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Holmes verfügte schon in seinen College-Jahren über einen scharfen Verstand. Vom Vater eines Freundes herausgefordert, provoziert er durch seine Enthüllungen bei diesem einen Schwächeanfall, und muss schon sehr bald herausfinden, was der mysteriöse Mr. Hudson und ein Brief mit einem weiteren Schlaganfall des alten Mannes zu tun haben.

Arthur Conan Doyle

Die »Gloria Scott«

Die Memoiren von Sherlock Holmes

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

»Ich habe hier einige Papiere«, sagte mein Freund Sherlock Holmes, als wir an einem Winterabend beim Kaminfeuer saßen, »die es wert wären, Watson, überflogen zu werden. Das sind die Dokumente des außergewöhnlichen Falls, der mit der ›Gloria Scott‹ zusammenhängt, und dies ist die Nachricht, bei deren Lesen den Friedensrichter Trevor vor Schreck der Schlag getroffen hat.«

Er hatte ein kleines, angelaufenes Metallrohr aus der Schublade genommen, löste das Band und reichte mir eine kurze Mitteilung– auf eine halbe Seite schiefergrauen Papiers gekritzelte Wörter.

Da stand: »Die lange erwartete Jagd auf Wild hat heute schon begonnen. Der Oberförster Hudson, unser Freund, hat mir bereits alles nötige Wissen preisgegeben. Komme im Verlauf der Woche, um Dich und Dein Fasanenweibchen am Leben zu finden.«

Als ich von der rätselhaften Botschaft aufblickte, sah ich, daß Holmes sich über meinen Gesichtsausdruck amüsierte.

»Sie blicken ein wenig verstört drein«, sagte er.

»Ich verstehe nicht, wie so eine Nachricht Schrecken hervorrufen kann. Sie scheint mir eher grotesk.«

»So scheint es. Aber die Tatsache bleibt, daß es den Empfänger, einen wackeren, robusten alten Mann, beim Lesen glatt niedergestreckt hat, so, als hätte ihn eine Pistolenkugel getroffen.«

»Sie machen mich neugierig«, sagte ich. »Aber warum meinten Sie, es gäbe einen besonderen Grund, aus dem ich diesem Fall meine Aufmerksamkeit schenken sollte?«

»Weil er der erste war, in den ich mich eingelassen habe.«

Ich hatte oft versucht, aus meinem Gefährten herauszubekommen, was ursprünglich sein Interesse auf kriminalistische Untersuchungen gelenkt hat, aber nie war ich bei ihm auf eine mitteilsame Laune gestoßen. Jetzt saß er vorgeneigt in seinem Lehnsessel und breitete die Dokumente auf den Knien aus. Dann zündete er sich die Pfeife an, rauchte und ging dabei die Papiere durch.

»Haben Sie mich nie von Victor Trevor sprechen hören?« fragte er. »Er war mein einziger Freund während der zwei Jahre, die ich auf dem College verbrachte. Ich war nie sehr gesellig, Watson, und habe mich auch nicht viel mit den Leuten meines Studienjahrs abgegeben; eher fand ich Freude daran, die Zeit in meiner Wohnung zu verträumen und meine unbedeutenden Denkmethoden auszuarbeiten. Außer Fechten und Boxen hatte ich wenig sportliche Interessen, auch meine Studien unterschieden sich von denen der anderen Jungs, und also gab es keine Kontaktmöglichkeiten. Trevor war der einzige, den ich kannte, und das auch nur durch seinen Bullterrier, der sich eines Morgens, als ich zur Kapelle ging, in mein Fußgelenk verbiß.

Das war eine prosaische Art, Freundschaft anzufangen, aber eine wirkungsvolle. Zehn Tage lag ich flach, und Trevor kam häufig und kümmerte sich um mich. Zuerst blieb er nur eine Minute, bald aber dehnte er seine Besuche aus, und am Ende des Semesters waren wir gute Freunde. Er war ein herzlicher, vitaler Bursche, voller Geist und Energie, in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von mir; dennoch fanden wir, daß wir einiges gemeinsam hatten, und als ich erfuhr, daß er ohne Freunde war wie ich, wurde das zum Freundschaftsband. Schließlich lud er mich in das Haus seines Vaters ein, nach Donnithorpe in Norfolk, und ich nahm seine Gastfreundschaft während der großen Ferien einen ganzen Monat lang in Anspruch.

Der alte Trevor war offensichtlich ein ziemlich wohlhabender und angesehener Mann, J. P. und Grundbesitzer. Donnithorpe ist ein Dörfchen im Norden von Langmere, mitten in den Broads. Das altertümliche Haus war ein geräumiges, solides Backsteingebäude, zu dem eine schöne Lindenallee hinführte. Es gab eine ausgezeichnete Wildentenjagd im Moor, bemerkenswerte Fischgründe, eine kleine, aber erlesene Bibliothek, die man, wie ich erfuhr, vom früheren Besitzer übernommen hatte, und eine leidlich gute Köchin, so daß man schon ein Mäkler hätte sein müssen, um dort nicht einen angenehmen Monat verbringen zu können.