Erinnerungen an den Mauerfall

Herausgegeben von Elke Bitterhof

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Inhaltsübersicht

ELKE BITTERHOF
Verschlafen? Gefeiert? Gesungen? Gepredigt?

HENRY HÜBCHEN
Das trunkene Schiff

HANS-DIETRICH GENSCHER
Glücksgefühle auf dem Prager Balkon

REGINA ZIEGLER
Als Ulrich Schamoni fünfzig wurde

ALEXANDER OSANG
Der tiefe Schlaf

MANFRED STOLPE
Ansprechpartner für alle Seiten

REGINE SYLVESTER
Des Kaisers neue Kleider

VERA LENGSFELD
Die Rückkehr der Schüler

ANJA KLING
Entscheidung für die gerade Zahl

DIRK ROSSMANN
Schmuggelware fürs Gehirn

UWE STEIMLE
Und alle jubelten

MEINHARD VON GERKAN
Rasterfahndung nach DDR-Architekten

JOCHEN KOWALSKI
Weststrumpfhosen für Ostopernkarten

WOLFGANG NIEDECKEN
Ein Song, für den es höchste Zeit war

UTE MAHLER
Fotoshooting vor der Tür

MARGOT KÄSSMANN
Ich fand’s total falsch, in Genf zu sein

DANIEL BARENBOIM
Der Klang, mit dem ich aufgewachsen bin

EUGEN RUGE
Der Rhein macht keine Seen

GREGOR GYSI
Ich kam verändert zurück

CHRISTIAN LIEBIG – KARAT
 im nächsten Frieden

PETER KAHANE
Die letzte Klappe

RAINER EPPELMANN
Frieden schaffen ohne Waffen

HEINZ RUDOLF KUNZE
Auch im Westen war nicht alles Lindenberg

EMÖKE PÖSTENYI
Die Mauer änderte nicht mein Lebensgefühl

KRAFFT FREIHERR VON DEM KNESEBECK
Wie graue Perlen am Straßenrand

CHRISTOPH LINKS
Mit der Mauer fiel auch die Zensur – Aufbruch in eine neue Verlagswelt

UWE-KARSTEN HEYE
Getätschelte Zweitakter

DANIEL WALL
Der Sprung ins Dunkle

WIM WENDERS
Mauerfall, am Ende der Welt

DONATA WENDERS
Ausnahmezustand

Kurzbiographien der Autoren

Anmerkungen

Bildnachweis

Informationen zum Buch

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

ELKE BITTERHOF

Verschlafen? Gefeiert? Gesungen? Gepredigt?

Sechs Steine sind noch in der Tüte, es waren mal dreißig. Ich muss gut überlegen, wem ich die letzten schenke. Ihr Wert steigt mit der Zeit. Keine Rubine, keine Diamanten, unterschiedlich groß, nicht bearbeitet und nicht geschliffen. Es gibt keine Vorkommen, aus denen man neue gewinnen könnte. Diese Steine gehen weltweit zu Ende. Auf manchen glänzen verwitterte Farbreste, andere schimmern einfach nur grau. Es sind Steine aus Zement. Meine Söhne interessieren sie nicht. Noch nicht. Dennoch werde ich zwei für sie aufheben.

Bleiben noch vier.

Ich habe die Steine am 21. Juni 1990 mit einem Schraubenzieher aus der Mauer am Grenzübergang Checkpoint Charlie gebrochen. Ich musste mich beeilen – am nächsten Tag wurde der Kontrollpunkt in der Friedrichstraße abgebaut. Er kam ins Alliierten-Museum.

Seit dem 13. August 2000 steht an der alten Stelle wieder eine Kontrollbaracke, dieses Mal ist es eine originalgetreue Kopie. Die leere Straße hatte die Touristen wohl enttäuscht, die hier aus der ganzen Welt zusammenströmen, um nachträglich die Dramatik und Symbolik des historischen Ortes zu spüren. Ich habe keinen Berlin-Besucher erlebt, der nicht irgendwann die Frage stellte: Wie war das damals beim Mauerfall?

Was soll ich sagen?

Am 9. November 1989 rief mein Schwager Jaime kurz vor Mitternacht aus Paris an: »Elke, die Mauer ist auf!« Ich war damals Moderatorin des DDR-Fernsehens, sah gerade die Wiederholung meines »Berlin-Journals« und hielt seinen Anruf für einen Scherz. Ich sagte: »Danke, aber ich gucke gerade meine Sendung«, und legte auf. Das Telefon klingelte wieder: »Im französischen Fernsehen sieht man, wie Leute durch die Mauer laufen!« Ich schaltete zur ARD und sah, dass es stimmte.

Kurz danach bin ich mit meinem chilenischen Mann nach Paris geflogen, um seinen Bruder zu besuchen. Zusammen waren sie von der Pinochet-Junta mit Waffengewalt ins Exil gezwungen worden und hatten viele Jahre nicht in ihre Heimat einreisen dürfen. Ihre Mauer war der Stempel »L« im Pass, was »Liste« bedeutete: kein Hereinkommen. Erst 1988 durften sie wieder in Santiago aus dem Flugzeug steigen. Da war ihr »L« sozusagen gefallen.

Jaime holte chilenischen Wein aus dem Keller, ich holte einen Mauerstein aus meinem Koffer.

Bleiben noch drei.

Wie war das damals beim Mauerfall? Keine einzelne Antwort kann reichen, um diese Zeit zu beschreiben: Die Monate im Herbst 89, die Nacht der Maueröffnung, die Wochen danach waren Teil einer Weltenwende.

Mir kam der Gedanke für ein Buch: Ich wollte Erinnerungen in Ost und West einsammeln – die von bekannten Deutschen. Dass Angela Merkel am Abend des 9. November in der Sauna saß, wissen viele Leute, aber wie haben andere Personen des öffentlichen Lebens das Ereignis erlebt? Verschlafen? Gefeiert? Gesungen? Gepredigt? Wurden sie vom Mauerfall und den Konsequenzen überrascht? Haben sich ihre Positionen in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert? Waren es dieselben Gefühle, die den Osten und den Westen aufwühlten? Sind sie es noch? Werden solche Gespräche das öffentliche Bild einer Person irgendwie verändern?

Es begann eine aufregende Reise durch Deutschland. Ich habe Sekretärinnen belästigt, Unternehmer ausgefragt, Pressesprecher genervt, Handynummern ergattert, DDR-Kontakte reanimiert, Agenturen ausgetrickst und viele spannende Geschichten gehört. Einige Gesprächspartner konnte ich auch in meine Küche einladen. Käsekuchen lockert die Zunge.

Wer so viele prominente Persönlichkeiten in einem Buch zusammenbringen möchte, braucht Freundlichkeit und noch mehr Geduld. Aber was mir die vielen Zusagen tatsächlich eingebracht hat, war das Thema: Der Mauerfall. Dazu hat jeder Erinnerungen, Meinungen, Gefühle. Jeder ist auf seine Art daran beteiligt. Jeder hat mit seiner Geschichte einen Stein in ein Mosaik eingesetzt, brüchig, glatt, kantig. Echt.

Wie meine Mauer-Steine. Drei sind übrig.

Ich weiß noch nicht, wem ich sie schenken werde.

Geschichte geht ja immer weiter.

HENRY HÜBCHEN

Das trunkene Schiff

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Henry Hübchen, 1990/91

Die Mauer wurde gebaut, und ich war bei dem Jahrhundertereignis nicht dabei. Ich hatte Ferien. Ich war mit meinen Eltern auf der schönen Insel Hiddensee. Die Rundfunkmeldung hatte ich fast überhört. Sonne, Wind und Wellen waren mir wichtiger als Berlin, und meine Eltern erschienen mir auch nicht aufgeregter als sonst. »Erst mal Urlaub machen, dann sehen wir weiter.« Ich hatte sogar zugelassen, dass mein Vater mir einen Kurzhaarschnitt verpasste. Mein Protestpotential war also noch nicht besonders ausgebildet. Zwei Jahre später hätte das anders ausgesehen. Da hatten mich vier Jungs aus Liverpool infiziert.

Es gibt Bilder von mir, Charleston tanzend auf den Hügeln der Insel, während in der Westpresse über Grenzstacheldraht springende Verzweifelte zu sehen waren. Ja, so ist das Leben.

Ich war damals nur durch meine erste Liebe gefangen, und das war mein Hauptproblem. Dabei lebte meine ganze Verwandtschaft in Westberlin. Omas, Opas, Tante, Onkel.

Also abwarten und Tee trinken. Wenn wir Anfang September in Berlin sind, sieht die Welt schon wieder anders aus. Man traf sich zwar nur noch zu den einschlägigen Familienfesten, aber Familie ist Familie. »Die können die Grenze doch nicht wirklich dichtmachen, in ein paar Monaten hat sich das erledigt«, hörte ich die Erwachsenen sagen. Ich war jung und blöd, und Heinz und Hilde, meine Eltern, waren alt und blöd.

Der alte Pragmatiker Hoederer zum intellektuellen Anarchisten Hugo in »Schmutzige Hände« von Sartre:

Hoederer: Wie alt bist du?

Hugo: Zweiundzwanzig.

Hoederer: O Gott! Jung und blöd.

Hugo: Na so alt sind Sie doch auch nicht.

Hoederer: Alt nicht, aber blöd.

Ja, gegen Verblödung ist man nicht gefeit, aber auch nicht gegen Erkenntnisse.

Ich wechselte Anfang September von der Grundschule in Köpenick in die Erweiterte Oberschule Käthe Kollwitz im Prenzlauer Berg. Jeden Tag eine Stunde Fahrt bis zur Schule. Meine erste Liebe blieb in Köpenick, und ich hatte große Sorge, dass unsere Liebe der Trennung nicht standhalten wird.

Einen großen Vorteil hatte der Wechsel allerdings: Vorher fand mein Alltag fast nur im Osten statt. Für einen Berliner war ich weit weg von der Mauer, Köpenicker eben. Jetzt waren es nur noch drei S-Bahn-Stationen, ein Katzensprung in den Westen. Also ab und zu nach der Schule rüber ins Kino, wo man sogar mit Ostgeld bezahlen konnte, wenn man einen Pionierausweis dabeihatte, und zur Großmutter in Siemensstadt war es auch nicht mehr weit. Aber die Grenze war jetzt dicht und wurde immer dichter.

Also abwarten und Tee trinken.

Am 3. September, dem ersten Schultag, wurde mir aber schmerzhaft klar, dass dieser subversiven Unterwanderung durch Schundfilme in Grenzkinos und vielen anderen Angriffen auf meine pubertäre sozialistische Persönlichkeit ein jähes Ende gemacht war: durch den ANTIFASCHISTISCHEN SCHUTZWALL, und der musste durch mich gestärkt werden.

1. Schultag, 1. Stunde, 3 Verpflichtungen:

»Wir schlagen euch vor, euch zu verpflichten, am besten geschlossen.«

Diese 100-Prozent-Ambition, dieser Geschlossenheitswahn, diese Der-Feind-ist-überall-Mentalität gehörten zur DDR wie das Amen zur Kirche.

»Wir schlagen vor, ihr verpflichtet euch 1. zum ehrlichen Lernen.«

Da musste ich zustimmen. Ich konnte ja schlecht auf meine Freiheit – vom Nachbarn abzuschreiben oder ein Reservoir von Spickzetteln anzulegen – pochen. Es ist zwar eine Freiheit, aber eine unmoralische.

Also ja, ich verpflichte mich.

»2. Keine Nato-Sender hören.«

Das war eine politische Verpflichtung. Ich hörte nur Westsender RIAS Berlin, AFN, Radio Luxemburg. Neil Sedaka, The Shadows, Cliff Richard waren meine Helden. Aber wer soll kontrollieren, was aus meinem Radio kommt?

Also ja, ich verpflichte mich.

»3. Teilnahme an der vormilitärischen Ausbildung.«

Ich habe Pfadfinder- und Lagerromantik gehasst, vom kasernierten Armeedienst ganz zu schweigen. Ich wollte nicht in den Osterferien in ein Lager fahren.

Also nein, ich verpflichte mich nicht.

Es gab bei diesem Verpflichtungsmarathon ein zweimaliges Nein zu Punkt 3. Mein Freund Martin und ich waren die Neinsager. Es gab aber keine Maßnahmen gegen uns. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern.

Ein Jahr später haben wir uns Gitarren gekauft, weil aus den NATO-Sendern unüberhörbar dieses »Yeah, Yeah, Yeah« kam, mit dem Walter Ulbricht so gerne Schluss gemacht hätte – »die Monotonie des Je Je Je, und wie das alles heißt« (sagte er 1965 auf einem ZK-Plenum).

Für uns war es der Anfang unserer eigentlichen Menschwerdung. Wir haben versucht, mit umgebauten Radios, Tonbändern und Wandergitarren die Hitparaden nachzuspielen. Also wurde Verpflichtung 2 ganz offensichtlich Makulatur.

Unsere Haare wurden länger, die Schuhe spitzer, und die Hosen bekamen einen 55er Schlag. Trotz Mauer schwappte der Westen unaufhörlich in den Osten. Zu einer Schulfeier wurde auch mal das FDJ-Hemd angezogen.

Also abwarten und Tee trinken.

Das Einzige, was überlebte, war Verpflichtung 1: ehrlich zu lernen.

Ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe in den vier Jahren Oberschule nicht einmal abgeschrieben. Das kollektive Strebertum in meiner Klasse hatte mich zu dieser hohen Moral gezwungen: Keiner ließ abschreiben, dadurch schloss sich der Gegenpart a priori aus. Was sollte ich machen.

Doch nach einem Jahr war mir das ehrliche Lernen in Fleisch und Blut übergegangen, und ich verspürte an dieser Stelle schon den neuen Menschen in mir.

Der ANTIFASCHISTISCHE SCHUTZWALL war Anfang der Sechziger nicht mein Problem. Die Oberschule, die Band, der Unterrichtstag in der Produktion, die Mädchen, Hemden mit hohen Kragen, Samtjacken, wie sie Brian Jones trug, wann kommt das Geburtstagspaket von der Großmutter – das waren Probleme.

Nachts in meinen Träumen aber verfolgte sie mich, die Mauer. Ich träumte immer wieder, dass es ganz einfach wäre, in den Westen zu kommen. Man brauchte nur Französische Straße oder Mitte in die U-Bahn zu steigen. Es war ganz einfach, warum wusste davon niemand? Das musste ich meinen Freunden erzählen.

Umso enttäuschender war das Erwachen. Die U-Bahn aus dem Westen fuhr tatsächlich an diesen Stellen unter dem Osten durch. Aber diese Stationen waren verbarrikadierte Geisterbahnhöfe.

Wie tief ist eigentlich der Osten? Nach wie viel Metern in die Erde ist man eigentlich in der Freiheit? Geht das Hoheitsgebiet bis zum Erdmittelpunkt? Freiheit unter Tage ist auch keine Freiheit. Fragen eines lesenden Oberschülers.

Aber was sind schon Träume, wenn man mit der großen Liebe abends am Teltowkanal liegen kann bei verhuschtem Sex. Die Pille war auch noch nicht erfunden. Schon wieder ein Problem.

Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Problemen.

Jahrzehnte später spazieren an einem 9. November nachts die Berliner über die bestbewachte Grenze der Welt, und die Grenzer stehen da wie Pförtner eines Schrottplatzes, nur etwas schneidiger gekleidet. Das hatte ich in den Sechzigern nicht zu träumen gewagt, Ostberlin hat Ausgang ins andere Gehege.

Westberlin. Eine eingezäunte subventionierte Enklave, Frontstadt, Brückenkopf, wo man in allen Richtungen an die Betonmauer stieß. Nur mit dem Flugzeug oder über Transitbahnen zu verlassen, aber frei. Auch arme Hunde, dachte ich später, das grüne Berliner Umland mit seinen schönen Seen ist ihnen verwehrt.

Ein Eldorado für Bundeswehr-Drückeberger mit Protestpotential. So ein Westberlin hätte ich auch brauchen können, bei meinen Fluchten vor der NVA. Aber auch ein Sammelbecken für Künstler aller Couleur. Während ich vom Oktoberklub beschallt wurde und auf dem Trockenen saß, nahm David Bowie irgendwo ein paar Kilometer entfernt seine Berlin-Trilogie auf.

Jetzt aber hatte ein einfacher Versprecher in einer Pressekonferenz, übertragen von Westmedien, Weltgeschichte gemacht. Einer verplappert sich, Tausende laufen los, und es gibt kein Halten mehr. Das gefällt mir. Diese Lakonie. Ein Treppenwitz der Geschichte. Die Stasi geht nach Hause schlafen, die Politbüromitglieder sitzen in ihren Wandlitzer Häuschen und sehen im Fernsehen ihrem Ende zu.

Schon seit Jahrzehnten ist ihnen der Kahn aus dem Ruder gelaufen. 1961 konnten sie noch mit dem Befehl »Alle unter Deck und Luken dicht!« die Frist bis zum Absaufen verlängern. Die Mannschaft hatte sich sehr dezimiert und massenweise auf dem Ozeanliner »Bundesrepublik« angeheuert, der immer mehr Fahrt aufnahm.

Was soll man machen mit so einem Kutter, von den Russen demontiert und als Bollwerk gegen den Westen verankert. Die Amerikaner waren schlauer und reicher, ohne Millionen Kriegstote. Der Ozeanriese »Bundesrepublik« wurde immer glänzender, da halfen auch keine Sonnenbrillen. Denn der neue Mensch ist immer noch der alte.

Man kann eine Zeitlang von Utopien leben, aber nicht überleben. Und wer ist schuld an allem? Adolf Hitler.

Wo war ich am 9. November, als wieder Weltgeschichte geschrieben wurde? Nur umgekehrt, die Mauer wurde eingerissen. Wo war ich am 9. November?

Ja, der eigentliche Beginn des Mauerfalls war Adolf Hitlers Machtergreifung. Denn ohne Adolf Hitler und das mehrheitliche Führerbefiehlwirfolgendir hätte es den Mauerbau nicht gegeben. Und eine Mauer ist wiederum zwingende Voraussetzung, um eine Mauer einreißen zu können. So weit zurück wollen wir ja nicht gehen, doch eins greift ins andere.

Sechsundfünfzig Jahre nach Adolf Hitlers Machtergreifung, ganz genau am 27. Juni 1989, riss Gyula Horn, der ungarische Außenminister, den Eisernen Vorhang ein. In Ungarn wurden die Grenzen nach Österreich geöffnet, unabgesprochen mit den deutschen Genossen. Der Eiserne Vorhang hatte plötzlich ein Leck.

Das war der Anfang vom Ende.

Die beobachtende, hypertrophe, sichernde Stasi hatte kein Gegengift.

Ich habe mich damals gefragt, wann wird die Grenze auch nach Osten geschlossen? Die Bruderländer waren sowieso fragil: Solidarność in Polen, die Dubček-infizierte Tschechoslowakei und Glasnost und Perestroika beim großen Bruder.

Also anschnallen und Augen zu, in Richtung Eisberg, bis es knallt. Und der Kapitän, wie ein Kranker, mit immer noch denselben Phrasen: »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.«

Doch das Schiff hat schon gar keine Fahrt mehr, es dümpelt nur auf der Stelle, und die Politbüro-Offiziere stehen bis zum Bauch im Wasser, halten immer noch die Klappe, späte Revolte, zu späte, gurgel, gurgel, hilfloses Chaos, einer verplappert sich. Es ist nicht auszuradieren, alle haben es gehört: »dies ist ab sofort«, die Masse bricht auf und will es wissen.

Wo war ich am 9. November? Wieder nicht dabei gewesen? Wie vor vierzig Jahren am 13. August?

Das Schiff sinkt langsam auf den Grund der Geschichte, kein Krachen, kein Bersten, selbst der Eisberg war ihm verwehrt.

Ich fürchte, dass man sich in hundert Jahren an die Titanic eher erinnert als an die Deutsche Demokratische Republik.

Wo war ich?

Mein 9. November hatte auch etwas mit einem Schiff zu tun.

»Das trunkene Schiff« ist der Titel eines Stückes von Paul Zech über Genialität und Kleinbürgertum. Wir spielten es am Abend des 9. November. Wir spielten in dem hermetisch abgeschlossenen Theaterraum der Volksbühne, tauchten in die fiktive Welt des Stücks, stellten unsere Körper zur Disposition und versuchten, das Publikum zu beeindrucken. Nichts dringt in diese ein, zwei oder fünf Stunden Theaterwelt. Das Einzige, was einzudringen vermag, sind Bombendrohungen oder Fußballergebnisse. Wobei das Theater direkt selbst bedroht werden muss, sonst ist es schwer, so manchen Schauspieler von seinem existentiellen Spiel abzubringen.

1977 zum Beispiel bedrohte eine Bombe das Lyoner Schauspielhaus. Das brachte die Theaterwelt ins Wanken. Ich hatte gerade alle auf der Bühne erschossen und sprach Heiner Müllers Verse zum Publikum: »Wo ein Ende ist, wird ein Anfang sein. Der Starke ist am mächtigsten allein«, als eine mir unverständliche französische Ansage in den Theaterraum schallte. Die Hälfte des Publikums sprang auf und rannte aus dem Saal, die andere Hälfte applaudierte. Aus Unsicherheit verbeugte ich mich. Die Leichen um mich rum wussten auch nicht, wie sie sich verhalten sollten, und blieben, nur zaghaft mit einem Auge die Situation sondierend, erst einmal liegen. Nach mehrmaligen dummen Verbeugungen zog mich eine Hand von der Bühne: »Eine Bombendrohung. Wir müssen das Theater verlassen!« Die Leichen sprangen auf und liefen in Naziuniformen und blonden Perücken auf eine französische Straße, was dort wiederum zu Verwirrung führte.

Was ich sagen will: Der Mauerbruch des 9. November war kein Angriff auf unseren schönen Theaterabend, sondern wir waren mit dem Publikum in der Theaterwelt, und am Ende waren wir uns einig. Es war ein gelungener Abend, das Publikum tobte, und wir hatten es auch verdient.

Ja, das Theater kann große geschichtliche Wendepunkte verpassen. Nur die Fußballergebnisse werden nicht verpasst. In meiner Anfängerzeit, in Magdeburg, teilte bei wichtigen Spielen, die mit Abendvorstellungen zusammenfielen, Horatio durch Fingerzeichen Hamlet den Torestand mit, oder der sterbende Mercutio flüsterte sie bei homoerotischer Umarmung Romeo ins Ohr.

Was ich eigentlich sagen will? Ich habe ihn nicht richtig bemerkt, den 9. November 1989.

Erst beim Nachschwitzen in der Kantine starrte ich auf die Fernsehbilder und staunte über die Grenzgänger. So nannte man vor 1961 diejenigen, die im Osten wohnten und im Westen arbeiteten. Richtiger gesagt war ich 1989 partieller Grenzgänger oder Gastarbeiter. Ich verkaufte ab und zu meine Arbeitskraft im Westen für harte Währung, und da der Arbeiter-und-Bauern-Staat daran mitverdiente, war für mich die Mauer schon ein paar Jahre früher gefallen. Ich war so eine Art Exportartikel, nur dass es mich in der DDR auch zu kaufen gab. Am nächsten Abend musste ich in Köln den König Claudius, Hamlets Onkel, spielen. Ich fuhr noch nachts mit dem Auto Richtung Westen. Zwei Zwanzig-Liter-Kanister Ostbenzin im Gepäck, um in die westdeutsche Wüste bis Köln einzutauchen und, ohne zu tanken, wieder zurückzukommen.

Als ich mich der Grenze bei Magdeburg näherte, die nachts immer vollkommen verwaist war, traf ich auf eine lange Autoschlange. Die Fernsehbilder aus Berlin hatten die Magdeburger statt in die Betten auf Stippvisite in den Westen aufbrechen lassen. Mein erster und letzter Gedanke an diesem 9. November kurz vor Mitternacht: Hier stehst du bis in die Puppen.

HANS-DIETRICH GENSCHER

Glücksgefühle auf dem Prager Balkon

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Hans-Dietrich Genscher vor der Botschaft der BRD in Prag am 30. September 1989

Es war im September 1988. Wie in jedem Jahr traf ich mich bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen auch mit dem sowjetischen Außenminister, Eduard Schewardnadse: ein Essen mit jeweils zehn bis zwölf Mitarbeitern. Alle Fragen international, aber auch solche zum deutsch-sowjetischen Verhältnis wurden besprochen. Am Schluss bat ich Schewardnadse um ein Vieraugengespräch, das heißt, nur unter Teilnahme der Dolmetscher – wir hatten keine gemeinsame Sprache. Was das gegenseitige Verstehen angeht, waren wir schon viel weiter.

Ich sagte, es entspräche unserem persönlichen, aber auch politischen Verhältnis, dass ich ihm meine Einschätzung der Lage in der DDR vermittle und meine Prognose dazu. Ich sähe voraus, dass es im Sommer des kommenden Jahres, also 1989, zu dramatischen Entwicklungen in der DDR kommen werde. Es sei nicht vorstellbar, dass die Menschen in der DDR sich anders verhalten als die in Polen, aber auch die in der Tschechoslowakei und in anderer Weise auch die in Ungarn – von der Sowjetunion gar nicht zu reden. Ich müsste ihm mit allem Ernst sagen, niemals dürfte sich wiederholen, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschehen ist, nämlich dass sowjetische Panzer aus den Kasernen kommen, um auf unsere Mitbürger zu schießen. Dies würde die Lage in Europa grundlegend verändern.

Das wollte ich ihm als jemand sagen, der im Westen für das richtige Verständnis der neuen Politik der Sowjetunion werbe, der Politik also von Gorbatschow, Schewardnadse und Jakowlew. Schewardnadse hörte sich meine Ausführungen ganz ruhig an und meinte dann, nach seinem Eindruck wäre die Lage in der DDR stabil. Gleichwohl nähme er dieses Gespräch sehr ernst und würde sofort nach Rückkehr mit Gorbatschow darüber sprechen.

Erst sehr viel später, kurz vor Ende des Jahres 1989, als Schewardnadse zu einem ersten Treffen mit den Außenministern der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel war, kam er auf diese Unterhaltung zurück mit dem Hinweis: »Der Einzige, der uns frühzeitig gewarnt hat, war Hans-Dietrich.«

An dieses Gespräch musste ich zurückdenken, als die Bewegung in der DDR begann. Zunächst als eine Massenflucht im Sommer 1989 von Ungarn und erst nach den Prager Ereignissen in der ganzen Intensität und Breite als Massendemonstrationen in Leipzig und anderen Städten der DDR. Wie in einem Schulbeispiel entwickelte sich aus einer vorrevolutionären Situation eine revolutionäre.

Meine Gedanken waren bei meinen Schulfreunden in Halle, mit denen ich mich während der Händel-Festspiele im Jahre 1989 getroffen hatte, und bei meinen Verwandten und bei den vielen Unbekannten, die alle – jeder auf seine Weise – versuchten, die Lage zu verbessern. Die einen durch Weggang und Flucht, die anderen durch versteckte oder offene Kritik. Ich war mir bewusst, wie viel Verzweiflung einerseits und wie viel Mut andererseits dazu gehörte, unter den Bedingungen des Jahres 1989 die Heimat zu verlassen oder aber sich bei den Demonstrationen auf die Seite derer zu stellen, von denen die einen eine bessere DDR und die anderen ein einiges Deutschland wollten.

Dabei war eines für mich unabdingbar: Unsere Botschaften mussten für jeden Flüchtling offen bleiben, auch wenn wir ihm eine Ausreise in die Bundesrepublik nicht garantieren konnten.

Ich hatte die Verbindung zu meiner Heimat nie aufgegeben. Bei regelmäßigen Treffen der in der Bundesrepublik lebenden ehemaligen Hallenser fehlte ich nicht. Wahrscheinlich war dieses Zugehörigkeitsgefühl zu meiner Heimat umso stärker geworden, je fremder mir die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dort erschienen.

Irgendwie lebte ich diese Sommermonate 1989 in beiden Teilen Deutschlands. Emotional in der DDR, rational in der Bundesrepublik und hier in der Verantwortung des Außenministers, so konnte ich die Lage der Flüchtlinge in unseren Botschaften verstehen. Das Verlangen der DDR, unsere Botschaften für die Flüchtlinge zu verschließen, lehnte ich ab. Am 20. Juli 1989 erlitt ich einen Herzinfarkt, aber nicht die Sorge um meine Genesung beherrschte mein Denken und Fühlen, sondern das Mitgefühl mit der wachsenden Zahl der Flüchtlinge in unseren Botschaften. Die Suche nach einer Antwort verlieh mir Kräfte, stärker, als man sich das vorstellen kann. Deshalb schob ich auch jeden Gedanken zur Seite, im September nicht zu den Vereinten Nationen zu reisen. Denn dort würde ich sie ja alle treffen, die Außenminister der DDR, der Sowjetunion, Polens, Ungarns, aber auch der USA und aller anderen westlichen Freunde. Es musste darum gehen, in Gesprächen die zur Entscheidung Berufenen zu überzeugen und die Unterstützung der nicht Betroffenen zu mobilisieren.

In diese Anspannung hinein gab es dann auf dem Balkon in Prag die unvergessliche Stunde, in der mich Glücksgefühle, Dankbarkeit und Demut in gleicher Weise erfassten. Aber auch die tiefe Ahnung, dass nichts mehr so sein würde, wie es war. Ich denke, die Welt hat damals erlebt, dass wenige tausend Menschen, die ihr Schicksal mutig in die Hand genommen hatten, das Weltgeschehen bewegten. Und sie haben damit Geschichte geschrieben. Das geschah vor den Augen der ganzen Menschheit, nicht in Konferenzsälen und gottlob auch nicht auf dem Schlachtfeld, deshalb wurde daraus eine friedliche Freiheitsrevolution. Es fand seine Antwort in den Straßen von Leipzig und überall mit dem stolzen Wort »Wir sind das Volk« und »Wir sind ein Volk« und mit dem Aufruf zur Menschlichkeit. Ganz einfach und ganz klar: »Keine Gewalt!«

Keine Gewalt – das möchte man heute allen zurufen, die Verantwortung tragen oder sie übernehmen wollen.

REGINA ZIEGLER

Als Ulrich Schamoni fünfzig wurde

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Regina Ziegler, 1991

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, schreibt Thomas Mann am Anfang seiner Joseph-Tetralogie. In diesem Fall ist er über zwanzig Jahre tief – die Erinnerung an diesen besonderen Sommer und den Herbst 1989, mit dem das »kurze zwanzigste Jahrhundert«, wie es der englische Historiker Hobsbawm einmal genannt hat, zu Ende ging. Was für eine Zeit!

Wenn ich in den tiefen Brunnen der Vergangenheit hinabsteige, dann ist das Erste, was mir in den Sinn kommt, dass die ganze Zeit etwas in der Luft gelegen hat, schon über das Frühjahr und den Sommer hinweg. Das habe ich als ein besonderes Gefühl einer Westberliner »Insulanerin« noch sehr gut in Erinnerung. Und für dieses Klima gab es ja auch Gründe. Der Eindruck verbreitete sich, dass sich in der DDR wieder einmal etwas verändern könnte. Aber was war es diesmal? Schließlich hatten die Älteren auch noch den 17. Juni 1953 im Gedächtnis, an dem sich auch etwas verändert hat, und den 13. August 1961, der alles, was sich noch – zum Besseren – hätte verändern können, abgewürgt hat. Und dann trat diese neue, irgendwie eigenartige Gestalt an der Spitze des ZK in Moskau ins Rampenlicht, Michail Gorbatschow, mit seinen völlig ungewöhnlichen Schlagworten von Glasnost und Perestroika. Es gab im Frühsommer diesen seltsamen Jubiläumsbesuch in Ostberlin, bei dem kein Zweifel blieb, wer Koch und wer Kellner war.

Filmproduzenten erinnern sich vor allem an die Rolle, die Filme im Zusammenhang mit Veränderungen gespielt haben. Mir kommt in diesem Fall Tengis Abuladses Film »Die Reue« in den Sinn, eine Abrechnung mit dem Stalinismus, ein Film, der in der Sowjetunion lange nicht gezeigt werden durfte. Was war davon zu halten, dass er nun in Moskau in die Kinos kam? Heinz Ungureit hatte die Rechte für das ZDF erworben und den Film 1987 ausgestrahlt. Er hatte damit in der DDR scharfe Polemiken auf sich gezogen.

Wie passte das jetzt zusammen mit der Lockerung in der Sowjetunion? Es war ein Sommer der wilden Gerüchte. Horst Pehnert, der DDR-Filmminister, so hörte man, habe sich gegen Widerstände dafür starkgemacht, die Regalfilme und die sogenannten Kellerfilme einiger DEFA-Regisseure, die aus der Zeit um 1961 (!) stammten, aber nie zu sehen waren, in die Kinos zu bringen. Und man erwäge auch, »Die Reue« zu zeigen.

Lag also mehr in der Luft als sonst?

Hatte sich die Luft selbst, die man ja nicht sehen kann, in ihrer Zusammensetzung verändert? Jetzt sah man im Fernsehen diese Geisterzüge mit den Bürgern der DDR durch Dresden fahren. Man sah, was den Menschen an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich passierte. Man sah und hörte Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Da war der September schon fast vorbei. Alles Zeichen. Und mehr und mehr auch Aktionen, Belege für die Vermutung, dass diesmal wirklich etwas passieren würde. Aber das alles konnte auch bedeuten, dass es am Ende wieder nur zu einer Katastrophe kam.

So gingen die Tage dahin. Und auch der 9. November war für uns zunächst nur deshalb ein besonderer Tag, weil es der fünfzigste Geburtstag unseres Freundes Ulrich Schamoni war, mit dem zusammen ich auch die Firma Bärenfilm hatte. Das war für die Westberliner Kulturschaffenden, speziell für die Leute vom Film, ein Ereignis der besonderen Art. Es war Präsenzpflicht. Auch für die politische Prominenz, die Schamoni als ein begnadeter Netzwerker über die Jahre hin gut beraten und gut genutzt hat. Also fand das Ganze in den Ballsälen in Neukölln statt. Da war genug Platz.

Ich hatte mich zusammen mit der Schauspielerin Brigitte Mira auf den Weg zu der Feier gemacht. Wolf Gremm, mein Mann, musste absagen. Er musste einen Film fertig schneiden, in dem Ruth Maria Kubitschek die Hauptrolle spielte, und dessen Titel zufällig hieß »Ich will leben«. Als wir ankamen, trafen wir auch Freunde von jenseits der Mauer. An diesem Abend war es etwas konkreter gemeint als sonst, wenn man sie fragte: Wie geht’s? Jeder von ihnen wusste irgendetwas Neues, aber keiner wusste Genaues. Und dann rief plötzlich – ich glaube, dass es Schamoni selbst war – fast hysterisch jemand »Ruhe!«, und wir sahen TV-Bilder wie aus einem Science-Fiction-Stück: Trabis mit Weinenden und mit Jubelnden, die über den Übergang Invalidenstraße fuhren, als wäre da nie Grenze gewesen, Menschen, die sich in den Armen lagen, Reporter, die hörbar einen Kloß im Hals hatten. Bilder, die sich in die Netzhaut gebrannt haben bis heute, Nachtbilder ohne Hintergrund, die etwas total Unerwartetes zeigten, die etwas gespenstisch Schönes hatten.

Man wollte das nicht für wahr halten.

Nie soll noch jemand behaupten, Fernsehen könnte keine Gefühle erzeugen, könnte nichts in Bewegung bringen. Ulrich Schamoni hatte mit seinem Fünfzigsten plötzlich keine Platzprobleme mehr. In einer Mischung aus Freude und Verlegenheit verabschiedeten sich seine Gäste, erst vereinzelt, dann massenhaft, kaum dass das Fest begonnen hatte. »Du verstehst doch«, sagten sie. Und er verstand.

Auch uns hat es nicht mehr gehalten. Mit Biggi Mira wollte ich – ich weiß nicht mehr warum – zum Brandenburger Tor, obwohl man da doch gar nicht richtig hinkonnte. Aber das kümmerte uns nicht. Erst fuhren wir durch leere Straßen, doch je näher wir unserem Ziel kamen, desto mehr Menschen waren unterwegs, mit Autos und zu Fuß, einzeln, in Gruppen. An der Straße des 17. Juni kam man mit dem Auto nicht mehr weiter. Also gingen auch wir zu Fuß. Und wurden immer mehr Teil einer unübersehbaren, einer unvergesslichen Menschenmenge. So heiter und gelöst habe ich Massen noch nie und nie wieder erlebt. Jeder schien jeden zu kennen. Man wurde pausenlos angesprochen.

Und auch das Geschäft blühte. Wie aus dem Nichts gab es plötzlich Stände, an denen man Sekt, an manchen sogar Champagner trinken konnte. Wir kauften, und wir tranken. Und ich dachte: Wer hält das für die Nachwelt fest? Das muss man doch filmen! Und immer wieder ging mir das Lied von Günter Neumann durch den Kopf: »Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder schönes Festland wird.« War es jetzt so weit? Ja, ganz offenbar war es so weit.

Es war weit nach Mitternacht, als ich Biggi Mira nach Hause brachte und dann selbst nach Hause kam. Mein Mann war inzwischen auch da und wusste schon alles, und wir stießen auf das Ende der Insel Westberlin an.

Am nächsten Morgen musste ich nach Warschau. Das weiß ich noch wie heute, bis ins kleinste Detail. Es war der letzte Drehtag von Andrzej Wajdas Film »Korczak«, den ich produziert habe, einer meiner wichtigsten Filme. Wir waren für diesen letzten Drehtag verabredet, und ich sah keinen Grund, daran etwas zu ändern. Wie üblich wollte ich von Schönefeld aus fliegen.

Aber an diesem Tag war nichts wie üblich. Dass ich das Flugzeug noch erreichte, war reines Glück. Ein befreundeter Filmproduzent hatte mir seinen Fahrer »geliehen«, der den Weg nach Schönefeld über Rudow gut kannte, und der auch oft in Adlershof gewesen war. Als wir uns der Grenze näherten, waren plötzlich alle Straßen dicht. Doch der Fahrer blieb ruhig und fand Umwege, fuhr über Feldwege, vorbei an den Tausenden, die nach Westen unterwegs waren. Kontrollen in Schönefeld, sonst eine besondere Tortur, gab es so gut wie keine, was mir viel Zeit sparte.

Als ich am Gate ankam, wollten sie gerade zumachen. Aber ganz anders als sonst lachten die »Grenzer«, machten das Victory-Zeichen und winkten mich durch.

In Warschau feierten wir mit unserem Filmteam den Fall der Mauer, Polen und Deutsche gemeinsam. An irgendwelche Untertöne habe ich keine Erinnerung.

Als ich zurück nach Berlin kam und in mein Büro in der Budapester Straße wollte, war das nur zu Fuß möglich. Die Straße war unbefahrbar, weil sich eine riesige Schlange gebildet hatte, die, wie ich herausfand, bei Beate Uhse in der Kantstraße anstand. Auf den ersten Blick fand ich das ziemlich eigenartig. Da fällt die Mauer, und die, die sich jetzt frei bewegen können, haben nichts Besseres zu tun, als bei Beate Uhse anzustehen?

Mein zweiter Gedanke war aber, dass sich vielleicht auch in diesem Verhalten zeigt, was es heißt, frei zu sein, so frei, sich für seine erotischen Phantasien bisher verbotene Hilfsmittel zu beschaffen. Beate Uhse hat mich ein paar Tage später angerufen und mich eingeladen, mir das Zelt anzusehen, das sie inzwischen am Alex aufgebaut hatte. Man bekam dort ihr gesamtes Sortiment zu Sonderpreisen. Sie musste für den Nachschub zusätzliche Lastwagen anmieten.

Was der 9. November alles elementar verändert hat, kann und muss hier nicht weiter erwähnt werden. Nur so viel sei gesagt, dass er auch für uns Filmemacher eine Menge Neues gebracht hat. Eine meiner schwierigsten und auch interessantesten Produktionen war Marcel Ophüls’ Film »Novembertage«, eine erste Aufarbeitung der Veränderungen. Er kam im November 1990 heraus.

Schon bald nach der Öffnung der Mauer haben wir mit den Vorbereitungen zu unserem Film »Die Mauerbrockenbande« begonnen. Und was erlebten wir da? Als wir so weit waren, gab es nur noch Teile der Mauer. Weil wir aber den Eindruck erwecken mussten, dass die Mauer noch vollständig stand, mussten wir ein kleines Stück, das stehen geblieben war, für unsere Zwecke fortgesetzt umspritzen. So schnell ändert sich, was einmal unveränderlich erschienen war.

Mein Freund Ulrich Schamoni hat seinen Sechzigsten nicht mehr erlebt. Als er das wusste, hat er auf eine für ihn typische Weise reagiert, trotzig und fröhlich. Dann nehmen wir eben den Neunundfünfzigsten für den Sechzigsten, erklärte er in seiner Einladung. Diesmal hatte er nicht nach Neukölln eingeladen, sondern – auch dies eine seiner vielen symbolischen Handlungen – in die ehemaligen Defa-Studios nach Babelsberg.

ALEXANDER OSANG

Der tiefe Schlaf

027.tif

Alexander Osang, 1992

Als ich im Radio hörte, dass die Mauer fällt, bin ich schlafen gegangen. Es klingt heute seltsam, aber ich hatte meine Gründe. Ich war müde. Die revolutionäre Stimmung, die seit Wochen herrschte, schlauchte, außerdem zogen wir am nächsten Tag um.

Wir wohnten damals in Berlin-Karlshorst. Meine Freundin, unser fünfjähriger Sohn und ich. Es war eine Zweizimmerwohnung, Ofenheizung, viele Außenwände. Es gab ein winziges Badezimmer, eigentlich ein Klo, in das der Vater meiner Freundin eine gebrauchte Duschkabine gestellt hatte. Aus irgendeinem Grund, den ich inzwischen vergessen habe, hatte er die Pumpe der Duschkabine vorher ausgebaut und auf seinem Wochenendgrundstück anderweitig eingesetzt. Ich weiß nicht genau, ob es daran lag, aber die Duschkabine fauchte, wenn sie lief, wie ein wildes Tier. Man konnte immer nur ganz kurz duschen, manchmal auch gar nicht, weil das Wasser kochte oder bereits verkocht war, außerdem stand die Kabine zwischen Tür und Klo, so dass dicke Personen wie der Großvater meiner Freundin unsere Toilette nicht aufsuchen konnten. Er kam kaum zu Besuch.

Die Kommunale Wohnungsverwaltung beeindruckte das alles nicht. Wir hatten vor Jahren einen Antrag auf eine andere Wohnung gestellt. Sie wurden erst weich, als die Öfen auseinanderfielen. Der Ofen im Schlafzimmer war schließlich nicht mehr beheizbar, wie der Bezirksschornsteinfeger bestätigte. Der Winter stand vor der Tür. Wir wären im Schlaf erfroren. Oder erstickt. In dem Moment wiesen sie uns eine andere Wohnung zu.

Es war wieder nur eine Zweizimmerwohnung. Mehr Zimmer standen uns nicht zu, denn wir waren nicht verheiratet, was damals wichtig war, wenn es um Wohnraum ging. Die neue Wohnung aber war wunderbar. Sie war nur anderthalb Straßen von unserer alten entfernt. Irgendein Bastler hatte sie in das Dach eines alten Mietshauses gebaut. Das Wohnzimmer hatte ein riesiges Fenster, eine Schaufensterscheibe, die der Bastler ins Dach gesetzt hatte. Außerdem gab es einen Kamin und eine Koksheizung, die vom Keller aus betrieben wurde. Eine Heizung, die nur für unsere Wohnung eingebaut worden war. Sie war nicht besonders effektiv, man schaufelte dort unten wie der Heizer des Totenschiffes gegen die Kälte an, und Koks war auch schwer zu bekommen, aber das wussten wir noch nicht. Das Bad war gefliest, es gab eine Badewanne und eine Toilette, die auch für dicke Menschen problemlos erreichbar war. Leider habe ich den Bastler nie kennengelernt, um mich zu erkundigen, wie er das alles hinbekommen hatte. Ich bekam es nur mit seinem Nachmieter zu tun, einem muffligen, humorlosen Mann, der später eine Art Bauernsitzecke in die Traumwohnung eingebaut hatte, die er von uns bezahlt haben wollte. Die Sitzecke war hässlich, ich wollte sie nicht haben. Er riss sie heraus und schleppte sie mit in eine Vierzimmerneubauwohnung nach Lichtenberg. Ich kann nur vermuten, wie er an die gekommen war.

Mein Vater verlegte mit einem Freund grauen Nadelfilz, weil der geizige Vormieter nicht nur seine Bauernecke, sondern auch große Teile des Fußbodenbelags mitgenommen hatte. Die Möbel und Zimmerpflanzen stammten zu großen Teilen aus der Wohnung meiner Schwester, die die Staatssicherheit versiegelt hatte, nachdem mein Schwager in den Westen geflüchtet war und meine Schwester einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Sie wohnte mit ihrem Sohn bei einer Freundin. Das Herz der Möblierung war eine Couchgarnitur, die meine Mutter »Schwedenmöbel« nannte. Sie hatte früher meinen Eltern gehört. Außerdem gab es sehr viele Zimmerpalmen, denn bevor mein Schwager in den Westen flüchtete, hatte er Palmen gezüchtet und verkauft.

Seine Haupttätigkeit hatte allerdings darin bestanden, massenweise DDR-Turnbekleidung zu kaufen, mit Puma- bzw. Adidaszeichen zu bedrucken und an der Ostsee an Urlauber aus Sachsen zu verkaufen. Er verdiente damit an einem Wochenende so viel wie ich im ganzen Jahr. Dennoch war er im Juni über Ungarn in den Westen geflüchtet und wohnte momentan in einem Aufnahmelager für Ostflüchtlinge in Westberlin. Er arbeitete als Maler. An den Wochenenden stieg er auf einen der Grenztürme auf der Westseite und winkte meiner Schwester und meinem Neffen, die auf der anderen Seite der Mauer standen, von dort zu.