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Ein Mann ist tot. Er befand sich zur Tatzeit in einem verschlossenen Raum mit seiner Frau, doch die ist schwerstbehindert. Kann sie es gewesen sein oder war noch jemand im Raum?

Arthur Conan Doyle

Der verkrüppelte Mann

Die Memoiren von Sherlock Holmes

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Eines Sommerabends, einige Monate nach meiner Hochzeit, saß ich am häuslichen Herd, rauchte eine letzte Pfeife und döste über einem Roman, denn des Tages Arbeit hatte mich erschöpft. Meine Frau war schon schlafen gegangen, und von den Schließgeräuschen an der Haustür wußte ich, daß sich auch die Hausangestellten zurückgezogen hatten. Als ich aufstand, um die Pfeife auszuklopfen, hörte ich plötzlich die Glocke läuten.

Ich sah zur Uhr. Es war Viertel vor zwölf. Das konnte kein Besucher sein, zu so später Stunde. Offenbar ein Patient, und das bedeutete möglicherweise, daß ich die ganze Nacht aufbleiben mußte. Mit saurem Gesicht ging ich in die Halle und öffnete die Tür. Zu meinem Erstaunen war es Sherlock Holmes, der auf meiner Schwelle stand.

»Ah, Watson«, sagte er, »ich hatte gehofft, es wäre noch nicht zu spät, Sie zu stören.«

»Kommen Sie herein, mein Lieber.«

»Sie sind erstaunt, kein Wunder! Doch auch erleichtert, wie ich mir vorstellen kann. Hm. Sie rauchen noch wie in Junggesellentagen die Arcadia-Mixture! Kein Zweifel, bei der flockigen Asche auf Ihrem Rock. Übrigens erkennt man leicht, daß Sie es einmal gewohnt waren, Uniform zu tragen, Watson. Sie werden nie als waschechter Zivilist passieren, solange Sie die Angewohnheit haben, das Taschentuch im Ärmel zu tragen. Könnte ich die Nacht über bei Ihnen bleiben?«

»Mit Vergnügen.«

»Sie sagten mir, Sie hätten Platz für einen Junggesellen, und ich sehe, Sie haben heute keinen Besucher. Jedenfalls verrät das Ihre Hutablage.«

»Es wird mich freuen, wenn Sie bleiben.«

»Vielen Dank. Dann werde ich mich also an einen leeren Haken hängen. Es tut mir aber leid, daß Sie den britischen Handwerker im Haus haben, diese Verkörperung allen Übels. Ich hoffe, es ist nicht der Abfluß.«

»Nein, das Gas.«

»Aha! Er hat mit seinen Stiefeln zwei Nagelabdrücke auf dem Linoleum hinterlassen, dort, wo gerade das Licht hinfällt. Nein danke, ich habe in der Nähe von Waterloo Station schon zu Abend gegessen, aber es wäre mir ein Vergnügen, eine Pfeife mit Ihnen zu rauchen.«

Ich reichte ihm meinen Tabakbeutel, und er nahm mir gegenüber Platz, rauchte und schwieg. Ich war mir bewußt, daß ihn nur eine wichtige Angelegenheit um diese Zeit hergeführt haben konnte, und so wartete ich geduldig, bis er auf sie zu sprechen kommen würde.

»Ich sehe, daß Sie beruflich ziemlich eingespannt sind«, sagte er und sah mich durchdringend an.

»Ja, ich habe einen geschäftigen Tag hinter mir«, antwortete ich. »Vielleicht finden Sie es töricht«, fügte ich hinzu, »aber ich weiß wirklich nicht, wie Sie darauf geschlossen haben.«

Holmes kicherte vor sich hin.

»Ich bin im Vorteil, weil ich Ihre Gewohnheiten kenne, mein lieber Watson«, sagte er. »Wenn Sie wenig zu tun haben, dann gehen Sie zu Fuß, haben Sie viel zu tun, nehmen Sie einen Hansom. Da ich nun aber beobachte, daß Ihre Schuhe, obwohl Sie offensichtlich draußen waren, nicht schmutzig sind, gibt es für mich keinen Zweifel: Sie sind momentan genügend beschäftigt, um sich einen Hansom leisten zu können.«

»Ausgezeichnet!« rief ich.