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Sprachen versteht Melas viele, doch sein letzter Auftrag lässt auch den griechischen Dolmetscher ratlos zurück. Die Angelegenheit ist von größter Wichtigkeit, sonst wäre Sherlock Holmes nicht von seinem Bruder Mycroft herbeigezogen worden.

Arthur Conan Doyle

Der griechische Dolmetscher

Die Memoiren von Sherlock Holmes

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

In der Zeit meiner langen und vertrauten Bekanntschaft mit Mr. Sherlock Holmes hatte ich ihn nie von seiner Verwandtschaft und kaum einmal über sein früheres Leben sprechen hören. Diese Verschwiegenheit beförderte in mir dann und wann den irgendwie unmenschlichen Eindruck, er sei eine isolierte Erscheinung, ein Hirn ohne Herz und so sehr allen Mitgefühls bar wie an Intelligenz herausragend. Seine Aversion gegen Frauen und seine Abneigung, neue Freundschaften zu schließen, waren so typisch für sein gefühlsarmes Naturell wie die völlige Unterdrückung jeden Bezugs auf seine Familie. Mit der Zeit glaubte ich, er sei eine Waise ohne lebende Verwandte, aber eines Tages begann er zu meiner Überraschung von seinem Bruder zu sprechen.

Es war an einem Sommerabend nach dem Tee, und die Unterhaltung, die sich oberflächlich und krampfhaft zwischen Golf-Clubs und dem Wechsel im System der Unregelmäßigkeiten von Sonnenfinsternissen bewegt hatte, führte schließlich zu den Fragen des Wiederauftretens von Eigenschaften entfernter Ahnen und der Vererbbarkeit von Begabungen überhaupt. Der Punkt, an dem wir uns festbissen, war, wieweit besondere Talente eines Individuums auf Vorfahren zurückgingen und wieweit sie eigenem Bemühen von Jugend an zu verdanken seien.

»In Ihrem Fall«, sagte ich, »scheint es mir nach allem, was Sie mir erzählt haben, doch offensichtlich, daß Ihre Beobachtungsgabe und Ihre besondere Fähigkeit zu schlußfolgern auf Ihr systematisches Training zurückzuführen sind.«

»In gewisser Hinsicht«, antwortete er nachdenklich. »Meine Vorfahren waren Landedelleute, und es sieht so aus, als hätten sie ein Leben geführt, das in ihrer Klasse üblich war. Dennoch liegt mir die Entwicklung, die ich genommen habe, im Blut, ist mir möglicherweise von meiner Großmutter vererbt, der Schwester Vernets, des französischen Künstlers. Künstlerische Veranlagungen nehmen oft die seltsamsten Formen an.«

»Aber woher wissen Sie denn, daß sie vererbt wurden?«

»Weil mein Bruder Mycroft sie in höherem Maße besitzt als ich.«

Das war nun wirklich neu für mich. Wenn es in England noch einen Mann von solch außerordentlichen Fähigkeiten gab, wieso hatte es dann weder die Polizei noch die Öffentlichkeit erfahren? Ich stellte die Frage, nicht ohne anzudeuten, daß es die Bescheidenheit meines Gefährten sei, die ihn seines Bruders Überlegenheit anerkennen ließe. Holmes lachte über meine Unterstellung.

»Mein lieber Watson«, sagte er, »ich stimme nicht mit jenen überein, die Bescheidenheit zu den Tugenden rechnen. Der Logiker sollte jedes Ding als das ansehen, das es ist, und sich zu unterschätzen bedeutet genauso Abschied von der Wahrheit, wie die eigenen Fähigkeiten zu übertreiben. Wenn ich also sage, mein Bruder Mycroft besitzt eine bessere Beobachtungsgabe als ich, dann können Sie beruhigt annehmen, daß ich das wörtlich meine.«

»Ist er jünger als Sie?«

»Sieben Jahre älter.«

»Wieso ist er denn unbekannt?«

»Oh, in seinen Kreisen kennt man ihn gut.«

»Und welche Kreise sind das?«

»Nun, der Diogenes-Club zum Beispiel.«

Von einem solchen Club hatte ich nie gehört, und mein Gesicht schien das auch auszudrücken, denn Sherlock Holmes holte seine Uhr hervor.

»Der Diogenes-Club ist der sonderbarste Club in London und Mycroft einer der sonderbarsten Menschen. Er ist immer dort zu finden, von Viertel vor fünf bis zwanzig vor acht. Jetzt ist es sechs, und wenn Ihnen nach einem Bummel durch diesen wunderschönen Abend der Sinn steht, wäre ich sehr glücklich, Sie mit zwei Kuriositäten bekannt machen zu dürfen.«

Fünf Minuten später waren wir auf der Straße und auf dem Weg nach Regent Circus.