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Hochgeheime Pläne für den Bau eines U-Boots sind verschwunden. Ein Teil der Dokumente wird bei einem Mitarbeiter gefunden, doch der liegt tot in der U-Bahn und die entscheidenden Pläne sind nach wie vor unauffindbar …

Arthur Conan Doyle

Die Bruce-Partington-Pläne

Der letzte Streich von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

In der dritten Novemberwoche des Jahres 1895 lagerte dichter gelber Nebel über London. Ich zweifle, ob es in der Zeit zwischen Montag und Donnerstag überhaupt möglich war, aus unseren Fenstern in der Baker Street die Umrisse der gegenüberliegenden Häuser zu erkennen. Den ersten Tag hatte Holmes mit Vergleichsarbeiten an seinem großen Nachschlagewerk verbracht. Der zweite und dritte Tag wurden geduldig einem Gegenstand gewidmet, den er unlängst unter seine Hobbys aufgenommen hatte – der mittelalterlichen Musik. Aber dann, am vierten Tag, wir hatten unsere Stühle vom Frühstückstisch zurückgeschoben und sahen, daß draußen noch immer die schmierigen, schweren braunen Wirbel trieben und sich an den Scheiben in öligen Tropfen niederschlugen, konnte die ungeduldige, aktive Natur meines Freundes das gelblich graue Dasein nicht länger ertragen. Rastlos durchmaß er das Wohnzimmer, fiebrig vor unterdrückter Energie, kaute Nägel, klopfte gegen die Möbel, wütete gegen die Tatenlosigkeit.

»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er.

Ich war mir bewußt, daß Holmes, wenn er nach Interessantem fragte, etwas kriminalistisch Interessantes meinte. Es gab Meldungen über eine Revolution, über einen möglicherweise bevorstehenden Krieg und über einen drohenden Regierungswechsel; aber solche Neuigkeiten lagen außerhalb des Horizonts meines Gefährten. An Verbrechensähnlichem fand ich unter den Berichten nichts, das nicht alltäglich und nichtig gewesen wäre. Holmes seufzte und nahm die rastlose Zimmerwanderung wieder auf.

»Der Londoner Verbrecher ist ein wahrhaft stumpfsinniger Bursche«, sagte er in dem streitsüchtigen Ton eines Sportsmannes, der sein Spiel verliert. »Schauen Sie aus dem Fenster, Watson. Sehen Sie, die Gestalten werden kaum erkennbar und tauchen gleich wieder in dem düsteren Nebel unter. Diebe und Mörder können an solchen Tagen London durchstreifen wie Tiger den Dschungel, unbemerkt schlägt die Klaue zu, die Tat wird erst am Opfer offenkundig.«

»Es hat«, sagte ich, »eine Reihe armseliger Einbrüche gegeben.«

Holmes schnaubte verächtlich.

»Diese weite dunkle Bühne ist größerer Dinge würdig. Es ist ein Glück für das Gemeinwesen, daß ich kein Verbrecher bin.«

»In der Tat, das stimmt«, sagte ich aufrichtig.

»Angenommen, ich wäre Brooks oder Woodhouse oder einer der fünfzig Männer, die mir mit gutem Grund nach dem Leben trachten; wie lange könnte ich eine Verfolgung nach meiner Art überleben? Eine Vorladung, eine fingierte Verabredung, und es wäre aus. Es ist gut, daß sie in den lateinischen Ländern keine Nebeltage haben – den Ländern des Meuchelmords. Beim Jupiter! Da kommt doch noch einer, unsere tödliche Monotonie zu unterbrechen.«

Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und fing laut zu lachen an.

»Gut, gut! Was denn noch?« sagte er. »Bruder Mycroft kommt vorbei.«

»Warum nicht?« fragte ich.

»Warum nicht? Das ist ein Ereignis, als begegnete Ihnen ein Straßenbahnwagen auf der Landstraße. Mycroft läuft in seinen eigenen Gleisen. Seine Wohnung in der Pall Mall, der Diogenes Club, Whitehall – das ist der Kreis, den er ausschreitet. Einmal, und nur ein einziges Mal, war er hier. Was mag ihn aus dem Gleis geworfen haben?«

»Erklärt er nichts?«

Holmes drückte mir das Telegramm seines Bruders in die Hand:

›Muß Dich wegen Cadogan West sehen. Komme gleich. Mycroft‹

»Cadogan West? Den Namen kenne ich.«

»Mir sagt er nichts. Aber daß Mycroft derartig aus der Rolle fällt! Da könnte auch ein Planet seine Bahn verlassen. Wissen Sie, was Mycroft treibt?«

Ich hatte eine vage Erinnerung, daß mein Freund es mir zur Zeit unseres Abenteuers mit dem griechischen Übersetzer erklärt hatte.

»Sie sagten mir, er bekleide ein kleines Amt bei der britischen Regierung.«

Holmes kicherte.

»Ich kannte Sie damals noch nicht so gut. Über hohe Staatsangelegenheiten zu sprechen, bedeutet, daß man Diskretion wahren muß. Sie denken richtig, wenn Sie vermuten, er sei bei der britischen Regierung beschäftigt. Sie hätten aber in gewisser Weise auch recht, wenn Sie sagten, er ist zuweilen die britische Regierung.«

»Mein lieber Holmes!«

»Ich dachte mir, daß es Sie in Erstaunen versetzen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund im Jahr, verbleibt im Status eines subalternen Angestellten, hat überhaupt keine wie immer gearteten Ambitionen, wird weder Titel noch Ehrung empfangen, ist aber gleichzeitig der unentbehrlichste Mann im Lande.«

»Wie das?«

»Nun, seine Stellung ist einmalig. Er hat sie für sich selbst geschaffen. Etwas Ähnliches hat es vor ihm nicht gegeben und wird es auch nie wieder geben, Er ist mit dem feinsten, in höchster Ordnung arbeitenden Gehirn begabt, das bei Lebenden nur vorkommen kann, und dessen hervorstechendste Fähigkeit besteht darin, Fakten zu speichern. Die gleichen großen Fähigkeiten, die ich für die Aufklärung von Verbrechen ausgebildet habe, setzt er für sein spezielles Amt ein. Durch ihn gehen die Beschlüsse aller Departements, und er ist die Vermittlungszentrale, die Verrechnungsstelle, die die Bilanz zieht. Alle anderen sind Spezialisten, sein Spezialgebiet ist Allwissenheit. Nehmen wir einmal an, ein Minister benötigt Informationen etwa zu einem Problem, das die Marine, Indien, Kanada und zugleich die Frage der Bimetalle berührt; über jedes könnte er getrennte Berichte von den verschiedenen Departments einholen, aber nur Mycroft kann sie übereinbringen und aus dem Stegreif sagen, wie jeder Faktor auf den anderen einwirkt. Anfangs nutzten sie ihn als Abkürzungsweg, weil es für sie so bequemer war; mittlerweile hat er sich unentbehrlich gemacht. In dem einmaligen Hirn, das er besitzt, liegt alles in dem ihm zukommenden Fach und kann im Nu abgerufen werden. Wieder und wieder hat sein Wort die nationale Politik entschieden. Darin lebt er. Er denkt nichts anderes, außer wenn ich mich an ihn wende und ihn für eines meiner kleinen Probleme um Rat bitte, was er dann als eine Geistesübung betrachtet. Heute aber steigt Jupiter herab. Was in aller Welt kann das bedeuten? Wer ist Cadogan West, und was bedeutet er für Mycroft?«

»Ich hab’s«, rief ich und tauchte in die Zeitungen, die auf dem Sofa herumlagen. »Ja, ja, hier hab ich ihn, das ist er sicher! Cadogan West – den Mann hat man am Dienstagmorgen tot in der Underground gefunden.«

Holmes richtete sich gespannt auf, die Pfeife blieb auf halbem Weg zu den Lippen hängen.