Über Katharina Peters

Katharina Peters, 1960 geboren und in Wolfsburg aufgewachsen, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist eine passionierte Marathonläuferin, trainiert Aikido und lebt als freie Autorin in Berlin.

Bei Rütten & Loening erschien der erste Roman mit Hannah Peters »Herztod«. Bei atb erscheinen die Rügen-Krimis: »Hafenmord«, »Dünenmord« und »Klippenmord« sowie der Thriller «Wachkoma«.

Informationen zum Buch

Hannah Jakobs, ausgebildete Kriminalpsychologin, ist als Sonderermittlerin bundesweit im Einsatz. Ihr Spezialgebiet: vermisste Kinder und Frauen. Dabei hat sie einen ungewöhnlichen Partner: ihr Hund Kotti. Ihr neuester Fall führt sie nach Berlin. Mark Springer, ein junger Kollege vom LKA bittet um ihre Mithilfe. Ein Anwalt ist spurlos verschwunden. Eigentlich nichts für Hannah, doch Robert Bleichert ist eine überaus zwielichtige Figur. Er war nicht nur Berater im Rotlichtmilieu, sondern hat sich auch um Fälle von Kindesmisshandlung gekümmert.

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Katharina Peters

Vergeltung

1. Das Mädchen

Thriller

Logo

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

Informationen zum Buch

Newsletter

Hauptpersonen

1 Das Mädchen

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Die nächste Folge

Impressum

HAUPTPERSONEN

Hannah Jakob, Anfang vierzig, Kriminalpsychologin, gebürtige Hamburgerin, lebt seit Anfang der 90er Jahre in Berlin und ist als Sonderermittlerin beim BKA tätig (direkter Vorgesetzter: Abteilungsleiter Bernd Krüger), das sie bundesweit in Fällen vermisster Frauen und Kinder einsetzt. Ihre jüngere Schwester Liv verschwand vor gut zwanzig Jahren nach einem Streit spurlos – ein Drama, dessen Umstände die Familie entzweite und ihr Leben entscheidend mitprägte. Hannah ist selten ohne Windhundmischling Kotti unterwegs.

Mark Springer, Anfang dreißig, Kommissar beim LKA – neigt zu Eigensinn und Arroganz, direkt, unangepasst, hitzköpfig, kein guter Teamplayer. Ermittelt mit Herzblut und beachtet nicht immer alle Dienstvorschriften. Lebt im Schillerkiez in Neukölln, auch privat Einzelgänger.

Oberstaatsanwältin Gesine Hilt, Mitte fünfzig, engagiert, scharfzüngig, loyal zu ihren Leuten. Scheut weder die Auseinandersetzung mit großen Namen noch das damit verbundene Risiko.

Paul Luschinsky, genannt Lusche, Mitte fünfzig, Fahndungsleiter, Einsatz-Koordination, robust-bärbeißiger Typ, exzessiver Kaugummikauer, ist der geborene Motivator, hält immer seinen Kopf hin.

Loni Geising, Ende zwanzig, macht wenig Worte, Innendienst, Recherche, gründlich, wach, unauffällig, wird häufig unterschätzt und übersehen.

Jannick Wintar, vierzig, leitender Ermittler in der OGJ (operative Gruppe gegen Jugendgewalt), ein überzeugter Streetworker, kann Menschen überzeugen und zum Reden bringen.

Martha Sund, 30, verdeckte Ermittlerin mit eigenwilligen Methoden, in die sie sich niemals hineinreden lässt.

Robert Bleichert, 52, Anwalt, seit Ende Juli spurlos verschwunden; in zweiter Ehe seit zehn Jahren verheiratet mit Katrin Bleichert, 42, Gartenarchitektin, gemeinsamer Sohn Nico, acht Jahre alt.

Corinna Mirbach, 18, Kellnerin, wurde als knapp Sechzehnjährige im Rahmen von Ermittlungen um Vergewaltigung minderjähriger Mädchen aktenkundig; wie auch die gleichaltrige Freundin Eva Grohn seit einigen Monaten verschwunden.

1
DAS MÄDCHEN

Prolog

Sie erkannte ihn schon von weitem am Klang seiner Schritte. David bog von der Skalitzer Straße in den Erkelenzdamm ein und lief eilig Richtung Wohnhaus. Sein schmales Kindergesicht leuchtete im trüben Licht der Eingangstür für einen kurzen Moment auf, und sie hielt das Bild so lange wie möglich fest, bevor sie sich mit klopfendem Herzen wieder tief ins Gebüsch duckte – zur Rechten quoll ein Mülleimer über, hinter ihr vergammelte eine Parkbank. Es tat gut, ihn zu sehen, und es tat weh, ihn nicht ansprechen zu können.

Sandra hob den Kopf, noch bevor das Licht in der Wohnung im dritten Stock aufflammte. Küche und Bad, dachte sie. David würde in größter Eile ein Glas Wasser hinunterstürzen und anschließend seine Sportwäsche über der Badewanne aufhängen. Tat er es nicht sofort, drohte Ärger – im besten Fall eine ruppige Ermahnung, im schlimmsten eine Ohrfeige. Viel mehr hatte David in den acht Jahren seines Lebens allerdings nicht ertragen müssen. Er war Mutters Liebling, schon immer gewesen – das Kind, das sie selten anrührte, das meist mit einem Anschnauzer davonkam oder einem Schubser, während Sandra und der jüngere Bruder das meiste auszubaden hatten. Colin lebte nicht mehr. Er war im Alter von vier Jahren vor einigen Monaten gestorben, im Dezember, vor Weihnachten – nach zahllosen Tritten und Schlägen. Sandra, die älteste, hatte die Schuld auf sich genommen, als Polizei und später das Jugendamt aufkreuzten und dann ihr Vater – der Typ, der nie da war, schon gar nicht wenn man ihn brauchte – diesen Anwalt anschleppte. Ein guter Deal, hatte sie gedacht, als klar wurde, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Einer, der sie in Zukunft schützen und die Alpträume vertreiben würde, in denen Colins lebloser Körper und die entsetzten Augen einer Rettungssanitäterin die Hauptrolle spielten. Ein fataler Irrtum.

Vor vier Wochen war sie abgehauen, wenige Tage vor ihrem dreizehnten Geburtstag. Ihre Mutter war ausgetickt, als sie am späten Abend nach Hause gekommen war, und hatte wie eine Furie herumgebrüllt: »Wem hast du davon erzählt, du falsches Miststück?« Sie hatte erst von ihr abgelassen, als sie so kraftlos war, dass sie die Hand nicht mehr heben und Sandra sich aus ihrem Griff befreien konnte. Nachdem es still in der Wohnung geworden war, hatte sie ihren Rucksack gepackt und war mitten in der Nacht aus dem Haus geschlichen, um ihr altes Leben für immer hinter sich zu lassen. Der Gedanke, so ungeheuerlich und absurd er zunächst klang, hatte klar und unverrückbar vor ihrem inneren Auge gestanden.

Die ersten zwei Tage hatte sie in einer leerstehenden Dachwohnung verbracht – nur wenige Minuten von ihrem Zuhause entfernt. Es roch nach Schimmel und Ratten, nach Pisse und feuchter Wäsche, es war bitterkalt, und die Alpträume fielen über sie her. Das Versteck taugte allenfalls als kurzfristige Lösung, das war ihr schon nach wenigen Stunden klar gewesen. Sie brauchte etwas zu essen, frische Kleidung, ein gutes Versteck, Geld, einen Plan oder auch nur einen Strohhalm, an den sie sich klammern konnte. Der junge Kerl vom Hermannplatz fiel ihr ein, wo sie sich seit geraumer Zeit häufig herumtrieb, Arnas – schwarze Haare, schwarze Augen, Slang-Sprache, Anführergehabe. Sein Blick hatte sie nur kurz und gelangweilt gestreift. Man kannte sich vom Sehen. Mit ihm und seinen Leuten legte man sich nicht an. Niemals. Egal, worum es ging. Er vertickte gemeinsam mit zwei anderen Speed; das Geschäft lief gut, er pfiff zufrieden vor sich hin und bekam nicht mit, dass ihn zwei Typen fixierten und stetig näher kamen. Bullen, die ihn einkassieren wollten, dessen war Sandra sicher gewesen, ohne auch nur eine Sekunde zu zweifeln. Sie hatte die Situation erfasst und ihn gewarnt – einfach so, aus dem Bauch heraus – mit einem Schnalzen und einem unauffälligen Nicken. Er hatte sofort reagiert und war blitzschnell in der Menge untergetaucht. Einige Tage später fing er sie nach der letzten Stunde an der Schule ab. »Du hast was gut«, meinte er. »Frag nach Arnas, wenn du mal Hilfe brauchst. Die Familie vergisst so etwas nicht. Ich mein das ernst, klar?« Klar.

Das Ganze lag erst ein paar Monate zurück. Bis zu diesem Moment war ihr nicht bewusst gewesen, was genau sie bewogen hatte, ihn zu warnen – wahrscheinlich war es ein schlichter Reflex gewesen: gegen die Bullen hielt man zusammen –, aber nun stand fest, dass ihre Reaktion eine hervorragende Idee gewesen war, wenn nicht sogar die beste überhaupt. Arnas hielt sein Versprechen, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Es schien, als sei er beeindruckt, dass sie ihn tatsächlich beim Wort nahm. Sie tauchte mal in dieser, mal in jener Familie unter, putzte, hütete Kinder oder half in Läden aus – von einigen amüsiert belächelt, von anderen misstrauisch beäugt, von den meisten ignoriert. Sie gehörte nicht dazu, aber für eine gewisse Zeit durfte sie sich sicher fühlen, weil Arnas die Hand über sie hielt – sollte sie länger bleiben wollen, musste sie wahrscheinlich auch andere Aufgaben übernehmen. Sie würde darüber nachdenken, wenn es soweit war. Kein tolles Leben, keine allzu guten Aussichten, aber eine Art Plan, ein Leben, das sie vor Polizei, Jugendamt und ihrer Mutter schützte.

Als das Licht in der Küche erlosch, richtete sie sich langsam auf – und duckte sich sogleich wieder. Eine schmale Gestalt kam den gleichen Weg entlang wie David kurz zuvor. Sandra spürte, dass ihr Puls heftig beschleunigte, Furcht kroch in ihr Herz. Auf tausend Meter erkenne ich dich, rieche ich dich, dachte sie. Im nächsten Moment bog ein Wagen um die Ecke und bremste ab; an der Beifahrerseite glitt die Fensterscheibe herunter, und Sandras Mutter blieb stehen. Sie beugte sich herab, um ein paar Worte zu wechseln. Sandra behielt die Szene im Blick. Seltsam, dachte sie, von plötzlicher Unruhe erfasst, den Wagen kenne ich, der fährt hier nicht zum ersten Mal herum. Sie war manchmal in der Gegend, meist abends, als heimliche Beobachterin, um David nahe zu sein, ein Auge auf ihn zu haben, voller Angst, ihn von Schlägen gezeichnet zu sehen, oder in der Dunkelheit Colins weiche Kinderstimme zu hören – getötete Kinder lassen ihre Stimmen zurück, um von denen erhört zu werden, die sie niemals vergessen durften, hatte ihr mal jemand erzählt. Sie war sicher, den dunkelgrünen Golf wiederzuerkennen. Ein bedeutungsloser Gedanke, einer, der belegte, dass sie mit wachen Sinnen durch die Gegend lief, immer auf der Hut, immer auf der Flucht.

Plötzlich schwang die Beifahrertür auf, jemand stieg aus, Sandra glaubte eine Frau zu erkennen, und dann ging alles sehr schnell. Ihre Mutter sackte ohne sichtlichen Grund zusammen, die Frau packte zu, stützte sie, bevor sie zu Boden gleiten konnte, umschlang ihre Taille und bugsierte sie mit Hilfe des Fahrers auf den Rücksitz. Dann stieg sie ein. Die Tür schlug leise zu, der Wagen fuhr behutsam an und beschleunigte in Richtung Oranienplatz. Der ganze Spuk hatte nicht länger als zehn, fünfzehn Sekunden gedauert. Sandra hatte den Kopf gereckt, um das Kennzeichen zu erfassen. Es war leicht zu merken: B – CS 1312.

1

Krüger kam zügig zur Sache, als er wenige Minuten nach Hannahs Dienstbeginn am Montagmorgen in ihrem Büro im BKA aufkreuzte.

»Du kriegst heute Nachmittag Besuch von einem LKA-Kollegen, der Unterstützung bei einem Fall braucht. Ein arroganter, rotznäsiger Spinner«, bemerkte ihr Vorgesetzter, während er sich einen Stuhl heranzog. »Gibt vor, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, und kommt in keinem Team klar – soviel kann ich im Namen seines Kommissariatsleiters vorausschicken.«

»Das klingt vielversprechend.«

Krüger strich über seine Halbglatze und deutete ein Lächeln an. »Es geht um einen Vermisstenfall hier in Berlin. Vielleicht hast du davon gehört – ein Anwalt, Anfang Fünfzig. Trotz wochenlanger Suche und Recherchen einer Sonderkommission hat man nicht den geringsten Hinweis gefunden, jedenfalls keine konkrete Spur, die eine weitere Beschäftigung mit dem Fall in großem Stil rechtfertigen würde.«

Nein, davon hatte Hannah nichts mitbekommen. Nach dem aufreibenden Fall in Lübeck war sie Anfang August nach Berlin zurückgekehrt, um auszuspannen und ihre Beziehung mit Achim zu kitten. Dieses Vorhaben war, um es kurz und bündig auf den Punkt zu bringen, gescheitert. Auch Korsika hatte ihren tiefsitzenden Konflikten nicht die Schärfe nehmen können, ganz im Gegenteil. Nicht den Hauch einer vagen Chance hatte Hannah ihrer Partnerschaft noch eingeräumt, und sie war nach wenigen Tagen alleine in die Hauptstadt zurückgeflogen, um während des restlichen Urlaubs ihren Umzug zu managen.

Seit einigen Tagen wohnte sie in einem Dachgeschossapartment in Treptow, ganz in der Nähe ihrer Dienststelle, und fühlte sich dort zu ihrer eigenen Verblüffung seit der ersten Stunde wohl. Nach sechs Jahren Beziehung und Zusammenleben im gediegenen Idyll am Nikolassee schien ihr der Nachhall der Trennung auffällig still oder genauer gesagt: Sie hatte deutlich Schlimmeres erwartet als ein paar unruhige Nächte, in denen sie ihre Entscheidung immer wieder durchkaute. Auch Windhundmischling Kotti wirkte – ja: unbeeindruckt. Allerdings war Kotti immer ihr Hund gewesen, ihr ständiger Begleiter, seit sie ihn vor Jahren am Kottbusser Tor aufgegabelt hatte, und für ihn war die Sache ganz einfach: Er blieb schlicht an ihrer Seite, egal, wohin sie ging und mit wem. Oder ich mache mir etwas vor und träume klammheimlich von einer zweiten Chance, grübelte sie. Möglicherweise erwischt mich der Schock in den nächsten Tagen oder Wochen völlig unvermutet, und mein Leben bricht dann wie ein Kartenhaus zusammen … Abschied, Trennung, Verlust, Vermisste. Scheint durch und durch mein Lebensthema zu sein. Dagmar hatte bei ihrem letzten Telefonat so etwas angedeutet. Der Kontakt zur Lübecker Kommissariatsleiterin, die ihr nach anfänglichen Reibereien im Laufe der gemeinsamen Ermittlungen in der Hansestadt immer mehr ans Herz gewachsen war, gestaltete sich erfreulich lebhaft.

Krüger will mich ablenken, wurde Hannah plötzlich klar – natürlich wusste er, dass sie ausgezogen war, aber es war nicht seine Art, viele Worte darüber zu verlieren oder sich als Gesprächspartner für Liebeskummer anzubieten. Was hatte eigentlich sie, deren Spezialgebiet vermisste Frauen und Kinder waren, und zwar bundesweit, mit dem Verschwinden eines Berliner Anwalts zu schaffen, nachdem eine LKA-Sonderkommission mit ihren Recherchen erfolglos geblieben war und ein junger Ermittler schlechte Manieren bewiesen hatte? Beschäftigungstherapie?

Krüger räusperte sich, und Hannah wurde plötzlich klar, dass er seit geraumer Zeit auf eine Entgegnung von ihr wartete. »Tut mir leid, die Sache muss an mir vorbeigegangen sein. Aber verrat mir doch mal, warum der Kollege …«

»Mark Springer.«

»Okay, warum der Kollege Springer sich immer noch damit befasst, wenn nicht einmal eine Sonderkommission fündig und der große Alarm abgeblasen wurde.«

Krüger verschränkte die Hände. »Es gab und gibt einiges an Aktenmaterial aufzuarbeiten, wenn ich seinen Vorgesetzten richtig verstanden habe.«

Hannah hob eine Braue. »Ach? Braucht der rotznäsige Spinner – deine Worte – dafür eine Beraterin? Womöglich eine Erziehungsberaterin?«