Zeno Diegelmann

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Ein Rhön-Krimi

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Inhaltsübersicht

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

Epilog

Informationen zum Buch

Über Zeno Diegelmann

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

»Ich wollte sie nicht berauben oder sie berühren oder sie vergewaltigen. Ich wollte sie nur ermorden.«

David Berkowitz, Serienmörder

Prolog

Die Sonne hatte sich seit Wochen nicht mehr am Himmel gezeigt. Manchmal glaubte er, dass sich die Wetterlage ganz seinem trüben Gemüt angepasst hätte, und beides schien geradeso, als ob es sich nie wieder ändern wolle. Die Temperaturen sanken immer weiter, und der Regen fühlte sich an, als wolle er beweisen, wie heftig er vom Himmel prasseln könne. Zu allem Überfluss am frühen Morgen Bodennebel aufgezogen, der sich nun schwerfällig über die morgendliche Landschaft schob. Selbst die Straßenlaternen schafften es nicht, mehr als einige wenige Meter des Blickfelds auszuleuchten.

Ein Fuchs, der nur einen Sprung von der Straße entfernt hinter der Leitplanke lauerte, blickte in den Lichtkegel des Autoscheinwerfers. Dabei reflektierten die beiden Augen des Tiers wie zwei kleine Warnlampen, die eine Botschaft aus dem Straßengraben sendeten. Doch das nahende Auto rollte vorbei, ohne abzubremsen, und ließ den Fuchs hinter sich. Kommissar Klaus Seeberg fuhr wie ferngesteuert und schaute weder nach links noch nach rechts seines Weges. Er war in Gedanken versunken, ließ sich einzig von seinem Unterbewusstsein leiten, das ihn aus der Stadt hinaus über die Bundesstraße 27 in Richtung Norden führte. Das Straßenschild signalisierte ihm, dass es noch 15 Kilometer bis zu seinem Ziel waren. Er wusste nicht viel über Schwalmstadt. Nur, dass die Stadt erst Anfang der siebziger Jahre durch den Zusammenschluss von zwei kleineren Städten entstanden war. Außerdem hatte das größte Städtchen des Schwalm-Eder-Kreises nicht nur im Kalten Krieg eine wichtige Funktion erfüllt, da dort die Atomsprengköpfe zweier US-Artilleriebataillone lagerten. Auch heute wurde dort etwas bewacht, das für die Bevölkerung eine immense Gefahr darstellen konnte: Mörder und Vergewaltiger verbrachten hier ihren geschlossenen Vollzug unter der höchsten Sicherheitsstufe. Die Justizvollzugsanstalt beherbergte einige der schlimmsten Schwerverbrecher des Landes hinter ihren dicken Mauern. Der Kommissar kannte den Weg dorthin recht gut. Schon oft war er diese Strecke gefahren, um die Beschuldigten zu ihren Taten zu befragen. Dennoch war heute alles anders.

Petrov hatte ihn angerufen.

Ausgerechnet der Mensch, der ihm alles genommen hatte, der seine Tochter auf dem Gewissen hatte. Zwei Tage hatte der Kommissar abgewogen, was er von diesem Telefonat zu halten hatte. Seine Ungewissheit und Neugier ließen ihn jedoch nicht zur Ruhe kommen, und schließlich beschloss er, sich anzuhören, was Petrov ihm zu sagen hatte. Nun saß Seeberg in seinem Wagen und war auf dem Weg zu ihm, und das, obwohl er sich seiner Sache immer noch nicht sicher war.

Er schüttelte voller Unverständnis über sich selbst den Kopf, während er das Hinweisschild zur Abfahrt der JVA passierte. Er beachtete es kaum. Stattdessen gab er Gas und beschleunigte seinen Wagen bis zum Parkplatz. Als er dort ankam, spritzte Kies auf. Er konnte das Knistern gegen den Unterboden des Autos deutlich hören. Er stoppte den Wagen und blieb einen Moment sitzen. Es war still. Irgendwie bewegte sich alles um ihn herum in Zeitlupe. Er sah hinüber zu einigen Bäumen, deren Äste sich gegen jede einsetzende Böe sträubten, und schloss für einen Moment die Augen. Sofort spürte er, wie sein Herz begann, schneller zu schlagen, sich sein Puls beschleunigte, und für eine Sekunde überlegte er sogar, den Motor wieder zu starten und zurückzufahren. Weit weg von diesem Ort und vor allen Dingen weit weg von Petrov.

»Warum tust du dir das an?«, fragte er sich. »Dieser Mann will dich nur leiden sehen. Er macht sich einen Spaß daraus, dich an der Nase herumzuführen. Und am Ende wird er dich auslachen und Lauras Namen in den Schmutz ziehen.«

Laura.

Ihr Name war wie ein unsichtbarer Schalter für Trauer und Zorn.

Allein der Gedanke an sie spülte die schmerzlichen Erinnerungen wieder hervor.

Panik kam in ihm auf.

Ihm wurde schwindelig.

Er begann zu zittern.

Hastig suchte er in seiner Manteltasche nach den Medikamenten.

Er fand das Döschen und nahm zwei der kleinen Pillen heraus.

Mehr dürfe er nicht mehr nehmen, hatte ihm die Ärztin im Krankenhaus geraten. Das sei sonst zu gefährlich.

»Gefährlich!« Er lachte über die Worte, und seine Wunde in Höhe der Hüfte meldete sich beißend. Er zuckte kurz zusammen, dann ließ der Schmerz zum Glück wieder nach, und er nahm zwei weitere Tabletten. Die Schnittwunde der scharfen Klinge war zwar gut versorgt worden, dennoch würde er noch eine ganze Weile mit dem Schmerz zu kämpfen haben. Sie haben nochmal Glück gehabt, hatten ihm die Ärzte versichert, nachdem er nach der Notoperation wieder aus der Narkose erwacht war. Glück? Da war er sich nicht so sicher. Ihm hätte es nur wenig ausgemacht, wenn die Klinge einige Millimeter tiefer in sein Fleisch eingedrungen wäre und seine Organe zerfetzt hätte. Dann hätte alles endlich ein Ende gehabt. So musste er nun irgendwie weitermachen und sein Gewissen beruhigen, indem er den Bulgaren Petrov aufsuchte. Auch wenn er noch nicht wieder voll bei Kräften war. Wenn etwas an dessen Aussage stimmen würde, war er dazu verpflichtet, dem nachzugehen. Auch wenn die Vermutung ausgerechnet aus dem Mund des Mannes gekommen war, der seine Tochter auf dem Gewissen hatte.

Seeberg hatte den Wagen auf einem Parkplatz unweit des Eingangs abgestellt. Langsam schob er sich aus dem Fahrzeug, schlug den Kragen seines Mantels auf und ging hinüber zu der Betonwand, in der die schwere Eisentür der Pforte eingelassen war. Obwohl es höchstens zwanzig Meter bis dorthin waren, kam ihm die Strecke deutlich länger vor. Die Anstalt war in den Mauern eines ehemaligen Jagdschlosses untergebracht. Dazu hatte man neben diesem historischen Teil einen moderneren Erweiterungsbau nach neuestem Standard errichtet. Seeberg hielt inne und sah auf. Über ihm prangte in großen weißen Lettern der Schriftzug Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt. Für einen kurzen Moment hoffte er darauf, dass ihn doch noch der Mut verlassen würde. Doch eine innere Kraft ließ ihn nicht ziehen und forderte stattdessen von ihm, sich der Möglichkeit zu stellen, dass an Petrovs Andeutung vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit war und er womöglich tatsächlich recht behalten könnte. Er musste es sich zumindest anhören. Das war er seiner toten Tochter schuldig.

Er klingelte. Kurz darauf ertönte der Summer, und er drückte die Tür auf. Die letzte Chance, sich umzudrehen, fortzulaufen und nie wieder an den Mörder seiner Tochter zu denken, war damit vertan. Der Pförtner hob den Blick, und Seeberg nickte ihm freundlich zu. Sofort erkannte der Mann ihn und erhob sich augenblicklich von seinem Stuhl hinter der schusssicheren Scheibe.

»Herr Kommissar, na, das ist eine Überraschung. Sie habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Was verschafft uns denn die Ehre?«

»Ich will zu Petrov.«

Seeberg merkte, wie ihm allein das Aussprechen des Namens schwerfiel und eine fast vergessene Empfindung in ihm aufstieg. Dennoch wollte er nicht lange drum herumreden, sondern lieber direkt zum Punkt kommen. Doch nicht nur er war von dem Vorhaben überrascht. Der Pförtner fiel vor Schreck zurück in seinen Stuhl. Und das nicht nur, weil man normalerweise solch einen Termin telefonisch absprechen musste. Dass ausgerechnet Seeberg diesem Mann einen Besuch abstatten wollte, erstaunte den Vollzugsbeamten. Er fragte sicherheitshalber nach.

»Petrov?«

»Ja.«

»Ist das Ihr Ernst?« Die Augen des Wachmanns verengten sich, als habe er gerade eine schlechte Nachricht erhalten. »Sie wollen wirklich zu ihm?«

Seeberg nickte. Es kostete ihn Kraft, sein Vorhaben beherrscht und besonnen vorzutragen.

»Ich weiß, dass das ungewöhnlich klingt, aber ich habe meine Gründe. Also machen Sie schon auf.«

»Wie Sie meinen.« Der Wächter blies seine Wangen auf, zuckte die Schultern und gab ihm den Weg in den langen Flur zu den Zellen frei. »Ein Kollege begleitet Sie rüber in den Zellenblock E. Sie kennen ja den Weg.«

»Ja, danke.«

Wie aufs Stichwort trat ein junger Uniformierter zu ihnen vor die Pforte, nickte Seeberg zu und ging, ohne große Worte zu verlieren. Der Kommissar kannte ihn nicht. Es war wohl ein neuer Kollege, der erst seit kurzem hier seinen Dienst angetreten hatte. Er folgte dem schweigsamen Vollzugsbeamten hinüber zum Trakt der Schwerverbrecher und war dankbar dafür, dass der junge Kerl keine Floskeln austauschen wollte oder Fragen stellte.

Der Weg war länger, als er ihn in Erinnerung hatte. Bei jedem Schritt, den er Petrovs Zelle näher kam, wurde ihm klar, dass er sich gerade auf den Weg in die Hölle begab. Und der Teufel höchstpersönlich würde ihn mit einem breiten Grinsen empfangen.

1.

Die Zellen sind geräumiger, als es solch einem Mörder zusteht, dachte Seeberg, als er den endlosen Flur entlangging und in einige der leeren Räume blickte. Wobei er wusste, dass auch eine noch so gut ausgestattete Gefängniszelle einem Menschen bereits nach kurzer Zeit das Gefühl von Enge und Beklemmung vermittelte. Er selbst wäre in solch einem beengten Raum wohl bereits nach wenigen Tagen wahnsinnig geworden. Allein der Gedanke daran ließ ihn unruhig werden, und er schnappte unwillkürlich nach Luft.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Beamte.

»Danke, geht schon. Das Wetter macht mir zu schaffen.«

Der Beamte nickte.

»Schon verrückt, was? Ich lebe seit meiner Kindheit hier in der Gegend, aber an so ein Scheißwetter kann ich mich nicht erinnern.«

»Ja, verrückt.«

Sie marschierten energisch weiter. Dann stoppten sie vor einer Eisentür mit der Nummer 18e. Der Vollzugsbeamte öffnete die Tür und deutete ins Innere der Zelle.

»Klopfen Sie dann einfach, wenn Sie so weit fertig sind. Ich bleibe hier in der Nähe.«

»Okay.«

Der Kommissar trat ein. Einige Sekunden später schloss sich der Riegel laut klackend hinter ihm, und er war allein mit dem Teufel. Doch zunächst einmal sah er kaum etwas. Das Licht war ausgeschaltet, und auch das vergitterte Fenster war mit einer Decke abgedunkelt worden, so dass er für einige Sekunden hilflos in völliger Dunkelheit stand. Er konnte Petrov in der Schwärze des Raums nicht ausmachen, doch er konnte dessen Atem hören. Er schluckte, und es dauerte einen weiteren Moment, bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten. Dann erkannte er in der Ecke auf dem Bett eine Gestalt, die dort reglos lag und zur Decke starrte. Unwillkürlich musste der Kommissar erneut schlucken. Er spürte das Unbehagen, das sich wie ein Mantel, gefüllt mit schweren Steinen, über ihn legte. Keiner der beiden Männer sagte ein Wort. Die gegenseitige Abneigung war jedoch spürbar. Dann war es Petrov, der als Erster das Schweigen brach.

»Ich wusste, dass Sie zu mir kommen würden.«

Seeberg versuchte seiner Stimme Kraft und Nachdruck zu verleihen. Er wollte nicht schwach wirken.

»Machen Sie sich nicht allzu große Hoffnungen, Petrov. Ich bin nicht Ihretwegen hier.«

»Natürlich nicht.« Petrov lachte, und ein erster Hustenanfall überkam ihn. »Sie sind wegen Ihrer Tochter hier.« Die Stimme des Mörders klang trotz des rasselnden Hustens noch scharf und gefährlich. Die Welt war mit seiner Festnahme definitiv ein klein wenig sicherer geworden. Seeberg mochte sich nicht vorstellen, wie viele solcher kranken Hirne noch in Freiheit lebten und langsam und bedrohlich wie ein bösartiger Tumor wucherten, bis sie auszubrechen drohten. »Setzen Sie sich, Commissario.«

Seeberg nahm sich den einzigen Stuhl im Raum, rückte ihn etwa einen Meter vor dem Mörder zurecht und nahm Platz.

»Also, was wollen Sie von mir?« Seeberg fragte in einem ruhigen, sachlichen Ton. Auch wenn es ihm schwerfiel, sich zu beherrschen, wusste er, dass jede emotionale Regung Petrov in die Karten spielen würde.

»Falsch, Commissario. Die Frage ist doch, was ich für Sie tun kann.«

Erneut hustete Petrov, während er noch immer regungslos auf seinem Bett lag und ins Nichts starrte.

»Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen. Sie sagten, dass Sie mir sagen würden, wer der Mörder meiner Tochter war. Aber das weiß ich doch längst.«

»Ach, tatsächlich?«

»Natürlich. Sie sind es gewesen.«

Die Gestalt auf dem Bett bewegte sich und drehte sich zu ihm. Erst jetzt erkannte Seeberg, dass zwei kleine Plastikschläuche aus den Nasenlöchern Petrovs heraus zu einer Apparatur hinter dem Bett führten. Der Mann sah krank, aber keinen Deut weniger gefährlich aus.

»Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen erkläre, dass das nicht stimmt.«

»Ich würde sagen, dass Sie mich am Arsch lecken können und Sie ein vom Gericht verurteilter Mörder sind.«

»Gut, sehr gut, Commissario.« Petrov lachte auf und sah ihn zum ersten Mal mit seinen schwarzen Augen an. Sofort schauderte es Seeberg. Er hatte diese Augen seit der Verhandlung nicht mehr gesehen. Nur in seinen Träumen hatten sie ihn immer wieder heimgesucht. »Schauen wir uns das doch mal genauer an. Bin ich verurteilt? Ja. Bin ich ein Mörder? Ja. Aber bin ich auch der alleinige Killer, der für das alles verantwortlich ist? Nein.«

Der Kommissar hegte keinen Zweifel daran, dass Petrov diese Zelle nie wieder lebend verlassen würde. Weshalb sollte er also lügen? Seine Verurteilung war rechtskräftig und seine Schuld in vier Fällen bewiesen. Er hatte die Taten allesamt gestanden. Was sollte das Ganze also?

»Was wollen Sie hören? Dass ich Ihnen glaube? Was würde das ändern? Sie bleiben so oder so im Knast.«

»Der Knast«, wiederholte Petrov. »Der Knast ist noch mein geringstes Problem. Schauen Sie mich an. Ich bin schwerkrank. Die Ärzte meinen, dass es jederzeit zu Ende gehen kann. Vielleicht noch ein paar Tage, im besten Fall ein paar Wochen.«

»Falls Sie Mitleid von mir erwarten, muss ich Sie enttäuschen, Petrov. Ich hoffe, Sie leiden wie ein Hund.«

Petrov zog die beiden Schläuche von seiner Nase ab und legte sie in aller Seelenruhe neben sich. Dann setzte er sich auf, stellte die Füße zu Boden und sah den Kommissar durchdringend an.

»Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe vor gar nichts Angst. Aber falls Sie Interesse daran haben, die Wahrheit herauszufinden, sollten Sie sich einen anderen Ton angewöhnen, Commissario.«

Seeberg holte tief Luft.

»Warum sollte ich das? Es gibt nur eine Wahrheit und einen Mörder, und der sitzt gerade vor mir.«

»Seien Sie nicht so naiv. Sie sind lange genug bei der Polizei, um zu wissen, dass es nicht immer nur eine Wahrheit gibt. Oftmals ist die vermeintliche Wahrheit lediglich eine Hure. Sie wendet sich demjenigen zu, der dafür bezahlt.«

In der Tat hatte Seeberg diese Erfahrung des Öfteren machen müssen. Zu oft waren Verbrecher, die hinter Gitter gehörten, dank eines vorzüglichen Anwalts auf freien Fuß gekommen. Aber worauf wollte Petrov hinaus?

»Was meinen Sie damit?«

Der Mörder sah Klaus Seeberg an, dann grinste er.

»Ich wurde hereingelegt.«

»Hereingelegt?«, wiederholte der Kommissar. »Aber Sie sagten doch gerade selbst, dass Sie für die Morde …«

»Nicht für alle«, unterbrach ihn Petrov. »Ja, ich habe die drei Mädchen auf dem Gewissen, die in den letzten Jahren verschwanden, aber mit dem letzten Mädchen, ihrer kleinen Tochter, hatte ich nichts zu tun.«

Erneut trat Stille ein. Seeberg musste sich einen Moment sammeln. Auf keinen Fall wollte er Petrov zeigen, wie zittrig seine Stimme war. Also wartete er, bis er sich wieder gefestigt genug fühlte.

»Was soll das? Warum erzählen Sie mir das?«

»Ganz einfach, Commissario. Weil außer Ihnen und mir sonst kein Mensch mehr Interesse daran hat, die Wahrheit in dieser Sache herauszufinden.«

»Warum besprechen Sie sich nicht mit Ihrem Anwalt?«

»Mein Anwalt?« Petrov lachte, dann überfiel ihn erneut ein Hustenanfall. »Mein Anwalt ist ein Lump. Kaum dass ich in der Zelle saß, hat er mir einen Deal angeboten. Wenn ich mich zu allen vier Morden bekennen sollte, würde er dafür sorgen, dass ich nach zehn Jahren bereits wieder wegen guter Führung entlassen werden würde.«

»Nach zehn Jahren?« Bislang war der Kommissar immer davon ausgegangen, dass Petrov nie wieder in Freiheit Sonnenlicht sehen würde und nach seiner Entlassung in Sicherheitsverwahrung kommen würde. »Aber Sie haben doch fünfzehn bekommen. Mit anschließender Sicherheitsverwahrung.«

»Merken Sie was, Commissario? Da läuft ein ziemlich dreckiges Spielchen, was? Mein Anwalt meinte, dass er einflussreiche Freunde habe, und tatsächlich wurde ich mit Aussicht auf vorzeitige Entlassung nur für zehn Jahre verknackt.«

»Aber wie konnte das Ihr Anwalt vorher schon wissen?«

»Wie gesagt, er ist ein Lump. Deswegen sind Sie auch der Einzige, dem ich es zutraue, etwas herauszufinden. Sie sind bereit, im Dreck zu wühlen, und schrecken vor nichts zurück, da Sie nichts mehr zu verlieren haben. Im Endeffekt sind Sie genauso ein Gefangener, wie ich es bin.«

Seeberg überlegte.

»Sie denken sich das alles aus, nicht wahr? Sie wollen mich aufs Glatteis führen und mich bloßstellen, um mich …«

»Nein«, fuhr Petrov dazwischen. »Ich sage Ihnen, dort draußen läuft noch der wahre Mörder Ihrer Tochter herum, und vielleicht hat er sich schon sein nächstes Opfer ausgesucht.«

Seeberg schüttelte den Kopf.

»So ein Blödsinn. Und selbst wenn … ich könnte Ihnen hier auch nicht heraushelfen.«

»Verstehen Sie denn nicht?« Petrov ballte eine Faust und schlug damit auf die Federdecke. »Ich komme hier nicht wieder heraus. Nie wieder. Ich werde hier drin verrecken. Das ist ja mein Problem. Sonst würde ich einfach diese zehn Jahre absitzen und dann nach Hause gehen.«

»Was wollen Sie dann?«

»Ich will den Typen, der meine Handschrift kopiert hat. Bringen Sie ihn zur Strecke. Diese drei Frauen waren mein Kunstwerk. Meins ganz allein. Das lasse ich mir nicht zerstören. Von niemandem.«

»Kunstwerk?«, wiederholte Seeberg. Seine Stimme wurde lauter und zornig. »Sie haben unschuldigen Frauen das Leben genommen, haben Familien zerstört und unendliches Leid über unzählige Menschen gebracht. Das ist kein Kunstwerk, das ist kranker Wahnsinn. Ich höre mir den Scheiß nicht mehr länger an. Sie wollen mich doch nur provozieren und sich an meinem Schmerz aufgeilen, Sie kranker Idiot!«

Der Kommissar stand auf, ging zur Tür und klopfte. Das Zeichen für den Beamten, ihn wieder aus der Zelle zu lassen.

»Warten Sie, Commissario.«

Die Tür der Zelle wurde geöffnet, helles Licht fiel herein. Erst jetzt erkannte Seeberg, wie krank Petrov tatsächlich aussah. Er war abgemagert und blass, und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Der Tod hielt ihn bereits fest in seiner kalten Hand.

»Was?«, fuhr Seeberg herum.

»Gehen Sie zu meinem Anwalt. Sein Name ist Frank Vollmer. Er hat seine Kanzlei in der Heinrichstraße in Fulda.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Das werden Sie schon sehen. Fragen Sie ihn nach den Wunden, den Messerschnitten. Lassen Sie sich die Fotos zeigen. Dann werden Sie es schon verstehen.«

Seeberg wurde übel. Er erinnerte sich an die Schnitte, die alle Opfer vorzuweisen hatten. Petrov hatte ihnen eine Brustwarze herausgeschnitten und sie als Trophäe für sich behalten. Die Polizei hatte die Beweisstücke in mit Formaldehyd gefüllten Einweggläsern im Keller des Täters gefunden.

»Sie sind widerlich.«

Seeberg verließ die Zelle und konnte Petrov noch aus dem Inneren hören, wie er ihm etwas nachrief.

»Und schauen Sie unter Chilnov nach. Eine Stadt im Norden Bulgariens. 1923. Hören Sie? 1923, das ist wichtig …«

Die letzten Worte Petrovs verebbten in einem heftigen Hustenanfall. Die Tür schloss sich, und der Beamte blickte den Kommissar an.

»Ein verrückter Kerl, was? Hat er Ihnen etwas getan?«

»Nein«, antwortete Seeberg leichenblass und bemerkte, dass er am ganzen Körper zitterte und kaltschweißig war. »Nein, ich glaube, nicht.«

»Sie glauben, nicht?«

Für den jungen Beamten klang das amüsant, doch es war Seeberg absolut ernst. Er wusste nicht, was Petrov in ihm aufgerissen hatte. Klaus Seeberg sah ruckartig auf.

»Lassen Sie uns gehen.«

Der Kommissar folgte dem Beamten zurück in den Haupttrakt. Die Absätze ihrer Schuhe hallten in dem steril wirkenden Flur wie die Salve eines Maschinengewehrs in seinen Ohren. Doch selbst dieser Stakkato-Rhythmus vermochte es nicht, die Sätze Petrovs zu übertönen, die noch immer im Kopf des Kommissars hämmerten.

»Irgendwo da draußen rennt der wahre Mörder Ihrer Tochter herum, und vielleicht hat er sich schon sein nächstes Opfer ausgesucht.«

2.

Er war mit dem Wagen ziellos umhergefahren. Zumindest glaubte der Kommissar das zunächst. Es war in letzter Zeit nicht selten vorgekommen, dass er sich in seinen Wagen setzte, herumfuhr oder zu Fuß einfach drauflosging, bis ihn irgendwann die Dunkelheit einholte. Auch diesmal war es nicht anders. Er hatte kaum geschlafen und war um fünf Uhr endgültig aufgestanden. Zuhause war ihm die Decke auf den Kopf gefallen. Erst als er schließlich hier, an diesem Ort aus dem Auto gestiegen und einige Meter in der nasskalten Umgebung gegangen war, um einen klaren Kopf zu bekommen, begriff er, dass ihn sein Unterbewusstsein gezielt hierhergeführt hatte. Er sah hinauf zu dem kleinen, aber dichtbewachsenen Waldabschnitt, den die Einheimischen Finsterhain nannten. Es war die Gegend, in der Laura damals von einem Spaziergänger aufgefunden worden war.

Seeberg bemerkte, dass sein Atem schneller wurde. Sein Herzschlag beschleunigte sich, doch er wollte sich nicht seinen Ängsten unterwerfen und ging in die Richtung weiter, in der er den exakten Fundort vermutete.

»Einfach ganz langsam ein- und ausatmen«, sprach er sich selbst Mut zu. Tatsächlich beruhigte sich sein Puls wieder. »Gut so. Ganz ruhig.«

Ihm gingen viele Bilder durch den Kopf, als er weiter den Feldweg entlanglief. Gesichter huschten an ihm vorbei.

Laura.

Seine Exfrau.

Petrov.

Es war eine ganze Woche vergangen, seit er bei Petrov gewesen war. Zuerst hatten ihn die Behauptungen des Bulgaren noch sehr beschäftigt. Bis er schließlich zu der Überzeugung gekommen war, dass Petrov sich mit ihm nur ein Spiel erlaubt hatte. Es sprachen zu viele Fakten gegen dessen abwegige These eines weiteren Täters. Wahrscheinlich wollte er sich nur wichtig tun und seine perverse Lust nach Anerkennung stillen, bevor er starb. Der Kommissar hatte sich in den letzten Tagen überlegt, was er mit seinem eigenen Leben nun anfangen sollte. Die Geschehnisse der letzten Zeit hatten ihm gezeigt, dass die Diensttätigkeit ihm zumindest ein wenig Zerstreuung verschaffte. Wenigstens würde es ihm die Zeit verkürzen, bis er endlich genug Mut fassen würde, um den Schritt zu wagen, sich das Leben zu nehmen. Sein Dasein kam ihm ohne seine Tochter sinnlos vor, doch die tägliche Routine half ihm über die schlimmsten Momente hinweg. Obwohl er noch immer krankgeschrieben war, hatte er versucht, sich eine gewisse Regelmäßigkeit abzuverlangen, bis er wieder den Takt seiner Arbeit aufnehmen konnte und dieser den Alltag diktierte. Fast freute er sich wieder darauf. Er war nicht besonders gut darin, seinen Tag eigenständig zu gestalten. Da er kaum Schlaf finden konnte, ging er meist früh aus dem Haus, kaufte sich eine Tageszeitung und verbrachte den Morgen in einem Café der Innenstadt. Danach folgte stets ein Spaziergang in der Johannisau, der grünen Lunge der Stadt. Das raue Wetter der letzten Tage störte ihn dabei nicht im Geringsten. Im Gegenteil. So verloren sich nur wenige Menschen auf den Wegen des Naherholungsgebiets. Gesellschaft störte ihn. Er wusste nicht, wann er damit begonnen hatte, die Menschen zu verachten. Es musste aber schon lange vor dem Tod Lauras gewesen sein.

»Ein anderes Leben. Eine andere Zeitrechnung.« Seeberg lachte bei dem Gedanken an unbeschwerte Zeiten. Der Weg stieg etwas an, und er spürte einen leichten Schmerz. Die Wunde in seiner Seite meldete sich mit einem Ziehen. Er atmete tief ein. Die Luft tat gut. Und trotz des Stechens heilte die Narbe langsam, aber sicher aus und schmerzte nur noch bei schnellen Bewegungen. Plötzlich hielt er inne, als er auf Höhe des Waldrands war. Der Wind frischte auf, und in den Ästen über ihm rauschte es, während er auf einen vom Sturm beschädigten Baum vor ihm schaute. Er nickte. »Hier muss es irgendwo gewesen sein.«

Seeberg überlegte, ob dieser Blick auch der letzte gewesen sein könnte, den Laura wahrgenommen hatte. Die Spurensicherung war sich damals nicht sicher gewesen, ob das Mädchen hier ermordet worden war oder Petrov lediglich ihre Leiche an dieser Stelle abgelegt hatte. Der Kommissar versuchte die Sache so objektiv, wie es ihm möglich war, zu bewerten. Er verwischte die Idee eines zweiten Täters und versuchte sich stattdessen an die unumstößlichen Fakten zu halten. Und davon gab es einige.

Petrov hatte damals die Morde allesamt gestanden, und es gab keinerlei Grund, an diesem Geständnis zu zweifeln. Soweit sich Seeberg daran erinnern konnte, waren die Beweise erdrückend gewesen. An allen Leichen fanden sich DNA-Spuren von Petrov. Er hatte sich seiner Sache wohl sehr sicher gefühlt und keinen Wert darauf gelegt, seine Spuren zu verwischen. Außerdem hatte Petrov für keine der Tatzeiten ein Alibi. Zu guter Letzt waren die Kollegen bei der Hausdurchsuchung im Keller Petrovs auf dessen perverse Trophäensammlung gestoßen. Die Brustwarzen der jungen Frauen. Aller Frauen. Auch die von Laura. Alles sprach gegen den Bulgaren. Dennoch dachte der Kommissar hier am Fundort nun wieder an die Worte Petrovs.

Was wäre, wenn?

Wenn irgendwo hier draußen tatsächlich jemand anderes auf sein nächstes Opfer lauern würde?

Seeberg schüttelte den Gedanken ab und sog erneut die feuchte Luft tief in seine Lungen. Er spürte, wie sich sein Körper langsam erholte. Er hatte sich an die Vorgaben der Ärzte gehalten und versuchte, seine Tabletteneinnahme herunterzufahren. Allerdings wusste er nicht wofür. Er strebte weder eine gute Gesundheit noch ein langes Leben an. Der Wunsch, allem ein Ende zu bereiten, lockte noch immer mit unverminderter Kraft. Nur der richtige Zeitpunkt schien noch nicht gekommen zu sein.

»Ja, ja, hier vorne war es«, ertönte eine Stimme hinter ihm. »Genau dort, wo Sie jetzt stehen.«

»Wie bitte?«

Der Kommissar wandte sich um und sah einen alten Mann mit seinem kleinen Mischlingshund ein paar Meter vor sich auf dem Fußweg. Der Greis trug einen Hut auf seinem kahlköpfigen Haupt, hatte eine untersetzte Figur und wirkte mit seinem kugelrunden Bauch und grauen Schnauzbart wie eine Comicfigur.

»Na, die Leiche der Kleinen. Ich weiß es noch ganz genau, weil ich damals einer der Ersten gewesen bin, die hier am Fundort im Finsterhain waren.«

Kommissar Seeberg sah den Mann an. Der Alte verstummte sogleich und zog seinen Hund an der Leine harsch zurück.

»Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich dachte nur, Sie seien deswegen hierhergekommen.«

Jetzt verstand der Kommissar. Der Mann deutete auf eine Stelle unweit vor ihm. Seeberg hatte seine Tochter damals nicht an ihrem Fundort in seine Arme schließen können. Nachdem die Spurensicherung abgeschlossen war und man sie für weitere Untersuchungen in die Rechtsmedizin gebracht hatte, hatte er erst dort ihre Leiche gesehen. Auch danach hatte er den genauen Fundort nie besucht, sondern hatte nur Fotos davon in den Akten betrachtet. Der alte Mann vermutete daher, dass es sich bei dem Kommissar um einen Schaulustigen handelte, der sich einen Kick dadurch verschaffen wollte, indem er den Tatort eines echten Mordes aufsuchte.

»Ja, vielleicht bin ich das sogar«, antwortete Seeberg. »Kommen denn viele hierher, um sich den Fundort anzuschauen?«

»Am Anfang waren es mehr. Mittlerweile wird’s weniger. Ich gehe jeden Tag zweimal mit dem Hund hier vorbei. Und da steht schon ab und zu ein Auto hier, und Leute gestikulieren wild herum.« Durch seine lebhafte Körpersprache unterstrich der Mann jedes seiner Worte mit großen Gesten. »Das war ja damals auch wirklich eine schlimme Sache. Die Mädchen verschwanden, und niemand wusste, was mit ihnen geschehen war. Erst nach mehreren Tagen, manchmal sogar Wochen fand man dann die Leichen. Nur bei der hier ging alles ratzfatz.«

Der Kommissar hob fragend seine Augenbrauen.

»Wie meinen Sie das?«

»Na ja, bei der Kleinen dauerte die Suche nicht lange … und dann fand man sie hier. Ganz nackt im Unterholz. Hatte nur diesen Schal in der Hand. Dieser Bulgare hatte wohl schnell die Lust an ihr verloren, oder er hatte Angst, weil ihm die Polizei im Nacken saß.«

Der Kommissar erinnerte sich. An diesem heißen Sommertag hatte er den Auftrag erhalten, einen alten Fall in der Rhön zu untersuchen. Ungefähr zwanzig Minuten bevor er dort angekommen war, hatte er den Anruf von Helena erhalten. Die Schule hatte angerufen, weil Laura nicht zum Unterricht gekommen war. Zu dieser Zeit waren alle Bewohner in heller Aufregung wegen der bereits getöteten Mädchen. Kindergärten und Schulen waren angehalten, umgehend Meldung zu machen, falls ein Kind fehlte. Helena Seeberg hatte daraufhin alle Freundinnen abtelefoniert und war alle Plätze abgefahren, an denen man ihre Tochter vermuten konnte. Doch mit jeder Minute, die erfolglos verstrich, wurde die Angst größer. Sofort war Klaus Seeberg umgekehrt und hatte sich an der Suche beteiligt. Als man am Abend noch immer kein Lebenszeichen von Laura hatte, rückte die Polizei mit einer Hundertschaft aus und durchkämmte die unmittelbare Nachbarschaft.

Das Schlimmste war die Machtlosigkeit, an die er sich erinnern konnte. Es gab keine Lösegeldforderung, stattdessen die Bilder der anderen Mädchen, die man irgendwo vergewaltigt, verstümmelt und ermordet an verschiedenen Waldlichtungen gefunden hatte. Nach zwei Tagen wurde aus der Angst Gewissheit.

»Ich erinnere mich. Ein Pilzsammler hat sie hier gefunden, nicht wahr? Waren Sie das?«

»Zum Glück nicht. Nein, der Eberhardt Klotz, mein Nachbar, der hat sie so gefunden. Mein Haus ist gleich dort vorn. Er hat bei mir geklingelt und mir alles erzählt. Dann haben wir die Polizei gerufen. Wir sind dann wieder rauf und sind bei dem Mädchen geblieben, bis die Polizei kam.«

Seeberg schluckte schwer.

»Hören Sie mir überhaupt zu?« Seeberg schwieg, doch das konnte dem Redeschwall des Hundebesitzers nicht das Geringste ausmachen. »Na ja, jedenfalls war das genau hier. Ich glaube, bei der Kleinen dauerte es nur zwei oder drei Tage, bis man sie fand.«

»Zwei Tage«, antwortete Seeberg. »Es dauerte genau zwei Tage.«

»Ach, Sie wissen also doch darüber Bescheid.«

Er nickte.

»Ein wenig.«

Doch im nächsten Moment fiel ihm etwas auf. Der Mann hatte recht. Warum hatte man Laura damals so schnell gefunden? Bei den anderen Mädchen war man davon ausgegangen, dass sie über mehrere Tage, teilweise Wochen gefangen gehalten, missbraucht und gequält worden waren. Bei Laura waren es genau zwei Tage gewesen.

»Sitz, Donut«, befahl der Mann seinem Hund und wandte sich wieder Seeberg zu. »Meiner Meinung nach hätte man dem Kerl direkt hier im Finsterhain den Strick um den Hals legen sollen. Sind Sie für die Todesstrafe?«

»Eigentlich nicht«, antwortete Seeberg.

»Aber bei so einer Bestie darf’s doch kein Pardon geben. Der gehört aufgeknüpft oder auf den Stuhl gesetzt.«

»Ja, vielleicht haben Sie recht.«

»Nix da vielleicht. Ganz bestimmt sogar. Ich muss immer an die Eltern des Mädchens denken. Deren Leid. Also, ich hätte mich wahrscheinlich längst umgebracht. Zum Glück haben sie das Schwein ja kurz darauf geschnappt. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären der Vater dieses Mädchens und müssten mit dem Gedanken leben, dass der Mörder Ihrer Tochter noch frei herumläuft. Na, eigentlich haben Sie recht, der elektrische Stuhl ist noch viel zu harmlos für so einen.«

Seeberg nickte stumm, während der alte Mann in seiner Erklärung weitermachte.

»Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin Christ und ein gesetzestreuer noch dazu. Aber wenn man feststellt, dass man den Richtigen geschnappt hat und es keine Zweifel an seiner Schuld gibt, dann stehe ich ganz auf der Seite des Alten Testaments. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Denn erst dann, wenn der wahre Täter seiner gerechten Strafe zugeführt wurde, können die Familienangehörigen ihren Frieden mit so einer Sache machen, nicht wahr?«

Die Worte des Mannes trafen ihn wie Pfeile in seine Brust. Dieser Kerl hatte recht. Solange auch nur ein Fünkchen Zweifel bestand, würde er sich das niemals verzeihen. Und wenn es das Letzte war, was er tun musste, es durfte keinen Zweifel an der Schuld Petrovs geben. Nicht den geringsten.

»Ja.« Der Kommissar nickte. »Sie haben ganz recht. Das ist man den Opfern und den Angehörigen schuldig.«

3.