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Ein deutscher Agent bekommt am Vorabend des Ersten Weltkrieges wichtige Informationen zugespielt. Eigentlich läuft alles gut und niemand wird ermordet. Was also hat Sherlock Holmes damit zu tun?

Arthur Conan Doyle

Sein letzter Streich

Der letzte Streich von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

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Ein Nachruf auf Sherlock Holmes

Es war neun Uhr abends, der 2. August – im schrecklichsten August der Weltgeschichte. Man hätte den Eindruck gewinnen können, als laste Gottes Fluch schwer auf einer degenerierten Welt, denn es herrschte eine furchterregende Stille, und die schwüle und bewegungslose Luft übertrug ein Gefühl ungewisser Erwartung. Die Sonne war schon lange untergegangen, aber weit im Westen klaffte noch ein blutig roter Riß wie eine offene Wunde. Droben glänzten hell die Sterne, und unten in der Bucht schimmerten die Lichter der Schiffe. Die beiden berühmt-berüchtigten Deutschen standen am Geländer der Terrasse, hinter ihnen lag das langgestreckte, niedrige Haus mit dem mächtigen Giebel; sie blickten hinunter auf den weitgeschwungenen Strand am Fuß des hohen Kreidefelsens, auf dem sich von Bork vor vier Jahren wie ein schweifender Adler niedergelassen hatte. Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise und vertraulich miteinander. Von weitem hätte man die glühenden Enden ihrer Zigarren für die schwelenden Augen eines bösartigen Feindes halten können, der ins Dunkle spähte.

Ein bemerkenswerter Mann, dieser von Bork – ein Mann, der mit den anderen Agenten des Kaisers kaum vergleichbar war. Seine Fähigkeiten hatten ihn für die Mission in England, der bedeutendsten aller Missionen, empfohlen, und seit er sie übernommen hatte, waren diese Fähigkeiten dem halben Dutzend Menschen, das wirklich eingeweiht war, immer deutlicher geworden. Einer von ihnen war der Mann, der ihm jetzt Gesellschaft leistete, Baron von Herling, der Erste Sekretär der Botschaft, dessen riesiges 100-PS-Automobil der Marke Benz, den Feldweg versperrend, darauf wartete, seinen Besitzer nach London zurückzutragen.

»Soweit ich die Entwicklung der Ereignisse beurteilen kann, werden Sie wahrscheinlich innerhalb einer Woche wieder in Berlin sein«, sagte der Sekretär. »Wenn Sie dort eintreffen, mein lieber von Bork, werden Sie überrascht sein von dem Willkommen, das man Ihnen entgegenbringt. Zufällig weiß ich, wie man auf höchster Ebene von Ihrer Arbeit in diesem Land denkt.« Der Sekretär war ein Hüne, stark, breitschultrig und hochgewachsen, und er sprach langsam und schwerfällig, was der hauptsächliche Aktivposten in seiner politischen Karriere war.

Von Bork lachte.

»Es ist nicht sehr schwierig, sie hinters Licht zu führen«, bemerkte er. »Fügsamere und einfachere Leute kann man sich gar nicht vorstellen.«

»Davon weiß ich nichts«, sagte der andere nachdenklich. »Sie haben seltsame Schranken aufgerichtet, und man muß lernen, sie zu beachten. Gerade die Einfältigkeit an der Oberfläche wird für den Fremden zur Falle. Auf den ersten Blick sind sie völlig weich. Plötzlich stößt man bei ihnen auf etwas sehr Hartes, dann begreift man, daß die Schranke erreicht ist und muß sich darauf einstellen. Sie pflegen zum Beispiel ihre insularen Konventionen, die auf jeden Fall beachtet werden müssen.«

»Meinen Sie ›gute Manieren‹ und dergleichen?« Von Bork seufzte wie einer, der viel gelitten hat.

»Ich meine das britische Vorurteil mit all seinen verdrehten Erscheinungen. Als ein Beispiel darf ich auf einen meiner größten Schnitzer verweisen – ich kann es mir erlauben, von meinen Fehlern zu sprechen, denn Sie kennen meine Arbeit gut genug, und so auch meine Erfolge. Man hatte mich zu einer Wochenendgesellschaft in das Landhaus eines Ministers eingeladen. Die Unterhaltung war erstaunlich indiskret.«

Von Bork nickte. »Ich war dort«, entgegnete er trocken.