Informationen zum Buch

Was von den Träumen blieb

Vor der Wende standen sie auf verschiedenen Seiten: Gregor Gysi, Sohn des DDR-Kulturministers Klaus Gysi und Anwalt, und Friedrich Schorlemmer, Pfarrerssohn und Oppositioneller. In diesem sehr persönlichen Gespräch mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt erinnern sich beide an ein verschwundenes Land und wie sie es erlebten. Sie sprechen über das, was Bestand haben wird, aber auch das, was auf den Müll der Geschichte gehört.

Gregor Gysi, Sohn des Widerstandskämpfers und späteren Kulturministers der DDR Klaus Gysi, gehörte zu den eher systemnahen, wenn auch von der Nomenklatura beäugten Persönlichkeiten der DDR. Friedrich Schorlemmer, Pfarrer, Oppositioneller, Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung »Schwerter zu Pflugscharen«, stand der DDR und ihren Oberen immer kritisch gegenüber. Beide erinnern sich an ein schwieriges Land, das sie geprägt hat wie 17 Millionen andere auch. Ohne Scheuklappen und falsche Ressentiments unternehmen sie im Gespräch mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt den Versuch, über das zu sprechen, was bedenkenswert bleibt an dem gesellschaftlichen Projekt, das die DDR gewesen ist. Gerade angesichts eines entfesselten Kapitalismus, der seine Menschen ebenso wie Natur und Umwelt zur Ressource macht, statt sich in deren Dienst zu stellen, ist dieses Buch das notwendige Unterfangen, Alternativen zu beschreiben.

Gregor Gysi
Friedrich Schorlemmer

Was bleiben wird

Ein Gespräch über Herkunft und Zukunft

Herausgegeben von Hans-Dieter Schütt

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Zuvor

Kapitel I.

Kapitel II.

Kapitel III.

Kapitel IV.

Kapitel V.

Kapitel VI.

Kapitel VII.

Kapitel VIII.

Kapitel IX.

Kapitel X.

Kapitel XI.

Kapitel XII.

Personenregister

Über Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Frag nicht, was war. Frag, was ist.

Martin Walser

Allmählich aber lagert sich die Täuschung über die Gewissheit, und wir alle tun unser Bestes, die Täuschung in ihr und in uns zu nähren.

Und das würden wir wieder tun, wenn Täuschung ein anderes Wort für Hoffnung ist.

Merkwürdigerweise müssen wir nicht glauben, was wir wissen.

Christa Wolf

wir sollten unsere irrtümer schätzen und bekennen.

sie haben das werk ermöglicht.

Volker Braun

Zuvor

Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer. Der Politiker und der Pfarrer. Der Parteifunktionär und der Pastor. Der Jurist und der Botschafter Jesu. Als Anwälte verstehen sich beide – und zwar all derer, die in der Hierarchie-Hatz, in den Karriere-Kämpfen und im Geldgeltungs-Gerangel dieser Zeit so zynisch als Geringe gehandelt und behandelt werden. Gysi und Schorlemmer: zwei Linke also. Zwei sehr Öffentliche mit jeweils sehr eigener Stimme. Wo sie das Wort ergreifen, entsteht Argumentation immer auch durch die Verbesserung eines Satzes aus Gründen pointierter Klangkultur.

Das folgende Gespräch fand im August 2014 in Berlin statt. Noch gingen nicht Tausende wegen angeblicher Überfremdungsgefahren in Deutschland auf die Straße. Noch hatte Thüringen keinen linken Ministerpräsidenten. Noch war, im Vorfeld dieser Wahl, nicht jener Streit neu aufgeflammt, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Noch stand die Veröffentlichung des Berichts über eine ausdauernde CIA-Folterpraxis aus, der diesen Kampfbegriff des staatlichen Unrechts auf so andere Weise unterfüttern würde. Noch war die Krise zwischen Russland und dem Westen nicht um eine weitere Stufe, hin zum Klippenrand eines neuen Kalten Krieges, eskaliert.

Ein Gespräch über die DDR? Die Fakten sind bekannt, Legendenverfasser und Enthüller gingen beizeiten an ihr Werk, das Heulen der Reißwölfe haben wir gehört, die Tagebücher der wahren und falschen Helden sind veröffentlicht, die Kommissionen gaben Bericht, einige Gräben von damals konnten zugeschüttet werden, andere ziehen sich als Zeichen der Unversöhnlichkeit noch immer durch die deutsche Landschaft. Im geschichtlichen Fluss, der ungerührt strömt, bleiben: sehr unterschiedliche, kontrastierende Erinnerungen an vierzig Jahre Staat, die sich auflösten in einer Zehntelsekunde Aufruhr. Sie stürzte das System. Da wurde etwas weggewischt, das freilich zum Zeitpunkt seines Verschwindens längst nicht mehr existent war. Alles ging sehr rasch. Zu rasch? Nun dauert all das, was damals der neuen Freiheit an Fragen nicht zugemutet worden war. Die Freiheit kam rücksichtslos. Im wahren Sinn des Wortes: Sie schnitt Rück-Sicht vielfach ab, dort, wo ein ruhiger Blick über die Schulter einer rasend schnellen Verwestlichung der Weltsicht im Wege gestanden hätte. Also nicht gewünscht war.

Wahre Freiheit ist mehr, als man darf; es ist auch die Freiheit einer persönlichen Erinnerung, die im eigenen Leben mehr sieht als nur den individuellen Beleg eines geschichtlichen Urteils. Solches Erinnern muss freilich auch dort, wo es sich verteidigt, Frage bleiben. Es muss die Spannung aushalten wollen zwischen Selbstbehauptung und Selbstzweifel. Erinnerung lässt sich nicht fesseln und möge doch aber Verstrickung nicht leugnen. Erinnerung ist Sand im Getriebe, es geht um diese harten Körner der Vergangenheit, die es uns notwendig machen, innezuhalten, verärgert oder verwundert darüber nachzudenken, ob das Dasein vielleicht anders geordnet werden könnte. Immer ist das Leben, sagt der Philosoph Niklas Luhmann, eine Reihe von Wendepunkten, an denen etwas geschah, was so nicht unbedingt hätte geschehen müssen. Aber wir sind nun einmal das, was mit uns, in uns, durch uns geschah – wie steht dies im Verhältnis zu dem, was nicht hätte geschehen müssen, und wie wird angesichts dessen unser Leben wirklich so erzählbar, dass sich Selbstgestaltung behaupten und möglicherweise sogar Logik belegen lässt?

Jetzt, da sie nicht mehr existiert, kann die DDR ausgemalt werden in allen nur verfügbaren Farben. Hell und dunkel. Zu hell, zu dunkel. Nicht hell genug, nicht dunkel genug. Je nachdem, wie man selber gelebt haben möchte. Erfahrungsgemäß möchte man immer lohnender gelebt haben, als es der Fall war. An alten Wohnhäusern studieren wir bisweilen jene abgeschabten Buchstaben, die an Kolonialwarenläden und Kohlenhandlungen erinnern. Wir lassen uns von der falschen Vermutung überwältigen, diese Signale kündeten von »guter alter Zeit«. In der Tilgung solcher Inschriften erkennen wir eine Ahnung von der groben Art, mit der auch unser eigenes Dasein eines Tages betrachtet wird: als eine mehr und mehr verblassende Spur auf bröckelndem Untergrund. Mit Wehmut setzen wir uns gegen das verletzende Urteil zur Wehr, das jede Gegenwart über jedes Gestern spricht. Leider wächst aus dem Anspruch, unserer Geschichte möge doch ein wenig Gerechtigkeit widerfahren, meist nur eine neue Anmaßung – die nicht weniger unangenehm ist als die Kälte von Abrissexperten. Diese Anmaßung, wahrscheinlich in jedem Leben zu beobachten, sucht nach wetterfesten, unangefochten prangenden Schrift- und Bildzeichen, und wer mit neuen Zeichen auftritt, auf den wird aggressiv oder beleidigt reagiert: Wir haben eine schönere Vergangenheit verdient!

Gysi und Schorlemmer. Jahrgänge 1948 und 1944. Der Sohn eines SED-Mannes, eines ehemaligen Kulturministers und Staatssekretärs, und der Sohn eines Pfarrers, dem Staat ein Dorn im Auge. Die eine Existenz führte – grob gesagt – in die diktatorische Partei, die andere Existenz wurde gegen diese Partei geführt. Plötzlich aber, infolge wuchtigster Weltveränderung, begegnen Lebens-Läufe einander. Aus Distanz wird Nähe. Beide reden über das Widerspruchsbündel, das sich aus Festlegungen der Herkunft, Energien der Ankunft und Vorstellungen von Zukunft ergibt. Ein Gespräch. Keine Biographie zu zweit. Eher eine gemeinsam suchende Bewegung – auf diesem skizzierten Gelände noch immer aufgeladener Empfindungen. Erbe lebt und klebt. Der Osten blieb in gewisser Weise geteilt. Er ist offenbar noch immer eine Gegend von vielen Ungleichen – da sind Opfer und Täter; da sind Opfer, die überall nur Täter sehen, da sind Täter, die noch immer keinen augensenkenden Blick für Opfer haben; da sind bezüglich des untergegangenen Systems kritisch Erklärende und unkritisch Verklärende; es gibt schwermütig Unbewegliche und leichtfüßig Flexible; die Zukunftsoffenen treffen auf die Vergangenheitsverhärteten. Den einen wurde mit dem Verlust des Arbeiter-und-Mauern-Staates die Geschichte zum Sturzfeld, während andere frei und frech und ideologielos (nicht identisch mit ideen- und charakterlos!) übers Feld ihrer Möglichkeiten jagen oder flanieren. Ja, Teilung in Gewinner und Verlierer, in Abwartende und Aufbrechende, und statt biographischen Erzählens oft nur Schweigen oder Gleichgültigkeit, auch das Gefühl der Demütigung, weil DDR-Geschichte regelmäßig reduziert wird auf Helden- oder Stasigeschichten, Widerstand oder Mitläuferschaft. Dazwischen nichts? Die Waagschalen, die das eine wie das andere öffentlich ausstellen, kommen nicht zur Ruhe, nicht zur Balance. Wie gelingt es, den eigenen Lebensfaden in die große Geschichte einzuflechten? Was hätte das freilich für einen Sinn, wenn die DDR, wie Stefan Heym meinte, irgendwann sowieso nur noch als Fußnote der Geschichte bezeichnet werden wird? Oder bleibt doch mehr von diesem Land, das sein historisches Bleiberecht verspielte? Hinterlässt die Leere Lehrstoff? Steckt in erledigter Provinz mehr Welt als vermutet, mehr Gleichnis als gewünscht?

Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer redeten miteinander, an zwei Tagen, jeweils tagelang. Das Motto gleichsam: Man darf an allem sparen wollen, an Problemen nicht. Dieses Buch ist das Dokument dieser Begegnung, aber zugleich das Protokoll einer fortgesetzten Unterhaltung. Beide meldeten nach der Niederschrift Korrektur, denn wo ein Originalton zur Schrift wird, dort erhebt das Regime der Einwürfe und Ergänzungen, der Verdeutlichungen und Zuspitzungen seine verfeinernden Ansprüche. Mitunter aus der schönen Empfindlichkeit gegenüber missglückten, weil spontanen Wendungen. Das Gespräch als eine literarische Produktionsform, eine Untergattung des Essays oder des Zweipersonenstücks.

Ich danke Franziska Günther vom Aufbau Verlag sowie Thomas Grimm und seinem Team von »Zeitzeugen TV« für Inspiration und Unterstützung.

Hans-Dieter Schütt

Berlin, Dezember 2014

I.

Zentner Papier – und dann nur Zettel

Bergrettung und Bergpredigt

In jedem System ein bisschen DDR

Nur fünfundsiebzig Volksfeinde?

SCHORLEMMER: Ich bin demokratischer Sozialist. SPD.

GYSI: Ich bin demokratischer Sozialist. Linkspartei.

HANS-DIETER SCHÜTT: Herr Gysi, was sagt Ihnen die Tatsache, dass Friedrich Schorlemmer sich für dieses Gespräch einen Schlips umgebunden hat? Sie dagegen tragen ein Hemd mit offenem Kragen.

GREGOR GYSI: Tja, er dachte sich wohl, für ein Treffen mit Gysi gehört sich das. Warum auch immer. Ich wiederum dachte: Wenn ich zu Schorlemmer gehe, verzichte ich lieber auf Krawatte. Genau begründen kann ich das aber auch nicht. So kommen Missverständnisse in die Welt.

FRIEDRICH SCHORLEMMER: Ich wollte von Anfang an etwas Farbe reinbringen.

SCHÜTT: Ausgerechnet Rot? Ihr Schlips ist rot.

SCHORLEMMER: Ich liebe Rot! Bei dieser Farbe wie bei vielem anderen: Ich lasse mir eine Sache nicht vergällen, nur weil sie von anderen missbraucht wurde.

GYSI: Da kommt ja schon der heimliche Sozialist durch.

SCHORLEMMER: Der demokratische Sozialist. So hat sich Willy Brandt bezeichnet. Ich bin SPD-Mitglied.

GYSI: Demokratischer Sozialist bin ich auch.

SCHÜTT: Das geht ja gut los … Seit wann eigentlich kennen Sie einander?

GYSI: Kennengelernt haben wir uns erst nach der Wende.

SCHORLEMMER: Das erste Mal die Hand gaben wir uns am 4. November 1989.

SCHÜTT: Bei der Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz, der ersten freien, offiziell erlaubten Massenkundgebung in der Geschichte der DDR.

SCHORLEMMER: Ja. Und Anfang Dezember 1989 dann waren wir beide Teilnehmer eines Podiumsgesprächs über SED-Schande und DDR-Erneuerung im Berliner Haus der jungen Talente. Das war die Zeit, da sich Gregor Gysi schon sehr bald konkret mit der Frage plagen musste, ob und wie er diesen Verein übernehmen solle.

GYSI: Die Partei.

SCHORLEMMER: Ach. Es war ein Verein! Nämlich mit allen negativen Merkmalen, die man landläufig einem deutschen Verein zuschreibt: Hermetik, dumpfe Abgeschlossenheit, stickig gewordene Treuedogmen. Mir war es damals wichtig, mit Gysi einen der Menschen kennenzulernen, mit denen man vielleicht entscheidend was würde ändern können im Land.

SCHÜTT: Obwohl es sich um einen Genossen handelte?

SCHORLEMMER: Dieses System und seine Einheitspartei habe ich bekämpft, wirklich bekämpft, denn die SED war nie eine Partei, von der man sich hätte leiten lassen wollen – sie wollte ja nur immer führen, anführen, nicht leiten, nicht geleiten, schon gar nicht in Tuchfühlung mit anderen. Führen oder leiten, das ist ein großer Unterschied. Am Ende war das nur noch ein Schutthaufen, der Blech redete und Schrott zu bieten hatte. Aber …

SCHÜTT: Hieß ändern für Sie: stürzen?

SCHORLEMMER: Nein. Wir, also die Bürgerrechtler, zu denen ich mich zählte – wir wollten das schier Unmögliche: Wir wollten die Wahrheit sagen, wir wollten in der Wahrheit sein – ohne die Machtfrage zu stellen. Also jedenfalls meine Freunde und ich. Noch während härtester Konfrontation oder dann in finsterer, bleierner Agonie habe ich immer auch das Gespräch mit SED-Leuten gesucht – erstens weil ich Zuversicht nie aufgebe, und zweitens damit die Starren sich einmal mehr kenntlich machten in ihrer Geistlosigkeit und ihrer Angst vor der Wahrheit. Und drittens hofften wir, die Reformwilligen des Systems würden in ihrem Mut zum Zweifel bestärkt und wagten endlich mehr und mehr Öffentlichkeit. Leider war am Ende alles zu spät. Aber Gysi war einer der Glaubwürdigen, die den Bestand dieser Partei wagten – bei gleichzeitiger Zerschlagung der alten hierarchischen Strukturen und des verknöcherten Programms.

GYSI: Hinter der Situation damals, Parteivorsitzender zu werden, steckte für mich ganz entscheidend die Frage: Wie kann ich so eine überraschende Aufgabe überhaupt angehen, ohne mich in meinem Wesen zu beschädigen? Wie weit knie ich mich in eine »Sache« hinein und bleibe gleichzeitig mir selber treu?

SCHÜTT: Kohl soll Ihnen 1990 geraten haben, unbedingt Ihre Zulassung als Anwalt zu behalten.

GYSI: Ja, das hat er bei einer eher flüchtigen Begegnung in einem Fernsehstudio zu mir gesagt, am Wahlabend 1990. Damit wollte er mir wohl durch die Blume mitteilen, dass meine Tage in der Politik gezählt seien.

SCHORLEMMER: Mit den blühenden Landschaften irrte er sich auch.

GYSI: Vielleicht hat er sich mit diesem Satz nur falsch ausgedrückt, er wollte den Ostdeutschen mitteilen, was ihnen noch blühen wird.

SCHORLEMMER: Wie wurden Sie eigentlich Parteivorsitzender?

GYSI: Begonnen hatte alles Anfang Dezember 1989 auf der SED-Kreisdelegiertenkonferenz Berlin-Mitte. Ich wurde per Zettel …

SCHORLEMMER: Zettel? Seit Schabowskis Notizblatt, das den Mauerfall brachte, war die SED offenbar die reine Zettelwirtschaft. Ist ja witzig: Es gab in der deutschen Geschichte wahrscheinlich keine Ideologie, keine Theorie, die mit Broschüren und Abrissen und Zeitschriften und dicken Redenwälzern und Instruktionen im Laufe von Jahrzehnten so unmäßig viel Belehrungs- und Programmpapier über die Leute gekippt hat wie der Marxismus-Leninismus – aber am Ende wird dann nur noch mit bekritzelten Handzetteln Geschichte gemacht. Befreiende Geschichte.

GYSI: Na ja, so einen Zettel jedenfalls bekam ich hingeschoben, da stand drauf, ich solle sofort ins ZK-Gebäude kommen.

SCHÜTT: Den Generalsekretär Krenz und das Politbüro gab’s nicht mehr.

SCHORLEMMER: Ausgemustert von den eigenen Leuten.

GYSI: Das erfuhr ich erst dort. So nahm dann alles seinen Lauf. Ich fühlte eine Lawine auf mich zukommen. Kurz darauf fand der Sonderparteitag statt, und ich schien bereits unter dieser Lawine zu liegen. Darüber habe ich dann auch mit Schorlemmer geredet, sehr intensiv.

SCHÜTT: Warum mit ihm? War da jener Sog, der von einem Pfarrer ausgeht, wenn es um existenzielle Fragen geht?

GYSI: Wahrscheinlich ja. Lawine – Bergrettung – Bergpredigt. Pfarrer sind gewissermaßen ein Rettungsdienst der besonderen Art. Was ich von Schorlemmer wusste und was ich ganz stark fand: diese Wittenberger Aktion von 1983, ein Schwert zu einer Pflugschar umzuschmieden.

SCHORLEMMER: Es war uns damals wirklich gelungen, das Ganze vor der Stasi zu verheimlichen. Eigentlich ein Unding. Der Kirchenverantwortliche vom Rat des Bezirkes sagte später: »Herr Schorlemmer, das vergessen wir Ihnen nie!« Ich erwiderte: »Herr Voigt, ich werde es auch nie vergessen.« Auf den Satz war ich richtig stolz.

GYSI: Schorlemmers Stärke zeigte sich darin, dass der Staat es nicht wagte, ihn einzusperren – das musstest du dir erst mal erarbeiten.

SCHORLEMMER: Ach, Bahro haben die doch 1977 auch verhaftet, ohne mit der Wimper zu zucken.

GYSI: Ich denke, bei Bahro gab es einen sehr speziellen Aspekt: Inzwischen war nämlich nicht mehr zu überhören, dass Künstler in der DDR immer aufmüpfiger wurden. Die Biermann-Ausbürgerung war geschehen, und besonders Schriftsteller nahmen kein Blatt mehr vor den Mund.

SCHORLEMMER: Zum Teil war das auch bei den Pfarrern so.

GYSI: Einige systemkritische Ventile waren also nicht mehr zu schließen. Aber dann auch noch unerbittlich kritische Töne ausgerechnet von Leuten aus der Wirtschaft? Das war doch das Signal, das von Bahro ausging. Ausgeschlossen für die Parteispitze! Da musste ein Exempel statuiert werden.

SCHORLEMMER: Ich war zu der Zeit Studentenpfarrer in Merseburg an der Technischen Hochschule »Carl Schorlemmer« – ich heiße ja auch Friedrich-Wilhelm Karl Christian Schorlemmer. Schorlemmer war einer der wenigen Trauergäste am Grab von Karl Marx gewesen, und das Besondere an ihm war nicht so sehr seine Leistung als Forscher, sondern das Credo, man könne nur als guter Marxist ein guter Naturwissenschaftler sein. Die Staatswächter in der DDR hielten das für einen fiesen Trick der Kirche: an eine Hochschule mit einem solch seltenen Namen ausgerechnet einen Pfarrer zu schicken, der genauso heißt. Aber damit nicht genug der Kuriositäten: Mein katholischer Studentenpfarrerkollege hieß Engels, und der Professor für Gesellschaftswissenschaften an der sogenannten »Roten Hochschule« trug den schönen Namen Heiland.

SCHÜTT: War Bahro für Sie ein solches Signal, wie Gysi eben sagte?

SCHORLEMMER: Er war für die Oppositionsbewegung, die sich damals nicht so nannte, äußerst wichtig. Wir merkten: Endlich! Endlich sind auch Marxisten am Werk, die Marx ernst nehmen, die den denkenden Bürger ernst nehmen und die auf diese verfluchte organisierte Verantwortungslosigkeit hinweisen, die sich Planwirtschaft nannte – eine Wirtschaft, die zusammenging mit der wohl entscheidendsten Devise in der DDR: »Privat geht vor Katastrophe«. Und genau in dieser Liaison bestand sie auch schon, die Katastrophe. Wir trafen immer mal wieder auf einzelne Genossen, die das Gespräch über dieses leidige Thema wollten, auch mit uns, aber natürlich hatten sie Angst, dass diese Kontakte ruchbar würden. Es war seltsam: Ich arbeitete mit Studenten die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte von Marx durch – das hat die Stasi in ihren Berichten derart giftig vermerkt, als hätten wir dissidentische Literatur aus dem Westen behandelt. Die hatten selber nie Marx gelesen, und jetzt nahmen sie ihn ausgerechnet durch uns wahr – nach dem Prinzip: Wenn die von der Kirche Marx lesen, dann muss selbst dieser geliebte und geehrte Klassiker an bestimmten Punkten ein gefährlicher Autor sein.

SCHÜTT: Es gibt von Ihnen, Herr Schorlemmer, eine Notiz vom August 1989: Sie hätten Ihrer Tochter einen Zettel mit den Namen zweier Anwälte gegeben, Gregor Gysi und Lothar de Maizière.

SCHORLEMMER: Ja. Ich hatte Angst zu jener Zeit. Die Stasi machte überall mobil. Es kursierten die Befürchtungen, Oppositionelle könnten in Speziallager verfrachtet werden.

SCHÜTT: Warum Gysi?

SCHORLEMMER: Das »Neue Deutschland« hatte einen Text oder ein Interview veröffentlicht, das waren Bemerkungen Gysis zur Schaffung einer neuen Verwaltungsgerichtsbarkeit. Er war ja Chef der Anwaltsgilde, ein Vorsitzender also …

GYSI: Das hieß exakt: Vorsitzender des Rates der Vorsitzenden der Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR. In solchen Titeln war die DDR Weltmeister.

SCHORLEMMER: Ich las die Äußerungen von Gysi und dachte, aha, es gibt also bei den Genossen Leute, die sich endlich um Elemente von Rechtsstaatlichkeit sorgen.

GYSI: Wobei das ND wichtige Passagen aus dem Text strich, ohne mit mir zu reden. Kurz darauf gab Lothar de Maizière der »Berliner Zeitung« ein Interview, und dorthinein montierten wir die zensierten Stellen meines Gesprächs im Zentralorgan. Natürlich freuten wir uns.

SCHORLEMMER: Der Name Gysi war mir auch durch Klaus Gysi vertraut, der Staatssekretär für Kirchenfragen gewesen war und mit dem ich mal eine aufschlussreiche Begegnung hatte, 1984 – darüber können wir nachher noch reden.

SCHÜTT: Und der zweite Anwalt, Lothar de Maizière?

SCHORLEMMER: Ihn kannte ich aus der Synode der evangelischen Kirche. Er hat mich oft unterstützt, wenn mich die Kirchenleitung ein bisschen beiseitedrängen wollte, weil ich angeblich zu sehr provozierte und so das gute Verhältnis zum Staat belasten würde. Ich dachte: Ich muss mir in dieser drückenden Zeit unbedingt solche Anwälte nehmen, die Zugang zu denen haben, die über mich befinden können; der stalinistischen Willkür bei der Staatssicherheit wollte ich nicht pur ausgeliefert sein, auch in anwaltlichen Fragen nicht. Im Übrigen war die Reihenfolge der Namen auf dem Zettel an meine Tochter: de Maizière, Gysi.

SCHÜTT: Bitte beschreiben Sie genauer, warum Sie Angst hatten.

SCHORLEMMER: Im Juni 1989 war ich in West-Berlin. Zum Kirchentag. Das erste Mal, dass ich hinfahren durfte. Ich gab der »Frankfurter Rundschau« ein Interview, in dem ich mich auf eine Aussage des DDR-Außenministers bezog, der gesagt hatte, die Mauer sei eine tragende Wand des europäischen Hauses. Ich sagte im Interview: »Ich würde ungern das europäische Haus auf eine so brüchige Wand bauen wollen.« Der Journalist stockte und fragte, ob er das wirklich schreiben und veröffentlichen solle.

GYSI: So einfühlsam würden heute wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Journalisten reagieren.

SCHORLEMMER: Ich willigte ein, das so zu publizieren. Natürlich wurde in der nachrichtlichen Kurzfassung daraus: Pfarrer Schorlemmer fordert den Abriss der Mauer! Diese Methode zieht sich durch meine gesamte öffentliche Laufbahn: Ich sage etwas – und am Ende wird eine radikale Forderung daraus. Dieser elende Verkürzungsdrang der Medien: Zwecks gut verkäuflicher Zuspitzung verwandelt man eine ruhige Überlegung ins radikale Reizwort.

GYSI: Das hängt dir dann an, und du bekommst natürlich Angst. Das verstehe ich.

SCHORLEMMER: Ich hatte Angst, mit psychosomatischen Herzschmerzen. Angst, dass ich urplötzlich verschwinde, einfach von der Straße weggefangen werde. Wegen angeblich öffentlich geäußerter Sätze wie »Die DDR muss man knacken wie eine hohle Nuss.« Und: »Kommunisten aufzuhängen«, hätte ich aufgefordert. Wer noch weiß, was solche Vorwürfe bedeuteten, der kann verstehen, welche Ängste mich ankrochen. Da war es eine merkwürdige Stütze für mich, geradezu eine Aufhellung meines depressiven Seelenzustandes, dass mir Mitte September 1989 von einem Vertreter der West-Berliner Jury angekündigt wurde, man wolle mir am Tag der Menschenrechte, am 10. Dezember 1989, die »Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte« verleihen. Eine vielleicht vermessene Gedankenverbindung, für mich aber durchaus stärkend: Wenn ich ins Gefängnis käme, wäre ich dort »im Geiste von Ossietzky», wenngleich nur mit seiner Medaille ausgezeichnet, aber im geschwisterlichen Kampf um die Freiheit. Denn die Ossietzky-Medaille wird jährlich verliehen für die Menschenrechte im Geiste von Carl von Ossietzky, was immer auch hieß, sowohl für politische Freiheit wie für soziale Gerechtigkeit einzustehen. 2014 ist sie Edward Snowden und seinen Unterstützern zuerkannt worden.

Nach wie vor bin ich geradezu stolz, dass ich im Juni 1989 jenen Mauer-Satz von der brüchigen Wand, die von innen platzt, der »Westpresse« gegenüber gesagt hatte. Das wurde mir im Übrigen selbst von Freunden angekreidet. Dann gab ich auch noch Mitte August Siggi Schefke im Luthergarten »konspirativ« ein Fernsehinterview für den SFB. Wir gründeten in Dresden in der Wohnung eines Pfarrers am 21. August 1989, am Jahrestag des Einmarsches der Russen 1968 in Prag, den Demokratischen Aufbruch. Da griffen die anderen mich an: »Wie konntest du nur, du wirst die Stasi auf uns hetzen.«

SCHÜTT: Dabei war doch die Stasi längst da, etwa in Gestalt des Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs Wolfgang Schnur.

SCHORLEMMER: Ein Rechtsanwalt, Herr Gysi.

GYSI: Ich warne Sie. Wenn Sie meinen ganzen Berufsstand angreifen, da kann ich Ihnen auch Pfarrer nennen, die sich als geparkte Politiker gefühlt haben müssen und heute nicht unbedingt die Ehre Ihrer Profession hochhalten.

SCHORLEMMER: War nicht so gemeint.

SCHÜTT: Herr Gysi, Sie waren, wie Schnur auch, ein Anwalt speziell in politischen Fällen, Sie vertraten Dissidenten, die das von sich aus sein wollten, aber auch Menschen, die durch die Rigidität des Staates erst dazu gemacht wurden, wie etwa Rudolf Bahro 1977/78. Andererseits waren Sie, aus Überzeugung, SED-Genosse. Sie setzten sich anwaltlich also für Leute ein, die der Führung Ihrer Partei als Staatsfeinde galten. Spürten Sie so was wie Bewusstseinsspaltung? War auch Friedrich Schorlemmer ein Feind für Sie?

GYSI: Zunächst will ich relativieren: Die prominenten Fälle, die Sie ansprechen, machten nur einen geringen Anteil meiner Tätigkeit aus. Ich hatte schon sieben Jahre als Anwalt gearbeitet, bevor ich Bahro verteidigte.

SCHÜTT: Sie waren der jüngste Rechtsanwalt der DDR.

GYSI: Ich muss sagen, die Verfahren waren keine prononcierten Auseinandersetzungen um geistige oder politische Auffassungen. Als Verteidiger war ich nicht der Koreferent der liberalen Positionen meines oder meiner Mandanten – es ging um strafrechtliche oder vermeintlich strafrechtliche Dinge. Ich war, indem ich einen Bürgerrechtler oder Systemkritiker vertrat, nicht automatisch auch Bürgerrechtler und Systemkritiker.

SCHORLEMMER: Machen Sie sich nicht kleiner als nötig.

GYSI: Das hat mit klein nichts zu tun, es verweist nur auf die Strategie des Staates, der doch die wirkliche geistige Auseinandersetzung scheute, ablehnte – und deshalb zur Methode irgendwelcher staatsrechtlicher Anwürfe griff, gegen die ich meine Mandanten verteidigte. Es gab bekanntlich Leute, die veröffentlichten im Westen ein Buch, aber dann ging es gar nicht um die Freiheit des Geistes oder des Wortes, nein, offiziell hatte man dagegen angeblich nichts – also suchte man nach irgendwelchen Devisen- oder anderen Vergehen, um strafend einzugreifen. Stefan Heym hat das auch durchmachen müssen. Nun zu Ihrer Frage: Es hieß offiziell meist nicht »feindlich«, sondern »negativ«.

SCHORLEMMER: Steigerung: »feindlich negativ«.

GYSI: Aber grundsätzlich: So eng, wie Ihre Fragestellung vermutet, war ich nie. So borniert konnte ich gar nicht denken. Die Kategorie »Feind« spielte in meinem Denken keine Rolle. Robert Havemann, den ich auch vertrat, habe ich sehr respektiert, Rudolf Bahro sogar gemocht – also, ich mache da einen kleinen Unterschied zwischen beiden. Aber Feinde!? Nein.

SCHÜTT: Was war denn das Schwerste bei der Verteidigung etwa von Bahro?

GYSI: Wenn ich wegen meines Mandanten in der Abteilung Staat und Recht beim Zentralkomitee der SED vorsprach, bestand die große Schwierigkeit darin, denen zu erklären: Leute, es geht hier nicht nur darum, einen Menschen bitte schön anders, nämlich menschlicher zu behandeln und zu bewerten, nein, es liegt in eurem eigenen Interesse, weniger feindbestimmt und strafend und hasserfüllt mit ihm umzugehen. Dass also diese Funktionäre sich selber kritisch im Visier sahen bei dem, was der Fall öffentlich auslöste, und zwar nicht nur im Westen, dass sie also begriffen, dass sie selber dem Sozialismus schadeten, weit mehr als Bahro – das war eine fast vergebliche Mühe. Trotzdem musste ich versuchen, sie davon zu überzeugen, dass eine bessere Behandlung, eine Entlassung in ihrem Interesse lag. Bei allen Mandanten. Immer wollten diese Funktionäre irgendwelchen Schaden abwenden, und zwar durch größeren Schaden, den sie selber anrichteten.

SCHORLEMMER: Das erinnert an den Herakles bei Heiner Müller, der sich hart rudernd durch den Wald schlägt auf der Suche nach der Hydra, nach dem tödlichen Tier, nach dem Feind – bis er erkennen muss: Der Wald selber ist das Tier. Immer greifen wir zu irgendwelchen Waffen gegen irgendeinen Feind und erkennen zu spät: Wir selber sind uns ein Feind. Volker Braun hat als eigentliche Utopie formuliert: »Wahrzunehmen, was in der eigenen Haut los ist.« Immer stehen wir uns selber im Wege. So schier unbesiegbar ist das, unser Kleben an Verhältnissen, die in uns selber ihre Giftquelle haben.

GYSI: Bei Bahro, der wegen angeblichen Geheimnisverrats, wegen der Übermittlung seiner Dissertation in den Westen und wegen seines fundamental kritischen philosophisch-ökonomischen Manuskripts »Die Alternative« verurteilt wurde, kam mir zu Hilfe, dass der Druck von außen zunahm. Und also wollten sie ihn schnell loswerden. 1978 stellte Bahro den Antrag, in die Bundesrepublik auszureisen. Sie wussten freilich nicht, wie sie das nun zügig regeln sollten. Im Gesetz stand: Bei einer Freiheitsstrafe von über sechs Jahren darf die vorzeitige Entlassung frühestens nach Verbüßung der Hälfte der Strafe erfolgen. Das hätte bei ihm, da er zu acht Jahren verurteilt worden war, vier Jahre bedeutet. Sie wollten das Urteil nicht revidieren, konnten jedoch nicht so lange warten – aber wie ihn schnell loswerden, ohne selber gesetzesbrüchig zu werden? Also hab ich die Idee einer Amnestie aufgebracht, unter die Bahro dann auch fallen würde. Für den Staat eine Lösung ohne Gesichtsverlust. Werden wir prüfen, hieß es. Mehr sagten sie natürlich nicht, und selbstredend erfuhr ich nichts über den Fortgang der Dinge. Und dann plötzlich kam diese Amnestie. So viel zu meinem Feinddenken.

SCHÜTT: Sie waren Genosse.

GYSI: Natürlich saß er sehr, sehr tief, der von Ihnen angesprochene Widerspruch, den ich empfand und den ich trotzdem ganz anders mit mir herumtrug als der konsequente, scharf fragende und aufstörende Schorlemmer. Einerseits war da die Idee, die ständig in einem arbeitete, nämlich: man könne und müsse den Sozialismus reformieren, denn ringsum gab es diese wachsende Verkrustung, die man mit Händen greifen konnte. Andererseits stand man da und war mit Rücksichtnahme beschäftigt, mit Einsicht, mit Disziplin. Also: Ich war weder auf der Seite der Mächtigen, noch war ich Opposition.

SCHÜTT: Sie haben aber eine Strafanzeige gestellt wegen Wahlfälschung.

GYSI: 1989. Rainer Eppelmann kam zu mir wegen einer diesbezüglichen Anzeige, ich habe sie an den Generalstaatsanwalt in seinem Namen gerichtet. Ich wurde hinbestellt zu ihm, denn ich wollte Einsicht nehmen in die Wahlunterlagen. Mir wurde mitgeteilt, die seien bereits vernichtet worden, das sei so üblich. Außerdem habe Pfarrer Eppelmann mit seinen Auszählungsbeschwerden einen Fehler gemacht – natürlich habe die Auszählung bei ihm nicht eine so hohe Stimmenzahl ergeben können wie am Ende verkündet wurde, aber der Pfarrer habe die Stimmen der Briefwahl nicht berücksichtigen und einbeziehen können. Ich war baff und beleidigt. Dass die mich für so blöd hielten und mir das auftischten! Als seien mäßige Wahlergebnisse zunächst durchaus möglich, jedoch die Briefwahlstimmen, die würden das Ergebnis bis nahezu an die hundert Prozent hochschnellen lassen! Aber so wurde das abgelehnt. Dann erstattete ich ein weiteres Mal Anzeige – Eppelmann hatte in seiner Wohnung eine Wanze gefunden. Peinlich. Denn das verstieß gegen das Rundfunkgesetz der DDR – nach diesem Gesetz war es eine Straftat, eine Funkeinrichtung, welcher Art auch immer, so zu installieren. Also: Anzeige gegen unbekannt. Natürlich fand man den Täter nie, obwohl man beteuerte, sehr, sehr akribisch gefahndet zu haben.

SCHORLEMMER: Das Gerät, mit dem Rainer Eppelmann seine Wanze fand, habe ich mir mal von ihm ausgeborgt. Es schlug aber in meiner Wohnung nicht an. Der für mich verantwortliche Offizier bei der Stasi, mit dem ich nach dem Ende der DDR ein langes Gespräch geführt hatte, lachte und sagte: »Aber lieber Herr Schorlemmer, bei Ihnen haben wir doch selbstverständlich die modernste Technik installiert – die war mit so einem alten Gerät nicht auffindbar.« Ich habe mitgelacht, etwas gequält.

SCHÜTT: Aber lieber Herr Schorlemmer … Es gibt bestimmt Menschen, die über so etwas noch heute nicht lachen können. Nicht mal gequält.

SCHORLEMMER: Da sind wir ja schon beim neuralgischen Punkt. Es ist über alle Maßen richtig und nötig, dass alle, die unter der politischen Strafjustiz des stasiistischen Systems in der DDR gelitten haben, materiell entschädigt und menschlich begleitet werden. Aber was ich ablehne, ist die publizistische Kasse, die man damit noch immer machen kann, indem man nach Herzenslust dämonisiert und vereinfacht.

SCHÜTT: Eine Relativitätstheorie der öffentlichen Meinung wird nie geschrieben werden. Die politische Verständigung vor Publikum ist und bleibt wohl, im guten wie im schlechten Sinne, Grobianismus.

GYSI: Das rechtfertigt den Grobianismus nicht. Und er geht merkwürdigerweise fast nur von West nach Ost.

SCHÜTT: Im Hinblick auf die Bewertung der DDR?

GYSI: Ja. Weder hat es, zum Beispiel, einen frühen, massenhaften Andrang zu Oppositionsgruppen gegeben, noch hat die Mehrheit in der DDR ihr Leben in Angst und Schrecken verbracht.

SCHORLEMMER: Da würde ich nun wieder sagen, wohlgemerkt, nachdem ich Ihnen zugestimmt habe: Es wäre freilich gut gewesen, wenn mehr Leute in der DDR genauer hingesehen und einen Schrecken gespürt hätten.

GYSI: Kann sein, haben sie aber nicht.

SCHÜTT: Schrecken über wen?

SCHORLEMMER: Über sich selbst. Christa Wolf bezeichnete es als eine der »schlimmsten Entwicklungen bei uns«, dass man sich »herausziehen musste aus den Apparaten, um nicht von ihnen deformiert zu werden« – das habe dazu geführt, dass viele Leute brav funktioniert haben. Sie schreibt vom »starken Deformationsprozess«, den man an sich selbst geduldet und ertragen habe. Das sei keine Schuldzuweisung – man kann bei so massenhaft ablaufenden Entwicklungen nicht einzelnen Menschen die Schuld zuweisen, aber man kann sehr wohl sich selber fragen – und kann also auch lernen, so Christa Wolf, böswillige Unterstellungen des politischen Gegners nicht immer gleich als Gelegenheit für falschen, billigen Selbstschutz zu benutzen.

SCHÜTT: Ich finde, Sie haben recht. Mit vierzehn Jahren hatte ich, im thüringischen Ohrdruf, Konfirmation und Jugendweihe; an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden, eine bedenkenlose Selbstverständlichkeit. Die Dankeskarten für die Geschenke zum christlichen wie zum weltlichen Fest waren in frappierend übereinstimmender Weise ausgestattet, Schrift und Text gleich, nur das eine fett gedruckte Wort machte den Unterschied zwischen beiden Karten: Konfirmation war ausgetauscht gegen Jugendweihe. Ich weiß in dem Zusammenhang nichts von Benachteiligungen derer, die sich der Jugendweihe in unserer Kleinstadt damals verweigerten, ich weiß aber auch nichts von besonderem schulischem Zuspruch für die beizeiten Strammen des Systems, und in mir selber war nichts geweckt worden, was mich zur eigenen Kenntlichmachung trieb. Ich schlurfte als Jugendlicher entspannt durch die kleinstädtische Mitte.

SCHORLEMMER: Anpassung.

SCHÜTT: Weiß ich gar nicht. Eher nicht, denn Anpassung setzt das Bewusstsein voraus, sich durchaus anders verhalten zu können, diese Distanz zum Geforderten aber aus bestimmten Gründen gezielt aufzugeben. Ich spürte zu nichts einen Gegensatz – Ausdruck vielleicht einer wahrhaft glücklichen Kindheit, unabhängig davon, welche charakterlichen Folgen solche Unberührtheit später haben kann? Der österreichische Essayist Franz Schuh schreibt von Menschen, die pflanzlich ins Leben wachsen. Diese Formulierung erschreckte mich zunächst, inzwischen erkenne ich mich in ihr. Es ist die Beschreibung jener Bewusstlosigkeit, deren Triebe in jede Form hineingedeihen und die dann überall zurande kommen, ohne dass sie von sich selber absehen müssten. Weil man selber – formlos, taub – keinen Kern ausbildet?

Jedenfalls musste ich nicht lavieren, um ein Gefühl, das quer zur Welt stand, unter den obwaltenden Umständen zu unterdrücken. Denn ich hatte solch ein Gefühl nicht. Die Christenlehre hinterließ nichts in mir, die Jugendweihestunden bewirkten kaum mehr. Ich nahm an allem teil, war aber an nichts beteiligt; wenn es freilich darauf ankam, hatte ich die richtige Antwort parat – das entscheidende, auch schulische Prinzip. Solche Absicherungstechnik ließ mit der Zeit meine Aufmerksamkeit dafür sinken, ob das vermeintlich Richtige, das ich von mir gab, nicht doch nur das war, was man von mir erwartete.

GYSI: Das Problem ist doch: Das Gemisch der Seelen, die eine Bevölkerung ausmachen, ist farbiger als jede festschreibende Tendenz. Eine Gesellschaft stirbt in einem einzelnen Gemüt sehr langsam ab. Erinnerungen und Erfahrungen möchten sich nicht einschüchtern lassen von Anherrschung durch heutiges Wissen und nachholende Bewusstseinsstände.

SCHORLEMMER: Sie meinen die Menschen, die mal DDR-Bürger waren.

GYSI: Ja.

SCHORLEMMER: Aber da sind auch noch die Gegner des stalinistischen Systems, diese Andersveranlagten, denen die Begeisterung für die DDR nicht gelingen wollte – sie dürfen sich erst seit 1990 rücksichtslos artikulieren, und das schließt offenbar deren Vorsicht bis heute ein, nicht zu früh wieder gutgläubig zu werden. Dies ist links zu berücksichtigen, will man heute für morgen gemeinsam Politik betreiben. Das große Glück ist: Linkem Gerechtfertigtsein wachsen keine Mittel mehr zu, etwas barsch abzuschneiden, fies weiterzumelden, feist abzulehnen, grinsend zu verbieten, hochnäsig zu zensieren.

GYSI: Das ist völlig in Ordnung so. Aber das große Unglück ist, dass derzeitige Geschichtsschreibung meint, man könne alles Leben in der DDR unter die Schablone einer geschlossenen Mentalität zwingen. Das ist mehr als dumm. Und weil Sie von materieller Entschädigung sprachen – darf ich zum Thema etwas Bitter-Kurioses einwerfen? Also, der Rechtsstaat kann wirklich eine atemberaubende Akkuratesse aufbringen. Zu mir kam ein Mandant, ihm stand jene Haftentschädigung zu, die bei politischer Verfolgung nach sechs Monaten im DDR-Gefängnis fällig wird. Nun war es in der DDR so: Du konntest auch sonnabends oder sonntags festgenommen werden, aber entlassen wurde man am Wochenende nicht. Der Mann war an einem Sonntag festgenommen worden, entlassen hat man ihn aber an einem Freitag, einen Tag früher, denn hätte man ihn erst am Montag entlassen, wäre das über das Strafmaß hinausgegangen und also Freiheitsberaubung gewesen. Kurzum: Die Haftentschädigung verweigerte man dem Mann, denn die sechs Monate waren nicht voll – es fehlte ja ein Tag. Das muss man sich mal vorstellen! Nur wegen dieser Strafvollzugsregelung in der DDR. Die Freiheitsstrafe von sechs Monaten galt als verbüßt.

SCHORLEMMER: Das eine so dämlich wie das andere. Was sagt uns das?

GYSI: Ein bisschen DDR steckt in jedem System.

SCHORLEMMER: Hoffentlich kommen wir diskutierend nicht zu der Erkenntnis, dass die Portion DDR in unserem jetzigen System merklich größer wird, als wir uns zugeben wollen.

SCHÜTT: Sie beide betreten regelmäßig Kanzeln oder stehen an anderen Rednerpulten. Wie kommt es, dass gerade Linke und Pastoren mitunter den Eindruck erwecken, sie hätten nicht nur die besseren Argumente, sondern seien auch gleich dazu noch die besseren Menschen? Ist das die Krux der notorischen Welterklärer?

GYSI: Lachen Sie doch mal völlig zwanglos, Herr Schorlemmer, ich finde die Fragestellung nicht nur übel.

SCHORLEMMER: Jetzt ist endgültig der Punkt erreicht, da ich mich überhaupt nicht darum reiße, als Erster von uns beiden zu antworten.

SCHÜTT: Ich ahne, Sie tun’s trotzdem.

SCHORLEMMER: Man hält etwas für richtig, und man sagt es laut – daran ist nichts Ehrenrühriges. Und klar: Wenn man etwas benennt, das einen sehr bewegt und worüber andere leider schweigen, dann geht das nur mit einem gewissen Ruck, den man sich selber gibt.

SCHÜTT: Es muss einem Spaß machen, etwas zu behaupten.

SCHORLEMMER: Unbedingt. Zu sagen, des Menschen Würde sei unantastbar, ist ja nun wirklich eine steile Behauptung. Die sitzt! Ohne Behauptung bewegt sich im Geistigen nichts. Mag schon sein, dass dies manchmal den Anschein einer pädagogischen Selbstermächtigung hat. Aber ich empfinde mich wirklich nicht als Besseren, nur weil ich vielleicht besser als andere mit dem Wort umgehen kann. Und wer die christliche Botschaft verbreitet, ist von vornherein keiner, der sich auf eine höhere Warte berufen darf. Wer so etwas denkt, hat die Heilige Schrift nicht verstanden. Die Botschaft des Jesus von Nazareth lautet nicht: Du bist gut, und sag es allen, nein, sie sagt: Du bist ein gerecht Gesprochener, du bist ein armer Sünder, um nicht zu sagen, ein armes Schwein; du bist einer, der den Versuchungen des Lebens laufend erliegt; du bist ein Irrender. Aber dennoch kannst du neu anfangen – du bist geliebt, nicht weil du so gut bist, sondern: Du bist gut, weil du geliebt bist. Martin Luther formulierte es in seinen Heidelberger Thesen 1518 so: »Wir sind nicht geliebt, weil wir schön sind, sondern wir sind schön, weil wir geliebt sind.«

GYSI: Das ist doch ein großartiger Satz, nicht nur im theologischen Sinne.

SCHORLEMMER: Also, ich kann nicht zu anderen Menschen predigen ohne gleichzeitige Selbstprüfung. Und ich weiß doch sehr wohl, wie schnell man sich, öffentlich redend, vom Beifall, von Selbstgewissheit mitreißen lässt.

GYSI: Da stimme ich Ihnen unbedingt zu. Es ist nicht immer einfach, sich wieder einzufangen.

SCHORLEMMER: Der Apostel Paulus äußert den schönen Gedanken: »Sie ermangeln alle des Ruhmes. Es ist nicht einer, der da von sich sagen könnte, er sei gerecht.« Also: Der Mensch ist klein, er ist gering. Und jetzt kommt wieder das Aber: Steh trotzdem auf, denn du bist frei! Erlebe es mit allen Sinnen, von inneren Bedrängungen frei zu sein – ohne je in falsch verstandener Kühnheit zu behaupten, dass diese Freiheit eine Ewigkeitsgarantie hätte.

SCHÜTT: Gott ist sozusagen ein Tätigkeitswort, es steht für die Arbeit, mit sich ins Reine zu kommen – ohne Säuberungsgedanken gegen andere.

GYSI: Ich weiß nicht, ob man dazu Gott braucht. Obwohl … Erinnern Sie mich nachher noch mal, zu Gott hätte ich noch eine Bemerkung … Ich möchte nur einwerfen, dass es wirklich entscheidend ist, an einem Rednerpult relativ zu bleiben.

SCHÜTT: Was heißt das?

GYSI: Natürlich weiß ich, dass viel mehr Erfahrungen in einen Standpunkt passen, den ich etwa bei einer Rede im Bundestag oder in einer Fernsehsendung vertrete. Aber im Dienste der politischen Interessen, die ich vertrete, muss ich vieles wegschneiden.

SCHORLEMMER: Sich an jemanden wenden und zugleich im lauten, öffentlichen Selbstgespräch bleiben, das wär’s.

GYSI: Das ist fast unmöglich – in einer Kultur der Schlagworte und prasselnden Wortfolgen.

SCHÜTT: Aber gefragt war speziell nach den Linken, warum die mitunter wirken, als seien sie propagierend und agitierend die besseren Menschen.

GYSI: Das lässt sich ganz leicht geschichtsgenetisch begründen. Die Linken glaubten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein – das war der Grundfehler ihrer Macht. Sie waren im Besitz wichtiger Wahrheiten und wurden dafür verfolgt – das war der Grundschmerz ihrer vorausgehenden Ohnmacht. Mit beidem hat die politische Psyche der Linken noch heute zu tun und zu kämpfen. Ich finde, es ist kein einziges Argument, kein einziges Programm im politischen, ethischen, moralischen Streit aller Parteien derart, dass sich Parteigänger unanfechtbar fühlen dürfen.

SCHÜTT: Stellen Sie sich vor, Herr Gysi, Sie gründeten eine neue Partei.

GYSI: Kategorisch: Nein!

SCHÜTT: Doch.

GYSI: Dann wäre es eine Partei der Leute, die nicht sicher sind, recht zu haben.

SCHORLEMMER: Ich würde sofort das erste Mitglied.

SCHÜTT: Eine solche Partei überspränge keine Fünf-Prozent-Hürde.

SCHORLEMMER: Zur Unanfechtbarkeit: Es gibt in der Theologie den alten Streit, ob im Römerbrief Kapitel sieben oder Römerbrief Kapitel acht das wichtigere sei. Im Kapitel sieben sagt Paulus, der Mensch wolle Gutes tun, versage aber, also: Er wisse, was gut ist, aber er handele nicht danach. »Das Wollen hab ich wohl, nur das Vollbringen hab ich nicht.« Darin steckt diese anthropologische Grundeinsicht, dass der Mensch in Widersprüchen eingeklemmt ist, dass er um die Unlösbarkeit dieser existenziellen Widersprüche weiß und dadurch so gedankenreich wie tatenarm wird. Kapitel acht nun feiert das Dasein – trotz dieser bedrängenden Widersprüche. Da wird von der herrDDR