Informationen zum Buch

Er war der größte Künstler des Jahrhunderts – sie war die Liebe seines Lebens.

Der Maler und seine Muse

Paris, 1911: Auf der Suche nach einem neuen Leben kommt die junge Eva in die schillernde Metropole. Hier, im Herzen der Bohème, verliebt sie sich in den Ausnahmekünstler Pablo Picasso. Gegen alle Widerstände erwidert er ihre Gefühle, und eine der großen Liebesgeschichten des Jahrhunderts nimmt ihren Lauf. Eva wird Picassos Muse – und ihr Aufeinandertreffen wird sein Leben für immer verändern.

Berührend, sinnlich, voller Leidenschaft – und die wahre Geschichte einer hingebungsvollen Liebe.

Anne Girard

Madame Picasso

Roman

Aus dem Amerikanischen von Yasemin Dinçer

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Teil 1: Ehrgeiz, Kunst, Leidenschaft

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil 2: Ruhm, Liebe, Genie

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Teil 3: Krieg, Krankheit, Erlösung

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Anmerkung der Autorin

Danksagung

Anhang

Fragen zur Diskussion

Ein Gespräch mit Anne Girard

Quellennachweis

Über Anne Girard

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Stephen Robert

Teil 1
Ehrgeiz, Kunst, Leidenschaft

»Daß man so den Himmel verwirkt ist bekannt

Doch die Hoffnung auf Liebe ließ

Unterwegs uns bedenken noch Hand in Hand

Was uns die Zigeunerin verhieß«

Guillaume Apollinaire

Kapitel 1
Paris, Frankreich, Mai 1911

Eva stürmte um genau halb drei Uhr nachmittags um die Hausecke und wirbelte am plätschernden Springbrunnen auf der Place Pigalle vorbei. Sie war unentschuldbar spät dran, also raffte sie den blaukarierten Stoff ihres Kleides und rannte den belebten Boulevard de Clichy entlang, der im Schatten der hochaufragenden roten Windmühle des Moulin Rouge lag. Die Leute drehten sich nach der knabenhaften jungen Frau um – gerötete Wangen, blaue Augen, in ihrer Verzweiflung weit aufgerissen, und kaffeebraunes Haar, das im Wind wehte und sich mit der rubinroten Schleife ihres Strohhutes verhedderte, den sie mit einer Hand fest an den Kopf gedrückt hielt. Ihre knielange Unterhose kam unter dem Kleid zum Vorschein, doch sie scherte sich nicht darum. Eine Chance wie diese würde sie nie wieder bekommen.

Sie lief an zwei glänzenden Pferdekutschen vorbei, die mit einem Automobil um den Platz auf der Straße konkurrierten, und bog dann in die schmale Gasse zwischen einer Kurzwarenhandlung und einer Pâtisserie mit steifer rosa-weißer Markise ein. Ja, das musste die Abkürzung sein, die Sylvette ihr beschrieben hatte, aber das Kopfsteinpflaster verlangsamte ihre Schritte. Zu weit von der Sonne entfernt, um jemals wirklich zu trocknen, waren die grauen Steine moosbedeckt, und sie rutschte mehrmals aus. Dann lief sie durch eine ölige schwarze Pfütze, und ihre Strümpfe und die schwarzen geknöpften Schuhe wurden im letzten Moment vor ihrer Ankunft noch nass gespritzt.

»Sie kommen zu spät!«, donnerte ihr eine Stimme entgegen, als sie mit vor Panik schwirrendem Kopf zum Stehen kam.

Die Garderobiere mittleren Alters, die sich vor ihr aufbaute, eingerahmt vom Bogen der Tür, die hinter die Bühne führte, war von bedrohlicher Größe. Madame Léautaud hatte ihre knochigen Hände in die breiten Hüften gestemmt, die in einem groben schwarzen Samtkleid unter dem fest geschnürten Korsett steckten. Der hohe Spitzenkragen bedeckte ihren Hals vollkommen, und ihre Handgelenke waren unter Spitzenbündchen verborgen. Unter einem schieferfarbenen Haarknoten verzog sich ihr flächiges Gesicht zu einem Ausdruck offener Geringschätzung.

Evas Brust hob und senkte sich hastig vom Rennen, und sie spürte das Brennen in ihren Wangen. Sie hatte den ganzen Weg von Montmartre den Hügel hinunter und über die Place Pigalle zu Fuß zurückgelegt. »Verzeihen Sie, Madame! Wirklich, ich verspreche Ihnen, ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte!«, sprudelte es aus ihr hervor, während sie versuchte, zu Atem zu kommen, da ihr bewusst war, dass sie wie eine Vogelscheuche aussehen musste.

»Alberne Entschuldigungen gelten hier nicht, haben Sie mich verstanden? Die Leute zahlen für eine Vorstellung, und sie erwarten auch, eine zu sehen zu bekommen, Mademoiselle Humbert. Sie dürfen nicht der Grund für eine Verzögerung sein. Sie hinterlassen keinen besonders guten ersten Eindruck, wo es doch direkt vor einer Aufführung so viel zu tun gibt, das kann ich Ihnen sagen!«

In diesem Augenblick kam Evas Mitbewohnerin Sylvette in ihrem grünen Rüschenkostüm und ihren dichten schwarzen Strümpfen heraus in die Gasse gestolpert und trat neben sie. Ihr Gesicht war so stark geschminkt, dass es dem einer Puppe glich, mit langen schwarzen Wimpern und übermalten kirschroten Lippen. Ihr Haar, das die rötlich leuchtende Farbe von Baumrinde hatte, war geschickt zu einem Knoten auf ihrem Kopf hochgesteckt.

Eins der anderen Mädchen musste ihr von dem Aufruhr berichtet haben, denn Sylvette hielt noch einen offenen Tiegel mit weißem Gesichtspuder in der Hand, als sie zu Evas Rettung herbeieilte.

»Es wird nicht wieder vorkommen, Madame«, versprach Sylvette eifrig und legte schwesterlich den Arm um Evas schmale Schultern.

»Sie haben Glück, dass eine der Tänzerinnen sich bei der Probe ihren Unterrock und ihre Strümpfe aufgerissen hat und unsere übliche Näherin – wie Sie selbst ja bis gerade eben auch – nirgends zu finden ist, sonst würde ich Sie nämlich einfach fortschicken. Ach, ihr ganzen jungen Dinger kommt mit euren großen Augen an und denkt, eure hübschen Gesichter werden euch alle Türen öffnen, bis ihr etwas Besseres findet oder einen wohlhabenden Herrn aus dem Publikum dazu bringt, euch zu erobern, und dann werde ich hier einfach im Stich gelassen.«

»Ich kann sehr hart arbeiten, Madame, wirklich, und das wird nicht passieren. Ich habe kein Interesse daran, von einem Mann errettet zu werden«, erwiderte Eva mit so eifriger Gewissheit, wie sie ein zierliches Mädchen vom Lande mit riesigen blauen Augen nur aufbieten konnte.

Madame Léautaud konnte jedoch weder Naivität noch Ehrgeiz oder Schönheit gut ertragen, und so prallte Evas halbherziger Protest an ihr ab. Sylvette hatte sie noch am Morgen gewarnt – wenn sie diese Frau nicht von der Ernsthaftigkeit ihrer Ambitionen überzeugte, würde sie auf ihrem zarten Hintern landen und sich in ihrem gemeinsamen kleinen Zimmer in La Ruche (das so hieß, weil das Gebäude wie ein Bienenstock aussah) wiederfinden, ehe sie wusste, wie ihr geschah. Sylvette arbeitete schon seit über einem Jahr im Moulin Rouge, und sie war selbst nur eine Revuetänzerin in zwei Nummern, eine anonyme Gestalt im Hintergrund – eine, die niemals auch nur in die Nähe des Rampenlichts am vorderen Bühnenrand kam.

In diesem Augenblick traten drei Tänzerinnen in Kostümen, die aufwendiger waren als Sylvettes, durch die Tür, angelockt vom Geschimpfe ihrer Gewandmeisterin und begierig darauf, einen Streit mitzubekommen. In der gespannten Stille sah Eva, wie sie sie abschätzig begutachteten, ihre hübschen, bemalten Gesichter voller Herablassung. Eins der Mädchen stemmte die Arme in die Hüften, während sie die Augenbrauen spöttisch hochzog. Die anderen beiden Mädchen flüsterten sich etwas zu. Ihr Anblick versetzte Eva sofort zurück zu den grausamen Rivalinnen ihrer Jugend in ihrer Heimatstadt Vincennes – zu jenen Mädchen, denen sie ebenfalls nicht gut genug gewesen war. Sie waren einer der vielen Gründe dafür gewesen, weshalb sie in die Stadt geflohen war.

Einen Moment lang konnte Eva keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr wurde schwer ums Herz.

Wenn sie diese Chance vertat …

Sie hatte so viel gewagt, nur um die Vorstadt zu verlassen. Vor allen Dingen die Missbilligung ihrer Familie. Sie wollte nichts anderes, als hier in Paris etwas aus ihrem Leben zu machen, doch bislang hatte ihr Streben sie noch nicht weit gebracht. Eva wandte den Blick ab, als sie spürte, wie sich die Tränen in ihren Augen sammelten. Sie durfte nicht zulassen, dass Mädchen wie diese zu sehen bekamen, wie schwach sie war. Niemand durfte wissen, dass sie es mit ihren vierundzwanzig Jahren noch immer nicht gelernt hatte, ihre Gefühle zu kontrollieren. Von dieser einen Chance hing nach einem erfolglosen Jahr in Paris einfach zu viel ab, als dass sie es riskieren konnte, als empfindlich zu gelten.

»Hoffen Sie vielleicht, auch Tänzerin zu werden, wie eine von denen?«, fragte Madame Léautaud und wies mit einem kurzen scharfen Nicken auf die anderen Mädchen. »Jede von ihnen hat es viel Anstrengung und jahrelanges Üben gekostet, hier zu sein. Wenn das also Ihre Absicht sein sollte, würden Sie nur noch mehr von meiner und auch Ihrer eigenen Zeit verschwenden.«

»Ich bin gut darin, Spitze auszubessern«, zwang Eva sich, ohne Stocken zu erwidern.

Und das stimmte. Tatsächlich hatte ihre Mutter, schon seit Eva denken konnte, wundervolle Kreationen aus Spitze erschaffen. Einige davon hatte sie aus Polen mit nach Frankreich gebracht. Die kleinen sorgfältigen Nadelstiche waren ihr Vermächtnis, das Madame Gouel ihrer Tochter mitgegeben hatte. Darauf würde Eva immer zurückgreifen können, um beim Begleichen von Rechnungen zu helfen, wenn sie erst einmal einen netten Mann aus dem Ort geheiratet und sich in ein vorhersehbares, ruhiges Leben eingefunden hatte. Zumindest war es das, was ihre Eltern sich für sie erhofft hatten, bevor es ihre Tochter kurz nach ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag nach Paris gelockt hatte. Dies war nun die erste Chance auf eine Anstellung in der Stadt, die sich Eva bot, und sie hatte nur noch so wenig Geld übrig, dass sie sie einfach ergreifen musste.

Sylvette gab keinen Ton von sich, aus Angst, ihre eigene unsichere Stellung in Gefahr zu bringen, wenn sie noch ein weiteres Wort zu Evas Unterstützung sagte. Sie hatte Eva diese Gelegenheit verschafft – hatte ihr erzählt, dass das Moulin Rouge eine zusätzliche Näherin brauchte, weil die Tänzerinnen sich ständig etwas aufrissen, wenn sie ihre Beine in die Luft schleuderten oder sich auf den Boden fallen ließen. Was Eva nun daraus machte, hing allein von ihr selbst ab.

»In Ordnung, ich werde Sie also zur Probe behalten«, ließ sich Madame Léautaud naserümpfend zu einer Antwort herab. »Aber nur, weil ich mich in einer Notlage befinde. Kommen Sie und flicken Sie Aurélies Unterrock. Machen Sie schnell, und zeigen Sie mir Ihre Arbeit, während die anderen proben.«

»Oui, Madame.« Eva nickte. Sie fühlte sich vor Dankbarkeit überwältigt, riss sich jedoch zusammen und zwang sich zu lächeln.

»Sie sind wahrhaftig ein winziges Ding, eine kleine Nymphe beinahe. Nicht gänzlich unattraktiv, das muss ich sagen. Wie heißen Sie noch mal?«, fragte Madame Léautaud beiläufig.

»Marcelle. Marcelle Humbert«, antwortete Eva, die all ihren Mut zusammennahm, um ihren neuen Pariser Namen zu nennen, von dem sie hoffte, dass er ihr Glück bringen möge.

Seit jenem Tag, an dem sie in ihrem übergroßen Tuchmantel und ihrem schwarzen Filzhut, mit ihren Habseligkeiten in einer alten Reisetasche, allein in der Stadt angekommen war, wurde Eva Gouel von eiserner Entschlossenheit getrieben. Sie wollte Paris um jeden Preis erobern, auf welche Weise auch immer und so unrealistisch ein solch hochtrabendes Ziel auch sein mochte. Sie hoffte, dass diese erste Arbeitsstelle den Beginn von etwas Wunderbarem markieren würde. Immerhin, dachte Eva, waren schon seltsamere Dinge geschehen.

Madame Léautaud reckte ihr vom schwarzen Spitzenkragen umsäumtes Kinn in die Höhe, drehte sich um und ging die wenigen Schritte zurück zum offenen Bühneneingang, wobei sie Eva ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Und so erhaschte diese ihren ersten Blick in die verborgene Phantasiewelt – in das Innere des berühmten Moulin Rouge.

Die Wände hinter der Tür waren vollständig schwarz gestrichen und mit Schnörkeln und Wirbeln in goldener Farbe verziert. Schwere rote Samtvorhänge säumten die Wände, so dass der Raum aus dieser Entfernung wie eine herrliche exotische Höhle anmutete. Es war eine fremde, verführerische Welt, in die Eva nun eintreten würde, und in diesem Augenblick pochte ihr Herz ebenso vor Begeisterung wie vor Angst.

Sie versuchte, sich nicht allzu auffällig umzusehen, während sie Madame Léautaud folgte. Hinter dem Rücken versteckt rang sie ihre Hände, und ihr Puls raste. Sie wusste nicht, wie sie es hinbekommen sollte, sich so weit zu beruhigen, dass sie einen Faden durch ein Nadelöhr führen könnte. Hinter der Bühne war es selbst bei Tageslicht düster. Sie roch verschütteten Alkohol und einen Hauch Parfüm. Dieser Ort hatte tatsächlich etwas Verhängnisvolles an sich, dachte sie, aber das machte das Ganze nur noch aufregender. Als weitere kostümierte Tänzerinnen auf dem Weg zur oder von der Bühne an ihr vorbeiliefen, erkannte sie einige von ihnen von den farbenfrohen Plakaten, die überall in der Stadt hingen. Da waren La Mariska, die Ballerina, Mado Minty, die erste Solotänzerin, und die wunderschöne Comédienne Louise Balthy, die sowohl die Tiroler Puppe Caroline als auch La Négresse verkörperte. Da waren Romanus, der Dompteur, Monsieur Toul mit seinen komischen Liedern und die spanische Tanztruppe mit ihren kurzen roten Bolerojäckchen und schwarzen Fransenhüten.

Eva hatte nie gewusst, was sie tun würde, wenn sie einen dieser gefeierten Darsteller tatsächlich einmal zu Gesicht bekam oder gar persönlich traf. Die Aussicht darauf war beängstigend und prickelnd zugleich gewesen.

Und wenn Madame Léautaud sie nun doch noch abwies, nachdem sie schon so nahe dran war? Würde sie gezwungen sein, wieder in die Vororte von Paris zurückzukehren? Nein, das würde sie nicht zulassen. Sie würde nicht nach Vincennes zurückgehen. Wenn sie aber in Paris weiter keine Arbeit fände, hätte sie kaum eine andere Wahl. Louis’ Werben anzunehmen, seine Geliebte zu werden, damit er sich um sie kümmern konnte, wäre dann wohl die einzige Möglichkeit, die ihr noch blieb.

Armer Louis. Er war die zweite Person, mit der sie sich hier angefreundet hatte. Sylvette hatte sie einander vorgestellt. Da er Pole war, wie ihre Mutter, und weil sie alle in La Ruche wohnten, war ihre Freundschaft rasch besiegelt. Von da an waren die drei unzertrennlich gewesen.

Auch an diesem Tag war Eva mit Louis zusammen gewesen, bis sie sich für ihr Vorstellungsgespräch im Moulin Rouge fortgestohlen hatte. Sie wusste selbst nicht genau, warum, vielleicht war es Aberglaube, aber sie hatte kein Wort über ihren Termin über die Lippen gebracht. Als schwache Entschuldigung hatte sie lediglich vorgebracht, sie hätte etwas vergessen, was sie noch dringend erledigen müsste, womit sie ihn stehengelassen hatte und um die Ecke verschwunden war. Er war gerade kurz davor, Vollards Laden zu betreten und seine Mappe voller Aquarelle zu öffnen, und hörte ihr kaum zu, selbst aufgeregt vor seinem schicksalhaften Gespräch. Ambroise Vollard war ein berühmter Kunsthändler oben auf dem Hügel in der kopfsteingepflasterten Rue Laffitte, der sich nach Monaten endlich einverstanden erklärt hatte, sich Louis’ Arbeiten anzusehen.

Louis, der eigentlich Ludwig hieß, hatte an der Académie Julian Kunst studiert. Abends malte er, ansonsten zeichnete er Karikaturen für La Vie Parisienne, um die Miete bezahlen zu können. Ihn frustrierte die Tatsache, dass seine wunderbaren impressionistischen Aquarelle sich im Gegensatz zu seinen Karikaturen nicht verkauften.

Louis hatte Eva Geld geliehen und sie im letzten Jahr regelmäßig zum Essen eingeladen, um ihr unter die Arme zu greifen. Auch wenn sie ihn nicht zum Liebhaber wollte, mochte sie ihn dennoch nicht im Stich lassen. Loyalität bedeutete ihr viel.

Nun stand sie in der Garderobe hinter der Bühne vor Madame Léautaud, während diese den Saum begutachtete, den Eva soeben geflickt hatte.

»Ihre Arbeit ist so fein, dass ich weder die Stiche noch den Riss erkennen kann!«, rief die Garderobiere mit einer Mischung aus Bewunderung und Irritation aus. »Sie können heute Abend bei uns anfangen. Seien Sie um Punkt sechs Uhr wieder hier. Und kommen Sie diesmal nicht zu spät.«

»Merci, Madame«, sagte Eva, darauf bedacht, dass ihre Stimme nur eine leise Spur von Zuversicht andeutete. Eine lachende Gruppe Theatertechniker und Bühnenhelfer lief an ihnen vorbei.

»Während der Vorstellung werden Sie in den Kulissen auf Ihren Einsatz warten. Sylvette wird Ihnen zeigen, wo, damit Sie nicht im Weg herumstehen. Wenn einer der Darsteller ein Kostüm repariert bekommen muss, werden Sie nur sehr wenig Zeit haben, um einen Saum auszubessern oder einen Knopf, einen Ärmelaufschlag oder einen Kragen wieder anzunähen. Sie dürfen nicht trödeln, haben Sie verstanden? Unsere Gäste zahlen ihr gutes Geld nicht, um sich zerrissene Kostüme anzuschauen, aber eine Unterbrechung im Fluss der Vorstellung wollen sie genauso wenig sehen.«

Dann beugte sich Madame Léautaud zu ihr hinüber und murmelte leise: »Sehen Sie, Mademoiselle Balthy, unsere wunderbare Comédienne, hat sichtbar zugelegt. Wir können das Korsett zwar so eng schnüren, dass sie gerade noch in ihr Kostüm passt, aber sie reißt sich regelmäßig ihre Unterhosen auf, wenn sie nach ihren übertriebenen Sprüngen mal wieder auf dem Hintern landet.« Madame Léautaud verkniff sich ein wissendes Lächeln und zwinkerte.

Kurz darauf stand Eva wieder draußen in der schmuddligen Gasse und verspürte zum ersten Mal in ihrem Leben die ungeheure Erregung eines Sieges. Als sie in die Rue Laffitte zurückeilte, um Louis wiederzutreffen, fühlte sie sich fast so, als könnte sie fliegen.

Eva nahm die Seilbahn den Hügel hinauf und eilte, so schnell sie konnte, zurück zu Monsieur Vollards Laden. Es war großartig gewesen, in den vergangenen Monaten einen polnischen Vertrauten in Paris zu haben – jemanden, der ihre Gedanken und Ziele auf eine Weise verstand, für die es keiner französischen Wörter bedurfte –, und sie wollte dieses Glück nicht aufs Spiel setzen, indem sie einen Freund im Stich ließ.

Louis war wie ein Bruder für sie, auch wenn sie wusste, dass er sich wünschte, es wäre mehr zwischen ihnen. Doch sie waren sich zu ähnlich, um zueinander zu passen. Er war verlässlich und liebenswürdig, und seit ihrer Ankunft in Paris war Eva auf diese Eigenschaften viel dringender angewiesen als auf Romantik.

Der arme Louis, blass, hoch aufgeschossen, mit graublauen Augen, der im Schatten von Evas großen Träumen lebte. Er hatte seinen schweren polnischen Akzent noch immer nicht abgelegt, und im Gegensatz zu ihr strebte er auch nicht nach dieser besonderen Art des Pariser Stils. Er wichste sich immer noch sorgfältig die Enden seines bräunlichen Schnurrbarts, trug zum Ausgehen einen schwerfälligen Zylinder, seinen Lieblings-Cutaway mit nur einem Knopf und zweifarbige Stiefeletten, wie es vor zehn Jahren der Mode entsprochen hatte.

Dennoch war es Louis gewesen, der sich den Namen Marcelle für sie ausgedacht hatte, und dafür würde sie ihm für immer dankbar sein, denn Marcelle hatte ihr Glück gebracht. In einer kleinen gemütlichen Brasserie namens Au Lapin Agile, die auf einem kleinen Hügel in Montmartre lag, hatte Louis sie über einem Glas Wein scherzhaft zu einer richtigen Pariserin erklärt, indem er ihr einen Namen gab, der ganz und gar französisch klang.

Sie hatte über diese Wiedergeburt gekichert, aber der Name hatte ihr sofort gefallen. Es fühlte sich so seltsam wie befreiend an, jemand anders zu sein, und es lag eine aufregende Macht darin. Marcelle konnte sich auf eine Weise geben, die Eva unmöglich war. Eva war vorsichtig und zurückhaltend. Marcelle würde unbekümmert und selbstbewusst sein, ein wenig verführerisch gar. Sie hatte sich auch den melodischen Akzent der Hauptstadt angeeignet und frischte ihre Garderobe mit kleinen Details auf, die der jüngsten Mode entsprachen, wie etwa mit bis auf Wadenlänge gekürzten Röcken oder hoch sitzenden Gürteln.

Louis meinte, sie habe eine Stupsnase, klein und mit nach oben zeigender Spitze. Um ihre auffallenden großen Augen, die von langen dunklen Wimpern umrahmt wurden, wusste sie. Sie war schlank und zierlich und wirke, wie Louis ihr erklärt hatte, auf anziehende Weise unschuldig. Dabei fühlte Eva sich ganz und gar nicht unschuldig. In ihrem Inneren war sie ein Pulverfass der Entschlossenheit, das nur darauf wartete, das Leben kennenzulernen.

Sie sehnte sich danach, ein Teil dieses neuen Zeitalters in Paris zu werden, dessen schillernde Zentren das Moulin Rouge und die Folies Bergère waren. Die Berühmtheiten Sarah Bernhardt und Isadora Duncan zogen im Trocadéro riesige Besuchermengen an, und zwei Jahre zuvor hatte die bekannte Varietékünstlerin Colette so leidenschaftlich eine andere Frau auf der Bühne geküsst, dass sie damit beinahe einen Tumult provoziert hätte. Ach, wenn sie das doch nur gesehen hätte! Paris war lebendig, dachte Eva, ein pulsierender Ort voller ungestümer junger Künstler, Schriftsteller und Tänzer, die alle ebenso begierig darauf waren wie sie, sich in dieser Welt einen Namen zu machen.

Alle lasen Maupassant oder Flaubert mit ihren realistischen Darstellungen des Lebens, aber auch die radikalen Werke zweier neuer Pariser Dichter, Max Jacob und Guillaume Apollinaire. Eva mochte am liebsten die Gedichte von Apollinaire, klangen sie für ein unerfahrenes Mädchen aus der Vorstadt doch gewagt und ausgefallen. Eine Passage aus seinem Gedicht »Die Zigeunerin« prägte schon seit langem ihre Vorstellung vom wilden, aufregenden Leben in Paris.

»Daß man so den Himmel verwirkt ist bekannt

Doch die Hoffnung auf Liebe ließ

Unterwegs uns bedenken noch Hand in Hand

Was uns die Zigeunerin verhieß«

Trotz des steilen Aufstiegs nach Montmartre sprang Eva an der Reihe kleiner Geschäfte in der Rue Laffitte vorbei und strahlte wie ein kleines Kind, als sie vor Vollards Laden ankam. Louis erkannte sie durch das Schaufenster. Ein Glöckchen läutete über der Tür, als er sie öffnete und ins Freie trat.

»Mein Gespräch ist vorbei – und ich konnte dich nicht einmal als meinen Glücksbringer vorstellen. Du weißt doch, was mir dieser Termin bedeutet hat. Wo zum Teufel bist du hingegangen?«

»Ich habe mir selbst Arbeit gesucht! Zwar bloß als Näherin, aber das ist ein Anfang. Ich wollte dich damit überraschen.« Alles schien vergessen, als er sie mit seinen langen schlanken Armen in die Luft hob und umherwirbelte, so dass ihr karierter Rock glockenförmig hinter ihr herwehte.

»Oh, ich wusste, dass du irgendwann etwas finden würdest!«

Louis setzte sie ab und drückte sie fest gegen seinen knochigen Oberkörper.

Dann spürte sie, wie er sich an die Grenzen ihrer Freundschaft erinnerte und einen Schritt zurück machte, während seine blassen Wangen rot anliefen.

»Das sind wirklich großartige Neuigkeiten. Und wie es der Zufall will, habe auch ich eine Überraschung für dich – wir müssen das feiern!« Er lächelte und enthüllte dabei seine schiefen gelben Zähne.

Dann hielt er zwei Eintrittskarten hoch, und sein zaghaftes Lächeln wurde breiter. »Die sind für den Salon des Indépendants morgen Nachmittag«, erklärte er stolz.

»Wie um alles in der Welt bist du denn daran gekommen? Ganz Paris will dorthin!«

Die Karten waren so begehrt, dass es fast unmöglich war, welche zu bekommen. Eva war stets zu arm und zu gewöhnlich gewesen, um an vielem von dem teilzuhaben, was Paris zu bieten hatte, und so war das glamouröse Leben direkt vor ihrer Nasenspitze für sie bislang bloß eine Phantasie geblieben. Sie war zwar nicht restlos begeistert, den Nachmittag mit Louis allein zu verbringen, aber damit bot sich ihr die einmalige Möglichkeit, den berühmten Salon des Indépendants zu besuchen! Er war eine der wichtigsten Kunstausstellungen des Jahres, und alle jungen Künstler in der Stadt wetteiferten darum, ihre Werke neben den Gemälden der etablierteren Maler zeigen zu dürfen. Alles, was in Paris Rang und Namen hatte, würde dort sein.

»Mein Chef bei der Zeitung wollte seine Frau dorthin ausführen. Wie sich aber herausstellte, sind einige der Künstler zu vulgär für ihren Geschmack.«

Eva kicherte. Sylvette würde sie wahnsinnig darum beneiden – genau wie alle anderen im Moulin Rouge. Sie konnte dieses Angebot einfach nicht ausschlagen. Sie folgten dem Weg, der sich um die Butte Montmartre schlängelte, deren graue Schieferdächer und abblätternde Farbe sie empfingen, während sich ein leichter Nebel über alles legte. Sie schlenderten glücklich an einem Stand voller Kisten mit üppigen reifen Früchten und Gemüse vorbei, deren süßer Geruch sich mit dem Duft des frisch gebackenen Brots aus der Boulangerie daneben vermischte.

Eva blickte empor zum dahinterliegenden Moulin de la Galette mit seiner hübschen Windmühle. Ja, da waren all die entzückenden kleinen Windmühlen und die geheimen Kopfsteinpflastergassen um sie herum, in denen sich die Tanzhäuser und Bordelle dieser schäbigen Nachbarschaft verbargen, die sich mit Weinbergen, Gärten und Schaf- und Ziegenherden auf diesem Hügel drängten. In der anderen Richtung lag die Rue Ravignan, die berühmt geworden war für all die Künstler und Dichter, die dort oben in einem verfallenen alten Haus namens Bateau-Lavoir lebten und arbeiteten.

Sie unterdrückte einen Schauder der Faszination.

»Sollen wir noch bei La Maison Rose vorbeischauen, um unsere Erfolge zu feiern, bevor wir nach Hause gehen?«, fragte er. »Und danach erlaubst du mir vielleicht einen winzigen Kuss.«

»Das haben wir doch schon besprochen. Du musst diesen Gedanken wirklich aufgeben.« Sie lachte und vergewisserte sich, dass ihr Tonfall lieblich blieb.

»Nun, dann musst du aber zumindest meine Muse werden, wenn schon nicht meine Geliebte.« Er lächelte. Nichts, nicht einmal ihre Zurückweisung seiner Avancen, schien ihnen die Siege, die sie beide an diesem Tag errungen hatten, verderben zu können. »Ich brauche nämlich eine, nachdem Vollard tatsächlich eins meiner Bilder gekauft hat. Das ist meine zweite große Überraschung.«

»Wie wundervoll!«, rief sie aus. »Aber dann ist eine französische Muse viel passender. Auf jeden Fall keine polnische«, entgegnete sie mit einem glücklichen Lächeln.

»Tak, piękna dziewczyno«, antwortete er auf Polnisch. Ja, schönes Mädchen. »Eine französische Muse. Jeder gute Künstler benötigt eine zur Inspiration.«

Abends war das Moulin Rouge eine andere Welt als jene, die Eva bei Tag gesehen hatte – das Glitzern der Scheinwerfer, der starke Geruch nach Parfüm und Fettschminke, die summende Betriebsamkeit. Es war aufregend, Teil dieser Enklave hinter der Bühne zu sein, sei es auch nur ein kleiner.

Eva stand staunend in den Kulissen und versuchte, niemandem im Weg zu sein, während Bühnenhelfer und Schauspieler an den Kostümständern vorbei hin und her eilten. Sie war sprachlos angesichts der vielen unterschiedlichen Darsteller, die alle wild durcheinander redeten, flüsterten und tratschten und dabei meist ununterbrochen tranken.

Eva fiel auf, wie überraschend grell ihre knallbunten Kostüme aus der Nähe wirkten. Sie waren eindeutig billig hergestellt und zusammengenäht. Ihre Mutter hatte ihr vor langer Zeit beigebracht, Qualität zu erkennen. Von hier konnte sie die Flicken, die Ausbesserungen, die schmutzigen Kragen und dreckigen Strümpfe sehen. Es war enttäuschend, schmälerte jedoch nicht die pure Aufregung, die sie verspürte, einfach nur weil sie hier war. Wie abenteuerlich sie war, diese pulsierende, geheime Welt der Künstler!

Eva versuchte, sich unauffällig zu verhalten, bis sie gebraucht würde. Sie faltete die Hände, um sie vom Zittern abzuhalten, während ihr Herz wild pochte. Sie erkannte alle Darstellerinnen wieder. Als Erstes schwebte Mado Minty in einem smaragdgrünen Taftkostüm mit Glockenrock, geschnürter Taille und engem Mieder an ihr vorbei. Ihr gegenüber, neben einem Ständer voller Hüte und Kopfschmuck, stand die gefeierte Comédienne Louise Balthy mit ihrem markanten schmalen Gesicht und ihren dunklen Augen. Sie biss gerade in ein Gebäckstück.

Wie Madame Léautaud es angekündigt hatte, wurde Eva während der Aufführung mehrere Male gerufen, um mit Nadel und Faden zu Hilfe zu eilen.

Plötzlich spürte sie, wie jemand über ihren Fuß stolperte.

»He, pass doch auf! Weißt du denn nicht, wer ich bin?«

Der scharfe Tonfall ließ Eva aufschrecken. Sie blickte von ihrem Nähkorb auf und sah eine wunderschöne Frau in einem eleganten, fein gearbeiteten Kostüm. Sie sah genauso aus wie auf den Plakaten, Eva hätte sie überall wiedererkannt. Es war Mistinguett. Sie war der Star des Moulin Rouge.

»Das – das tut mir leid«, stammelte Eva, während die große, wohlproportionierte Darstellerin finster auf sie herabblickte.

»Wo finden sie bloß immer diese Leute?« Die junge Frau rümpfte die Nase, richtete sich auf und wischte sich imaginäre Flusen vom Samtmieder ihres Kostüms.

»Zwei Minuten, Mistinguett! Zwei Minuten bis zu deiner nächsten Nummer!«, rief irgendjemand.

»Sylvette! Wo zum Teufel steckst du?«

Ihr harscher Tonfall ließ mehrere Köpfe in ihre Richtung schnellen, und nur Sekunden später kam Evas Mitbewohnerin angerannt, die offensichtlich gerade dabei gewesen war, sich umzuziehen, aber dennoch ein volles Glas Rotwein in der Hand hielt.

»Verzeihen Sie, Mademoiselle, ich war gerade dabei –«

»Sylvette, es interessiert mich einen feuchten Kehricht, was du gerade gemacht hast.«

Eva rührte sich nicht und gab keinen Ton von sich, während sie dabei zusah, wie ihre Mitbewohnerin zu bleicher Unterwürfigkeit zurechtgestutzt wurde. Dann senkte sie den Blick und wandte sich aufgewühlt wieder Nadel und Faden zu.

Die Vorstellung ging weiter, und Eva flickte Kostüm um Kostüm. Ein gerissener Ärmel, ein abgesprungener Knopf. Am Ende war es allerdings Mistinguett und nicht Louise Balthy, die sich ihre Unterhose bei einem hohen Tritt aufriss. Sie stürmte von der Bühne und funkelte Eva wütend an.

»Was starrst du so?«

Die Frage hing wie eine Anklage zwischen ihnen. Oje. Sollte sie tatsächlich gestarrt haben? Eva war sich nicht sicher. Mistinguett blickte sie weiter finster an, während eine junge Garderobenhelferin sie stützte, damit sie die zerrissene Unterhose über ihre schwarzen Schnürschuhe ausziehen konnte.

»Verzeihen Sie. Ich habe nur gewartet«, erwiderte Eva kleinlaut.

»Worauf?«

»Auf Ihre Unterhose, Mademoiselle. Damit ich sie nähen kann.«

»Du? Dich habe ich hier noch nie gesehen!«

»Mademoiselle, ich mag hier neu sein, aber mit Nadel und Faden bin ich erfahren.«

Mistinguetts fuchsfarbene Augen weiteten sich. »Machst du dich etwa über mich lustig?«

»Nein, ganz bestimmt nicht, Mademoiselle Mistinguett.«

Eva spürte die Blicke einiger anderer Darstellerinnen, die in den verschiedensten Kostümen und Kopfbedeckungen an ihr vorbeikamen. Sie hüteten sich, stehenzubleiben, solange der temperamentvolle Star in Rage war.

»Nun, das würde ich dir auch raten!« Mistinguett machte auf dem Absatz kehrt. »Beeil dich. In der zweiten Hälfte habe ich meine große Nummer.«

Eva dachte für den Bruchteil einer Sekunde darüber nach, die Unterhose so locker zusammenzunähen, dass Mistinguett sie an diesem Abend ein zweites Mal zerreißen würde. Schnell entschied sie sich jedoch gegen einen solch hinterhältigen Zug. Sie war zu sehr auf diese Chance angewiesen. Eine Vergeltung musste fürs Erste warten.

Nachdem die Krise überstanden war, rauschte Mistinguett mit einem großen jungen Mann mit üppigem blonden Haar, das er sich in einer Welle aus dem Gesicht gekämmt hatte, davon. »Wer ist das?«, fragte Eva Sylvette, die auf ihren nächsten Auftritt wartete.

»Sein Name ist Maurice Chevalier. Er tanzt mit ihr am Ende des zweiten Teils Tango. Aber er wurde sicher nicht wegen seines Talents engagiert.« Sie zwinkerte, und Eva verkniff sich ein Lächeln.

So viel passierte an diesem glorreichen Ort. Es gab so viele Nummern, so viele Persönlichkeiten, so viele Namen, die sie sich merken musste. Bislang schlug Eva sich tapfer, und für den Augenblick waren alle Kostüm-Missgeschicke beseitigt.

Als die Darsteller in der Pause der Reihe nach hinter die Bühne kamen, um sich auszuruhen, wagte Eva einen Blick um den samtenen Bühnenvorhang.

Ihr Herz raste beim Anblick der Zuschauerschar, die sich ins Theater gedrängt hatte. Sie blickte auf ein Meer aus Seidenzylindern, steifen Melonen und Fedoras. Nicht ein einziger Platz war leer geblieben.

Beim Überfliegen der gut gekleideten Menge wurde ihr Blick von einer Gruppe dunkelhaariger junger Männer angezogen, die exotisch wirkten und in verschiedenen Schattierungen von Schwarz und Grau gekleidet waren. Sie saßen an herausgehobener Stelle an dem Tisch, der der Bühne am nächsten war. Die Tischplatte war gefüllt mit Wein- und Whiskyflaschen und einer bunten Sammlung von Gläsern, und aus ihrer lebhaften Konversation konnte sie heraushören, dass es sich um Spanier handelte. Sie fläzten sich auf ihren Stühlen, tuschelten immer wieder miteinander, tranken in großen Hieben und hatten, ungestümen Jungen gleich, offenkundig Mühe, sich zu benehmen, bis die Vorstellung weiterging. Von ihnen ging eine aufgeheizte, geradezu stürmische Stimmung aus.

Einer von ihnen hob sich deutlich von den anderen ab, er war von beeindruckender Präsenz. Lang und zerzaust fielen seine rabenschwarzen Haare ihm über die großen schwarzen Augen mit dem durchdringenden Blick. Er war kräftig gebaut, hatte breite Schultern und trug zerknitterte beigefarbene Hosen und ein ebensolches weißes Hemd, dessen Ärmel er über die Ellbogen zurückgerollt hatte, so dass seine gebräunten, muskulösen Arme enthüllt wurden. Sein Jackett hing über der Stuhllehne. Er war unglaublich anziehend.

Dieser Mann war sicher jemand Wichtiges, schon allein da er ganz vorn saß. Als sie sich wieder vom Vorhang abwandte, fiel Eva noch auf, dass eine hübsche Frau neben ihm fehlte. Ein Mann mit einer so sinnlichen Ausstrahlung und einem so durchdringenden Blick musste doch eine Frau haben. Oder zumindest eine Geliebte.

Sie wollte Sylvette schon nach seinem Namen fragen, als auf einmal die Orchestermusik aufbrauste, um die zweite Hälfte der Vorstellung einzuläuten, und sie Madame Léautaud nach ihr rufen hörte. Ihre Phantastereien würden warten müssen, denn es gab Arbeit zu erledigen, und Eva war fest entschlossen, ihre Sache gut zu machen.

Kapitel 2

Er stand barfuß und mit nacktem Oberkörper, bekleidet nur mit beigefarbenen Hosen voller Farbkleckse, die er sich bis über die Knöchel gerollt hatte, vor der Staffelei und hielt einen Pinsel in der Hand. Das Morgenlicht strömte in das Atelier mit den hohen Decken im maroden Bateau-Lavoir. Seine Staffelei war vor dem Fenster aufgebaut, hinter dem ein Weinberg lag, auf dem Schafe grasten. Dahinter bot sich ein beeindruckender Ausblick auf die schiefergrauen Dächer und Schornsteine der Stadt.

Der kalte Fliesenboden in dem bescheidenen Raum war mit Lappen, Farbtöpfen und Pinseln übersät. Überall an den grob verputzten Wänden hingen Gemälde. Hier konnte Pablo Picasso viel mehr sein als nur ein Maler – hier war er der große spanische Matador, und die feuchte Leinwand war sein Stier, den er mit Raffinesse zur Unterwerfung zwingen musste.

Beim Akt des Malens ging es immer um Verführung und Unterwerfung. Nun, da es ihm gelungen war, alle störenden Gedanken beiseitezuschieben, gab das Bild vor ihm endlich nach. Als ihm klar wurde, dass er die Herrschaft erlangt hatte, kam Picasso sich im Angesicht seines Gegners plötzlich klein vor. Dieser öffnete sich ihm wie ein Liebhaber, ergriff Besitz von ihm – besaß ihn genauso, wie eine sinnliche Frau es tun würde. Die Vergleiche wirbelten in seinem Kopf wild durcheinander. Nach seiner Kapitulation wurde das Werk von seinem Herausforderer zu seiner exotischsten Geliebten.

Farbe bedeckte seine Finger, seine Hosen, die tiefschwarzen Kringel seines Brusthaars, seine Hände und Füße. Ein blutroter Streifen zog sich über seine Wange, ein weiterer über eine Strähne seines langen schwarzen Haars.

Zu dieser frühen Stunde war es im Atelier ruhig, und ihn umgab eine dunstige Stille. Picasso genoss Momente wie diesen. Er betrachtete die feuchte Leinwand, die Kuben und Linien, die wie Gedichte zu ihm sprachen. Doch mit der Stille hielten auch wieder die Grübeleien Einzug.

Fernande hatte nach ihrem Streit am vorigen Abend zu viel getrunken, weshalb er ins Moulin Rouge gegangen war und in der berechenbaren Gesellschaft seiner spanischen Freunde Trost gesucht hatte. Die Gewissheit, in Paris mehr und mehr zum gefeierten Künstler zu werden, besänftigte seine Unruhe, dennoch wusste er, dass Fernande ihn am Ende des Abends zu Hause in ihrer neuen Wohnung erwarten würde, und er war noch zu wütend gewesen, um zu ihr zurückzukehren. Also war er stattdessen in sein Atelier gegangen.

Er liebte Fernande. Daran zweifelte er nicht. Bevor sie ihn kennengelernt hatte, war ihr Leben hart gewesen. Sie war mit einem Mann verheiratet, vor dessen Misshandlungen sie zwar geflohen war, von dem sich scheiden zu lassen sie sich jedoch bis heute nicht traute. Picasso hatte deshalb stets das dringende Bedürfnis, sie zu beschützen. Die mageren Jahre, in denen er das Leben eines unbekannten und sich mühenden Malers in Paris führte, hatten sie gemeinsam durchgestanden, was sie eng verband, auch wenn sie nach wie vor nicht heiraten konnten.

In letzter Zeit hatte er allerdings begonnen, sich zu fragen, ob es genug war; und seine Zwiespältigkeit gegenüber seiner Beziehung übertrug sich auf andere Dinge in seinem Leben. Im bedrohlichen Schatten seines immer näher rückenden dreißigsten Geburtstags empfand er tief in seinem Innersten, dass ihm etwas fehlte.

Picasso nahm einen kleineren Pinsel in die Hand und tauchte ihn in einen Topf mit gelber Farbe. Hinter den verschmierten Fensterscheiben schien die Sonne. Er konzentrierte sich einen Moment lang auf die grasenden Schafe, die diese kleine Ecke von Montmartre wie eine ländliche Dorfidylle wirken ließen. Plötzlich musste er an Barcelona denken, wo er seine Mutter zurückgelassen hatte, die sich Tag für Tag um ihn sorgte.

Erinnerungen an seine Familie und an das einfache Leben seiner Kindheit spulten sich vor seinem inneren Auge ab wie ein Faden. Er dachte an seine kleine Schwester Conchita mit ihren großen blauen Augen und ihrer kostbaren Unschuld. Noch nach all den Jahren vermisste Picasso sie sehr, drängte die Erinnerung jedoch entschlossen beiseite und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Was geschehen war, konnte er nicht ändern. Es bereitete ihm nur Pein und das Gefühl schwerer Schuld.

Als es an der Tür klopfte, verschwanden diese Gedanken. Die Tür schwang auf, und zwei junge Männer wankten herein, seine Freunde Guillaume Apollinaire und Max Jacob. Sie lachten, hielten sich brüderlich im Arm und waren in eine Wolke starken Alkoholgeruchs gehüllt.

»So viel zu Pablos Versprechen«, lallte Apollinaire, und seine großspurigen Gebärden erfüllten den gesamten Raum. »Du hattest gesagt, du wolltest dich gestern Abend nach der Vorstellung im Moulin Rouge mit uns im Au Lapin Agile treffen.«

»Ich behaupte viel, Amigos«, brummte er und wandte sich wieder seinem Gemälde zu. Sosehr er sich über die Unterbrechung ärgerte, war er doch froh, dass es seine Freunde waren, und nicht Fernande.

Picasso liebte diese beiden dichtenden Sonderlinge, als wären sie seine Brüder. Sie richteten sein Augenmerk auf Ideen, Gedichte und Konzepte, die seiner Arbeit stets neue Impulse gaben. Die drei diskutierten und tranken miteinander, stritten sich heftig und hatten ein tiefes Vertrauen zueinander gefasst, das Picasso nun, da er die ersten Vorboten des Ruhms zu spüren bekam, sehr zu schätzen wusste. Er konnte sich nicht mehr in jedem Fall sicher sein, dass er tatsächlich um seiner selbst willen gemocht wurde. Max Jacob und Guillaume Apollinaire waren dagegen über jede Kritik erhaben.

Max, der kleinere der beiden Männer, war der elegante, belesene und überaus geistreiche Sohn eines Schneiders aus Quimper. Er war Picassos erster Freund in Paris gewesen. In jenem Winter, der nun beinahe ein Jahrzehnt zurücklag, war Picasso so bettelarm gewesen, dass er seine eigenen Gemälde als Feuerholz verwenden musste, um sich warm zu halten. Max hatte ihm einen Schlafplatz angeboten, und die beiden hatten sich in seinem Einzelbett in Acht-Stunden-Schichten abgewechselt. Max schlief nachts, während Picasso arbeitete, und Picasso legte sich tagsüber hin. Max besaß nicht viel, doch was er hatte, hatte er immer mit Picasso geteilt.

Allgemein wurde angenommen, dass es Max war, der Apollinaire bei ihren phantastischen Grillen vorauseilte, das entsprach jedoch mittlerweile nicht mehr der Wahrheit. Max’ Opium- und Äthersucht hatten ihn gegenüber dem charmanten und schlauen Guillaume Apollinaire ins Hintertreffen geraten lassen, und so gab nun dieser bei ihren gesellschaftlichen Auftritten den Ton an.

»Wo ist dein Whisky?«, lallte Max.

»Habe keinen«, knurrte Picasso zurück.

»Hat Fernande ihn leergetrunken?«, wollte Apollinaire wissen.

»Das hat sie tatsächlich.«

»Ach, Unsinn, du lügst doch. Wir wissen alle, dass sie sich kaum noch unters gemeine Volk mischt, seit du ihr diese schicke Wohnung am Boulevard de Clichy gekauft hast«, entgegnete Max.

»Nun, gestern war sie aber hier. Wir haben uns gestritten, also hat sie den Whisky getrunken, weil ich keinen Wein dahatte«, erwiderte Picasso darauf. Sein Französisch war durchzogen von der Melodie seiner andalusischen Heimat. Immer wieder hörte er, seine Sprache sei ein furchtbares Durcheinander aus falschen Verben und Zeitformen, und er wusste, dass es stimmte, es war ihm so früh am Morgen jedoch völlig gleichgültig.

»Ah«, machte Apollinaire vage und berührte die Leinwand mit seinem langen, schmalen Zeigefinger, um sie auf nasse Farbe zu untersuchen. »Das erklärt so einiges.«

»Was sie auch getan haben mag, du wirst ihr vergeben. Das machst du schließlich jedes Mal«, meinte Max.

Pablo spürte, wie ihm Angst die Brust zusammenschnürte. Es erschien ihm immer mehr wie ein unausweichlicher Kreislauf. Am besten war es, nur zu arbeiten, nicht nachzudenken – über sie, über die Vergeblichkeit, über die heftige Rastlosigkeit, die sich seines Herzens mit jedem Tag stärker bemächtigte. Er musste all das ebenso begraben wie seine Erinnerungen an seine Schwester und daran, wie sie gestorben war.

Max sah sich im Atelier um und machte eine Bestandsaufnahme der neuen Bilder. Dann blieb sein Blick bei den beiden grob gehauenen altiberischen Masken hängen, die direkt hinter einem kleinen Vorhang standen, hinter dem sich auch das schmale Bett verbarg. »Die hast du immer noch?«

»Warum sollte ich sie nicht mehr haben?«, sagte Picasso kurz angebunden über die altertümlichen Büsten, die er für Studien für mehrere seiner Werke verwendet hatte.

»Ich habe mich immer gefragt, wo sie herkommen. Für mich sehen sie eher aus wie etwas, das in ein Museum gehört«, bemerkte Max trocken. Er fuhr mit dem Finger über den Hals einer der Büsten und berührte den Kopf der anderen. »Wo in aller Welt treibt man so etwas bloß auf? Legal, meine ich?«, fragte er.

Apollinaire antwortete: »Woher soll ich das wissen? Ich habe sie von meinem Sekretär bekommen, der mich bestechen wollte, damit ich ihn überall in Paris vorstelle. Anscheinend dachte er, sie würden mich beeindrucken. Zwei davon habe ich Pablo gegeben. So einfach ist das. Es war noch nie meine Angewohnheit, danach zu fragen, wo gute Kunst herkommt.«

»Oder wo die Frauen herkommen«, scherzte Max mit einem Grinsen. »Und zu unserem lieben Picasso kommt in der Tat beides – und zwar nicht zu knapp.«

»Seid ihr beiden bald fertig?«, grummelte Picasso, dem eine störrische schwarze Haarsträhne ins Auge fiel.

»Sag mir bitte, was soll denn das hier bloß sein?«, fragte Apollinaire, um das Thema zu wechseln. Er betrachtete die feuchte Leinwand auf Picassos Staffelei.

Picasso verdrehte die Augen. »Wieso muss Kunst immer irgendetwas sein?«, blaffte er zurück.

»Dieses Runde hier erinnert mich an ein Cello«, warf Max scherzhaft ein. Er rieb sich das Kinn mit dem säuberlich rasierten Bart zwischen Daumen und Zeigefinger, während er und Apollinaire das Bild betrachteten und dann einen Blick miteinander wechselten.

»Mich erinnert es dagegen eher an den Hintern einer Dame«, fügte Apollinaire mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.

»Nicht, dass du tatsächlich jemals einen zu Gesicht bekommen hättest, Apo, mein Guter«, gab Max schlagfertig zurück und verwendete dabei den liebevollen Spitznamen, den sie mittlerweile alle übernommen hatten.

»Na, du ganz sicher nicht.«

»Fühlt ihr denn gar nichts, wenn ihr das Bild betrachtet, oder seht ihr bloß mit euren Augen?«, fragte Picasso, der verärgert darüber war, dass sie ihn zu dieser heiligen Stunde gestört hatten und sich nun auch noch über seine Arbeit lustig machten. »Dios mío, manchmal habe ich das Gefühl, von einer Bande Schwachköpfe umgeben zu sein!«

»Was ich fühle, ist Verwirrung«, kicherte Apollinaire, der so tat, als würde er die Leinwand weiter begutachten. »Pablo, dein Geist ist ein Mysterium.«

»Ich bekomme schon beim Reden darüber Durst. Sollen wir nicht alle auf ein Gläschen rausgehen?«, schlug Max vor.

»Es ist noch nicht einmal Mittag«, wehrte Picasso gereizt ab.

»Morgens ist die beste Zeit für ein Bier. Das bringt deinen ganzen Tag in Ordnung«, erwiderte Apollinaire, der über den beiden emporragte wie ein freundlicher Riese mit herunterhängenden Schultern.

»Geht schon mal vor. Ich arbeite noch eine Weile, und dann werde ich mich hinlegen.« Picasso wies mit einem Nicken auf das schmale schmiedeeiserne Bett, das in der Ecke des Ateliers stand. Darauf lag eine apfelgrüne Fransendecke mit roten Rosen, die seine Mutter ihm aus Spanien geschickt hatte. Er strich sich das Haar aus den Augen.

»Hier?«, fragte Max leicht erstaunt, da Picasso seine Hungerjahre in Montmartre längst hinter sich gelassen hatte. Es gab keinen Grund für ihn, mehr Zeit in diesem zugigen, in sich zusammenfallenden Gebäude zu verbringen als unbedingt notwendig. »Machst du es damit nicht noch schlimmer zu Hause mit la belle Fernande?«

»Zwischen Fernande und mir wird alles in Ordnung sein. Das ist es immer«, versicherte Picasso seinem Freund, während er einen Pinsel aufnahm und sich von den beiden abwandte. »Geht schon einmal vor. Ich sehe euch beide dann Samstagabend bei Gertrude, wie immer«, fügte er hinzu, während er begann, Farbe anzurühren.

Er freute sich auf Gertrude Steins Salon am Wochenende. Er sehnte sich nach den jungen Köpfen dort und nach seinen Debatten mit Gertrude selbst, die stets für eine intellektuelle Auseinandersetzung zu haben war. Sie forderte ihn heraus, brachte ihn zum Nachdenken. Und sie stellte jede einzelne gesellschaftliche Regel in Frage, die es gab. Diese Frau war eine Naturgewalt, die ihn mit sich zu reißen vermochte. Selbst wenn diese Anziehungskraft für ihn eine rein geistige war.

»Lasst mich nun weiterarbeiten.«

»Hast du nicht etwas vergessen? Du hast versprochen, morgen zu Apos Lesung im Salon des Indépendants zu kommen«, erinnerte Max Picasso flüsternd, als sie an der Tür angelangt waren.

»Ich habe es nicht vergessen«, erwiderte Picasso.

Was glatt gelogen war.

Für einen kurzen Moment, in dem sie ihre Lider noch geschlossen hatte und der Nebel des Schlafs sich noch nicht ganz gelichtet hatte, hatte Fernande eine Vision ihres Ehemannes, des Mannes, der sie grausam geschlagen hatte. Sie riss die Augen panisch auf, erblickte jedoch nur einen kleinen karamellfarbenen Kapuzineraffen in einem schicken roten Jäckchen, an dessen Revers eine Krawatte genäht war. Das Tier starrte sie mit seinen schwarzen Knopfaugen an, während Pablo lächelnd hinter ihm stand.

»Der Affe aus dem Café?«, fragte Fernande in dem Versuch, sich das kleine Wesen zu erklären, das auf ihrer Brust saß und sich gerade geschäftig putzte. Sein Anblick wirkte absurd, insbesondere, da dieser schreckliche Traum immer noch an den Rändern ihres Bewusstseins herumlungerte.

»Ich habe ihn heute Morgen auf dem Nachhauseweg gekauft, als ich aus dem Atelier kam. Zugegeben, er ist ein bisschen ungewöhnlich, aber hier in unserer kleinen Menagerie wird er es besser haben als dort.«

Fernande ließ ihren Blick von ihrem struppigen Schäferhundmischling Frika über die Siamkatze Bijou bis zu der weißen Maus gleiten, die sie in einem Holzkäfig vor dem Fenster hielten. Ja, ihre Wohnung wurde tatsächlich langsam zu einer Menagerie.

Sie setzte sich auf, und die Bettdecke rutschte von ihrer nackten Brust. Das lange kastanienbraune Haar, das ihr über die Schultern fiel, betonte ihre grünen Augen. Das Tier sprang von ihrem Schoß mit plötzlichen ausgelassenen Bewegungen zuerst auf eine Kommode, dann auf den Fußboden. »Aber ein Affe, Pablo?«

Er sank neben sie auf den Bettrand. »Er wurde misshandelt und vernachlässigt. Du kennst mich, ich konnte nicht anders, als ihn zu retten. Ich hatte nicht genug Geld dabei, also habe ich eine Zeichnung für den Leierkastenmann angefertigt. Er schien hocherfreut über den Tauschhandel.«