Informationen zum Buch

Eine Liebesgeschichte in den Wirren der Revolution

Im Jahre 1910 reist die junge Marie von Berlin nach Tsingtau, der Hauptstadt der deutschen Kolonie in China. Sie will die neue Heimat ihres Vaters kennenlernen, bevor sie eine Stelle als Ärztin antritt. Tsingtaus Gesellschaft ist glamourös, und Philipp von Heyden, ein Marinearchitekt, macht ihr den Hof. Doch der schöne Schein trügt. In China drohen Unruhen – Du Xündi, ein Revolutionär, öffnet Marie die Augen und erobert ihr Herz. Trotz Philipps Warnung gerät sie in einen gefährlichen Sog von Gewalt – und sie muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie steht.

Ein Epos über eine Deutsche und das exotische China zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Sibylle Spindler

Die Ärztin von Tsingtau

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Historischer
Roman

Aufbau Digital

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Nachwort

Über Sibylle Spindler

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

 1. 

Das rhythmische Stampfen der Schiffsmaschinen, das sie in den Schlaf begleitet hatte, war auch das Erste, was Marie wahrnahm, als sie wieder erwachte. Fahles Morgenlicht drang durch das Bullauge der Kabine. Im Bruchteil eines Augenblicks war sie hellwach. Eine Welle nervöser Vorfreude durchflutete sie. In nur wenigen Stunden würde die lange Schiffsreise endlich zu Ende gehen. Fast sieben Wochen an Bord des Norddeutschen Lloyd-Dampfers »Lützow« auf dem schier endlosen Weg von Bremerhaven nach Tsingtau, der deutschen Kolonie in China. Heute würde sie endlich ihren Vater wieder sehen und sein Leben kennenlernen, in dem Land, das sie in ihrer Vorstellung mit sich herumgetragen hatte, seit er vor zehn Jahren dorthin versetzt worden war.

Zügig stand Marie auf und machte sich fertig. Seit Shanghai hatte sie die Kabine für sich allein, was das Leben auf den wenigen Quadratmetern angenehmer machte. Ihr braunes Reisekostüm und die hochgeschlossene weiße Bluse hatte sie schon am Abend vorher bereitgelegt, als sie ihre Koffer packte. Mit geübten Handgriffen steckte sie schließlich ihr langes braunes Haar hoch und heftete sich eine Gemme über den obersten Knopf ihrer Bluse. Einen Moment lang blieb sie vor dem Spiegel stehen, die Hand auf der Brosche. Sie war ein Erbstück von ihrer Mutter, die immer gehofft hatte, eines Tages gemeinsam mit ihrer Tochter auf diese Reise zu gehen. Doch dieser Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Marie schob den melancholischen Gedanken beiseite, zog ihren Mantel an, nahm ihre Handschuhe und verließ die Kabine.

Das Deck war noch menschenleer. Marie trat an die Reling. Der Tag versprach gutes Herbstwetter, das Meer war ruhig, die Sicht klar. In der Ferne war deutlich die chinesische Küste zu erkennen. Ab und zu stieg Rauch auf, wahrscheinlich Siedlungen am Meer. Lange, weiße Sandstrände wechselten mit schroffen, dunklen Felsen ab, die im Hinterland zu Bergen emporwuchsen, deren Gipfel sich in Nebelschwaden hüllten. Geheimnisvoll lag das Land im ersten Morgenlicht.

»Sieht alles ganz friedlich aus, nicht wahr? Aber der Schein trügt.«

Erschrocken drehte Marie sich um. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand hinter sie getreten war. Paul Grill war wie sie in Bremerhaven als Passagier der zweiten Klasse an Bord gegangen. Er war etwas jünger als Marie, hatte häufig ihre Gesellschaft gesucht und viel über Tsingtau erzählt. Sein Onkel hatte in der Friedrichstraße ein Kaufhaus, wo Waren aus Deutschland an die Kolonisten und reiche Chinesen verkauft wurden. Eines der ersten Häuser am Platz, wie Paul immer wieder stolz betont hatte. Da sein Onkel keinen Sohn hatte, war er vor einigen Jahren nach Tsingtau geschickt worden, um dort seine Lehrjahre zu absolvieren und irgendwann einmal das Familienunternehmen zu übernehmen. Aber nachdem er einen schweren Anfall von Fleckfieber nur knapp überlebt hatte, war er in die Heimat zurückgeschickt worden, um sich völlig auszukurieren. Nun war er wieder auf dem Weg nach China, entschlossener denn je, dort eines Tages als Nachfolger seines Onkels reich zu werden.

»Wir können von Glück sagen, dass wir in Tsingtau unsere Truppen haben, die von den Schlitzaugen respektiert werden. Sonst würden sie uns fremden Teufeln bei nächster Gelegenheit nur zu gerne die Hälse durchschneiden. Beim Boxeraufstand vor zehn Jahren haben sie es versucht, ist ihnen aber schlecht bekommen.«

Er grinste verächtlich.

Kühl sah Marie ihn an. Die Art und Weise, wie er über Chinesen sprach, hatte sie von Anfang an irritiert. Außerdem hatte er ihre Gedanken gestört. Sie hätte gerne diese Augenblicke der Vorfreude allein genossen.

»Sie entschuldigen mich. Ich muss noch frühstücken und zu Ende packen.«

Sie drehte sich abrupt um und ließ den jungen Mann einfach stehen.

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Kaum eine Stunde später stand Marie landfertig in Hut, Mantel und Handschuhen wieder an der Reling und starrte auf die zerklüftete Küstenlinie. Auch die meisten anderen Passagiere hatten sich inzwischen an Deck eingefunden und beobachteten trotz der kühlen Herbstbrise erwartungsvoll, wie das Ziel ihrer Reise langsam näher kam. Neben Marie standen Gerlinde Zimmermann und deren Mutter Helene, beide in eleganter Reisekleidung nach letzter Pariser Mode. Sie waren Passagiere der ersten Klasse auf dem Heimweg in die Kolonie, wo der Ehemann von Helene Zimmermann und Vater von Gerlinde seit zehn Jahren eine Rechtsanwaltskanzlei betrieb. Gerlinde hatte sich unterwegs für Marie als Quell immerwährender Überraschung entpuppt. Sie war in China aufgewachsen, sprach fließend Chinesisch und schien wirklich alles über die Kolonie zu wissen. Als sie vom Kapitän einander vorgestellt worden waren, hatte Marie zu ihrer Überraschung erfahren, dass die beiden Damen ihren Vater kannten. Hafenbaumeister Hildebrand war ein angesehener Mann, und auf gesellschaftlichen Veranstaltungen in der Stadt lief man sich immer wieder über den Weg. Paul Grill jedoch wurde unterwegs von Helene Zimmermann ignoriert. Er gehörte eindeutig nicht zu den gesellschaftlichen Kreisen, mit denen sie zu verkehren gewillt war.

Plötzlich riss die Küstenlinie ab, und es schien, als ob sich ein riesiger See auftat, dessen Ufer sich weit ins Landesinnere zurückzog, so dass es nur noch schemenhaft in weiter Ferne zu sehen war.

»Gott sei Dank«, stieß Gerlinde begeistert aus. »Endlich die Bucht! Das ist die Bucht von Kiautschou – und am anderen Ende liegt Tsingtau. Jetzt dauert es nur noch eine gute Stunde. Sieh mal, da drüben. Kannst du die Küste sehen? Da ist es!«

Aufgeregt deutete sie auf den vor dem Bug liegenden Horizont. Helene Zimmermann zischte ihrer Tochter zu. »Gerlinde! Ich bitte dich! Du benimmst dich wie ein kleines Mädchen!«

»Ach, Mama! Ich freue mich einfach so, nach Hause zu kommen.«

Marie schien es, als sei Gerlinde fast selbst erschrocken über diesen spontanen Freudenausbruch. Das junge Mädchen schwieg einen Augenblick. Ihre Mutter musterte sie misstrauisch. Doch schon wandte sich Gerlinde wieder an Marie und fuhr begeistert fort.

»Marie, du kommst zur rechten Jahreszeit! Jetzt ist das beste Wetter, und im Herbst und Winter ist hier besonders viel los, eine Veranstaltung nach der anderen. In zwei Monaten ist Weihnachten. Dann wird alles schön geschmückt, und überall gibt es Weihnachtsfeiern! Und wenn das Wetter mitspielt, können wir mit meinem Vater einen Ausflug in den Laoshan machen und Ski laufen.«

»Laoshan?«

»So heißt das Gebirge bei Tsingtau«, erklärte Gerlinde wie selbstverständlich. »Dort ist es märchenhaft schön, und es gibt viel zu sehen. Tempel, Höhlen, sogar Wasserfälle.«

»Klingt ja sehr verlockend. Aber ehrlich gesagt, bin ich noch nie Ski gelaufen. Außerdem werde ich mich zunächst um meinen Vater kümmern müssen und mich dann erst ins Vergnügen stürzen.«

»Hier hat man doch Personal. Du musst dich um nichts kümmern, nur um dich selbst«, protestierte Gerlinde.

»Jetzt lass Fräulein Hildebrand doch erst einmal ankommen, dann sehen wir weiter. O Verzeihung, Fräulein Doktor Hildebrand«, fügte Helene Zimmermann mit einem spitzen Unterton hinzu. Marie spürte, dass Gerlindes Mutter ihr gegenüber Vorbehalte hatte. Ihr akademischer Titel und die Tatsache, dass sie einen Beruf hatte, lösten häufig Irritationen aus. Eine Frau als Ärztin? Manche Menschen behandelten sie wie ein fremdartiges Wesen, so als wüssten sie nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten.

»Ich gehe wieder aufs Promenadendeck und nehme noch eine Tasse Tee bis zur Ankunft. Kommst du, Gerlinde?«

»Nein, Mama. Ich bleibe hier unten bei Marie. Wir können sie doch jetzt nicht ganz alleine lassen! Wer soll ihr denn alles erklären?«

Unwillig, in aller Öffentlichkeit weiter mit ihrer Tochter zu diskutieren, schritt Helene Zimmermann an einem salutierenden Matrosen vorbei die Treppe hinauf zum Deck der ersten Klasse.

Paul Grill, der in diesem Augenblick um die Ecke kam, blickte Helene Zimmermann mit einer Mischung aus Neid und Verachtung hinterher.

»Deine Mutter kann es wohl nicht ertragen, wenn sie jemand bei ihrer Ankunft auf dem Deck der zweiten Klasse sieht«, spottete er.

»Du bist ja nur neidisch, dass du nicht aufs Promenadendeck darfst«, entgegnete Gerlinde schnippisch.

»Eines Tages fahre ich auch nur noch erster Klasse«, gab Paul selbstbewusst zurück.

Gerlinde zupfte Marie leicht am Ärmel.

»Komm, wir müssen auf die andere Seite. Der Lotse ist gerade an Bord gekommen. Sie schießen gleich!«

»Sie schießen?« Marie sah Gerlinde verwundert an.

»Nicht auf uns! Das ist der Willkommenssalut! Jedes große Schiff wird so begrüßt«, belehrte Gerlinde sie geduldig. »Jetzt komm schon!«

Tatsächlich wechselten nun alle Passagiere von Backbord nach Steuerbord, da die »Lützow« ihren bisherigen Kurs parallel zur Küste langsam buchteinwärts änderte. Der nun vor dem Schiff liegende Landstrich wurde immer deutlicher. Eine zerklüftete Felsenspitze ragte weit ins Meer hinein. Auf ihr stand der Leuchtturm. Dahinter erhoben sich karge, nur spärlich bewachsene Hügel, auf denen erste Gebäude zu erkennen waren.

Ganz hinten am Horizont erstreckte sich ein Gebirgszug, dessen schneebedeckte Gipfel in der Sonne leuchteten.

»Sieh mal, da oben auf dem Hügel das riesige Haus, das ist das ›Schlösschen‹. Da wohnt der Gouverneur«, erläuterte Gerlinde.

Marie musste lachen. Das Gouverneurshaus ragte wie eine wuchtige Trutzburg zwischen niedrigen Bäumen empor. Trotz der Entfernung sah das Gebäude mit seinen Giebeldächern und dem Turmaufsatz an der einen Ecke plump und überdimensional aus.

»Du hast wirklich Glück, Marie. Solch klare Sicht haben wir hier eher selten. Hoffen wir, dass dies ein gutes Omen für deinen Aufenthalt ist.« Gerlinde strahlte sie an.

Wie zur Bestätigung dieser Aussage stieg plötzlich eine kleine Rauchwolke von der Felsenspitze im Meer auf, und im selben Augenblick donnerte auch schon der erste Salutschuss. Die an Deck stehenden Passagiere klatschten begeistert Beifall, die Herren winkten mit ihren Hüten der Salutbatterie auf den Felsen zu, von wo aus weitere Salven abgefeuert wurden. Nun kamen die mächtigen Hafenbefestigungen von Tsingtau in Sicht. Marie konnte sich des plötzlichen Gefühls von Stolz nicht erwehren. Das war also das Werk ihres Vaters. Unglaublich was hier geschaffen worden war. Wieder tauchte Paul Grill neben Marie auf. Als habe er ihre Gedanken gelesen, bemerkte er: »Schon eine tolle Leistung, der Hafen und die Stadt. Wenn man sich vorstellt, dass hier vor zwölf Jahren nichts als Wildnis war.«

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An der Uferbefestigung tat sich jetzt eine Durchfahrt auf, dahinter lag ein weitläufiges Hafenbecken. Ein schweres Holzschiff mit hohem Achterdeck und einem riesigen dunkelroten Segel steuerte majestätisch auf die Einfahrt zu.

»Das ist der Kleine Hafen«, erklärte Paul sachkundig. »Dort liegen die Torpedoboote und die Sampans und Dschunken, die chinesischen Transportschiffe. Die dürfen nicht in den Großen Hafen, der ist nur für große Kriegsschiffe und Passagierdampfer. Alles perfekt organisiert.«

Marie lächelte ihn an. »Mit deutscher Gründlichkeit.«

Er nickte stolz. »Genau.«

»Und da vorne ist die Einfahrt zum Großen Hafen«, mischte sich Gerlinde ein. »Wir legen an Mole II an.«

Im Anschluss an den Sampanhafen erstreckte sich eine Reihe von Lagerhallen und Schuppen am Ufer, dahinter lagen auf dem weitläufigen Gelände Fabrikhallen mit Schornsteinen und Bürogebäuden. Unzählige dunkel gekleidete Chinesen mit langem Haarzopf waren zwischen den Gebäuden an der Arbeit. Vor dem Schiff ragten zwei Molen in das riesige runde Hafenbecken. Beeindruckt registrierte Marie, wie modern die ganze Anlage war. Eisenbahnschienen führten bis zum Ende der langen Piers, so dass der Zu- und Abtransport von Kohle und Fracht mit Eisenbahnwaggons erfolgen konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens lag die Werft mit einem riesigen Kran und einem Schwimmdock. Die »Lützow« steuerte langsam auf die zweite Mole zu. Dort stand eine bunte Ansammlung von Menschen, die dem Dampfer erwartungsvoll entgegenblickten. An Deck kam Bewegung in die Passagiere. Sie reckten die Hälse, winkten lachend und deuteten auf Freunde und Angehörige, die am Pier standen, um sie endlich in die Arme zu schließen. Etwas abseits entdeckte Marie eine Gruppe Soldaten in Formation, die gerade ihre Blasinstrumente ansetzte und als musikalischen Willkommensgruß »Alle Vöglein sind schon da« zum Schiff herüberschmetterte. Marie musste wieder lachen.

»Genau das richtige Lied für eine Ankunft in China«, rief sie Paul in dem allgemeinen Trubel zu.

»Das ist nicht China«, antwortete er brüsk. »Das ist Deutschland, deutsches Schutzgebiet. Hier haben die Chinesen nichts zu sagen.«

Für einen kurzen Moment ärgerte sich Marie wieder über Pauls Überheblichkeit. Doch irgendwie sah es hier wirklich aus wie in Deutschland. Die Form der Gebäude mit Fachwerk, spitzen Giebeln und roten Ziegeldächern, die ganze Hafenanlage. Schon auf den zweiten Blick aber waren Unterschiede festzustellen: Zwischen den Europäern standen überall Chinesen, die als Diener, Träger oder Rikschafahrer arbeiteten. Etwas abseits entdeckte Marie drei, in dunkelblaue lange Gewänder gekleidete, würdevoll aussehende Chinesen. Sie waren eindeutig keine Kulis, sondern warteten offensichtlich ebenfalls auf Ankömmlinge an Bord. Einer der drei Männer fiel Marie besonders auf, denn er trug statt der üblichen runden chinesischen Kappe einen Hut in westlichem Stil und überragte die anderen Chinesen fast um Haupteslänge.

Gerlinde deutete auf einen gut aussehenden Mann, der neben einem Automobil am Ufer stand. »Da ist mein Vater.«

Sie winkte heftig, Manfred Zimmermann grüßte lachend zurück.

»Automobile gibt es hier auch schon«, staunte Marie.

»Na ja. Nicht gerade das Verkehrsaufkommen von Berlin! Aber immerhin haben wir schon neun Stück davon in der Kolonie. Sieh doch, da ist dein Vater, Marie …«

Gerlinde zeigte auf zwei Männer in dunklen Marinemänteln.

Wolfgang Hildebrand wirkte sehr imposant. Er war von großer Statur, hatte graue Haare und einen Vollbart. Marie winkte ihm zu. Ihr Vater deutete ebenfalls in ihre Richtung und sprach kurz mit dem jungen Mann, der neben ihm stand.

»Und wer ist der Mann neben ihm?«, fragte Marie.

Gerlinde kniff die Augen zusammen und sah dann Marie erstaunt an.

»Alle Wetter! Das nenne ich das perfekte Empfangskomitee! Das ist Philipp von Heyden. Von ihm würde sich hier jede Frau gerne abholen lassen.«

Marie lachte. »Gut, dass deine Mutter das nicht gehört hat.«

»Was soll ich nicht gehört haben?«

Unbemerkt in all dem Trubel war Helene Zimmermann zurückgekehrt, um ihre Tochter abzuholen.

»Komm, Gerlinde, wir sollten uns bereit machen, von Bord zu gehen.«

Gerlinde reagierte nicht, sondern deutete aufgeregt auf die wartende Menge am Pier.

»Sieh doch, Mama, wen Maries Vater bei sich hat. Philipp von Heyden!«

Helene Zimmermann sah über die Reling und zog die Augenbrauen hoch. »Tatsächlich, das ist ja wirklich eine nette Überraschung.« Wie ausgewechselt wandte sie sich Marie zu. »Kommen Sie, Fräulein Hildebrand! Wir nehmen Sie mit zum Ausgang erster Klasse, dann müssen Sie nicht so lange warten.«

Gerlinde und Marie sahen sich erstaunt an und folgten Helene. Marie drehte sich noch einmal zu Paul Grill um und winkte ihm zu, bevor er vom Gedränge am Ausgang der zweiten Klasse verschluckt wurde.

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Gemeinsam schritten die drei Damen wenige Minuten später die leicht schwankende Gangway hinunter. Manfred Zimmermann umarmte seine Frau und seine Tochter herzlich.

Marie ging auf ihren Vater zu und blieb einen Moment lang unschlüssig vor ihm stehen. Auch er zögerte kurz, während er sie mit liebevollem Blick musterte. Dann zog Wolfgang Hildebrand seine Tochter an seine Brust und hielt sie einen Moment lang fest.

»Willkommen in Tsingtau, mein Kind.«

Er hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich und musterte sie von Kopf bis Fuß.

»Du siehst deiner Mutter immer ähnlicher.«

Er stockte kurz. Marie konnte sehen, dass er Tränen in den Augen hatte, doch schnell gewann er wieder seine Fassung.

»Wie ich sehe, hat sich meine liebe Schwester Lottie gut um dich gekümmert. Marie, darf ich dir einen guten Freund von mir vorstellen? Das ist Philipp von Heyden, seines Zeichens Architekt, Leutnant der Marine, ein hochgeschätzter Kollege und ein teurer Freund.«

Philipp von Heyden trat vor und küsste Marie galant die Hand.

»Es ist mir eine große Freude und Ehre, Fräulein Dr. Hildebrand. Ihr Vater hat mir so viel über Sie erzählt.«

»O danke. Zu viel der Ehre. Ich hoffe, er hat Ihnen nicht all meine Jugendsünden verraten«, antwortete Marie, und alle lachten.

»Jugendsünden? Nach den Erzählungen Ihres Vaters sind Sie ein Muster an Tugend!«

»Oje. Wie langweilig das klingt! Vater, ich glaube, damit hast du mir keinen Gefallen getan.«

Philipp lachte laut, während Wolfgang Hildebrand eher verwirrt dreinsah. Marie musterte Philipp von Heyden unauffällig. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende zwanzig, er wirkte aber reifer durch seine Uniform. Er war genauso groß wie ihr Vater, doch weitaus schlanker, mit blonden Haaren und blauen Augen, die ihr aus seinem leicht gebräunten, etwas kantigen Gesicht entgegenblitzten. In diesem Augenblick drehte sich Helene Zimmermann zu Wolfgang Hildebrand um und streckte ihm die Hand zum Handkuss entgegen.

»Lieber Kapitän Hildebrand, wie Sie sehen, haben wir Ihre Tochter an Bord unter unsere Fittiche genommen. Hallo, Philipp! Welche Überraschung.«

Während Wolfgang Hildebrand Herrn Zimmermann seine Tochter vorstellte, hauchte Philipp formvollendet einen Kuss auf Helene Zimmermanns Hand, die seine Begrüßung sichtlich genoss.

Philipp lächelte galant. »Ich hoffe, die Damen hatten eine angenehme Reise und blieben von Taifunen und Piraten verschont.«

Helene kicherte leicht affektiert und zog ihre Tochter näher zu sich und Philipp heran.

»Gerlinde freut sich ganz besonders, Sie wiederzusehen!«

Philipp küsste auch Gerlindes Hand. »Das ehrt mich natürlich sehr.« Er hielt Gerlindes Hand fest und sah sie prüfend an. »Ich muss gestehen, ich hätte dich kaum wiedererkannt. Darf ich überhaupt noch ›du‹ sagen? Was ein paar Monate in der Zivilisation Europas doch ausmachen können!«

Gerlinde lief unter seinem Blick rot an. Verstört warf sie ihrer Mutter einen wütenden Blick zu, aber Frau Zimmermann ignorierte die Irritation ihrer Tochter.

»Gerlinde ist während unseres Urlaubs in der Heimat achtzehn geworden. Wir planen aus diesem Anlass, demnächst ein kleines Fest zu geben. Wir rechnen fest mit Ihnen, Philipp. Und mit Ihnen und Ihrer Tochter natürlich auch, Kapitän Hildebrand.«

Die Gruppe setzte in leichtem, vertraulichem Plauderton das Gespräch fort, während man darauf wartete, dass das Gepäck von Bord gebracht wurde. Marie stand am Rande und fühlte sich mit einem Mal fremd in dieser eleganten, weltläufigen Gesellschaft. Ihr Blick schweifte über die Menschenmenge auf der Mole. Der Chinese mit dem Hut, der ihr von Deck aus aufgefallen war, stand mit seinen Begleitern nur wenige Meter von ihr entfernt am Fuß der Gangway der ersten Klasse und sah nach oben. Dort erschien jetzt eine chinesische Familie. Ein Mann in einem westlichen Anzug, Mantel und Hut, gefolgt von einer einfach gekleideten Frau, offensichtlich eine Dienerin, die einen kleinen Jungen an der Hand führte. Zwei weitere Diener stützten eine Chinesin, die unter Schwierigkeiten die Gangway hinuntertrippelte. Marie sah, dass sie winzige Füße hatte, das chinesische Schönheitsideal, von dem überall zu hören war. Entsetzt registrierte Marie, dass die Frau durch die eingebundenen Füße deutlich behindert war. Am oberen Ende der Gangway tauchte jetzt ein kleines chinesisches Mädchen auf, das angesichts des schwankenden Abstiegs verängstigt in Tränen ausbrach. Die Frau wandte den Kopf und rief ihr in barschem Tonfall etwas zu, worauf das Mädchen nur noch heftiger weinte, während alle anderen Familienmitglieder unbeeindruckt weitergingen. Der Mann mit dem Hut begrüßte das Ehepaar mit einer höflichen Verbeugung, wandte seinen Blick aber sofort wieder dem weinenden Mädchen zu, das immer noch oben an Deck stand. Er zögerte einen Augenblick, ging schließlich zu dem Matrosen, der vor der Gangway Wache stand, und wechselte einige Worte mit ihm. Der Matrose nickte und ließ ihn passieren. Oben angekommen nahm er das kleine Mädchen auf den Arm, trug es hinunter, setzte es behutsam auf festen Boden, nahm seinen Hut ab und flüsterte dem weinenden Kind einige beruhigende Worte zu.

Marie beobachtete die Szene lächelnd. Als hätte das Mädchen ihren Blick gespürt, sah es plötzlich zu Marie auf, hörte auf zu weinen und erwiderte scheu ihr Lächeln. Der Blick des Mannes folgte ihm. Für einen Moment sahen Marie und der Chinese sich an. Er war jung, hatte ein feines Gesicht mit hohen Backenknochen. Wie üblich war sein vorderer Kopf rasiert, seine Haare waren zu einem Zopf am Hinterkopf verflochten. Seine dunklen Augen musterten sie eindringlich. Ein Lächeln überflog sein Gesicht.

»Fräulein Hildebrand, könnten Sie mir bitte Ihren Gepäckschein geben.«

Philipp von Heydens Stimme riss Marie aus ihrer Versunkenheit.

Verwirrt sah sie zu Philipp, der sie freundlich anlächelte. »Wir können bald abfahren, die Gepäckträger kommen jetzt von Bord.«

Bevor sich Marie wieder der Gruppe um ihren Vater und Zimmermanns zuwandte, drehte sie sich noch einmal zu dem kleinen Mädchen und dem Mann um, doch diese waren schon mit dem Rest der Familie in der Menge verschwunden.

Familie Zimmermann verabschiedete sich und stieg in ihr schweres Automobil. Die chinesischen Kulis starrten das motorisierte Ungetüm fassungslos an und gingen nur langsam aus dem Weg, als könnten sie nicht begreifen, dass es sich von alleine bewegte. Manfred Zimmermann saß konzentriert am Steuer, Gerlinde winkte, während ihre Mutter den Hafenbaumeister und seine Gruppe zum Abschied nochmals mit einem huldvollen Nicken und einem freundlichen Lächeln bedachte. Hildebrand wandte sich seiner Tochter zu.

»Du hattest Glück, die Damen Zimmermann schon an Bord kennengelernt zu haben. Das ist das beste Entree, das man sich für hier wünschen kann.«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Frau Zimmermann wirklich so angetan von mir ist.«

»Ach, gut erzogene junge Damen sind überall willkommen, nicht wahr?«, schmunzelte ihr Vater.

Philipp grinste. »Ich würde sagen, bei dem Männerüberschuss in der Kolonie sind alle jungen Damen willkommen, auch wenn sie nicht so gut erzogen sind.«

Marie musste lachen.

Wolfgang Hildebrand schüttelte den Kopf. »Marie, nimm dich in Acht vor seinem zynischen Mundwerk. Los jetzt!«

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Philipp dirigierte den Gepäckträger zu einer zweispännigen Kutsche. Ihr Vater deutete auf den Chinesen, der beim Verladen der Koffer half.

»Das ist Xiao Li, unser Mafu, der Pferdeknecht.«

Der Junge verbeugte sich linkisch mit einem freundlichen Grinsen. Sein Gesicht wirkte kindlich, aber es fehlten ihm bereits mehrere Zähne. Marie nickte ihm freundlich zu.

Auf der Fahrt in die Stadt saß Wolfgang Hildebrand neben seiner Tochter und erklärte ihr, was es zu sehen gab. Philipp von Heyden saß den beiden gegenüber. Obwohl sie es vermied, ihn anzusehen, spürte Marie deutlich, wie er sie musterte. Die Straße verließ den Hafen durch das Zolltor und stieg leicht an. Rechts und links lagen vereinzelte, typisch deutsch aussehende Wohnhäuser. Nach einer Unterführung, über die die Eisenbahnlinie verlief, bog die Straße ab.

»Hier sind wir jetzt in Dabaodao, der Chinesenstadt. Die Europäerstadt liegt weiter unten in der Bucht.«

Marie sah ihren Vater verwundert an.

»Chinesenstadt und Europäerstadt? Ist das getrennt?«

»Ja, natürlich. Die Chinesen haben doch ganz andere Lebensgewohnheiten als wir. So kommt man sich nicht in die Quere, das ist doch das Beste für alle. Die Chinesenstadt wurde natürlich auch nach deutschen Bauvorschriften gebaut. Aber wir respektieren ihre stilistischen Wünsche.«

Tatsächlich hatte sich die Atmosphäre der Umgebung nun deutlich verändert. Auf beiden Seiten reihten sich zwei- und dreigeschossige Häuser in chinesischem Stil aus hellgrauen Ziegeln aneinander. Auf Straßenebene waren Geschäfte und Werkstätten untergebracht, wie Schilder mit chinesischen Schriftzeichen und nur ab und zu mit deutscher Beschriftung verrieten. Die Obergeschosse der Geschäftshäuser dienten als Wohnräume. Aus manchen Fenstern ragten lange Bambusstangen, an denen Wäschestücke aufgefädelt hingen, so dass sie nicht heruntergeweht werden konnten. Ein kluges System, das Marie gefiel.

Auf der Straße herrschte reger Verkehr. Rikschas und Transportkarren wurden geschoben und gezogen, aber im Vergleich zu dem Gewühl, das Marie in Hongkong und Shanghai erlebt hatte, ging es hier eher beschaulich zu. Auf den Bürgersteigen flanierten chinesische Passanten in dicken wattierten Gewändern. Viele blickten neugierig auf die Kutsche. Auffällig war, dass es keine Bettler gab.

»Die Chinesen kommen hierher, um zu arbeiten. Sie können hier weit mehr Geld verdienen als im eigenen Land. Wer beim Betteln erwischt wird, wird ausgewiesen. Wir brauchen hier Arbeiter und keine Rumtreiber.«

Wolfgang Hildebrand deutete auf die Straßenlampen und referierte unbeirrt weiter. »Und wie du siehst, ist die Stadt voll elektrifiziert, und ein Großteil der Häuser der Kolonie ist an die Kanalisation und die Wasserleitung angeschlossen. Das ist einzigartig in diesem Teil der Welt. Sogar der chinesische Kaiserhof schickt Beamte her, um unsere Anlagen zu studieren.«

»Da spricht ganz der stolze Baumeister.« Marie lachte. »Aber du hast recht, es ist wirklich eindrucksvoll.«

Philipp von Heyden erhob Einspruch. »Wolfgang, glaubst du wirklich, dass all diese technischen Details eine junge Dame interessieren?«

Marie traute ihren Ohren nicht. Empört schüttelte sie den Kopf und holte Luft. Doch Wolfgang Hildebrand kam ihrem Protest zuvor. »Mein lieber Philipp, hier sitzt eine promovierte Ärztin in unserer Kutsche. Ich bitte doch um etwas mehr Respekt vor ihrem wissenschaftlichen Verständnis.«

Marie sah belustigt von Philipp von Heyden zu ihrem Vater. Genauso hatte sie ihn in Erinnerung. Er hasste jede Form von Konfrontation, war immer auf Ausgleich bedacht. Er versuchte die Wogen zu glätten, bevor Maries Temperament, an das er sich offensichtlich noch gut erinnerte, mit ihr durchging.

Philipp grinste Marie schuldbewusst an. »Asche auf mein Haupt. Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Trotz aller modernen Technik sind wir eben doch etwas provinziell. Damen mit akademischen Weihen sind hier eine bisher unbekannte Spezies. Das ist alles noch etwas ungewohnt für mich.«

Marie konterte süffisant. »Wie sagte schon Dante: Nur wer bereut, dem wird verziehen.«

Wolfgang Hildebrand lachte laut auf. »Na, das kann ja heiter werden.«

Marie genoss die Fahrt durch diese neue, unbekannte Welt an der Seite ihres Vaters. Alles wirkte so ordentlich wie in Deutschland, aber reizvoll ergänzt durch chinesische Geschäftshäuser, die prunkvoll verziert mit bunt bemalten Säulen oder verschnörkelten goldenen Gittern beeindruckten.

Plötzlich jedoch musste der Mafu die Droschke abrupt zum Stehen bringen. Eine große Menschenmenge drängte sich um ein Pferdegespann auf der Straße und blockierte den Weg. Wütende Stimmen waren zu hören, dann die durchdringenden Töne einer Trillerpfeife und scharfe Kommandorufe. Wolfgang Hildebrand runzelte die Stirn. Zwei gefesselte Chinesen wurden von uniformierten chinesischen Polizisten auf den Wagen gehievt. Sie waren offensichtlich bewusstlos, denn sie blieben reglos liegen. Ein deutscher Wachtmeister blies hektisch in seine Trillerpfeife, ein zweiter kletterte auf den Wagen und trieb die Pferde an. Da die Straße nicht sehr breit war, rollte das Polizeigefährt nahe an Hildebrands Kutsche vorbei. Erschrocken bemerkte Marie, dass einer der Delinquenten am Kopf blutete. Beide hatten Verletzungen, als wären sie zusammengeschlagen worden.

Der Mafu rief den Schaulustigen etwas zu. Als einer von ihnen antwortete, brach sofort wieder wütender Protest aus. Die Polizisten gebrauchten ihre Schlagstöcke, um die aufgebrachte Menge auseinanderzutreiben.

Marie sah Philipp und ihren Vater beunruhigt an. »Was war da los?«

Philipp wechselte einige Worte auf Chinesisch mit dem Mafu.

»Er sagt, das waren wahrscheinlich Aufrührer.«

»Aufrührer?«

»Ja, Revolutionäre. In China brodelt es heftig. Es gibt mehr und mehr Stimmen, die zum Sturz der Kaiserdynastie aufrufen!«

Wolfgang Hildebrand hob abwehrend die Hand. »Jetzt keine Politik. Ich will mir diesen schönen Tag nicht verderben lassen. Marie, es tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest. Du kannst aber gewiss sein, dass hier keine Gefahr besteht. Unsere Truppen haben alles im Griff. Genug davon!«

Marie war erschrocken über diesen rüden Tonfall. »Und was passiert mit diesen Männern?«

Hildebrand sah sie kühl an. »Sie werden an die chinesischen Behörden übergeben und dann wahrscheinlich wegen Landesverrat verurteilt.«

Er untermalte seine Aussage mit der Bewegung seiner flachen Hand am Hals entlang. Die brutale Sachlichkeit, mit der ihr Vater das Todesurteil der Männer vorhersagte, irritierte Marie. Sie sah zu Philipp, der ihrem Blick auswich. Nach wenigen Augenblicken des Schweigens räusperte sich Hildebrand und setzte launig seine Stadtführung fort, als sei nichts vorgefallen.

»Hier sind wir jetzt in der Shandongstraße, der wichtigsten Geschäftsstraße der Stadt. Weiter unten im europäischen Teil heißt sie dann Friedrichstraße.«

Stattliche deutsche Geschäfts- und Kontorhäuser lösten die Gebäude im chinesischen Stil ab. Die Straße führte nun leicht bergab. An ihrem unteren Ende konnte man das Meer sehen. Die Kutsche gewann an Geschwindigkeit. Geschäftshäuser aller Art zogen vorbei: Buchladen Paul Lindner, Iltisbrunnen – Bureau und Lager, Jardine & Matheson – Passagier- & Frachtdienst, Paul Hinrich – Uniformschneiderei und Herrenmoden, Shanghai & Co. Importeure, Deutsch-Chinesische Druckerei und Verlagsanstalt Walter Schmitt, Kaufhaus Max Grill.

»Ach, hier ist das Kaufhaus Max Grill. Ich habe den Neffen von Herrn Grill auf dem Schiff kennengelernt.«

»Ist der Junge also wieder ganz gesund? Er hatte wirklich Glück«, murmelte Wolfgang Hildebrand.

»Er hat mir erzählt, dass er beinahe an Fleckfieber gestorben wäre.«

Ihr Vater nickte. »Ja, leider. Ansteckende Krankheiten sind hier ein großes Problem. Die Chinesen schleppen alles Mögliche ein. Es kann wirklich jeden erwischen.«

Als wolle er auch diesen unangenehmen Gedanken sofort wieder beiseiteschieben, fuhr Wolfgang Hildebrand fort: »Gleich sind wir zu Hause, und dann gibt’s Mittagessen.«

Die Kutsche fuhr inzwischen einen Hügel hinauf durch Nebenstraßen mit hübschen Villen. Treppen, Bögen, Türmchen und Fachwerk waren hier beliebte Stilmittel. Marie hatte das Gefühl, in einer deutschen Kleinstadt gelandet zu sein, mit properen Häusern in gepflegten Gärten hinter Gartenzäunen und ordentlich geschnittenen Hecken. Nur der Gedanke an die todgeweihten Revolutionäre störte dieses Bild.

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Schließlich bog der Landauer in den Hof eines ansehnlichen Wohnhauses in der Tirpitzstraße ein. Sofort öffnete sich die Haustür, und eine attraktive, etwas dralle Frau mittleren Alters kam mit ausgebreiteten Armen lächelnd die Treppe herunter.

»Marie, das ist Adele Luther, eine gute Freundin. Sie hat sich bereit erklärt, zur Feier deiner Ankunft ein deutsches Festessen zu kochen, damit du dich gleich wie zu Hause fühlst.«

Adele Luther umarmte Marie. »Willkommen in Tsingtau. Ich gestehe, das Festessen war nur ein Vorwand, um Sie so bald wie möglich kennenzulernen, Marie. Ich darf doch Marie sagen, oder? Bitte nennen Sie mich Adele! Ihr Vater hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Wie schön, dass Sie seiner Einladung gefolgt sind. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sind die erste Ärztin, die mir begegnet.«

Hinter ihr war ein älterer Chinese aus dem Haus gekommen.

Wolfgang Hildebrand legte die Hand auf den Arm seiner Tochter.

»Ich muss mal kurz unterbrechen. Fritz, das ist meine Tochter Marie und ab heute die Dame des Hauses.«

Der Mann starrte sie einen Augenblick neugierig an. Dann legte er vor dem Gesicht die Hände übereinander, schüttelte sie, verbeugte sich lächelnd und sagte auf Deutsch: »Willkommen in Tsingtau, Missy.«

»Marie, das ist Fritz, der Boy, die gute Seele meines Haushaltes.«

Marie begrüßte ihn und sah ihren Vater verwundert an. »Fritz? Das klingt ja nicht gerade wie ein chinesischer Name!«

Wolfgang Hildebrand schüttelte den Kopf. »Ich kann mir seinen chinesischen Namen einfach nicht merken. Li irgendwas. Ich finde, Fritz ist ein durchaus ehrenwerter Name für einen Diener in einem deutschen Haus. Außerdem ist er stolz auf seinen ausländischen Namen. Jetzt kommt endlich rein, es wird kühl.«

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Marinebaurat Hildebrands Heim war wie die meisten Häuser, die Marie unterwegs gesehen hatte, ein dreistöckiges Einfamilienhaus gehobenen deutschen Standards mit allen Errungenschaften modernen Lebens. Von einem holzgetäfelten Treppenhaus gelangte man in die großzügigen Wohnräume im Erdgeschoss, mit Ess-, Wohn- und Herrenzimmer. Alle Räume waren durch Schiebetüren verbunden. Ein offener Kamin, eingefasst mit geschmackvollen Jugendstilfliesen, bildete das Herzstück des gemütlichen Wohnzimmers.

Neben der Garderobe in der Halle lag eine moderne Toilette mit Wasserspülung, hinter der Treppe führte eine Tür in den Küchentrakt.

Nichts deutete darauf hin, dass dieses Haus auf chinesischem Boden stand, außer den Dienstboten, die inzwischen in der Halle Aufstellung genommen hatten.

Fritz stellte Marie den Koch Lao Shu, den Kochboy Xiao Shu und den Gärtner Pang vor.

Marie staunte. »Fünf Dienstboten! Du lebst hier ja wie der Kaiser von China, Vater.«

Hildebrand winkte ab. »Es gibt sogar noch mehr, die allerdings nicht ständig hier arbeiten. Den Waschboy und einen Nachtwächter teile ich mir mit den Nachbarn. Ich finde es auch übertrieben, aber so funktioniert das hier eben.«

Mit kurzen Kommandos scheuchte Fritz alle Dienstboten wieder an die Arbeit. Wolfgang Hildebrand fuhr fort. »Da wir schon beim Thema Personal sind, gleich ein paar wichtige Dinge. Die Chinesen unter sich haben eine strenge Hierarchie, nicht jeder macht alles. Daraus folgt auch gleich die wichtigste Regel im Umgang mit den Bediensteten, um deren Einhaltung ich dich unter allen Umständen bitten muss, Marie. Der einzige Ansprechpartner für uns ist Fritz. Er ist der Majordomus, der die Befehle an die anderen Bediensteten weitergibt. Wir dürfen auf keinen Fall direkt mit den anderen sprechen, sonst verliert er sein Gesicht und kündigt. Er arbeitet seit zehn Jahren für mich, und ich möchte ihn ungern missen. Außerdem sprechen die anderen kein Deutsch.« »Aber jetzt stoßen wir erst mal auf deine gesunde Ankunft an«, verkündete Wolfgang Hildebrand. Im Wohnzimmer standen Gläser und ein Sektkübel mit einer eisgekühlten Flasche bereit. Hildebrand ließ den Korken knallen und schenkte ein. Marie staunte, als sie das Etikett sah. »Mumm! Und das am anderen Ende der Welt!«

»In Tsingtau findet man praktisch alles, was das Herz begehrt«, bemerkte Philipp von Heyden hintergründig lächelnd, und alle stießen an.

Zum Mittagessen gab es Suppe, Rouladen mit Salzkartoffeln und Rotkohl und zum Nachtisch Vanillepudding.

Marie war ein wenig enttäuscht. »Kocht man hier immer deutsch?«

Wolfgang Hildebrand schüttelte bekümmert den Kopf. »Ehrlich gesagt, esse ich bisher ganz selten zu Hause. Wenn hier überhaupt gekocht wird, gibt es chinesisches Essen, denn der Koch kann nichts anderes. Heute ist eine Ausnahme, da Adele eingesprungen ist und für uns dieses Festmahl bereitet hat.« Er lächelte Adele über den Tisch an. »Wenn’s nach mir ginge, würde ich zu Hause öfter gerne mal deftige deutsche Küche essen, aber ich kann dem Koch ja keine deutschen Kochrezepte beibringen. Und Adele hat keine Zeit. Vielleicht kannst du dich ja dieser Aufgabe annehmen?«

Als er Maries überraschten Gesichtsausdruck bemerkte, mischte sich Philipp von Heyden ein. »Erst betonst du das wissenschaftliche Verständnis deiner promovierten Tochter, und nun schickst du sie in die Küche? Ich dachte, sie sollte sich hier erholen und etwas ausspannen nach dem anstrengenden Examen?«

»Ein wenig sinnvolle Beschäftigung hat noch niemandem geschadet«, brummte Hildebrand.

Marie hob beschwichtigend die Hände. »Danke für Ihre Schützenhilfe, Philipp, aber ich glaube nicht, dass ich mir dabei einen Zacken aus der Krone brechen werde.«

»Es ist auch wirklich kein Problem, die Chinesen lernen schnell«, mischte sich Adele Luther ein. »Das Allerwichtigste ist nur, dass Sie der Hygiene wegen das Fleisch beim deutschen Metzger einkaufen.«

»Es gibt hier einen deutschen Metzger?«

»Sie werden lachen. Wir haben einen chinesischen Metzger, der in Berlin gelernt hat. Er spricht mit echt Berliner Schnauze. Er ist eine lokale Berühmtheit. Und wir haben einen Schlachthof, auf dem das Fleisch untersucht wird. In der Chinesenstadt wird ungestempeltes Fleisch billig verkauft. Das kann lebensgefährlich werden. Deshalb ist es besser, Sie kaufen Fleisch selbst ein oder kontrollieren die Einkäufe des Personals, damit Sie auf Nummer sicher gehen. Kleine Nebenverdienste mit dem Haushaltsgeld sind hier sehr beliebt«, führte Adele Luther weiter aus.

Marie bemerkte, wie ihr Vater und Philipp einen vielsagenden Blick wechselten und belustigt die Mundwinkel verzogen. Marie sah fragend von einem zum anderen.

Adele lachte. »Und schon sind wir wieder beim Lieblingsthema der deutschen Hausfrauen – dem chinesischen Personal. Ein schwerwiegendes Thema, das wir vielleicht ein anderes Mal weiterdiskutieren sollten.«

Wolfgang Hildebrand lächelte. »Da wäre ich dir dankbar. Aber im Ernst, Marie. Wenn du Fragen wegen des Haushalts haben solltest, wende dich an Adele. Sie hat jahrelange Erfahrung.«

»Nach dieser ausführlichen Einführung in die Pflichten einer deutschen Hausfrau würde ich mich gerne als gelegentlicher Begleiter für die unterhaltsameren Zeiten Ihres Aufenthaltes anbieten, die Sie hoffentlich nicht in der Küche verbringen werden«, warf Philipp von Heyden ein. »Darf ich Sie gleich für kommenden Mittwochabend zu einem kleinen Souper und Konzert einladen?«

Bevor Marie reagieren konnte, kam ihr Vater ihr zuvor. »Eine prima Idee. Ich bin Mittwochabend im Schützenverein. Auf mich musst du also keine Rücksicht nehmen.«

Marie lächelte. »Das klingt ja wie ein abgekartetes Spiel! Aber vielen Dank. Ich komme gerne mit.«

Nach dem Kaffee wurde die Tafel aufgehoben.

Fürsorglich ermahnte Wolfgang Hildebrand seine Tochter, sich nach der aufregenden Ankunft etwas auszuruhen. Adele Luther und Philipp von Heyden verabschiedeten sich. Adele umarmte Marie. Philipp von Heyden küsste Marie die Hand und lächelte sie dabei herausfordernd an.

»Ich hoffe, Sie werden Ihren Aufenthalt hier genießen und viele interessante Begegnungen haben.«

»Es hat ja schon sehr vielversprechend angefangen.«

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Als Marie wieder die Treppe herunterkam, schlug die Standuhr im Wohnzimmer fünfmal. Draußen war es bereits dunkel. Ihr Vater saß am Schreibtisch. Er ergriff eine Tischglocke und läutete. Sofort erschien Fritz.

»Tee bitte.«

Fritz deutete eine Verbeugung an und verschwand, um wenig später mit einem Tablett zurückzukehren. Marie schenkte Tee ein. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen. Sie merkte, dass ihr Vater nach Worten suchte.

»Ich glaube, ich brauche was Stärkeres.«

Er stand auf und holte eine Flasche Cognac aus einem Vitrinenschrank. Er hob sein Glas.

»Nochmals herzlich willkommen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich endlich bei mir zu haben.«

Er nahm einen tiefen Schluck. Marie spürte deutlich seine Anspannung. Es war das erste Mal nach acht langen Jahren, dass sie und ihr Vater wieder alleine waren. Jahre in verschiedenen Welten und voller schwerer Erfahrungen. Bei ihrer letzten Begegnung war Marie fünfzehn Jahre alt gewesen, fast noch ein Kind, und ihre Mutter hatte noch gelebt.

Wolfgang Hildebrand räusperte sich. »Lass mich dir sagen, dass ich für die Art und Weise, mit der du die letzten Jahre gemeistert hast, größten Respekt empfinde. Ich bin stolz auf dich. Als es deiner Mutter immer schlechter ging und ich hier einfach nicht weg konnte, bin ich fast verzweifelt. Lottie hat mir geschrieben, wie aufopfernd du dich um Emmy gekümmert hast.«

Er rang sichtlich nach Worten und Fassung.

»Als sie dann starb und ich viel zu weit weg war, um an ihrer Beerdigung teilnehmen zu können, wollte ich dich hierher holen, aber dann kam dein Brief, in dem du schriebst, dass du studieren wolltest. Es erschien mir der beste Weg für dich, mit der Vergangenheit fertig zu werden.«

Er beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihre Hand.

»Marie, es tut mir so leid, dass ich nicht für dich da war, als du mich gebraucht hast.«

Marie sah ihren Vater betroffen an. Mit einem solchen Gefühlsausbruch hatte sie nicht gerechnet, da seine Briefe immer eher distanziert geklungen hatten.

»Ich danke dir für diese Worte. Ich gebe zu, dass ich mich manchmal etwas allein gelassen fühlte, aber ich habe verstanden, dass diese Aufgabe hier die Erfüllung deines Lebenstraumes ist. Und es konnte ja auch niemand ahnen, dass sich Mutters Zustand so verschlechtern würde. Sie hat immer gehofft, eines Tages ihren Platz an deiner Seite hier einnehmen zu können. Mir war klar, dass du nicht nach Deutschland kommen konntest, um ihr zu helfen. Was hättest du auch tun können? Ich habe mir mit meinem Studium meinen Lebenstraum erfüllt oder zumindest den Grundstein dazu gelegt. Ich möchte etwas tun können, wenn Menschen krank sind und nicht einfach dabeisitzen und warten, bis sie sterben. Ich muss mich bei dir bedanken, dass du mich unterstützt hast. Vielleicht bestand ja in all dem, was passiert ist, doch ein Sinn.«

Marie stand auf, ging zu ihrem Vater und umarmte ihn. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann richtete sie sich auf und ging hinaus, um sich unbemerkt die Tränen vom Gesicht zu wischen und auch ihrem Vater die Möglichkeit zu geben, wieder die Fassung zu gewinnen.

 2. 

Der nächste Morgen kündete einen klaren Spätherbsttag an. Beim Sonntagsfrühstück erklärte Wolfgang Hildebrand gut gelaunt, dass er angesichts des Kaiserwetters nach dem Gottesdienst eine Stadtbesichtigung mit anschließendem Mittagessen im Strandhotel vorschlagen würde. Es war offensichtlich, dass ihr gestriges Gespräch den Druck von seiner Seele genommen hatte.

Marie war überrascht von dem Vorschlag, in die Kirche zu gehen. Sie hatte ihren Vater nicht als regelmäßigen Gottesdienstbesucher in Erinnerung.

»Na ja, schließlich haben wir erst vor zwei Wochen unsere neue Kirche eingeweiht. Früher wurde der Gottesdienst in einer Militärbaracke abgehalten. Zumindest hin und wieder muss man sich dort blicken lassen, das gehört hier zum guten Ton.« Er langte über den Tisch und nahm ihre Hand. »Und außerdem muss ich gestehen, dass mir heute wie selten der Sinn danach steht.«

Gerührt blickte Marie ihn an.

»Und das ist eine gute Gelegenheit, mein Fräulein Tochter allen zu zeigen«, fügte er zufrieden hinzu. »Ich glaube, du wirst die Sensation der Saison.«

Marie zog die Augenbrauen hoch. »Übertreibst du jetzt nicht etwas?«

»Keineswegs. Schließlich landet hier nicht jeden Tag eine hübsche junge Dame, die einen Universitätsabschluss in Medizin hat. Da haben die Leute endlich mal einen vernünftigen Gesprächsstoff.«

»Werden Frau Luther und Herr von Heyden auch in der Kirche sein?«

»Philipp wohl eher nicht. Ich glaube, er trainiert für die Herbstjagd am nächsten Wochenende. Aber Adele wird sicher da sein.«

»Sie ist eine wirklich sympathische Frau. Kennt ihr euch schon lange?«

Wolfgang schwieg einen Augenblick, als suche er nach Worten.

»Das ist eine traurige Geschichte. Ihr Mann war Oberstleutnant beim III. Seebataillon und ein guter Freund von mir. Die beiden haben mir damals sehr beigestanden, als deine Mutter starb.« Er schluckte. »Adele und Friedrich waren sehr glücklich miteinander. Bis zu diesem Herrenausflug zum Laoshan vor drei Jahren. Auf dem Rückweg verunglückten wir mit dem Automobil. Es fuhr in einen Graben. Friedrich wurde hinausgeschleudert und brach sich das Genick.«

Marie sah ihn entsetzt an. »Wir? Warst du dabei?«

»Ja, leider. Und obwohl ich nicht der Fahrer und schon gar nicht der Besitzer des Wagens war, mache ich mir bis heute Vorwürfe. Wir hatten etwas getrunken. Als der Älteste in der Gruppe hätte ich zur Vernunft aufrufen sollen.« Er sah Marie traurig an. »Adele … Frau Luther meisterte die ganze tragische Situation mit bewundernswerter Haltung. Jeder erwartete, dass sie zurück in die Heimat gehen würde, zumal ihr Sohn gerade Abitur gemacht hatte und anfing, in Kiel zu studieren. Doch sie entschloss sich, den Traum, den sie und ihr Mann gehegt hatten, auch alleine zu verwirklichen: Sie investierte ihre ganzen Ersparnisse und eröffnete eine Pension. Heute ist die Pension Luther eine feste Institution in der Stadt. Es gibt eine Menge Leute, die über einen längeren Zeitraum hier sind, die aber keine Wohnung nehmen wollen und denen das Leben im Hotel zu teuer ist. Für sie ist die Pension Luther der ideale Ort. Ich habe noch niemanden getroffen, der sich bei Adele Luther nicht wohl gefühlt hat.«

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen.«

Gerade als Marie ihn nun nach Philipp fragen wollte, kam Fritz herein.

»Die Kutsche ist bereit.«

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Der Mafu steuerte die Kutsche durch fast menschenleere Straßen. An einigen Straßenecken warteten Rikschakulis auf Kundschaft, sonst war kaum jemand zu sehen. Schließlich öffnete sich ein großer freier Platz mit einer runden Grünanlage in der Mitte. Zur Rechten zog sich eine Prachtstraße hinab bis zum Meer. Die dem Berg zugewandte Seite des Platzes wurde durch ein riesiges Gebäude begrenzt, auf das Hildebrand deutete.

»Hier ist das Gouvernementgebäude, der Amtssitz des Gouverneurs.«

Eine breite Repräsentationstreppe führte zum Haupteingang des zweistöckigen Baus. Riesige Fenster im Obergeschoss darüber ließen auf eine große Empfangs- oder Festhalle schließen. Rechts und links davon schloss je ein langer Flügel an, begrenzt durch einen vorspringenden Eckbau. Ein rotes Schindeldach mit schweren Giebeln und unzähligen Dachfenstern krönte den Koloss.

Marie fühlte sich an Berlin erinnert. Allerdings wirkte dieses Gebäude hier noch wuchtiger als vergleichbare Bauten in der deutschen Hauptstadt.

»Das sieht ja ziemlich eindrucksvoll aus«, urteilte sie spontan.

Ihr Vater nickte. »Genau diesen Effekt wollte man erreichen. Schließlich wird hier das Deutsche Kaiserreich repräsentiert.«