Andreas Eschke

Asche

Aus dem Leben eines
Feuerwehrmanns

Aufgezeichnet von Rocco Thiede

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Inhaltsübersicht

PROLOG »Spring doch!«

1. Cowboy, Polsterer, Feuerwehrmann: Wie ich wurde, was ich bin

2. Harte Ausbildung: Wieder auf der Schulbank und »Sport frei«

3. Die Autos sind rot: Erste praktische Erfahrungen

4. Macken und Nicknames: Wie ich zu ASCHE wurde

5. Ein angekohltes Mittagessen: Meine ersten Brände

6. Menschen in Lebenskrisen: Selbstmörder auf Schienen oder Dächern

7. Gasgeruch? – Lachhaft!

8. Vietnamesen auf Bäumen – Tote Mitglieder der Zigarettenmafia – Angriff

9. TOD – Die Seele will raus

10. Halbtote Suffköppe: Kotze, Kacke, Krach – unsere Stammkunden

11. Sinnlose Einsätze? Fehlalarme und andere Peinlichkeiten

12. Brände: Flashover im Bordell – Das Visier schmilzt – Eine brennende Mülltonne – Gratisfrühstück

13. Freiwillige und Profis

14. Notfallseelsorge: Berlins einziger Feuerwehrseelsorger ist evangelischer Pfarrer und Oberbrandmeister a. D.

15. Vom Oberfeuerwehrmann zum Oberbrandmeister: Feuerwehr-Hierarchie und Technik

16. Katzen, Kampfhunde, Schwäne, Kois und ein Wachfuchs: Die Feuerwehr ist Lebensretter für alle Kreaturen

17. Orden vom Deichgrafen – Das Oderhochwasser

18. Auto waschen, Tischtennis, Kochen, Schlafen: Alltag auf der Wache

19. Drei Prozent mögen uns nicht: Besetzte Häuser und Maikrawalle – Steine und Flaschen gegen die Feuerwehr

20. Flugzeugabsturz

21. Kolleginnen: Frauen bei der Berufsfeuerwehr

22. 15 Jahre, 15000 Einsätze 152

Informationen zum Buch

Über Andreas Eschke

Impressum

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PROLOG
»Spring doch!«

Es ist ein lauer Frühlingsnachmittag, als das Alarmlicht angeht. »Person droht« lautet die Meldung aus der Leitstelle. Auf einem 18-stöckigen Hochhaus soll ein Mann stehen, der sich das Leben nehmen will. Mein Kumpel Steffen sagt dazu immer: »Wer wirklich springen will – ist schon unten, bevor wir kommen.« In Fällen, wo Menschen sich selbst töten wollen, stellen wir auf den letzten Kilometern das Signalhorn aus. Die Betreffenden sollen nicht noch mehr unter Stress geraten. Alles, was dazu beiträgt, die Situation zu entschärfen, wird unternommen. Eine laute Feuerwehrsirene könnte den in einer Krise steckenden Menschen in zusätzliche Panik versetzen, so dass unsere Bemühungen, ihm zu helfen, vergeblich wären.

Ich gehörte an diesem Nachmittag zum sogenannten Angriffstrupp. Steffen rannte mit mir schnell zu dem Haus, vor dem sich schon eine größere Menschenmenge versammelt hatte. In unmittelbarer Nähe gab es einen Kaiser’s Supermarkt. Somit waren Neugierige und bösartige Gaffer, die es sich nicht verkneifen konnten, nach oben zu brüllen »Spring doch, spring doch!«, schnell vor Ort. Die Polizei war etwas früher als wir am Einsatzort gewesen und hatte bereits alles mit einem Band abgesperrt.

Zügig brachten wir den sogenannten »Sprungretter« in Position. Dieser pumpt sich mit Luft aus Pressluftflaschen selbst auf. Zwar gibt es auch noch die guten alten Sprungtücher, aber ab der zweiten Etage bringen die auch nichts mehr. Unser Zugführer machte sich unterdessen im Laufschritt auf zum Fahrstuhl, um den Versuch zu unternehmen, mit dem jungen Mann zu reden. Er war gerade im Eingang verschwunden, als Steffen rief: »Achtung, Asche! Er kommt.« Wir konnten uns gerade noch umdrehen und eng an die Hauswand stellen. Direkt neben uns kam der Mann auf. Ich habe das Bild noch vor Augen. Er fiel kopfunter, schlug aber nicht mit dem Kopf auf. Der Aufprall des Körpers verursachte ein eigenartiges Geräusch. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles unblutig. Mehrmals schlug der Körper auf. Dabei muss der Mann sich schlimme innere Verletzungen zugezogen haben. Im Moment des Aufpralls entstand eine eigenartige Ruhe. Alles war still: kein Vogelzwitschern, Autohupen oder menschliche Stimmen drangen an meine Ohren. Mir schien, als ob alle Zuschauer, die mit oder ohne Einkaufstüten vor der Absperrung standen, die Luft anhielten. Einige drehten sich spontan um oder hielten sich die Augen zu. Ich erinnere mich an eine Polizistin, die die Schaulustigen in Schach halten sollte und die sich fünf Meter von uns entfernt übergeben musste. Ansonsten bekam ich von der Umgebung wenig mit.

Der Mann war sofort tot. Pro forma fühlte ich ihm noch den Puls und legte dann eine Decke über ihn. Auch unser Sprungretter kam nicht mehr zum Einsatz. Selbst wenn er voll Luft gewesen wäre, bestehen bei einer Höhe ab sechzehn Metern ernste Zweifel, dass er das Leben des Selbstmörders hätte retten können. Die Wucht, mit der ein menschlicher Körper ab einer gewissen Höhe auf die Erde prallt, ist oft gewaltig und für diese 3,50 mal 3,50 Meter großen Sprungretter zu groß, so dass das Gewicht des Fallenden die mit Luft gefüllte Pufferzone durchschlägt.

Was die Hintergründe für diesen tragischen Fall waren und warum sich der Mann das antat, in welcher Situation er lebte – all das erfahren wir Feuerwehrleute fast nie. Zwar sind wir betroffen, aber nicht persönlich, dadurch bleiben wir handlungsfähig. Mit seinem Tod war unser Einsatz beendet. Doch waren wir erfolglos? Was wir in der Zeit zwischen Alarm, Eintreffen am Einsatzort und dem schnellen, tragischen Ende tun konnten, hatten wir getan. Wir fuhren zurück zur Feuerwache ...

1. Cowboy, Polsterer, Feuerwehrmann:
Wie ich wurde, was ich bin

»Du wolltest doch bestimmt schon als Kind Feuerwehrmann werden, oder?« Diese oder ähnliche Fragen bekomme ich immer wieder gestellt. Und meine Antwort lautet stets: »Nein. Ich wollte Cowboy werden.« Dies führt in der Regel zu Fragezeichen im Gesicht meines Gesprächspartners. Also ergänze ich, ohne auf Nachfragen zu warten: »Irgendwann fiel mir aber auf, dass es diesen Berufszweig in der DDR nicht gab, und schwenkte auf etwas Reales um.«

Es ist eine Tatsache, dass ich im Unterschied zu vielen Steppkes eben kein Feuerwehrmann werden wollte. Als ich fünf Jahre alt war, standen bei mir Lokführer oder Kosmonaut und natürlich Cowboy als Berufswunsch an erster Stelle.

Gelernt hätte ich eigentlich auch gern Zimmermann, dieser alte Handwerksberuf interessierte mich sehr. Leider wurde auch daraus nichts, weil mir ein Arzt einen Rückenschaden attestierte. »Weiß der liebe Gott, wo du den herhast. Also bestimmt nicht von übermäßiger körperlicher Arbeit«, sagte damals mein Vater zu mir. Auch von meinen sportlichen Aktivitäten, die sich sehr in Grenzen hielten, konnte mein Rücken keinen Schaden genommen haben.

So bewarb ich mich erst einmal als Matrose bei der Handelsmarine. Wieder wurde ich abgelehnt – wegen unserer Westverwandtschaft. Ich wollte eine coole, interessante Lehre anfangen, aber langsam gingen mir die Ideen aus. Dann kam mir mein Vater zu Hilfe. Er war Polsterer und erzählte mir freudestrahlend, dass er mir gerade, obwohl es eigentlich nur zwölf private Lehrstellen für Polsterer in Ostberlin gab, die dreizehnte Lehrstelle besorgt hatte. Beziehungen waren im Osten das halbe Leben.

Mein Ausbildungsbetrieb befand sich nicht weit von unserer Wohnung in Lichtenberg. Der Nachteil dieser Werkstatt: sie war klitzeklein und hatte nur zwei Angestellte, den Meister und mich. Wie soll das gehen?, dachte ich, weil ich keine Lust hatte, genau das zu werden, was mein Vater war. Aber entgegen meinen ursprünglichen Befürchtungen wurden es schöne Lehrjahre. Der Meister machte mir mit seinen Sprüchen Mut und meinte immer: »Mensch, Andreas, du stellst dich gar nicht so blöd an, wie ich dachte.« Ironischerweise brachte mich später ausgerechnet dieser, eigentlich von mir anfangs völlig ungewollte Beruf später zur Feuerwehr. Denn ich hatte auch keinen Onkel, Opa oder andere Verwandte, die mit Blaulicht auf dem roten Leiterwagen durch die Großstadt von einem Brand zum anderen rasten, wie bei einigen meiner Kollegen, wo der Beruf quasi als Familientradition gepflegt wurde und einer der Jungs immer dort landete.

Seit Generationen lebt meine Familie mütterlicherseits in Lichtenberg zwischen dem S-Bahnhof Nöldnerplatz und dem heutigen Regionalbahnhof Lichtenberg. Schon meine Urgroßeltern betrieben in der Türschmidtstraße eine Rossschlächterei. Die Großeltern hatten in diesem Kiez eine Brauerei in der Wartenbergstraße. Dort in der Fabrik lebte fast die gesamte Familie unter einem Dach: Omas Eltern, Onkel, Tante, Cousins und Cousinen – alle Tür an Tür. Die familieneigene Brauerei wurde Anfang der sechziger Jahre zwangsverstaatlicht. Ob das einer der Gründe dafür war, dass mein Großvater am Tag vor meiner Geburt plötzlich verstarb, vermag ich nicht zu sagen. Sein Tod löste wohl bei meiner Mutter die Wehen aus, und einen Tag später war ich auf der Welt.

Geboren wurde ich genau am zwanzigsten Geburtstag der DDR. Am 7. Oktober 1969 erblickte ich frühmorgens im Oskar-Ziethen-Krankenhaus das Licht der Welt. Die Geburtsklinik befindet sich unweit der Frankfurter Allee, die meine Eltern noch als Stalinallee kannten. Den ersten drei in der neuen Frauenklinik geborenen Kindern, eins davon war ich, wurde eine besondere Ehre zuteil. Unsere Väter wurden mit Blaulicht in ein Fernsehstudio nach Adlershof gefahren, wo sie in einer Live-Sendung, anhand von riesigen Fotos, raten mussten, welches dieser kleinen Würmchen zu ihnen gehörte. Mein Vater lag richtig.

Meinem Geburtstermin habe ich es zu verdanken, dass sowohl der DDR-Fernsehfunk als auch die ostdeutsche Sängerin und Moderatorin Dagmar Frederic zu meinen Ehrenpaten wurden. Ob Dagmar Elke Schulz, so ihr Mädchenname, die seit 1967 im Friedrichstadtpalast mit Musicalmelodien bekannt wurde, überhaupt weiß, dass ich, Andi »Asche«, ihr Patenkind bin, wage ich jedoch zu bezweifeln. Gesehen habe ich die »Valente des Ostens« später einige Male in ihrem jetzigen Wohnort Woltersdorf, wo ich für gut drei Jahre eine Polsterei betrieb. Doch auf die Patenschaft angesprochen habe ich sie nie. Aber meinen Eltern hat meine Geburt immerhin 600 Ostmark, eine Flasche des damals raren Rotkäppchen-Sekts sowie eine Babyerstausstattung eingebracht. Das Geld in Form eines Sparbuches war für damalige Verhältnisse kein geringer Betrag, musste doch eine Verkäuferin im Ostberlin jener Jahre mehr als einen Monat hart dafür arbeiten, und Vater konnte mit Mutter, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, zur besseren Milchbildung ein Glas perlenden Sekt trinken.

Geschwister bekam ich leider keine mehr. Seit der freien Verfügbarkeit der Antibabypille gab es im Osten einen rasanten Geburtenknick, und so blieb ich ein Einzelkind. Meine Mutter arbeitete vor und nach meiner Geburt als Verkäuferin bei der HO in einem Laden für Kinderklamotten, der sich »Meister Nadelöhr« – nach einer bekannten Figur des ostdeutschen Kinderfernsehens – nannte. Den Laden gibt es schon lange nicht mehr. Gleich nach dem Mauerfall hat ihn die Dresdner Bank übernommen, inklusive meiner Mutter. Nach einer Umschulung saß sie dort noch einige Jahre hinterm Kassenschalter. Das sah für mich immer sehr eigenartig aus: erst verteilte sie Jeans, dann Geld ...

Teile unserer Familie stammen ursprünglich vom Land, genauer aus der Gegend um Oldenburg. »Alles maulfaule Bauern«, sagte meine Mutter immer. Manches Mal kommen auch bei mir die norddeutschen Bauerngene durch, vor allem in meinem Leben nach der Feuerwehrzeit. Hier hat sich etwas vererbt: Ich habe einen kleinen Hof, mit Pferden, ein paar Schweinen, Enten, Hühnern und einem Traktor.

Nach meiner Geburt blieb Mutter ein paar Jahre zu Hause. Ich war also kein Krippenkind. Das war im Osten eher die Ausnahme. Aber mein Vater verdiente als Polsterer sehr gut – so wie alle Handwerker in der DDR. Wenn er am Wochenende auf privater Basis für Kunden arbeitete, nahm er mehr ein als in der ganzen Woche von Montag bis Freitag. Er war als Angestellter bei einem kleinen Meisterbetrieb mit vier, fünf Mitarbeitern tätig und fing schon frühmorgens um fünf Uhr an zu arbeiten. Dafür war er gegen vier Uhr nachmittags zu Hause. Meine Mutter hingegen hatte oft Schichtdienst, so dass Oma häufig auf mich aufpassen musste. Dann folgte das ganze DDR-Programm: Kindergarten, Polytechnische Oberschule (POS) und die Lehre.

Mit knapp sieben Jahren, also 1976, wurde ich in die POS »Max Linger« eingeschult, die ich zehn Jahre später mit einem durchschnittlichen Zeugnis verließ. Die Schule verlief so lala: schwach angefangen – stark nachgelassen, abgeschlossen mit einer Drei im Durchschnitt, der Eins des kleinen Mannes. Laut der Beurteilung im Abschlusszeugnis lag es wohl nicht an meinem Wissen, sondern mehr am Fleiß. »Zum Glück nur faul«, meinte mein Vater damals. In der Beurteilung wurde mir zwar »kameradschaftliches Verhalten« sowie »Sachlichkeit« bescheinigt, aber es war da eben auch zu lesen: »Andreas hätte jedoch mit mehr Engagement einen größeren Beitrag zur Kollektiventwicklung leisten können«.

Als ich den Gesellenbrief für den Beruf des Polsterers in den Händen hielt, wechselte ich den Betrieb. Schließlich wollte ich nicht der ewige Lehrling bleiben. Doch in der kleinen privaten Firma mit dem neuen Meister wurde ich einfach nicht warm. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war eine Klappcouch, die neu bezogen werden sollte. Nachdem ich damit fertig war, erfüllte sie ausgerechnet die Klappfunktion nicht mehr. Ich hatte sie »versaut«, wie der Meister sich unmissverständlich ausdrückte. Es war also für beide Seiten besser, getrennte Wege zu gehen ...

Ich wollte nun in einem größeren Unternehmen arbeiten, mit mehr Kollegen, wo die Arbeit auch Spaß machte. Das war damals nur in einem VEB zu haben, also in einem volkseigenen Betrieb mit vielen Angestellten. Diese Firma fand ich im VEB Parat mit Sitz im Prenzlauer Berg. Dort bauten wir Couchen für den Westexport. Neckermann und Quelle waren Hauptkunden. VEB Parat zahlte nach Leistung, und wir konnten monatlich zwischen 800 und 1200 Ostmark verdienen. Unser relativ junges Kollektiv lag damals regelmäßig bei 900 Mark. Vermutlich wollten wir unsere Kräfte nicht zu früh vergeuden ...

Privat lief es auch gut. Bereits während der Lehre, ich war siebzehn, lernte ich in der Diskothek »Kalinka« ein hübsches Mädchen kennen, die später meine erste Frau werden sollte. Ihre Eltern arbeiteten im Ausland, und wir zogen schon wenige Wochen, nachdem wir uns kennengelernt hatten, in deren leerstehende Wohnung im Prenzlauer Berg. Ein Jahr später bekamen wir unsere erste gemeinsame Wohnung in Treptow: ein Zimmer, Küche, Bad, 3. Stock Hinterhaus, 35 Mark Miete. Meine Freundin arbeitete im Rathaus Treptow als Sekretärin und verdiente 600 Mark im Monat. Meine 900 Mark aus dem VEB dazuaddiert sowie noch etwas nebenbei gearbeitet, das war ein finanziell sorgloses Leben.

Dann kam der 9. November 1989. Die Nacht der Maueröffnung habe ich glatt verpennt. Am nächsten Tag, einem Freitag, fuhr ich ganz normal zur Arbeit. Dort zog ich mich wie gewöhnlich um, schlenderte in aller Ruhe zu meinem Arbeitsplatz, und was sehe ich dort? Einen Herrn im Anzug mit Krawatte aus der Zentrale, der mit einer Stoppuhr in der Hand die Norm abnehmen wollte. Als sich dann aber wie ein Lauffeuer herumsprach, dass die Berliner Mauer offen ist, und weil niemand wusste, wie lange das so bleibt, gab es kein Halten mehr. Die Stoppuhr und die Norm waren uns an diesem 10. November völlig egal. Fast die gesamte Belegschaft machte sich auf nach Westberlin, weil in der Nacht zuvor Schabowski (»unverzüglich, nach meinem Wissen sofort«) die Mauer unbeabsichtigt zum Einsturz gebracht hatte. Wir dachten damals: Wer weiß, vielleicht hatte sich nur irgendeiner der DDR-Staatsoberen geirrt, und morgen fällt die Tür wieder ins Schloss, und die Mauer bleibt weiter unüberwindbar. Also ließen wir die Couchen stehen und liefen zum Grenzübergang Bornholmer Straße.

Als wir drüben waren, ging es direkt zum Kurfürstendamm. Unser Normenkontrolleur stand nun einsam und allein im VEB mit seiner Uhr vor halbbezogenen Sofas für Neckermann und Co. Ob er es sich auch noch überlegte, seine Uhr einsteckte, die Krawatte ablegte, um auch mal Westluft zu schnuppern, ist mir nicht bekannt. Fakt ist: An diesem Tag hatten wir unsere Norm komplett untererfüllt ...

Westberlin war toll. Wir wussten gar nicht, wohin zuerst. Ob in Diskotheken, Klamottenläden oder Cafés. Wir feierten ausgiebig von Freitag bis Sonntag. Gewundert haben wir uns nur über die langen Schlangen vor Sparkassen und Banken und erst später realisiert, dass es dort als Geschenk die ersten 100 DM für jeden Ossi gab.

Mir war schnell klar, wenn man den damals noch teilweise gängigen Umtauschkurs von einer D-Mark zu zehn Ostmark zugrunde legte, verdiente ich in meinem VEB so wenig Ostmark, dass ich selbst für das Kistenausräumen bei ALDI mehr in der Woche erhalten würde. Ein entfernter Verwandter hatte in Schöneberg eine gutflorierende Polsterei. Obwohl ich keine Lust mehr hatte, als Polsterer zu arbeiten, wurde mir vor der anstehenden deutschen Wiedervereinigung schon klar, dass es besser ist, in meinem erlernten Beruf weiterzumachen, als irgendwo als Ungelernter neu zu beginnen. Also kündigte ich am nächsten Tag beim VEB Parat und fuhr wieder rüber nach Westberlin. Dort meldete ich mich im Auffanglager Marienfelde. Aber mit dieser Idee war ich nicht der Einzige, ich kam dort mit vielen Hunderten Ostberlinern an. Der DDR-Ausweis wurde ungültig gestempelt und sofort ein bundesdeutscher Ersatzausweis ausgestellt. Außerdem erhielt jeder noch einmal 150 DM Willkommensgeld, das meine Frau, ohne zu zögern, in Kosmetika anlegte.

Ich sollte erst nach Niedersachsen ausgeflogen werden, weil es einfach zu viele Menschen für den Westberliner Arbeitsmarkt waren. Aber schließlich konnte ich bleiben, denn ich hatte ja einen Onkel in Schöneberg ...

Onkel Volker hatte also ab sofort einen neuen Mitarbeiter: Ost-Andi. Die Arbeit bei ihm machte Spaß. Wir hatten gut zu tun, und die Kollegen in der Polsterei waren nett. Mein Wochenlohn betrug 400 DM.

Neben meinem Onkel Volker und »West-Andi«, der genauso alt war wie ich, gab es dort auch Mosi, einen Lockenkopf Mitte vierzig. Mosi war nicht sehr groß, stets braungebrannt, mit dicker Goldkette um