Patrick Modiano

Ein so junger Hund

Roman

Aus dem Französischen
von Jörg Aufenanger

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für Dominique

Glockengeläut, hängende Arme, man kommt nicht bis hierher,

Glockengeläut, offene Türen, Tollsucht zu verschwinden.

Alle Hunde langweil’n sich,

Ist der Herr gegangen.

Paul Eluard

Ich habe Francis Jansen kennengelernt, als ich neunzehn Jahre alt war. Es war im Frühling des Jahres 1964, und ich will heute die wenigen Dinge erzählen, die ich von ihm weiß.

Es war früh am Morgen in einem Café an der Place Denfert-Rochereau. Ich befand mich in Begleitung einer Freundin meines Alters, und Jansen saß an einem Tisch gegenüber. Er beobachtete uns und lächelte dabei. Dann hat er aus einer Tasche, die neben ihm auf der Sitzbank aus Kunstleder abgelegt war, eine Rolleiflex geholt. Ich habe kaum wahrgenommen, daß er das Objektiv auf uns gerichtet hat, so schnell und lässig zugleich waren seine Gesten. Er benutzte also eine Rolleiflex, aber ich wäre außerstande zu sagen, welches Papier und welche Methoden zur Entwicklung er verwendete, um jenes Licht zu gewinnen, in das jedes seiner Fotos getaucht war.

Ich erinnere mich, ihn an jenem Morgen aus Höflichkeit gefragt zu haben, welchen Fotoapparat er für den besten halte. Er hatte mit den Schultern gezuckt und mir gestanden, daß er letztendlich die Apparate aus schwarzem Plastik bevorzuge, die man in Spielzeuggeschäften kauft und die einen Wasserstrahl spritzen, wenn man auf den Auslöser drückt.

Er hatte uns einen Kaffee ausgegeben und vorgeschlagen, meine Freundin und mich noch einmal, nun aber draußen auf der Straße, zu fotografieren. Eine amerikanische Illustrierte habe ihn beauftragt, eine Reportage über die Jugend von Paris zu bebildern, und er habe uns beide dafür ausgewählt: Das sei das Einfachste und gehe schnell, und selbst wenn die drüben in Amerika nicht zufrieden seien, wäre das ohne Bedeutung. Er wollte diese Brotarbeit schnell hinter sich bringen. Als wir das Café verließen, liefen wir unter der Sonne her, und ich hörte ihn mit seinem leichten Akzent sagen:

»Ein so junger Hund.«

Ein Ausspruch, den er oft wiederholen sollte in jener Jahreszeit.

Er setzte uns auf eine Bank, und dann plazierte er uns in der Avenue Denfert-Rochereau vor einer Mauer, der von einer Reihe Bäumen Schatten gespendet wurde. Ich habe eins dieser Fotos behalten. Wir sitzen auf der Bank, meine Freundin und ich. Ich habe den Eindruck, das sind andere Personen als wir, wegen all der Zeit, die verflossen ist, oder gar wegen etwas, was Jansen durch sein Objektiv gesehen hat und was wir selbst damals nicht hätten sehen können, wenn wir uns vor einen Spiegel gestellt hätten: zwei junge Menschen, anonym und verloren in Paris.

*

Wir haben ihn in sein Atelier begleitet, das ganz in der Nähe, in der Rue Froidevaux, gelegen war. Ich spürte, daß er es scheute, allein zu sein.

Das Atelier befand sich im Erdgeschoß des Hauses, und man betrat es durch eine Tür direkt von der Straße aus. Ein geräumiges Zimmer mit weißen Wänden, an dessen Ende eine kleine Treppe zu einem Mezzanin führte. Ein Bett füllte die ganze Fläche des Mezzanins aus. Das Zimmer war nur mit einem grauen Canapé und zwei Sesseln gleicher Farbe möbliert. Neben dem gemauerten Kamin stapelten sich drei Koffer aus kastanienbraunem Leder. An den Wänden nichts. Nur zwei Fotos. Das größere zeigte eine Frau, eine gewisse Colette Laurent, wie ich später erfahren sollte. Auf dem anderen zwei Männer, der eine war Jansen in jungen Jahren. Sie saßen nebeneinander in einer geborstenen Badewanne inmitten von Ruinen. Trotz meiner Schüchternheit hatte ich mich nicht zurückhalten können, Jansen danach zu fragen. Er hatte mir geantwortet, das seien er und sein Freund Robert Capa im August 1945 in Berlin.

Vor unserer Begegnung war mir der Name Jansen unbekannt gewesen. Aber ich wußte, wer Robert Capa war, denn ich hatte seine Fotos aus dem Spanischen Bürgerkrieg gesehen, und ich hatte einen Artikel über seinen Tod in Indochina gelesen.

Die Jahre sind vergangen. Sie haben das Bild von Capa und Jansen nicht verwischt, sie haben den gegenteiligen Effekt gehabt: Dieses Bild ist in meinem Gedächtnis viel deutlicher, als es in jenem Frühjahr war.

Auf dem Foto erschien mir Jansen wie ein Doppelgänger Capas oder vielmehr wie der kleine Bruder, den dieser unter seine Fittiche genommen hat. Sosehr Capa mit seinem tief dunklen Haar, seinen schwarzen Augen und der Zigarette, die in seinem Mundwinkel hing, Beherztheit und Lebensfreude ausstrahlte, sosehr schien Jansen, blond, mager, heller Blick, mit seinem schüchternen und melancholischen Lächeln, sich nicht recht wohl zu fühlen in seiner Haut. Capa hatte einen Arm um Jansens Schulter gelegt, und die Geste war nicht allein freundschaftlich. Man hätte sagen können, er stütze ihn.

Wir haben uns in den Sesseln niedergelassen, und Jansen hat uns einen Whisky angeboten. Er ist nach hinten gegangen, hat eine Tür geöffnet, die zur ehemaligen Küche führte, die er in eine Dunkelkammer verwandelt hatte. Dann ist er zu uns zurückgekommen.

»Es tut mir leid, aber es ist kein Whisky mehr da.«

Er saß ein wenig ungelenk am Rand des Canapés, die Beine übereinandergeschlagen, als sei er selbst auf Besuch. Wir brachen das Schweigen nicht, meine Freundin und ich. Das Zimmer war sehr hell mit seinen weißen Wänden. Die beiden Sessel und das Canapé standen weit auseinander, was den Eindruck von Leere erzeugte. Man hätte meinen können, Jansen wohne hier schon nicht mehr. Die drei Koffer, deren Leder die Sonnenstrahlen reflektierte, suggerierten einen baldigen Aufbruch.

»Wenn es Sie interessiert«, sagte er, »werde ich Ihnen die Fotos zeigen, sobald sie entwickelt sind.«

Ich hatte seine Telefonnummer auf eine Zigarettenpackung geschrieben. Im übrigen stehe er im Telefonbuch, hatte er uns präzisiert. Jansen, 9 Rue Froidevaux, Danton 75–21.

Man könnte meinen, unser Gedächtnis kenne zuweilen das, was dem Entwicklungsvorgang des Polaroidfotos ähnelt. Fast dreißig Jahre lang habe ich kaum an Jansen gedacht. Unsere Begegnungen haben in einem äußerst kurzen Zeitraum stattgefunden. Er hat Frankreich im Juni 1964 verlassen, ich schreibe diese Zeilen im April 1992. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört, und ich weiß nicht, ob er lebt oder tot ist. Die Erinnerung an ihn war in eine Art Winterschlaf gefallen, und plötzlich nun taucht sie zu Beginn dieses Frühjahrs 1992 wieder auf. Ist es, weil ich das Foto von meiner Freundin und mir wiedergefunden habe, auf dessen Rückseite ein Stempel mit blauen Lettern angibt: Foto Jansen. Nachdruck verboten? Oder aus dem einfachen Grund, daß die Frühlinge sich gleichen?

Heute war die Luft leicht, die Knospen waren aufgesprungen an den Bäumen des Jardin de l’Observatoire, und der April 1992 verschmolz wie in einer Doppelbelichtung mit dem April 1964 und mit anderen Aprilmonaten, die kommen würden. Die Erinnerung an Jansen hat mich an diesem Nachmittag verfolgt und wird mich für immer verfolgen: Jansen bleibt einer, den ich kaum Zeit hatte kennenzulernen.

Wer weiß? Irgendeiner, und das werde nicht ich sein, wird ein Buch über ihn schreiben, illustriert mit Fotos, die dieser finden wird. Eine Bibliothek im Taschenbuchformat mit schwarzem Einband ist berühmten Fotografen gewidmet. Warum ist er nicht unter ihnen? Er ist es wert. So warte ich ab, ob diese Seiten ihn dem Vergessen entreißen, und darüber wäre ich sehr glücklich. Es ist ein Vergessen, das er vorsätzlich gesucht hat, an dem er selbst schuld ist.

Es scheint mir notwendig zu sein, hier einige biographische Angaben, die ich zusammengestellt habe, anzuführen: Geboren ist er 1920 in Antwerpen. Seinen Vater hat er kaum gekannt. Seine Mutter und er besaßen die italienische Staatsbürgerschaft. Nach einigen Studienjahren in Brüssel verließ er 1938 Belgien und ging nach Paris. Dort arbeitete er als Assistent einiger Fotografen, und er machte die Bekanntschaft von Robert Capa. Der nahm ihn im Januar 1939 mit nach Barcelona und Figueras, von wo aus sie den Exodus der Spanienflüchtlinge zur französischen Grenze mitmachten. Im Juli des gleichen Jahres folgte er mit Capa der Tour de France. Als der Krieg erklärt wurde, schlug Capa ihm vor, in die USA zu gehen, und besorgte zwei Visa. Im letzten Moment entschloß sich Jansen, in Frankreich zu bleiben. Die ersten beiden Jahre der deutschen Besatzung verbrachte er in Paris. Dank eines italienischen Journalisten konnte er als Fotograf für das Magazin Tempo arbeiten. Das verhinderte aber nicht, daß er während einer Razzia festgenommen und als Jude im Durchgangslager Drancy interniert wurde. Er blieb dort bis zu dem Tag, an dem es dem italienischen Konsulat gelang, die aus Italien stammenden Insassen freizubekommen. Dann zog er sich in die Savoyer Alpen zurück und wartete dort auf das Ende des Krieges. Wieder in Paris, traf er erneut auf Capa und begleitete ihn nach Berlin. In den Folgejahren arbeitete er für die Agentur Magnum. Nach Capas Tod und dem Colette Laurents – der Freundin, deren Portrait ich an der Wand des Ateliers gesehen hatte – zog er sich mehr und mehr in sich zurück.

Ich empfinde eine gewisse Scheu, diese Details zu nennen, und ich stelle mir Jansens Verlegenheit vor, wenn er dies schwarz auf weiß notiert sähe. Er war ein Mann, der wenig sprach. Und er wird alles getan haben, damit man ihn vergesse, bis hin zu seinem Verschwinden nach Mexiko im Juni 1964, von wo er kein Lebenszeichen mehr gegeben hat. Oft sagte er mir: »Wenn ich da unten angekommen bin, schicke ich eine Postkarte, um Ihnen meine Adresse mitzuteilen.« Ich habe vergeblich auf sie gewartet. Ich glaube nicht, daß er eines Tages auf diese Zeilen stößt. Wenn das aber passieren sollte, werde ich eine Postkarte aus Cuernavaca oder woanders her erhalten, auf der nur wenige Wörter zu lesen sind:

»Verhalten Sie sich ruhig.«

Nein, ich werde nichts erhalten. Es reicht mir, eins seiner Fotos anzuschauen, um die Fähigkeit wahrzunehmen, die seine Kunst und sein Leben ausmacht, und die so kostbar, aber so schwer zu erlangen ist: im Schweigen zu verharren. Eines Nachmittags hatte ich ihn besucht, und er gab mir das Foto von meiner Freundin und mir auf der Bank. Er hatte mich gefragt, was ich späterhin vorhabe, und ich hatte ihm geantwortet:

»Schreiben.«