Tessa Korber

Falsche Engel

Roman

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Inhaltsübersicht

Vorspiel im Himmel

Kapitel 1 – Un saison en enfer

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog – Himmel, der nirgendwo endet

Informationen zum Buch

Über Tessa Korber

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Alle Personen und Vorkommnisse in diesem Buch sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Menschen sind rein zufällig.

Speziell die Auswahl des Nürnberger Christkinds hat nie in dieser Form stattgefunden.

– Noch nicht.

Vorspiel im Himmel

Die Dame von der Werbeagentur strich sich energisch mit den Handflächen über ihre Hüften, um das letzte bißchen imaginären Schweißes an den Schößen ihres rosafarbenen Kostüms abzuwischen. Sie holte noch einmal tief Luft. Vor allem Entschiedenheit jetzt, hatte ihr Chef stets erklärt, damit sie sehen, daß du weißt, was du tust. Was du ihnen mitbringst, ist die einzig richtige Lösung. Und vor allem die, die sie am Ende kaufen werden. Ein wenig Verheißung, damit es ihnen auch Spaß macht, diese unabänderliche Tatsache zu akzeptieren. Und Beflissenheit, denn falls sie dich und deinen Entwurf trotzdem total verreißen, muß irgend etwas sie davon überzeugen, daß du in der Lage wärst, alles auch ganz anders aufzuziehen.

Sie seufzte und fuhr sich ein letztes Mal durch die roten Haare. Es war ihr Job, die unterwürfige Domina zu geben. Sie ging knapp in die Knie, griff nach ihrem Laptop und dem Schultergurt der großen Ledertasche; dann öffnete sie die Tür. Sie blickte einmal in die Runde und nickte, zufrieden mit dem, was sie sah: jungfräuliche Auslegeware, sachliche Stahlrohrstühle mit blauen Polstern, kunststoffbeschichtete Tischsegmente in Kreisanordnung. Darauf standen nett arrangierte Tablettinseln voll kleiner Flaschen und Gläser, die leise klirrten, als sie ihre Geräte auf die Fläche hob. Mit einigen routinierten Griffen arrangierte sie das Getränkeangebot so um, daß auf dem ihr am nähesten stehenden Tablett zwei Colafläschchen waren. Das war die Dosis an Droge, die sie benötigte. Wie ertappt hielt sie inne und schaute auf, als aus der Raumecke am Fenster ein Räuspern drang. Der Mann, der dort unbemerkt von ihr gestanden hatte, kam ihr nun mit langen Schritten entgegen.

»Eberhardt Ammon. Städtischer Bote.« Er reichte ihr die Hand, die sie ohne sichtbares Zögern schüttelte, wie sie es gelernt hatte: kräftig, aber nicht zu kräftig, gerade von einer Frau. Und warm müssen die Finger sein. Sie trug zu diesem Zweck ein batteriebetriebenes Heizgerät in der rechten Jackentasche.

Der Zeitungsmann räusperte sich. »Ich sehe gern dem Feind beim Aufmarsch der Truppen zu.« Ein breites Grinsen begleitete seinen Scherz.

»Herr Chefredakteur.« Die Dame in Rosa hatte ihre Hausaufgaben gemacht. »So militärisch? Sind Sie denn ein Gegner der Markt-Modernisierung?«

»Oho«, polterte er fröhlich, »Sie werden mich dem Modernen gegenüber immer aufgeschlossen finden, Frau …«

»Bergmann.« Ihr Blick glitt von seinem rotfleischigen Choleriker-Gesicht hinab zu den Cordhosen und wieder hinauf zu dem topmodischen Pullover mit Rollkragen, in dem sein ohnehin kaum vorhandender Hals verschwand. Seine Haare standen in flusigem Aschgrau gen Himmel, wie Flüchtlinge.

»Bergmann«, wiederholte er, »solange es nicht das Altbewährte verdrängt, versteht sich.«

»Aha.« Die Dame senkte wie zustimmend den Kopf und verstecke ihr aufkeimendes Grinsen hinter dem Pony.

Sonores Stimmengewirr und Schritte auf dem Korridor mahnten sie, daß es Zeit war, den Laptop anzuwerfen und einen letzten Funktionscheck des Beamers vorzunehmen. Ihre Finger klickten in eiliger Routine über die Tasten, während sie zu Ammon sagte: »Es wird Sie freuen, daß gerade auch Ihnen und Ihrer Zeitung in unserem neuen Konzept eine herausragende Rolle zufällt. Wir müssen vernetzt kommunizieren, und ohne die Printmedien und ihr enormes Potential …«

»Frau Bergmann?«

Erstaunt sah sie auf. Die Frage hatte überaus streng geklungen.

»Sind Sie Nichtraucher?«

Die Dame in Rosa dachte nicht ohne Sehnsucht an das Päckchen Gitanes in ihrer Handtasche. Dann dachte sie an ihren Auftrag. »Leidenschaftlich«, sagte sie.

»Und nun präsentiere ich Ihnen die Ergebnisse unserer Marktforschung. Der Fragebogen liegt Ihnen vor. Sie beruht auf einer Befragung eines repräsentativen Bevölkerungsquerschnitts, dem wir noch eine Gruppe von heavy usern und eine Regionalgruppe zum Abgleich gegenübergestellt haben.«

Die Dame drückte, der Laptop klickte. Auf dem Projektionsbild an der Wand erschienen runde Mandellebkuchen, die sich rasch zu den Klängen eines bekannten Weihnachtsliedes drehten und dann mit einem leisen »Kling« zur Ruhe kamen; Kuchendiagramme wurden erkennbar. Die Dame in Rosa dankte im stillen ihrer Intuition dafür, daß sie den Grafiker davon abgehalten hatte, statt des »Kling« ein mehrstimmiges »Halleluja« einzufügen.

»Wie Sie sehen können, ist das Ergebnis in allen Untersuchungsgruppen dasselbe, was uns die Arbeit sehr erleichtert, denn es macht die Ergebnisse eindeutig: Der Nürnberger Christkindles-Markt«, sie erlaubte sich ein wenig Dramatik in der Stimme, gerade genug, um die Oberkörper ihrer Zuschauer sich synchron nach vorn neigen zu lassen, »ist von schwindender Attraktivität für die Zielgruppe der Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen, der von uns sogenannten jugendlichen Eventorientierten.« Sie klickte erneut, und es erschienen Eigenschaftsprofil-Diagramme in Form gestapelter Zuckerstangen. Ihr Laserpointer beleuchtete die längste davon.

»Vollkommen befriedigend ist die Akzeptanz bei den älteren Traditionalisten und den Jungfamilien mit Kindern bis etwa zwölf. Aber schon bei den älteren Kindern bricht es ein. Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß auch die sogenannte Youngster-Gruppe einkommensstark ist wie nie zuvor und darüber hinaus eine nicht zu unterschätzende Gatekeeper-Funktion auf die Kanalisation der Familienkaufkraft ausübt, ja diese oft bis über die Volljährigkeit hinaus behält.«

Sie sah aus den Augenwinkeln, wie der Mann vom Marktamt der Stadt nickte, ein Mittvierziger mit neonblauem Kunststoff-Brillengestell, das ihn wie einen auf intellektuell getrimmten Fernsehmoderator wirken ließ. »Jugendmarketing«, warf er im Ton des Kenners ein, »Jugendmarketing«. Er hatte vor fünfzehn Jahren in einer Werbeagentur angefangen, ehe er zur Stadt gewechselt war, und betonte noch immer gern, er sei vom Fach.

Sie lächelte ihm zu und gönnte gleich darauf Ammon einen verständnisvollen Blick unter Kameraden. Hinter den Nebelschwaden der Zigaretten, die ihre Zuhörerschaft nervös zum Munde führte, saß der alte Chefredakteur und hielt sich trotzig an einer mitgebrachten Tupperschüssel mit gekeimtem Weizen in Joghurt fest. Er nickte ihr ebenfalls zu.

»Der Anteil am Bruttosozialprodukt, über den diese Gruppe direkt und indirekt verfügt, beträgt nach neuesten Untersuchungen …« Klingelnde Schokotaler rieselten herab und illustrierten die folgenden Zahlenkolonnen.

»Damit«, die Dame im Kostüm holte tief Luft und zum eigentlichen Schlag aus, »ergeben sich die Zielvorgaben unseres Projekts.« Erwartungsvolle Pause. Sahen auch alle her? »Jugendmarketing!« Sie schenkte dem Referenten vom Marktamt ein respektvolles Nicken, was seinen ohnehin schon roten Teint vom starken Blau seiner Brille noch stärker abstechen ließ. Geschmeichelt ruckte er an seiner Mickymaus-Krawatte. »Jugendmarketing. Wie Ihr Kollege, Herr Erlwein, es bereits formuliert hat. Und Jugendmarketing heißt heute vor allem integrierte Kommunikation.« Sie raschelte ein wenig mit ihren Papieren, jetzt war Action angesagt. Die Präsentationsmappen fanden sich und wurden herumgereicht. Niemand schenkte ihnen zu diesem Zeitpunkt einen Blick; alles hing gebannt an ihren Lippen und den bunten Bildern, die hinter ihrem Kopf über die Wand huschten.

»Runtergebrochen auf unsere Situation bedeutet das eine avancierte Form von Eventmarkting, die auf allen Medienkanälen kommuniziert wird.« Sie blickte in die Runde. »Wir müssen den Christkindles-Markt zu einem Ereignis machen, das den Bedürfnissen unserer Zielgruppe gemäß hohen Eventcharakter hat …«

Eine Engelsfanfare untermalte schmetternd diesen Punkt, der ins Bild wutschte und sich langsam scharf stellte, während der Engel seine Fanfare absetzte. »Laß ihn nicht grinsen«, hatte die Dame den Grafiker ermahnt, »er darf um Himmels willen nicht grinsen!« Der Engel blickte entschlossen.

»… interaktive Elemente aufweist …« Fanfare, Wutschen.

»… und in enger Verzahnung der Maßnahmen über Print, Hörfunk, Fernsehen und vor allem auch das Internet kommuniziert wird.« Mehrfaches Trompeten und Wutschen.

»Wir haben daraus einen gebündelten Maßnahmenkatalog gemacht, der teilweise das Marktangebot selbst betrifft, wie etwa die Optimierung beim Angebot von Internet-Buden für Online-Postkarten und Wunschzettel sowie PC-Games mit Weihnachtsthematik, oder einen Kußwettbewerb unterm Mistelzweig.« Sie hob die Hände, um aufkommendes Gemurmel zu ersticken. »Zu diesen Punkten möchte ich später detailliert kommen. Klare Vorgabe war dabei in jedem Fall, den hergebrachten Charakter des Marktes nicht anzutasten, um die Akzeptanz bei den traditionsorientierten Usern nicht zu gefährden.« Sie konnte die Woge der stummen Zustimmung körperlich fühlen und suchte unwillkürlich Halt an der Tischkante. Gut so.

»Uns geht es um eine Bündelung der traditionsaffinen und der eventaffinen Nutzerinteressen. Deshalb haben wir uns auch entschlossen, die eigentliche Neuerung nicht am Markt selbst vorzunehmen, sondern in das Vorfeld zu verlegen.« Die Dame probte ein kurzes verführerisches Lächeln, dann ließ sie wieder die Marktforschungspeitsche knallen. »Unsere Studien im Anschluß an eine großangelegte Umfrage der marktführenden Jugendzeitschriften haben folgende Trends in unserer Zielgruppe erkennbar werden lassen, die sich beide für unsere Zwecke nutzen lassen: Erstens eine neue Esoterik-Welle, genannt die Engel-Mode. Zahlreiche Publikationen bis hin zu Hollywood-Filmen variieren diesen neuen Glauben an das Vorhandensein von Engeln.« Sie ließ Buch- und Videocover vorbeirauschen, umgeben von glitzerndem Engelsstaub. Routiniert spulte sie ihren Text ab. »Auch im Styling ist der ›Angel-Look‹ angesagt. Helle Grundierung, glossige Lippen, Eyeliner blaß, glitzernde Wimpern … Sie sehen es selbst.« Rasch unterbrach sie ihren fremdwortgespickten Vortrag, ehe er unter den Männern unruhiges Scharren und Sesselrücken auslösen konnte. Statt dessen ließ sie das Bild eines attraktiven jungen Models wirken, das nun im beschriebenen Make-up von der Wand herunterlachte, als wollte es sagen: Na los, holt mich doch für euren Christkindles-Markt. Mich müßt ihr kriegen. Und sie konnten sie kriegen, das war die Botschaft der Dame in Rosa.

Unwillkürliche Seufzer aus dem Auditorium untermalten ihren Vortrag, als sie fortfuhr. »Der zweite Trend dokumentiert sich in der großen Beliebtheit von Doku-Soaps, vor allem von Casting-Shows, das läßt sich sogar weltweit belegen. Tatsächlich«, sie beugte sich auf den Fingerknöcheln vor, als gäbe sie eine geheime, betroffen machende und höchst bedenkenswerte Sache Preis, »geben vierundfünfzig Prozent der Befragten in unserer Zielgruppe an, ihr oberstes Ziel sei es, einmal im Leben ein Star zu sein, dreiundsechzig Prozent gar würden gern an einem solchen Casting teilnehmen, und die Zuschauerquoten bei derartigen Veranstaltungen sehen Sie selbst.« Das Angel-Girl verabschiedete sich winkend zugunsten neuer Zahlen. Alle hätten sie gerne wiedergesehen. Die Dame von der Agentur wußte, nun waren sie reif.

»Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand:« – Kunstpause – »ein Casting.« Sie ließ die Sache einwirken. »Ein großangelegtes Casting, welches das bisherige Auswahlverfahren für das Christkind ersetzt. Unter maximaler Einbindung der Öffentlichkeit: Shows vor Ort, Dauerberichterstattung in der Presse, dazu Livecams im Internet, Clickrates mit Gewinnchancen, Chatangebote und Livechats mit Kandidatinnen, um maximalen Traffic auf den Pages zu generieren. Und schließlich das Fernsehen.« Triumphierend überblickte sie den Aufruhr, den sie ausgelöst hatte. Dann zückte sie ihren größten Trumpf. »Meine Herrschaften, ich präsentiere Ihnen die neue Doku-Soap ›My Angel‹!«

Und über Nürnberg brach das Fernsehzeitalter herein. Jingles trällerten, Jugendliche lachten von der Wand, Logos flimmerten vorüber, Moderatoren begeisterten die Massen. Es sah tatsächlich aus wie eine richtige Fernsehshow.

Als die Bilder blaß wurden, herrschte einige Momente Stille. Vorsichtiger Applaus setzte ein, den der Marktamt-Referent Erlwein energisch durch das akademische Ritual des Klopfens mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte übertönte. Zufrieden nickte er; er war vom Fach, er wußte, wie so was ging. Dann verstummte das Pochen und Klappen, die Jagd war eröffnet. Sie mußte nicht lange auf den ersten Angreifer warten. Der Vertreter der Einzelhandelsunion lehnte sich mit verschränkten Händen zurück.

»Des iß ja alles recht hübsch«, begann er, und das Lächeln der Frau in Rosa vertiefte sich um einige gefährliche Grade. Säure schoß ihr heiß in den Magen, und schwarze Wolken der Frustration schoben sich hinter ihre Stirn, aber das bemerkte nur sie. »Alles schön und bund. Beeindruckend, ja. Aber ich bin a Gschäftsmann. Ich muß an meine Bilanzen denkn und derf mich ned vo mana Begeisdrung für die Kunst hinreißn laßn.«

Warum nur sagten sie immer alle dasselbe, dachte sie frustriert. Sie griff nach einer Flasche Cola, öffnete sie umständlich, goß sich ein und nahm langsam einen Schluck. »Natürlich, Herr Spörlein«, entgegnete sie dann beflissen, »Sie sind Geschäftsmann. Das sind alle unsere Kunden, wir, nebenbei bemerkt, auch. Sie lächelte schwach über ihren eigenen Scherz, doch er kam an. »Und ich kann Ihnen versichern, wir sind uns der Verantwortung für das Budget in vollem Maße bewußt. Was genau sind denn Ihre Bedenken?«

Spörlein lehnte sich zurück, vergrätzt, daß er so zuvorkommend behandelt wurde und sich kein Anlaß zum Poltern bot. »Fernsehn ist deuer«, raunzte er.

»Nicht dieses Format«, widersprach ihm die Dame, »und vor allem nicht dieses Konzept, denn wie Sie sehen, nimmt Ihnen der Sender ja die Produktion und damit die Produktionskosten ab. Sie haben hier ein Produkt, meine Herrschaften«, und sie hob die Stimme und sprach in die Runde, »das so interessant ist für die TV-Kanäle, daß die für Sie eine Sendung daraus machen werden. An uns bleiben lediglich die Kosten für die Casting-Organisation hängen, die sich durch den Einsatz von Sponsoren noch weiter minimieren werden. Wenn ich Ihnen mal ein Beispiel geben darf …«

»Und Sie wollen«, warf der persönliche Assistent des Bürgermeisters ein, »uns allen Ernstes erzählen, daß sich ein TV-Sender für unsere Christkind-Auswahl interessiert?«

»Frankonia-TV vielleicht«, witzelte Rösch, der Pressesprecher des Stadttheaters, und erntete einen bösen Blick von den anwesenden Vertretern der regionalen Hörfunk- und Fernsehsender.

»O nein! Nein.« Die Dame in Rosa zückte ihren größten Trumpf. »Bei einer entsprechenden Laufzeit, Umfang und Einzugsgröße garantiere ich Ihnen eine Zusammenarbeit mit« – sie legte eine Kunstpause ein – »RTL 2! Hier sind die Media-Daten.«

Hatten sie richtig gehört? Das war ja echtes Fernsehen. Alle stürzten sich auf die Tabellen, als verstünden sie etwas davon. Nur Spörlein muffelte noch immer. Aber schließlich, wenn die Sache nichts kostete …

»Und was genau heißt das?« erkundigte sich der Leiter des städtischen Verkehrsvereins, »Laufzeit, Umfang, Einzugsgröße?«

»Nun …« Jetzt kam die Klippe. »Es kommt natürlich darauf an, die Veranstaltung für ein überregionales Publikum interessant zu gestalten. Als Laufzeit vorgesehen ist daher eine größere Spanne: Wir drehen ab August, damit eine Serie daraus wird. Umfang: bis zu 1000 Kandidatinnen, mindestens fünf Steps.« Sie überging das Stöhnen. »Einzugsgröße: mindestens bayernweit.« Das war es, die Bombe war geplatzt.

»Was soll das heißen, bayernweit?«

»Und wenn’s am Ende …?«

»… ka Nembercherin?«

»Das muß nicht unbedingt sein«, suchte die Dame zu beschwichtigen, »aber wenn Sie RTL wollen …«

»Aber keine Nürnbergerin, das geht doch nicht.« Man schüttelte den Kopf. Ammon umriß das Horrorszenario, das allen vorschwebte, als er sagte: »Stellt euch vor, da werden wir überschwemmt mit Spinnern aus München. Am End redet des Christkindla noch mit bayrischem Akzent.« Die Werbedame mußte lächeln. Exakt auf die Münchner Szene rechneten sie und ihre Kollegen. Ihre werbeorientierte Horrorvision war eher eine Überzahl von Bewerberinnen aus Breitengüßbach, Oberleinleiter oder Wohlmansgeseß.

»Glam Sie, mit irgendana Necherin da oben verkaufn mir was?«

Alle Köpfe wandten sich zu dem Sprecher um. »Herr Spörlein«, empörte sich die Presse-Riege unisono.

Doch er winkte ab. Das kannte er, alles linke Sensationsjägerei. »Jeds Johr schreim Sie in Ihrm Käsblatt, mehr Weihnachtsbeleuchdung mißd her, mehr dies und mehr des, un wir Gschäftsleud sollns zahln. Mir zahln ja an jedn Dreck. Aber des ned, na.«

Erlwein vom Marktamt wiegte den Kopf. »Die heavy user hätten wir damit jedenfall auf den Kopf getroffen.«

»Bayernweit, Herr Spörlein«, schmeichelte die Dame, »das sollte kulturell doch verträglich sein. Und die Entscheidung liegt ja wie jedes Jahr in der Hand der Jury.«

Das war es. Alle nickten zustimmend, erleichtert, das war die Lösung. Die Jury würde es richten, das waren schließlich sie.

»Allerdings muß auch die Jury den Erfordernissen des Mediums angepaßt werden: jung, prominent, attraktiv. RTL 2 hat da im Rahmen einer Vorabsprache ein paar Richtlinien gegeben.« Die Dame in Rosa tastete bereits nach einer schmalen Mappe mit »My Angel«-Logo.

»Wieso?« Acht Männer über sechzig schauten erst an sich hinunter und dann auf die Dame in Rosa. »Wer außer uns soll denn noch drin sitzen?«

Un saison en enfer

1

»Micha? Laß doch mal die Schere.«

Jeannette Dürers Kollege hob den Blick von der Leiche, als sie ihn rief; fragend schaute er zu ihr hinüber.

Sie winkte mit dem Funkgerät. »Du kannst aufhören. Wir haben eben eine Vermißtenmeldung reingekriegt, die auf sie paßt.«

Micha Braune ließ die Schere sinken, mit der er eben begonnen hatte, Proben aus den Kleidungsstücken der Toten zu schneiden, um sie für eine spätere Identifizierung auf die Kleiderkarte zu heften. Behutsam faltete er den karierten Minirock wieder sorgfältig zusammen und legte ihn zurück zu den anderen Stücken im Sack.

Jeannette Dürer zerknüllte den Vordruck, den sie bereits begonnen hatte auszufüllen, und überflog noch einmal ihre Notizen: Eingang der Meldung, Ankunft am Tatort, Witterungs- und Lichtverhältnisse … Sie kniff die Augen zusammen, als sie zum Weißen Turm hinüberschaute. Bei ihrer Ankunft war es einer dieser klaren Sommermorgen mit blassen Himmeln gewesen, an denen man glaubte, auf dem Wind reiten zu können, und die, obwohl selbst noch klar und frisch, versprachen, so richtig heiß zu werden. Jetzt war der Mittag nicht mehr weit, die Luft über dem Asphalt flirrte, und der Schweiß stand ihr in feinen Perlen auf der Stirn.

Die Kleine, wegen der sie gekommen waren, würde keine Morgenbrise mehr genießen. Sie war einssechzig, etwa sechzehn, siebzehn, hätte sie geschätzt, aber das war unter der dicken Schminke schwer auszumachen. Sie hatte einen Karo-Faltenrock getragen, mini, aber nicht zu sehr, im Tod allerdings über ihre Hüften hochgeschoben, und einen kurzärmligen Sommerpullover, beige, so wie ihn die Eltern ihren Kollegen im Revier beschrieben hatten. Ein eingestickten Blumenmuster sollte die Vorderseite zieren, das sie erst entdeckt hatten, als sie die Leiche wendeten. Jeannette Dürer ging noch einmal zu der Trage und hob die Plane an.

Die Augen des Mädchens starrten in den Himmel, die zurückfallenden schwarzen Haare ließen das Gesicht nackt aussehen. Sie legten außer haufenweise Rouge, das vor den Ohren dicke Puder-Ränder bildete, und einem irisierenden türkisfarbenen Lidschatten, der sogar die Augenbrauen bestäubt hatte, auch ein schwarzes Muttermal neben dem Ohrläppchen frei, das weder vom Make-up noch von der violetten Gesichtsfarbe der Toten verborgen wurde. Es war dieses Detail, das Jeannette Dürer so sicher machte.

Sie ließ es sich noch einmal über Funk bestätigen. »Genau. Und Sandalen mit Blockabsätzen, blau, Marke Rififi, links mit einer orthopädischen Erhöhung«, ergänzte die Telefonstimme in ihrem Ohr. Sie nickte zu der Aufzählung, angelte sich die beiden Schuhe, verglich die Höhe der Absätze und nickte wieder, ehe sie sie zurücklegte. All das hatte Micha Braune Stück für Stück verpackt. Als hätte es noch Sinn, sie vor der stärker werdenden Sonne zu schützen, deckte sie das Mädchen behutsam wieder zu und wies dann stumm die Sanitäter an, sie abzutransportieren.

»Der Vater hat angerufen«, klang die elektronisch verzerrte Stimme aus dem Revier erneut an ihr Ohr. »Die Kleine ist gestern nicht nach Hause gekommen. Normalerweise hätte ich ihn noch vertröstet, aber da kam euer Lagebericht rein, und ich dachte, versuchst du’s mal.«

»Danke«, sagte Jeannette. »Wenn mehr so mitdenken würden. Gibst du mir die Adresse?« Sie klemmte sich das Funkgerät auf die Schulter und versuchte mitzuschreiben. Es war nicht einfach.

»Martin?« bat sie den Mann neben sich. »Halt doch bitte mal deinen Mund.«

Der Angesprochene, Martin Knauer, schwieg beleidigt und ließ seine Augen über den abgesperrten Tatort schweifen, die Absperrungen, die Zuschauer dahinter, die Spurensicherer auf ihrem Weg durchs Gelände. Es war schwer zu sagen, ob er irgend etwas davon wahrnahm. Selbst nicht im Einsatz, war er nur mit herausgekommen, um seiner ehemaligen Kollegin und Freundin sein Herz auszuschütten. Was er seit Stunden ohne Punkt und Komma tat.

»Weißt du, was er gesagt hat?« fragte er plötzlich bitter. »Weißt du, was er mir ins Gesicht gesagt hat?«

Jeannette verdrehte die Augen, dankte noch einmal ihrem Gesprächspartner und schaltete das Funkgerät aus.

»Er hat gesagt, es täte ihm leid, aber er könne es nicht bereuen.« Martin Knauer lachte bitter. Ununterbrochen redend folgte er Jeannette, als sie zum Fotografen hinüberging und einige Polaroids vom Gesicht der Toten erbat. Sie versuchte eine Auswahl zu treffen, von der sie hoffte, sie würde die Eltern nicht zu sehr schockieren, aber an den aufgedunsenen, verwüsteten Zügen war wenig zu beschönigen. Ihre Hand schwebte unentschlossen über dem Stapel.

Martin sprach derweil hartnäckig weiter. »Er hat sogar ein Bild von ihm in sein Reisetagebuch geklebt. Josef führt ja immer ein Reisetagebuch, auch dann, wenn’s mal nicht um die Bildung geht.«

Der Notarzt kam und überreichte ihr den Totenschein. »Sie wurde erdrosselt, würde ich sagen. Sauerei so etwas. In dem Alter.«

»Können Sie schon was zu den Verletzungen sagen?« fragte Jeannette.

»Sie meinen, daß er ihr ›Hure‹ in den Bauch geritzt hat?« fragte der Arzt vorsichtig. Er sah aus, als könne er es nicht glauben, daß er selbst diese Dinge ausgesprochen hatte.

»Nein«, Jeannette schüttelte geduldig den Kopf. »Ich meine die Wunde oberhalb, am Brustkorb.«

»Ja, so«, erwiderte der Mann und sah noch ein wenig unglücklicher drein. Schließlich faßte er sich ein Herz. »Also wenn Sie mich fragen, das sollte der Gerichtsmediziner klären, aber, ich meine, für mich sieht es aus, als hätte er versucht, ihr das Herz rauszuschneiden, und dann aufgegeben, weil es zu schwierig war.« Sein Abschied glich einer Flucht.

»Hast du das gehört, Jeannette?« flüsterte Micha Braune fassungslos.

»Nein«, antwortete Martin Knauer. »Ich höre nie zu, wenn Josef mit ihm telefoniert, hätte ja auch wenig Zweck, weil er italienisch redet, aber die sprechen stundenlang miteinander, stundenlang.«

Jeannette und Micha starrten ihren ehemaligen Kollegen fassungslos an. Martin erwiderte erstaunt ihre Blicke und hob die Hände. »Ja, und wißt ihr eigentlich, was das kostet am hellichten Tag?«

Die Kommissarin klopfte Micha Braune, der Luft holte, sich einen Kommentar dann aber verkniff, kurz und tröstend auf die Schulter. »Ich muß mit den Eltern sprechen«, sagte sie.

Er schluckte und nickte. »Soll ich mitkommen?«

»Ich komm mit«, hakte Martin sofort ein. Jeannette nickte Micha Braune zustimmend zu, der resigniert die Schultern zuckte und sich wieder dem Chaos der Fundstätte zuwandte.

Martin Knauer lebte auf, als sie alleine waren. Auf dem Weg nach Langwasser, zur Wohnung der Getöteten, redete er pausenlos auf Jeannette ein. »Ich hab verlangt, daß das sofort ein Ende hat, aber Josef meint, sie wären nach wie vor gute Freunde und er gäbe keine jahrelange Freundschaft auf wegen eines Wahns von mir. Eines Wahns! Als ob es Einbildung von mir wäre, daß die beiden es miteinander …« Er hob die Hand und nickte vielsagend und aggressiv mit dem Kopf. »Erpressung nennt er das, Erpressung!«

»Martin, bitte, mußt du eigentlich alles zweimal sagen? Verdammt«, fluchte sie dann selber, als sie eine Abzweigung verpaßt hatte. »Hier«, sie legte ihm den Stadtplan auf die Knie und nannte ihm die Adresse, »schau mal nach, wie wir da am schnellsten hinkommen.«

Martin nahm die Karte, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und begann energisch, sie zu einem winzigen Quadrat zusammenzufalten. »Der Mann weiß einfach nicht, was er will, das ist es, kann sich nicht entscheiden …« Er schaute auf. »Meinst du, ich sollte ihn verlassen?«

Jeannette verdrehte die Augen, antwortete aber nicht. Sie hatte die Straße auch alleine gefunden und war in eine Parkgasse zwischen zwei Hochhäusern eingebogen, deren weiße Plattenverkleidung in der Mittagssonne grell von dem dahinterliegenden Fichtenwäldchen abstach. Die Hände noch immer um das Lenkrad geklammert, schloß sie für ein paar Momente die Augen, um sich auf das vorzubereiten, was sie dort oben möglicherweise erwartete: Tränen, Vorwürfe, Aggression, Menschen, denen sie mit ihrer Nachricht alles nahm, was ihnen im Leben wichtig war.

»Ich meine, er hat noch nicht einmal die Diskretion besessen, seine Schmutzwäsche selbst zu waschen, hat sie einfach aus dem Koffer in den Wäschepuff gestopft. Sie hat sogar noch nach dem Kerl gerochen.«

»Martin!« Jeannette holte tief Luft und stieg energisch aus. »Ich nehme an, du willst nicht mit hinaufkommen?«

Die angegebene Adresse erwies sich als ein Apartment im zehnten Stock mit großem Balkon. Doch das Sonnenlicht flutete vergeblich durch die Panoramascheiben ins Wohnzimmer. Schwere dunkle Möbel, Erbstücke vermutlich aus einer ganz anderen Zeit und Welt, die in dem modernen Hochhaus seltsam wirkten und viel zu wuchtig für die kleine Wohnung waren, umstellten Bewohner wie Besucher mit ihren düsteren Profilen und versenkten sie in Halbschatten. Ein Mann mit roter Nase und Halbglatze hatte ihr die Tür geöffnet.

Jeannette hatte sich vorgestellt und ihre Dienststelle genannt. »Herr Sikorski?« Er nickte. Sie schaute auf ihre Notizen. »Der Vater von Maria Sikorski?«

Er nickte wieder, wie mechanisch, machte aber keine Anstalten, sie hereinzulassen. Er starrte sie nur an, wie die Schlange das Kaninchen. Als sie hinzufügte: »Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie, wollen wir nicht hineingehen?«, gab er nur wortlos die Tür frei. Jeannette mußte sie selbst aufstoßen, den Fuß in den Flur setzen und sich ihren Weg ins Wohnzimmer suchen.

Stumm kam der Vater ihr nach. Seine Frau folgte ihm auf dem Fuße, so leise, daß Jeannette sie erst bemerkte, als sie den Blick von den Bildern losreißen konnte: zahllose Farbfotos schmückten den langen Flur auf beiden Seiten, kühn vergrößerte Amateurbilder in billigen rahmenlosen Haltern. Sie zeigten alle dasselbe Motiv, das tote Mädchen vom Weißen Turm, in immer neuen Posen: als Kleinkind mit einem Spielzeugtelefon; brav gesenkten Hauptes bei der Firmung; beim Ostereiersuchen, das Körbchen in der Hand, die rote Strickstrumpfhose über den Knien ausgebeult; auf einem Pony reitend, daß die kinnkurzen schwarzen Haare flogen; am Strand mit Eimer und Schaufel vor Reihen mit Sonnenschirmen; im Ballettröckchen, dritte Position; mit der Kerze in der Hand bei einer Prozession – »Schwarze Madonna 1999« war ein handschriftlicher Zettel mit unter das Glas geschoben –; und schließlich im festlichen Abendkleid. Ungelenk stand sie vor einer wuchtigen Couchgarnitur und präsentierte ihren schleifengeschmückten Blumenstrauß.

Dann stand Jeannette vor dieser Couch, einem Winkel aus braunem Leder, über dem in der Zimmerecke ein Kreuz befestigt war; rechts und links hingen Repliken russischer Ikonen. Auf den Plastikblumen in der Vase darunter lag nicht ein Hauch von Staub. Jeannette setzte sich, das Ehepaar Sikorski stand verloren vor ihr im Raum. Jeannette erhob sich wieder. »Setzen wir uns doch«, sagte sie, dann nahmen alle wieder Platz. Sehnsuchtsvoll schaute sie durch die geschlossene Balkontür hinaus in den gleißenden Sonnenschein, der dort auf sie wartete.

»Herr Sikorski, Frau Sikorski, wir haben heute morgen ein Mädchen tot aufgefunden, von dem wir glauben, daß es Ihre Tochter ist.« Sie machte eine kurze Pause, während der keine Reaktion erfolgte. Behutsam fuhr sie fort: »Wir können uns aber nicht sicher sein, solange Sie sie nicht identifiziert haben.« Sie zog die Fotos heraus, das Motiv noch verdeckt. Bei dem Gedanken an den Unterschied zu dem frischen Mädchengesicht auf den Bildern im Flur mußte sie schlucken.

Frau Sikorski schlug die Hände vors Gesicht, noch ehe sie auch nur einen Blick auf den Packen Polaroids geworfen hatte, der vorerst verwaist zwischen den Parteien auf dem Wohnzimmertisch lag. Auch Herr Sikorski machte keine Anstalten, nach den Bildern zu greifen.

»Wir wußten es«, sagte er einfach. »Wir wußten es, als sie gestern nicht nach Hause kam. Sie ist nicht diese Art Mädchen, wissen Sie.« Er wollte tröstend nach der Hand seiner Frau greifen, doch die schweren Sessel standen zu weit auseinander, und die Hände seiner Frau kamen ihm nicht entgegen, blieben fest an ihr Gesicht gepreßt. Seine Finger sanken wieder herab, als hätten sie vergessen, was sie wollten. Zögernd näherten sie sich dem Stapel auf dem Tisch, zogen sich aber wieder zurück.

»Sie war nur beim Ballettunterricht und wollte danach noch zu ihrer Freundin Vanessa, Hausaufgaben machen«, brachte er vor, als könnte er damit den ihm bevorstehenden Anblick abwehren und noch einmal eine Normalität beschwören, die bereits endgültig verloren war. »Bei Vanessa, sagte sie, macht das mehr Spaß.« Seine Frau schluchzte auf hinter ihren Händen.

»Hat Vanessa das bestätigt?« fragte Jeannette nach.

Herr Sikorski nickte. Er sprach wie aufgezogen. »Sie wären danach in die Stadt gebummelt auf ein Eis. Vanessa war um acht zurück, meinte ihre Mutter.«

Jeannette hätte gern etwas Tröstendes gesagt. Doch zunächst mußte die Identifizierung durchgeführt werden. Vorsichtig schob sie den Packen Bilder über den Tisch näher zu Herrn Sikorski, der ihn anstarrte, als könnte er sich in etwas Gefährliches verwandeln. Als er auf seiner Hälfte des Couchtisches lag, schlug er mit einemmal heftig danach. Jeannette, die die Bewegung nicht hatte kommen sehen, zog mit einem unwillkürlichen Schmerzenslaut ihre Finger zurück. Sie schaute abwechselnd auf die Fotos, die nun auf dem falschen Perserteppich verstreut lagen, und auf Herrn Sikorski, der schluchzend in seinem Sessel zusammenbrach.

Automatisch stand Frau Sikorski auf, um Ordnung zu machen. Sie kniete sich hin und hob die Bilder eins nach dem anderen zärtlich in ihren Schoß. »Mein Mädchen.« Es war das einzige, was Jeannette sie an diesem Tag sagen hörte.

»Ich bringe Sie jetzt besser hinaus.« Herr Sikorski stand auf.

Jeannette tat es ihm unwillkürlich gleich. »Sie muß Ihnen viel bedeutet haben, es tut mir sehr …«

Mit einer wegwerfenden Handbewegung schnitt er ihr das Wort ab. »Und das hier nehmen Sie besser mit.« Er bückte sich heftig nach den Bildern im Schoß seiner Frau. »Was ist das?« fragte er entsetzt.

»Die dunkle Farbe und die Schwellungen? Das ist eine Folge der …«

»Nein, nein, nein: das!« Er brüllte es fast, wütend, gebieterisch.

Jeannette trat einen Schritt näher und beugte sich vor. »Das ist Schminke«, erklärte sie, »Puderrouge. Wenn man es so dick aufträgt wie hier, bilden sich an den Gesichtsrändern Stege und …«

Maria Sikorskis Vater warf ihr die Fotografien fast ins Gesicht. »Das ist nicht meine Tochter«, brüllte er. »Meine Tochter hat sich nicht geschminkt wie eine Hure.« Er lief rot an, Speichel sprühte ihm aus dem Mund. Unwillkürlich trat Jeannette einige Schritte zurück, die er ihr bedrohlich folgte. Sie stand nun wieder im Flur. Maria Sikorski lächelte sie dort an, im Taftabendkleid im Wohnzimmer ihrer Eltern stehend. Sie trug dieselbe Spange mit Blüten aus Perlmutt-Imitat, die Jeannette Dürer ihr heute morgen aus dem Haar gezogen hatte. Eines der winzigen Blütenblätter war abgebrochen und im Staub um die Leiche herum auch nicht gefunden worden.

»Meine Tochter bemalt sich nicht«, schrie Herr Sikorski weiter und suchte offenbar, sie zur Tür zu treiben. Seine Frau, noch immer kniend, noch immer stumm, hatte sich an sein Hosenbein gehängt. Jeannette nutzte den Vorsprung, den sie ihr damit verschaffte.

»Das ist nicht meine Tochter.« Das dumpfe Brüllen des Vaters war selbst durch die geschlossene Tür noch im Treppenhaus zu hören.

Die Tür der Nachbarwohnung stand offen, und eine ältere Frau äugte neugierig nach der jungen Kommissarin. Jeannette rief sich das Bild von Maria Sikorskis Firmung ins Gedächtnis. An dem Gotteshaus mit dem modernen Glockenturm aus grauem Beton im Hintergrund war sie auf dem Weg hierher vorbeigekommen. Sie erkundigte sich bei der Frau.

»Freilich, des is unsere Gemeindekirche. Ich geh da jeden Sonntag hin«, beeilte sie sich hinzuzufügen, als müßte sie Jeannette von ihrer Tugend überzeugen.

»Die Sikorskis auch?« fragte Jeannette und zückte ihre Marke.

»Freilich!« war die empörte Antwort. »Ja, aber sagen’s amal …«

Doch Jeannette Dürer hatte sich bereits an den Abstieg gemacht. Sie verschmähte den Aufzug, das Treppensteigen tat ihr gut. Auf dem Rückweg würde sie an der Kirche halten und jemanden bitten, den Pfarrer bei Sikorskis vorbeizuschicken. Jemand mußte den Vater überreden, die Identifizierung zu bestätigen. Wenn er sich in seinem Kummer in die dumme Idee verrannte, daß das nicht seine Tochter sei, hatte sie nur zusätzlichen Ärger und Aufwand. Und sie mußte zurückkehren, um Marias Zimmer in Augenschein zu nehmen, einen Vernehmungstermin vereinbaren, die Adresse dieser Vanessa erfahren, verdammt, sie hatte ihre Hausaufgaben hier nicht besonders gut gemacht. Ob Frau Sikorski immer noch auf dem Boden lag? Sie zögerte und wählte schließlich die Nummer des ärztlichen Notrufs mit der Bitte, jemanden vorbeizuschicken, der bei den Sikorskis nach dem Rechten sah.

Martin wartete an den Wagen gelehnt auf sie, Arme verschränkt, Augen geschlossen, das Gesicht der Sonne entgegengewandt. Doch seine entspannte, friedliche Haltung löste sich sofort, als er sie sah. Umgehend überfiel er sie mit einem Redeschwall. »Dieses ganze Gerede davon, was bedeutungsvoll und was bedeutungslos ist, Herrgott eins, das kann doch wohl nur ich entscheiden, ob ich das wichtig nehme oder nicht. Es fühlt sich wichtig an für mich, oder? Täte es das für dich nicht? Es fühlt sich verdammt noch mal schmerzhaft an, sehr schmerzhaft, und wann ich darüber hinwegkomme, kann ich doch nicht auf Kommando sagen!«

»Martin, ich hatte da eben einen sehr anstrengenden …« Sie hob die Hände und senkte sie resigniert wieder. Was sollte es auch. »Josef hat vielleicht nur gemeint, du solltest es nicht wichtiger nehmen, als es ihm selbst ist«, ging sie auf sein Lamento ein.

»Nicht wichtig? Nicht wichtig? Na hör mal, was ist einem solchen Menschen denn dann noch wichtig? Was ist dir denn zum Beispiel wichtig, häh?«

»Mir?« Zum ersten Mal an diesem Tag wurde Jeannette ein bißchen laut. »Meine Arbeit zu tun zum Beispiel.«

»Halte ich dich etwa ab? Halte ich dich von der Arbeit ab?« Er hüpfte in den Wagen und hob die Hände wie ein Zirkuskünstler. »Von mir aus kann es losgehen.«

Jeannette stieg seufzend ein. Sie sah, daß er schmollte.