Informationen zum Buch

Ein Mann mietet ein Zimmer und verlässt es daraufhin nicht mehr. Seltsam, findet die Vermieterin, und beauftragt Holmes, herauszufinden, wieso ihr Mieter sich seit Unterzeichnung des Mietvertrags verschanzt hat …

Arthur Conan Doyle

Der Rote Kreis

Der letzte Streich von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel I

Kapitel II

Über Arthur Conan Doyle

Impressum

I

»Nun, Mrs. Warren, ich sehe keinen besonderen Grund zur Beunruhigung und verstehe auch nicht, warum ich, dessen Zeit ziemlich wertvoll ist, mich in die Angelegenheit einmischen sollte. Ich habe wirklich anderes zu tun.« So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder seiner großen Notizsammlung zu, denn er war damit beschäftigt, einiges Material kürzlich behandelter Fälle zu ordnen und zu registrieren.

Aber die Wirtin besaß die Hartnäckigkeit und die Schlauheit ihres Geschlechts. Sie behauptete standhaft ihren Platz.

»Voriges Jahr haben Sie eine Angelegenheit für einen meiner Mieter geregelt«, sagte sie, »für Mr. Fairdale Hobbs.«

»Ach ja – eine unbedeutende Sache.«

»Aber er hat immer wieder davon erzählt – von Ihrer Freundlichkeit, Sir, und von der Art und Weise, wie Sie Licht in das Dunkel brachten: An seine Worte habe ich mich erinnert, als ich selber in Zweifel und ins Dunkel geraten bin. Ich weiß, Sie könnten, wenn Sie nur wollten.«

Holmes war zugänglich für Schmeicheleien und, um ihm Recht widerfahren zu lassen, auch für Freundlichkeiten. Diese beiden Kräfte bewegten ihn, den Kleisterpinsel mit einem ergebenen Seufzer aus der Hand zu legen und den Stuhl zurückzuschieben.

»Gut, gut, Mrs. Warren, lassen Sie also hören, was es gibt. Gegen Tabak haben Sie wohl nichts einzuwenden, nehme ich an. Vielen Dank. Watson, die Streichhölzer! Wenn ich recht verstehe, sind Sie beunruhigt, weil der neue Mieter in seinem Zimmer bleibt und Sie ihn nicht zu sehen bekommen. Aber bedenken Sie nur, Mrs. Warren, wenn ich Ihr Mieter wäre, würden Sie mich oft wochenlang nicht zu Gesicht bekommen.«

»Zweifellos, Sir, aber das ist etwas anderes. Dieses macht mir Angst, Mr. Holmes. Ich kann vor Angst nicht schlafen. Ich höre seine schnellen Schritte mal hier, mal dort, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, und ich kann nie auch nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen – das ist mehr, als ich aushalte. Meinen Mann hat es schon ganz nervös gemacht, aber er ist den ganzen Tag auf Arbeit, während ich keine Ruhe finde. Warum versteckt er sich? Was hat er angestellt? Von dem Mädchen abgesehen, bin ich immer allein mit ihm im Hause; das ist mehr, als meine Nerven aushalten.«

Holmes beugte sich vor und legte der Frau die dünnen, langen Finger auf die Schulter. Wenn er wollte, ging von ihm eine nahezu hypnotische Kraft aus, durch die er die Leute besänftigen konnte. Der ängstliche Ausdruck schwand aus ihren Augen, und die erregten Züge entspannten sich. Sie setzte sich in den Sessel, den er ihr gewiesen hatte.

»Wenn ich mich um die Sache kümmern soll, muß ich jede Einzelheit kennen«, sagte er. »Lassen Sie sich Zeit zum Nachdenken. Die geringste Kleinigkeit könnte höchst wichtig sein. Sie sagen, der Mann ist vor zehn Tagen gekommen und hat Ihnen für zwei Wochen Kost und Logis gezahlt?«

»Er fragte nach den Bedingungen, Sir. Ich sagte, fünfzig Schilling die Woche. Er hat ein kleines Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, mit allem, was dazugehört, oben im Haus.«

»Und weiter?«

»Er sagte: ›Ich werde Ihnen fünf Pfund pro Woche zahlen, wenn ich zu meinen eigenen Bedingungen wohnen kann.‹ Ich bin eine arme Frau, Sir, und Mr. Warren verdient wenig, und Geld bedeutet viel für mich. Er zog eine Zehn-Pfund-Note heraus und hielt sie mir gleich hin. ›Das können Sie in Zukunft immer für vierzehn Tage haben, wenn Sie sich an meine Bedingungen halten‹, sagte er. ›Wenn nicht, will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben.‹«

»Was für Bedingungen waren das?«

»Nun, Sir, sie bestanden darin, daß er einen Hausschlüssel verlangte. Das war in Ordnung. Manchmal gebe ich Mietern einen. Außerdem wollte er, daß man ihn völlig in Ruhe ließ und ihn nie, unter welchem Vorwand auch immer, störte.«

»Daran ist doch sicherlich nichts Verwunderliches?«