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Ein Freund von Dr. Watson steht vor einem Problem: Ein Dokument, von dem er, Mitarbeiter im Außenministerium, eine Abschrift machen sollte, ist aus seinem Büro verschwunden. Um eine diplomatische Katastrophe zu verhindern, ermittelt Holmes auf Hochtouren.

Arthur Conan Doyle

Das Marineabkommen

Die Memoiren von Sherlock Holmes

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Der Juli nach meiner Hochzeit ist bemerkenswert durch drei interessante Fälle, bei denen ich den Vorzug genoß, Sherlock Holmes helfen zu dürfen und seine Methoden studieren zu können. Die Fälle sind in meinen Notizen unter den Titeln »Das Abenteuer um den zweiten Fleck«, »Das Abenteuer um das Marineabkommen« und »Das Abenteuer mit dem müden Kapitän« verzeichnet. Im ersteren Falle geht es um Vorkommnisse von solcher Tragweite, und so viele hochstehende Familien des Königreichs sind darein verwickelt, daß es noch für Jahre unmöglich sein wird, ihn an die Öffentlichkeit zu bringen. Und doch weiß ich keinen anderen unter Sherlock Holmes’ Fällen, der so deutlich den Wert seiner analytischen Methoden zeigte, und auch keinen, der alle Beteiligten so tief beeindruckt hätte. Mir ist noch fast wörtlich das Gespräch in Erinnerung, in dem Holmes Monsieur Dubuque von der Pariser Polizei und Fritz von Waldbaum, dem bekannten Spezialisten aus Danzig, die wahren Zusammenhänge der Tatsachen vorführte, nachdem beide ihre Energie auf Dinge verschwendet hatten, die sich dann als Randerscheinungen herausstellten. Jedoch wird das neue Jahrhundert angehen müssen, ehe die Geschichte erzählt werden kann. So gehe ich denn einstweilen zu dem zweiten Fall auf meiner Liste über, der sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ebenfalls so ausnahm, als besitze er nationale Bedeutung, und den verschiedene Umstände zu etwas Einmaligem machten.

Während meiner Schulzeit war ich mit einem Burschen namens Percy Phelps eng befreundet; er war fast gleichaltrig, dennoch mir zwei Klassen voraus. Mit seinen glänzenden Anlagen gelang es ihm, alle Preise, die die Schule zu vergeben hatte, zu gewinnen, und er krönte seinen Beutezug, indem er sich ein Stipendium erkämpfte, das ihm erlaubte, seine glänzende Karriere in Cambridge fortzusetzen. Ich erinnere mich, daß der Junge über außerordentlich gute Beziehungen verfügte, und sogar wir Kleineren wußten, daß der Bruder seiner Mutter Lord Holdhurst war, der große konservative Politiker. Diese noble Verwandtschaft half ihm allerdings auf der Schule wenig; im Gegenteil, wir fanden es reizvoll, ihn über den Sportplatz zu jagen und ihm mit dem Kricketschläger die Schienbeine zu bearbeiten. Das änderte sich aber, als er in die Welt hinaustrat. Ich hörte, daß seine Fähigkeiten und die Beziehungen, über die er verfügte, ihm eine glänzende Stellung im Außenministerium eingetragen hatten. Danach schwand er völlig aus meinem Bewußtsein, bis mich der folgende Brief wieder an seine Existenz erinnerte:

Briarbrae, Woking

Mein lieber Watson,

zweifellos erinnerst Du Dich an Kaulquappe Phelps, der in der fünften Klasse war, als Du die dritte besuchtest. Vielleicht hast Du sogar gehört, daß ich durch den Einfluß meines Onkels eine gute Anstellung im Außenministerium erhielt und daß man mir Vertrauen und Ehrungen entgegenbrachte. Aber dann gab es plötzlich ein schreckliches Unglück, und meine Karriere platzte.

Es hat keinen Zweck, die Einzelheiten dieses furchtbaren Ereignisses hier auszubreiten. Wenn Du auf meine Bitte eingehst, werde ich sie Dir wahrscheinlich mitteilen müssen. Erst kürzlich bin ich von einem neunwöchigen Nervenfieber genesen und fühle mich noch äußerst schwach. Glaubst Du, daß Du Deinen Freund, Mr. Holmes, bewegen könntest, mich zu besuchen? Ich möchte gern seine Meinung zu dem Fall einholen, auch wenn mir die Vorgesetzten versichern, es ließe sich nichts mehr unternehmen. Versuch bitte, ihn zu einem Besuch bei mir zu überreden, und so bald als möglich. Jede Minute scheint eine Stunde zu dauern, seit ich in dieser schlimmen Ungewißheit lebe. Versichere ihm, daß ich mich nicht früher schon an ihn um Rat wandte, liege nicht daran, weil ich seine Fähigkeiten nicht schätzte; ich verlor einfach den Kopf, als der Schlag auf mich niederfiel. Jetzt bin ich wieder ganz bei Sinnen, wenn ich auch nicht allzuoft an die Sache zu denken wage, aus Furcht, ich könnte einen Rückfall erleiden. Ich fühle mich noch so schwach, daß ich, wie Du siehst, den Brief diktieren muß. Versuche es, ihn hierherzubringen.

Dein alter Schulkamerad

Percy Phelps

Es lag etwas Rührendes in dem Brief, etwas Mitleiderregendes in der Art, wie er wiederholt an mich appellierte, Holmes für ihn zu interessieren. Ich war so bewegt, daß ich es versucht hätte, wäre es auch eine schwierige Sache gewesen. Aber natürlich wußte ich sehr gut, daß Holmes seine Kunst dermaßen liebte, daß er immer bereit war, seine Hilfe zu gewähren, wenn ein Klient sie annehmen wollte. Meine Frau stimmte mit mir darin überein, daß man ihm die Bitte unverzüglich vortragen sollte, und so befand ich mich schon eine Stunde nach dem Frühstück wieder einmal in der alten Wohnung in der Baker Street.

Mein Freund saß im Morgenmantel an einem Tischchen und führte konzentriert eine chemische Untersuchung durch. Über der bläulichen Flamme eines Bunsenbrenners kochte etwas wild in einer großen, mehrfach gebogenen Retorte, und die destillierten Tropfen fielen in ein Zweilitergefäß. Er blickte kaum auf, als ich eintrat, und ich setzte mich in einen Lehnstuhl und wartete, da ich sah, daß seine Untersuchung offenbar wichtig war. Er stocherte mit einer gläsernen Pipette in dieser und jener Flasche und entnahm jeweils ein paar Tropfen und brachte schließlich ein Reagenzglas mit einer Lösung zum großen Tisch. In der rechten Hand hielt er ein Stück Lackmus-Papier.

»Sie kommen in einem entscheidenden Augenblick, Watson«, sagte er. »Wenn das Papier blau bleibt, dann ist alles gut. Wenn es sich rot färbt, steht das Leben eines Mannes auf dem Spiel.« Er tunkte es in das Reagenzglas, und sofort nahm es eine dunkle, schmutzigrote Färbung an. »Hm! Das habe ich mir gedacht!« rief er. »In einer Sekunde stehe ich Ihnen zu Diensten, Watson. Tabak finden Sie im persischen Pantoffel.« Er wandte sich zum Schreibpult und setzte einige Telegramme auf, die er dem Diener übergab. Dann warf er sich mir gegenüber in einen Sessel und zog die Knie so weit hoch, daß er die Arme um die Schienbeine schlingen konnte.

»Ein ganz gewöhnlicher kleiner Mord«, sagte er. »Ich nehme an, Sie bringen etwas Besseres. Sie sind der Sturmvogel des Verbrechens, Watson. Was ist es diesmal?«

Ich reichte ihm den Brief, und er las ihn mit äußerst konzentrierter Aufmerksamkeit.

»Dem kann man nicht sehr viel entnehmen«, bemerkte er und gab ihn mir zurück.

»Ja, kaum etwas.«

»Und doch ist die Handschrift interessant.«

»Es ist aber nicht seine.«

»Stimmt. Es ist eine Frauenhandschrift.«

»Ich dachte, es sei die eines Mannes!« rief ich.

»Nein, es ist die einer Frau, und zwar einer mit ungewöhnlichem Charakter. Am Beginn einer Untersuchung zu wissen, daß der Klient in enger Beziehung zu jemandem steht, der im Guten wie im Bösen außergewöhnlich ist, bedeutet schon etwas. Mein Interesse an dem Fall ist schon geweckt. Wenn Sie bereit sind, können wir sofort nach Woking aufbrechen und den Diplomaten, der sich so arg in der Klemme befindet, und die Frau, der er seine Briefe diktiert, besuchen.«