Roswitha Quadflieg

Neun Monate

Über das Sterben meiner Mutter

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Inhaltsübersicht

Erster Monat

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Informationen zum Buch

Über Roswitha Quadflieg

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …


Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass ich nicht

jemand anders bin.

Woody Allen

Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum

Verwechseln ähnlich.

Joachim Ringelnatz

Erster Monat

Wir sind im Suq. Eingetaucht und mitgerissen von diesem scheinbar niemals versiegenden Strom eiliger Schritte, Stimmen, Rufe, klappernder Pferdekarren, Mopeds, der sich durch die vielen viel zu engen Gassen zwischen Buden, Ständen und prächtigen Läden zwängt, hin und wieder stockt, staut, den ausspuckt und verstößt, der beiseitetritt und schaut.

Seit zwei Tagen sind wir hier. Nach nicht mal drei Stunden Flug und zwei Stunden Wartezeit in der Ankunftshalle, bis auch unsere Pässe endlich von einem dieser kleinen, finster hinter ihren Pulten lauernden Beamten abgestempelt waren. Gelandet auf einem »anderen Stern«.

Marrakesch.

Auf dem Vorplatz des Flughafengebäudes hatten wir unseren Fahrer gefunden, waren eingestiegen und am Knotenpunkt der Stadt, dort, wo der Djemaa el Fna den ausspeit, der genug von ihm hat, und jene einsaugt, die sich nicht wehren, wo der Lärmpegel am höchsten ist, aus dem Fahrzeug gesprungen. Zwei junge Männer hatten unsere Koffer auf eine Handkarre geworfen und waren damit in den Rauchschwaden der Garküchen verschwunden. Wir ihnen nach, durch die lärmende Menge, vorbei an Gauklern und Schlangenbeschwörern.

Noch am Morgen hatten wir uns im beschaulichen Freiburg von einer Freundin verabschiedet und dann? Zahnlose Münder, irre Augen, Kopftücher, Feze, rhythmisches Trommeln, Gerüche, die wir nicht kannten, Bitten, die wir nicht verstanden. Scharen von Kindern, deren dürre Arme uns Päckchen mit Tempo-Taschentüchern entgegenstreckten.

In einer Seitengasse – nie hätten wir uns allein dorthin getraut – hatte sich eine schmale Holztür vor uns aufgetan. Wir waren eingetreten, willkommen geheißen von freundlichen Menschen. Ein Riad. Ein Zimmer in Blau. Ein Bett. Ein warmes Essen.

Kein Fenster.

Husten. Wir haben eine Erkältung aus Deutschland eingeschleppt und wahrscheinlich den Hausherrn wie die anderen Gäste in den beiden ersten Nächten um ihren Schlaf gebracht. Die Türen schließen nicht. Alle Geräusche teilen sich mit. Unerbittlich.

Vogelgezwitscher am Morgen hatte uns geweckt. Und die Muezzin. »Allahu akbar!« Fünfmal am Tag hören wir sie jetzt. Aus allen Himmelsrichtungen. Egal, ob Migräne den Schädel sprengt und dringend mehr Schlaf gebraucht wird: »Allahu akbar!« Gott ist größer! und kennt kein Erbarmen.

Ein Kundiger hatte uns durch die Stadt geführt. Jetzt finden wir uns zurecht, unterscheiden die Gassen, erinnern uns an die Wege hinein und hinaus aus dem Suq. Staunen, riechen, betasten. Handeln ein wenig. Kaufen. Eine Kachel, eine ovale, aus Weißblech getriebene Seifenschale.

Und plötzlich, mitten im Suq, klingelt mein Telefon.

»Ihre Mutter ...«

»Was!?«

Die Verbindung ist schlecht, ich kann die weibliche Stimme an meinem Ohr kaum verstehen, suche mir einen Platz mit besserem Empfang und höre von der Hausdame der Hamburger Residenz, in der meine hochbetagte Mutter seit fünf Jahren lebt, dass diese sich im Keller verkrochen habe, sich nicht mehr in ihre Wohnung traue, weil angeblich überall im Haus Spitzel seien. Sie erkenne keinen mehr und lasse niemanden an sich heran.

»Verstehe«, sage ich, ich müsse kurz nachdenken, wie ich jetzt was organisiere, ich sei gerade weit weg. »Marrakesch, ja.«

Und dann stehe ich da, mitten im Suq, um mich der Lärm der Händler, Musik, schaue mich um – was für Augen und Gesichter – und denke: Und warum eigentlich nicht? Warum sollte sich denn nicht auch meine Mutter mal anders benehmen dürfen als sonst, unerhört, verstörend, laut. So wie die Menschen hier. Wer eigentlich stellt die Normen auf? Wer bestimmt das Maß dessen, was sich gehört? Und was ist Wirklichkeit? Freiburg, Hamburg oder Marrakesch? Diese Stadt, in der es keine Sozialversicherung gibt, in deren Zentrum keine Ampeln den Verkehr regeln. An deren Straßenrändern Kranke und Verwirrte hocken, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nimmt. Auf deren Plätzen, von ihren Enkeln oder Söhnen täglich ausgesetzt, zerlumpte Blinde ununterbrochen ihre Krückstöcke mit kleinen Plastikschalen traktieren. Tok, tok! Tok, tok! Horcht auf, schaut her, werft Geld ein! Eine Stadt, auf deren größtem Platz, von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt, jeden Tag, wenn die Sonne sinkt, ein Markt aufgebaut wird, auf dem man handelt und stiehlt, weissagt und Schlangen beschwört, isst und trinkt. Und auf dem sich, wenn es ganz dunkel geworden ist, die Toten versammeln, die Geköpften. Was genau Djemaa el Fna bedeutet, ist strittig. Ein Platz, auf dem man Geschichten erzählt.

Ist denn nur zulässig, denke ich, was den Normen eines von A bis Z durchorganisierten Deutschlands entspricht? Die Welt ist so unendlich groß, so bunt und reich durch Unterschiedlichkeit. Lasst meine alte Mutter doch im Keller sitzen, lasst sie randalieren und schreien! Warum, verdammt noch mal, darf denn diese meist freundlich lächelnde Dame – »Markenzeichen« Handtasche, Hut und Goldreif – nicht wenigstens ein Mal in ihrem Leben diese wohlanständige Fassade sprengen, das Visier fallen lassen, aus der Haut fahren. Ehe es zu spät ist. Ehe ihr Leben vorbei ist.

Aber schon im selben Moment korrigiere ich mich. Nein! Was, um Himmels willen, mag geschehen, was meiner armen Mutter widerfahren sein? Warum verhält sie sich plötzlich so?

Wie froh war ich, als sie sich vor fünf Jahren entschlossen hatte, das ihr zu beschwerlich gewordene Haus zu verkaufen und stattdessen in diese Residenz zu ziehen. In ein Zweizimmerappartement, Küche, Bad, Balkon. So lange wie irgend möglich wollte sie sich noch selbst versorgen. Das Konzept mit integriertem Hotel – hier kamen und gingen täglich neue Leute – hatte sie überzeugt, hier herrschte ein freundlicher Umgangston, es gab ein kleines Theater und ein Schwimmbad.

Nicht unwesentlich zu ihrer Wahl beigetragen hatte jedoch die Tatsache, dass wir beim ersten Rundgang durch die Anlage im sogenannten Kaminzimmer auf ein Foto in schwarzem Rahmen gestoßen waren, daneben eine brennende Kerze. Lange hatte meine Mutter sich das fremde Gesicht im Rahmen angesehen und gemeint, hier werde der Tod jedenfalls nicht verdrängt, hier wolle sie gern ihre letzten Lebensjahre verbringen. Und jedes Mal, wenn ich nach einem Besuch bei ihr durch die langen, mit Teppichboden ausgelegten und musikbeschallten Flure zum Ausgang lief, spürte ich wieder diese Erleichterung: Sie hatte sich diesen Ort selbst ausgesucht. Sie war geborgen! Der Erlös des Hausverkaufs würde noch für etliche Jahre ausreichen, um das ihr rasch lieb gewordene Appartement zu halten. Ihr konnte nichts mehr passieren.

In unserem letzten Telefongespräch vor meiner Abreise hatte sie mich gefragt, ob ich denn nicht die Feuerwehr höre, in Hamburg sei Orkan, die Brücken nach Lüneburg seien gesperrt, sie holten jetzt alle ab. Und ich hatte mir vorgenommen, sie bei meinem nächsten Besuch noch einmal darauf anzusprechen, um vielleicht herauszufinden, was sie mir eigentlich damit hatte sagen wollen. Aber ich hatte mich auch umgehend und gezielt nach einer Gesellschafterin für sie umgesehen. Meine diesbezüglich schon vor Monaten behutsam geknüpften Kontakte hatte meine Mutter schroff abgeblockt. Sie wolle ein freier Mensch bleiben!

Und jetzt?

Ich wähle die Nummer einer Hamburger Freundin, einer Ärztin. Vielleicht, so hoffe ich, kann sie mal nach meiner Mutter sehen. Aber ihr Mann sagt, sie sei nicht zuhause, sie werde zurückrufen. »Ich bin gerade im Suq« schreie ich.

»Wo?«, fragt er. Die Verbindung bricht ab.

Mein Neffe und seine Frau! Sie wohnen ganz in der Nähe der Residenz und sind immer vor Ort, wenn mal wieder »Not am Mann« bei der Großmutter ist, wenn der Computer spinnt, wenn die Druckerpatronen leer sind, wenn dies, wenn das.

»Bleibt, wo ihr seid!«, sagen sie. »Wir regeln das. Ihr könnt euch auf uns verlassen.« Und machen sich auf den Weg.

Also gut, denke ich, warten wir’s ab, in ein paar Stunden wird der Spuk vorbei sein. Meine Mutter ist trotz ihrer zweiundneunzig Jahre eine noch immer fitte Frau. Alles wird gut. Wild herumzutelefonieren nützt jetzt gar nichts.

Und weiter durch die Gassen des Suq. Wie in Trance.

Wieder klingelt mein Telefon. Mein Neffe und seine Frau. Sie sind jetzt bei ihr. Tatsächlich, ihr Zustand sei alarmierend. Zwar hätten sie die alte Dame immerhin nicht mehr im Keller, sondern im Restaurant, aufmerksam alles um sich herum belauernd, an einem leeren Tisch sitzend, vorgefunden, jedoch habe sie ihnen, sobald sie in Sichtweite gekommen seien, zugerufen: Versteckt euch, sonst müsst ihr sterben! Als sie sich ihr dennoch genähert hätten, sei sie außer sich geraten, habe um sich geschlagen und gespuckt. Gerade seien sie bemüht, eine Zwangseinweisung abzuwenden.

»Was?«, schreie ich.

Ja, sie werde gefährlich für sich und andere. Jegliche Kontrolle sei perdu. Kein Mensch wisse, was sie anstelle, wenn man sie allein lasse. Jeder Gegenstand habe für sie jetzt offenbar die Bedeutung gewechselt, jeder Mensch sei für sie ein anderer geworden, von allem und jedem fühle sie sich bedroht. Irgendwer trachte ihr nach dem Leben, weil sie etwas gesehen habe, wovon niemand außer ihr wisse. Die Teewagen im Restaurant seien jetzt Transportwagen von Kameras, die alles, was sich im Haus abspielt, aufnehmen, der Leiter der Residenz, unendlich enttäuscht sei sie von ihm, sei der Oberspitzel. Niemals wieder möchte sie ihn sehen!

Und wie sehr hatte sie ihn geschätzt, denke ich.

Die Verständigung mit ihm liefe jetzt nur noch per Handzeichen, was nicht ganz einfach, aber einigermaßen hinzukriegen sei, wenn er sich hinter der Palme im Eingangsbereich des Restaurants verberge. »Gerade ist es uns gelungen, ihr mit ein paar Tricks die Tabletten einzuflößen, die der Hausarzt verschrieben hat. Sie wird jetzt ruhiger.«

»Kann ich sie kurz sprechen?«, frage ich, höre eine raue Stimme. Eine wirre Suada. Begreife nichts, versuche meine Mutter zu beruhigen. »S. und M. sind bei dir, du brauchst keine Angst zu haben!«

Als hätte ich eine Ahnung davon, wovor sie sich fürchtet! Ich lege auf.

Kurze Zeit später telefoniere ich erneut mit den beiden, und wir beratschlagen, wie es weitergehen soll. »Stellt den Herd ab!«, sage ich. »Bereits geschehen«, sagen sie. Auch alles andere hätten sie, so gut es gehe, abgesichert. Jetzt hofften sie darauf, dass die Tabletten weiter ihre Wirkung täten und die alte Dame immerhin so weit wieder zu sich käme, dass sie wenigstens noch übers Wochenende in ihrer Wohnung, in ihrer vertrauten Umgebung würde bleiben können. Grausam, die Vorstellung, sie in Zwangsjacke per Krankenwagen abtransportieren zu müssen. Wenn ihr Plan aufgehe, würden sie am Montag den ganz normalen Weg per Einweisung mit ihr ins Krankenhaus nehmen. Für drei Nächte sei ein Pflegenotdienst alarmiert.

Wir verlassen den Suq. Der vor einer Stunde über dem Djemaa el Fna noch golden glühende Himmel ist dunkel geworden. Versammeln sich hier – um uns – jetzt die Toten? Wir stellen uns in einen Kreis junger Männer, geschart um einen Geschichtenerzähler. Hören, was aus dem zahnlosen Mund des Greises kommt. Offenbar spannende Geschichten. Staunen. Folgen den uns unverständlichen Worten wie einer kehlig klingenden Melodie.

Über den Dächern des Suq blinken Satellitenschüsseln, doch hier sehe man nur fern, wenn WM sei, hatte man uns gesagt.

Immer mehr junge Männer versammeln sich. Gebannt von den Gesten des Alten, den Grimassen, die sein gezacktes Profil ins Halbdunkel schneidet, seinen stechenden Augen, mit denen er Einzelne aus der Menge pickt, zu sich zieht, sie vorführt und zurückstößt! Plötzlich verstummt er – alle im Kreis halten den Atem an –, aber nur, um gleich darauf in ein noch wilderes Laute-Crescendo auszubrechen.

Irgendwann wird es kühl, Mitte Oktober ist es auch in Marrakesch nachts nicht mehr heiß. Wir kaufen ein blaues Tuch und suchen einen der Stände auf, an denen man gefahrlos essen kann, wie man uns versichert hat. Gefahrlos für Europäer. Und landen unter Touristen. Klar. Auch wir sind Touristen. Dass H. ein paar Brocken Arabisch spricht, mit denen er allzu dreiste Händler abzuwimmeln weiß, ändert nicht das Geringste daran. Auch wir gehören zu denen mit den Fotoapparaten. Zu denen, von denen die Hiesigen leben. Die sie dulden, weil sie leben wollen. Die sie nicht mögen, denen sie misstrauen, weil sie ihnen völlig fremd sind.

Dann noch einmal zurück in den Suq. In den Strom. Irgendwann schere ich aus, setze mich in den Eingang eines Getränkekiosks, lehne mich zurück, halte die Kamera hoch und lasse sie laufen. Bis der Akku leer ist.

Monate später schaue ich mir an, was die kleine Kamera aufgezeichnet hat. Erinnerungen an die Tage, in denen im damals so fernen Deutschland eine alte Frau ihre Wanderung durch das »Irgendwo« antrat, wohin ihr zu folgen unmöglich war, wo ihr Besuche abzustatten zum Abenteuer geriet. Sowohl für den Besucher als auch für sie selbst.

»Noch eine Karre, bitte!«, höre ich mich auf einem der kurzen Videos sagen. Aber so spät in der Nacht kreuzten den Menschenstrom keine Karren mehr.

Neun Monate dauerte die Wanderschaft meiner Mutter, ehe sie losließ und »zu Gott einging«, wie sie es nannte. Neun Monate, in denen ich immer wieder an ihrem Bett saß, ihr zuhörte, mir Notizen machte, die Kamera hochhielt wie ein Tourist im Suq oder auf dem Djemaa el Fna, um festzuhalten, was ich hörte und sah, um zu bewahren, was sie fast ununterbrochen »sendete« und was sie, und das war das eigentlich Kuriose, ganz offensichtlich bewahrt haben wollte. Wie oft fragte sie mich: »Hast du das?« Und ich nickte ihr zu, schloss sie in meine Arme und hatte nicht die geringste Ahnung, wovon hier die Rede war.

Sechs Monate nach unserem Besuch in Marrakesch sprengt ein Selbstmordattentäter das Café Argana in die Luft, eines der beliebten Touristencafés am weltberühmten Platz, vierzehn Menschen finden den Tod. Marokkanische Politiker vermuten einen nordafrikanischen Al-Qaida-Ableger hinter dem Anschlag.

Wir haben dieses Café nie besucht, es nur von außen gesehen, uns lieber in die Cafés der Marokkaner gesetzt. Brauchte es auch hier eine Revolution? Wir haben keine Ahnung von den eigentlichen Verhältnissen in diesem Land. Von dem, was man unter Fezen und Kopftüchern denkt. Auch wir, wie alle Touristen, wollten nur mal kurz vorbeischauen und für ein paar Tage und Nächte in »Tausend und eine Nacht« schwelgen.

Am nächsten Tag Mails von S. und M. Ich schreibe zurück, versuche, soweit es geht, zu verfolgen, was sich gerade in dieser Hamburger Residenz abspielt. Der Leiter, lese ich, sei der Meinung, dass der Zustand meiner Mutter ganz sicher von traumatischen Erlebnissen während des Krieges und der Nazizeit herrühre. Das kenne er von den alten Leuten, irgendwann hole ihre Vergangenheit sie ein. Ist das so? Könnte das auch auf meine Mutter zutreffen? Was weiß ich von ihrer Vergangenheit?

Zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs war sie, 1917 in der Residenzstadt Växjö in die schwedisch-livländische Adelsfamilie Posse - v. Vegesack geboren, nach Berlin gekommen und hatte ihr Medizinstudium an der Charité aufgenommen. Liiert mit einem jungen Deutschen, dem sie im Sommer 1933, während eines Aufenthalts mit ihrer Mutter auf Capri, begegnet war. Will Quadflieg. 1937 hatte er bereits die ersten Hürden seiner Schauspielkarriere genommen und war an der Berliner Volksbühne engagiert. Am 31. Juli 1940 heirateten sie, noch im selben Jahr wurde ihr erstes Kind geboren. 1942 ihr zweites. Danach brach sie ihr Studium ab und bangte wohl nicht selten – wie sie mir so manches Mal erzählt hatte – zusammen mit ihren beiden Kindern im Luftschutzkeller um ihren Mann, der nach der Vorstellung durchaus auch mal Umwege über Wohnungen von Kolleginnen nahm. Er wurde nie zur Wehrmacht eingezogen, er konnte schlecht sehen, er hatte Probleme mit den Knien. Er rezitierte Gedichte, spielte und spielte, ab 1940 große Rollen am Schillertheater, das dann bei einem Luftangriff im November 1943 völlig zerstört wurde. Die Familie, samt der aus Schweden zugereisten Schwiegermutter, wurde für kurze Zeit nach Matschdorf in Brandenburg evakuiert.

Was wusste meine Mutter von den Nazis?

War es ihr, als Ausländerin, aufgefallen, dass jüdische Ärzte von der Charité verschwanden? War in Seminaren oder auf Korridoren darüber geredet worden?

Nach der Hochzeit war dem jungen Paar eine prächtige Wohnung zugewiesen worden, in der es Messingtürgriffe in Form geschwungener nackter Frauenkörper gab. Hin und wieder hatte meine Mutter mir diesen für sie nicht nachvollziehbaren obszönen Luxus geschildert, sich dabei aber offensichtlich nie klargemacht, dass es sich eindeutig um eine Wohnung reicher vertriebener Juden gehandelt hatte. Was von dem ganzen Wahnsinn überhaupt war bis zu ihr gedrungen? Sie war verliebt, war glücklich, dass ihre herrschsüchtige Mutter sie endlich nach Deutschland hatte übersiedeln lassen, sie wollte Ärztin werden, wurde Mutter. Bis zu deren Verbot hatte sie Arbeitskreise eines in Berlin damals berühmten anthroposophischen Arztes besucht und sogar ihren Mann dorthin geschleppt. Eine Zeitlang soll er sogar erwogen haben, zu wechseln und wie sie Medizin zu studieren. Sie waren keine Widerständler. Einmal hatte Will vor einer Rezitation die Hakenkreuzfahne, die über jedem Rednerpult hing, entfernt. Sie hatte gebangt – ihm war nichts passiert.