Tom Grieves

Totenstill ruht der See

Thriller

Aus dem Englischen
von Ursula Walther

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Inhaltsübersicht

Prolog

Teil eins

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Teil zwei

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Teil drei

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Danksagung

Informationen zum Buch

Über Tom Grieves

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

PROLOG

Obwohl das Wasser kalt und klar ist, birgt es Geheimnisse. Die Kieselsteine an den seichten Stellen am Rand sind noch deutlich zu sehen, aber eine gute Meile seewärts, wo der Wind die Oberfläche aufwühlt, ist der See so tief, dass der Grund nicht mehr zu erkennen ist. Blickt man von dort aus zurück zum Ufer, sieht man die steilen Felsen, die sich majestätisch in die anrollenden Wolken erheben. Klobige Vorsprünge durchsetzen die Hänge, Schafe grasen auf den Wiesen, und uralte Steinmauern unterteilen das Land. Der Anblick ist seit Jahrhunderten unverändert.

Dieselbe Szenerie umrahmte schon 1604 das kleine Dorf Lullingdale. Die Einwohner waren redliche, gottesfürchtige Männer und Frauen, die dem Land ihren mageren Lebensunterhalt abtrotzten. Zu ihnen gehörte ein hübsches junges Mädchen namens Catherine Adams. Catherine hatte sechs jüngere Geschwister und war deshalb gezwungen gewesen, schnell erwachsen zu werden. Ihre Stellung als Älteste hatte dazu geführt, dass sie bei der Pflege der Kleinen und den Geburten mithelfen musste. Schon mit neun Jahren betätigte sie sich als Hebamme. Margaret Gifford, die Frau des Pelzhändlers, schwor, dass sie die Geburt ihres ersten Kindes niemals überlebt hätte, wäre Catherine nicht gewesen, und erstaunlicherweise war nie ein Säugling in ihrer Obhut gestorben. Catherine wurde rot und verlegen, wenn man sie lobte, und ganz gewiss war sie nicht diejenige, die von Wundern sprach. Dennoch fiel dieses Wort des Öfteren, und im Laufe der Zeit verbreiteten sich die Gerüchte über sie bis zum Hof von König James I.

König James galt ebenfalls als gottesfürchtiger Mann. Seit er im Jahr 1590 eine Verschwörung von ungefähr dreihundert Hexen, die ihn ermorden wollten, überlebt hatte, war er entschlossen, das Land von dem Fluch zu befreien. Dieser Vorsatz wurde zur Besessenheit, und schon bald entwickelte sich der Monarch zum Experten auf dem Gebiet der Hexenverfolgung. Die verruchten Frauen, so war seine Überzeugung, tanzten mit dem Teufel, und wo es eine gab, waren andere nicht weit. Zudem ließ er verlauten, dass man sie an Handlungen erkannte, die im Grunde als wohltätig angesehen werden konnten. Das Heilen beispielsweise musste nicht das sein, als was es erschien. Ebenso verhielt es sich mit der Fähigkeit, Kindern ohne Leid auf die Welt zu verhelfen.

Catherine Adams zuckte verschämt mit den Schultern, wenn man sie auf ihre Kunst ansprach. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Glück und Geschick John Stern und seine Männer auf den Plan riefen. Sie kamen ins Dorf und beäugten misstrauisch alle Frauen.

Bevor John erschien, wurde es als selbstverständlich angesehen, dass Catherine eines Tages den schüchternen Schäfer Robert Cox heiraten würde. Das ganze Dorf hätte diese Vereinigung mit Freuden gefeiert. John Stern ließ sich allerdings von ihrer liebenswürdigen Art nicht hinters Licht führen. Sobald er Catherine zum ersten Mal zu Gesicht bekam, wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er sie entlarvte.

Catherine wurde nackt ausgezogen; und obschon man kein Teufelsmal an ihr entdecken konnte, blieb John Stern unbeeindruckt. Hexen, erklärte er den Dorfbewohnern, seien listig und trügerisch. Er stach ohne Vorwarnung mit einem spitzen Stock in Catherines Rücken. Im ersten Moment reagierte sie nicht, und John verkündete, dass die Unfähigkeit, Schmerz zu empfinden, ein untrüglicher Beweis für ihre Verderbtheit sei. Damit war ihr Schicksal besiegelt.

Das Mädchen wurde abgeführt, für schuldig befunden und verurteilt. Jetzt diente sie nur noch einem Zweck – durch sie sollten ihre Artgenossinnen aufgespürt und enttarnt werden. John diente dem König und tat Gottes Werk. Er bat die Dorfbewohner inständig, ihm zu helfen, das Böse auszurotten und ihre Seelen von der Gefahr zu befreien, die unerkannt in ihrer Mitte drohte.

Vielleicht hatte Catherine beim Maifest zu ausgelassen getanzt. Hätte ihre Mutter nicht alle Hände voll mit ihren wilden Söhnen zu tun gehabt, hätte sie ihre Älteste vielleicht ermahnt, nicht so unbekümmert mit den Männern zu lachen. Und wenn Catherine nicht so hübsch gewesen wäre, hätten die Dorfbewohner vielleicht nicht tatenlos zugesehen, wie John Stern und seine Männer sie wegschleppten.

Am nächsten Morgen wurde eine schmutzige, geprügelte, blutige Gestalt in Ketten durchs Dorf geführt. Sie war eine Hure, eine Hexe, eine Gespielin des Teufels, und sie hatte sie alle betrogen und geblendet. Es ist nicht bekannt, ob Catherine während der Verhöre Lucy Darwents Namen erwähnt hatte oder ob John Stern den starren Blick des Mädchens auf sich fühlte – jedenfalls zeigte er mit dem Finger auf sie. Niemand hielt seine Männer auf, als sie Lucy ergriffen, zu Boden warfen, ihr den Rock bis zur Taille aufrissen und verlautbarten, dass der Leberfleck auf ihrem Schenkel ein Teufelsmal sei. Voller Zorn und Angst spuckte sie John Stern ins Gesicht und schrie die Männer an, während sie ihr den Schädel rasierten, ihr in die Kopfhaut schnitten und die Zähne einschlugen. Eben noch war sie eine schöne junge Frau gewesen, aber durch diese rüde Behandlung wurde sie als gefährlich gebrandmarkt, und ihre geschundene Erscheinung bestätigte die Vorwürfe der Männer.

Im Frühjahr war eine Schafherde umgekommen, und als das Unglück passierte, schrieb man es dem Pech und der Unachtsamkeit des Schäfers zu, der die Tiere bei schlechtem Wetter in zu großer Höhe hatte grasen lassen, aber jetzt, da der erfahrene John Stern die Ereignisse untersuchte, wurde offenbar, dass nur Flüche und Zauberei den Tod der Herde herbeigeführt haben konnten. Die einzige Frau, die imstande war, so viele Tiere auf einmal zu verhexen, war Elinor Sibbell, eine buckelige Großmutter, die nie auch nur einen Tag außerhalb des Dorfes zugebracht hatte. Elinors Alter und Gebrechlichkeit stimmten Johns Männer keineswegs gnädig. Sie wurde in Ketten gelegt und behandelt wie die anderen festgenommenen Übeltäterinnen.

Als er sechs Frauen dingfest gemacht hatte, gab sich John Stern zufrieden. Möglicherweise murrten einige seiner Schergen, weil sie Johns Arbeit für unergiebig hielten, diese Ansicht blieb jedoch im Dunkel. John konnte sich vielmehr auf die Furcht der männlichen Bevölkerung verlassen. Sie waren erpicht darauf, das Böse in ihrem Dorf zu vernichten, und wütend auf sich selbst, weil sie so blind gewesen waren; gleichzeitig fürchteten sie, dass ihre Unfähigkeit, das Böse rechtzeitig zu erkennen, die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf sie ziehen würde.

Was in dieser Nacht genau geschah, ist nicht überliefert. Die Hexen wurden in eine Hütte am Rand des Dorfes gebracht, wo sie ihre Untaten gestanden und ihre Sünden bereuten. Die Ehemänner ließ man wissen, dass man ihnen nichts zur Last legte. Satan allein trug die Schuld an allem, und sie konnten nichts weiter tun, als Gott anzuflehen, sie von den schwarzen Herzen ihrer Frauen zu befreien. Sie zogen Trost aus Johns Worten. Unter ihnen herrschte die einhellige Meinung, dass die Niedertracht der Frauen unübertroffen sei, und sie nahmen sich vor, sich nie wieder so täuschen zu lassen. Sie suchten Zuflucht in der Gesellschaft der Leidensgenossen – das gab ihnen Sicherheit. Vielleicht machte die Dunkelheit diesen drastischen Sinneswandel möglich. Unter einem schwarzen, sternenlosen Himmel war es leicht, Geister, Dämonen und Unholde heraufzubeschwören.

Am frühen Morgen wurden die Hexen auf den Dorfplatz gebracht, und die Dorfbewohner verfluchten und bespuckten sie, während der stattliche John Stern ihre Geständnisse kundtat. Sie hatten den Mord an Francis Cliffords Preisbullen zugegeben, von dem ursprünglich alle angenommen hatten, er sei an Altersschwäche verendet, und eingestanden, nachts, wenn alle anderen schliefen, nackt an einem Feuer am See mit dem Teufel getanzt und düstere Pläne geschmiedet zu haben. John Stern verstand sein Handwerk und behielt die Menge mit meisterhaftem Geschick unter Kontrolle. Offenbar fiel niemandem auf, dass die Frauen stumm blieben. Wer sollte die Worte des ehrenwerten John Stern, der König James I. und Gott, dem Allmächtigen, diente, in Frage stellen?

Der sieben Jahre alte William Henshaw war überglücklich, das Boot seines Vaters für den letzten Beweis und die Läuterung der Hexen zur Verfügung stellen zu dürfen. Die Dorfbewohner kamen herbei, um zuzuschauen, wie John und zwei seiner Leute die Frauen auf den See ruderten. Weit draußen wurden die Verurteilten mit auf dem Rücken gefesselten Händen und zusammengeketteten Füßen ins Wasser gestoßen. Alle versanken, ohne irgendwelche Spuren zurückzulassen. Der aufrechte John wertete dies als Zeichen dafür, dass damit ihre Sünden ausgemerzt seien. Hätten die Hexen an der Oberfläche getrieben und überlebt, wären ihre Herzen nach wie vor von der Macht des Teufels besessen gewesen. Das ruhige Wasser war der Beweis für den Sieg des Guten. Die von Dämonen Besessenen waren vernichtet, die Gefahr war gebannt, und John Stern konnte die Dörfler wieder ihrem Leben in Gehorsam überlassen.

Die Männer hatten ihrem Retter begeistert zugejubelt, solange er in ihrer Mitte gestanden hatte, und sogar der gewöhnlich so stille Robert Cox hatte gegrölt und der hübschen Catherine ins Gesicht gespien. Doch bei dem Schauspiel, das sich ihnen auf dem See bot, erstarb ihr Enthusiasmus. Während die armen Frauen im Wasser versanken, verstummten die Männer, stattdessen erhob sich das Heulen der Schwestern, Mütter und Töchter, die in ohnmächtiger, verzweifelter Trauer ihre Lieben beweinten. Die Männer brachten es nicht fertig, sie offen anzusehen.

Der ehrenwerte John Stern und seine Männer blieben noch eine Nacht und taten sich in der Herberge ausgiebig an Bier und Speisen gütlich. Im Morgengrauen brachen sie auf, um eine Frau in einem anderen Dorf ausfindig zu machen, die sich Gerüchten zufolge in der Dämmerung in eine Elster verwandelt hatte. In Lullingdale wurden sie nie wieder gesehen.

Sobald das Klappern der Hufe verhallte, waren nur noch das vertraute Rauschen des Windes in den Bäumen, das Murren des Viehs und das Plätschern der Wellen zu hören. Die Natur blieb unverändert. Aber die Frauen und Männer warfen sich nur noch verstohlene Blicke zu, ohne einen echten Kontakt zuzulassen. Einst hatten sie zusammen getanzt und sich an den Händen gehalten. Ganz allmählich verblassten jedoch die Erinnerungen an die schicksalhaften Tage, und nach und nach wurden wieder Feste gefeiert.

Der See war immer gleich – trotz Eis, Regen und Schnee. Er schluckte alles mit Haut und Haaren. Die Dorfbewohner schauten hinaus aufs Wasser, nach ihnen nahmen ihre Kinder und Kindeskinder ihre Plätze am Ufer ein. Der See würde immer da sein und die Geschichten bewahren, die von einer Generation zur nächsten weitererzählt wurden.

TEIL EINS

1

Der kleine Arthur Downing rannte vom See in den Wald und warf sich auf den Bauch.

Wenn ich mich nicht bewege, dachte er, wenn ich mich tot stelle und keinen Laut von mir gebe, findet mich die Hexe vielleicht nicht.

Er lag inmitten des Dickichts, presste das Gesicht in die moosige Erde und lauschte. Er war überzeugt, kein Geräusch zu verursachen, obwohl seine kurzen Beine zitterten. Doch vielleicht genügte das nicht.

Die Seehexen kamen aus dem Wasser und versprachen den Kindern Geschenke. Aber unter ihren weiten Mänteln verbargen sie Dolche und silberne Schnüre. Sie zogen ihre Opfer unter Wasser, ganz, ganz tief, und auf dem Grund spielten sie mit ihnen wie Katzen mit Mäusen.

Der kleine Junge hieß Arthur wie sein Großvater und war der Letzte einer langen Reihe von Arthur Downings. Es war ein Name, auf den man stolz sein konnte. Doch als die Frau ihre behandschuhte Hand nach ihm ausgestreckt und gesagt hatte: »Arthur Downing, der bist du doch, oder? Komm mit mir, Liebling, ich möchte dir etwas Aufregendes zeigen«, wünschte er verzweifelt, er würde ganz anders heißen. Ihm war sofort klar, wer diese Frau in Wirklichkeit war. Er war zwar erst neun Jahre alt, aber er hatte die Nachrichten verfolgt und das Gerede der Leute gehört und wusste, dass die Hexen zurückgekommen waren.

Die Frau hatte ihm einen Schauer über den Rücken gejagt – so ähnlich musste sich ein Kaninchen fühlen, das über sich die Falken kreisen sah. Möglicherweise verbarg sie mit den Handschuhen ihre Klauen, die sich ins Fleisch bohrten, wenn sie zupackte und ihre Beute nicht mehr entkommen ließ. Er fragte sich, ob Lily diese scharfen Krallen schon gespürt hatte. Er wusste nicht, wo seine kleine Schwester abgeblieben war, und war hin- und hergerissen zwischen der Sorge um Lily und der lähmenden Angst, die ihn auf der Erde festhielt.

Er horchte wieder und hob den Kopf ein wenig, um sich umzuschauen, doch die Felsen verstellten ihm den Blick, und nur das leise Plätschern der Wellen, die aufs Ufer rollten, drang an seine Ohren. Die Hexe hatte ihm nachgerufen, als er fortgelaufen war, und gelacht, als wäre er bloß ein kleiner, dummer Junge. Bestimmt schwebte sie jetzt über den Baumwipfeln, um nach ihm Ausschau zu halten, und rief ihre Schwestern aus den Tiefen des Sees herbei. Kein Kind, das jemals eine Hexe zu Gesicht bekommen hatte, hatte die Begegnung lange genug überlebt, um anderen davon erzählen zu können. Doch Arthur Downing hatte sich fest vorgenommen, das erste zu sein.

Es war schmutzig und kalt auf dem Waldboden, doch Arthur rührte sich nicht von der Stelle. Einmal hatte ihn seine Mum aus dem Haus gesperrt, und er hatte die ganze Nacht gefroren. Später waren sie übereingekommen, mit keiner Menschenseele über diesen Vorfall zu sprechen. Damals war er wenigstens in der Lage gewesen, in der Dunkelheit herumzulaufen, um sich ein wenig warm zu halten, aber heute musste er still liegen wie ein schlafender Löwe.

Die Spitzen der nassen Farnwedel stachen ihn in den Nacken – bald hielt er es nicht mehr aus. Er setzte sich langsam und lautlos auf, um sich umzuschauen. Er spähte in die Baumkronen und suchte jeden einzelnen Ast mit Blicken ab. Zwei rote Eichhörnchen flitzten um einen Stamm, ehe sie in einen dicken Laubhaufen huschten. Arthur saß da und lauschte. Wasser, Wind, der Schrei eines Vogels – nichts sonst. Schließlich stand er auf. Seine Beine waren steif und eiskalt. Er wischte seine schmutzigen Hände am Hosenboden ab und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Irgendwo dort unten, direkt vor ihm war der See. Würde Arthur nach rechts gehen, käme er nach Hause, links erstreckte sich der finstere Wald. Dad hatte dafür gesorgt, dass er sich vor dem Wald und dem Bootshaus, das dort unten knarrte und ächzte, fürchtete. Dorthin wollte er auf keinen Fall.

Arthur malte sich aus, wie sie Lily unter Wasser zogen, und seine Zuversicht schwand. Schließlich zwang er sich, aufzubrechen und den Nachhauseweg einzuschlagen. Das grüne, orangefarbene und gelbe Laub verdeckte die Aussicht auf den See, der Junge wusste jedoch, dass er da war. Er musste vorsichtig sein. Hinter den letzten Bäumen am Waldrand blieb er stehen, stützte sich mit einer Hand an einem mit Flechten bewachsenen Stamm einer Platane ab, wartete und beobachtete die Umgegend. Niemand war zu sehen. Er brauchte nur am Rand des Kieselsteinufers bis zur Straße zu gehen und nach Hause zu rennen. Nur fünf Minuten. Ganz einfach.

Er trat hinter den Bäumen hervor und machte sich auf den Weg. Er starrte auf das Wasser zu seinen Füßen, es schien auf ihn zuzukriechen. Er wich einen Schritt zurück, doch es kam ihm nach. Es sollte unbewegt sein, dachte er. Er hob den Kopf und blickte über die Oberfläche des Sees. Die Dunkelheit und enorme Größe brachten ihn zum Schaudern. Er rechnete fast damit, Lily, die mit starrem Blick zu ihm aufschaute, in den Tiefen zu entdecken.

Er rannte wie ein Krebs über den Strand, ohne die Augen von den Wellen zu wenden. Dann bog er in den Weg ein, um nach Hause zu laufen, und plötzlich stand sie da. Mit einem Lächeln im Gesicht. Als sie die Hand auf seine Schulter legte, blieb ihm das Herz stehen.

Die Hexe sah sich um; sie ähnelte wirklich einem Falken. Ihre Augen bewegten sich schnell – ihnen entging nichts. Arthur fing an zu schreien. Die Hexe kauerte sich nieder, um ihr Gesicht ganz nah an seines zu bringen. Sie trug einen langen, eleganten dunkelroten Mantel, aber Arthur fielen ein kleiner Zweig und die dürren Blätter auf, die an einem Ärmel hafteten. Demnach war sie im Wald gewesen – zweifellos hatte sie sich hinter Bäumen und Gestrüpp versteckt. Jeden Moment würde sie ihn ergreifen und in den See zerren. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Er musste aufs Klo. Er schrie und wusste, dass er bald sterben würde.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte sie. »Dir wird nichts Schlimmes geschehen. Wir wollen nur ein Spiel spielen.«

Ja, sie wird mit mir spielen, dachte er, wie es die Katzen in der Scheune machen.

»Bitte«, flehte er. »Bitte, ich will nach Hause.«

»Hab keine Angst. Deine Schwester wartet auf dich. Und wir werden viel Spaß miteinander haben.«

Sie lächelte ihn an, und er versuchte, es ihr gleichzutun, obschon sie sicherlich kein Lächeln erwartete, wenn ihm nach Flucht zumute war. Doch dann begann ihr Zauberbann zu wirken. Arthur starrte auf die Wellen, und die Magie war so stark, dass er das Gefühl hatte, das schwarze Wasser würde ihm bis über Mund, Nase und Augen reichen. Ihm wurde schwindlig. Er nahm wahr, dass die Hexe nicht mehr lächelte und sich von ihm abwandte. Mittlerweile war er jedoch machtlos. Er wollte schreien, aber der Hexenzauber war übermächtig. Alles um ihn herum lag im Nebel. Das Dunkelrot des Mantels verblasste und verschwand im Dunst.

Bald war er wie das Wasser – still und reglos. Fremd und unergründlich.

2

Zoe Barnes sah hinaus auf den See, rieb sich die Hände, um die Kälte zu vertreiben, und nahm die Landschaft in sich auf. Sie hatte sich in einem Reiseführer über diese Region informiert, bevor sie in Manchester losgefahren waren, aber die Details und historischen Gestalten verloren angesichts des Sees an Bedeutung. Ja, der See war in der Tat groß – zwei Meilen lang von Nord nach Süd –, und die steilen, stufenartigen Böschungen waren auf den Karten korrekt eingezeichnet, doch keine bloße Abbildung auf Papier konnte dieser Szenerie gerecht werden. Zoe betrachtete den Wald zur Linken und die mit Felsbrocken durchsetzten Hänge zur Rechten. Noch strahlte der Himmel in hellem Blau, aber die Sonne war bereits hinter den zerklüfteten Berggipfeln versunken. Die Stimmung erinnerte an die Abenddämmerung, obwohl noch helllichter Nachmittag war. Dünne Nebelfetzen hatten sich wie Tücher über den See gelegt. Zoe kam sich dumm vor, weil sie sich durch die Gegend von ihrer Arbeit hatte ablenken lassen, und kehrte dem See den Rücken zu.

»Dort drüben wurde das Fahrrad des Jungen gefunden«, sagte sie und deutete mit dem Finger auf die Stelle.

Ihr Boss, Sam, kam zu ihr – sie fühlte sich winzig neben seiner muskulösen Gestalt. Er schaute in die Richtung, in die sie zeigte, und nickte.

»Die Mutter hat das Rad gegen Viertel vor fünf gefunden«, fuhr Zoe fort. »Danach brach die Hölle los, alle schrien und liefen herum – ohne Erfolg. Arthur und Lily wurden zum letzten Mal gesehen, als sie um halb vier gemeinsam das Schulgebäude verließen.«

»Es ist schön hier«, stellte Sam fest.

Das stimmte, und Zoe war froh, dass ihm das auch auffiel. Sie hatten oft dieselben Gedanken.

»Wann sprechen wir mit den Eltern?«, wollte sie wissen.

»In einer halben Stunde.« Sam streckte sich und ließ die Schultern kreisen. Während der langen Fahrt hatte er sich sehr wortkarg gezeigt, aber sein Schweigen störte Zoe nicht, auch wenn es den meisten anderen Kollegen Unbehagen bereitete.

»Okay, checken wir erst mal im Hotel ein«, schlug er vor.

Sie rief ihm ins Gedächtnis, dass das Hotel nichts weiter war als ein Pub mit ein paar Fremdenzimmern. Er warf ihr den Wagenschlüssel zu.

»Ich wette, hier hat man nicht mal überall ein Handynetz«, fügte sie hinzu, »und es gibt nichts anderes zu essen als Gemüsesuppe aus der Dose und Kanincheneintopf.«

»DC Barnes?«

»Ja, DI Taylor?«

»Halt die Klappe.«

»Klappe halten, sehr wohl, Sir«, gab sie grinsend zurück.

Sie gingen zum Auto, das ein Stück weit weg am Ende einer holprigen Straße stand. Ehe sie einstiegen, drehte sich Sam noch einmal um und ließ den Blick schweifen; Zoe folgte seinem Beispiel und entdeckte das schmale Wolkenband, das sich über die Berge auf der linken Seite wälzte und von der unsichtbaren Sonne zum Leuchten gebracht wurde. Ein Schwarm Gänse flog tief über das Wasser hinweg. Zoe staunte, weil sie keinen Laut von sich gaben. Ansonsten rührte sich nichts. Früher hatte sie die größeren, bekannteren Seen besucht, auf denen sich Segelboote und Jetski-Fahrer tummelten. Sie erinnerte sich gern an diese glücklichen Kindertage, an denen sie stundenlang im Wasser geplanscht und nachts mit den anderen Mädchen im Zelt gekichert hatte. Aber an diesem See war es totenstill.

Sam hielt die Hände an den Seiten, und Zoe fragte sich unwillkürlich, wieso ihnen die Kälte nichts anhaben konnte. Sie versuchte es auch, steckte sie aber schnell wieder in die wärmenden Hosentaschen.

»Es gibt nur einen Weg hierher«, sagte Sam. »Diese Straße – sie endet auf dem Parkplatz.«

Sie betrachteten die kleine mit Kies bedeckte Fläche, auf der zwei, höchstens drei Autos Platz hatten, und den hübsch gemalten Wegweiser für Fußgänger.

»Rund um den See gibt es keine andere Straße«, fuhr Sam fort. »Wenn sich jemand die Kinder am See geschnappt hat, muss er seinen Wagen hier abgestellt haben. Oder er hat sie fortgetragen – das wäre allerdings ziemlich riskant gewesen und womöglich nicht unbemerkt geblieben. Wir müssen uns vergewissern, ob die Polizei alle Verkehrsüberwachungsanlagen auf dem Weg zu diesem See überprüft hat, falls es überhaupt welche gibt.«

Zoe nickte ärgerlich, weil sie selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen war.

»Und ich mag Gemüsesuppe«, setzte Sam augenzwinkernd hinzu. Sie stiegen ein und richteten die Sitze – er schob seinen zurück, sie ihren nach vorn.

»Ein gutes Gelände zum Joggen«, bemerkte sie. Er nickte desinteressiert. »Was meinst du, wie lange wir hier sein werden?«

Er zuckte mit den Achseln. Eine echt dumme Frage – Vermisstenfälle, insbesondere wenn Kinder betroffen waren, konnte man schwer einschätzen. Zoe wusste das. Sam hatte gesagt, dass sie die ursprünglichen Ermittlungen der örtlichen Polizei, die zu nichts geführt hatten, noch einmal ganz genau überprüfen würden, und es könnte sich alles Mögliche ergeben, sobald sie erst richtig angefangen hatten. Wieder zog der See sie magisch an. Der Nebel hatte sich verdichtet und hüllte das gegenüberliegende Ufer vollkommen ein.

»Weißt du, dass dies Hexenland ist?«, fragte Zoe.

Sam sah sie an. Er hatte wunderschöne blaue, klare Augen. Allein ein Blick aus ihnen genügte, um Verdächtige zum Reden zu bringen.

»In den alten Zeiten«, fuhr sie fort, als er nichts sagte, »trieben hier weiß Gott wie viele böse Frauen ihr Unwesen. Angeblich gab es so etwas wie eine Hexenverschwörung. Das steht im Reiseführer.«

»Du hast dir einen Reiseführer besorgt?«

Sie hob die Schultern – warum nicht? –, kam sich aber vor wie eine dumme Streberin.

Sam war verstummt, und Zoe merkte, dass er mit den Gedanken ganz woanders war. Er benahm sich oft so. Erst redete er mit ihr, dann überkam ihn etwas, und er saß geistesabwesend da. Das machte manchen ihrer Kollegen Angst, aber Zoe kannte ihn zu gut dafür. Sie vermutete, dass er an seine Frau dachte, also ließ sie ihn in Ruhe, drehte den Schlüssel im Zündschloss und setzte den Wagen zurück.

Noch ein Blick auf den Lullingdale-See. Einige Vögel flogen in den Nebel und verschwanden. Wäre sie allein gewesen, hätte sie angehalten, um zu sehen, ob sie zurückkehrten, aber Sams Schweigen zwang sie, das Auto zu wenden und ins Dorf zu fahren.

3

Zoe hatte recht. Sam dachte an seine Frau – daran, wie ihm ihr Haar ins Gesicht fiel, wenn sie auf ihm lag, und sie ihn auslachte, wenn er anfing zu murren. Er sah aus dem Fenster auf die hohe Hecke, welche die schmale Straße säumte, und gab sich Mühe, sich die Erinnerungen aus dem Kopf zu schlagen. Seine Gedanken fanden einen anderen Fixpunkt: das Gespräch mit Chief Superintendent Frey am Morgen.

Michael Frey war ein großer, hagerer Mann mit weißem, militärisch kurzgeschnittenem Haar. Es gefiel ihm, einen strengen Eindruck zu machen, deshalb lächelte er so wenig wie möglich. Nur wenn er sich in Gesellschaft härterer Männer befand, die die Täuschung durchschauten, bröckelte seine Fassade. Dann versuchte der Chief Superintendent ein wenig zu eifrig, den guten Kumpel zu mimen. Aus diesem Grund verabscheute Sam ihn.

»Wir haben einen merkwürdigen Fall«, begann Mr. Frey und schlug Sam auf die Schulter, als er ihm einen Stuhl anbot. Er selbst umrundete den Schreibtisch und nahm auf der anderen Seite Platz. Er spielte mit einem Briefbeschwerer, während er fortfuhr: »Zwei Kinder werden vermisst – vielleicht haben Sie die Berichte verfolgt. Geschwister – Arthur und Lily Downing; sie wurden zum letzten Mal in der Nähe ihres Wohnorts im Lake District gesehen. Seit vier Wochen wurde keine Spur von ihnen gefunden, und die örtliche Polizei tappt im Dunkeln. Die Presse hat mittlerweile das Interesse an dem Fall verloren – zum Glück. Trotzdem möchte ich, dass einer meiner Jungs noch einmal ein Auge auf die Sache wirft. Ich dachte, das ist etwas für Sie.«

Sam überlegte, was das bedeuten mochte und weshalb die Order vom Oberboss und nicht von seinem direkten Vorgesetzten kam.

»Nebenbei – Sie sehen gut aus«, sagte Frey, um das Schweigen zu füllen. »Trainieren Sie immer noch mit Gewichten und im Boxring?«

»Hin und wieder.«

»Wenn ich keine Probleme mit den Knien hätte … zu viele Marathonläufe.«

Was für ein Idiot!, dachte Sam und wartete mit unbewegtem Gesichtsausdruck auf mehr Anweisungen.

»Also, fahren Sie hin, und schauen Sie sich um; es gibt ein kleines Hotel im Dorf – nicht allzu teuer, so dass sich niemand wegen der Spesen aufregen kann. Sehen Sie, was Sie in Erfahrung bringen können. Es ist immer schlimm, wenn Kinder zu Opfern werden.«

»Das stimmt, Sir.«

»In letzter Zeit kommt das zu häufig vor.«

Chief Superintendent Michael Frey ließ die letzte Bemerkung wirken. Sam ahnte, worauf sein Boss anspielte, sagte jedoch nichts dazu, beobachtete, wie der weißhaarige Mann den gläsernen Briefbeschwerer bewegte, und betrachtete die sich verändernden Lichtmuster auf der braunen Schreibtischplatte.

»Wie geht’s Ihren Mädchen?«, erkundigte sich der Boss nach einer zu langen Pause.

»Gut, danke. Mit jedem Tag ein bisschen besser.«

»Ja, die Frauen …« Frey griff hinter sich, nahm einen Stapel wattierte Umschläge in die Hand und ließ ihn auf den Schreibtisch fallen. »Schauen Sie sich diese Akten an, ja?«

»Sir.«

»Ich weiß nicht, ob sie für Ihren Fall relevant sind. In diesem Stadium ist das schwer zu sagen, aber Sie sollten so umfassend wie möglich informiert sein.«

»Ja, Sir. Natürlich.«

»Schön. Und geben Sie acht, wie viel Sie Ihrer jungen Kollegin erzählen. Wie war ihr Name?«

»Zoe Barnes, Sir.«

»Barnes. Ja. Sie ist sehr beliebt.«

»Sie leistet gute Arbeit.«

»Und ist noch dazu ein ansehnliches kleines Ding. Seien Sie nur vorsichtig, und überlegen Sie gut, inwieweit Sie sie einweihen.«

Die Umschläge lagen zwischen ihnen. Der oberste drohte, vom Stapel zu rutschen – das störte die peinliche Ordnung auf dem Schreibtisch. Sam machte keine Anstalten, die Unterlagen an sich zu nehmen; das Privileg, an Geheimnissen teilhaben zu dürfen, weckte seinen Argwohn.

»Halten Sie mich auf dem Laufenden, ja?«

»Sehr wohl, Sir.«

»Erstatten Sie nur mir persönlich Bericht, verstanden?«

Die Besprechung war beendet. Sam erhob sich, nahm widerwillig die Akten und bedankte sich. Später warf er die Kuverts in den Kofferraum seines Wagens.

Als Zoe ins Dorf fuhr, rutschten sie bei jeder Kurve von einer Seite zur anderen. Sie passierten eine mittelalterliche Kirche und bogen vor dem Pub nach links ab, den handgemalten Schildern zum Hotelparkplatz folgend. Das Black Bull war ein malerisches weißes Gebäude mit Strohdach. Drum herum standen ganz ähnliche Häuser mit schwarz lackierten Türen und Fensterrahmen. Die Einheitlichkeit verlieh dem Ort das Flair eines Spielzeugdorfes. Etwas weiter weg entdeckte Zoe einen Laden, danach war nichts mehr – nur die schmale Landstraße zwischen Weiden mit Schafen. Das Dorf bestand alles in allem aus dreißig Häusern, alle ordentlich und gepflegt. Unwillkürlich fiel einem der Begriff »verschlafenes Nest« ein. Sie parkten das Auto und nahmen ihre Sachen aus dem Kofferraum. Zoe wartete, während Sam die verstreuten Umschläge einsammelte und in seine Reisetasche stopfte. Ihm entging nicht, dass sie die Akten neugierig musterte, aber sie stellte keine Fragen.

Sam fühlte sich schuldig. Ihm war von vornherein klar gewesen, was die Kuverts beinhalteten, ohne auch nur einen Blick hineingeworfen zu haben. Alle Welt wusste von diesen Fällen – sie hatten hitzige Diskussionen im ganzen Land entfacht und scheußliche Geschichten von grausamen Frauen heraufbeschworen. Er wusste auch, warum ihm Frey durch die Blume den Rat gegeben hatte, nicht mit Zoe darüber zu sprechen. Der Boss vertraute nur Männern, was ihn für Sam noch unsympathischer machte.

»Elendes Kaff«, maulte Zoe.

»Fünfzehn Minuten zum Einchecken und Auspacken, dann gehen wir los und reden mit den Eltern«, bestimmte Sam.

»Was meinst du, Boss, wie lange würdest du es an einem Ort wie diesem aushalten? Nach sechs Monaten wäre ich verrückt.«

Er musterte die menschenleere Straße, die malerischen Häuser und Hecken. Die felsigen Berge erhoben sich hinter ihnen. Das Abendlicht tauchte die braunen und grünen Hänge in rötliches Licht und schwarze Schatten. Sogar die kargen Winterbäume erschienen idyllisch.

»Ich würde höchstens eine Woche überstehen.« Er grinste.

Zoes Lachen klang viel zu laut. Sie nahmen ihre Taschen und gingen auf den Eingang des Pubs zu.

4

Tim Downing legte den Hörer auf und wandte sich seiner Frau zu. Sarah saß an dem großen hölzernen Küchentisch und starrte auf ihren Teebecher. Mehr schienen sie beide in letzter Zeit nicht zu tun: Tee aufbrühen, Alkohol trinken und vor sich hinstarren.

Sarah war schön. Sogar jetzt in ihrem Kummer mit verweinten Augen und dem leeren Gesichtsausdruck sah sie umwerfend aus. Er registrierte, wie ihre Finger den Becher umklammerten, und ihm war wieder zum Heulen zumute. Er fingerte an dem Hemd herum, das er am Morgen gebügelt hatte – ihm fiel nichts ein, was er sonst machen könnte. Er hatte sich immer als erfolgreich angesehen, und das Geld, das er verdiente, schien sein Selbsturteil zu bestätigen, dabei hatte es ihm eigentlich nur das Gefühl gegeben, größer und stärker zu sein, als er in Wahrheit war. Das Verschwinden von Arthur und Lily hatte die Täuschung brutal offenbart.

»Die Cops sind da. Andere diesmal«, sagte er.

Sarah schwieg.

»Sie wohnen im Black Bull.«

Immer noch kein Wort von ihr. Sie zeigte nicht die leiseste Reaktion. Tim betrachtete seinen Becher, der auf der Arbeitsplatte aus schwarzem Marmor stand. Der Kaffee war mittlerweile eiskalt. Er stieß einen schwachen, bebenden Seufzer aus und schob die Hände in die Hosentaschen.

Die dicken Vorhänge waren seit Tagen zugezogen; das schien die abgestandene Luft im Zimmer noch unerträglicher zu machen.

»Willst du dich anziehen, bevor sie herkommen?«

Das klang wie eine Anklage, war jedoch reine Besorgnis. Sie saß barfuß, in einem dünnen Nachthemd und einem Morgenmantel da – ihre langen, schlanken Beine bis zu den Schenkeln entblößt.

»Was geht’s die an, was ich anhabe?«, erwiderte sie, ohne von dem Becher aufzuschauen.

Mehr war nicht aus ihr herauszukriegen. Tim ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter, dann bückte er sich und küsste ihre Wange. Ihre Hand drückte sich auf seine und hielt ihn fest, damit er ihr nah blieb. Er war unendlich dankbar für die Berührung; er sehnte sich verzweifelt danach, gebraucht zu werden.

Tränen traten ihm in die Augen.

5

Der fünfzehnte September im vergangenen Jahr: Constable Eddy Pearson war erst seit fünf Wochen im Dienst, und mit gerade mal neunzehn Jahren zeigte er den Enthusiasmus eines Hundewelpen. Sein Partner Alan Troughton hatte den Ruf, ein erbärmlicher Bastard zu sein. Man hoffte, er würde Eddy den Übereifer etwas austreiben, ehe er Dummheiten machte.

Eddy und Alan wurden wegen Ruhestörung in die Mapleside Avenue gerufen, eine Straße in einem der vornehmeren Viertel von Manchester. Troughton hielt dies für eine ausgezeichnete Gelegenheit für Eddy, sein diplomatisches Geschick im Umgang mit der mürrischen alten Anruferin zu beweisen.

Sie sollten sie nie zu Gesicht bekommen. Troughton klingelte an ihrer Tür, während Eddy zum Nachbarhaus schlenderte. Er war drauf und dran, seinem Partner zuzurufen, dass es keinerlei Hinweise für eine Ruhestörung gebe, als er sah, wie sich ein junges Mädchen innen gegen ein Fenster im Erdgeschoss warf. Das Kind war triefend nass, aber komplett bekleidet. Die Scheibe bekam einen Sprung, zerbrach jedoch nicht richtig. Eddys Blick traf den der Kleinen, und er erkannte nackte Angst in ihren Augen. Ein Arm erschien hinter ihr und zog sie vom Fenster weg.

Davon bekam Troughton nichts mit, aber er sah die gesprungene Fensterscheibe und hörte den Aufschrei seines neuen Kollegen. Während er sich in Trab setzte, gab er per Funk einen Lagebericht ab, dann hämmerte er an die Tür. Eddy war inzwischen richtig hektisch. Solange Troughton Sturm klingelte und durch die vorderen Fenster spähte, rannte Eddy ums Haus und rüttelte an der Hintertür. Sie war abgesperrt. Er hörte die Hausglocke schrillen. Er musste an das kleine Mädchen denken, an das nasse Haar, das an ihrer Stirn klebte.

Er verschaffte sich Zugang – wie er ins Haus gekommen war, wusste er später selbst nicht mehr. Die Spuren verrieten, dass er die Hintertür eingetreten hatte. Er stürmte durch die Zimmer und rief, bis er die Frau am oberen Treppenabsatz entdeckte. Sie war in etwa in seinem Alter und hatte langes, dunkles Haar. Besonders beunruhigend war die Art, wie sie zu ihm herunterschaute: den Kopf schief gelegt, der Mund schlaff mit einem Hauch von einem Lächeln. Von den Ärmeln ihrer Jacke tropfte Wasser.

Er lief die Treppe hinauf. Im Grunde rechnete er damit, dass sie ihn packen und abwehren würde, sie sank jedoch in sich zusammen, als er sie beiseiteschob, und blieb reglos auf dem Absatz liegen. Die Klingel dröhnte durchs Haus, die Frau rührte sich nicht vom Fleck.

Er fand das Mädchen in der Badewanne. Ihr Haar umflutete das Gesicht wie Seegras. Aus ihren weit offenen Augen sprach keine Angst mehr. Ein winziges Luftbläschen stieg von ihren Lippen auf. Ihre Haut schimmerte unnatürlich weiß. Mittlerweile war sie nackt, und obwohl sie nicht mehr lebte, war es Eddy peinlich, sie anzuschauen. Das kleine, ertrunkene Mädchen starrte zur Decke.

Fünf Minuten später stieß Troughton zu seinem Partner. Die Frau lag noch dort auf dem Boden, wo Eddy sie umgestoßen hatte. Ihr kalter, unbeteiligter Blick ähnelte dem der Toten. Eddy hockte auf dem Boden im Bad und hielt das Mädchen in den Armen, nachdem all seine Wiederbelebungsversuche fehlgeschlagen waren. Seine Hand strich über das nasse Haar.

Die Frau war das Kindermädchen eines wohlhabenden Paares, Matt und Diane Parlour, die Tote war ihre einzige Tochter Melinda. Alle Beweise und Spuren sprachen gegen die Nanny. Nur das Motiv für den Mord an ihrem Schützling fehlte. Eddy und Troughton führten die erste Vernehmung durch, bevor ihr Vorgesetzter den Fall übernahm. Eddy saß ihr gegenüber, brachte jedoch kein Wort heraus. Troughton stellte Fragen, die die Nanny nicht beantwortete, stattdessen musterte sie Eddy mit verwundertem, unbeteiligtem Blick. Schon bald wurde befunden, dass sie nicht imstande war, ein Verhör durchzustehen, und psychiatrisch untersucht werden musste.

Einige Tage danach wurde Eddy befragt – zum Teil, um Einzelheiten zu klären, zum Teil, um seinen Geisteszustand zu überprüfen und herauszufinden, welche Hilfe er brauchte. Er kannte die Antworten, die er geben musste, um seinen gewaltsamen Eintritt in das Haus zu rechtfertigen. Er sagte das aus, was man von ihm erwartete, und wurde für sein Handeln belobigt. Doch als man mit ihm über die Nanny sprechen und von ihm wissen wollte, weshalb sie seiner Meinung nach die arme kleine Melinda ertränkt hatte, versagte er. Er versuchte den Fragen mit einem Achselzucken auszuweichen, damit kam er allerdings nicht durch. Er war gezwungen, sich mit einer grausamen, gefühllosen Tat zu befassen, für die es keinerlei sinnvolle Gründe zu geben schien. Er hatte das Entsetzen und das Flehen um Hilfe in den Augen des kleinen Opfers gesehen und war gescheitert. Er hatte die Frau beobachtet, die ihm am Tisch im Verhörraum gegenübergesessen und keine Reue oder Scham oder sonstige Emotionen gezeigt hatte. Deshalb geriet Eddy Pearson ins Stottern.

»Sie ist einfach böse. Eine verdammte Hexe«, stammelte er.

Hexe! Dies war das erste Mal seit Jahren, dass dieses Wort in einem solchen Zusammenhang benutzt wurde. Und es blieb haften.

Sam klappte den Schnellhefter zu. Der Akte lagen Fotografien bei, doch Sam zog es vor, sie sich nicht anzusehen.

Ein Klopfen an der Tür. Zoe.

»Komm, wir sind schon fünf Minuten zu spät«, drängte sie, als sie in sein Hotelzimmer rauschte und es in Augenschein nahm. »Übrigens, ich nehme alles zurück – man hat hier eine gute Funkverbindung.« Ihr fiel auf, dass er seine Tasche, die auf dem Bett lag, nicht ausgepackt hatte. Er trug noch seinen Mantel und hielt die Akte in den Händen.

»Was ist das?«, erkundigte sie sich.

»Nichts.« Es entstand eine unbehagliche Pause, und Sam beobachtete, wie sich Zoes Augen verengten. Sie ist ein guter Cop, rief er sich ins Gedächtnis. »Tut mir leid, dass ich zu spät dran bin. Ich wurde abgelenkt.«

»Ach, ja?«

»Wir sprechen ein anderes Mal darüber.«

Das genügte ihr, und ihre Miene hellte sich auf. »Es gibt jede Menge Bier im Pub. Und Schüsseln mit Schweinekrusten stehen auf dem Tresen. Kostenlose Schweinekrusten! Das dralle Barmädchen hat angekündigt, dass sie morgen kleine Yorkshire-Puddings haben. Keine langweiligen Erdnüsse. Wie cool ist das?«

»Ja. Vermisste Kinder.«

»Du hast recht. Aber komm schon – Mini-Yorkshire-Pudding! Sam!«

»Ja, toll. Jetzt hör auf zu grinsen, du bist im Dienst.«

Er ging voraus durch den unebenen Flur, die Treppe hinunter und in die beißende Kälte. Sie zogen ihre Mäntel fester um sich. Sam deutete auf eine schmale Straße, die vom Pub wegführte.

»Fünf Minuten zu Fuß«, erklärte er und marschierte los. Zoe hielt mit ihm Schritt.

Es dämmerte. In einer Stunde würde es stockdunkel sein. Sam glaubte eine Bewegung auf den Felsen über ihnen wahrzunehmen, aber je länger er hinschaute, umso unsicherer wurde er. Eine Wolke hatte sich über ihnen zusammengeballt, und die Äste der Bäume zitterten im eisigen Wind.

Im Dorf rührte sich kaum etwas. Sie kamen an einem Tante-Emma-Laden mit Poststelle, an einer Bäckerei und einem Lebensmittelgeschäft vorbei. Auf den drei schwarzen Bänken vor den Geschäften lungerten Jugendliche herum, dick eingepackt gegen die Kälte. Zwei zeigten, kaum beachtet von den anderen, irgendwelche Tricks auf ihren Skateboards. Die meisten anderen hatten Handys am Ohr oder wechselten ein paar Worte miteinander. Eine erstaunlich moderne Szene in dieser Idylle. Die Kinder drehten sich nach Sam und Zoe um.

»Bullen!«, schrie jemand, und ihre Gesichter nahmen sofort einen feindseligen Ausdruck an.

»Hey, Kids«, rief Zoe vergnügt, als wäre sie die Freundlichkeit in Person. Es überraschte sie keineswegs, dass sie keine Antwort auf ihren Gruß erhielt.

Sam ließ den Blick schweifen. Die Jugendlichen schienen sich in nichts von denen zu unterscheiden, mit denen er es hin und wieder in der Stadt zu tun hatte. Halbwüchsige in ihrem Alltag … Er wandte sich gelangweilt ab. Dabei fiel ihm ein etwas älteres Mädchen von etwa neunzehn Jahren ins Auge. Sie stand ein wenig abseits und beobachtete ihn. Sie lehnte an einer Mauer zwischen zwei Gebäuden, um sich vor dem Wind zu schützen, trug eine weiße Mütze, einen weißen Daunenmantel und weiße Jeans. Ihr Haar war, soweit er sehen konnte, blond. Sie musterte ihn grinsend, ohne seinem Blick auszuweichen. Ihre Haltung wirkte wie eine Herausforderung, und Sam schaute als Erster weg. Sie setzten ihren Weg zum Haus der Downings fort. Sam drehte sich nicht mehr um, stellte sich aber vor, dass ihn das Mädchen in Weiß immer noch nicht aus den Augen ließ.

»Wir könnten später wieder herkommen und sie wegen Drogenkonsums festnehmen«, schlug Zoe fröhlich vor. »Dann haben wir wenigstens was zu tun.«

Sam gab ihr einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. Sie wollte sich mit einem heftigen Schwinger in den Magen rächen, aber er hatte mit so etwas gerechnet und schlug ihre Hand rechtzeitig weg. Es fühlte sich falsch an, in der Nähe des Downing-Hauses herumzualbern, und Sam sorgte sich, dass man sie dabei beobachtet haben könnte. Doch die Straße war menschenleer, genau wie die Wiesen, die sich bis zum See erstreckten. Jetzt wagte er einen Blick zurück. Von den Jugendlichen war keine Spur mehr zu sehen. Er schlurfte über den Boden, nur um überhaupt ein Geräusch zu hören. Dann nickte er Zoe zu.

6

Zoe überließ Sam den Vortritt und die Vorstellung. Sie begrüßte Mr. und Mrs. Downing mit festem Handschlag, dann jedoch nahm sie einen Schritt hinter Sam Aufstellung und legte die Hände auf den Rücken. Sie sah sich um – ein schönes Haus. Die Leute hatten Geld. Vielleicht spielte das eine Rolle in diesem Fall. Die dicken Vorhänge waren auf Maß genäht und schienen einem bestimmten Zweck zu dienen, nämlich neugierige Blicke auszuschließen.

Sarah, die Mutter der vermissten Kinder, war hübsch. Zoe fragte sich, wieso sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, etwas anzuziehen. Immerhin hatten sie ihren Besuch angekündigt. Vielleicht lähmte sie die Trauer.

Der Vater trug edle Klamotten. Helle Cordhose, kariertes Hemd, dazu ein freundliches Lächeln. Bei der Begrüßung schaute er Zoe in die Augen – er wollte gemocht werden und sie auf seiner Seite haben. Er ist harmlos, dachte sie. Die Frau hingegen ist interessanter.

»Ich fürchte, ich muss Sie bitten, noch einmal alle Details zu schildern«, begann Sam. »Wir möchten die Abläufe nachvollziehen und alles sozusagen aus erster Hand hören.«

Tim drehte den Ehering an seinem Finger.

Sarah spielte mit dem leeren Becher, mit der anderen Hand strich sie ihr Nachthemd glatt. Ist das Nervosität?, überlegte Zoe. Ein Ausdruck von Schuld? Trauer?

»Ich war zu Hause«, fing Sarah an, »und habe darauf gewartet, dass Arthur und Lily aus der Schule kommen …« Ihre vornehme Aussprache klang unnatürlich. »… und als sie nicht auftauchten, bin ich hinunter zum See gegangen. Arthur ist gern dort, und Lily läuft ihm überallhin nach.«

Gegenwartsform. Sie denkt, ihre Kinder sind noch am Leben.

Perfekt manikürte Nägel – trotz allem.

Tim verlagerte unbehaglich das Gewicht. Was hat sie gerade gesagt?

»Dort habe ich sein Rad entdeckt. Es lag auf der Erde. Von ihm selbst keine Spur. Ich wurde unruhig, rannte herum und verursachte einen kleinen Tumult.«

Alles ist sehr, sehr ordentlich. Wo sind die Kindersachen? Spielzeug? Buntstifte und Bilder, die andere Eltern in ihren Küchen aufhängten?

»Wir sind stundenlang durch die Gegend gelaufen. Zuerst haben wir die Polizei angerufen, dann haben wir gesucht. Ich habe alle aufgefordert mitzuhelfen. Aber die Kinder waren wie vom Erdboden verschluckt.«

Ihre Stimme klang matt, aber ruhig. Keinerlei Anzeichen dafür, dass sie kürzlich geweint hatte. Sie erschien eigenartig gefasst.

Sam wusste, wann er den Mund halten musste. Er hatte die Hände flach auf den Tisch gelegt und wartete wie ein erfahrener Trauertherapeut.

»Das ist alles«, endete sie und zog sich noch mehr in sich selbst zurück. Tim wandte sich ab.

Sie haben etwas zu verbergen, Dinge, die uns vielleicht nicht helfen, die Kinder zu finden, die dennoch ans Licht kommen sollten.

»Wann sind Sie nach Hause gekommen, Mr. Downing?«

»Später. Zur selben Zeit wie immer – nach Büroschluss.«

»Sie sind Immobilienmakler?«

»Richtig. Die Polizei hat das überprüft. Ich war im Büro und habe herumtelefoniert, um die Werbetrommel zu rühren und das Geschäft anzukurbeln, verstehen Sie?«

Das war ein Versuch, den Cops ein Lächeln und ein Nicken abzuringen, sich beliebt zu machen. Sam und Zoe taten, was er von ihnen erwartete. Sarah hingegen starrte vor sich hin, ohne sich zu beteiligen.

»Und Sie waren zu Hause um …?«, hakte Sam nach.

»Gegen fünf, glaube ich.«

»Wir haben den anderen Polizisten Fotos von den Kindern gegeben«, sagte Sarah.

»Wir können sie für Sie zurückfordern. Wir machen uns Kopien und geben sie Ihnen wieder.«

»Er war ein so süßer Junge«, sagte sie. »Und Lily war einfach perfekt.« Ihre Stimme versagte.

Tim ging zu ihr und nahm ihre Hand.

Sam schaute wortlos von ihr zu ihm und ließ ihnen Zeit für ihre Trauer. Er bewahrte Geduld, ehe er die Befragung fortsetzte. Er blieb unbeirrt und ließ sich nicht anmerken, wie er über die ganze Sache dachte. Und Zoe verfolgte das Geschehen aufmerksam.

Schließlich verabschiedeten sie sich höflich.

Sie gingen eine ganze Weile, bevor sie ein Gespräch begannen.

»Und?«, fragte Sam.

»Sie verheimlichen etwas.«

»Ja.«

Er hatte einen Verdacht, aber er würde erst damit herausrücken, wenn er sich Gewissheit verschafft hatte. Zoe bewunderte ihn dafür. Wann immer sie am Anfang eines Falles Spekulationen anstellte, geriet sie auf den Holzweg. Deshalb beschloss sie, den Mund zu halten.

Sie hielt es ungefähr eine Minute aus.

»Zeit für ein Bier?«, fragte sie.

»Lass mich erst daheim anrufen und mit den Mädchen sprechen.«

Inzwischen war es richtig finster. Zoe schaute zum Sternenhimmel auf und kam sich winzig vor. Sie musste an ein kleines Mädchen denken, das inmitten von Skeletten und Gespenstern durch die Gegend lief.

Die Jugendlichen waren nicht mehr da. Der Ort war wie ausgestorben, Keine Geräusche, keine Bewegung – gar nichts. Es war eine Erleichterung, als die Lichter des Pubs in Sicht kamen. Zoe überlegte, warum ihr so unheimlich zumute war. Möglicherweise lag es an der fremden Umgebung und der schier undurchdringlichen Dunkelheit. Oder an dem neuen Fall und den Gefühlen, die er an die Oberfläche brachte.

Dies hier ist nichts weiter als ein ödes, langweiliges Nest, beschwichtigte sie sich. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.

7

Sam hatte es nicht eilig, seine Kinder anzurufen, als er ins Hotelzimmer kam. Er setzte sich aufs Bett und grübelte über das Gespräch im Haus der Downings nach. Über die Mutter und die Art, wie sie mit den Händen über ihre Arme gestrichen hatte. Das alles rief die Unterhaltung mit dem Chief Superintendent wieder wach. Wieso sollte es eine Verbindung zwischen dem Verschwinden der Kinder und diesen anderen verschiedenen Verbrechen geben? Er nahm den Bericht der örtlichen Polizei über den Downing-Fall zur Hand. Alles stimmte mit den Aussagen der Eltern überein, trotzdem hatte Zoe recht – es gab Geheimnisse in ihrem Haus.

Geheimnisse und Lügen. Er hatte sich immer gerühmt, die unguten Gefühle von seinem Heim und der Familie fernzuhalten. Aus diesem Grund zögerte er auch den Anruf bei seinen Töchtern hinaus. Er nahm ein Foto von seiner Frau aus der Brieftasche und betrachtete es – er erinnerte sich an ihre gekräuselten Lippen, wenn er am Morgen die Hand unter das Laken und über ihre Schenkel gleiten ließ. Er hörte ihr Lachen, als sie auf der Hochzeit seines Bruders tanzten. Hitze flammte in seinem Inneren auf. Er faltete die Fotografie und steckte sie sorgsam zurück an ihren Platz.

Das Zimmer war angenehm – ein flauschiger Teppich, um die Flecken auf der Auslegeware zu verdecken, ein kleiner Wasserkocher und Instantkaffee auf einer massiven Kommode, schwere Vorhänge und der Geruch nach Reinigungsmitteln, der in allen Hotelzimmern gleich zu sein schien. Er hockte auf dem Bettrand. Von unten hörte er das Klappern von Besteck und gedämpfte Stimmen. Dennoch rührte er sich nicht. Er fuhr sich mit den Fingern durch das dichte Haar und schloss die Augen. In den letzten Monaten hatte er oft stundenlang so dagesessen. Nach einer langen Weile griff er zum Telefon.