönheit und darüber hinaus sicherlich das, was man eine gute Partie nannte, resümierte Hannah, während ihr Blick Kotti folgte, der für Sekundenbruchteile wie festgefroren einem Ausflugsschiff hinterherstarrte, um sich sodann wieder schwanzwedelnd und aufgeregt schnaufend einer vielversprechenden Spur am Ufer zu widmen. Die Spuren der Gewalt hatten ihrem Körper erheblich zugesetzt, doch davon würde sie sich bald erholen. Die seelischen Wunden dürften deutlich langsamer heilen, wie der zugleich gehetzte und abwesende Blick verriet, mit dem sie in die Kamera des Polizeifotografen starrte. Der Gedanke an eine Erpressung Detlef Konstedts war lediglich im Zuge verschiedener Routineabfragen aufgekommen und, da kein einziges Indiz für diesen Hintergrund sprach, zügig wieder fallengelassen worden.

Das Ehepaar war seit drei Jahren verheiratet und polizeilich in keiner Weise aktenkundig. Weder Berit noch ihr Mann hatten je persönlich mit der Hörfunkjournalistin Dorina Siebert zu tun gehabt; abgesehen davon, dass die beiden unter Umständen hin und wieder eine ihrer wöchentlichen Sendungen, die sich meist mit aktuellen regionalen Themen befassten, im NDR verfolgten, existierten keine Überschneidungen.

Sieberts Lebenslauf war unspektakulär; sie war Ende dreißig, kinderlos, in Dortmund geboren und vor ungefähr zehn Jahren nach Lübeck umgesiedelt, als der NDR ihr eine Stelle anbot; eine Ehe hielt nur wenige Jahre, seitdem lebte Siebert allein. Mitte Juli war sie für eine Woche nach Rømø gefahren, wo sie, wie häufig in den letzten Jahren, ein kleines abgelegenes Ferienhaus bezog. Wann sie das letzte Mal gesehen wurde, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen – wahrscheinlich bei einem Spaziergang am Strand zu Beginn ihres Aufenthaltes. Die Achtunddreißigjährige wurde am letzten Samstag in Lübeck zurück erwartet; aber da sie keine Verabredung hatte, forschte ein befreundeter Kollege erst nach, als sie am Montagmorgen nicht im Studio erschien und unerreichbar war. Bei einem Anruf bei der Hausverwaltung in Dänemark erfuhr er, dass Siebert das Ferienhaus nicht geräumt hatte und sogar ihr Wagen noch vor der Tür stand.

Wenig später stellte sich heraus, dass in ihre Lübecker Wohnung eingebrochen worden war – wann genau, ließ sich nicht ermitteln. Die Nachbarn hatten nichts Auffälliges bemerkt. Schmuck, Bargeld und Fernseher, aber auch Arbeitsunterlagen, PC-Zubehör und Ähnliches waren gestohlen worden. Anzeichen für einen Zusammenhang zwischen dem Wohnungseinbruch und dem Verschwinden der Frau fanden sich nicht.

Zusammenfassend ließ sich feststellen, dass die Lübecker Polizei auf der Suche nach den Hintergründen für Sieberts Verschwinden völlig im Dunkeln tappte und auch die dänischen Kollegen bisher nichts zur Aufhellung beitragen konnten – Dorina Siebert war wie vom Erdboden verschluckt, möglicherweise lag eine Entführung vor. Die Spurenlage vor Ort wies nicht auf ein Gewaltverbrechen hin, und im Haus fehlte nichts. Eine Handyortung war fehlgeschlagen, und das Bewegungsprofil und die Verbindungsdaten der letzten Tage vor ihrem Verschwinden brachten keine Anhaltspunkte. In der näheren Umgebung hatte niemand etwas Außergewöhnliches bemerkt. Zurzeit konnte noch nicht einmal hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass Siebert die Entscheidung getroffen hatte, sang- und klanglos zu verschwinden oder Suizid zu begehen, wenn Hannah diese Varianten auch für ziemlich abwegig hielt. Was sie auch in diesem Fall stutzig machte, war das perfekte Timing und das Fehlen jeglicher aussagefähiger Spuren. Das alleine musste noch gar nichts heißen, aber Hannah würde sich nicht wundern, wenn sich bei weiteren Recherchen ein Zusammenhang mit Berit Konstedt zeigte.

Als ihr Magen zu knurren begann, pfiff sie nach Kotti und trat den Rückweg an. Nach dem Essen wollte sie versuchen, Kontakt zu Berit Konstedt aufzunehmen und einen Termin im Rundfunkstudio Lübeck zu vereinbaren. Und den späteren Abend würde sie mit intensivem Aktenstudium verbringen.

2

Dagmar Möller hatte in Bezug auf Detlef Konstedt recht gehabt – der Mann war nicht bereit, seine Frau weiteren Befragungen auszusetzen, wie er es nannte. Hannah hatte unter der Privatnummer der Eheleute niemanden erreicht und daraufhin in der Marketingfirma angerufen. Dort verwies eine Mitarbeiterin, kaum dass Hannah sich vorgestellt und ihr Anliegen erläutert hatte, unverzüglich an Berits Ehemann. »Er ist noch im Büro, denke ich – Sie können ihn dort anrufen«, sagte sie eifrig, gab die Mobilfunknummer durch und beendete den kurzen Austausch.

Zehn Minuten später ging Konstedt an sein Handy. Hannah war sicher, dass er über ihren Anruf informiert war. Seine Stimme klang freundlich und bestimmt. »Auch wenn Sie vom BKA sind, Frau Jakob – meine Frau ist nicht in der Lage, weitere Befragungen durchzustehen.«

»Ich verstehe Ihre Haltung sehr gut«, erwiderte Hannah. »Wahrscheinlich würde ich an Ihrer Stelle ähnlich reagieren. Nur bedenken Sie bitte eines: Die Polizei ermittelt in einer schweren Straftat, und wir müssen jeder Spur nachgehen …«

»Das bedenke ich durchaus, aber es gibt keine Spuren«, entgegnete Konstedt rasch. »Soweit ich informiert bin jedenfalls. Wir warten darauf, dass meine Frau zur Ruhe kommt und sich wieder erinnert. Vielleicht gibt es dann Hinweise, die Sie verfolgen können. Aber im Moment …«

»Wenn wir noch lange warten, ist jegliche Chance auf Aufklärung vertan. Wissen Sie, da draußen läuft ein Gewalttäter frei herum und gewinnt Zeit – Zeit, die ihm zugutekommt.«

»Ich kann mich nur wiederholen – meine Frau wird Ihnen keine Hilfe sein.«

»Warum lassen Sie mich das nicht selbst einschätzen? Ich bin Kriminalpsychologin und spezialisiert auf derartige Verbrechen.«

»Wie ich schon sagte: Berit ist nicht vernehmungsfähig, sie ist schwer traumatisiert und erinnert sich nicht. Wenn Sie Wert darauf legen sollten, haben Sie morgen ein Attest auf Ihrem Schreibtisch.« Das klang kühl und autoritär. Der Mann saß zweifelsohne nicht grundlos in der Geschäftsführung des Flughafens. Er kannte seine Rechte und nahm sie ohne zu zögern wahr.

»Das wird nicht nötig sein. Im Übrigen will ich Ihre Frau nicht vernehmen, sondern schlicht mit ihr reden. Sobald Anzeichen einer Überforderung …«

»Nein.«

Hannah wechselte mit dem Handy von einem Ohr zum anderen. »Herr Konstedt, um den Fall professionell zu bearbeiten, benötige ich Informationen – über Sie und Ihre Frau, Ihre Familie, Freunde, Kollegen, das gesamte Umfeld. Wenn Sie in keiner Weise kooperieren, bleibt mir kaum …«

»Wollen Sie mir etwa drohen?«

Hannah atmete tief durch. Es war keine gute Idee, ihn auch nur ansatzweise unter Druck setzen zu wollen. »Nein, natürlich nicht. Ich bemühe mich lediglich, Ihnen meine Lage zu schildern«, wiegelte sie ab. »Was bleibt mir zu tun, wenn ich ohne Informationen aus erster Hand auskommen muss und mir keinen persönlichen Eindruck verschaffen kann? Ich hoffe auf Ihre Bereitschaft, sich mit mir zu treffen – für ein kurzes Gespräch –, und ich möchte betonen, dass es der Täter meiner Überzeugung nach auf Ihre Frau abgesehen hatte.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Einige Aspekte sprechen für ein geplantes Vorgehen, und es wäre höchst fahrlässig, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, bis Ihre Frau sich irgendwann – möglicherweise nie – erinnert«, fuhr Hannah fort. »Ich bin aus Berlin angereist, um in Zusammenarbeit mit der Lübecker Polizei detaillierte Hintergrundforschung zu betreiben. Es liegt mir völlig fern, Sie zu nerven oder Ihre Frau einer unnötigen zusätzlichen Belastung auszusetzen.«

Konstedt ließ ihre Worte sacken. »Und was genau versprechen Sie sich von Ihrer Hintergrundforschung?«, schob er dann nach.

»Erhellende Hinweise.«

»Auf den Täter?«

»Auf ein Motiv zum Beispiel. Niemand entführt und quält eine Frau grundlos …«

»Das war ein Irrer! Der braucht keinen besonderen Grund. Irre tun so etwas.«

»Herr Konstedt – unabhängig davon, ob ein Irrer am Werk war oder jemand mit einem klar umrissenen Plan oder ob wir es mit einem Täter zu tun haben, auf den beides zutrifft: Wir sind verpflichtet zu ermitteln und …«

»Schon gut«, unterbrach er sie barsch. »Ich habe gleich noch einen Termin in der Innenstadt und hole anschließend meine Frau vom Arzt ab. Wir treffen uns am Mühlentorplatz in einem Bistro an der Trave – in anderthalb Stunden. Wir werden das Gespräch sofort beenden, falls ich auch nur ansatzweise den Eindruck gewinne, dass Berit …«

»Das habe ich verstanden – danke für Ihr Verständnis, bis nachher.« Hannah unterbrach die Verbindung. Kotti saß vor ihr und starrte sie mit fragenden Bernsteinaugen an. Sie zuckte mit den Achseln. »Wir werden sehen«, murmelte sie.

Die Konstedts gaben ein schönes Paar ab: Er war ein drahtiger, energiegeladener Typ mit vollem, graumeliertem Haar und tiefblauen Augen, dem Edeljeans und Sakko hervorragend standen. Berit, zehn Jahre jünger, mittelgroß, sportlich schlank, dunkelblond, hatte ihn womöglich noch überstrahlt – vor dem Unfall, vor der Entführung. Die junge Frau war blass und wirkte unsicher, aber ihr Händedruck war erstaunlich fest, ihr Blick spiegelte Neugier, und von den äußeren Verletzungen war nichts mehr zu sehen. »Danke«, sagte Hannah, und sie nickte höflich.

In Detlef Konstedts Begrüßungslächeln mischte sich eine Nuance Verlegenheit, als das Paar auf der Terrasse des Bistros Platz nahm, wo Hannah bereits seit einer Viertelstunde wartete, während Kotti unter dem Tisch schlief.

»Tut mir leid, wenn ich vorhin ein wenig überreagiert habe«, entschuldigte er sich. »Aber wenn es um Berit geht …« Er sah kurz zu seiner Frau hinüber. »Sie hat genug durchgemacht, finde ich.« Er bestellte bei der vorübereilenden Kellnerin ein alkoholfreies Bier für sich und eine Saftschorle für seine Frau. Hannah entschied sich für Wasser und Espresso. »Ich möchte, dass sie zur Ruhe kommt, verstehen Sie?«, fügte er dann hinzu.

»Natürlich.« Hannah nickte verständnisvoll, bevor sie Berit ansah. »Ich würde Ihnen gerne einige Fragen stellen, ohne Ihnen zu nahe zu treten oder Sie zu beunruhigen. Wenn Sie nichts sagen möchten, werde ich nicht insistieren.«

»Natürlich nicht«, warf Detlef Konstedt ein.

»Stellen Sie Ihre Fragen«, erwiderte Berit.

»Sie hatten vor einigen Monaten einen schweren Unfall. Darf ich fragen, was passiert ist?«

»Ein LKW hat sie beim Abbiegen vom Rad geholt. Vier Monate ist das jetzt her«, antwortete Konstedt, bevor seine Frau zu einer Erwiderung ansetzen konnte. Seine Miene erstarrte kurz. »Es ging ihr gar nicht gut. Sie lag im Koma …«

Die Getränke wurden serviert. Hannah trank einen Schluck Wasser und warf Berit ein leises Lächeln zu. »Aber Sie haben sich erholt?« Sie hob eine Hand, als erneut Konstedt das Wort ergreifen wollte. »Lassen Sie bitte Ihre Frau selbst antworten.«

»Ja – erstaunlich gut sogar«, erklärte Berit, während ihr Mann die Stirn runzelte. »Bis auf die Erinnerungslücken, die ich nach wie vor habe, und Phasen der Orientierungslosigkeit … Aber die Ärzte meinen, dass das normal sei.«

»Was genau meinen Sie mit Orientierungslosigkeit? Können Sie beschreiben, was dann in Ihnen vorgeht?«

»Nun …« Sie griff nach ihrem Saftglas, stellte es jedoch wieder ab, ohne zu trinken. »Ich kann das, was gerade geschieht, nicht oder erst deutlich später zuordnen. Ich weiß nicht, welchen Tag wir haben oder ob ich noch schlafe und träume … So in der Art.«

»Geschieht das häufig?«

»Manchmal täglich mehrmals, dann wieder eine halbe Woche gar nicht.«

»Ich verstehe. Der LKW-Fahrer …«

»Musste sich vor Gericht verantworten«, ergänzte Konstedt. »Seinen Führerschein ist er los.«

»Könnten Sie sich vorstellen, dass der Mann etwas mit der Entführung zu tun hatte?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Der war völlig fertig«, warf Konstedt ein, und Berit nickte zustimmend. »Am Boden zerstört und voller Schuldgefühle. Er kam sogar ins Krankenhaus und brachte Blumen.«

Hannah lehnte sich zurück und schlug ein Bein über das andere. »Sie haben Ihre Frau nach Großenbrode gebracht – am Donnerstag vor zwei Wochen«, wandte sie sich an Detlef Konstedt. »Warum sind Sie nicht bei ihr geblieben, bis die Freundin aus Kiel eingetroffen war?« Sie schüttelte sofort den Kopf, als er die Augen zusammenkniff. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – das ist kein Vorwurf oder dergleichen. Ich möchte mir lediglich einen Überblick verschaffen. Wie kam dieser Tagesablauf zustande? Und wer wusste, dass und wann Sie nach Lübeck zurückfahren würden?«

»Ich hatte noch eine wichtige Besprechung am Abend sowie einige unaufschiebbare Termine am Wochenende und in der Woche darauf«, entgegnete er zögernd. »Ich wollte am darauffolgenden Freitag nachfahren und gemeinsam eine Woche mit Berit in Großenbrode verbringen. Unsere Pläne waren bekannt – bei mir in der Geschäftsleitung ebenso wie unter unseren Freunden und Bekannten. Berits Freundin aus Kiel wusste nicht hundertprozentig, wann sie eintreffen würde – gegen achtzehn Uhr, hatte sie gesagt.« Er warf seiner Frau einen fragenden Blick zu. »Nicht wahr?«

»Sandra wollte spätestens um achtzehn Uhr da sein«, bestätigte Berit. »Es ging mir ganz gut. Es sprach nichts dagegen, dass Detlef sich wieder auf den Weg machte. Schließlich bin ich ja zu Hause auch häufig allein. Ich habe meine Sachen ausgepackt und Kaffee gekocht. Dann habe ich mit Detlef telefoniert …« Sie brach ab und atmete tief durch.

»In der Akte steht, dass das Letzte, woran Sie sich erinnern, ein Geräusch im Wohnzimmer war.«

Berit nickte.

»Was für ein Geräusch?«

»Kann ich nicht sagen – ich war im Schlafzimmer und nahm etwas wahr, was mich stutzen ließ, weil es irgendwie nicht passte – vielleicht ein Türklappen oder so etwas. Ich bin nach drüben gegangen und habe plötzlich gespürt, dass jemand im Raum war …« Sie hob die Hände. »Dann wurde alles schwarz.«

»Sie haben nichts gesehen?«

»Wenn alles schwarz wird, geht das wohl kaum«, warf Konstedt in ironischem Tonfall ein.

»Auch die Farbe Schwarz hat unzählige Schattierungen«, konnte Hannah sich nicht verkneifen zu erwidern. Der Mann forderte ihr einiges an Selbstbeherrschung ab. »Und jede Stille birgt ein letztes leises Echo.«

Berit musterte sie aufmerksam. »Da ist was dran, aber …« Sie schüttelte den Kopf. »Da war kein Gesicht, keine Gestalt, nichts.«

»Mit welcher Szene setzt Ihre Erinnerung wieder ein?«

»Im Wald«, erwiderte Berit schnell. »Ich irre durch den Wald und habe Angst. Ich weiß nicht, wo ich bin und was passiert ist. Schmerzen, Hunger, mein Kopf ist seltsam taub und leer, und die Leere löst Panik in mir aus … Plötzlich sind Leute da. Das war es. Mehr weiß ich nicht.« Ihre Stimme vibrierte, und ihr Blick hetzte unstet zwischen ihren Händen und Hannahs Gesicht hin und her.

»Träumen Sie von dem, was geschehen ist?«

»Nein.«

»Alpträume?«

»Ich weiß nicht … Manchmal schrecke ich hoch, aber ich kann nicht sagen, was mich ängstigt.« Ihr Atem hatte sich beschleunigt.

Eine perfekte Blockade, dachte Hannah. Irgendwann wird sie brüchig. »Hören Sie manchmal eine Stimme?«

Berit zuckte zusammen. Ihre Hände begannen zu zittern.

»Ich glaube, es reicht«, wandte Konstedt warnend ein. »Bitte hören Sie auf.«

»Schon gut.« Hannah lächelte beruhigend, wie sie hoffte. »Wechseln wir das Thema. Ist Ihnen in den Tagen vor dem Geschehen etwas Besonderes aufgefallen? Ungewöhnliche Anrufe? Ärger in der Firma? Eigenartige Mails?«, fuhr sie im Plauderton fort.