Informationen zum Buch

Das Geheimnis des Lebens liegt unter Wasser

Die Schule, die Eltern – Daniels Welt ist voller Zerwürfnisse. Die Ferien in Südschweden mit seinem Großvater bedeuten ihm alles. Wenn sie Stunden beim Raubfischen auf dem See verbringen und er immer mehr über die geheimnisvolle Welt unter Wasser erfährt. Doch dann erkrankt sein Großvater an ALS. Erst verliert er den Appetit, dann seine Stimme, zuletzt die Fähigkeit zu atmen. Daniel erträgt es nicht, tatenlos dabei zuzusehen, und fasst einen waghalsigen Entschluss.

»Raubfischen« ist die Geschichte eines Abschieds und eines Aufbruchs, eines Anfangs und eines Endes. Es erzählt von der Einsicht, dass es kein Richtig oder Falsch gibt und der Tod ein Gegner ist, mit dem man es aufnehmen sollte.

Jüglers Sprache ist glasklar und unaufgeregt. Wie er vom Ende eines Lebens erzählt, lässt uns lange nicht mehr los. Matthias Nawrat

Matthias Jügler

Raubfischen

Roman

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Erstes Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Zweites Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Über Matthias Jügler

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

K. W. & T. W.

ERSTES BUCH

1

ICH ERINNERE MICH AN EINEN ANRUF. Zusammen mit Mutter sitze ich auf unserer Terrasse. Ich trage Vaters alten Arbeitsanzug. Drei Kinder schreiben ihre Namen auf das Kopfsteinpflaster der Spielstraße, dazwischen Kreidewolken und Kreidehäuser, ein Fußball, eine Decke. Zwei Tauben sitzen auf der Stromleitung darüber. Vater steht neben dem Rasenmäher. Er blättert in der Bedienungsanleitung, hebt seinen Kopf und sagt, das sei ganz sicher ein Pärchen. Mutter sagt, es seien einfach zwei Tauben, die nebeneinander sitzen. Seit Stunden scheinen sie sich nicht bewegt zu haben. Ich stelle das Glas auf den Tisch und gehe zurück zum Zaun, um dort weiter die Palisaden zu streichen.

Weiße Farbe spritzt von der Rolle. Die Steinfliesen unserer Terrasse sind abgedeckt mit einem Teppich aus alten Zeitungen. Vaters Anzug ist mir viel zu groß. Mutter möchte, dass wir es schön haben.

Sie hat sich angewöhnt, Vater regelmäßig von seinen Arbeiten abzuhalten. Auch jetzt ruft sie ihn. »Komm doch mal her, und Daniel, mach’ doch mal eine richtige Pause. Wir essen noch ein Stück Kuchen, ja?«

Das Fenster des Arbeitszimmers über uns steht offen. Das Telefon klingelt. Mutter und Vater schauen zu mir. Ich nicke, lege die Farbrolle auf die Zeitung und springe über die Gehwegplatten. Der Rasen zwischen den Kanten der Platten wird zweimal pro Woche gemäht. Während ich renne, ziehe ich den Reißverschluss von Vaters Blaumann nach unten. Mutter sagt, ich dürfe das Haus unter keinen Umständen mit dem dreckigen Anzug betreten. Die Tür steht einen Spalt offen. Ich lasse den Blaumann auf den Boden gleiten, schlüpfe hinaus, streife mir die Schuhe von den Füßen und laufe die Treppe nach oben. Wie angenehm kühl es im Haus ist. Mit meinen Fingerspitzen springe ich über das Geländer. In Gedanken zähle ich die Namen der möglichen Gratulanten auf. Das Telefon steht neben dem Computer auf dem Schreibtisch meiner Eltern. An der Wand Porträts. Ich mit Zuckertüte am Tisch einer Bowlingbahn, daneben, etwas kleiner: ich auf einem Zirkuselefanten. Das Polaroidfoto ist acht Jahre alt. Mein verschwommenes Gesicht. Der Elefant darunter, dieser zahme Wahnsinn von einem Tier. Darüber meine Eltern vor einem Alpenpanorama, zwei Karten aus dem Harz.

Ich nehme ab. Draußen beginnt Vater endlich den Rasen zu mähen. Ich bin außer Atem.

»Hallo?«, sage ich. Die Verbindung ist schlecht. Ganz offensichtlich.

Die Begrüßung. Etwas steckt in dieser Leitung und unterbricht seine Worte. Ein Rauschen. Ja. Ich halte mich an diesem Rauschen fest. Es besteht die Möglichkeit, dass das Versagen seiner Stimme allein an der Technik liegt. Das Fenster ist geöffnet. Vater mäht den Rasen, beständig dringt ein Motorengeräusch in dieses Zimmer. Die Flugzeuge über uns. Die Autos. Die spielenden Kinder. Das sind keine optimalen Bedingungen für ein Telefongespräch. Wie viele Kilometer muss diese Leitung überbrücken? Tausend. Mindestens. Das Telefon in der Hütte ist alt. Großvater erlaubt sich einen Scherz. Es muss so sein.

Die Gratulation. Er spricht, als steckten Wattebäusche in seiner Mundhöhle. Sein Zögern ist mir völlig fremd. Ich höre kein Rauschen. Es ist, als spräche er jedes Wort mit äußerster Vorsicht, als wäre seine Zunge die eines anderen. Wann habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen? Dann belegt ein unruhiges Nichts unsere Leitung.

Das Dankeschön. Ich gehe mit keiner Silbe auf das ein, was er und ich hören. Trotzdem legt sich eine Nachsicht in meine Stimme. Ich klinge nun so ähnlich wie Mutter, die sich seit Monaten regelmäßig wünscht, dass wir alle mehr Zeit miteinander verbringen, dass ich nicht mehr allein in meinem Zimmer vor dem Fernseher esse, dass Vater weniger in der Garage an den Fahrrädern arbeitet, dass wir mehr miteinander reden.

»Danke«, sage ich, »wie schön, dass du an mich gedacht hast.«

Auf der Schreibtischunterlage ziehe ich mit der rechten Hand Wellenlinien mit einem Kugelschreiber. Mit der Linken drücke ich den Hörer an mein Ohr.

Ich müsste fragen, wie die Fahrt war. Ob die Steinpilze wieder so madig sind. Was er bis jetzt gefangen hat. Ob Großmutter nun endlich Schach spielen kann. Ob es ihnen gut geht dort am Tostaholmen. Grüße ausrichten. Nichts davon. Ich sehe auf die Wand vor mir. Auf die Fotos, auf all die kleinen Unebenheiten dieser Tapete, auf meine Finger, weiß gesprenkelt. Kein Wort verlässt mehr seinen Mund. Ich höre Großmutters Stimme. Hat sich Großvater verabschiedet?

»Oma!«, sage ich. Dabei täusche ich eine unbeschwerte Freundlichkeit vor. Ich erinnere mich an die Anrufe von heute Vormittag und imitiere die Stimme eines Menschen, der sich über einen Geburtstagsanruf freut. Großmutter klingt, als imitiere sie einen Menschen, der seinem Enkelsohn zum Geburtstag gratuliert. Sie flüstert mir eine Gratulation zu, ich solle einen schönen Tag haben, mir keine Sorgen machen. Es gehe ihnen prächtig. Ich nehme ihr diese Lüge nicht übel.

»Danke.«

»Ja.«

»Vielen Dank.«

»Ja, hier auch. Nur Sonne. Die ganze Zeit, eine Affenhitze, und das um diese Jahreszeit.«

»Ja.«

»Gut.«

»Sind auf der Terrasse.«

»Ja, mach ich.«

»Tschüss.«

»Wer hat angerufen?«, fragt Mutter. Vater liegt bäuchlings auf dem Gras. Daneben der Rasenmäher. Er begutachtet Pilze, die seit zwei Tagen in Kreisform neben unserer Tanne wachsen, als hätte sie jemand einzeln in den Boden gesetzt, um uns einen Schrecken einzujagen. Ich setze mich neben Mutter an den Tisch. Ich warte, bis sie ihren Blick vom Buch löst und mich ansieht. Eine kleine Spinne senkt sich von ihrem Haar herab auf die Schulter. Eine der Tauben fliegt über die Birken des Nachbargrundstücks davon. Das wäre eine Neuigkeit. Mit diesen Tauben haben wir uns seit Mittag beschäftigt.

Mutter trägt ihr T-Shirt aus Kairo. I Like Diving steht auf ihrer Brust. Mutter hat nie getaucht und wird nie tauchen. Sie kam von ihrer Reise zurück, wenige Wochen ist das her, rief mich nach unten und holte diese T-Shirts aus dem Koffer. »Guck mal«, rief sie in einem unergründbaren Anfall von Euphorie, »wie schön dieses Rot ist, und diese Schrift hier. Siehst du das?«

Das Beste sei, dass sie auch Vater und mir eins mitgebracht habe. Nicht mal für die Arbeiten in der Garage wolle Vater sein T-Shirt, aber zum Glück, sagte Mutter, habe sie ja mich. Ob ich es nicht gleich anprobieren wolle. Ich könne wählen zwischen Gelb und Grün. Das Rote gehöre ihr. Mutters tatsächlicher Glaube, diese T-Shirts seien schön. Woher hatte sie das? Mutters Reisen. Allein nach Italien, Schottland, Dänemark.

»Nimm doch eins«, sagte sie, »bitte.«

Sie schaut über den Rand ihrer Brille zu mir.

»Ist Opa krank?«, frage ich.

Sie legt das Buch auf den Tisch, steht auf und nimmt mich in den Arm. Ich lasse diese mütterliche Umarmung gelten. Ich entziehe mich nicht. Ich bin auf den Tag genau sechzehn Jahre alt. Eine Umarmung meiner Mutter ist ungefähr das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Wieder fährt ein Auto auf der Straße vor dem Haus. Ich höre, wie Vater ein Hallo flüstert. Das macht er immer so. Er formt seinen Mund zu einem beinahe lautlosen Hallo. Ich schließe meine Augen und atme den herben Duft von Mutters ungewaschenem Haar. Die Heftigkeit, mit der ich umarmt werde. Ihr Drücken. Ihre Hände, die auf meinem Rücken liegen und das Zittern ihres Körpers auf mich übertragen. Ich hätte dieses T-Shirt annehmen sollen. Ich hätte ahnen müssen, dass Mutter nicht von heute auf morgen verrückt geworden ist.

»Ich reiße die jetzt raus«, ruft Vater uns zu, ohne seinen Blick von den Pilzen zu lassen, »wie soll man da denn vernünftig den Rasen mähen.«

Auch ich umschließe Mutter nun mit meinen Armen. Wie lange das her ist, eine Umarmung. Weihnachten.

»Ja«, sagt sie. Sie presst ihre Lippen aufeinander und drückt ihre Augen zu. Ich habe Mutter das letzte Mal vor vielen Jahren weinen gesehen, als Tante Alda im Sterben lag. Wir saßen an ihrem Krankenbett in Merseburg. Eine Stunde lang warteten wir absolut wortlos in diesem Raum. Mutter hielt sich an Aldas winziger Hand fest. Ich saß daneben, auf einem viel zu kleinen Hocker, und starrte auf ihr schlafendes Gesicht, das ich von Familienfeiern kannte, das mir ab und an einen Kuss auf die Wange gab, ohne dass ich wusste, wer dieser Mensch war und was meine Mutter mit ihm verband. Dann legte Mutter ihre Hand zurück auf die Bettdecke. Ihre Angst, dieser Mensch vor uns, in diesem Bett, der seit Tagen kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte, könne von einem Moment auf den anderen nicht mehr lebendig sein. Diese Angst wiederholt sich nun, während Vater anfängt, die Pilze nacheinander aus der Erde zu reißen. Ich höre Mutters Schluchzen. Ihr Oberkörper, der auf mich fällt, als wirke sich Großvaters Krankheit unmittelbar auf ihr Gleichgewicht aus. Ich stemme mich gegen sie.

Vater ruft. »Guckt mal, die Tauben sind weg! Hört ihr, die Tauben sind weg!«

An diesem Tag beginnen wir mit den Lügen. Keine Angst. Es wird wieder gut werden.

2

ABENDS SITZE ICH MIT MUTTER am Küchentisch. Wir haben das Radio ausgeschaltet. Vor uns liegen Broschüren, Hefte und ein Ordner, den Mutter angelegt hat, daneben ihr Tagebuch.

»Ich möchte ihm schreiben, was ich denke, was wir machen, wie es uns geht.«

»Seit wann weißt du es? Seit wann hast du dieses Tagebuch?«

»Manchmal schreibe ich Sachen hinzu, die nicht stimmen. Manchmal schreibe ich, dass wir alle zusammen etwas gemacht haben, damit er sich ein bisschen mehr freut über uns, über seine Familie, und ich schreibe immer, dass wir alle sehr an ihn denken.«

Dieses Tagebuch sei für das, was kommt.

»Was kommt denn«, frage ich, »was wird kommen?«

Mutter hat sich ganz klar in etwas verrannt. »Großvater ist krank«, sage ich, »und kranke Menschen werden wieder gesund. Ärzte, Therapien, eine Kur.« Ich verteidige Großvaters Leben mit allem, was mir in den Sinn kommt, ohne zu wissen, was es ist, das ihm die Zunge lähmt und in dessen Namen wir am Küchentisch sitzen.

Sie antwortet nicht. Stattdessen schlägt Mutter eine der Broschüren auf und sagt meinen Vornamen. Mutters Stimme hat ihre Strenge verloren. Die Strenge, die sie an den Tag legt, wenn wir über Dinge wie Schulnoten reden, Wochenendplanung und die Verteilung der häuslichen Pflichten, wie sie es nennt.

Die Unterlagen türmen sich vor uns auf der Tischplatte. Das Papier ist abgegriffen. Eselsohren, ein Fettfleck.

»Das ist es«, sagt sie. »Das und nichts anderes.«

Ich sehe ein Diagramm, darunter einen Zeitstrahl, eine absteigende Kurve. Anmerkungen, Sternchen, Jahreszahlen.

Mutter schnäuzt. Länger als notwendig verbirgt sie ihr Gesicht hinter dem Tuch. Diese Broschüre sei übrigens gar nicht auf dem neuesten Stand. Mindestens zwei Jahre alt. Und wie weit heutzutage schon alles sei. Sie lacht.

»Das verstehst du doch. Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter.«

»Ja«, sage ich.

»Wie sehr man Menschen das Leben erleichtern kann, Daniel. Wie gut heute alle Pflegeheime ausgestattet sind, man fühlt sich wie zu Hause, nur dass ständig jemand da ist, der helfen kann. Kannst du dir das vorstellen?«

»Was vorstellen?«

»Das Pflegeheim.«

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Opa ist doch bloß krank.«

»Daniel.«

Mutter fährt mit ihrem Zeigefinger über die Seite der Broschüre, über die Tabelle, das Diagramm. Die drei Buchstaben, auf die sie tippt, geben der Krankheit einen Namen, ALS. Daneben: Degeneration der Nervenzellen, fortschreitende Gehstörungen, Sprechstörungen, Schluckstörungen, nach wenigen Jahren der Tod.

»Kennst du das, ALS?«

Ich verneine.

Mutter neigt ihren Körper zu mir und umschließt mich mit ihren kurzen Armen, so, wie sie es schon am Nachmittag getan hat. Diese Unmittelbarkeit ist mir nahezu unerträglich. Mutters Umarmungen sind Bekenntnisse.

Tage später werde ich eine Kurzmitteilung von ihr bekommen. In der Regel schreiben wir uns nicht. Ich schreibe Freunden, Bekannten, nicht aber meiner Mutter. Ich habe Deutschunterricht. Wir lesen Böll. Sie schreibt:

Von mir aus, ja, aber gib ihm Bescheid, okay? Weißt du, was ich denke? Wenn es doch bloß Alzheimer wäre. Aber er bekommt ja alles mit, er verblödet ja nicht.

Ich lasse diese Nachricht unbeantwortet. Vielleicht wollte sie Vater schreiben, vielleicht einer Freundin.

Zwei Wochen lang sitzen Mutter und ich abends in der Küche. Wir verabreden uns nie zu diesen Treffen. Sie sagt nicht: Morgen kommst du zeitig nach Hause, morgen setzen wir uns wieder zusammen und warten darauf, dass Großvater zurückkommt. Trotzdem machen wir es. Was Mutter und mich zueinander führt, ist der Versuch, von unserem Küchentisch aus etwas zu tun. Mutter sagt, man müsse seinen Feind doch schließlich kennen. Dann verstummt sie.

Neben den Broschüren liegen beinahe jeden Abend neue Ausdrucke. Mutter findet im Internet immer wieder neue Informationen. Sie trägt ihre Lesebrille und sucht eine gute Nachricht in den Texten. Sie möchte, dass ich das Gleiche mache. »Los«, sagt sie, und schiebt meine leere Teetasse beiseite, »wir lesen das jetzt, komm.«

Wir suchen nach einer nicht eindeutigen Formulierung, nach etwas nicht Endgültigem. Mutter druckt jeweils zwei Exemplare aus. In ihrer Hand hält sie einen neongrünen Marker. Wir lesen. Jeder still für sich. Dann fährt Mutter auf. »Guck mal, guck mal«, sagt sie völlig aufgelöst und färbt eine Zeile grün ein. Ich erwarte nichts. Mutter alles.

»Siehst du, was hier steht? Hier steht voraussichtlich. Siehst du das?«

»Ja«, sage ich.

3

WIR SCHÄLEN KARTOFFELN vor unserer Hütte. Der April neigt sich dem Ende entgegen. Großvater sagt: »Jetzt laichen die Hechte und die, die es schon hinter sich haben, sind nichts als hungrig.« Und das sei das Beste, was uns passieren könne.

Im Morgengrauen sind wir runter zum See gelaufen und haben geangelt. Bis drei Uhr nachmittags. Dann Großmutters Kuchen. Das Ausnehmen der Fische. Großvater operiert, ich beobachte. Ich reiche ihm das Filetiermesser, wenn er es braucht. Das Tuch, mit dem er sich den Schleim von den Händen wischt. Ich gebe ihm den Entschupper, wenn er seine rechte Hand nach oben hält. Ich beschwöre Großmutter jedes Mal, wenn sie zu uns auf die Terrasse kommt, in ihren Hausschuhen, die Hände in die Hüften gestemmt und übertrieben seufzend, dass wir wirklich gleich fertig sind. Ich suche die Maulsperre in seiner Angeltasche, wenn er es sagt, und werfe die Abfälle in den Müll.

Danach gehen wir in den Wald hinter der Hütte und sammeln Äste für das Lagerfeuer.

»Dieses Faltboot. Der Stock, die Schnur, die Pose, der Haken, überhaupt«, sagt er, »dieses Mecklenburg und diese Hitze! Der Zeltplatz und das Plumpsklo.« Ob ich mich daran noch erinnern könne? Das Erinnerungsritual beim Schälen der Kartoffeln pflegen wir seit Kurzem. Reden über das erste Mal Angeln. Wie es dort war, wo wir jetzt nicht mehr hinfahren. Warum es jetzt dort anders ist. In Drosedow. Der Schwan, der zum Zelt gewatschelt kam, meine ausgestreckte Hand, mein Zeigefinger und das Geschrei danach.

»Und auf einmal kommen die Leute von überall her«, sagt Großvater.

Ob das schlimm sei.

»Nein«, sagt Großvater, »natürlich nicht. Aber das war unser Zeltplatz.«

Er trinkt Bier, ich Cola. Er wischt sich mit einem Küchentuch den Schweiß von der Stirn. Eine Mücke setzt sich auf meinen Unterarm.

»Schäl nicht so verschwenderisch.«

»Ja.«

»Du wolltest wissen, wie ich den Teig mache«, sagt Großvater und lacht in sich hinein, leichter Sonnenbrand auf seinem Gesicht.

»Erzählst du mir aber nicht.«

»Erzähl’ ich dir aber nicht.«

Vor uns auf dem weißen Plastiktisch häufen sich die geschälten Kartoffeln in einem gusseisernen Topf. Wenn sie später auf den Tellern liegen, wird Großvater sagen: »Daniel, deine Kartoffeln passen zu dir.« Tatsächlich erkenne ich meine auf einen Blick: an den Inseln aus Schale, ihrer Unförmigkeit.

»Wir sind immer an diese eine Stelle gefahren, die mit den Weißfischen. Du hattest ja nur diesen kleinen 12er Haken.«

»Und deinen Teig!«

»Und meinen Teig.«

»Wie alt war ich?«

»Vier!«

»Vier.«

»Und dann diese Brasse. Exakt so groß wie ein Klodeckel. Der Stock wäre ja beinahe gebrochen.«

Ich sehe die Brasse in das Kraut am Ufer flüchten. Das Sirren meiner angespannten Schnur, das unruhige Wasser, mein unruhiger Körper, nach allen Seiten flüchtende Fische, das Reißen der Schnur. Mein Schrei, die Tränen, Großvaters Lachen. Die Sonne über uns. Kein anderes Boot auf dem See.

»Da konntest du gar nichts machen, Daniel, dieser Fisch war schlauer als wir beide zusammen.«

»Und der Sonnenstich? War das an diesem Tag?«

»Weiß ich nicht mehr.«

»Aber ich hatte einen, oder?«

»Ja, du hättest in den Zeitungen stehen können: Kleines Kind von extremer Sonne gestochen. So, wie du aussahst.«

»War ich richtig krank?«

»Und wie.«

»Gekotzt?«

»Mehrmals.«

»Und ihr? Hattet ihr Angst um mich?«

»Und wie! Oma hat sich nicht getraut, deine Mutter anzurufen. Wir dachten ja, du flatterst uns weg, so sehr wie du dir die Seele aus dem Leib gekotzt hast.«

Ich habe Großvater das erste Mal überholt.

»Fertig«, sage ich. »Opa?«

»Ja?«, sagt er, ohne mich anzusehen.

»Du bist langsam heute.«

Großvater schält in höchster Konzentration. Das Messer gleitet immer wieder aus seiner Bahn. Die Schale fällt in kleinen Stücken nach unten. Für diese Zeichen bin ich blind. Dass das Ausnehmen der Hechte nun beinahe eine halbe Stunde dauert, scheint mir absolut unverdächtig. Dass ihm der Schnitt vom After bis unterhalb der Kiemendeckel so schwer fällt, und dieses Messer angeblich nichts taugt, obwohl Großvater es erst vor wenigen Wochen gekauft hat, für gutes Geld, wie er sagte. Nein. Ich sehe in diesen Dingen keinen Grund zur Sorge. Ich denke nicht einmal: Großvater wird alt, die Jahre fliegen dahin, so ist das nun mal. Dass sich irgendetwas zwischen uns verändert, dass wir selbst uns verändern, liegt weit außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

Dabei hat sich schon so vieles verändert. Ich müsste Erklärungen einfordern. Der Tag auf dem Eis. Das Redeverbot, das ich seitdem strikt befolge. Warum soll ich mit niemandem hier mehr reden?

Die Sonne sinkt hinter den Birken auf unserem Grundstück. Eine Fledermaus fliegt über unsere Köpfe. Der Himmel wird zusehends zur Nacht. Es muss weit nach 22 Uhr sein. Ich könnte Großvater fragen, ob ich da einen Specht höre. Ob das normal ist um diese Uhrzeit. Warum er keine Angst hat, als Nichtschwimmer Boot zu fahren, unter ihm sieben Meter tiefes Wasser. Ich könnte fragen, ob es Großmutter gut geht. Warum kommt sie nicht mehr mit, wenn wir Pilze sammeln?

An meinen Händen haftet der Geruch von Fisch. Er steht für Beständigkeit, für eine Regelmäßigkeit, die mir lieb ist. Die weißen Schleimspuren auf meinem Handrücken. Der Versuch, mithilfe von Großmutters unbestechlicher Nase herauszufinden, wessen Hände stärker nach Fisch riechen. Der Gewinner – der bessere Angler. Das ausgiebige Händewaschen, bevor ich ins Bett gehen werde.

Ein Radfahrer passiert den Weg vor unserer Hütte. Es ist Per, Åges Bruder. Steif sitzt er auf seinem Sattel. Seinen Blick heftet er beharrlich auf den Boden, als gäbe es da Hindernisse, die er umfahren müsse. Eine Tüte hängt an seiner Lenkerstange. Flaschen stoßen aneinander.

Es gibt Nächte, in denen wir ihn und Åge schreien hören. Großvater sagt, sie gingen in der Dämmerung vor die Hütte, um Tiere zu schießen. Egal was. Mäuse, Vögel, Füchse, Rehe, nur bewegen müsse es sich. Er habe sie eines Abends beobachtet, aus sicherer Entfernung. Er sei durch den Wald zu Åges Hütte gelaufen. Wenn er schießt und trifft und nicht weiß, ob das Tier tot oder lebendig ist, sich ihm nähert, es vorsichtig betastet und es sich doch noch rührt, egal wie groß oder klein es ist – dann schreie Åge. Diesen Schrei höre man bis runter zum Skyarp, sagt Großvater, und in ihn mische sich das Schreien von Per, der nicht mehr kann vor lauter Lachen. Fänden sie nichts Schießbares in unmittelbarer Nähe des Hauses und auch nichts im Wald, der es umsäumt, dann schössen sie auf einen der Reifenstapel neben der Garage. Rot, 50 Punkte. Blau, 25 Punkte. Die Reifen seien zerfressen von schwarzen Löchern, in denen Zigarettenstummel steckten.

Per ist spät heute. Er nimmt die Kurve, die zu Åges Haus am Håskavägen führt und verschwindet aus unserem Sichtfeld. Dann kommt auch Henrik, Åges Sohn, und auch er ignoriert uns. Er beschleunigt, dass der Kies unter den Fahrradreifen nur so knirscht.

Großvater hält seit Minuten eine Zigarette in seiner Hand, ohne sie anzuzünden. Er betrachtet diese Zigarette mit einer Beharrlichkeit, die ich mir nicht erklären kann. Sein Atem ist schwer. Ich durchbreche die Stille.

»Zwei Hechte also heute.«

»Aber was für welche!«, sagt er umgehend, legt die Zigarette wieder zu den anderen in seine silbern glänzende Box und schiebt sie in die Mitte des Tisches.

Später in dieser Nacht sehe ich Großvater schreiben. Er sitzt im schwachen Licht der kleinen Wandleuchte am Tisch vor dem Fernseher und beugt sich über ein Blatt Papier. Mein Magen ist voll mit Kartoffeln, von denen ich trotz Warnung sechs oder sieben hinuntergeschlungen habe. Ich gehe mit meiner Zahnbürste im Mund zu Großmutter in die Küche und beschwere mich über die Bauchschmerzen. Sie winkt ab und lacht. Dann gehe ich zu Großvater. Er bemerkt mich erst, als ich ihn anspreche.

»Was schreibst du da?«, frage ich. Ungesehen von Großvater läuft Zahnpasta über mein Kinn und tropft auf die Holzdielen. Ich verwische den Fleck mit meinem Fuß. Großvater macht ein Geheimnis aus seinem Schreiben, das ich nicht verstehe. Ich sage ihm: »Wenn du Geheimnisse hast, ja, wenn du mir was verheimlichst, dann werde ich von nun an auch Geheimnisse vor dir haben. Wenn ich im Wald bin und einen Elch sehe, wirst du nie davon erfahren.« Ich bin trotzig. Auch als Großmutter aus der Küche ruft, ich solle mir die Zähne gefälligst im Badezimmer putzen und Opa in Ruhe lassen. Schon habe ich vergessen, dass Großvater mir eine Antwort schuldig bleibt, gehe zurück ins Badezimmer und spucke die Zahnpasta ins Waschbecken. Ich spüle den Mund aus, stelle das Glas zurück und lasse das Licht im Bad brennen. Ich gehe durch den Flur in mein Zimmer, rufe keinem eine Gute Nacht zu und sage mir: Warum bin ich eigentlich hier? Ich habe Osterferien. Warum bin ich in diesem verdammten Schweden. Ich decke mich zu, schalte die Leselampe ein, dreieinhalb Seiten Gullivers Reisen, ich zerdrücke eine Mücke auf der Holzvertäfelung der Wand, wische meine Hand an der Decke ab, lege das Buch auf den Nachttisch, schalte das Licht aus und warte darauf, dass sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen und sich das Bild an der Wand wieder als Bild an der Wand zu erkennen gibt. Großvater und Großmutter streiten, dann ist es ruhig. Ich erkenne die Umrisse des Bildes und schließe meine Augen. Ich höre Geräusche aus dem Wohnzimmer, die ich nicht deuten kann, drehe mich auf die Seite und schlafe ein.

4

ALS ICH AUFWACHE, steht ein Schattenriss vor meinem geöffneten Fenster und flüstert. Eine Hand greift in das Zimmer und klopft an die Wand zu meinen Füßen. Ich erschrecke. Sofort aber löst sich ein Gedanke in meinem Kopf: Ich bin in Schweden, im Umkreis von einhundert Kilometern gibt es keinen einzigen Einbrecher, nicht mal Elche verirren sich hierher. Ich laufe barfuß über die kalten Holzdielen zum Fenster. Ein erster Flaum sprießt über Henriks Lippen, die ganz schmal sind. Sein Blick ist viel zu entschlossen, viel zu bestimmt für diese frühe Tageszeit. Wie spät ist es? Vielleicht fünf Uhr. Er trägt einen Rucksack, an seinem Bauch lehnen zwei Eisenstangen, in deren Enden Nägel stecken.

Ich kenne diese Stangen. Sie liegen an der Westseite von Åges Haus unter einer durchsichtigen Plane. Darüber, an den roten, verwitterten Holzstreben des Hauses, hängen reihenweise Haken, die so groß sind wie meine Hand, und ich wette, dass Åge sie selbst geschmiedet hat. An Schnüren baumeln sie unter einem schützenden Vordach. Daneben werfen kleine Maschen eines Stellnetzes ein feines Mosaik an die Wand. Das Netz habe ich gestern erst in Åges Bucht gesehen. Die obersten Maschen ragten aus dem Wasser. Großvater, der vor mir saß und ruderte, dass das Boot nur so schwankte, sah, was ich sah, und sagte: »Ja, so kann man das auch machen.« Kurz darauf, wir sind schon fast vor dem Seerosenfeld, und ich habe das Stellnetz längst vergessen, sagt er: »Machen wir aber nicht.«

Henrik legt die Stangen vorsichtig auf die morgenfeuchte Wiese und reißt seine Hände weit auseinander. Er kichert dabei, völlig tonlos, und flüstert dann meinen Namen, der seltsam klingt aus seinem Mund. Henriks Augen fixieren mich, und ich stehe vor meinem Fenster und verstehe nicht. Wieder flüstert er etwas auf Schwedisch, und jetzt weiß ich: Er hat etwas vor. Ich soll mitkommen. Jetzt.