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Die Braut eines adligen jungen Mannes ist nach dem Hochzeitsfest verschwunden. Holmes ahnt bald, dass die Lösung des Falles dem Bräutigam nicht gut bekommen wird.

Arthur Conan Doyle

Der adlige Junggeselle

Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Die Hochzeit von Lord St. Simon und ihr seltsamer Ausgang ist längst nicht mehr Gegenstand des Interesses jener erhabenen Kreise, in denen der unglückliche Bräutigam verkehrt. Neue Skandale und deren pikantere Einzelheiten haben die Geschichte verdunkelt und den Klatsch von dem vier Jahre alten Drama abgezogen. Da es aber Grund gibt, anzunehmen, daß nie alle Details an die Öffentlichkeit gelangt sind, und weil mein Freund Sherlock Holmes beträchtlichen Anteil an der Aufklärung der Angelegenheiten hatte, glaube ich, ein Buch über die Denkwürdigkeiten seines Lebens ohne eine kleine Skizze dieser Episode wäre unvollständig.

Es war einige Wochen vor meiner eigenen Hochzeit, noch lebte ich mit Holmes zusammen in der Wohnung in der Baker Street, als mein Freund, von einem Nachmittagsbummel zurückgekehrt, einen Brief auf dem Tisch vorfand. Ich war den ganzen Tag im Zimmer geblieben, denn es hatte plötzlich zu regnen angefangen, ein heftiger Herbstwind wehte, und die Gewehrkugel, die zum Andenken an die Teilnahme am Afghanischen Feldzug noch in einer meiner Gliedmaßen steckte, pochte mit dumpfer Hartnäckigkeit. Ich lag im Lehnstuhl, die Beine auf einem zweiten Sessel, rings um mich ein Berg Zeitungen, doch schließlich, randvoll mit den Nachrichten vom Tage, hatte ich alles beiseite gelegt und mich träge ausgestreckt. Mein Blick hing an dem riesigen Wappen und dem Monogramm auf dem Briefumschlag, und ich fragte mich, wer wohl der adlige Korrespondent meines Freundes sein mochte.

»Da liegt eine vornehme Epistel«, bemerkte ich, als er eintrat. »Ihre Morgenpost kam, wenn ich mich recht erinnere, von einem Fischhändler und von einem Zollbeamten.«

»Ja, meine Briefe besitzen den Charme der Abwechslung«, antwortete er lächelnd, »und die von den bescheidenen Leuten sind gewöhnlich die interessanteren. Der hier sieht mir aus wie eine der unwillkommenen Einladungen zu einer Gesellschaft, die einen zur Langeweile oder zur Lüge zwingen.«

Er brach das Siegel und überflog den Inhalt.

»Aber nein, das könnte sich als interessant herausstellen.«

»Also keine Geselligkeit?«

»Nein, etwas ganz und gar Berufliches.«

»Und von einem adligen Klienten?«

»Von einem der Ranghöchsten in England.«

»Mein Lieber, ich gratuliere.«

»Ich versichere Ihnen, Watson, ohne Heuchelei: Die Stellung meines Klienten ist für mich von minderem Belang als sein Fall. Dabei ist es aber durchaus möglich, daß die Stellung in diesem neuen Auftrag eine Rolle spielt. Sie haben doch die letzten Zeitungen eifrig gelesen, stimmt’s?«

»Es scheint so«, sagte ich kläglich und deutete auf den riesigen Packen in der Ecke. »Ich hatte sonst nichts zu tun.«

»Das fügt sich glücklich, denn da werden Sie vielleicht in der Lage sein, mir unter die Arme zu greifen. Ich habe nichts gelesen als die Nachrichten aus der Welt des Verbrechens und die Todesanzeigen. Letztere sind immer lehrreich. Aber wenn Sie die neuesten Ereignisse so gründlich verfolgt haben, müßten Sie doch auch etwas über Lord Simon und seine Vermählung gelesen haben.«

»O ja. Und mit größter Aufmerksamkeit.«

»Das ist gut. Der Brief kommt von Lord St. Simon. Ich werde ihn vorlesen, und zum Dank sehen Sie die Zeitungen durch und zeigen mir alles, was sich auf die Angelegenheit bezieht. Im Brief steht folgendes:

Mein lieber Mr. Sherlock Holmes,

Lord Backwater sagt mir, daß ich unbedingtes Vertrauen in Ihr Urteil und Ihre Diskretion setzen kann. Ich habe mich deshalb entschlossen, mich an Sie zu wenden und Sie hinsichtlich eines sehr schmerzlichen Ereignisses im Zusammenhang mit meiner Hochzeit um Rat zu bitten. Mr. Lestrade von Scotland Yard ist in der Sache schon tätig gewesen, aber er versichert mir, daß er keinen Einwand gegen eine Zusammenarbeit mit Ihnen hätte, ja sogar annehme, Sie könnten weiterhelfen. Ich werde heute nachmittag um vier Uhr bei Ihnen vorsprechen. Sollten Sie zu der Zeit andere Verpflichtungen haben, hoffe ich, Sie nennen mir einen neuen Termin, da diese Angelegenheit von höchster Wichtigkeit ist.

Ihr ergebener

Robert St. Simon

1846