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Zuerst sieht sie ihren Mann zufälligerweise am Fenster einer Opiumhöhle, doch als sie zusammen mit der Polizei zurückkehrt, ist er dazu auch noch spurlos verschwunden. Der letzte, der den Mann gesehen haben soll, ist ein verkrüppelter Bettler. Mal sehen, was Holmes herausfinden kann …

Arthur Conan Doyle

Der Mann mit dem schiefen Mund

Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Isa Whitney, ein Bruder von D. D. Elias Whitney, des verstorbenen Rektors des Theologischen Kollegs von St. George, war stark opiumabhängig. Die Gewöhnung war, soviel ich weiß, von einer törichten Studentenlaune ausgegangen, nachdem er de Quinceys Beschreibung der eigenen Träume und Empfindungen gelesen hatte: In der Absicht, dieselben Wirkungen hervorzurufen, tränkte er seinen Tabak mit Laudanum. Er machte, wie viele andere auch, die Erfahrung, daß es leichter ist, damit anzufangen als aufzuhören, und so wurde er über viele Jahre Sklave des Rauschgifts und für seine Freunde und Verwandten ein Gegenstand des Abscheus und des Mitleids. Ich sehe ihn noch vor mir, mit gelbem, aufgedunsenem Gesicht, schlaffen Lidern, nadelkopfkleinen Pupillen, in einen Sessel gekauert: das Wrack eines noblen Mannes.

Eines Abends, es war im Juni 1889, läutete es an meiner Tür, ungefähr zu der Stunde, da man das erstemal gähnt und zur Uhr sieht. Ich setzte mich im Sessel auf, und meine Frau legte ihre Handarbeit in den Schoß und zog ein enttäuschtes Gesicht.

»Ein Patient«, sagte sie. »Du wirst noch fortgehen müssen.«

Ich seufzte, denn erst kurz zuvor war ich von einem anstrengenden Tag nach Hause gekommen.

Wir hörten die Tür gehen, einige wenige hastige Worte, dann schnelle Schritte auf dem Linoleum. Die Tür flog auf, und eine dunkel gekleidete, schwarzverschleierte Dame betrat das Zimmer.

»Entschuldigen Sie bitte meinen späten Besuch«, sagte sie, und dann, plötzlich ohne Selbstbeherrschung, stürzte sie vor, warf meiner Frau die Arme um den Hals und schluchzte an ihrer Schulter.

»Oh«, rief sie, »ich habe so entsetzlichen Kummer! Ich brauche so sehr ein bißchen Hilfe.«

»Ja, aber«, sagte meine Frau und schob ihr den Schleier hoch, »das ist doch Kate Whitney. Wie hast du mich erschreckt, Kate! Ich hatte keine Ahnung, daß du es warst, die hereinkam.«

»Ich wußte mir nicht mehr zu helfen, so ging ich geradewegs zu euch.«

So war das immer. Leute mit Kummer flogen meiner Frau zu wie dem Leuchtturm die Vögel.

»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist. Du mußt erst einmal einen Schluck Wein und Wasser trinken, dich bequem hier hinsetzen und uns dann alles erzählen. Oder soll ich lieber James zu Bett schicken?«

»O nein, nein. Ich möchte auch den Rat und die Hilfe des Doktors. Es geht um Isa. Er ist seit zwei Tagen nicht zu Hause gewesen. Ich habe solche Angst um ihn!«

Sie erzählte uns nicht zum erstenmal von den Schwierigkeiten, in denen sich ihr Mann befand, mir als dem Arzt, meiner Frau als der alten Freundin aus der Schulzeit. Wir trösteten und beruhigten sie mit Worten, die uns gerade einfielen. Wußte sie, wo ihr Mann war? Konnten wir ihn zurückbringen?

Es schien so. Sie hatte sichere Nachricht, daß er im Rausch seit kurzem eine Opiumhöhle im äußersten Osten der Stadt aufsucht. Bis jetzt hatten seine Orgien immer nur einen Tag gedauert, und er war, grimassierend und zerrüttet, am Abend zurückgekommen. Nun aber dauerte der Anfall schon achtundvierzig Stunden, und zweifellos wälzte er sich jetzt im Dreck der Docks, das Gift inhalierend oder seinen Rausch ausschlafend. Dort, in der ›Bar of Gold‹ in der Upper Swandam Lane, mußte er zu finden sein, dessen war sie gewiß. Aber was sollte sie machen? Wie konnte sie, eine junge, ängstliche Frau, in solch eine Räuberhöhle gehen und ihren Mann herausholen?

So lagen die Dinge, und es gab natürlich nur einen Ausweg. Sollte ich sie nicht zu der Kaschemme begleiten? Und, zweiter Gedanke: Mußte sie überhaupt mitgehen? Ich war Isa Whitneys Hausarzt und hatte als solcher Einfluß auf ihn. Ich würde es allein besser schaffen. Ich versprach ihr fest, ihn innerhalb von zwei Stunden mit einer Droschke nach Hause zu schicken, wenn er wirklich war, wo sie ihn vermutete. Und so hatte ich zehn Minuten später meinen Sessel und mein freundliches Wohnzimmer verlassen und eilte in einem Hansom ostwärts, in einer, wie mir zu diesem Zeitpunkt schien, sonderbaren Mission, aber es sollte sich erst erweisen, wie sonderbar sie in Wirklichkeit war.

Im ersten Abschnitt meines Abenteuers begegnete ich keinen großen Schwierigkeiten. Die Upper Swandam Lane ist eine abscheuliche Gasse, die sich hinter den hohen Werften an der Nordseite des Flusses bis zur London Bridge hinzieht. Versteckt zwischen einer Altkleiderhandlung und einem Ginausschank, am Fuß einer steilen, in einen Abgrund führenden Treppe, entdeckte ich die gesuchte Opiumhöhle. Ich befahl dem Kutscher zu warten, stieg die Stufen hinunter, die in der Mitte von den Tritten Trunkener abgewetzt waren, fand im Licht einer flackernden Öllampe über der Tür die Klinke und betrat einen niedrigen, langen Raum, in dem die Luft dick und schwer vom braunen Opiumrauch war und an dessen Seiten sich wie auf dem Vordeck eines Auswandererschiffes etagenweis hölzerne Kojen hinzogen.