Lorenz S. Beckhardt

Der Jude mit dem Hakenkreuz

Meine deutsche Familie

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Inhaltsübersicht

Brit Mila

I

Die Rückkehr

Ein fortgesetzter Boykott

Hände an die Hosennaht

Juden an die Front!

II

Da geht noch was

Lina

Wer hat Angst vorm braunen Mann?

Jüdische Nazis

III

Untertauchen im Häusermeer

»Männer, auf die wir stolz sind«

Der Juddebembes singt ein Hitlerjugendlied

Der Sinn von Pessach

Oliver Twist

The Sheffield Blitz

IV

Buchenwald

Weglegen Eins

Friendly Enemy Aliens

Weglegen Zwei

Zu den »Gunners«

V

»In Wiesbaden sehr bekannter Fall«

Die SA trägt wieder Zivil

Wiederjudmachung

VI

Liebe

Das Wohnzimmer der Antifaschisten

Weglegen Drei

VII

Du bist doch Jude!

Juden zu Besuch

Hebräisch für Aufsteiger

VII

Die »Arier« sterben aus

Anhang

Glossar

Literatur

Bildnachweis

Dank

Informationen zum Buch

Über Lorenz S. Beckhardt

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für

Franziska und Abraham Beckhardt,

Johanna und Emil Neumann,

Paula und Rudolf Boldes und die anderen

Mein Judenthum war mir gleichgiltig,

sagen wir: es lag unter der Schwelle meines Bewusstseins.

Aber wie der Antisemitismus

die flauen, feigen und streberischen Juden zum Christenthum hinüberdrückt,

so hat er aus mir mein Judenthum gewaltig hervorgepresst.

Theodor Herzl

Brit Mila

Es schmerzt, aber es fühlt sich gut an. Ein kleiner Raum, vier Menschen sehen mich an. Ich verharre bewegungslos auf einer Liege. Langsam hebt sich mein Kopf. Ich liege in einem weiß gekalkten Behandlungszimmer. Die ersten Minuten eines Neugeborenen. Die vier liegen sich in den Armen. Ihr Lachen und Weinen kreist um mich wie ein auf- und abschwellender Geräuschteppich. Mein Vater, klein, alt und noch immer nicht ergraut, strahlt wie ein beschenkter Lausbub und hält den Mohel, leicht untersetzt, Brille, dunkler Vollbart, an seine Brust gedrückt. Ulrike, meine Frau, schlank, schön und verheult, schlingt schwer atmend ihre Arme um die Frau des Mohel, und ihre Tränen hinterlassen Wasserflecken auf deren weißer Bluse.

Ich liege bewegungslos auf einem Operationstisch, hefte meinen Blick mal an die Decke, mal auf Ulrikes Gesicht, halte ihre Hand fest umklammert. Nervös warte ich auf den Schmerz, doch er kommt nicht. Eine Spritze sticht unter die Haut, dann tritt Stille ein, und ich höre, wie der Mohel mein Fleisch schneidet, ein Geräusch, wie wenn man schweren Filz mit einer Schere durchtrennt. Er zieht die Adern heraus, aus denen mein Blut sickert, bindet sie zu und vernäht die Wunde mit acht Fäden.

Mein Vater ist achtzig Jahre alt, und zum ersten Mal in meinem Leben sitzt er wie ein Jude vor mir. Er trägt eine blaue Kippa mit hellem gemusterten Rand, und von einem Holzstuhl an der Wand aus beobachtet er das Ritual mit wachen Augen. Der Stuhl neben ihm ist mit einer gehäkelten Decke verziert. Hier soll, wenn er denn kommt, als ein weiterer Zeuge der Prophet Eliyahu sitzen, der Vorbote des Messias. Der Mohel trägt eine Kippa aus blauem Samt, auf der goldene Sterne funkeln. Er beginnt die Zeremonie, indem er seine Hand auf mein Bein legt: »Baruch ata Adonai, Eloheinu, Melech ha Olam, ascher kidschanu be Mitzwotaw we ziwanu al ha Mila – Gelobt seiest Du Herr, unser Gott, König der Welt, der Du uns durch Deine Gebote geheiligt und uns die Beschneidung befohlen hast.«

Mein Vater erhebt sich und antwortet: »Baruch ata Adonai, Eloheinu, Melech ha Olam, ascher kidschanu be Mitzwotaw we ziwanu lehachnisso be Brito schel Awraham avinu – Gelobt seiest Du Herr, unser Gott, König der Welt, der Du uns durch Deine Gebote geheiligt hast und uns befohlen hast, ihn in den Bund unseres Vaters Abraham aufzunehmen.«

»So, wir sind fertig«, der Mohel reibt seine Handflächen gegeneinander. Mein Puls schlägt ruhiger. Das Blut strömt zurück in meine Glieder. Nachdem uns der Mohel vor der Zeremonie den Eingriff medizinisch erläutert hat, offenbart er mir beiläufig und ahnungslos ein Geheimnis, als er meinen Vater nach dessen jüdischem Vornamen fragt, den er in die Urkunde eintragen will, die die rituell korrekt durchgeführte Beschneidung dokumentiert. Einen jüdischen Vornamen braucht, wer in der Synagoge aufgerufen wird, aus der Tora zu lesen, aber Kurt, da bin ich mir sicher, hat nie in der Bibel gelesen. Kurt hat keinen jüdischen Namen.

Ihre jüdischen Vornamen hielten die Juden seit dem Mittelalter vor der christlichen Welt verborgen. In unserer Familie werden sie seit drei Generationen nicht mehr vergeben. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und kenne die Namen meines Vaters. Der Mohel hält den Füllfederhalter schwebend über dem Formular und sieht meinen Vater über den Brillenrand fragend an.

»Yehuda ben Joseph«, antwortet Kurt. Erstaunt sehe ich meinen Vater an. Yehuda, Sohn des Joseph. Wenn Kurt einen jüdischen Namen trägt, dann besaß auch Fritz einen solchen, den er sicher weder gemocht noch je benutzt hat. Mein Großvater, der »Jude mit dem Hakenkreuz«, hat demnach – wie es die rabbinische Tradition fordert – am achten Tag nach seiner Geburt den Namen »Joseph Ben Abraham« erhalten.

Ich selbst erhielt das Zeichen des Bundes, den der Ewige mit Abraham und seinen Nachkommen schloss, am 28. Aw des Jahres 5767, und mein Name ist Schlomo.

Schlomo ben Yehuda.

I

Die Rückkehr

Dass der Krieg längst vorbei war, konnte man in Sonnenberg riechen. Ein wunderbarer, die Nase erfüllender Kaffeeduft verbreitete sich, überdeckte die milde Herbstluft eines sonnigen Oktobertages und strömte durch alle Gassen, bis es schließlich das ganze Dorf roch: Fritz Beckhardt war wieder da. Mein Großvater hatte als Erstes den Kaffeeröster angeheizt, der unübersehbar seit 1926 das ganze rechte Schaufenster seines Ladens füllte. Da stand er in einem weißen Kittel und blickte konzentriert auf das runde Sichtfenster in der von einer Gasflamme erhitzten Trommel, in der die Kaffeebohnen durch eine Schaufel unablässig gerührt wurden. Er beobachtete die allmähliche Verfärbung der Kaffeebohnen und entnahm gegen Ende der Röstung in immer kürzeren Abständen kleine heiße Probemengen, um bloß nicht den Moment zu verpassen, in dem die Bohnen das richtige Braun und der Kaffee damit das gewünschte Aroma hatten. Kaffee rösten, das konnte nur er im Dorf, das war schon immer eine seiner großen Leidenschaften gewesen, die ihm zudem einen Vorsprung vor den Konkurrenten verschaffte.

Brasil Santos hieß die Kaffeesorte, die Fritz am häufigsten verwandte. Sie war das Rückgrat seiner Mischungen, der milden, der würzigen, der magenschonenden oder der preiswerten Haushaltsmischung. Der grüne Rohkaffee lagerte in großen Säcken im Zoll in Biebrich, in einem Wiesbadener Vorort direkt am Rhein. Von dort hatte Kurt, mein Vater, am Tag zuvor nur wenige Kilogramm geholt, denn Kaffee war 1950 ein Luxusgut, auf dem neben dem Einfuhrzoll auch noch hohe Steuern lagen und den sich folglich nur wenige Kunden leisten konnten.

Bis 1933 war das eigenhändige Mischen und Rösten von Kaffee für Fritz noch ein gewinnbringendes Geschäft gewesen. Er verkaufte den Kaffee nicht nur im eigenen Laden, sondern belieferte auch zahlreiche Gaststätten in der Umgebung. Doch 16 Jahre später kauften die Sonnenberger das braune Luxuspulver nur fünfziggrammweise, wenn überhaupt.

An jenem Herbsttag des Jahres 1950 stand Fritz in seinem Schaufenster, röstete Kaffee und wartete auf Kundschaft, aber niemand kam. Es war der Tag der Wiedereröffnung des Geschäfts, das Fritz im Februar 1934 nach einem vernichtenden Boykott der örtlichen Bevölkerung hatte schließen müssen. Mit einem altmodischen Vervielfältigungsapparat hatten er und Kurt am Vortag stundenlang Flugblätter hergestellt. Die Preise der Waren hatten sie von Hand in eine Wachsmatrize gekratzt, diese in einen rechteckigen Kasten gelegt, in dessen Deckelklappe ein Tuch eingespannt war. Zwischen Matrize und Tuch wurde ein Blatt Papier gelegt, das Tuch wurde heruntergedrückt und mit schwarzer Farbe bestrichen. So hatten sie jedes Flugblatt einzeln gedruckt, und Kurt hatte sie danach bis zur hereinbrechenden Dunkelheit im Dorf verteilt. Mehr Werbung war nicht drin, zu mehr reichte das Geld nicht. Als Fritz am nächsten Morgen das Geschäft aufschloss, war er noch guter Dinge, und Kurt lief an seinem ersten Tag als Juniorchef eines, wie er vom Hörensagen wusste, einstmals erfolgreichen Unternehmens nervös hinter der Theke auf und ab.

Das Innere des Ladens hatte sich nicht verändert, seit Karl Pfeiffer das Geschäft übernommen hatte. Der Nazi hatte keinen Pfennig in eine neue Ausstattung investiert, als hätte er geahnt, dass der Jude überleben und zurückkommen werde. Den Kaffeeröster, den Pfeiffer nicht bedienen konnte, hatte er im Schaufenster verstauben lassen. Die Eingangstür aus Glas mit braunem Holzrahmen stammte noch von 1898. Das zweite Schaufenster links vom Eingang zeigte Stoffe und Textilien, denn die Firma existierte seit mehr als hundert Jahren als Gemischtwarenhandlung. An den Wänden des Verkaufsraums standen deckenhohe Regale voller Textilien und aufeinandergeschichteter Stoffballen.

An der Stirnseite befanden sich Schränke mit Schubladen für Lebensmittel. Weiße Emailschilder verrieten, ob sich Weizen- oder Roggenmehl, Zucker, Kaffee, Tee, Reis, Nudeln oder Hülsenfrüchte darin befanden. Ein Speiseölbehälter aus Zink, mit einem gläsernen Abfüllstutzen, der auf einen ganzen, einen halben und einen viertel Liter geeicht war, hing an der Wand. Ringsum lief eine schwere Eichentheke, vor der die Kunden üblicherweise auf Bedienung warteten. Die Luft im Raum war trocken, und wenn Fritz nicht gerade Kaffee röstete, roch es nach Staub und Mottenpulver. Pausenlos brannten ein paar Glühbirnen, denn es drang nur wenig Tageslicht durch die vollgestellten Fenster.

Fritz blickte hinaus auf die Straße. Pfeiffer hatte, als absehbar war, dass er das Haus und das Geschäft zurückgeben müsse, auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Schuppen angemietet und seine Waren hinübergetragen. Es war ein ebenerdiger Verschlag mit einer Fläche von etwa drei mal sechs Metern, dessen Außenwände zur Hälfte aus Backsteinen und darüber aus Holz waren.

Abends beleuchtete eine schummrige Gaslaterne die Straße, die kleinen Fenster mit den spärlichen Auslagen und die klapprige Holztür. Vor dem Verschlag war ein Gemüsegarten mit grünen Latten eingezäunt, hinter dem der Rambach vom Taunus herab Richtung Wiesbaden floss. Bis auf die Gaslaterne, die mittlerweile durch eine elektrische ersetzt war, sah ich diese Straßenszene während meiner Kindheit, wenn ich aus dem Fenster blickte.

Ein paar Kunden näherten sich Pfeiffers Schuppen, blieben auf dem Trottoir stehen und blickten herüber. »Alte Kameraden«, murmelte Fritz und zuckte mit den Schultern. Dann hob er die Thekenplatte hoch und verschwand im hinteren Lagerraum, in dem Fässer mit Essig, Speiseöl und Heringen standen, daneben Kisten mit Waschmitteln, Säcke mit Erbsen, Linsen und Graupen. In einem Innenhof zum Nachbarhaus, in dem bis 1934 Fritz’ Schwiegereltern gewohnt hatten, stand ein Metallfass mit Handpumpe, in dem sich Petroleum für Lampen befand.

Kurt war jetzt allein und unbeobachtet im Verkaufsraum und begann an der Registrierkasse Marke »National« und der schweren »Toledo«-Waage zu hantieren, denn deren Benutzung war ihm fremd. Er hatte noch nie im Leben irgendetwas verkauft und fühlte sich unwohl in seinem gestärkten weißen Kittel. Gegen Mittag betrat meine Großmutter Rosa Emma den Laden und rief den Sohn zum Essen. Kauend und schweigend, erinnert Kurt, saßen die Eltern ihm gegenüber. »Für meinen Vater war es ein Schock, denn er hatte fest mit seiner alten Kundschaft gerechnet«, erzählt Kurt. »Er hat geglaubt, er sei hier willkommen.«

In den ersten 20 Jahren meines Lebens existiert er für mich nicht. Ich kenne nur ein einziges Foto von Fritz, das in einem Rahmen auf der eichenfurnierten Kommode in Rosa Emmas Wohnzimmer steht. Neben dem Bild stehen ein bunter Papagei aus Porzellan und ein hölzerner Storch, dessen Farbe stark abgeblättert ist. Der Storch hat eine hohle Brust, in der eine silberne Taschenuhr steckt. Storch, Papagei, Uhr – das sind die Überbleibsel von Rosa Emmas Eltern Emil und Hannchen Neumann.

Rosa Emma Beckhardt, geborene Neumann, ist eine Dulderin. Nur so hat sie neben Fritz überleben können. Hat sein unerschütterliches Selbstbewusstsein ertragen, seinen eisernen Willen, der keinen Widerspruch duldete, seinen bisweilen wolkenbruchartigen Zorn.

Werktags esse ich mit ihr das Abendbrot, während meine Eltern noch im Laden stehen. Rosa Emma spricht nicht viel, weder mit den Kunden, wenn sie an der Registrierkasse im Laden sitzt, noch mit uns. Nie erfahren wir, ob das Leben mit Fritz noch Teil ihrer Gedanken ist.

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Fritz

Ich ahne auch nicht, dass sich in der Kommode, vor der ich allabendlich mit Rosa Emma beim Fernsehen sitze, eine wertvolle Schatulle befindet, in der sich, auf blauen Samt gesteckt, die höchsten Orden des deutschen Kaiserreiches verbergen. 50 Jahre nach Fritz’ Tod schreiben mir ältere Herren euphorische Briefe. Ich habe die Medaillen einer Handvoll Experten aus der Sammlerszene für Orden und Ehrenzeichen gezeigt. Fritz sei einer »der höchst dekorierten Mannschaftsdienstgrade im 1. Weltkrieg« gewesen, schreiben sie. Als Unteroffizier habe er die »höchste Tapferkeitsauszeichnung« erhalten, die dem »Pour le Mérite mit Eichenlaub« der Offiziere entspräche.

Was die Herren begeistert, ist ein Eisernes Kreuz mit einem Lorbeerkranz, goldenen Schwertern und einem Preußenadler, das die Inschrift »Vom Fels zum Meer« trägt. 1936 erscheint eine Liste der Träger des »Inhaberkreuzes«, auf der die Namen zweier Juden fehlen: Edmund Nathanael und Fritz Beckhardt. Die Nazis stuften den Orden damals als »höchste Kriegsauszeichnung« ein. Vor den Inhabern, die einen monatlichen Ehrensold von 20 Reichsmark erhalten sollten, hatte »jeder Posten der Wehrmacht durch Präsentieren des Gewehrs die Ehrenbezeugung zu erweisen«. Das Bild gefällt mir. Ich sehe Fritz, wie er im Morgengrauen durch das Konzentrationslager zum Steinbruch marschiert, die Brust vorgereckt, den Spaten über der Schulter. Am Wegrand steht die Postenreihe der SS und präsentiert das Gewehr.

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»Kreuz der Inhaber des königlichen Hausordens der Hohenzollern mit Schwertern«, eine Auszeichnung, die im Ersten Weltkrieg nur 18-mal vergeben wurde.

War Fritz ein Nazi? Diese Frage hätte ich mir stellen müssen, hätte ich seine Schatulle früher gefunden, denn in ihr verbarg sich ein geheimnisvolles Medaillon, das ich den Herren nicht zeigte, ein silbernes Stück mit einem Durchmesser von kaum zwei Zentimetern. Als ich es Jahrzehnte später zwischen den Fingern drehe, fühle ich, dass ich den Schlüssel zu Fritz’ Leben in der Hand halte.

Fritz hat das Medaillon ein einziges Mal erwähnt, als er im August 1933 für den Schild, die Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, einen Bericht über seine Kriegserlebnisse schrieb. Er nannte es: »dieser kleine Talisman«. Den Bericht kannte ich lange nicht, und so kam ich erst spät hinter das Geheimnis des verstörenden Medaillons.

Angelockt von einem Schaufenster voller Bücher mit deutschen Titeln, betrete ich in den 1980er Jahren das Antiquariat Pollak in der King George Straße in Tel Aviv. Es ist ein kleiner Laden mit übervollen Regalen. Auf dem Boden und auf Tischen haben sich aus Bücherstapeln Bücherberge und aus Bücherbergen Büchergebirge gebildet. Hinter einem eingestürzten Bücherberg sitzt ein Männlein, so klein, grau und verknittert, wie ich mir Rumpelstilzchen vorstelle. Rumpelstilzchen spricht ein akzentfreies Deutsch und erzählt mir, dass die Bücher in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts von deutschen Juden nach Palästina gebracht wurden. Nun brächten die der deutschen Sprache nicht mächtigen Enkel die Bücher zu Pollak und machten sie zu Geld.

Ich beginne mit Rumpelstilzchen über Israel und Deutschland zu plaudern, über die Geschichte unserer Familien, und ich berichte das wenige, das ich über Fritz weiß, bis er mich durch eine Armbewegung unterbricht und im hinteren Teil des Ladens in einer von Bücherbergen gesäumten Schlucht verschwindet. Zurück kehrt er mit einem Buch, auf dessen Titelbild Fritz in einem Kampfflugzeug aus dem Ersten Weltkrieg sitzt. Auf Seite 49 ist das rätselhafte Medaillon erwähnt. Der Autor nennt es »das Hakenkreuz des Juden Beckhardt«.

Über sich selbst sprach Rosa Emma nie. Nichts in ihrem Leben schien Bedeutung gehabt zu haben. Sie konnte einen Raum betreten und dabei unsichtbar bleiben, getarnt durch einen geblümten Kittel, den sie wie eine zweite Haut trug. Im Kittel saß sie hinter der Kasse des Ladens, schlich sie durchs Haus, kaute sie neben mir ihr Abendbrot. Ihre noch im hohen Alter schwarzen Haare trug sie in einem Netz verschnürt. Aus ihrem Gesicht stach zwischen großen braunen Augen und einem schmallippigen Mund eine mächtige knöcherne Nase hervor.

Eine Nase, an die ich mich stets erinnere, wenn ich antisemitische Zeichnungen sehe, denn sie hatte die Form, die karikierte Juden trugen, mit denen der Stürmer seine Geschichten illustrierte. Rosa Emma, so viel ahne ich, wird ihre Nase nicht gemocht haben, denn an ihr konnte jeder tumbe Judenhasser die Jüdin »erkennen«. Ich allerdings erkannte die Jüdin ebenso wenig wie ich einen Juden entdeckte, wenn ich in den Spiegel sah.

Wie sie selbst, so war auch Rosa Emmas Abendbrot von großer Schlichtheit. Dabei hätte sie sich großzügig in unserem Laden bedienen und Lachs, Roquefort und Gänseleberpastete auftischen können, dazu Rheingauer Riesling und für mich Limonade. Doch auf dem Tisch stand ein Korb mit abgepacktem Graubrot, eine Dose Ölsardinen, Margarine, eine Kanne Tee und das »Wutzje«.

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Rosa Emma, 1980

Ein »Wutzje« ist im hessischen Idiom ein Ferkel. Bei Rosa Emma jedoch war es das Teesieb, das stets neben der Teekanne in einer Plastikschale lag. Den Ursprung der Bezeichnung kenne ich nicht, aber das Wort trage ich seither mit mir herum. Sie hat es mir vererbt. Vermutlich stammt »Wutzje« aus dem sprachlichen Nachlass ihrer Eltern, vermutlich gehört es zu dem wenigen, was sie Rosa Emma hinterließen. Die Fotos der bescheidenen Alten hingen neben dem von Fritz an der Wand. Meine Urgroßmutter Johanna Neumann, genannt Hannchen, pausbäckig, die grauen Haare aus der Stirn gekämmt, dunkle Augen, eine fleischige Nase und ein sinnlicher Mund. Hannchen war mit sich und der Welt zufrieden, als das Foto Mitte der 1920er Jahre entstand. Ihr Mann Emil wirkte mit der hohen Stirn, der Nickelbrille und dem weißen Vollbart wie das Klischee des Rabbiners, der bei jeder Gelegenheit einen Witz zum Besten gibt. »Er war eine Seele von Mensch«, erinnert Kurt den Großvater, »voller Wärme und Zärtlichkeit«.

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Johanna Neumann, genannt Hannchen

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Emil Neumann

Von meinen Urgroßeltern kannte ich als Kind nicht einmal die Namen. Auch über sie fiel nie ein Wort. Dass sie lange tot waren, schien mir nicht ungewöhnlich. Hätte ich nach ihnen fragen sollen? Worte wie »Theresienstadt« und »Treblinka« hätte Rosa Emma ohnehin nie in den Mund genommen, da sie fürchtete, sie könne uns mit ihnen verletzen.

Auch Kurt sprach weder über die Großeltern noch über den Vater. Von Fritz kannte ich außer der einen Fotografie nur die Geschichte vom alten Mann, der mich weinend in den Armen hielt, als der Tod für ihn nur noch eine Frage von Tagen war. Obwohl ich der dritte männliche Enkel war, hatte er in mir den Stammhalter gesehen. Meine Cousins trugen nicht seinen Namen, und sie waren Engländer. Fritz achtete die Engländer, aber er mochte sie nicht. Mit welchem Gefühl ging er, als er kurz nach meiner Geburt starb? Wagte er sich einzugestehen, dass das Deutschland, von dem er ein Leben lang geträumt hatte, ein Albtraum war? Oder schämte er sich, weil er an der Heimat gescheitert war? Der Vater totgeschlagen, die Schwester, der Schwager, die Schwiegereltern verschleppt nach Auschwitz, Treblinka und Theresienstadt. Mit Gewalt verdrängte er das, er, der den Ersten Weltkrieg und das KZ überstanden, Hitler, den dreckigen Melder aus dem Schützengraben, und Göring, den ehrgeizigen Geschwaderkameraden, überlebt hatte. Mit dem Selbstbild als Opfer konnte Fritz nicht leben. Selbst die Nazis hatten seine Kämpfernatur nicht gebrochen. Das vermochte erst die Wiedergutmachungsbürokratie der Bundesrepublik Deutschland.

Ein fortgesetzter Boykott

Am 27. August 1814 spazierte Johann Wolfgang von Goethe, der gerne und häufig in Wiesbaden weilte, durch den Kurpark am alten Wiesbadener Kurhaus vorbei und weiter nach Sonnenberg. Er wollte »in der Nähe eines alten Schlosses« den Vorabend seines 65. Geburtstages feiern. Es darf angenommen werden, dass Goethe Sonnenberg genauso erlebte, wie es ein Jahrhundert später der Wiesbadener Kur- und Verkehrsverein beschrieb: »Bei einem vorspringenden Bergrücken eröffnet sich überraschend der Ausblick auf einen Talkessel, aus dessen Mitte ein Fels mit der Ruine Sonnenberg aufragt. Drunten liegt das Örtchen mit seinen roten Dächern und seinen rauchenden Schornsteinen. Der Fremde ist erstaunt, in nächster Nähe der modernen Weltkurstadt ein so malerisches Stück Mittelalter zu finden.«

Das »alte Schloss« war die Burg Sonnenberg, zu deren Füßen sich just zu der Zeit, als Goethe den Ort besuchte, eine Handvoll Sonnenberger Juden eine Existenz aufbaute. Der erste von ihnen, der mir in den Archiven begegnet, war der Schreiner und Glaser Nathan, der Anfang des 16. Jahrhunderts beim Bau des Wiesbadener Schlosses mitgearbeitet hatte. In den folgenden 200 Jahren scheint es keine Juden in Sonnenberg gegeben zu haben, denn 1756 richtete die Gemeinde ein Gesuch an den Nassauer Herzog, den einst blühenden Jahrmarkt wieder einzuführen. Die Sonnenberger beklagten sich, dass »Juden und Viehhändler« den Ort »seither nicht besucht« hätten, weshalb sie der Obrigkeit vorschlugen, man möge die Juden vom Leibzoll befreien, einer Abgabe, die immer dann fällig wurde, wenn ein Jude oder ein Stück Vieh die Grenze einer Gemarkung passierte. Die Sonnenberger verfielen gar auf die Idee, die Obrigkeit solle den Juden den Besuch des Marktes befehlen. Im Jahre 1806 schließlich wurde der Leibzoll für Juden im Herzogtum Nassau abgeschafft.

Bald darauf ließ sich der verwitwete Eisen- und Ellenwarenhändler Moses Abraham, »Sohn des Abraham Moses, Handelsmann in Bierstadt, und der Salome Samuel« aus dem benachbarten Bierstadt, in Sonnenberg nieder und zog in das Haus seiner zweiten Frau, das der Burgmauer gegenüber lag. Bevor er umziehen konnte, musste er als sogenannter Schutzjude seinen Landesherrn um Erlaubnis bitten. Der neue Wohnort Sonnenberg wurde in seinen Schutzbrief eingetragen, ferner hatte er ein Schutzgeld zu zahlen, eine Sondersteuer nur für Juden, die ihm erlaubte, in Sonnenberg zu leben und zu arbeiten.

Am 24. September 1829 beantragte der 33-jährige Moses für sich und Jacob, seinen Sohn aus erster Ehe, den Umzug nach Sonnenberg und die Erlaubnis, die vier Jahre ältere Bräunle Samuel zu heiraten. Das Gesuch wurde öffentlich ausgestellt und rief bei den ortsansässigen jüdischen Konkurrenten Protest hervor. Die Händler Abraham und Marx Heyum machten im Oktober 1829 eine Eingabe, um Moses den Umzug zu verbieten, da er bereits »seine Haushaltung ohne erhaltene Erlaubniß nach Sonnenberg verleget und betreibet daselbst nun seinen frühern zu Bierstadt betriebenen Handel. Dieser Moses Abraham uns und namentlich den Marx Heyum beeinträchtiget.« Der Eingabe wurde nicht stattgegeben.

Bräunle Samuel war mit 38 Jahren eine »alte Jungfer«, aber sie hatte Geld. In der Sonnenberger Gemeinderechnung von 1829 wurde sie neben fünf jüdischen Familien als einzige ledige Frau und Judensteuerpflichtige verzeichnet. Die Eltern Gülla und Samuel waren bereits gestorben. Der Vater, ein alteingesessener Sonnenberger Schutzjude, hatte ihr ein Textilgeschäft und ein Vermögen von 400 Gulden hinterlassen.

Moses Abraham gehörte zu den wohlhabenderen Juden, denn wer einen herzoglichen Schutzbrief erhalten wollte, musste ein Vermögen von wenigstens 500 Gulden vorweisen, einer Summe, die dem mehrfachen Jahresgehalt eines einfachen Beamten entsprach. In der Mitgliederliste der jüdischen Gemeinde Sonnenbergs von 1843 ist Moses’ Familie verzeichnet, die nebst ihm aus seiner Frau Bräunle und dem Sohn Jacob bestand. Die Liste wurde angelegt, um das Vermögen der Juden zu erfassen, weil die Behörden fürchteten, es könnten sich Juden im Ort ansiedeln, deren Kinder der Allgemeinheit zur Last fielen. Bei Moses war diese Sorge unbegründet: »Moses Neumann besitzt ungefähr 800 Gulden Vermögen, das Kind ist schon erwachsen und bedarf keiner Unterstützung mehr. Sonnenberg, den 31. August 1843, Bautz, Schultheiß«. Ein Jahr zuvor war ein Gesetz ergangen, das die Juden zwang, einen Familiennamen anzunehmen. Moses nannte sich fortan Neumann.

Die Abschaffung des Leibzolls hatte Moses den Franzosen zu verdanken, die Ende des 18. Jahrhunderts die deutschen Fürsten mit militärischer Gewalt zu »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« gezwungen hatten. Napoleons Bruder Jérôme, der »König von Westfalen«, hatte 1807 eine auch für Nassau gültige Verfassung erlassen, die die rechtliche Gleichstellung der Juden mit ihren christlichen Nachbarn erzwang. Doch nach der Niederlage Napoleons in den »Befreiungskriegen« drehte der nassauische Großherzog das Rad der Geschichte zurück, und aus dem Staatsbürger Moses wurde wieder der Schutzjude.

Die Franzosen waren weg, aber ihre Gedanken ließen sich selbst aus dem erzkonservativen Nassau nicht mehr vertreiben. Während Moses seinen Geschäften nachging, wurde in der Wiesbadener Deputiertenkammer heftig darüber gestritten, ob man es riskieren könne, die Juden von den strengen Regeln der »Judenordnungen« des Mittelalters zu befreien.

Nach der Pestepidemie von 1348, die nach christlicher Lesart von jüdischen Brunnenvergiftern verursacht worden war, waren die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland buchstäblich ausgerottet worden, und die Überlebenden hatten ihren kaiserlichen Schutz verloren. Seither konnten die Fürsten und die Städte allein entscheiden, ob und wie viele Juden unter ihnen leben durften. Zeitlich befristete teure Schutzbriefe regelten, wo ein Jude leben, wohin er reisen und welcher Arbeit er nachgehen durfte. In den Judenordnungen war festgeschrieben, dass Juden am Sonntag das Haus nicht verlassen durften, dass sie auf Märkten nur kaufen durften, was die Christen verschmähten, und dass eines Juden Zeugnis vor Gericht weniger galt als das eines Christen.

Moses sprach wie seine Vorfahren neben Jiddisch auch Deutsch, aber er schrieb es in hebräischen Buchstaben, was immer wieder verboten wurde, weil es die leseunkundigen Christen für verschwörerisch hielten. Sex mit einer Christin hätte Moses’ Großvater noch den Kopf kosten können, und schon im 16. Jahrhundert hatten die hessischen Juden einen gelben Ring gut sichtbar an der Kleidung zu tragen – die Nazis waren nicht die Erfinder antijüdischer Gesetze, sie perfektionierten sie.

Ziel der Judenordnungen war es, einen freien Markt zu unterbinden, da die christliche Mehrheit Angst vor der »kaufmännischen Geschicklichkeit« der Juden hatte, mit der sie, wie es in der Frankfurter Judenordnung von 1577 hieß, ihre christlichen Geschäftspartner »aussaugen und jämmerlich verderben« würden. Auch darf man aus den ausgeklügelten Regeln, mit denen die Juden an der freien Entfaltung gehindert wurden, herauslesen, dass die Fürsten ihre christlichen Untertanen für Trottel hielten, die sie glaubten vor den Juden schützen zu müssen.

Im Jahre 1848 erhielt Moses Neumann als Inhaber eines Schutzbriefes das Wahlrecht zur nassauischen Ständeversammlung. Wählen lassen konnte er sich allerdings nicht. Die Abgeordneten stritten monatelang darüber, ob man ihn und seinesgleichen »zu besseren Untertanen« erziehen könne und ob der »raffende jüdische Charakter« durch größere Berufs- und Bildungschancen zu verbessern sei. Moses, so forderte die Mehrheit der Abgeordneten, solle sein kaufmännisches Gewerbe aufgeben und sein Sohn Jacob solle Landwirt oder Handwerker werden.

Welch eine historische Wendung! Durch Berufe, die den Juden jahrhundertelang verboten waren, wollte man ihnen nun das »Schachern« abgewöhnen. Allerdings ernährte die Landwirtschaft im 19. Jahrhundert schon die christlichen Bauern kaum, und das ehrbare Handwerk war durch die aufkommende Industrialisierung in eine Krise geraten. Daher entschied Moses in weiser Voraussicht, dass auch Jacob Kaufmann bleiben solle.

Als Moses Neumann 1861 starb, war Herzog Adolf von Nassau sein Landesherr. Dieser schlug sich fünf Jahre später im Preußisch-Österreichischen Krieg auf die österreichische Seite. Die siegreichen Preußen setzten ihn ab, annektierten Nassau, und Sonnenberg wurde preußisch.

Ein Jahr nach dem Tod des Vaters heiratete Jacob Neumann. Seine Frau Sahrle brachte drei Töchter zur Welt, von denen nur Jette überlebte, und 1867 schließlich einen Sohn. Emil war der erste männliche Spross der Familie, der einen bürgerlichen Vornamen bekam. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Neumanns bereits mit der Haskala, der jüdischen Aufklärung, in Berührung gekommen.

Der Wegbereiter der Haskala, der in Berlin ansässige Philosoph Moses Mendelssohn, hatte ein Jahrhundert zuvor die Juden aufgerufen, sich der Kultur der Mehrheitsgesellschaft zu öffnen: »Schicket Euch in die Sitten und die Verfassung des Landes, in welches Ihr versetzt seid; aber haltet Euch standhaft bei der Religion Eurer Väter!« In den Gemeinden entbrannte daraufhin ein heftiger Streit zwischen Orthodoxen und Liberalen. Die Maskilim (Aufklärer) forderten die Juden auf, nicht nur die Bibel und den Talmud zu studieren, sondern die moderne Wissenschaft. Die Juden hätten deutsch zu sprechen und auf Deutsch zu beten. Gebete, die von der Rückkehr des jüdischen Volkes nach Zion, ins Gelobte Land, sprachen, wurden aus den Gottesdiensten verbannt.

Einer der Pioniere des liberalen deutschen Reformjudentums war Abraham Geiger, der von 1832 bis 1838 als erster Gemeinderabbiner Wiesbadens amtierte. Er nannte die Beschneidung einen »barbarisch blutenden Akt« und führte in der Synagoge Orgelmusik ein. Nach seiner Wiesbadener Zeit ging er nach Breslau, wo seine Anstellung zur ersten Spaltung einer jüdischen Gemeinde in Liberale und Orthodoxe führte.

Emil Neumann war der Erste aus meiner Familie, der nicht mehr als Schutzjude, sondern als Staatsbürger aufwuchs, denn die Annexion Nassaus durch Preußen brachte den Juden 1869 die formelle Gleichberechtigung mit ihren christlichen Nachbarn. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck hatte das »Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen« erlassen, in dem es hieß: »Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben.« Dennoch hätte Emil weder Universitätsprofessor noch Offizier werden können, denn eine Fülle von Einzelbestimmungen höhlte das Gesetz aus und verwehrte den Juden nach wie vor eine Beamtenkarriere im christlichen Staat.

Jacob war nicht lange nach Emils Geburt gestorben. In seiner Sterbeurkunde lese ich, dass er wie sein Vater »Handelsmann in Sonnenberg« war. Seither führte Sahrle die Geschäfte. Als Frau und Jüdin an der Spitze eines Unternehmens war sie in den Gründerjahren des deutschen Kaiserreichs eine Ausnahmeerscheinung.

Sarah Neumann besaß kaufmännisches Talent. Sie baute die von ihrem Schwiegervater 1829 ins Handelsregister eingetragene Kolonial- und Manufakturwarenhandlung zu einem blühenden Unternehmen aus, das ringsum in der preußischen Provinz Hessen-Nassau Geschäftsbeziehungen unterhielt. Um 1900 war sie in Sonnenberg eine der angesehensten und beliebtesten Persönlichkeiten; in den umliegenden Taunusdörfern nannte man sie respektvoll »Mutter Neumann«.

Im Taunus brachen die Bauern schon bei Sonnenaufgang auf und gingen zu Fuß nach Sonnenberg. Die Frauen trugen Eier, Butter und Hülsenfrüchte in Körben auf dem Kopf. Die Lebensmittel, die sie zu »Mutter Neumann« brachten, tauschten sie gegen Textilien und Gegenstände des täglichen Bedarfs, und bevor sie wieder aufbrachen, aßen sie frische Brötchen und tranken dazu »echten Bohnenkaffee«. Vor allem der Kaffee zog die Bauern magisch an.

Überliefert ist eine Fahrt meiner Ururgroßmutter ins 15 Kilometer entfernte Niederseelbach, wohin sie der Pferdekutscher Becker, dessen Kinder später den ersten Taxibetrieb Sonnenbergs aufbauten, in einem Zweispänner chauffierte. Dort soll sie »wie eine Majestät« empfangen worden sein und jedes Haus besucht haben. Ihre gesamte Aussteuer und alles, was die Menschen am Leib trugen, hatten sie bei Sahrle gekauft.

Ihren Wohlstand hatte »Mutter Neumann« auch der unter den Hohenzollern boomenden »Weltkurstadt« Wiesbaden mit ihren jährlich rund einhunderttausend Kurgästen zu verdanken – den Titel »Weltkurstadt« hatte sich die Stadt 1852 selbst verliehen. Jedes Jahr im Mai kam Kaiser Wilhelm II. zur Kur und bezog sein Schloss in der Innenstadt. Dem Kaiser folgten dessen reichste Untertanen, die ihre Altersruhesitze nach Wiesbaden verlegten, wo zur Jahrhundertwende die meisten Millionäre Deutschlands lebten. Als dem Magistrat der Titel »Weltkurstadt« zu gering erschien, nannte man sich um in »Kaiserstadt«.

Zu Sahrles Kunden zählten pensionierte Beamte und Mitglieder der preußischen Generalität, die sich in dem malerischen Tal zwischen Sonnenberg und Wiesbaden ihre Villen gebaut hatten. 1898 kaufte Sahrle das Nachbargrundstück an der Sonnenberger Burgmauer und erbaute das rote Backsteinhaus, in dem ich vier Generationen später mein Abendbrot verspeise. Noch im hohen Alter empfing sie, die durch Diabetes ein Bein verloren hatte, hier die Bauern. Dabei saß sie vor einem prachtvollen Ofen. Die angesehene Firma in der Wiesbadener Innenstadt hatte sich anfänglich geweigert, das wertvolle Stück, das eine großbürgerliche Villa zieren sollte, in das ländliche Sonnenberg zu liefern.

1912 starb Sarah Neumann. Der hoch aufragende Obelisk aus schwarzem Granit, der ihr Grab auf dem jüdischen Friedhof an der Platter Straße schmückt, hat die Verwüstungen durch die Nazis überstanden.

Fritz Beckhardt und Rosa Emma Neumann lernten sich wie viele Juden über einen Schadchen kennen, einen jüdischen Heiratsvermittler. Da ein Kind nach alten rabbinischen Regeln meist nur dann als Jude gilt, wenn die Mutter Jüdin ist, musste Fritz eine ebensolche finden. Seine Eltern Abraham und Franziska hatten ihn zwar mit einem ordentlichen deutschen Vornamen ausgestattet, waren aber innerlich nicht bereit, ihr Judentum über Bord zu werfen, wie es in den großen Städten üblich wurde. Abraham Beckhardt ging am Schabbes in die Synagoge von Wallertheim und war ein geachtetes Mitglied der Gemeinde. Die Idee der Assimilation, wonach die Juden ununterscheidbar in der Mehrheitsgesellschaft aufzugehen hätten, lehnte er ab.

Fritz fügte sich dem Vater. Dabei hätte er sich jederzeit mit einer Nichtjüdin verbinden können, denn er war eine legendenumwobene Erscheinung. Der gerade mal 1,60 Meter große Fritz trat in der ländlichen Enge seines rheinhessischen Heimatdorfes Wallertheim wie ein Mann von Welt auf. Er dachte immer nach vorn, niemals zurück. Was er geschäftlich anpackte, funktionierte, und wenn es irgendwo hakte, fand er einen neuen Weg, den er ohne Zögern in Angriff nahm. Angriff, das war vier Jahre lang im Weltkrieg seine tägliche Devise gewesen. Angreifen bereitete ihm Spaß. Selbstzweifel kannte er nicht. Er war impulsiv und laut, schätzte andere Meinungen nicht sonderlich, aber Siegertypen, wie er selbst einer war.

Der Schadchen sollte ein Fräulein aus einem angesehenen Geschäftshaus suchen, denn die Welt der jüdischen Ärzte und Rechtsanwälte war für Fritz unerreichbar und die der ländlichen Handelsjuden zu schäbig. Der Schadchen fand Rosa Emma Neumann, 23 Jahre jung, intelligent, bescheiden und von ruhigem Wesen, vor allem aber Erbin eines aufstrebenden Handelsunternehmens am Rande einer mondänen Kurstadt.

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Franziska Beckhardt

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Abraham Beckhardt

Rosa Emma war eine gute Partie. Ihrem fünf Jahre älteren Bruder Friedrich war Sonnenberg zu eng geworden, nachdem er 1918 aus den Schützengräben zurückgekehrt war. 1923 bot sich ihm die Chance auszuwandern, als der Siemenskonzern den Auftrag erhielt, die Elektrifizierung Portugals voranzutreiben, und ihn als Mitarbeiter einstellte. Friedrich siedelte nach Lissabon über, Rosa Emma würde also die Firma vom Vater übernehmen. Unter Emil Neumanns Führung war das Geschäft in der Inflationszeit allerdings ins Schlingern geraten. So wird er es als glückliche Fügung empfunden haben, dass eines Tages der 37-jährige Kaufmann Fritz Beckhardt in einem stattlichen Wagen vorfuhr und um die Hand der Tochter anhielt.

Für Fritz war das in Not geratene Sonnenberger Traditionsunternehmen die Herausforderung, die er suchte. Am 30. Mai 1926 stand er mit seiner 14 Jahre jüngeren Braut vor Wiesbadens Bezirksrabbiner Paul Lazarus unter der Chuppa, steckte ihr den Ring an den Finger, sprach das »Sei mir durch diesen Ring heilig angetraut nach dem Gesetze Moses und Israels«, zertrat ein Glas und entführte Rosa Emma auf eine sündhaft teure Hochzeitsreise ins Schweizerische Montreux. Wenn Fritz auffällig spendabel wurde, ging es oft darum, Frauen zu verwöhnen.

Nach seiner Rückkehr blies Fritz zum Angriff auf die Sonnenberger Konkurrenz. Die Zahl der Arbeitslosen war auf zwei Millionen gestiegen, und manch einer suchte sein Heil in der Selbstständigkeit. Im selben Monat, in dem Fritz nach Sonnenberg gekommen war, eröffnete in unmittelbarer Nachbarschaft die Filiale eines großen Lebensmittelgeschäfts aus der Wiesbadener Innenstadt. Für Fritz war der Moment gekommen, dem Schwiegervater zu zeigen, was er draufhatte.

Jeden Donnerstag warb der Filialist mit dem Angebot preiswerter Bücklinge die Stammkundschaft der Neumanns ab. Also fuhr Fritz in das Hauptgeschäft des Konkurrenten, kaufte dessen Bücklinge und bot sie mit Verlust den eigenen Kunden um genau einen Pfennig billiger an. Nach weiteren ähnlichen Manövern gab die Konkurrenz schließlich auf.

Mit Fritz war ein neuer Stil in die kleine Sonnenberger Geschäftswelt eingekehrt. Wie ein aggressiver Preiskampf funktionierte, hatte er als Lehrling in großen Handelshäusern gelernt. Die Konkurrenten nannten das »jüdische Preispolitik«. Einige von ihnen sammelten sich in einer neuen Partei. Im März 1926 hatte die NSDAP ihre erste Wiesbadener Ortsgruppe gegründet.

Das alte Ladenschild hat Fritz im Oktober 1950 nicht wieder aufgehängt. Bis 1934 hatte das schwere, mehr als einen Quadratmeter große Eisenschild für jedermann gut sichtbar über der Ladentür gehangen und einen Hauch von Jugendstil verbreitet. Auf einer weißen Emailoberfläche, die von geschwungenen Bögen umrahmt war, kündeten hochgewachsene schwarze Buchstaben stolz von der Tradition des Unternehmens: »Emil Neumann seit 1829« stand da. Jetzt rostete es im Innenhof zwischen den Häusern Langgasse 9 und Langgasse 11 vor sich hin.

Pfeiffer hatte auf den Tag genau ein Jahr nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler in Sonnenberg das erste jüdische Unternehmen vom Markt verdrängt, wenn auch noch nicht vollständig »arisiert«, wie die Zwangsenteignung jüdischen Vermögens im Nazijargon genannt wurde. Nach einem Jahr Naziherrschaft war die »Arisierung« in Deutschland noch eine Randerscheinung im Wirtschaftsleben, erst in den späten 1930er Jahren wurde sie systematisch durchgeführt. Pfeiffer durfte sich insofern als Pionier betrachten, sein Kommando im renommierten Hause Neumann erhöhte ihn zweifelsohne in der Achtung seiner Parteigenossen. Hat ihm der Anblick des alten Schilds Freude gemacht? War er stolz, einen jüdischen Konkurrenten so früh zur Strecke gebracht zu haben? Oder hatte Pfeiffer im Laufe der vergangenen 16 Jahre das sperrige Ungetüm einfach hinter einem Stapel Holzkisten vergessen?

Kurt erzählt, dass nach und nach doch ein paar alte Kunden »zu den Neumanns« gekommen sind. Es waren vor allem »Sozialdemokraten und aufrechte Christen, die auch nach 1933 den Mut gehabt hatten, bei uns zu kaufen.« Für diese Minderheit war es eine Erleichterung, dass ein Teil der jüdischen Nachbarn zurückgekehrt war. Es war ihnen ein Zeichen, dass ein anderes Deutschland im Entstehen war. Kurt erinnert herzliche Begegnungen in dem engen Ladenlokal. Kunden reichten ihm und Fritz die Hand: »Schön, dass ihr wieder da seid!«

Die Mehrheit der Sonnenberger aber machte einen Bogen um Fritz’ Laden, nicht weil sie allesamt verbohrte Antisemiten waren, vielmehr weil sie nicht wussten, wie sie den zurückgekehrten Juden begegnen sollten. Sie wechselten die Straßenseite, schauten in den Himmel, wenn sie Fritz und Rosa Emma trafen. »Wir hatten es auch nicht leicht«, stammelten sie. Gretel Hahn, Rosa Emmas Schulkameradin, stand eines Sonntags vor der Tür. Die beiden waren beste Freundinnen gewesen, hatten als junge Frauen keine Geheimnisse voreinander gekannt. 1933 wurde Gretel Parteimitglied und brach den Kontakt ab. Zwanzig Jahre später saßen sie sich in Rosa Emmas Wohnzimmer gegenüber.

»Ei, Emma, wie geht’s?«

»Ach, Gretel, unn wie?«

Mehr ging nicht. Scham schnürte Gretel den Hals zu; Schmerz überfiel Rosa Emma. Gretel stand auf und verließ das Haus, beide sprachen nie mehr miteinander. Rosa Emma schwieg danach noch lauter.

Der Boykott, den die »arischen« Nachbarn in den 1950er Jahren, sei es aus Befangenheit, sei es aus Überzeugung, fortführten, hatte am 1. April 1933 begonnen. Als Fritz die »alten Kameraden« in Pfeiffers Schuppen verschwinden sah, dachte er an diesen Tag zurück. In den letzten Märztagen des Jahres 1933 hatte die NSDAP wegen »jüdischer Gräuelpropaganda« in der ausländischen Presse die Deutschen zum Boykott gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte aufgerufen. Das »Weltjudentum« habe die US-amerikanische und englische Presse gegen Deutschland aufgewiegelt und vereinzelt seien Deutsche im Ausland sogar angegriffen worden, lautete die offizielle Begründung des »Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Gräuelpropaganda und Boykotthetze«, das unter dem Vorsitz von Julius Streicher den Boykott organisierte. Für die NSDAP war die Kampagne ein erster Test, wie tief sich die antisemitische Propaganda bereits in die Köpfen der Deutschen eingegraben hatte und wie weit die Masse der Partei folgen würde.

Der 1. April 1933 war ein Samstag. Zahlreiche jüdische Geschäftsleute aus der Wiesbadener Innenstadt hielten mit Verweis auf den Schabbes ihr Geschäft geschlossen und entzogen sich so den antijüdischen Kampfmaßnahmen. Für Fritz wäre ein solcher Rückzug niemals in Frage gekommen. Er wollte »erst mal abwarten«, ob die Sonnenberger Nazis es wagen würden, dem höchstdekorierten Frontsoldaten des Ortes auf offener Straße entgegenzutreten. Als er das Geschäft um 8 Uhr morgens öffnete, war von den Nazis nichts zu sehen. In der Innenstadt hatte die SA Flugblätter an den Schaufenstern der jüdischen Geschäfte angebracht, in Sonnenberg schien alles ruhig. Um 10 Uhr vernahm Fritz Lärm auf der Straße. Durch das Glas der Ladentür sah er eine Kundin, die eine Gruppe von Männern anschrie, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen. Fritz trat vor die Tür und erkannte drei seiner Nachbarn in SA-Uniform sowie den Ortsgruppenleiter der NSDAP und dessen Sekretär in Zivil. Einer der SA-Männer trug ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift »Kauft nicht bei Juden!«, ein anderer hatte soeben die wütende Kundin fotografiert. Die Frau hatte den Männern zugerufen, sie sollten »sich etwas schämen«. Andere Sonnenberger fragten die SA: »Was wollt ihr hier?«, und betraten kopfschüttelnd das Geschäft. Doch Fritz gewahrte auch Kunden, die, als sie die SA bemerkten, umkehrten.

Kurt war damals fünf Jahre alt, und der 1. April 1933 ist der früheste Tag seiner Kindheit, an den er bildhafte Erinnerungen hat. »Ich spielte im Hof, als mein Vater in einem weißen Kittel kam und mich an der Hand nahm. ›Komm mit!‹, sagte er und ging mit mir durch den Laden raus auf die Straße. Da standen Männer in Uniform und in Zivil. Mein Vater zeigte mit dem Finger auf sie und sagte zu mir so laut, dass jeder ringsum es hören musste: ›Schau sie dir an, Kurtsche! Die Hose vom Judd trache se unn könne se nit bezahle, unn solche Leut rufe gesche uns zum Boykott.‹«

Hände an die Hosennaht

Die Hosen der Nazis, die im April 1933 vor Fritz’ Geschäft standen, hatte Peter Bittmann genäht. Bittmann stammte aus Wallertheim, dem Heimatdorf meines Großvaters in der Nähe der Kreisstadt Alzey. Peter und Fritz waren Freunde von Kindesbeinen an.

Die Bittmanns gehörten zu den ärmsten Familien des Dorfes. Sie waren Tagelöhner, sozialer Abschaum in den Augen der Bauern und Handwerker. Sie besaßen kein Land und lebten von der Hand in den Mund. Peters Eltern nähten Mehl- und Kartoffelsäcke. Sie mähten die Uferböschungen der Bäche und brachten das Grün als Ziegenfutter zu den Bauern, oder sie zogen mit einem Handkarren über Land und sammelten Pferdeäpfel, die sie als Brennmaterial zum Bäcker brachten, der mit Brötchen zahlte. Peter lernte früh, wie man Mehlsäcke nähte, war geschickt im Umgang mit Nadel und Faden. Er wollte raus aus dem ländlichen Proletariat, der Umgang mit Fritz, dem Alleskönner, spornte ihn an. Als Fritz in Emils Firma einstieg, konnte er dem Freund die Chance zum Aufstieg bieten. Peter brachte sich mit Büchern das Schneidern bei und nähte fortan Hosen. Alle zwei Wochen fuhr er mit dem Omnibus nach Sonnenberg, wo er an Fritz’ Kunden Maß nahm.

Peter überragte Fritz um einen ganzen Kopf, er war schlank, blond und trug einen Schnurrbart. Kurt nannte ihn »Onkel Bittmann« und erinnert, dass er einen Klumpfuß hinter sich herzog, wenn er mit dem Schneiderkoffer die Stufen zum Geschäft emporstieg. »Na, Kurtsche, wie isses?«, fragte Onkel Bittmann und nahm den Jungen in den Arm. Kurt merkte sich das, denn Fritz tat so etwas nie.

Fritz nannte Bittmanns Hosen eine Mezzie, ein »gutes Geschäft«. Mezzie war eines der merkwürdigen Worte, die Fritz häufig benutzte, ein Überbleibsel aus dem »barocken Judendeutsch« des Spätmittelalters, wie Goethe das Jiddische nannte. Bald spazierte halb Sonnenberg in Hosen aus dem Hause Neumann umher, fast wie zu Mutter Neumanns Zeiten. Nur das Geld war knapper. Für eine Neumann-Hose leistete man eine Anzahlung, der Rest wurde abgestottert. So kam es, dass der Ortsgruppenleiter der NSDAP beim antijüdischen Boykott in noch unbezahlten Neumann-Hosen vor dem Geschäft stand.

Peter Bittmann war Sozialdemokrat. In Wallertheim hatte er den Ruf eines Spötters, dessen Witz sich nur wenigen erschloss. Er lachte auch über sich selbst, und sein Humor half ihm, die Nazizeit zu überleben. Bei den letzten, schon nicht mehr freien Reichstagswahlen am 5. März 1933 postierte sich Bittmann als Beobachter im Wahllokal. Als die NSDAP verkündete, Wallertheim habe »zu 100 Prozent Hitler gewählt«, erklärte Peter, dass er selbst gegen die Nazis gestimmt habe und weitere Wallertheimer nennen könne, die das ebenfalls getan hätten.

Ich rüttele am Tor, aber es lässt sich nicht öffnen. Eigentlich dürfte ich auf dem jüdischen Friedhof von Wallertheim nichts Aufregendes mehr finden. Die Familienurkunden weisen für Wallertheim zwar Geburten aus, aber keine Todesdaten. Dennoch stehe ich an einem kalten Herbsttag vor dem Dorf auf einem Acker und starre die 20 Steine an. Ein unangenehmer Wind bläst, der von wenigen Pappeln gebrochen wird, die das Areal vor den Augen der auf der Landstraße vorbeirasenden Autofahrer verbergen. Ich kann mich den Gräbern nicht nähern, denn ein Maschendrahtzaun ist um das Gelände gespannt.

Ich friere. Es war eine Schnapsidee, hierherzufahren, ohne mich bei der Gemeinde anzumelden. Ich taste nach dem Mobiltelefon. Die Telefonauskunft findet die Nummer des Büros von Peter Bittmann. Hat er einen Nachfolger? Ein Mann hebt ab und nuschelt mit heiserer Stimme Unverständliches ins Telefon.

»Guten Tag. Ich bin Journalist und schreibe einen Artikel über Rheinhessen«, sage ich. »Ich würde gerne den jüdischen Friedhof besichtigen. Das Tor ist abgeschlossen. Können Sie mir vielleicht …?« Ich höre mir zu und schüttele den Kopf. Was rede ich? Warum darf der Mann nicht erfahren, was ich suche?

»Können Sie sich ausweisen?« Die Stimme klingt freundlich.

Der Wind ist schwächer geworden, es beginnt zu regnen.