Informationen zum Buch

Liebe all’arrabbiata

Margherita hat eine Gabe: Sie kocht nicht nur mit allen Sinnen, sondern auch mit dem Herzen. Wer in den Genuss ihrer überraschenden Kreationen kommt, wird nicht nur satt, sondern glücklich. Doch mit ihrem eigenen Glück geht es bergab, seit sie Francesco nach Rom gefolgt ist. Als sie dann plötzlich ohne Mann, Job und Wohnung dasteht, packt sie entschlossen ihre Siebensachen und kehrt in ihre toskanische Heimat Roccafitta zurück. Aber auch hinter der malerischen Kulisse des in den Hügeln der Maremma gelegenen Örtchens bahnen sich Dramen an: Margheritas Vater Armando hat Haus und Lokal verpfändet und alles verspielt, während der skrupellose – und dabei verflixt attraktive – Geschäftsmann Nicolas Ravelli den alten Weinbauern der Gegend sämtliche Weinberge abschwatzt, um sie auf billige Massenproduktion umzustellen. Und ausgerechnet sein Angebot scheint für Margherita der einzige Ausweg aus ihrem Dilemma zu sein …

Eine herrlich spritzige, sinnlich-romantische Sommerkomödie voller Aromen und toskanischem Flair, die die Sehnsucht nach Italien weckt.

Mit Margheritas verführerischsten Rezepten im Anhang

Elisabetta Flumeri &
Gabriella Giacometti

Die Zutaten der Liebe

Roman

Aus dem Italienischen
von Verena von Koskull

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Margheritas Rezepte

Anmerkung

Über Elisabetta Flumeri & Gabriella Giacometti

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Patrizia, für ihre Zuneigung,
Hilfe und begeisterte Unterstützung.

Eins

Der Tag, für den die Maya den Weltuntergang prophezeit hatten, war schadlos vorübergegangen.

Für Margheritas persönlichen Weltuntergang gab es hingegen drei Auslöser, die allesamt auf jenen Donnerstag fielen.

Noch aber wusste sie nichts davon.

Obwohl es Vorzeichen gegeben hatte.

Margherita stand in einem großen, runden Raum mit vielen Türen. Ich muss hier raus, ich muss weg, dachte sie. Sie ging zur ersten Tür und griff nach der Klinke. Vergeblich. Die Tür war doppelt verriegelt. Margherita versuchte es an der zweiten. Nichts. Panik stieg in ihr auf. Sie wollte nur weg. Verzweifelt ging sie von Tür zu Tür, bis nur noch eine übrigblieb. Die kleinste. Bang streckte sie die Hand danach aus. Eine sachte Berührung, und die Tür sprang auf. Vor Margherita tauchte eine große, strahlende Küche voll der appetitlichsten und verlockendsten Speisen auf, deren Duft sie in der Nase kitzelte. Sie wollte gerade eintreten, als die Tür zu schrumpfen begann – oder war sie es, die plötzlich wuchs? Sie versuchte sich hindurchzuzwängen, blieb jedoch stecken, unfähig, sich zu rühren oder um Hilfe zu rufen. Immer fester drückte der Türrahmen sie zusammen. Auf einmal verschwand die Küche, ein langer, dunkler Tunnel erschien, Margherita hatte das Gefühl zu ersticken, es schnürte ihr die Kehle zu, sie rang nach Atem, versuchte sich zu befreien …

Keuchend fuhr sie aus dem Gewirr aus Fell und Decken auf, unter dem sie auf ihrer Seite des Ehebettes, das den größten Teil des Zimmerchens einnahm, begraben lag. Mit einem genervten Seufzer vergrub ihr Mann Francesco den Kopf unter seinem Kissen. Die Fellknäuel fingen an sich zu regen, ein zweifarbiges Gesichtchen mit riesigen goldenen Augen und spitzen Ohren lugte daraus hervor, dann ein rundes, pechschwarzes, und schließlich eines mit borstigem Strubbelhaar, das ebenso zu allen Seiten abstand wie das seines Frauchens.

Ratatouille, Asparagio und Artusi.

»O Gott, was für ein Albtraum!« Margherita atmete erleichtert auf und verteilte Kraul- und Streicheleinheiten an die beiden Katzen und den Mischlingshund höchst undefinierbarer Rasse, die allesamt um ihre Aufmerksamkeit buhlten, indem sie an ihrem großen Zeh knabberten, ihr Bein kneteten oder ihr fordernd die Pfote auf den Arm legten.

In dem Moment dudelte der Radiowecker los. »Skorpion«, erklang eine weibliche Stimme. »Mars und Saturn haben euch in der Mangel, und ihr werdet bis zum Sommer warten müssen, ehe ihr wieder lächeln könnt. Wenn Mars der Amboss ist, ist Saturn der Hammer. Heute wird sein Einfluss euch dazu zwingen, alles Schwache und Falsche aus eurem Leben zu verbannen.«

Grimmig starrten Margheritas blaue Augen auf den Apparat.

»Dies wird also kein besonders rosiger Tag«, fuhr die Stimme fort. »Neuigkeiten, die ihr lieber nicht erfahren hättet, drücken euch nieder, aber als guter Skorpion gelingt es euch, den Durchgang des Saturn positiv zu nutzen und dagegenzuhalten.«

Margherita streckte sich nach dem Radio und wechselte hastig den Sender. Das reichte für den Tagesanfang.

Erst der Traum und dann das Horoskop.

Auch wenn sie weder an düstere Träume noch an katastrophale Horoskope glaubte.

Hämmernde Rap Beats erfüllten das Zimmer.

»Maggy!« Francesco fuhr aus seinem Kissen hoch und funkelte sie wütend an. »Kannst du bitte diesen elenden Wecker ausmachen?«

»Entschuldige.« Sie drückte auf OFF, und er wühlte sich wieder unters Kopfkissen.

Unwillkürlich musste Margherita an die Zeiten denken, als Francesco stets morgens aufgestanden war, um ihr mit einem »Guten Morgen, mein Schatz« den Kaffee ans Bett zu bringen. Es war ein sehr liebevolles Ritual gewesen, und manchmal war es zwischen einem Kuss, einer Neckerei und einer Zärtlichkeit dazu gekommen, dass sie miteinander geschlafen hatten.

Wann ist das alles anders geworden?

Seit wann war sie diejenige, die jeden Morgen aufstand, Kaffee kochte, Frühstück machte und versuchte, ihm sein grantiges Erwachen zu versüßen?

Ich weiß es nicht.

Sie beschloss, diesen unguten Gedanken mit Taten zu verscheuchen: In einem Chor aus Gekläff und Miauen sprang sie aus dem Bett und riss dabei sämtliche Decken mit sich.

»Ratatouille, Artusi, Asparagio, kommt, frühstücken!«

»Jeden Morgen das Gleiche!«, grunzte Francesco gedämpft, aber unüberhörbar unter dem Kissen hervor.

»Wann machst du ihnen endlich klar, dass sie im Bett nichts zu suchen haben?« Genervt angelte er nach dem Deckenhaufen am Boden.

Margherita fühlte sich schuldig. Im Grunde war Francesco nur müde und gestresst, das musste sie verstehen.

Er arbeitet viel, das Geld ist knapp, und ich habe den Job im Callcenter verloren …

»Du hast recht«, antwortete sie sanft, »ich bring sie nach nebenan.«

Er grummelte etwas Unverständliches, und sie verließ mit ihrem Rudel im Schlepptau das Zimmer.

Der winzige Flur, der in die Küche führte (eher eine Kochnische, doch Margherita hielt beharrlich an der Bezeichnung Küche fest), war mit Einzel- und Gruppenfotos ihrer Tiere in den witzigsten Posen tapeziert. Neben ihrem lärmenden vierbeinigen Gefolge war darauf ein großer Beo mit glänzendem Gefieder zu sehen, der Margherita jetzt mit einem langen Pfiff begrüßte, als sie das Tuch von seinem Käfig am Fenster zog.

»Guten Morgen, Valastro!«

»Ciao amore ciao!«, antwortete der Beo, steckte den Schnabel durchs Gitter und klopfte ihr zärtlich auf die Hand. Margherita hatte ihn mit einem gebrochenen Flügel gefunden, und nachdem sie ihn gesund gepflegt hatte, war er als vollwertiges Mitglied in das befellte Rudel aufgenommen worden.

Mit einem zärtlichen Lächeln betrachtete Margherita die bunte Schar, die sich in diesem von ihr so sehr geliebten Winkel der Wohnung um sie drängte: Alles war vollgestopft mit den unterschiedlichsten Küchenutensilien, der Kühlschrank mit Magneten bepflastert, die ausnahmslos Essbares darstellten, und über dem Herd hing ein Schild mit der Aufschrift: SHHH… COOK AT WORK!

Francesco hatte versucht, Widerstand zu leisten. »Liebling, knapp fünfzig Quadratmeter sind kaum genug Platz für uns, wie sollen wir da noch zwei Katzen, einen Hund und einen Beo unterbringen?«, hatte er protestiert. Doch in diesem Punkt war Margherita eisern geblieben. Sie hatte sich darauf eingelassen, nach Rom zu ziehen, sich einen neuen Job zu suchen und in dieser Zementwüste zu wohnen, mit einer Mauer vor dem einen und dem Wohnzimmer der Nachbarn vor dem anderen Fenster. »Aber Schatz, es ist ruhig und billig, ein wahres Schnäppchen!«, hatte Francesco gesagt, der, nachdem er den Traum, Musiker zu werden, an den Nagel gehängt hatte, eine sehr viel prosaischere Beschäftigung in einer Immobilienagentur gefunden hatte. Doch auf ihre Tiere hatte Margherita nicht verzichten wollen.

Während sie zugleich mit der Kaffeemaschine und mehreren Näpfen unterschiedlicher Farbe und Größe hantierte, musste Margherita wieder daran denken, dass nichts so gekommen war wie erhofft. Sie hatte davon geträumt, mit Francesco in einem Haus mit großem Garten zu leben, wo ihre Tiere rennen und toben konnten, während sie sich an neuen kulinarischen Kreationen versuchte und er die Songs probte, die ihn berühmt gemacht hätten … Doch diese Träume waren einer nach dem anderen zerplatzt. Was blieb, war ihre Liebe. Und war das nicht das Wichtigste? Wie ließ sich also dieses mulmige Gefühl erklären, das ihr in letzter Zeit ständig in die Quere kam? Abermals verdrängte sie den Gedanken und konzentrierte sich auf die Zubereitung der verschiedenen »Mahlzeiten« für ihre Tiere: Jedwedes Dosenfutter war bei ihr tabu. »Hast du überhaupt eine Ahnung, was da alles Ekliges drin ist?«, hatte sie den diesbezüglichen Vorstoß ihres Mannes gekontert. Als alle Tiere versorgt waren, machte sich Margherita mit Hingabe daran, Francesco einen Kaffee zuzubereiten, den sie mit am vorigen Abend gebackenen Kokos- und Schokoladenplätzchen garnierte, und versuchte dabei, den schleichenden Unmut, der sich wie eine tückische Schlange in ihr Herz schlich, zu ignorieren. War der Albtraum daran schuld? Oder das Horoskop? Oder was sonst?

»Maggy … was ist jetzt mit dem Kaffee?« Francescos halb flehentliche, halb gereizte Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Ein Bild schoss ihr durch den Kopf: ein Farbfoto, das zu deprimierenden, verwaschenen Pastelltönen verblasste, in ein ausdrucksloses Schwarzweiß und schließlich in ein düsteres Negativ überging. War ihr Leben wirklich dazu geworden? Sie zwang sich, einen Rollladen vor diesem Bild hinunterzuziehen und so zu tun, als hätte es nie existiert. Dann eilte sie ins Schlafzimmer, stellte das Tablett neben ihrem Mann ab, streichelte ihm übers Gesicht, übers Haar und legte die Lippen auf seine. Doch der Kuss wurde nur flüchtig und abwesend erwidert – oder waren ihre negativen Gedanken an diesem Eindruck schuld? Francesco trank den Kaffee, ließ die Kekse liegen und sprang hastig aus dem Bett.

»Es ist schon spät.« Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Ich bitte dich, Maggy. Lass mich heute nicht blöd dastehen. Mein Vorgesetzter hat höchstpersönlich beim Personalchef angerufen.«

Margherita unterdrückte ein Stöhnen.

»Ich weiß, ich weiß. Das hast du mir schon hundertmal gesagt.«

»Du bist schließlich diejenige, die dauernd ihren Job verliert!«

Moment mal, das war ein Schlag unter die Gürtellinie!

»Willst du damit sagen, es ist meine Schuld, dass dieser gekochte Karpfen von Callcenterdirektor mich gefeuert hat?«

»Er hat dich gefeuert, weil du den Leuten Kochrezepte gegeben hast, statt sie dazu zu bringen, ihre Schulden zu zahlen!«

»Ich hab nur versucht, eine Beziehung aufzubauen.«

Wieso muss ich mich eigentlich immer rechtfertigen?

»Okay, okay«, fiel Francesco ihr ins Wort. »Aber das hier sollte jetzt das Richtige für dich sein. Es hat mit Essen und mit Menschen zu tun. Genau das magst du doch, oder?«

Wieso sagt er das in diesem … entnervten Ton?

Doch jetzt war nicht der richtige Moment, um zu streiten. Im Grunde hatte er sich für sie eingesetzt, sogar den großen Boss hatte er bemüht. Promotion für eine Käserei zu machen war zwar nicht genau das, wovon sie schon immer geträumt hatte, aber nichts konnte schlimmer sein, als bei einem Callcenter Schulden einzutreiben.

»Diesmal sollte es also keine Probleme geben.« Er nahm ihr Schweigen für ein Ja. »Das Bewerbungsgespräch ist auch nur Formsache, du musst nur lächeln und Begeisterung für das Produkt zeigen. Denk dran, wir brauchen diesen Job! Und jetzt los, beeil dich, sonst kommst du noch zu spät.«

Und schon war er im Bad verschwunden.

»Du musst nur lächeln und Begeisterung für das Produkt zeigen!«, äffte Margherita ihn nach. Seufzend blickte sie auf die Uhr. Sie stieß das Fenster auf, schüttelte Kissen und Decken aus, machte das Bett, rannte in die »Küche«, wusch in Windeseile die Tassen und die (von Francesco) in der Spüle abgestellten Teller ab, ging ins Wohnzimmer, strich die Sofas glatt, stapelte (Francescos) wild herumliegende Zeitschriften, die unter der Couch hervorlugten, öffnete die Fenster, stellte die Schuhe in den Schuhschrank, nahm ein Paar von sich heraus, zog den Mantel über den Pyjama, nahm Artusi an die Leine und rannte hinaus.

Auf der Straße versuchte sie den Hund zum Pinkeln zu animieren, der in den Ritzen der ungepflegten, holperigen Gehwege, an denen die anonymen Mietskasernen ihres in der Werbebroschüre der Agentur, für die Francesco arbeitete, als »Wohngegend« bezeichneten Viertels emporragten, vergeblich nach einem Grashalm suchte. Margherita schloss die Augen und stellte sich einen Moment lang vor, sie wäre zu Hause in Roccafitta, hätte den Duft der Blumen in der Nase, die gewiss schon überall blühten, und atmete die salzige Meeresbrise, die der Frühlingswind mit sich trug …

»He, bist du blöd oder was?! Weg da!!«

Sie riss die Augen auf und begegnete dem feindseligen Blick eines Autofahrers. Die heimatlichen Düfte und Aromen gingen in wütendem Gehupe auf. Hastig stolperte Margherita auf den Gehsteig zurück und zerrte Artusi hinter sich her.

Als sie völlig außer Atem wieder in die Wohnung kam, verließ Francesco gerade seelenruhig das Bad. Margherita schlüpfte aus ihrem Mantel, schälte sich, auf einem Bein balancierend, aus dem Pyjama und raffte hastig ihre Kleider zusammen.

»Bist du noch immer nicht fertig?« Francesco sah sie vorwurfsvoll an. »Du musst heute pünktlich sein!«

Margherita kniff die Lippen zusammen, um sich keine patzige Antwort rausrutschen zu lassen, und verschwand wortlos im Bad.

Er ist wirklich unausstehlich!

Eine halbe Stunde später kam sie völlig aus der Puste bei der Adresse an, wo das Bewerbungsgespräch für den Promoterjob stattfinden sollte.

Ich lächele und zeige Begeisterung für das Produkt.

Die Schlange der Bewerber schrumpfte rasch. Schließlich saß sie einem Typen um die dreißig mit blauem Anzug, in Gel gegossener Frisur und aufgesetztem Lächeln gegenüber.

»Signora Carletti, kommen Sie, ich habe Sie erwartet«, sagte er in schmeichelndem Ton, der ihr sofort auf die Nerven ging. Hätten sie diesen Job nicht wirklich gebraucht und hätte Francesco nicht darauf bestanden, sie hätte sich niemals darauf eingelassen.

Ich lächle und zeige Begeisterung.

Sie schaltete auf Autopilot und lauschte eifrig nickend den Ausführungen über die Funktion des Promoters, dieser Visitenkarte des Unternehmens, über die Wichtigkeit, das eigene Image und das des Unternehmens gegenüber dem Kunden zu optimieren, über die drei Ebenen der Kommunikation, die Notwendigkeit, mit jedem Gegenüber die richtige Wellenlänge zu finden, über passenden Sprachgebrauch und falsche Ausdrucksweisen, über die Art, das Produkt gezielt an den Mann zu bringen, über den Umgang mit dem Kunden – und seinen eventuellen Bedenken –, die Verwendung von Werbematerial und den PVP – den persönlichen Verbesserungsplan, erklärte ihr der Typ angesichts ihrer ratlosen Miene. Margherita hatte das Gefühl, als renkte sie sich vor lauter Lächeln und begeistertem Nicken gleich ihren Kiefer und die Halswirbel aus. Sie musste diesen Job kriegen. Sie brauchten das Geld, um die Raten für das Auto, den Fernseher und Francescos Golfclub zu bezahlen. Und alles lief glatt.

Bis sie die Produkte zu Gesicht bekam.

Der Typ gab ihr einen kurzen Überblick und betonte, wie wichtig die Verpackung sei und dass es darauf ankomme, das Produkt richtig an den Kunden zu bringen.

»Manchmal reicht ein Lächeln oder eine kleine Streicheleinheit für das Baby im Kinderwagen, um zwei oder drei Produkte zu verkaufen«, erklärte er nüchtern. »Aber damit sollten Sie ja keine Probleme haben« Er zwinkerte ihr vielsagend zu.

Bilde ich mir das nur ein, oder baggert dieser Schmierlappen mich an?

Margherita setzte ein Lächeln auf und blickte dem Typen direkt in die Augen. »Können Sie mir etwas über das Produkt erzählen?«

Der Mann machte ein verdattertes Gesicht, und Margherita schaltete einen Gang höher: Waren die verwendeten Rohstoffe von erster Qualität? Entsprachen die in der Werbung gepriesenen handwerklichen Verarbeitungsmethoden den Tatsachen? Waren die Zutaten natürlich? Stammte die Milch von ausgesuchten Produzenten? Wurde der Reifungsprozess sorgfältig überwacht? Konnte man mögliche Verunreinigungen des Grundwassers mit Sicherheit ausschließen?

Das Lächeln auf dem Gesicht des Personalchefs erstarb.

»Sie sollen das Produkt verkaufen und basta«, antwortete er barsch.

»Wieso wollen Sie mir nicht antworten? Sie glauben doch wohl nicht, ich überrede die Menschen, etwas zu kaufen, von dem ich nicht weiß, ob es einwandfrei ist oder ob es der Gesundheit schadet?«

Der Typ starrte sie an. »Na schön, dann man los.«

»Verzeihung, wohin?«

»Nach Hause. Das Gespräch ist beendet.«

Völlig vor den Kopf geschlagen, stand sie plötzlich wieder auf der Straße und spürte Wut in sich aufsteigen. Sie holte das Handy hervor und rief Francesco an. Er wäre auf ihrer Seite, ganz bestimmt.

»Ich fasse es nicht!«, fauchte er los. »Die Sache war so gut wie geritzt! Darf man erfahren, was zum Teufel du ihm gesagt hast?«

Margherita war, als hätte sie eine doppelte Ohrfeige kassiert.

»Ich wollte nun mal kein Produkt verkaufen, von dem ich nicht weiß, was drin ist.«

»Das ist mal wieder typisch! Du änderst dich nie!«

Es wurde plötzlich still, als wäre die Verbindung zusammengebrochen. Doch dann begriff Margherita, dass er einfach aufgelegt hatte.

Er hat mir den Hörer ins Gesicht geknallt.

Einen Augenblick lang stand sie wie vom Donner gerührt da und starrte auf das Display ihres Handys.

Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Das Prasseln der Tropfen lieferte die passende Untermalung zu ihrer Stimmung. Sie flüchtete sich in den erstbesten Supermarkt. Während sie ziellos durch das enge Labyrinth aus Regalen strich, in denen sich in oftmals unverständlichen Sprachen etikettierte Waren türmten, ging ihr auf, dass das keine gute Idee gewesen war. Sie dachte an das Gespräch, an die womöglich minderwertigen Produkte, die sie hätte bewerben sollen, und vor allem an ihre Beziehung mit Francesco. Übelkeit überkam sie, und sie kämpfte sich durch die Warteschlange an der Kasse nach draußen. Noch nie hatte sie sich so sehr nach Roccafitta, ihrer Heimat, gesehnt wie jetzt.

Als Margherita zu Hause ankam, war der Fahrstuhl kaputt. Das vierte Mal in dieser Woche. Während sie sich innerlich auf den achtstöckigen Aufstieg vorbereitete (mal zwei genommen, denn sie musste ja noch mit Artusi raus), sah sie einen Brief aus dem Postkasten lugen. Er sah eigentlich nicht bedrohlich aus. Margherita zog ihn heraus, riss ihn auf und überflog ihn. Dann erstarrte sie. Die Warnung des morgendlichen Horoskops kam ihr hoch wie eine halb verdaute Zwiebel.

Sie las noch einmal: Mietkündigung. Alles ringsherum geriet ins Trudeln, als säße sie auf einem Kirmeskarussell. Sie schloss die Augen.

»Einatmen. Ausatmen. Ganz langsam. Einatmen, ausatmen …«, wiederholte sie wie ein Mantra.

»Alles in Ordnung?«

Margherita drehte sich um und stand Meg, Francescos Englischlehrerin, gegenüber (»Eine Fremdsprache gut zu beherrschen ist in meinem Job unerlässlich«, hatte er ihr gesagt. »Ich habe eine Muttersprachlerin aufgetan, die wirklich preiswert ist. Ist das in Ordnung für dich, Schatz?« Und ihr war es zu blöd gewesen, zu erwidern, dass ihr Geld meist auch so schon kaum bis zum Monatsende reichte.)

Während sie mit einem Nicken antwortete, fragte sie sich, was Meg um diese Zeit hier verloren hatte. Was war los?

»Hallo Meg, gibt’s ein Problem?«

»Ja. Wir beide müssen reden.«

Verwirrt. Margherita war verwirrt. Und vor den Kopf geschlagen. Megs Worte hatten sie wie eine Keule getroffen. War es möglich, dass sie ein ganzes Jahr lang nichts mitgekriegt hatte? Dass sie die Lügen, die Francesco ihr aufgetischt hatte, allesamt geschluckt hatte? Und plötzlich ergab alles einen Sinn, wie zusammengesetzte Puzzleteilchen: die Sprachstunden zu den unmöglichsten Tageszeiten, die geradezu lächerlichen Kosten, die verschwörerischen Blicke zwischen Francesco und Meg, die unerklärlich langen Zeiten, in denen das Handy ihres Mannes ausgeschaltet blieb, seine zunehmende Gereiztheit …

Und jetzt?

Hatte es Sinn, so zu tun, als wäre sie ein duftiges Soufflé, obwohl sie sich fühlte wie ein misslungenes Fladenbrot? Sie schluckte die Tränen hinunter. Sie musste nachdenken, und um das tun zu können, gab es nur eins: kochen. Sie holte ihr altes, vergilbtes Rezeptheft hervor, blätterte es abwesend durch und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Möhren-Zucchini-Auflauf, bunte Minipizzen, Auberginentürmchen, Pastete mit Senf und Minze, und plötzlich tauchte zwischen den Seiten ein kleines, gezeichnetes rotes Herzchen auf, wie zum Hohn, ausgerechnet neben der »Spargelversuchung«. Am liebsten hätte sie dieses Rezept herausgerissen und vernichtet, das ihr Leben sechs Jahre zuvor von Grund auf geändert hatte.

Es war ein wunderschöner Samstag im März, und die laue Luft ließ einen glauben, dass der Winter Roccafitta endlich verlassen hatte, um dem Frühling Platz zu machen. Eigentlich wollte Margherita mit ihrem besten Freund Matteo und ein paar anderen ans Meer fahren und die Strandsaison eröffnen. Doch im letzten Moment war die Frau, die ihrer Mutter Erica in der Küche des kleinen, nach ihr benannten Restaurants zur Hand ging, krank geworden, und Margherita hatte ihre Mutter nicht alleinlassen wollen.

»Keine Sorge, Mama. Das Meer läuft nicht weg, und außerdem habe ich Lust zu kochen. Heute ist ein so besonderer Tag …«

Erica hatte sich das nicht zweimal sagen lassen, denn das Restaurant war zum Mittag komplett ausgebucht. Es hatte nicht viele Plätze, aber ohne Hilfe war es dennoch schwer, alles im Griff zu behalten. Zwar war Armando, ihr Mann und Margheritas Vater, mit seiner scherzhaften, herzlichen Art im Gastraum unübertroffen, aber aus der Küche hielt er sich besser raus. Und so hatten sich Mutter und Tochter schon in den frühen Morgenstunden an den Herd gestellt. Während Erica den Teig für die Tagliatelle vorbereitete, hatte Margherita beschlossen, ein neues Gericht auszuprobieren. Beim Durchsehen der Vorräte hatte sie Spargel entdeckt. »Bei uns gibt’s ausschließlich saisonale Produkte, nur so verwöhnt man seine Gäste!«, pflegte Erica zu sagen, und nun hatte Margherita sich den Kartoffelschäler gegriffen und befreite die Spargelstangen behutsam von ihrer faserigen Schale. Dann kappte sie die weißen Enden und blanchierte die abgeschnittenen Spargelköpfe ein paar Minuten lang in heißer Brühe. Erica hatte sie voll zärtlichen Stolzes angelächelt. »Eine neue Kreation?«

Margherita hatte genickt: »Ich will so gut werden wie du, Mama.«

Erica hatte ihr übers Haar gestreichelt. »Das bist du doch schon, Liebling.«

Beschwingt vom mütterlichen Lob, hatte Margherita drei Frühlingszwiebeln in ein wenig Butter und einem Schuss Olivenöl golden angeschwitzt, die gerädelten Spargelstangen hinzugefügt und sie bei niedriger Hitze weich gedünstet.

»Maggy« – den Kosenamen hatte sie von ihrer Mutter – »du weißt doch, dass man fürs Risotto Zeit braucht …«

»Keine Sorge«, hatte Margherita lächelnd geantwortet. Dann hatte sie alles zu einer hellgrünen, geschmeidigen Creme püriert und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt.

Nachdem sie den Reis mit fein geschnittenen Möhren, Sellerie und Zwiebeln angeröstet hatte, hatte sie nach und nach die Brühe untergerührt und das Ganze zum krönenden Abschluss mit Robiolakäse vermengt. Doch obwohl es köstlich schmeckte, schien Margherita nicht zufrieden zu sein. Irgendetwas fehlte noch. Aber was? Thymian? Minze? Oder vielleicht ein Hauch Majoran? Sie war unschlüssig.

Da hatte Erica ihr eine Prise abgeriebene Zitronenschale vorgeschlagen.

»Das war’s! Danke, Mama, jetzt hat es wieder deinen magischen Dreh!«

Dann hatte Margherita kleine Portionsförmchen mit dem blanchierten Spargel ausgelegt, den Reis eingefüllt und alles vorsichtig festgedrückt.

»Wir servieren sie mit in Teig ausgebackenen Spargelspitzen und der Creme dazu«, hatte sie zufrieden verkündet.

Erica hatte sie angestrahlt: »Und wie soll die neue Kreation heißen?«

»Spargelversuchung.«

Eine Träne fiel aufs Papier, lief über die Tinte und ließ die Buchstaben zerrinnen. Die Erinnerung war so lebendig, als wäre es gestern gewesen …

Der Reis war an allem schuld.

An jenem Tag war das Restaurant wirklich brechend voll gewesen. Margherita und Erica hatten nicht einen Moment Pause gehabt. Als sich die Gäste schließlich nach und nach von den Tischen erhoben, hatte die sichtlich erschöpfte Erica erleichtert aufgeatmet.

»Ich weiß nicht, wie ich das allein hätte schaffen sollen. Danke, mein Schatz, dass du geblieben bist.«

Margherita hatte sie zärtlich in den Arm genommen.

»Du musst dich ausruhen, Mama. Schnapp dir deine Sachen und geh nach Hause, ich räume auf.«

Erica hatte sie angelächelt. Ohne Protest hatte sie sich die Schürze abgebunden und war gegangen.

Margherita hatte die Spülmaschine eingeräumt und dabei überlegt, dass sie Armando ins Gewissen reden musste. Er sollte mit der Mutter ein paar Tage Ferien machen. Sie konnte sich in der Zeit um das Restaurant kümmern, mit Rosalinas Hilfe wäre das kein Problem. Sie war derart in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie jemand in die Küche trat.

»Ich muss wohl träumen.«

Margherita fuhr herum. Vor ihr stand ein großer, blonder, gutaussehender – blendend aussehender – junger Mann.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Ein unwiderstehliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

»Sag mir, ob du die Köchin des Risottos bist. Heute ist mein Glückstag, das weiß ich. Auf einen Schlag finde ich Eva, die Verführerin auf Erden, und eine himmlische Köchin. Ach, übrigens, ich bin Francesco.«

Margherita prustete los.

»Ich heiße Margherita, nicht Eva. Aber ich freue mich, dass es Ihnen geschmeckt hat, zumal es ein Experiment war.«

Er kam näher und sah ihr tief in die Augen.

»Ich mag Menschen, die sich was trauen.«

Margherita blieb die Luft weg. Allzu blaue Augen. Allzu sexy Stimme. Eine umwerfende Figur … Besser, man blieb in der Defensive.

»Wollen Sie die Rechnung?«, hatte sie gefragt und war einen Schritt zurückgewichen.

»Nein, ich will wissen, weshalb sich ein so schönes Mädchen wie du in der Küche einsperrt.«

Francesco hatte die Hand ausgestreckt, um ihr eine Haarsträhne hinters Ohr zu streichen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, eine intime, verblüffend selbstverständliche Geste.

»Wieso?«, hatte sie gefragt und den Blick gesenkt.

»Ich weiß nicht, vielleicht, weil ich mit einem freundlichen alten Mütterchen gerechnet hatte, das seine uralten Küchengeheimnisse hütet, aber stattdessen habe ich dich gefunden.«

Eine weitere Träne fiel auf das Heft. Francesco hatte es stets verstanden, ihr das Gefühl zu geben, etwas Besonderes, Einzigartiges zu sein. Instinktiv hatte sie versucht, ihm zu widerstehen, doch er hatte nicht lockergelassen. Jedes Wochenende war er wiedergekommen, einmal mit einem speziellen, mit Bohnenkraut aromatisierten Öl, ein anderes Mal mit gelo di mellone, einem sizilianischen Melonensorbet, das er extra aus der berühmten Bar Alba aus Palermo hatte kommen lassen. Jede Ausrede war gut, um sie zu überraschen und zu beeindrucken.

Inzwischen war er Stammgast in Ericas Restaurant. Jeden Samstag und Sonntag war er da. Und auch wenn Margherita nicht da war, blieb er, um mit Erica und Armando über sie zu reden. Oder die Gitarre auszupacken und die Lieder zu spielen, die er extra für sie geschrieben hatte. Mit seiner charmanten, fröhlichen, unbeschwerten Art hatte er alle erobert.

»Du kannst nicht jedes Wochenende den ganzen weiten Weg aus Rom hierherkommen, nur um bei uns zu Abend zu essen.«

»Das ist es wert. Ich habe die Frau meines Lebens gefunden, und die lass ich nicht mehr vom Haken.«

»Tust du das wirklich für mich?«

»Ich würde alles tun, um mit dir zusammen zu sein. Ich würde bis in alle Ewigkeit hin- und herfahren.«

Als er eines Morgens mit einem schwarzweißen Kätzchen vor der Tür stand, das er an einer Autobahnraststätte in einem Müllcontainer gefunden hatte, hatte Margherita die Waffen gestreckt.

»Asparagio … so habe ich ihn genannt«, hatte er lächelnd gesagt. »Du willst uns doch nicht im Stich lassen …«

Ein paar Monate später war sie nach Rom gezogen. Hätte sie geahnt, was Erica ihr verheimlichte, wäre sie niemals gefahren.

Jeder von uns hat seine eigenen Automatismen. Wenn Margherita ihre Batterien aufladen musste, fing sie an zu kochen, und ehe sie sich’s versah, hatte sie den Kühlschrank geöffnet, um sich inspirieren zu lassen. Es war – wieder einmal – der Spargel, der ihr den entscheidenden Ruck gab. Ja, mein lieber Francesco, ich werde dir deine sämtlichen Leibgerichte kochen, beschloss sie.

Ihre Küche glich ihr, so bunt, fröhlich und chaotisch, wie sie war. Doch während Margherita den Speck schnitt und um die Pflaumen wickelte, um sie im Ofen zu backen, und das Mehl mit der Hefe für die Minipizzas verknetete, die ihrem Mann so gut schmeckten, war nicht die Spur von Fröhlichkeit in ihrem Gesicht. Ihre Hände flogen zwischen den Zutaten hin und her, bis schließlich die fertigen Pflaumenwickel, das berühmte Spargelrisotto und die neapolitanischen Minipizzas vor ihr standen. Jetzt ist der Nachtisch dran, sagte sie sich und blätterte durch das Heft. Baiseräpfel oder Ricottatörtchen? Nein, dies war ein ganz besonderer Tag, sie würde ihm den Kuchen mit der Ananascreme machen, seinen Lieblingskuchen. Margherita schmolz die Butter mit dem Puderzucker, fügte eine Prise Salz hinzu, dann das Mandelmehl, das Ei und das gesiebte, mit Kakao gemischte Mehl. Dann knetete sie alles durch und steckte ihren ganzen Frust hinein, bis ein geschmeidiger Teigklumpen vor ihr lag, den sie zum Ruhen in den Kühlschrank gab. Wieder schweiften ihre Gedanken ab. Sie hätte es schon damals begreifen müssen, als er sie nach der Rückkehr von Ericas Beerdigung gebeten hatte, ihm den Kuchen zu backen.

»Ich bitte dich, Maggy, mir geht’s nicht so gut, ich hätte gar nicht mitkommen dürfen«, hatte er gejammert, während der Gedanke an den letzten Abschied von ihrer Mutter ihr das Herz bersten ließ. »Und außerdem bringt Kochen dich auf andere Gedanken.«

Wieder einmal hatte Margherita ja gesagt.

»Maggy, machst du mir das Inhaliergerät klar, wenn du fertig bist? Ich habe schrecklichen Husten.«

Wieso habe ich ihm nicht meine Meinung gegeigt? Wieso habe ich mich nur um ihn und nicht um meine eigenen Gefühle gekümmert?

Wieso war Francesco immer wichtiger als alles andere?

Margherita pürierte das Fleisch einer halben Ananas und macht die Milch auf dem Herd warm.

Während sie die Eigelbe mit dem Zucker aufschlug, mischten sich große Tränen mit den Kuchenzutaten. Vielleicht, dachte sie, würde es so kommen wie in diesem Film, in dem die Hauptfigur, eine leidenschaftliche Köchin mit Liebeskummer, beim Backen der Hochzeitstorte für ihre Schwester, die ihr den Freund ausgespannt hat, all ihre Tränen in den Zuckerguss weint, und am nächsten Tag vergehen die Gäste beim ersten Bissen vor Wehmut, Melancholie und Traurigkeit. Doch Margheritas Tränen waren keine Tränen der Trauer, sondern der Wut und Verbitterung. Sie nahm das Ananaspüree, vermengte es mit den Eiern und der Milch und erhitzte es unter behutsamem Rühren.

Ja, mein lieber Francesco, das wünsche ich dir, du verlogener Ehemann.

Als die Creme dick zu werden begann, drehte sie die Flamme ab, rührte einen Schuss Rum hinein und warf einen Blick auf den Tortenboden, den sie bereits zum Vorbacken in den Ofen gestellt hatte. Mit grimmiger Genugtuung holte sie ihn heraus, schnitt die andere Ananashälfte wütend in Scheiben, bestreute sie mit Zucker und ließ sie in einer Pfanne karamellisieren. Sie schlug die Sahne steif, hob sie vorsichtig unter die Ananascreme, goss alles auf den Kuchenboden aus Kakaomürbeteig und legte die karamellisierten Ananasscheiben darauf. Zum ersten Mal, seit sie zurück in der Wohnung war, schien sich bei Margherita eine Wandlung zu vollziehen: Die Tränen waren versiegt, und ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Kaum verkündete ein köstlicher Duft, der jeden Winkel der Wohnung erfüllte, dass ihre Kreation fertig war, stand ihre Entscheidung fest.

Als Francesco nach Hause kam, wunderte er sich über die ungewöhnliche Stille. Keine Spur von Margheritas befelltem Rudel, kein Begrüßungspfiff von Valastro und vor allem keine Spur von Margherita. Wahrscheinlich ist sie beim Tierarzt, dachte er, zog sich die Schuhe aus und stellte sie in den Flur. Aber wieso hat sie mir nichts gesagt? Ich werde doch wohl nicht einkaufen gehen müssen?

Er warf einen beunruhigten Blick in die Küche und hatte wie durch Zauberhand all seine Lieblingsgerichte vor Augen. Francesco war sprachlos. Ihm wurde mulmig: Offenbar war ihm etwas entgangen. O Gott, welcher Tag war heute? Vielleicht irgendein Jahrestag? Fieberhaft ging er sämtliche wichtigen Daten ihrer Beziehung durch.

15. März, erste Begegnung.

9. November, Maggys Geburtstag.

7. Juni, Hochzeit.

Nichts davon fiel auf den heutigen Tag. Was dann? Er fuhr mit dem Zeigefinger durch die Ananascreme und steckte ihn in den Mund. Sie war noch warm, duftend und einladend. Sein Lieblingskuchen. Daneben lag ein Brief. Lächelnd griff er danach. Doch mit jeder Zeile erstarrte das Lächeln auf seinem Gesicht mehr, genau wie der Tortenguss, dem Margherita zwar nicht alle, aber immerhin eine beträchtliche Menge ihrer Tränen beigemischt hatte.

Lieber Francesco,

heute war wirklich ein ganz besonderer Tag.

Drei Ereignisse sind gleichzeitig und ohne jede Vorwarnung über mich hereingebrochen, und das in dieser Reihenfolge:

1) Nicht erfolgter Erhalt des »sicheren« Jobs.

2) Kündigungsmitteilung des Hausbesitzers: Sein Sohn braucht unsere Wohnung.

3) Und zur Krönung des Ganzen: der niederschmetternde Besuch Deiner »Freundin« Meg, die mich schluchzend darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass ihr seit über einem Jahr zusammen seid und dass sie Dich mit niemandem mehr teilen will.

Unsere Liebe, meint sie, sei sowieso »erloschen« (angeblich sind das Deine Worte).

Kurz gesagt, sie hat mich, in Tränen aufgelöst, gebeten, Leine zu ziehen und einer Scheidung zuzustimmen. Auf meine Frage: »Wieso hat Francesco mir das nicht selbst gesagt?«, meinte sie, Du brächtest es nicht übers Herz, mir dermaßen weh zu tun. Also hat sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Ach, übrigens, ich habe erfahren, dass wir einen Sohn haben, denn Meg meinte, unser Kleiner sei groß genug, um mit der Situation fertig zu werden, ich müsse mir um ihn keine Sorgen machen. Ein Jammer, dass ich mich an dieses Kind überhaupt nicht erinnern kann. Und wie alt hätte ich Deiner Meinung nach bei seiner Geburt gewesen sein sollen?

Während Francesco fassungslos Margheritas Zeilen las, schoss sie bereits in ihrem bis unters Dach vollgestopften Kombi mitsamt Artusi, Ratatouille, Asparagio und dem in einem fort »FERIEN! FERIEN!« krähenden Valastro im Gepäck über die Autobahn.

Jeder andere wäre bei dem Krach im Auto durchgedreht, doch Margherita war dermaßen euphorisch, dass ihre Nerven allem standgehalten hätten. Zu Valastros Geschrei gesellten sich Asparagio, das berühmte Kätzchen, das ihre Kapitulation herbeigeführt hatte und inzwischen zu einem Minipanther mit stattlicher Stimme geworden war, Ratatouille, eine Art winzige, lebendige Flickenpuppe in Katzenform, und Artusi, der laut Margherita an Platzangst litt, denn was sonst konnte seinen verzweifelten Protest herbeiführen, sobald man mit ihm ins Auto stieg. Überflüssig zu erwähnen, dass Ratatouille und Artusi ebenfalls Findelkinder waren.

Derweil hockte Francesco zusammengesunken in einem Sessel und las zum x-ten Mal und noch immer ungläubig den letzten Teil des Briefes. Es hatte eine ganze Weile gebraucht, ehe er die Bedeutung dieser Worte vollends erfasst hatte: Ein Teil seines Hirns weigerte sich standhaft. So etwas konnte Margherita, seine Margherita, ihm nicht antun. Das war unmöglich. Unvorstellbar. Abermals heftete er den Blick auf die letzten Zeilen und merkte, wie die Buchstaben vor seinen feuchten Augen zu tanzen begannen.

Weißt Du, was das Verblüffendste war?

Als ich nach dem Besuch Deiner Geliebten angefangen habe, DEINEN Kuchen zu backen, meinte ich, sterben und im Erdboden versinken zu müssen, doch plötzlich fühlte ich mich erleichtert, euphorisch, schwerelos wie eine Feder! Du lieber Himmel! Es hat tatsächlich diese drei Schläge gebraucht (vor allem den letzten), um mich begreifen zu lassen, dass mein Leben mit Dir einer kleinen, erdrückenden, süßen Hölle glich! Zu wissen, dass Du eine andere liebst, hat gereicht, um zu kapieren, dass ich nur auf ein Alibi gewartet habe, um Dich verlassen zu können!

Es ist nun einmal schwer, ein »Kind« zu verlassen, auch wenn es schon vierzig Jahre alt ist und graue Schläfen bekommt, doch es ist niederschmetternd offensichtlich, dass es ein ewiger Teenager bleiben wird.

Himmel, was für eine Erleichterung, jetzt kann Dich jemand anders bemuttern!

In null Komma nichts hatte ich die Koffer gepackt. Mein Vater findet schließlich immer ein Plätzchen für mich.

Jetzt wirst Du Dich fragen, was ich mit meinem Leben anfangen will.

Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht.

Eine Umarmung,

Margherita

Zwei

Die Glockenschläge der Pfarrkirche von Roccafitta hallten durch die engen Gassen des kleinen, mittelalterlichen Ortes und übertönten das lebhafte Stimmengewirr, das aus der strategisch perfekt an der zentralen Piazza direkt gegenüber der Kirche gelegenen Bar dello Sport drang. Wie so oft hatte sich die Debatte zwischen den Mitgliedern des Heimatvereins vom Vereinslokal in die Bar verlagert. Grund für die hitzige Diskussion waren die Programmpunkte, die für das Dorffest am letzten Maisonntag auf die Beine gestellt werden sollten.

»Dann sag mir mal, was Darbietungen beim Wildschweinfest verloren haben!«, polterte Bernardo Maria Nocentini, genannt Bacci, ein beleibter junger Kerl mit widerspenstiger Mähne. »Zum Wildschweinfest geht man, um zu essen!«

Armando, ein noch immer attraktiver Mann um die sechzig, sprang auf und knallte sein Glas auf den Tisch.

»Einen tollen Nachwuchs haben wir!«, rief er grimmig. »Normalerweise sind doch die Alten immer nur aufs Essen aus!«

»Zu blöd, dass auch die Touristen nur ans Essen denken und ich als Stadtrat das Dorf promoten muss!«

Giulia, eine schöne Frau Mitte vierzig mit Fellinibusen und sinnlichem Lächeln, sprang Armando zur Seite.

»Aber gute Musik mögen doch alle, eine Darbietung ist eine großartige Idee, ich bin dafür.«

Armando warf ihr einen bewundernden Blick zu.

Gualtiero, der Fischverkäufer, ein rüstiger Zweiundsechzigjähriger, ließ es sich nicht nehmen, seinen Senf dazuzugeben: »Vielleicht fangen dann alle an zu tanzen und das Wildschwein liegt nicht so schwer im Magen!«

Er brach in schallendes Gelächter aus, und die anderen fielen ein.

»Kümmere du dich um deinen eigenen Kram, Fischverkäufer! Und glaub bloß nicht, dass es auch noch ein Sardinenfest gibt!«, erwiderte Bacci pikiert, denn er war nicht nur Stadtrat, sondern auch der angesehenste Metzger im Ort.

»Da irrst du dich«, schaltete sich Baldini ein. »Das wäre mal was Neues. Die ewigen Tortellini-, Wildschwein- und Ribollitafeste haben doch alle über!«

In dem Moment stieß Salvatore zu ihnen, ein hageres Männchen mit Frettchengesicht.

»Was nehmt ihr? Ich geb einen aus! Nieder mit dem Geiz!«

Ungläubig wandten sich die fünf um.

»Und was gibt’s zu feiern?«, fragte Armando neugierig.

Salvatore wedelte mit einem Scheck herum und verkündete, er habe sein Land verkauft.

»Die Last bin ich los. Hätte ich es nicht verkauft, hätte es die Verwandtschaft getan! So kann ich wenigstens das bisschen Kohle genießen!« Er sah Baldini an. »Und du, worauf wartest du? Sonst überlegt der es sich noch anders …«

Armando sah Baldini zweifelnd an. »Verkaufst du auch?«, fragte er.

Sein Freund schüttelte seufzend den Kopf.

»Ich weiß nicht, das hängt von meinem Sohn ab, ich warte noch auf seine Antwort.«

»Da zerbrichst du dir noch den Kopf? Das ist doch deins!«, sagte Salvatore. »Verkauf’s und freu dich am Geld!«

»Aber ich will nicht verkaufen«, gab Baldini zurück. »Ohne mein Land komme ich mir vor wie … eine Schnecke ohne Haus!«

Die anderen lachten, nur Armando schien aus den Worten des Freundes den bitteren Unterton herauszuhören. Er gab ihm eine Klaps auf die Schulter. »Na, komm schon, das wird alles.« Dann deutete er auf Giulia. »Wieso kommst du nicht mit uns mit? Das bringt dich auf andere Gedanken. Tango bewirkt wahre Wunder, und Giulia ist eine großartige Lehrerin.«