Informationen zum Buch

Bretonischer Sturm

An einem kalten Wintertag entkommt der junge Ukrainer Marko nur knapp einer Schleuserbande, die ihn und drei Freunde nach Frankreich schmuggeln sollte. Fortan ist er in höchster Gefahr, denn die rumänische Mafia ist ihm auf den Fersen. Er findet schließlich Zuflucht auf einer kleinen bretonischen Fischerinsel – und stößt dort auf alte Legenden, Aberglauben und unerklärliche, grausame Todesfälle.

»Ein meisterhafter Krimi, eine lebendige und explosive Mischung aus Mafia und bretonischen Legenden, Liebesgeschichten und Fischern im Sturm: ein wahrer Genuss.« Le Divan

Emmanuel Grand

Der fremde Bretone

Thriller

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Marko

Belz

Zeichen

Aufbruch

Gefahr

Papou

Der Verdacht

Die fehlende Seite

Die Verschwörung

Die Teufelszähne

Epilog

Danksagung

Über Emmanuel Grand

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

FÜR HÉLÈNE

Sein Körper lag wie erstarrt auf dem Boden. Zusammengekrümmt, um der Kälte besser standzuhalten, die seine Gliedmaßen lähmte und seine Gelenke blockierte. Einer schneidenden Kälte, die ihn aus seiner Ohnmacht aufgeweckt hatte. Er spürte einen kratzigen Stoff auf der nackten Haut. Seine Füße, die in Gummistiefeln steckten, fühlten sich taub an. Er hatte versucht, sich umzudrehen, um sich zu schlagen, aber seine Arme und Beine gehorchten ihm nicht mehr. Sein Gehirn gab Befehle, aber die Muskeln, an die die Nerven die Befehle weiterleiteten, hatten ihren Dienst eingestellt.

Er wäre bald wieder in die Bewusstlosigkeit abgeglitten, hätte ihn nicht ein quälender Schmerz an seinen Körper erinnert. Stechende Kopfschmerzen, die mit zunehmender Besinnung immer unerträglicher wurden, so, als würde eine außer Kontrolle geratene Billardkugel in seinem Schädel herumrasen. Sein Kopf schien eine Tonne zu wiegen und tat irrsinnig weh. In seinen Schläfen rauschte das Blut wie ein Gebirgsbach, und auf seine Stirn prasselte es wie mit Hunderten kleiner Stromschläge ein, die dann abrupt in einer Art schwarzem Loch verebbten. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und als er die Zungenspitze weiter nach oben schob, erkannte er den beunruhigenden und gleichzeitig vertrauten Geschmack seines eigenen Bluts. Ein widerlicher Geruch nach verbranntem Benzin vermischte sich mit dieser Wahrnehmung. Er erinnerte sich an ein Schnaufen und einen grässlichen Schmerz an der Stirn. An ein Knacken. Sein Körper war zu Boden geglitten. Dann war alles dunkel geworden.

Er röchelte und spuckte aus. Sein Atem ging schwer und flach. Aber er schien keine größeren Verletzungen erlitten zu haben. Er versuchte, seine verbliebenen Kräfte zu mobilisieren, um seine Lage am Boden zu verändern, aber sein Körper verweigerte jede Bewegung.

»Bljad!«, fluchte Marko, als er begriff, dass er halb nackt war, in seinem Gesicht Blut klebte und ihn Gott weiß welcher blutrünstige Irre an Händen und Füßen gefesselt hatte.

Es war Nacht, aber in dem hellen Mondlicht nahm er Umrisse in seiner Umgebung wahr, die er nicht genau identifizieren konnte. Er sah einen Schatten tanzen. Ein grotesker Totentanz. Der Schatten schlenkerte die Glieder, reckte sich und fiel in sich zusammen. Dann drehte er sich, schrumpfte und erhob sich von neuem. Sein Zucken wirkte beliebig, aber Marko war sich sicher, dass er nicht zufällig tanzte.

Oh nein, Freundchen, glaub mir, das passiert nicht zufällig.

Er tanzte um ihn herum, tanzte für ihn. Langsam kam er näher, unaufhaltsam, gewaltig, pendelte nach rechts und nach links, bis er den Lichtkreis vollständig ausfüllte. Und Marko, der keuchend gegen den Schmerz und die Erschöpfung ankämpfte, hätte schwören können, dass er den Schatten kannte.

MARKO

Eine Sekunde bevor das Ballonglas in ihren Händen zersplittert wäre, stellte Karine es ab und nahm ein anderes aus der Spüle, ohne dabei den hintersten Tisch aus den Augen zu lassen. Der Mann, der dort an seinem Kaffee nippte, erinnerte sie an eine Szene aus einem Spielfilm, den sie im Fernsehen gesehen hatte. Die Szene spielte in einer Bar an einer Straße, die durch die Wüste führte. Es herrschte eine brütende Hitze. Eine Kellnerin saß am Tresen. Im Halbdunkel hockte ein zwielichtiger Typ vor seinem Bier. Aus dem Fernseher drangen gedämpft die Geräusche eines Baseballspiels, und im Hintergrund surrte eine Klimaanlage. Dann hebt der zwielichtige Typ plötzlich einen Finger. Die Kellnerin schlendert zu ihm hinüber und stellt sich vor ihn hin. Der Mann schiebt die Hand in seine Jacke, zückt einen Revolver, lässt irgendwas Bescheuertes wie »Endstation, alles aussteigen« vom Stapel und knallt sie ab, einfach so, ohne Grund. Paff. Blut strömt über den Bildschirm. Der Film hatte ihr eine Höllenangst eingejagt, und zwei Wochen lang war sie praktisch im Laufschritt über den Parkplatz gehetzt, wenn sie zu ihrem Peugeot 106 wollte. Frank, ihr Freund, nannte das Verfolgungswahn. Aber so was verstanden Kerle eben nicht. Jedenfalls aktivierte der Typ dahinten in der Cafeteria ihren »Verfolgungswahn« wieder. Um die dreißig, abgewetzte braune Windjacke, zerzauste Haare, schlecht rasiert. Und eine blaue Sporttasche, die er dicht neben sich gestellt hatte.

Es war noch dunkel. Die roten Leuchtziffern der Wanduhr zeigten 6:57. Auf der anderen Straßenseite plagte sich Abdel, der Angestellte des Relais H, mit seinem Rollgitter ab. Der Bahnhof war menschenleer. Im Rhythmus der ankommenden und abfahrenden Züge füllte und leerte er sich mit Menschen, die in aller Eile in die Cafeteria strömten und noch einen Kaffee tranken, bevor sie weiterhasteten. Bis zum nächsten Ansturm herrschte dann Flaute. Als um 7 Uhr 19 der Zug aus Quimper in den Bahnhof einfuhr, hatte Karine bereits die Tische mit einem feuchten Tuch abgewischt und im Fernseher die Morgensendung eingeschaltet, in der der ideale Schwiegersohn und seine perfekte Assistentin über Silikonschnuller, Gesichtsmasken und Gartenpflege plauderten.

Um 7 Uhr 55 saß der Typ in der Windjacke immer noch vor seiner ersten Tasse Kaffee. Frank hätte ihr geraten, an etwas anderes zu denken. Vermutlich war er einfach ein Penner. Nur hatten Penner ihre Tagesroutine, und den hier hatte sie noch nie gesehen. Um 8 Uhr stand er auf, griff nach seiner Tasche und kam nach vorn zum Tresen.

»Ich will telefonieren.«

Er hatte einen starken polnischen Akzent. Karine hatte letzten Sommer auf dem Campingplatz La Cotinière ein paar Polen kennengelernt. Er war ganz sicher ein Pole. Sie deutete auf eine Telefonzelle draußen auf dem Vorplatz. Der Mann ging hinaus. Sie blickt ihm nach. Das Telefonat dauerte nicht lange. Der Mann sagte nichts und legte gleich wieder auf. Dann wählte er ein zweites und ein drittes Mal. Alle Anrufe waren gleich kurz. Anschließend kehrte er in die Cafeteria zurück, setzte sich auf denselben Platz wie zuvor und bestellte noch einen Kaffee. Als Karine ihm die Tasse brachte, sah sie, wie er die Hand in seine Sporttasche schob. Sie dachte an Frank, dann an den Film, dann wieder an Frank. Der Mann zog eine zusammengerollte Ausgabe des Télégramme de Brest heraus und legte sie auf den Tisch. Er faltete die Zeitung sorgfältig auseinander und hob den Blick.

»Ich suche Arbeit. Kann man hier finden?«

»Hier ist es wie überall – die Arbeit liegt nicht auf der Straße.«

»Ich kann Ihnen zeigen?«

Der Mann deutete auf einige Annoncen, die er mit einem Kreuz markiert hatte. Sie zuckte mit den Schultern.

Anstreicher. Morlaix.

Sie übernehmen die Vorbehandlung und Politur der Oberflächen und bringen Farben, Tapeten und andere Wandverkleidungen an.

Datentypist. Rennes.

Nach einer Einarbeitungszeit in einem kleinen Team (2–3 Personen) geben Sie Daten von Waren (Tiefkühlkost und Lebensmittel), die unsere Kunden per Katalog bestellt haben, in ein PC-Programm ein.

Außendienstverkäufer

Führender Anbieter von Konfektionskleidung für Senioren sucht Mitarbeiter im Vertriebsaußendienst für Verkaufstätigkeit in der Nähe Ihres Wohnorts (unbefristet).

Karine war skeptisch, vor allem, was die letzte Annonce betraf.

»Sie haben dort angerufen?«

»Ja. Sie gehen nicht ran.«

»Acht Uhr ist zu früh. Versuchen Sie es später wieder.«

Der Mann nickte.

»Lassen Sie mich mal sehen.«

Der Mann gab ihr die Seite mit den angekreuzten Anzeigen. Sie überflog die Spalten, und ihr Blick blieb an einer Notiz ganz unten auf der Seite hängen.

»Die da haben Sie nicht angekreuzt. Das ist nicht weit von hier.«

Kapitän sucht Matrosen für Küstenfischerei.

Unterkunft, Festgehalt plus Umsatzbeteiligung. Belz.

»Aber da muss man Seemann sein, ist vielleicht keine so gute Idee …«, sagte sie zögernd.

Doch der Mann streckte schon den Arm nach der Anzeigenseite aus und las die Notiz aufmerksam durch.

»Das habe ich nicht gesehen. Belz?«

»Eine Insel. Man braucht eine Stunde mit dem Schiff.«

»Eine Insel?«

»Aber man muss Matrose sein. Sind Sie Matrose?«

»Ich kann alles machen«, antwortete der Mann. »Ich kann Matrose sein … Ich rufe an.«

»Freuen Sie sich nicht zu früh. Es ist keine leichte Arbeit.« Karine bemühte sich, seine aufkeimende Hoffnung ein wenig zu dämpfen, denn sie würde wahrscheinlich enttäuscht werden.

Aber der Mann war schon hinausgelaufen, in Richtung Telefonzelle.

*

Sie fuhren seit zehn Stunden. Das ohrenbetäubende, monotone Brummen des Motors dröhnte durch den gesamten Container. Die bis zur Decke gestapelten Holzkisten und Kartons schwankten im Gleichtakt. Anatoli, Wassili, Marko und Iryna saßen aneinandergepresst und todmüde in ihrem Versteck hinter der Ladung. Um aussteigen zu können, mussten sie ein Dutzend Pakete wegräumen, über zwei Paletten klettern und sich an der Metallwand entlangtasten. Anatoli war durch den Benzingestank und das ständige Gerüttel übel geworden. Marko saß auf dem Boden, Iryna schlief, in Wassilis Arme geschmiegt. Ihr Vater Ruslan hatte sie Wassili anvertraut, er sollte während der Reise auf sie aufpassen.

Ruslan Belanow war Metallarbeiter in Donezk, einer Industrie- und Bergbaustadt im Südosten der Ukraine. Er wohnte in dem völlig heruntergekommenen Stadtteil Oktober in einem niedrigen kleinen Haus inmitten von Halden und hoch aufragenden Schmelzöfen. Seit dem Tod seiner Frau kümmerte er sich allein um Iryna. Natalja war, wie im Donezbecken üblich, an Lungenkrebs gestorben. Ruslan hatte sich nie damit abgefunden, dass sie vor ihm gegangen war. Er hatte fünfunddreißig Jahre im Stahlwerk von Jenakiewo gearbeitet. Fünf Jahre in der Kokerei, Kohle schaufeln, dreißig in der Schmelzerei, im Asbestanzug, in dem man schwitzte wie ein Tier. Nach all den Jahren, in denen er Tag für Tag im Werk Kohlestaub und Schwefeldämpfe eingeatmet hatte, hätte er als Erster sterben müssen. So war das nicht geplant gewesen. Aber es passierte ja sowieso nie etwas, wie man es plante.

Bis zum Ende der 1980er Jahre hatte Ruslan, wie die meisten Arbeiter aus Donezk, der Kommunistischen Partei angehört. Er war nie ein besonders eifriger Aktivist gewesen. Damals war die KP-Mitgliedschaft vor allem die beste Methode, nicht aufzufallen. Dann war das Sowjetreich auseinandergebrochen, und er hatte, wie alle anderen, seinen Parteiausweis zurückgegeben. Das Ende des Kommunismus war von den Einwohnern des Donezbeckens mit Zurückhaltung aufgenommen worden, denn sie hatten sich aus der Sowjetära ein Misstrauen gegenüber allem bewahrt, was aus dem Westen kam. Siebzig Jahre lang hatten sie im größten Industriegebiet der UdSSR gelebt, und das hatte sie zu Helden gemacht. Sie sprachen Russisch statt Ukrainisch. Ruslan allerdings hatte die wässrige Milch der russischen Revolution immer nur in kleinen Schlucken genossen. Er hatte beim Fall der Berliner Mauer geweint und die Unabhängigkeit der Ukraine begrüßt. Natürlich waren auch seine Hoffnungen auf einen großen demokratischen Umbruch rasch der Enttäuschung gewichen. Die Orange Revolution hatte das Politbüro durch Oligarchen ersetzt. Sonst hatte sich nichts verändert, und für die Metallarbeiter von Jenakiewo schon gar nicht. Vorher hatte es nichts gegeben. Heute gab es viele Dinge, die man sich nicht leisten konnte.

Manchmal fragte sich Ruslan, ob er die Welt von gestern oder die von heute vorzog. Im Grunde wusste er es nicht. Sie hatten immer Not gelitten, mit den Kommunisten und ohne sie. Er hatte sich damit abgefunden. Von Wirtschaft verstand er nichts, von Politik auch nicht viel. Deshalb beschäftigte er sich mit sich selbst und mit seiner Tochter. Er zog etwas Gemüse in einem kleinen Gärtchen hinter dem Haus und legte jeden Monat ein wenig Geld auf die Seite. Und außerdem hatte er aufgehört zu rauchen. Seine einzige Freizeitbeschäftigung bestand darin, sich in der Kneipe mit seinen Freunden die Spiele von Schachtjor Donezk anzusehen. Ansonsten fand er sich in dieser Welt und dieser Zeit nicht mehr zurecht.

Dass seine fünfzehnjährige Tochter fortgehen würde, bereitete ihm großen Kummer, und er hatte sich erst nach monatelangen Grübeleien dazu entschlossen, sie auf die Reise zu schicken. Der Tag, an dem sie im Morgengrauen, in ihren Wollmantel gehüllt, in die Küche gekommen war, auf dem Kopf die geblümte Mütze, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, würde sich unauslöschlich in sein Gedächtnis einbrennen. Er hatte sie mit tränennassen Wangen so fest in die Arme geschlossen, dass er sie fast erdrückt hätte. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass er sie nie wiedersehen würde, das wusste Ruslan, und bei diesem Gedanken wurde ihm ganz flau. Die Fahrt nach Europa war gefährlich, denn sie wurde von schmierigen Mafiosi organisiert, mit denen man am besten möglichst wenig zu tun hatte. Auch das hatte zu seiner Unschlüssigkeit beigetragen. Aber seine Tochter in Donezk zu halten hieß, sie ihrer Zukunft zu berauben. Die Ukraine war dreißig Jahre hinterher, und Iryna hatte keine dreißig Jahre Zeit. Sie war intelligent, wissbegierig und fröhlich. Sie hatte keine Angst vor harter Arbeit, und ihr Vater war überzeugt, dass sie in jedem beliebigen Land – außer ihrem eigenen – Großes erreichen konnte.

Er hatte sich nach den Möglichkeiten einer legalen Auswanderung erkundigt. Visa wurden nur sehr spärlich ausgegeben. Sie konnte sich auf einer Warteliste eintragen und bis Ultimo warten, dass sie an die Reihe kam, oder sich mit eigenen Methoden behelfen. Es gab Schleusernetzwerke. Illegal und völlig überteuert, aber effizient. Alex Demjanenko hatte seine Kinder Oleg und Nina auf diese Weise hinausgeschmuggelt. Sie lebten jetzt in Hamburg. Sie hatten Arbeit und eine Wohnung. Im Sommer machten sie Ferien auf Sylt. Jeden Monat bekamen Alex und Petra Briefe von ihnen. Es war nicht das Paradies, aber doch unendlich viel besser als hier. Ruslan hatte gesehen, wie in den Augen seiner Tochter ein Flämmchen aufloderte, wenn die Rede auf England oder Frankreich kam, eine Arbeit, eine Wohnung, ein Auto, wer weiß … Er hatte lange gezögert und sich dann endlich durchgerungen. Er würde das Risiko eingehen. Ihr zuliebe. Also hatte er sich umgehört und sich um den Kontakt zu Schleuserbanden bemüht. Alex und andere hatten geholfen. Dann hatte er erfahren, dass Wassili Burjak, der Sohn eines Kollegen aus Jenakiewo, ebenfalls vorhatte, sich nach Europa abzusetzen. Ihn kannte er von klein auf. Zu ihm hatte er Vertrauen. Er bat ihn, während der Reise auf seine Tochter aufzupassen. Iryna verließ Donezk am 24. Januar.

Das Dröhnen des Motors ließ nach, plötzlich wurden sie alle nach links geschleudert. Das Fahrzeug hatte die Autobahn offenkundig verlassen. Wassili warf einen Blick auf die Leuchtziffern seiner Uhr. 22 Uhr 56. Mittags um halb eins waren sie in Kiew losgefahren. Wenn man den dreißigminütigen Halt um 20 Uhr 04 an der Raststätte abrechnete, waren sie seit fast zehn Stunden unterwegs. Sie mussten kurz vor der slowakischen Grenze sein. Wassili hatte es sich genau ausgerechnet. Man brauchte acht Stunden bis Europa. Theoretisch waren sie also seit zwei Stunden da. Aber streckenweise hatte sehr dichter Verkehr geherrscht. Wassili drückte Iryna an sich.

»Warum halten wir?«, fragte Anatoli. »Sie haben schon vor zwei Stunden angehalten und vollgetankt.«

»Ich weiß auch nicht. Vielleicht sind sie müde. Vielleicht wollen sie schlafen.«

»Es sind zwei, sie können sich abwechseln«, erwiderte Anatoli.

»Es könnte auch der Zoll sein«, sagte Marko.

»Glaube ich kaum.«

»Wir werden es gleich wissen.«

»Wenn die Tür aufgeht, denkt an die Anweisung«, sagte Wassili. »Nicht mehr bewegen, nicht mehr atmen.«

Der Lastwagen bog nach rechts ab, wurde noch langsamer und hielt an. Türen knallten. Stimmen drangen durch das Karosserieblech. Die blinden Passagiere gaben keinen Laut von sich und lauschten angespannt auf die Geräusche von draußen. Keine Sirenen, keine Pfiffe, kein Verkehr. Wenn das der Zoll war, dann bestand er aus einem einzelnen Mann. Ein blechernes Kreischen hallte durch den Container. Dann folgte ein kalter Luftzug, und der gelbe Lichtstrahl einer Taschenlampe glitt über den Fußboden. Jemand stieg ein. Näherte sich dem hinteren Teil des Containers, schob Kartons zur Seite, stieg über Paletten.

»Pinkelpause. Einer nach dem anderen. Du da, du kommst mit.«

Es war ihr Fahrer. Ein Rumäne mit Muskeln wie ein Kugelstoßer. Er hatte auf Marko gedeutet, der einen Blick mit Anatoli und Wassili wechselte, bevor er dem Mann folgte.

Sie standen auf einem Rastplatz an der Autobahn. Er war menschenleer. Es tat unglaublich gut, die frische Luft einzuatmen und sich die Füße zu vertreten. Marko erleichterte sich an einem Baum und stieg wieder in den Lastwagen. Der Fahrer lehnte mit dem Rücken am Heck.

»Sag dem großen Blonden, er soll rauskommen. Einer nach dem anderen, keine Mätzchen, kapiert?«

Marko nickte, und ein paar Sekunden später stieg Anatoli aus. Dann Iryna, gefolgt von Wassili. Der Fahrer zog an seiner Zigarette.

»Einer nach dem anderen, habe ich gesagt.«

»Ich bleibe bei ihr.«

»Einer – nach – dem – anderen.«

»Sie steht während der ganzen Fahrt unter meinem Schutz. So war es vereinbart.«

»Einer nach dem anderen, oder sie steigt nicht aus.«

Iryna warf Wassili einen flehenden Blick zu.

»Bist du sicher?«

Iryna nickte, und Wassili ließ sie widerstrebend aussteigen. Er blieb in der geöffneten Tür stehen, aber der Fahrer machte eine unwillige Handbewegung.

»Zurück.«

»Nein. Ich passe auf die Kleine auf. Ich bleibe da, und Sie lassen die Tür auf.

Das Gesicht des Rumänen verriet keinerlei Gefühlsregung. Er begnügte sich damit, einen Revolver auf Wassili zu richten.

»Nach hinten. Los.«

Wassili gehorchte zähneknirschend. Der Fahrer knallte die schwere Tür zu. Aufgebracht schlug Wassili gegen die Containerwand. Anatoli und Marko versuchten, ihn zu beruhigen.

»Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen.«

»Mach dir keine Sorgen. Sie ist kein Kind mehr.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wurde Anatoli bewusst, was für einen Unsinn er da redete. Die drei Männer sahen sich betreten an. Genau darum ging es.

»Wassili …«

Marko, ein Ohr gegen die hintere Wand gepresst, schloss die Augen, um besser zu hören. Wassili und Anatoli stellten sich neben ihn und taten es ihm gleich. Sie hielten die Luft an. Aus der Fahrerkabine drangen Schreie. Schrille, abgehackte Schreie, unterbrochen von Schluchzen, rhythmischem Quietschen und gelegentlichem Stöhnen.

Wassili schlug mit aller Kraft gegen die Rückwand und schrie: »Du Arschloch! Du Dreckskerl! Ich bring dich um!«

Dann verstummte er und fing an, wie gehetzt den Container abzusuchen, er durchwühlte die Pakete und alles, was er in die Finger bekam.

»Anatoli, hilf mir. Du musst was finden. Irgendwas. Wir müssen hier raus!«

Sie rissen die Pappkartons auf, fanden aber nur Hosen, Hemden und Unterwäsche.

Endlich entdeckte Anatoli in der Mulde unter einer Aluminiumabdeckung eine Eisenstange, einen Wagenheber, einen Hammer und eine Werkzeugtasche, auf der in gelben Buchstaben SAFETY KIT stand. Er zog die Eisenstange heraus und gab sie Wassili.

»Komm, Marko, hilf uns.«

Sie stolperten zum Ausgang und bemühten sich zu dritt, die Sperre aufzuhebeln. Nach fünf Stößen gelang es ihnen, einen Türflügel so weit zu verbiegen, dass sie eine Hand durch die Lücke stecken und die Verriegelung der Tür lösen konnten, die sich quietschend einen Spaltbreit öffnete.

Die drei Männer sprangen aus dem Lastwagen. Wassili umklammerte die Eisenstange. Anatoli hatte sich das Kabel gegriffen und Marko die Kurbel. In der dunklen, nur gelegentlich von vorbeihuschenden Scheinwerfern erhellten Nacht schlichen sie leise am Wagen entlang. Wassili und Anatoli auf der Beifahrerseite, Marko auf der Fahrerseite. Die Scheinwerfer des Lastwagens waren ausgeschaltet, nur die Fahrerkabine war erleuchtet. Irynas Schluchzen drang nun lauter zu ihnen. Wassili erstarrte. Diese Schweine! Diese verdammten Bastarde! Dafür würden sie bezahlen. Und zwar teuer. Das auf Federn montierte Fahrerhaus schaukelte ein wenig, und von der Beifahrerseite aus konnte man den Hinterkopf des Fahrers erkennen, der sich an seiner Beute zu schaffen machte.

Die Eisenstange glänzte in Wassilis feuchten Händen, doch je näher er der Wagentür kam, desto mehr verließ ihn sein Mut. Sein Herz war zum Zerspringen, und seine Knie zitterten. Diese Mistkerle waren keine Anfänger, und der Ausgang des Kampfes war mehr als ungewiss. Wassili wischte sich die Hände an seiner Hose ab. Es würde Blut fließen. Verdammt. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er war ein einfacher Lagerverwalter. Er räumte Kartons in Regale. Das war sein Beruf, ein harmloser Beruf. Harmlos wie er selbst. Gewalt hatte er schon immer verabscheut, Auseinandersetzungen, Revolutionen, das war nicht sein Ding. Da machte er sich lieber aus dem Staub. Und er war ja schließlich hier, weil er sich aus dem Staub machen wollte. Fortgehen in ein anderes Land, sich in Sicherheit bringen, noch einmal neu anfangen – so hatte der Plan ausgesehen. Scheiße, Scheiße, Scheiße.

»Wassili …«

Anatoli flüsterte von hinten seinen Namen, aber er bekam keine Antwort. Wassili hörte und sah nichts. Anatoli beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er schob sich an Wassili vorbei und hob die Hand zur Kabinentür. Sie hatten sich keine Strategie überlegt. Marko musste auf der anderen Seite sein. Und jetzt? Wer sollte zuerst angreifen? Anatolis Kehle war wie ausgedörrt. Seine Augen brannten. Es galt, blitzschnell nachzudenken. Und noch schneller zu handeln. Und vor allem nicht zu stümpern. Er kniff die Augen zusammen und atmete tief durch. Krach machen, um Marko zu warnen. Das war es. Die Tür aufreißen und schreien. Das würde den Schleusern einen Schrecken einjagen, und Marko würde wissen, dass er nun am Zug wäre.

Er umklammerte den Hammer mit der rechten Hand, packte den Türgriff und warf einen letzten Blick zu Wassili hinunter, der wie versteinert stehen geblieben war. Mit einem kräftigen Ruck zog Anatoli an der Tür.

Schnell überblickte er die Lage. Iryna lag mit halb vom Körper gerissener Kleidung rücklings auf der Sitzbank. Der Fahrer kniete mit heruntergelassenen Hosen auf dem Sitzpolster, eine Hand in den blonden Haaren seines Opfers, die andere am Lenkrad. Sein Komplize hielt die Arme des Mädchens fest und starrte Anatoli überrascht an.

Anatoli hob den Arm und stieß einen erstickten Schrei aus. Ein stummes Gebrüll, das Marko nicht warnen konnte. Iryna war die Erste, die schrie, nachdem ihr Mund vom Geschlecht des Vergewaltigers befreit war. Anatoli ließ den Hammer fallen und stürzte sich mit bloßen Händen auf den Fahrer. Wassili, durch Irynas Schrei aus seiner Erstarrung gerissen, kam ihm zu Hilfe. Zu zweit zerrten sie an ihrem Gegner und brachten ihn aus dem Gleichgewicht. Der andere Schleuser fuchtelte wütend mit den Armen und stieß rumänische Flüche aus. Iryna krümmte sich schluchzend zusammen, während Anatoli und Wassili hintenüber auf den Asphalt stürzten und den Fahrer mit sich rissen. Der andere Mann streckte den Arm nach dem Handschuhfach aus. Marko hob die Kurbel, aber sie rutschte ihm aus den Händen. Er warf sich gegen den Rücken des Rumänen und umklammerte ihn mit aller Kraft. Der Mann war jedoch stärker als Marko, drehte sich um und biss ihn in die Wange. Marko schrie auf, und der Mann konnte erst eine, dann die andere Hand befreien. Marko wusste nicht, wie er sich wehren sollte. Er spürte, wie sich eine große Pranke auf seine Schulter legte. Die Hand schob sich weiter hoch, und schließlich umfasste sie seinen Hals. Er röchelte, rang nach Luft. Der Druck auf seinen Adamsapfel verstärkte sich. Langsam richtete sich sein Gegner auf. Dann hörte er ein dumpfes Knacken und spürte warmes Blut in seinem Nacken.

Mit zitternden Händen hielt Iryna die Kurbel des Wagenhebers, die sie sich gegriffen und ihrem Peiniger mit voller Wucht gegen die Schläfe geschlagen hatte. Der Mann ächzte, dann brach er zusammen.

Draußen war es Anatoli und Wassili inzwischen gelungen, den Fahrer unschädlich zu machen. Sie hielten ihn an Armen und Beinen auf den Boden gedrückt. Als sich ihnen mit langsamen Schritten eine dunkle Gestalt näherte, erkannten sie sie nicht gleich. Das Gesicht des Mannes, seine Jacke und seine Hände waren blutverschmiert. In der Linken hielt er einen Revolver.

»Anatoli, Wassili, geht ein Stück zurück. Und du, steh auf!« Marko richtete die Waffe auf den Fahrer, der die Arme hob.

»Zieh deine Sachen aus!«

Und während der Fahrer an seiner Hose zerrte, ohne Marko aus den Augen zu lassen, lief Wassili los. Er wollte sich um Iryna kümmern.

»Los, mach schon, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Der Mann zog sich nackt aus.

»Anatoli, nimm seine Klamotten und leg sie in den Lkw.« Marko hielt den Rumänen mit der Waffe in Schach. »Und du, du gehst jetzt schön da rüber.«

Der Fahrer bedeckte sein Geschlecht mit beiden Händen, während Marko ihn auf die andere Seite des Lastwagens dirigierte, wo sein toter Komplize lag.

»Leg dich auf ihn!«

Als der Mafioso zögerte, drückte Marko ihm den Revolver an die Schläfe. Der Mann zog eine Grimasse und gehorchte.

Im Fahrerhaus hielt Wassili Iryna in den Armen.

»Und jetzt?«, fragte Anatoli.

»Jetzt hauen wir ab«, sagte Marko. »Kannst du dieses Ding fahren?«

»Nein.«

»Ich kann es«, meldete sich Wassili zu Wort. »Macht die Containertür zu. Ich helfe Iryna, sich anzuziehen, und wir steigen alle vier vorne ein.«

»Und die Typen?«

»Die lassen wir hier«, sagte Marko. Er drückte dem am Boden liegenden Fahrer die blutverschmierte Kurbel in die Hand und hielt die Waffe auf ihn gerichtet, bis sie alle vier ins Fahrerhaus gestiegen waren.

»Seht euch das an!« Anatoli zog einen dicken braunen Umschlag voller Banknoten aus dem Handschuhfach.

»Das ist unser Geld! Das, was wir für die Fahrt bezahlt haben. Fünfundzwanzigtausend Euro! Alles da.«

Anatoli stopfte den Umschlag wieder an seinen Platz. Wassili legte den ersten Gang ein und fuhr stotternd los. Während sie langsam auf die Straße zurollten, behielt Marko, aus dem Fenster gelehnt, den Fahrer im Visier, er lag immer noch auf dem Leichnam seines Schleuserkollegen. Und bald waren die beiden nur noch ein kleiner weißer Punkt in der schwarzen Nacht.

*

»Hallo, ich rufe wegen Anzeige an … Ist da jemand?«

»Ja«, antwortete eine belegte, verschlafene Stimme.

»Sie sind das, der sucht einen Matrosen?«

»Ja, ich bin das. Waren Sie schon auf einem Schiff?«

»Ja. In Pyrgos, Griechenland.«

»Sie sind Grieche?«

»Ja … Grieche.«

»Waren Sie auf einem Fischkutter?«

»Fabrikschiff.«

»Sie sind allein?«

»Ja.«

»Frau? Kinder?«

»Nein.«

»Ich suche jemanden für drei Monate, mindestens. Danach werden wir sehen. Sie haben die Annonce gelesen. Eine Umsatzbeteiligung am Fang plus fünfhundert Euro im Monat. Kost und Logis sind frei.«

»Einverstanden.«

»Wo sind Sie gerade?«

»Am Bahnhof von Lorient.«

»Und wann können Sie kommen?«

»Heute.«

»Gut. Um zwei Uhr fährt ein Schiff. Können Sie das nehmen?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie zum Hafen. Fragen Sie nach Caradec.«

Der Mann legte langsam den Hörer auf die Gabel. Er konnte es kaum fassen. Alles war so schnell gegangen. Ohne irgendeine Rückfrage. Dabei hatte er sich extra eine Story zurechtgelegt: Erfahrungen als Matrose auf einem Fabrikschiff, Griechenland, das Mittelmeer … Aber die hatte er gar nicht gebraucht. Vielleicht war das Glück nun endlich einmal mit ihm. Er verließ das Telefonhäuschen und rannte mit eingezogenen Schultern durch den prasselnden Regen zur Cafeteria zurück.

»Und?« Karine stellte eine weitere Tasse Kaffee vor dem Fremden ab.

»Es ist okay.«

»Echt? Es hat geklappt?«

»Ja, ich nehme das Schiff um zwei Uhr.«

»Sie haben Glück, normalerweise kriegt man nicht einfach mit einem Anruf eine Stelle. Umso besser für Sie.«

Dieser Typ muss ordentlich in der Patsche sitzen, dachte der junge Mann, wenn er bereit ist, jeden Beliebigen zu nehmen, der ihm seine Hilfe anbietet. Aber ich werde ihn nicht enttäuschen, auch wenn ich nur wenige Male überhaupt an Bord eines Schiffes war.

»Unbefristet?«, fragte die Kellnerin ungläubig.

»Wie?«

»Eine unbefristete Arbeit? Eine richtige Stelle?«

Der Mann zuckte mit den Schultern.

»Für wie lange werden Sie angestellt?«

»Drei Monate.«

»Dann ist es keine unbefristete Stelle. Hier, bitte, noch einen Kaffee.«

Karine blieb nachdenklich vor ihm stehen.

»Dieses Belz … Es ist ein bisschen speziell dort, Sie werden sehen.«

»Speziell?«

»Nun ja, ich will kein Spielverderber sein, aber …«

»Was aber?«

»Da passieren manchmal seltsame Dinge. Heißt es jedenfalls.«

Der Mann rührte in seinem Kaffee.

»Was für Dinge?«

»Schwer zu erklären. Wenn man sie erklären will, wird man schnell für verrückt gehalten, verstehen Sie.« Die Kellnerin senkte die Stimme. »Einmal hat man dort einen Jungen gefunden, der auf einem Feld von einem Felsblock zerquetscht worden war. Nur dass es auf diesem Feld nie zuvor einen Felsblock gegeben hatte. Ziemlich merkwürdig, oder? Dafür hat keiner je eine passable Erklärung gefunden. Und dann ist vor drei Jahren ein großer Fischkutter vor der Steilküste gestrandet. Im Ouest France haben sie ein Riesending daraus gemacht. Auf dem Schiff waren um die zwanzig Mann Besatzung gewesen. Aber sie haben später keinen einzigen gefunden. Nicht einen einzigen Ertrunkenen. Das Schiff saß in einer kleinen Bucht fest. Sie hätten die Leichen am Strand finden müssen. Aber nein, nichts. Sie sind mit Tauchgeräten runtergegangen und alles. Nichts und wieder nichts. Ein Geisterschiff.«

Der Mann warf der Kellnerin einen skeptischen Blick zu.

»Das ist Belz. Die sind da irgendwie vom Pech verfolgt. Man nennt den Ort auch Enez Ar Droc’h. Das heißt so viel wie ›Insel der Verrückten‹. Aber gut, Sie kommen nicht aus der Gegend. Es betrifft Sie nicht.«

Er leerte seine Tasse in einem Zug. Das arme Mädchen schien ziemlich durch den Wind zu sein. Weil sie den ganzen Tag in ihrem Goldfischglas kreiseln musste, dachte sie sich offenbar haarsträubende Phantasiegeschichten aus.

»Ich gehe jetzt.«

»Viel Glück für den Job!«

»Danke.«

Der Mann wollte nach seiner Tasche greifen, als die Kellnerin ihm ihre Hand reichte.

»Übrigens, ich bin Karine.«

»Marko.«

Er drückte ihr die Hand und verließ die Cafeteria.

Um die Mittagszeit ging Marko den Cours de Chazelles hinunter, eine Straße, lang und düster wie ein Admiral a. D. Der prasselnde Regen war einem penetranten Nieseln gewichen. Im eintönigen Grau sahen die Häuserfassaden alle gleich aus. Hinter den Schaufenstern der wenigen Geschäfte erahnte man undeutlich schattenhafte Gestalten. Die Stadt wirkte unbewohnt. Marko beschleunigte seinen Schritt. Karine hatte ihm geraten, für den Weg zur Schiffsanlegestelle eine halbe Stunde einzukalkulieren. Nur noch eine halbe Stunde, und er wäre fürs Erste in Sicherheit.

Sein neues Ziel war also die Insel Belz. Man brauchte schon eine ordentliche Portion Chuzpe, um ausgerechnet auf eine Insel zu flüchten, und gerade das gefiel ihm. Nach dem Schlamassel, den sie auf der Autobahn angerichtet hatten, würden er und seine Gefährten bald die ganze rumänische Mafia auf dem Hals haben. Und wenn die Kerle sie fänden, war wohl kaum mit einem freundlichen Schulterklopfen zu rechnen. Es gab nur einen Ausweg: sich möglichst klein, winzig klein zu machen. Und wenn der Tag dann käme, würde er vielleicht durch das Netz schlüpfen.

Während Marko mit eiligen Schritten die Straße hinunterlief, folgte ihm in gemächlichem Tempo und mit einigem Abstand ein Fahrzeug.

Es ist doch sowieso sinnlos, du bist dem nicht gewachsen.

Wieder diese hässliche leise Stimme, die ihm Gemeinheiten ins Ohr näselte. Immer wollte sie ihm den Kopf unter Wasser drücken. Bevor er Odessa verlassen hatte, hieß es: Das ist Nepp, sie haben es nur auf dein Geld abgesehen. Sie werden dich in Rovno auf einem Parkplatz rausschmeißen. Im Lastwagen war es weitergegangen. Was glaubst du, wohin dich dieser Viehwaggon bringt? In die Neue Welt? Nein, mein Freund, ins Schlachthaus. Bald werden sie anhalten, und dann steigen alle aus, und taktaktaktaktak… Als er und seine Gefährten mit zitternden Knien aus dem Lastwagen gesprungen waren, hatte sie gleich wieder in dieselbe Kerbe gehauen: Was glaubst du wohl, wo du bist, mit deiner Kurbel in der Hand? In einem Film? Diese Typen sind bis an die Zähne bewaffnet. Das sind Killer. Sie werden dich umbringen, dich und deine Amateurtruppe. Und jetzt, als er dem Ziel schon so nahe war: Du glaubst wirklich, du kannst dich auf der Insel der Verrückten verkriechen. Aber die Rumänen wissen auch, wie man ein Schiff besteigt. Und die Bullen? Sie brauchen dich nur zu schnappen, und hopp, zurück auf Los.

Mist. Im Grunde wusste er das alles ja. Auch wenn die kleine Stimme ihm das Leben bisweilen schwermachte, hatte sie nicht selten recht. Die Szene auf dem Rastplatz ließ ihn nicht los. Immer wieder durchlebte er die Nacht, hörte die Schreie, sah das Blut. Trotzdem war er davongekommen. Die Ankunft in Frankreich, die unproblematische Zugfahrt und dann gleich ein Job nach einem einzigen Anruf … Die leise Stimme in seinem Ohr musste vor Wut kochen, weil er jetzt im Vorteil war, weil er die Zügel in der Hand hatte.

Einen Dreck hast du, halt dich fest, die See wird stürmisch sein …

Marko befand sich inzwischen auf dem Boulevard du Maréchal Joffre. Die Ampel stand schon ewig auf Grün, und als er am Bordstein ankam, sprang sie auf Gelb und gleich darauf auf Rot. Er blieb stehen. Zur gleichen Zeit hielt auch das Polizeiauto, das zu ihm aufgeschlossen hatte und dessen Blaulicht suchend durch den Regenschleier zuckte.

Während er das letzte Bild von der Wand abhängte, übte Kommissar Philippe Bertrand im Geist das Gedicht, das er als Abschiedsgeste an seine Kollegen verfasst hatte. Das Foto von Belem und die Reproduktion von Monets Die Klippen von Étretat hatten helle Vierecke hinterlassen, die auf den Wänden seines Büros wie Wundmale nach all den Jahren zurückblieben. Dreißig Berufsjahre. Dreißig Jahre im Dienste der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Die meiste Zeit war allerdings, bei Licht besehen, dafür draufgegangen, die Wahlchancen seiner jeweiligen vorgesetzten Minister zu steigern und deren Armeen von Schleimern und Klugscheißern zu verstärken.

Bertrand suchte die Holzrahmen mit den Fotos seiner Enkel zusammen und legte sie in den Umzugskarton. Sicher, er hatte immer wieder mal über die Rente nachgedacht. Jeder denkt irgendwie daran. Man weiß, dass sie kommen wird. Und dann ist sie plötzlich da. Und man kann es nicht fassen. Er jedenfalls konnte es nicht fassen. Er, in Rente – er, der sich immer noch ab und zu die Kopfhörer aufsetzte, sich mit seinem MP3-Player im Büro einschloss, die Lautstärke voll aufdrehte und The Pusher von Steppenwolf auf der Luftgitarre mitrockte. Dessen Blick immer noch wohlgefällig auf Frauenhintern verweilte, auch wenn diejenigen, die er ins Visier nahm, zugegebenermaßen nicht mehr die Allerjüngsten waren. Der sich nie gegen ein, zwei, drei Gläschen mit den Kollegen sträubte … In Rente. Er hatte sich oft gefragt, was eigentlich passierte, wenn man alt wurde. In Bezug auf den Körper hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung davon, aber wie sah es mit dem Kopf aus? Er fühlte sich jung, nicht gerade wie zwanzig, aber sicher nicht alt genug, um in Rente zu gehen. Was passierte mit sechzig? Welches Bedürfnis ließ als Erstes nach? An diesem Nachmittag des 31. Januar, während er die letzten Kartons zuklappte und sich auf den Weg zum Ausstand mit den Kollegen machte, zeichnete sich eine erste Antwort auf die Frage ab, die ihn in letzter Zeit so umgetrieben hatte. Das Pensionsalter kündigte sich nicht an. Es gab keinerlei Vorboten. Kein Nebelhorn. An einem Tag wie jedem anderen wachte man morgens auf und realisierte auf einmal, dass man ab 16 Uhr 30 offiziell »Staatsbeamter im Ruhestand« war.

Marko war wie gelähmt vor Schreck. Er unternahm eine übermenschliche Anstrengung, sich gedanklich abzulenken, stellte sich vor, wie er in Karines Armen lag oder in Odessa am Langeron-Strand entlanglief … Alles, nur nicht das Auto anstarren, das zwei Meter neben ihm hielt. Aber sein Herz pumpte im Rhythmus des Scheibenwischers, der quietschend wie eine alte Waschmaschine über die Windschutzscheibe schrappte. Er musste unbedingt Ruhe bewahren. Gleich würde die Ampel auf Grün springen. Und dann – losrennen, nichts wie weg.

Der uniformierte Polizist in dem Renault Scénic beugte sich zum Armaturenbrett vor. Sein Kollege hielt sich gähnend am Lenkrad fest.

»Schau mal da, der Zigeuner.«

»Was?«

»Der Kerl, der an der Ampel wartet. Ich wette mit dir, der hat keine Papiere.«

»Ach was.«

»Warte mal, ich überprüfe das.«

»Wir sollten besser weiter, sie warten auf uns.«

»Es dauert nur zwei Sekunden.«

Der Polizist zog sich die Uniform zurecht und stieg aus. Das CB-Gerät knackte.

»Wagen 1422 …«

»Brigadier Dupire, ich höre…«

»Laurent, ist Jean-Steph bei dir?«

»Positiv.«

»Wo treibt ihr euch denn rum? Wir warten auf euch.«

»Wir sind auf dem Cours de Chazelles. Jean-Steph ist ausgestiegen und führt eine Ausweiskontrolle durch.«

»Gibt es Probleme? Braucht ihr Verstärkung?«

»Nein, nein. Es hat nur einen Typ gesehen, der ihm komisch vorkommt.«

»Wollt ihr uns verarschen? Wir haben die Flaschen schon aufgemacht! Der Alte fängt gleich mit seiner Rede an. Er hat verlangt, dass alle da sind. Ihr kommt jetzt her, und zwar ein bisschen plötzlich.«

»Verstanden.«

Der Polizist auf dem Gehweg redete gestikulierend auf den jungen Mann ein, der starr und ausdruckslos dastand wie ein Parkpfosten.

»Jean-Steph«, rief Laurent aus dem Auto heraus.

»Was?«

»Wir fahren.«

»Warte …«

»Das ist ein Befehl!«

Der Polizist zog sich mit einer verdrossenen Handbewegung ins Auto zurück.

Marko atmete langsam aus. Was hatte der Polizist ihn gefragt? Er wusste es nicht. Warum war er auf einmal weggegangen? Er hatte keine Ahnung. Er hatte nur gespürt, wie ihm die Luft wegblieb und er in einem Körper feststeckte, der nicht mehr reagierte, während ein Kerl in Uniform eine Kaskade auf ihn losließ. Großer Gott, seine Freiheit hing an einem seidenen Faden. Er musste sich an seinen Plan halten. Marko umklammerte mit feuchten Händen die Griffe seiner Reisetasche. Er musste sich zusammenreißen. Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Mit zusammengebissenen Zähnen trat er vom Bordstein und überquerte hastig die Fahrbahn.

BELZ

Der Angestellte der Schifffahrtsgesellschaft, der in einer marineblauen, an den Schultern abgeschabten Uniform steckte, hatte das Absperrseil entfernt und streckte eine Hand in Richtung der Passagiere aus, die sich mit ihren Fahrkarten nach vorn drängten. Eingekeilt in der Menge, kam Marko nur langsam voran. Als er sein Ticket vorzeigte, reagierte der Mann in Blau mit einem leichten Kopfnicken, was zweifellos »Gute Überfahrt« bedeuten sollte. Den sind wir los, meinst du wohl … Marko las aus der Geste des Mannes eindeutig eine Ermutigung – so etwas wie »Gute Entscheidung, Kleiner« oder »Du bist ganz schön clever«. Und in diesem kurzen Augenblick erschien ihm die Atemluft auf einmal sauerstoffreicher. Der Kontrolleur gab ihm die Fahrkarte mit einem Riss in der Mitte zurück, und Marko steckte sie ein.

Der Pulk der Passagiere schob sich auf die Anlegestelle zu. Man musste eine schmale Brücke überqueren, um auf den Kai zu gelangen, dann ging es weiter auf einem mit Pfeilen markierten Weg, den sich die Reisenden mit den Gabelstaplern teilten, die geräuschlos über den Teerbelag glitten und gekonnt Berge von Waren mit ihren beiden Eisenfingern hin und her beförderten. Sie passierten ein großes graurotes Gebäude mit Wellblechdach, passierten alte Eisenbahngleise, bogen dann nach rechts auf Kai 8 ein und standen vor einem Aluminiumgitter, das die Fußgänger vor einem Sturz in das schwarze Wasser des Hafenbeckens bewahren sollte.

Am Kai lag mit offener Rampe die Tanguy Nev, festgezurrt mit zwei dicken Tauen, ihre Breitseite den herbeiströmenden Reisenden zugewandt. Es war ein unansehnliches, glänzend weiß lackiertes Schiff, ein Gebiss ohne Hals und Stirn, vorn mit einer Ausbuchtung, die sich als Passagierdeck mit getönten Panoramafenstern erwies. Der himmelblaue Schiffsrumpf sah am Heck aus wie abgehackt. Darüber erhob sich eine rechteckige Kommandobrücke mit einem grellblauen Dach und ein Promenadendeck mit vier Bänken, zwischen denen in einigem Abstand mehrere Rettungsflöße hingen. Über die Außenhaut der Fähre zog sich eine durchbrochene goldgelbe Linie, die wie ein kokett-spöttischer Kommentar zu ihrem plumpen, kämpferischen Erscheinungsbild wirkte.

Die meisten Reisenden, die an Bord gingen, steuerten automatisch das Passagierdeck an. Es bestand aus einem Saal, in dem die Sitze wie in einem Kino in Reihen angeordnet waren. Es roch nach Diesel, Plastik und nassem Fell. Als Marko den Raum betrat, wurde ihm flau, und er ging sofort wieder an die frische Luft und suchte sich einen Platz auf dem Oberdeck. Der Himmel hatte sich schlagartig verdüstert, graue Wolken kündigten unmissverständlich an, was für eine Überfahrt sie zu erwarten hatten. Bis zur Hafenmauer schleuderte der Ozean seine Gischt. Die Tanguy Nev zerrte an den Trossen und drückte die Fender gegen den Kai.

Ein Signalhorn tutete. Marko fuhr zusammen und beobachtete, wie ein stämmiger Mann, in Gabardine und mit Mütze auf dem Kopf, lachend von innen die Tür zur Kommandobrücke aufstieß. Er kletterte mit der Flinkheit eines Affen die Treppe hinunter und sprang auf den Kai. Das Signalhorn tutete ein zweites Mal, während der Mann mit der Mütze die Bug- und Heckleinen löste und die Gangway hochzog. Die Tanguy Nev setzte sich mit ohrenbetäubendem Lärm in Bewegung und entfernte sich im weiß brodelnden Hafenwasser langsam von Kai 8. Von ihren Leinen befreit, beschrieb die Fähre einen Halbkreis und fuhr aus dem Hafenbecken hinaus in die Fahrrinne.

Der Hafen von Lorient glitt als schwarzgraue Stummfilmkulisse vorbei. Marko ließ sich von dem Brummen des Dieselmotors einlullen und genoss den eisigen Wind in den Haaren, während er die Salzluft tief in die Lungen einsog. Zum ersten Mal seit seinem Aufbruch hatte er das Gefühl, dass seine Reise an ein Ziel führte. Auf eine kleine Insel vor der französischen Küste, über die er nicht das Geringste wusste. Er dachte an Iryna, Wassili und Anatoli, an Zoja und seine Mutter, auch an die Autobahn, den Lastwagen, das Blut in seinem Gesicht. Und je mehr ihm die ungeheure Tragweite der Ereignisse bewusst wurde, desto stärker wurde das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen, das er im letzten Augenblick in einen nervösen Lachanfall umlenken konnte.

Die Tanguy stampfte jetzt über das aufgewühlte offene Meer. Der Nieselregen hatte sich in einen feinen Dauerregen verwandelt.

»Unten ist auch Platz.«

Der Mann in der Wolljacke hielt sich an der Tür zur Brücke fest. Er war um die vierzig, hatte spärliches dunkles Haar und ein Puttengesicht mit großen runden Augen.

»Danke«, antwortete Marko. »Ich sitze gut hier.«

»Wie Sie wollen. Aber es wird noch stürmischer. Passen Sie auf.«

»Ja, danke.«

Der Seemann bestand nicht weiter darauf, zuckte nur mit den Achseln und zog an einem Zigarettenstummel, der rot zwischen seinen Fingern aufglühte. Je länger das Schiff unterwegs war, desto tiefer hingen die Wolken. Der Seegang nahm immer weiter zu, an Backbord und Steuerbord türmten sich hohe schwarze Wellenberge. Die Tanguy pflügte mit ihrem Bug durch die aufgewühlte See, umtost von der schäumenden Gischt. Marko hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest. Das wilde Schaukeln gefiel ihm. Er legte sich mit dem ganzen Körper in die Bewegungen der Fähre und machte sich einen Spaß daraus, sein Gleichgewicht gerade eben noch zu halten. Je unregelmäßiger und unberechenbarer das Schiff schlingerte, desto häufiger verlor Marko seinen sicheren Halt. Er sackte nach unten, wenn sich die Tanguy hob, und wurde nach oben katapultiert, wenn die Fähre sich senkte. Sein Gesicht verlor nach und nach an Farbe. Sein Magen schien durch die Bauchhöhle zu wirbeln. Als der Seemann erneut in der Tür zur Brücke auftauchte, hielt sich Marko kreideweiß und auf zittrigen Knien gerade noch aufrecht und triefte vor Wasser und Schweiß.

»Sie müssen reingehen. Befehl vom Kapitän.«

Der Mann nahm Marko am Arm, und sie gingen gemeinsam zum Passagierdeck hinunter. Der Saal war spärlich besetzt. Ein Mann hielt Kartons fest. Zwei andere lasen. Ein Liebespaar saß eng umschlungen auf einem Sitz. Die vorderen Sitze waren von Familien belegt. Ganz vorn drückten sich zwei Jungen die Nase an der Panoramascheibe platt und glucksten vor Vergnügen angesichts des Spektakels, das der Kampf der Fähre gegen die Elemente bot. Marko setzte sich auf einen der hinteren Plätze und kämpfte gegen die krampfhaften Zuckungen seines Magens an. Nach einer Zeitspanne, die ihm endlos vorkam, wurden die Wellen niedriger, das Schlingern ließ nach, die Geschwindigkeit nahm ab. Der Raum erwachte zum Leben. Die Mütter sammelten ihre Kinder ein und die Männer die Gepäckstücke.

Auf unsicheren Beinen wankte Marko auf das Außendeck. Vor ihm ragten zwei Hafenmolen aus Granit ins Meer, an deren Enden sich zwei kleine steinerne Leuchttürme erhoben. Sie fassten einen überschaubaren, in einen Hügel geschmiegten Hafen ein, in dem zwei Dutzend Schiffe unterschiedlicher Größe lagen, die die Ankunft der Fähre mit einem leichten Schaukeln und dem Geklapper ihrer Aluminiummasten begrüßten. Am hinteren Ende des Hafens stand eine Reihe blauweißer Häuser, manche mit Leuchtschrift an der Fassade. Rechts fiel ein Küstenstreifen schroff zum Ozean ab.

»Belz. Endstation.«

Die Botschaft brauchte ewig, bis sie sein Gehirn erreichte. Erst als alle anderen Passagiere ausgestiegen waren, raffte auch Marko sich mühsam auf, griff nach seiner Tasche und ging über die Rampe von Bord. Nach den federnden Schiffsplanken erschien ihm der Granit der Mole extrem hart und unnachgiebig, und dann kam es ihm auf einmal vor, als würde die ganze Mole Walzer tanzen. Er stolperte, fiel hin und kotzte sich die Seele aus dem Leib, unter den spöttischen Blicken des Kapitäns und seines Matrosen, die dem jämmerlichen Schauspiel von der Reling aus folgten. Es fühlte sich an wie mit vierzehn, als er sich in der Garage seines Onkels Oleksandr zum ersten Mal einen Wodkarausch angetrunken hatte.

Als Marko seine Sinne wieder beisammenhatte, war der Hafen von Belz menschenleer. Die Mitreisenden waren in den schmalen Gässchen verschwunden, und die Fähre dümpelte sacht vor sich hin. Es war fast vier Uhr nachmittags, Dämmerung zog bereits auf. Marko nahm seine Tasche, blickte sich verlegen um und trottete zur Bar de l’Escale. Er setzte sich auf eine Holzkiste davor und wartete. Eine Stunde später war es dunkel, und Marko begann zu frieren. Nachdem er insgesamt zwei Stunden gewartet hatte, beschloss er, sich in das Lokal hineinzuwagen.

Warme Luftschwaden schlugen ihm entgegen, es roch nach feuchtem Holz und Bier. Die Bar war brechend voll. An Eichenholztischen sitzend, an Balken gelehnt, vor Fenstersimsen stehend und in Trauben vor der Theke zusammengedrängt, lachten und diskutierten lautstark wettergegerbte Männer, die sich an ihren Bierkrügen oder Weingläsern festhielten.