Informationen zum Buch

Himmlische Ferien

Carolina hat die Nase voll – von Mann, Kindern, Alltag. Also haut sie ab an einen Ort, an dem sie einmal glücklich war, nach Rügen. Kaum auf der Insel angekommen, fühlt sie sich frei und unbeschwert wie seit Jahren nicht. Endlich kann sie tun und lassen, was sie will. Sie radelt bis an die Spitze von Klein Zicker, wo nichts mehr kommt, außer ganz viel Ostsee. Am zweiten Abend verschlägt es sie in ein Fischrestaurant in Lobbe. Als Carolina den Mann hinter der Theke sieht, kriegt sie eine Gänsehaut. Es ist Jens, in den sie als junges Mädchen bis über beide Ohren verliebt war. Jens erkennt sie sofort, und plötzlich ist es, als wäre die Zeit nie vergangen …

Eine sommerliche, federleichte Liebesgeschichte auf Rügen

Lena Johannson

Strandzauber

Ein Rügen-Roman

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Das Fass läuft über …

Lutz

Rückkehr nach Rügen …

Lutz

Sellin

Lobbe

Vilm

Strandzauber I

Ein Auftrag

Neue Freunde

Lutz

Enttäuschungen und Katastrophen

Strandzauber II

Morgen-Grauen

Über Lena Johannson

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Allen Paaren, denen der Zauber ihrer Beziehung im Gewimmel des Alltags hin und wieder abhandenkommt …

Und zur Erinnerung
an Jerry, den Unvergesslichen.

Das Fass läuft über …

»Mami, was ist eigentlich Sex?«

»Weiß nicht, Schatz, ist so lange her.« Carolina strich sich gedankenverloren eine Strähne ihres rötlich-braunen Haares aus dem Gesicht. Warum fuhr denn dieser Trottel da vorne nicht? Wartete er auf eine Farbe, die ihm besser gefiel als Rot, Gelb oder Grün? Nur war so eine Ampel leider keine Losbude, bei der man die freie Auswahl hatte. Schon wieder spät dran. Und ausgerechnet jetzt funktionierte diese dämliche Klimaanlage nicht. Carolina musste dringend damit in die Werkstatt. Warum eigentlich? Das war doch eindeutig Männersache, fand sie. Wenn Kinder chauffieren, waschen und bügeln, Garten pflegen inklusive Rasen mähen, staubsaugen, putzen, Ausflüge planen, Geschenke für Eltern, Schwiegereltern, entfernte Tanten, unzählige Spielkameraden und nicht zuletzt für die Kinder kaufen und Kochen Frauensache war, gehörte das Auto dann nicht zu den Männer-Jobs? Sie seufzte. Sie würde Spaghetti Bolognese machen, überlegte Carolina. Das ging schnell, und die Kinder liebten Bolo, wie sie es nannten. Lutz aß ohnehin alles gern, was sie kochte. In diesem Punkt war er pflegeleicht.

Moment, was war das gerade eben? Sie spulte in Gedanken zurück. Mami, was ist eigentlich Sex? Hatte Lara das wirklich gefragt? Sie war acht Jahre alt! Carolina sah das Gesicht ihrer Tochter im Rückspiegel an. Hinter der kleinen Stirn arbeitete es gewaltig. Carolina musste sich eingestehen, dass ihre Antwort pädagogisch nicht gerade wertvoll gewesen war. Die Frage war so unvorbereitet gekommen, dass die Reaktion heraus war, ehe Carolina überhaupt ihr Hirn in Betrieb genommen hatte. Sie konzentrierte sich auf die Straße. Ein Symbol im Armaturenbrett leuchtete auf. Carolina runzelte die Stirn. Was war das nun wieder? Was sollte das überhaupt darstellen? Verdammt, Lutz hatte ihr versprochen, einen Termin für die Inspektion zu vereinbaren. Er konnte einfach besser erklären, welche Macken an dem Fahrzeug auftraten, und er konnte die Fragen beantworten, die von dem Werkstatt-Heini so sicher kamen wie der Ausfall der Klimaanlage im Sommer. Sie war auf diese Karre angewiesen. In dem Dorf, in dem sie lebten, gab es einen Bäcker, der aus unerfindlichen Gründen noch nicht geschlossen hatte. Das war aber auch schon alles. Zum nächsten größeren Laden waren es mindestens sieben Kilometer, Lara musste zur Schule gebracht und abgeholt werden, Konrad hatte zweimal die Woche Fußballtraining plus einmal Schlagzeugunterricht. Wenn er spät dran war, und das war Konrad meistens, musste er ebenfalls kutschiert werden.

Carolinas Leinentop klebte an ihrem Rücken, ihr Rock, vom Schweiß schon ganz feucht, umschloss ihre Beine wie die Folie eine Salatgurke. Und jetzt kitzelte auch noch irgendetwas in ihrem Ausschnitt. Vielleicht nur ein Schweißtropfen, wahrscheinlicher aber ein Haar, das sich gerade gelöst hatte und in ihr Top gerutscht war. Carolinas Laune sank in dem Maß, in dem die Temperatur im Wagen stieg.

»Wie kommst du bloß auf so eine Frage?«, wandte sie sich an ihre Tochter. Sie konnte das Thema schließlich nicht einfach im Sande verlaufen lassen.

»Finn hat neulich in der Schule davon erzählt.«

»Finn hat von Sex erzählt?« Carolinas Stimme überschlug sich. Ihr war durchaus klar, dass die Kinder heutzutage weiter waren, als sie es in dem Alter gewesen war. Aber dass ein Achtjähriger womöglich schon … Nein, das überstieg dann doch ihr Vorstellungsvermögen.

»Na ja, nicht so richtig. Aber er hat das Wort dauernd benutzt.« Carolina entspannte sich ein wenig. Sie musste nicht darauf gefasst sein, in vier oder fünf Jahren Großmutter zu werden, falls Lara ein Auge auf Finn werfen sollte.

»Was ist das denn nun?«, bohrte Lara.

»Warum fragst du nicht deinen Vater?«, antwortete Carolina und konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken. Sollte der sich ruhig auch einmal winden und ins Schwitzen kommen.

»Von Vätern ist dazu nichts Gescheites zu erwarten, sagt Frau Mertens.«

Kluge Klassenlehrerin, ging es Carolina durch den Kopf. Allerdings fühlte sie sich nun gefordert, ihrer Tochter eine ebenso intelligente wie altersgerechte Erklärung zu liefern. Nicht einfach, so aus dem Stand.

»Du weißt doch, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, zwischen Mami und Papi zum Beispiel«, begann sie. »Also körperliche Unterschiede, meine ich. Frauen sehen doch ganz anders aus als Männer.« Sie spähte in den Rückspiegel und hoffte auf ein deutliches zustimmendes Nicken von Lara, doch die wirkte ausgesprochen skeptisch. »Na ja, überleg doch mal, Papi hat zum Beispiel einen Bart.«

»Na und? Hat Omi Anna doch auch.«

Carolina setzte den Blinker und fuhr auf den mit Natursteinen gepflasterten Hof des Einfamilienhauses.

»Da wären wir! Also, ich habe jetzt Bärenhunger. Wollen wir Spaghetti Bolo machen?«

»Ja!«, jubelte Lara, löste den Gurt und rutschte eilig vom Rücksitz. Herrlich, wie leicht sich Kinder manchmal ablenken ließen.

*

»Ich habe die Fenster in den Kinderzimmern weit aufgerissen, aber es kommt trotzdem kaum Luft herein. Wahrscheinlich werden sie wieder schlecht schlafen.« Carolina blickte düster vor sich hin. Dann gab sie sich einen Ruck. »Lust auf eine Weinschorle?«

»Nein, danke.«

»Lieber ein Alsterwasser bei der Hitze?«

»Nein, danke, überhaupt keinen Alkohol. Ich trinke noch ein Glas Wasser und gehe dann auch gleich ins Bett.« Lutz rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.

»Jetzt schon? Es ist gerade mal neun.«

»Ich weiß. Aber ich bin erledigt, als wäre es elf.« Er lächelte erschöpft. »Außerdem will ich morgen etwas früher ins Büro.«

»Noch früher?« Carolina konnte es nicht fassen. »Warum bleibst du nicht gleich über Nacht da?«

»Tut mir leid. Ist einfach viel zu tun im Moment.« Lutz war ein dunkler Typ, braunes Haar und braune, sehr dunkle Augen. Seine Haut nahm einen Milchkaffee-Ton an, wenn der Wetterbericht nur Sonne ankündigte. Sobald Lutz dann draußen war, wurde aus Milchkaffee frisch polierte Eiche. Die meisten, die ihn kennenlernten, mutmaßten, er habe spanische, italienische oder gar arabische Wurzeln. Trotz seiner Bräune wirkte sein Gesicht an diesem Abend müde und blass. Er hatte Schatten unter den Augen, die ihr gar nicht gefielen. Natürlich tat er ihr leid. Er schuftete wie ein Maulesel. Und zwar nicht im Moment sondern seit einer gefühlten Ewigkeit. Besserung in Aussicht? Von wegen, das Gegenteil war eher der Fall.

»Im Moment?«, sagte sie gereizt. »Definiere Moment!«

»Was ist denn los? Du bist schon den ganzen Abend so komisch. Alles gut bei dir?« Da war er wieder, dieser sanfte Klang in seiner Stimme, der den Sturm in ihren Segeln augenblicklich in ein laues Lüftchen verwandeln konnte.

»Nichts, alles bestens«, murmelte sie schnippisch.

»Du bist sauer, weil ich noch keinen Termin mit der Werkstatt vereinbart habe, stimmt’s? Hast recht, mein Fehler. Tut mir leid. Ich habe die Nummer im Büro und erledige das gleich morgen früh. In Ordnung?«

Sie setzte sich neben ihn an den großen Esstisch, an dem viel zu lange keine ausgelassene Schar guter Freunde mehr gehockt, gegessen und die halbe Nacht geredet hatte. »Ja, wir müssen uns wirklich dringend darum kümmern.« Carolina strich eine Strähne hinter das Ohr und malte mit der anderen Hand Kreise auf das von Kerben und Rotweinflecken gezeichnete Holz.

Lutz legte den Kopf schief. »Und was hast du noch auf dem Herzen?«

»Nichts.«

»Das war geschummelt, dafür müssen wir leider einen Punkt abziehen.«

Sie blickte auf und musste lächeln. »Ach, Lutz, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Du willst ins Bett, und zwischen Tür und Angel lässt sich nun mal nicht klären, was ich alles auf dem Herzen habe.« Sie seufzte tief.

»So schlimm?« Er sah sie ernst an und legte einen Finger auf ihren Arm. Sie nickte. »Es ist wirklich noch früh. Wahrscheinlich kann ich bei diesen tropischen Temperaturen sowieso nicht schlafen. Und wenn meine Frau Kummer hat, habe ich Zeit zum Zuhören.« Er stand auf, ging in die offene Küche, die direkt hinter dem Essplatz lag, und kam mit einem Glas Wasser für sich und einer Weinschorle für Carolina wieder. »Bist du nicht mehr glücklich in unserem kleinen Häuschen?«, wollte er wissen, nachdem er wieder neben ihr Platz genommen hatte.

»Doch, natürlich. Das Haus ist toll, und ich liebe unseren Garten. Das weißt du. Wir haben zwei gesunde Kinder, die sich wunderbar benehmen können. Jedenfalls, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind.«

Er lachte. »Stimmt. Wenn sie mit ihren Eltern allein sind, können sie dafür den Eindruck erwecken, als seien sie Terroristen im ersten Ausbildungsjahr.« Lutz wartete einen Augenblick, dann sagte er leise: »Also bin ich das Problem?«

»Unsinn! Es ist die ganze vertrackte Konstellation. Du arbeitest rund um die Uhr. Ich habe mit Haus, Garten und Kindern nicht viel weniger um die Ohren.«

»Eher mehr«, warf er ein.

»Das fühlt sich für mich nicht wie Familienleben an, sondern wie ein Mini-Konzern, den es zu führen gilt.« Wie sollte sie es nur erklären? Eigentlich hatte sie alles, was sie sich gewünscht hatte. Trotzdem fehlte ihr etwas. Sie hatten gemeinsam beschlossen, dieses Haus mit großem Grundstück im Grünen zu kaufen. Und sie waren sich schon immer beide einig gewesen, dass sie Kinder wollten und dass diese nicht so früh wie möglich in fremde Hände gegeben werden sollten. Sie wollten ihre Kinder selbst erziehen, ihnen die Werte mitgeben, die sie für wichtig hielten, anstatt sie fremden Menschen anzuvertrauen, von denen man nicht wissen konnte, ob sie in ihrer Freizeit Swingerklubs besuchten oder – noch schlimmer – ob sie sich überwiegend von Chips und Fertiggerichten ernährten. Es sollte immer einer von ihnen zu Hause sein, wenn Lara und Konrad von der Schule kamen. Sie hatten zusammen ihre Zukunft geplant, sie hatten gemeinsam den Alltag bewältigen und die Freizeit genießen wollen. Doch irgendwie hatte die Aufgabenverteilung dafür gesorgt, dass jeder sein eigenes Leben führte. Für Überschneidungen blieb dabei wenig Platz. Selbst die Ferien verbrachte Carolina mit den Kindern inzwischen allein, weil Lutz es nicht einrichten konnte, ein paar Tage frei zu nehmen. Jedenfalls dummerweise nicht dann, wenn es der Schule gepasst hätte. Carolina war klar gewesen, dass er als Alleinverdiener eine große Verantwortung trug. Sie war sich bewusst gewesen, dass der berufliche Aufstieg und damit das höhere Gehalt, das den Kauf des Hauses überhaupt erst ermöglicht hatte, auch mehr Einsatz von ihm erfordern würde. Soweit die Theorie. Vielleicht hatte sie sich die Praxis nie wirklich ausgemalt. Oder zumindest war sie dabei nicht realistisch gewesen. Wenn sie so darüber nachdachte, fiel Carolina auf, wie viele Gedanken sie sich über die Ehe und das Familienleben gemacht hatte, dass jedoch keine dabei gewesen waren, die sich nur mit ihrer Rolle, mit ihrem Alltag beschäftigt hatten.

»Wo bleibe ich?«, fragte sie. »Wo bleiben wir als Paar?«

»Wir sind ein Paar. Jeden Tag sind wir das. Ich verstehe einfach nicht, was du willst!«

»Schlimm genug!«

Es entstand eine kurze Pause. Lutz sah traurig aus, und er war ein wenig aus dem Konzept geraten. Aber nicht lange.

»Dann musst du es mir sagen. Ich bin kein Hellseher, ich kann nicht erraten, was dir fehlt.«

»Als Konrad geboren wurde, hast du keine Überstunden gemacht. Im Gegenteil. Du hast rigoros dafür gesorgt, so viel Zeit wie möglich mit deinem Sohn und deiner Frau verbringen zu können. Jetzt denke ich schon, dein Chef ist tot umgefallen oder euer Büro ist abgebrannt, wenn du pünktlich nach Hause kommst.« Sie kam langsam in Schwung. Wenn sie nun schon einmal zusammen saßen und über die Situation redeten, musste sie diese Gelegenheit einfach ausnutzen. Und zwar richtig. »Du kriegst kaum noch mit, wie es den Kindern geht, was sie treiben. Von mir mal ganz abgesehen.«

»Das ist nicht fair. Ich sehe sie fast immer noch, bevor sie ins Bett müssen. Und ich frage sie, wie die Schule ist, was der Sport macht.«

Carolina ging nicht darauf ein, denn der Punkt wäre an ihn gegangen. »Sport ist ein gutes Stichwort. Dass die Zeit für mein Triathlontraining nicht mehr reichen würde, war mir klar. Aber ich gehe nicht einmal mehr zur Laufgruppe. Du weißt, was mir die bedeutet hat. Die Leute sind klasse, und ich wollte meine Kondition nicht völlig verlieren.«

»Ich habe nie verlangt, dass du damit aufhörst. Im Gegenteil, ich habe dir gesagt, einen Tag pro Woche könnte ich früher nach Hause kommen.«

»Das hast du gesagt, ja, nur hat es nie funktioniert.« Treffer. Sie musste auf der Stelle nachlegen, weil er sonst womöglich nicht verstehen würde, warum ihr das Ganze so sehr zu schaffen machte. Er würde sie für kleinlich oder – noch schlimmer – für permanent unzufrieden halten. Als könne sie den Hals nicht voll kriegen und sich an dem erfreuen, was sie hatte. Aber so war es nicht. »Wir haben überhaupt kein Sexualleben mehr«, schnitt sie ein Thema an, das nun wirklich keine Kleinigkeit war.

»Du übertreibst.«

»Übertreibung macht anschaulich. Aber in diesem Fall ist es nicht einmal eine. Oder würdest du sagen, wir haben ein lebendiges Sexleben?«

»Es ist ein wenig reduziert, würde ich sagen.«

»Ja, so reduziert wie Regen in der Namib.«

Er trank den letzten Schluck Wasser. »Wir werden wieder ein aktiveres haben, wenn die Kinder größer sind.«

»Wann? Wenn Lara achtzehn ist? Dann brauche ich einen Steigbügel, um überhaupt noch auf dich rauf zu kommen.« Er lachte leise.

»Im Ernst, Lutz, lass uns doch wenigstens ein paar Tage wegfahren. Nur wir beide, nur ein langes Wochenende. Das bedeutet, dass du dir einen einzigen Urlaubstag nehmen müsstest.«

»Jetzt verstehe ich dich wirklich nicht. Du wirfst mir vor, dass ich zu wenig Zeit für die Kinder habe, und dann soll ich mir frei nehmen, die beiden Süßen aber bei Fremden parken.«

»Omi Anna ist keine Fremde. Es wäre auch für die beiden mal eine Abwechslung. Verstehst du denn nicht, dass ich nicht nur noch Mami, sondern zwischendurch auch wieder Partnerin und Ehefrau sein möchte?«

»Doch. Aber verstehe du bitte auch, dass ich auch Vater und nicht nur Unternehmensberater sein will. Das geht eben nur in meiner knappen Freizeit. Ich wüsste nicht, warum sich Ehemann und Vater nicht kombinieren ließen.« Er stand auf. »Carolina, es tut mir wirklich leid. Momentan ist einfach nichts zu machen. Weder mit Kindern noch ohne. Unser neuer Kunde ist extrem anstrengend. Wenn der Beratungsprozess bei dem erst einmal richtig in Gang ist, können wir über Urlaub reden. Bitte, hab noch ein bisschen Geduld.«

Ein anstrengender Kunde bekam von Lutz so viel Zeit, wie er wollte, eine geduldige Ehefrau konnte sehen, was übrigblieb, dachte sie trotzig.

»Dann fahre ich eben alleine!«

»Wie, du fährst allein?«

Carolina hatte es gesagt, ohne weiter darüber nachzudenken. Weder hatte sie überlegt, wer sich um die Kinder kümmern sollte, noch wohin sie überhaupt reisen wollte. Aber plötzlich spürte sie Aufregung und … Vorfreude. Ja, sie würde Urlaub von diesem Wahnsinn hier machen. Das musste doch möglich sein. Sollte Lutz doch mal sehen, wie er ohne sie klarkam. Wenn sie sich die Beine brechen oder aus einem anderen Grund ausfallen würde, musste es schließlich auch irgendwie gehen.

»Ja«, antwortete sie und sah in das verdutzte Gesicht ihres Mannes, der sich noch immer nicht vom Fleck rührte. »Und zwar eine Woche und nicht bloß drei Tage.«

*

»Die dritte Juliwoche wäre toll!« Carolina hatte das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und reckte sich auf die Zehen, um die Wäsche auf der Leine festzuklammern, die Lutz ein wenig zu hoch angebracht hatte. »Dann kann ich hier in Ruhe klar Schiff machen, und Lutz hat noch ein bisschen Zeit, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.«

»Warum verpasst du ihm nicht gleich einen richtigen Denkzettel und bleibst drei Wochen?«

»Mutti!« Sie schüttelte den Kopf und musste Laras Kleid in den Wäschekorb fallen lassen, um das Telefon aufzufangen, das ihr dabei wegrutschte. »Bei dir klingt das, als ob ich einen Rachefeldzug plane. Ich will ihn höchstens ein bisschen wachrütteln. Und vor allem will ich Urlaub machen. Ich bin echt überfällig.«

»Ich hatte dich gewarnt. Kein Mann läuft mehr einem Bus hinterher, in dem er schon sitzt.«

»Dann wäre er auch eine gespaltene Persönlichkeit.«

»Du weiß genau, was ich meine. Mit der Hochzeit hast du ihm ein bequemes Plätzchen im Bus eingerichtet, und nun wunderst du dich, dass er den Hintern nicht mehr hochkriegt und mal ein Stück zu Fuß geht. Ihr seid über zwölf Jahre verheiratet, da ist es ganz normal, dass der Ofen aus ist. Ich hatte Glück, dein Vater ist so früh gestorben, dass ich ihn noch immer als Draufgänger und flotten Liebhaber in Erinnerung habe. Aber das ist nun mal nicht jeder vergönnt. Trotzdem musst du dich noch lange nicht mit der Flaute und dem Einerlei abfinden.«

»Ich hätte es schön gefunden, länger einen Vater zu haben, weißt du?«

»Ja, ich weiß. Keine Ahnung, woher du das hast.«

Carolina seufzte. »Und von Flaute und Einerlei kann auch keine Rede sein. Na ja, ein bisschen vielleicht. Jedenfalls bin ich froh, dass du kommen kannst. Aber wehe, du übernachtest hier«, drohte sie. »Dann kommt Lutz gar nicht mehr aus dem Büro nach Hause. Er soll ruhig das Gefühl haben, zu einer bestimmten Zeit da sein zu müssen.«

»Schon klar. Außer am Dienstag und am Donnerstag muss er mich sowieso immer ablösen. Ich habe nicht vor, wegen eurer Eheprobleme auf mein Yoga, die spirituelle Runde und mein Damenkränzchen zu verzichten.«

Nach dem Gespräch mit ihrer Mutter streifte Carolina durch den Garten. Die Ranken der Kürbispflanze wuchsen bereits über den Rand des Kompostbehälters hinaus. Wenn sie von ihrer Reise zurück war, würden die ersten Tomaten reifen. Hoffentlich nicht schon früher. Noch mehr hoffte sie, dass es zwischendurch einmal regnen würde. Andererseits … Es war Lutz doch wohl zuzumuten, den Rasensprenger anzustellen. Mehr musste er nicht tun. Um den Rest würde sich Omi Anna kümmern. Niemand passte besser auf Obst und Gemüse auf als eine Veganerin! Trotzdem. Carolina fühlte sich hin- und hergerissen. Ihre Mutter wusste Bescheid, das hieß, es gab kein Zurück mehr. Einerseits freute sie sich darüber, andererseits hatte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen. Außerdem spukte das Wort Eheprobleme in ihrem Kopf herum. Es war Omi Anna, die es in den Mund genommen hatte, insofern hatte es nichts zu bedeuten. Nicht viel. Aber tief in ihrem Inneren meldete sich Hildegard, die ständig fragte, ob es nicht doch welche gab und warum sie wohl sonst allein verreisen musste. Carolina hatte eine innere Hildegard, die sie ständig ermahnte, die Bügelwäsche nicht zu lange liegen zu lassen, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen und – noch wichtiger – einen Termin für Lutz zum jährlichen Gesundheits-Check zu machen. Ihre innere Hildegard war so etwas wie eine strenge ständige Mahnerin. Im Grunde meinte sie es nur gut, sie wollte, dass Carolina eine perfekte Hausfrau, Ehefrau und Mutter war. Da diese von jedem der drei Zustände Lichtjahre entfernt war, lagen sie und die innere Hildegard ständig im Clinch.

*

»Ich habe heute übrigens ein Zimmer gebucht. Auf Rügen. Für die dritte Juli-Woche.«

»Du meinst es also ernst.«

»Ja, Lutz, ich muss einfach raus, Abstand kriegen.«

»Okay«, sagte er leise. Das war schlimmer als jeder Vorwurf.

»Es wäre mir viel lieber, wir würden zusammen fahren. Dann wäre ich auch mit einem Wochenende zufrieden gewesen, aber wenn es nicht geht …« Dieses Mal sagte er gar nichts. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich regle alles, bevor ich fahre. Mit Omi Anna habe ich schon gesprochen. Sie kommt jeden Tag, holt Lara von der Schule ab und versorgt die beiden, bis du zu Hause bist.«

»Eine Woche Omi Anna?« Er sah sie ängstlich an. »Das ist Wahnsinn! Danach wünschen sich unsere Kinder spirituelle Hörbücher oder eine Woche Fastenwandern in Apulien.«

Carolina konnte das Lachen kaum verkneifen. Sie bemühte sich, ernst zu bleiben. »Vielleicht kannst du in der Zeit weniger arbeiten oder sogar einen Tag frei nehmen, um die beiden vor der totalen Erleuchtung zu bewahren.«

»Wir werden anschließend mit ihnen über den Konsum von Fleisch, Käse und Eiern diskutieren müssen. Mit unseren eigenen Kindern«, brachte Lutz theatralisch hervor.

»Schnappe sie dir und gehe mit ihnen Currywurst essen, bevor die Gehirnwäsche anschlagen kann.«

Er hatte aufgegeben. Oder war es pure Taktik, dass er nun immer wieder betonte, wie sehr sie sich ein bisschen Erholung verdient hatte, dass sie auf jeden Fall zurechtkommen würden und sie sich unter keinen Umständen Sorgen machen sollte. Gleichzeitig kam er noch später aus dem Büro und erklärte, er versuche, ein wenig vorzuarbeiten, damit er vielleicht tatsächlich einen freien Tag nehmen oder wenigstens mal eine Stunde früher Feierabend machen konnte, wenn Carolina weg war. Auch sie selbst bereitete die Zeit ihrer Abwesenheit akribisch vor. Sie fuhr zweimal zum Einkaufen, weil sie mit einem Mal nicht alles transportieren konnte. Anschließend waren die Schränke so voll, dass sie zu fünft – Omi Anna eingeschlossen – ein halbes Jahr überleben konnten, falls ein Erdbeben sie von der Außenwelt abschneiden sollte. Was in Brandenburg wenig wahrscheinlich war, aber man konnte ja nie wissen. Sie kochte Soja-Geschnetzeltes mit Bergen von Pilzen vor, das selbst bei Konrads gesegnetem Appetit – seit rund einem Monat futterte der Junge ihnen wirklich die Haare vom Kopf – für zwei Tage reichen würde. Carolina zupfte Unkraut, mähte den Rasen, knipste verwelkte Blüten ab und besprühte die Apfel- und Pflaumenbäume sowie das Gemüsebeet, das in diesem Jahr schon wieder ein Stückchen größer ausgefallen war als noch im Jahr zuvor, mit Brennnesseljauche, um Schädlingen vorzubeugen. Natürlich putzte sie noch einmal sämtliche Fenster, räumte die Küchenschränke aus, wischte sie durch, sortierte aus, was das Verfallsdatum überschritten, sich bei Kontrollen bisher aber immer irgendwie durchgemogelt hatte, und räumte alles wieder ein. Ihr war klar, dass ihre Mutter keinen Blick dafür haben würde. Und wenn doch, würde es ihr absolut nicht in den Schädel gehen, wofür ihre Tochter das ganze Theater veranstaltete. Es wurde ohnehin alles wieder innerhalb kürzester Zeit schmutzig, argumentierte sie gerne. Hätte Carolina die Zeit für eine ausgiebige Meditation oder einen anständigen Kneipenbummel genutzt, wäre das nach Ansicht ihrer Mutter besser für ihr Karma gewesen. Immerhin hatte Carolina es zwischendurch geschafft, einen Tagesausflug auf das Inselchen Vilm zu buchen. So oft sie auch schon auf Rügen gewesen war, hatte sie doch noch nie das kleine Eiland ein paar Kilometer entfernt besucht. Und sie war sehr oft dort gewesen. Als Carolina Kind war, hatten sie die Ferien jedes Jahr auf der Ostseeinsel verbracht. In der ersten Zeit war Vilm der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich gewesen, später musste man sich anmelden, um hinfahren zu dürfen. Doch von festen Plänen hielt Anna nichts. Darum hatte es nie geklappt, obwohl Carolina immer wieder gedrängelt hatte, unbedingt einmal an dem Ausflug teilzunehmen. In ihrer Fantasie handelte es sich um eine einsame Insel mit allem, was dazu gehört. Vielleicht gab es sogar Spuren eines Piratennestes, hatte sie sich vorgestellt. Immerhin war der Besuch jahrelang verboten bzw. hohen Funktionären vorbehalten gewesen. Oder sie trafen auf einen Schiffbrüchigen, der dort seit Jahrzehnten hauste. Sie hatte nie die Gelegenheit bekommen, auf die in ihrer Imagination ungeheuer spannende Erkundungstour zu gehen. Als sie ein Teenager war, kündigte ihre Mutter an, sie müssten unbedingt einmal nach Vilm fahren. Sie hatte gerade begonnen, sich mit Spiritualität auseinanderzusetzen, und irgendjemand hatte ihr eingetrichtert, es handle sich um einen Kraftort erster Güte. Carolina interessierte sich inzwischen nicht mehr dafür. Was sollte auf dem Fitzelchen Land gegenüber von Rügen schon los sein? Nein, da war sie lieber in Lobbe geblieben, in der Nähe des Zeltplatzes und in der Nähe von Jens …

*

Am letzten Tag saugte Carolina das gesamte Haus, bügelte noch einmal zehn Hemden für Lutz auf Vorrat und bezog schließlich sämtliche Betten frisch. Es war doch so warm. Wer mochte schon in verschwitztem Bettzeug schlafen? Sie tat alles, um Omi Anna, wie sie ihre Mutter seit Konrads Geburt nannte, zu entlasten und ihre Familie gut zu versorgen. Carolina hatte Schuldgefühle. Von der ersten Sekunde hatte sie die gehabt.

»Du musst nicht fahren«, raunte die innere Hildegard, der kleine Feigling, ihr gebetsmühlenartig ins Ohr. »Stell dir vor, einem deiner Kinder stößt etwas zu, während du dich amüsierst. Und überhaupt, was soll amüsant daran sein, allein in einem Restaurant zu hocken, allein spazieren zu gehen? Du bist nicht gerne allein. Du musst nicht fahren, du brauchst niemandem etwas zu beweisen.«

Glücklicherweise gab es auch die innere Jeanette, die, wie ihr Name schon sagte, immer nett war. Sie strotzte vor Mut und Tatendrang und war jederzeit nachsichtig mit Carolina. »Du warst viel zu lange nicht mehr auf Rügen. Weißt du noch, wie sehr du die Insel immer geliebt hast? Endlich kannst du all die Plätze besuchen, die dir so viel bedeutet haben. Du kannst machen, was du willst, brauchst auf niemanden Rücksicht zu nehmen, nicht auf die Uhr zu schauen.« Je genauer sie sich ausmalte, was sie alles würde unternehmen können, desto mehr wuchs ihre Vorfreude. Sie würde faul am Strand liegen oder noch besser: kilometerweit durch den weichen Sand laufen. Sie würde in der Ostsee baden und Muscheln sammeln. Vielleicht bekam sie genug Treibgut, Steine und Schneckenhäuschen zusammen, um daraus zu Hause mit den Kindern etwas Schönes zu basteln. Sie konnte sich die Kreidefelsen bei einem Ausflug vom Meer aus ansehen. Am Kap Arkona würde sie die Ausstellungen der Künstler besuchen. Und natürlich würde sie den Tag der Bäderarchitektur nutzen, um endlich eine der prachtvollen weißen Villen von innen zu sehen, die ihr schon von außen so sehr gefielen. Das freudige Kribbeln im Bauch hatte es tatsächlich geschafft, das schlechte Gewissen in eine Ecke sehr weit hinten zurückzudrängen. Bis zu dieser letzten Nacht vor ihrer Abreise.

Carolina erwachte, weil jemand an dem Laken nestelte, das ihr in heißen Sommernächten als Decke genügte.

»Ich kann nicht schlafen.« Mit dünner Stimme schluchzte ihre Tochter die Worte mehr, als dass sie sie sagte.

»Ich bringe dich wieder ins Bett«, murmelte Carolina und machte Anstalten aufzustehen.

»Mami, musst du wirklich wegfahren?« Jetzt bebte die Stimme regelrecht, und Carolina konnte Laras Unterlippe zittern sehen, obwohl es stockdunkel war. »Kann ich zu euch ins Bett kommen?« Es klang, als warteten an jedem anderen Ort dieser Welt grausame Monster auf sie.

»Natürlich, komm her, Schatz.« Das hätte sie besser nicht gesagt. Augenblicklich drängte sich ein kleiner glühender Körper mit Wucht an Carolinas Bauch. Ihr blieb kurz die Luft weg. Als sie ihre Tochter, dieses zerbrechliche Wesen mit schweißnassem Haar, tief und zufrieden seufzen hörte, ging ihr das Herz auf. »Bleib ruhig hier. Papi und ich haben sowieso keinen Sex«, flüsterte sie. »Wenn ich nach Hause komme, erkläre ich dir auch in aller Ruhe, was das ist.« Sie lächelte in die Dunkelheit hinein.

Als sie schon meinte, Lara sei auf der Stelle eingeschlafen, hörte sie das Kind sagen: »Du wirst mir ganz doll fehlen, Mami.«

»Du mir auch, mein Schatz.«

»Und das ist schlimm, weißt du? Wenn jemand ganz große Sehnsucht hat, dann kriegt der so große Schmerzen, dass er gar nicht merkt, dass er stirbt. So was kann passieren.«

Lutz

»Ich habe da so etwas läuten hören, dass ihr demnächst Petersilienhochzeit habt. Wenn ihr da mal nicht von ein paar Freunden überrascht werdet.«

»Wäre doch schön.«