Informationen zum Buch

»Ich glaube, dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« Marcel Reich-Ranicki

Das Buch des ausgewiesenen Biographen Manfred Flügge entwickelt ein mehr als hundert Jahre umspannendes Panorama der legendären Literatenfamilie.

Diese erste Familienbiographie der Manns ermöglicht ein neues Verständnis der geistigen, politischen und kulturellen Entwicklung Deutschlands bis heute.

»Es ist doch eine wirklich erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder.« Thomas Mann an Klaus Mann, 1942

»Die Manns«, das ist eine Glücksgeschichte, die aus lauter kleinen Tragödien besteht. Von Lübeck bis Venedig, von München bis Los Angeles, von Capri bis Halifax, von Nidden bis Paraty reichen die Schicksalswege der Mitglieder dieser besonderen Familie, deren Erlebnisse ein Jahrhundert beleuchten und deren Texte alle Themen ihrer Zeit berührt haben.

Manfred Flügge schildert die Familiengeschichte der Manns, wobei er auch auf die Familienzweige der Dohms und der Pringsheims eingeht. Das politische Denken und Handeln sowie die wichtigsten literarischen Werke der Manns stellt er in engem Zusammenhang mit Zeit- und Lebensgeschichte dar. Indem Thomas Mann an einer Humanisierung des Mythos arbeitete, wurden er und die Seinen selber zu einem Monument der deutschen Kulturgeschichte.

Über Konflikte und Missverständnisse hinweg hat Deutschland aus dem Wirken der Manns vielfachen Nutzen gezogen. Wie zwischen dem Erscheinen der ersten Romane der Brüder Mann im Jahr 1901 bis zur Ausstrahlung der Fernsehserie »Die Manns« im Jahr 2001 mit dieser produktiven und provozierenden Familie umgegangen wurde, das besagte stets auch etwas über den Zustand des Landes.

Manfred Flügge

Das Jahrhundert der Manns

Aufbau

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Manns

Herkunft

Kaisers neue Bühne

Symbolismus und Satire

Damen und Dramen

Die Tragödie von Carla Mann

Ironie und Schicksal

Werkwanderung

Jüdische Schicksale

Pringsheims

Katzenzungen, edelbitter

Göttliche Jünglinge

Bruderzwist im Hause Mann

Falsche Zwillinge, echte Komplizen

Die Erfahrung des Exils

Meisterlichkeit als Lebensform

Verehrende Frauen

Unmögliche Heimkehr

Bruder Viktor

Die liebe Schweiz

Der Erwählte

Die Verfemte

Verlorenes Spiel

Einsamkeit und Skepsis

Vaters Element

Novellenverbrechen

Das Glück der Manns

Hinweise

Danksagung

Personenregister

Über Manfred Flügge

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Will es denn das Schicksal, daß unsere Existenz symbolisch wird, so haben wir uns diesem Schicksal zu stellen.

Thomas Mann, Paulskirche 1949

Man kennt meine Herkunft aus dem Roman meines Bruders.

Heinrich Mann, 1944

Wir alle waren bestimmt, Weltkinder zu sein.

Monika Mann

Es ist doch eine wirklich erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder.

Thomas Mann an Klaus Mann, 1942

Widmung.tif

Für Mahmud Haddadi (Teheran),

der die Werke von Heinrich Mann und Thomas Mann

ins Persische übersetzt

Manns

Vorsicht ist geboten bei allen Personen namens Mann.

Ordnungsamt Lübeck, Dezember 1936

Im Sommer 1997 reiste Frido Mann zum ersten Mal nach Nidden, einem kleinen Ort auf der Kurischen Nehrung. Oberhalb des Ostseestrandes stand noch immer das geräumige Sommerhaus seiner Großeltern. Bei einem Abstecher von Königsberg aus hatten sie den Ort im Jahr 1929 entdeckt und beschlossen, dort ein Feriendomizil zu errichten. Als das braungestrichene Holzhaus mit Strohdach und blauen Fensterläden im Sommer 1930 bezogen wurde, kam es zu einem Auflauf wie bei einem Volksfest. Die Einheimischen feierten den zum Nobelpreisträger avancierten Autor und seine Angehörigen. Auch in den beiden folgenden Jahren verbrachten die Manns hier ausgedehnte Ferien, dann beendete das Exil diese Phase. In wechselndem Besitz überdauerte das Gebäude die Jahrzehnte und Regime, ehe es im souveränen Litauen restauriert und als Thomas-Mann-Kulturzentrum eingeweiht werden konnte.

Frido Mann ist mehrmals wiedergekommen und konnte erleben, wie sich an diesem Ort auf der schmalen Landzunge zwischen Meer und Haff die Epochen überlagern und alle noch spürbar sind. 1997 reiste er auch in den brasilianischen Küstenort Paraty, wo seine Urgroßmutter Julia da Silva-Bruhns geboren wurde, die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Von Nidden bis Paraty, von Lübeck bis Venedig, von München bis Los Angeles, von Capri bis Halifax reichen die Schicksalswege der Mitglieder dieser besonderen Familie, deren Erlebnisse ein Jahrhundert beleuchtet und deren Werke alle Themen ihrer Zeit berührt haben.

»Die Manns kommen!« Dieser Schreckensruf tönte Thomas Mann entgegen, als er eines Tages in der Nähe seines Münchner Hauses mit seinem Hund spazieren ging. Ein paar Kinder flüchteten … vor seinem eigenen Nachwuchs. »Die Mannkinder«, wie man auch sagte, ärgerten ihre Nachbarschaft mit Telefonterror, Ladendiebstählen und anderen bösen Streichen (vielleicht weil im Haus des Vaters immer Ruhe herrschen musste). Kadidja Wedekind erinnerte sich: »Zuweilen, wenn wir so am Isarufer hinpilgerten, begegneten wir vor einer eleganten Villa einigen finster blickenden, etwas verwahrlosten Kindern, und wir erfuhren, daß dies ›Thomas Manns‹ seien.«

Der Roman, der den Grundstein für den Mythos der Familie Mann bildete, trägt in seinem Titel keinen bestimmten Artikel: Buddenbrooks. Im Deutschen werden Personennamen ohne Artikel gebraucht. Für Vornamen gelten regional geprägte Eigenheiten, mal mit, mal ohne Artikel. Wer die Sippschaft meint, sollte also sagen: Bei Manns wurde Weihnachten seit Generationen groß gefeiert. Und doch heißt es längst überall Die Manns, als handle es sich um eine Firma, ein Unternehmen, ein Markenzeichen. Dabei schwingt etwas Abschätziges mit, im Sinne von »diese Manns«, mit denen es, wie man ja wisse, etwas Besonderes auf sich habe.

Auf ihrer Weltreise von 1927 traten Klaus und Erika Mann als »die literarischen Mann-Zwillinge« auf, als Angehörige eines Kollektivs wie Kinder aus einer berühmten Zirkusfamilie. Vielleicht hatte sie Rudolf Grossmanns bebilderter Artikel »Die Romanzwillinge. Thomas und Heinrich Mann« auf diese Idee gebracht, der am 9. Februar 1926 im Berliner Tageblatt erschienen war. Die Pluralform bezog sich ursprünglich auf das schreibende Brüderpaar mit seinen Unterschieden in Schreib- und Lebensstil, im Denken und öffentlichen Auftreten. Im November 1918 wurden in München Postkarten mit den beiden Türmen der Frauenkirche gedruckt, deren Kuppeln jeweils die Köpfe der beiden Romanciers darstellten: »Feindliche Brüder?« Links der schmunzelnde Heinrich über einer roten Fahne, rechts Thomas, missmutig hinüberschielend und von lästigen Krähen umschwärmt.

Schon als junger Autor war Klaus Mann Gegenstand von Karikaturen. Th. Th. Heine zeichnete ihn 1925 im Simplicissimus mit einem Manuskript in der Hand, hinter seinem Vater stehend: »Du weißt doch, Papa, Genies haben niemals geniale Söhne, also bist du kein Genie.« Egon Friedrich Maria Aders illustrierte seinen Artikel »Die Dichterdynastie Mann«, der 1927 in der Essener Wochenschau erschien, mit eigenen Zeichnungen: »Heinrich: Aristokrat und Grandseigneur in Gang und Haltung, Manieren und Kleidung, nicht aber im Zuschnitt der Lebensführung, der Behausung und der Repräsentation«. Thomas skizzierte er flau, glatt, konturlos; im Text hieß es, man würde ihn nie für einen Dichter halten, gleichwohl umgebe ihn ein besonderer Glanz im Gegensatz zu Heinrich. »Klaus Mann, der älteste Sohn von Thomas, auch bereits als Dichter bekannt, ist ein sehr begabter Junge, jedenfalls besser als seine allzu scharfen Kritiker.« Klaus wurde im Halbprofil gezeichnet, mit stark betonter Nase.

Im Mai 1929 veröffentlichten die Leipziger Neuesten Nachrichten folgende Karikatur: »Die Familie Mann, Heinrich, Thomas, Klaus und Erika, marschieren unter dem Ruf ›Selbst ist der Mann‹ geschlossen in Weimar ein, um dort ihren eigenen Dichtertag abzuhalten.« Auf der Zeichnung paradieren sie etwas unpassend im Stechschritt, Klaus trägt kurze Hosen. Als Kollektiv tauchten die schreibenden Manns 1930 in Ottomar Starkes Kleinem Literaturbilderbogen auf, einer gezeichneten Kolumne, die regelmäßig in der Zeitschrift Literarische Welt erschien. Die Porträts von Heinrich und Thomas Mann wurden mit Lorbeerkränzen verziert, der ovale Bilderrahmen für Klaus Mann blieb leer (»Klaus noch nicht«).

Ganz beiläufig erhielt der Begriff den bestimmten Artikel in einer kleinen Parodie mit dem Titel »Literatur = Conference. The Th. & H. Mann Family« im Berliner Tageblatt vom 1. Januar 1931. Paul Nikolaus, damals der bekannteste Conférencier der Hauptstadt, ließ für die Neujahrsausgabe der Zeitung einige Dichter wie auf einer Kabarettbühne auftreten. Zu dieser Konferenz erschienen »vier Mann«, nämlich Heinrich, Thomas, Erika und Klaus. Hier ist die Rede davon, »dass die Manns Lübecker sind« und dass die Kinder Klaus und Erika »literarisch erblich belastet« seien. In der NS-Presse wurden die Manns kollektiv verhöhnt, wobei Heinrich Mann der Lieblingsfeind war und mit antisemitischen Klischees verunziert wurde. Nach dem Januar 1933 nahmen die bösartigen Karikaturen zu. Auch auf ihre Exilorte am Mittelmeer wurde dabei angespielt.

Nach 1945 dauerte es lange, ehe die Manns öffentlich wieder als Kollektiv wahrgenommen wurden. Walter Arthur Berendsohn publizierte 1973 eine Sammlung von Aufsätzen und Besprechungen unter dem Titel Thomas Mann und die Seinen; Marcel Reich-Ranicki brachte 1987 eine Essay-Sammlung unter demselben Titel heraus. Schon lange vor Heinrich Breloers TV-Dokumentarspiel aus dem Jahr 2001 finden sich viele Belege für die Formel Die Manns.

Die beiden ältesten Söhne eines Lübecker Kaufmanns und dessen musisch begabter Frau wenden sich zu Beginn der 1890er Jahre vom Getreidehandel ab, dem ihre Vorfahren Ansehen und Wohlstand verdankten. Nach einer familiären Katastrophe – Tod des Vaters, Untergang der Firma – und nach zehn Jahren des Suchens, Irrens, Reifens verleihen beide Brüder ab etwa 1900 ihrem Namen Glanz und Klang auf dem Feld der Literatur. Sie selbst wie auch die folgende Generation sind von einer besonderen Aura umgeben, doch ist ihr Prestige mit menschlichen Dramen und massiven Anfeindungen erkauft. Die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder der literarischen Dynastie beschäftigen die Öffentlichkeit noch Jahrzehnte nach dem Tod der Gründerfiguren, machen sie als Familienverband zu einem »Monument« der deutschen, ja der europäischen Kulturgeschichte, mitsamt einer amerikanischen Phase.

»[…] es ist ja alles schon so oft erzählt worden, Süßes und Herbes, von Hoffnung und Resignation, Stolz und Ehrgeiz, Neid, Liebe und Wollust, Spott und Verzweiflung«, diese Worte aus einer Erzählung des jungen Golo Mann gelten längst für »die Manns« insgesamt. Es fehlt nur noch ein Gesellschaftsspiel: Nenne mir deinen Lieblings-Mann! Gemeint ist: Wer aus der Generationenfolge der Manns und ihrem Umfeld ist deine Lieblingsgestalt? Dabei sollten die Pringsheims, die Vorfahren von Katia Mann, einbezogen werden, denn durch sie wird die Familiengeschichte um einen jüdischen Schicksalskomplex erweitert. Dieses Ranking-Spiel könnte Anlass zu ernsten und heiteren Vergleichen sein und dabei helfen, uns bewusst zu machen, was wir an den Manns haben: eine große Saga voller Glanz und Glorie, voller Widersprüche und Leid, voller Irrtümer und Sonderwege, voller Errungenschaften und Gedächtnisorte, kurzum: einen Königsweg zum Verstehen von Gesellschaft und Geschichte in Deutschland, von Deutschlands Position in der Welt und einen Spiegel, in dem wir manche Züge und Neigungen der Deutschen besser erkennen können.

Der Aufstieg zum Mythos eines Landes wurde durch die Magie der Literatur bewirkt, aber auch durch nachhaltige Engagements in öffentlichen Angelegenheiten zwischen dem Kaiserreich und der Zeit der deutschen Teilung, über die NS-Zeit, das Exil und beide Weltkriege hinweg. Begründer der neuen Dynastie war Heinrich Mann, der als erster eine literarische Existenz wählte. Der jüngere Bruder Thomas folgte seinem Beispiel und erlangte höchsten Ruhm. Doch erst durch das eigenständige künstlerische und politische Auftreten der »Kinder der Manns« wurde der kulturelle Clan zu einem generationenübergreifenden Gebilde, das an die griechische Mythologie erinnert.

Schon als Kind hatte Thomas Mann gerne »Zeus« gespielt. Zu einer Art Göttervater geworden, versammelte er um sich und seine Gattin eine muntere Schar von Nebengöttinnen und -göttern, Halbgöttern, zu Göttern geadelten Helden und Heldinnen, Gefährtinnen und Gefährten, Geliebten, Hausfreunden und Haustieren und natürlich auch von hartnäckigen Gegenspielern und Todfeinden. Zu allen gehören ihre Kose- und Spitznamen, ihre bezeichnenden Anekdoten, fröhlich gemischt aus Dichtung und Halbwahrheit, von Forschern humorlos entwirrt. Was immer sie taten oder was ihnen zustieß – es war nur eine Spielart der Kernidentität, eines geschlossenen Seelenkosmos, der von den beiden Zentralgestalten zusammengehalten wurde. Manns also, oder »in Gottes Namen denn«: Die Manns.

Herkunft

Dies ist eine kleine, alte Handelsstadt, mancher verlässt sie nie.

Heinrich Mann, Eine Liebesgeschichte, 1936

Lübeck war einst die mächtigste Hansestadt und nach Köln die zweitgrößte Stadt im Alten Reich. Im 12. Jahrhundert zwischen zwei Flussarmen auf einer länglichen Anhöhe gegründet, erhielt die Stadt 1226 die Reichsfreiheit, die bis in die Neuzeit verteidigt wurde. Ihre Selbstverwaltung bestand auch nach 1866 innerhalb des Norddeutschen Bundes; 1871 trat sie dem geeinten Reich als eigenständiges Land bei. Erst unter dem NS-Regime verlor Lübeck im Jahr 1937 seinen Status. Damit entfiel die bis dahin erhaltene lübecksche Staatsangehörigkeit, die auch in den Pässen der Manns vermerkt gewesen war. Nach 1945 wurde die Stadt dem Land Schleswig-Holstein zugeordnet.

Lübeck war ein in sich geschlossenes Kunstwerk mit seiner Insellage, seinen Stadttoren, seinen bedeutenden Kirchen, seinem Rathaus, den engen, langen Straßen, den Gassen, Hinterhöfen und Gängen. Etwa 100 große Familien bestimmten das politische Leben. Als Stoff und Schauplatz der Literatur war die Stadt erst noch zu entdecken. Ehrgeizige Kaufleute hatte sie immer schon angezogen.

Im Jahr 1775 war ein Johann Siegmund Mann als vierzehnjähriger Kaufmannslehrling von Rostock nach Lübeck gekommen. Schon von dessen mecklenburgischen Vorfahren hatte es geheißen, sie hätten »sich sehr gut gestanden«.1790 wurde in Lübeck die Firma »Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäfte« gegründet. Der Patron heiratete eine gebürtige Hamburgerin, war als Kaufmann erfolgreich und starb 1848 nach einem Schlaganfall. Er hinterließ nicht nur eine angesehene Firma, sondern auch die Tradition, auf den letzten leeren Seiten einer Bibel in knapper Form die Fakten der Familiengeschichte schriftlich festzuhalten oder sie in Broschüren zu erzählen.

Sein Sohn, ebenfalls Johann Siegmund Mann mit Namen, geboren 1797, führte die Firma zu hoher Blüte und konnte das Firmenvermögen verzwanzigfachen. Aus seiner ersten Ehe mit Emilie Wunderlich hatte Johann Siegmund der Jüngere fünf Kinder. Fünf Jahre nach dem Tod von Emilie heiratete er 1837 in zweiter Ehe Elisabeth Marty, eine wesentlich jüngere Frau, deren Vorfahren aus der Schweiz zugewandert waren; auch aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor. Von seinem Schwiegervater Marty übernahm Johann Siegmund Titel und Amt des »Königlich Niederländischen Konsuls«. Im November 1841 erwarb er von Verwandten seiner Frau das Haus in der Mengstraße 4, das nachmalige »Buddenbrookhaus«. Im Frühjahr 1842 wurde es zum Firmensitz und zur Familienresidenz. Seit 1848 saß er in der Bürgerschaft von Lübeck. Johann Siegmund starb 1863 an Lungentuberkulose.

Der älteste Sohn aus der zweiten Ehe, Thomas Johann Heinrich, Rufname Heinrich, wurde 1840 geboren und begann 1855 eine Lehre in der väterlichen Firma. Die erwünschte Auslandserfahrung sammelte er in London und in Amsterdam. Als sein Vater dem Tode nahe war, kehrte der Junior nach Lübeck zurück und übernahm mit 23 Jahren die Leitung der Firma »Johann Siegmund Mann, Getreidehandlung, Kommissions- und Speditionsgeschäfte«, wie sie inzwischen hieß. Zudem erbte er den Titel eines niederländischen Konsuls.

1869 heiratete der neue Firmenchef. Seine elf Jahre jüngere Braut, die ihn an Körpergröße deutlich überragte, hieß Julia da Silva-Bruhns. Ihr Vater, der Kaufmann Johann Ludwig Hermann Bruhns, stammte aus einer Lübecker Familie, war aber nach Brasilien ausgewandert, wo er die Tochter einer einheimischen Kreolin und eines Portugiesen heiratete, der in vierter Generation in Brasilien lebte. Julia wurde 1851 als viertes von fünf Kindern geboren und erhielt den Rufnamen Dodo. Ihre Mutter starb mit 28 Jahren bei der Geburt des sechsten Kindes. Die achtjährige Julia wurde von ihrem Vater nach Lübeck gebracht und dem Mädchenpensionat von Therese Bousset vor den Toren der Stadt anvertraut. Der Vater kehrte zunächst nach Brasilien zurück, lebte aber später bis zu seinem Tod im Jahr 1893 mit einer neuen Gefährtin bei Kassel. Als Julia siebzehn war, lernte sie auf einem Ball ihren künftigen Mann kennen. Nach der Heirat zog das junge Ehepaar nicht in das Haus Mengstraße 4; dort blieb jedoch vorerst der Firmensitz. Im Februar 1877 wurde Thomas Johann Heinrich Mann zum Senator auf Lebenszeit gewählt, ein Höhepunkt in der Familiengeschichte. Unter den 14 Mitgliedern der Stadtregierung war er ab 1885 für Steuerwesen und Wirtschaft zuständig.

Das junge Ehepaar Mann wohnte zunächst zur Miete in einer Etagenwohnung im Haus Breite Straße 54, in dem am 27. März 1871 der erste Sohn geboren wurde, Luiz Heinrich Mann. 1872 erwarb die Familie ein eigenes Haus, Breite Straße 38, an der Ecke zur Beckergrube. Dort kamen Heinrich Manns Geschwister zur Welt: am 6. Juni 1875 der Bruder Paul Thomas; am 23. August 1877 die erste Schwester Julia Elisabeth Therese, Rufname Lula; am 23. September 1881 die zweite Schwester, Carla Augusta Olga Maria, Rufname Carla.

Als am 12. April 1890 ein weiterer Sohn geboren wurde, Carl Viktor, bewohnten die Manns das repräsentative Gebäude, das Senator Mann 1883 auf dem Grundstück Beckergrube 52 hatte errichten lassen. Von stabilen Wohnverhältnissen, wie sie die Bezugnahme auf den imaginären Fixpunkt des »Buddenbrookhauses« suggeriert, konnte kaum die Rede sein.

Auf den 21. Mai 1890 fiel das einhundertjährige Jubiläum der Firma Mann. Wenige Wochen später wurde beim Senator Blasenkrebs festgestellt, eine Operation war unvermeidlich. Am 30. Juni 1891 setzte der Firmenchef sein Testament auf. Und er verkaufte das Haus seiner Eltern in der Mengstraße. Der Senator starb am 13. Oktober 1891 mit 51 Jahren; mit einem langen Trauerzug zum Friedhof vor dem Burgtor im Norden der Stadt erwies Lübeck ihm die letzte Ehre. Alsbald kursierten Gerüchte über den fragwürdigen Lebenswandel der Witwe; der Hauptpastor der Marienkirche brachte das Schmähwort von der »verrotteten Familie« in Umlauf. Aber was den einen als Niedergang vorkommt, ist für andere der Ausgangspunkt eines neuen Lebens.

Senator Mann war in dem Bewusstsein gestorben, dass mit ihm eine Tradition erlosch und seiner Witwe sowie den fünf Kindern schwere Zeiten bevorstünden. Der eingesetzte Testamentsvollstrecker erwies sich als unfähig und unzuverlässig. Die Liquidation der Firma ergab lediglich 400000 Mark, die Hälfte der erhofften Summe. Die monatlichen Zinsen für die Mutter betrugen 600 Mark, für die beiden ältesten Söhne je 180 Mark – aber erst nach deren Volljährigkeit auszuzahlen. Der zuständige Vormundschaftsrichter hieß übrigens Leverkuehn.

Nach dem Tod ihres Gatten war Julia Manns Leben von einem zwanghaften Umzugstrieb geprägt. Ihr Sohn Viktor sprach von »krankhafter Unstetheit«. Zunächst zog sie mit den Kindern aus dem großen Stadthaus in eine Villa vor dem Burgtor (Roeckstraße 7). Im Sommer 1893 verließ sie Lübeck, wo sie nie recht heimisch geworden war, und zog von der Trave an die Isar; aber auch in Bayern fand sie keine Ruhe. Ihren Kindern jedoch bot die Kunststadt München neue Perspektiven.

Kaisers neue Bühne

In Heinrich Manns Geburtsjahr 1871 hatte für Deutschland eine neue Epoche begonnen. Bismarck und der greise Kaiser Wilhelm I. hatten mit dem geeinten Deutschland einen neuen politischen Akteur auf dem europäischen Kontinent platziert, dessen Gleichgewicht dadurch aus der Balance kam. Auch dank der Reparationszahlungen aus dem unterlegenen Frankreich setzte in den Gründerjahren ein Aufschwung ohnegleichen ein, eine gewaltige Modernisierung von Infrastruktur, Bildungswesen, Technik.

In Frankreich war mit dem Krieg von 1870/71 das zweite Kaiserreich zu Ende gegangen; in einem Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzog, setzte sich danach die Republik als Staatsform durch. Sie war das Neue in der französischen Geschichte, aber sie nannte sich »die Dritte Republik«, wodurch eine Bezugnahme auf das Jahr 1792 sowie auf das Jahr 1848 gegeben war. Durch ein republikanisches Bildungswesen wurde sie tief im allgemeinen Bewusstsein verankert.

Die Bilanz des deutschen Kaiserreichs war auf den ersten Blick positiv. Unbestreitbar waren der wirtschaftliche Aufschwung und der langsam wachsende Wohlstand; hinzu kamen Formen sozialer Absicherung wie in keinem vergleichbaren Land der Welt. Vor 1914 gehörte Deutschland zu den drei führenden Industrienationen, nach den USA und Großbritannien, aber vor Frankreich. Es vollzogen sich ein kolossaler Bevölkerungszuwachs sowie eine enorme Binnenwanderung in die neuen Zentren der Industrie. Die autoritäre Regierungsform stieß sich an den Gegebenheiten, die für die moderne Gesellschaft unabdingbar waren: freie Wirtschaft, offene Gesellschaft, Universalismus der Werte. Der Reichstag symbolisierte ein uneingelöstes Versprechen, eine künftige Gegenmacht, deren Bedeutung im Laufe der Jahre allerdings zunahm.

Das Bismarck-Reich schien die historisch endgültige Form Deutschlands geworden zu sein und war dann doch nur eine relativ kurze Etappe in der langen und konfliktreichen Nationenbildung. Es war mächtig: industriell, wissenschaftlich, technisch, militärisch. Doch es konnte seinen Frieden nicht finden, nach innen nicht und nicht nach außen. Und es schuf auch keine wirkliche Einheit im Innern: Es wurden stets »Reichsfeinde« ausgemacht oder notfalls erfunden. Die halbabsolutistische Struktur war ein Anachronismus, das feudalaristokratische Machtzentrum stand in krassem Widerspruch zur stürmischen Entwicklung von Industrie und Technik; das Wachstum von Arbeiterschaft, Städten und Massengesellschaft trieb die alten Mächte in die Enge. Es war ein reiner Machtstaat ohne übergreifende Idee und ohne grundlegende Werte, mit der Obsession von Sicherheit und Stabilität, in Wahrheit stets virtuell im Krieg mit allen liegend, sich auf den nächsten Waffengang vorbereitend. Die innere Leere wurde mit Getöse und Getue überdeckt, mit dem stillosen Schauspiel hohler Macht.

Ab 1888 begann eine neue Ära, deren Beginn mit der Thronbesteigung Wilhelms II. zusammenfiel. Die archaischen Formen und Ideologien, die aus dem Alten Reich überlebt hatten, stießen auf die Gegebenheiten der entfesselten Moderne. Die Deutschen wie ihr Kaiser schwankten zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühl.

Kaiser Wilhelm II. war der Hauptdarsteller dieses Reiches. Niemand verkörperte Ansprüche und Schwächen, Triumphgeheul und Jammer des Zweiten Deutschen Kaiserreichs umfassender und überzeugender als dieser Staatsschauspieler. Er interpretierte eine Vielzahl von Rollen in immer neuen Kostümen, vom Heerführer bis zum Familienpatriarchen, vom Kunstdiktator bis zum Herrenreiter, vom Edelmann bis zum Arbeiterversteher, vom Judenfreund bis zum Antisemiten. Er beherrschte das Genre der Hetzrede ebenso wie die huldvolle Hinwendung zu seinen Untertanen. Und doch hatte dieser Reisekaiser einen heimlichen Makel, ein brüchiges Selbstbewusstsein, und vieles an seinem Imponiergehabe war nur Kompensation.

Die Binnenseite der politischen Widersprüche war die allgemeine Nervosität. Sie war eine Signatur der modernen Zeiten schlechthin, fand aber im Wilhelminischen Deutschland ihren greifbarsten Ausdruck. Leben und Werk des jungen Heinrich Mann ergäben schönes Anschauungsmaterial für das »Zeitalter der Nervosität«. Dies meinte die Reizbarkeit im »ruhelosen Reich« als eine der Wurzeln der Katastrophe von 1914, wobei es unwichtig ist, ob es sich um ein Phantasma oder um medizinische Realität handelte.

»Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie«, reimte der Volksmund. Den Begriff Neurasthenie hatte der New Yorker Nervenarzt George M. Beard 1880 eingeführt. Diese Nervenschwäche, ein Grenzzustand zwischen Krankheit und Gesundheit, wurde als charakteristisches Leiden verstanden und galt als Grund, sich in spezielle Kuren zu begeben. Die Rede davon verbarg allerlei Unaussprechliches, nicht zuletzt Probleme mit der Sexualität. Aus solchen zeittypischen Vorstellungen von Nervenschwäche und neu zu gewinnender Energie wird verständlich, warum beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs so viele Kur-Begriffe benutzt wurden bis hin zu Formulierungen wie »Stahlbad«.

Im Neuen Reich kam der Stadt Lübeck nur noch eine marginale Bedeutung zu; sie verkörperte eher die Vergangenheit, gemessen an der rasanten Entwicklung des geeinten Landes; Hamburg hatte der Stadt endgültig den Rang abgelaufen. Eine Sonderstellung nahm Berlin ein als stetig wachsende Hauptstadt und als zweitwichtigste Industrieregion nach dem Ruhrgebiet. München bildete den maximalen Kontrast dazu, auch wenn es hier einiges an Industrie gab. Unter dem Prinzregenten Luitpold wurde es zur Stadt der künstlerischen Freiheit (wozu es seine intolerante katholische Vorgeschichte nicht prädestiniert hatte). Jenseits von München gab es nur noch Paris, das viele Münchner Künstler anzog.

Denn die Intelligentia des neuen Reiches begab sich gerne an die Seine. Das besiegte Frankreich hatte das siegreiche Deutschland übertrumpft – in künstlerischer Hinsicht. Vorreiter einer Hinwendung nach Frankreich, ohne dass die Tradition der Italienreise verloren ging, war Friedrich Nietzsche, der befand, dass man den deutschen Geist zugunsten der deutschen Einheit geopfert hatte. Alle großen Namen in Malerei, Journalismus, Literatur, Theater, von Max Liebermann und Rainer Maria Rilke, Stefan George, Frank Wedekind bis Franz Hessel, Erich Mühsam, Wilhelm Herzog, Paula Modersohn-Becker, Annette Kolb und viele andere, verbrachten Lehrjahre in Paris. In dieser beeindruckenden Liste fehlen nur die Brüder Mann. Gleichwohl spielte das Bild von Frankreich zwischen ihnen eine wesentliche Rolle.

In seinem erfolgreichen Roman Prinz Kuckuck (1907) hat Otto Julius Bierbaum alle gesellschaftlichen, menschlichen und moralischen Widersprüche des Wilhelminischen Reiches veranschaulicht, das er als »Hurrasien« verspottete. Dieses sprachmächtige und erotisch freizügige Kunstwerk war auch eine wichtige Anregung für die Schriftstellerbrüder Mann. Deren Laufbahn begann zu einer Zeit, als Kunst und Künstler in Deutschland ideologisch überhöht wurden und sich die materiellen Voraussetzungen durch einen Aufschwung im Verlagswesen erheblich verbesserten.

Der Bereich der Kunst hatte im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine erstaunliche Ausweitung erfahren. Maler, Dichter, Komponisten gewannen einerseits an kreativer Freiheit und an technischen Möglichkeiten, sahen sich andererseits politischen Kontrollen und ökonomischem Druck ausgesetzt. Die Kunstszene wurde vielfältiger und internationaler; europäische Musiker reisten durch alle Länder des Kontinents und gelegentlich in die Neue Welt; Romane wurden übersetzt, Gemälde wurden international gehandelt; ästhetische Entwicklungen in einem Land hatten Auswirkungen auf andere Länder. Museen, Galerien, Salons, Akademien, Kultusministerien stützten die Geltung der Künste. Die rapiden Fortschritte der Drucktechnik und anderer Verfahren zur Vervielfältigung bewirkten Neugründungen von Presseorganen und Verlagen und steigerten die Nachfrage nach Texten.

Mit den neuen Techniken und ihren vielfältigen Möglichkeiten wuchs ein buntes Künstlervölkchen heran: Maler, Zeichner, Romanciers, Liederdichter, Dramatiker, Kabarettisten, Kritiker, Journalisten, Fotografen. Es entstand eine sozial ungesicherte und ungebundene Zwischenschicht: die Boheme. Am anderen Ende der Skala standen Maler- und Dichterfürsten, die zu nationalen Ikonen wurden. Kunst- und Buchhandel sowie das Pressewesen entwickelten sich zu neuen Erwerbszweigen und gesellschaftlichen Instanzen.

Seit 1887 galten für Bücher feste Ladenpreise; der Buchmarkt hatte sich erheblich ausgeweitet. Im Deutschen Reich erschienen im Jahr 1909 insgesamt 31000 Titel, in Frankreich etwa nur 11000. Ausländische Romane wurden in Deutschland billiger verkauft, gefertigt von schlecht bezahlten Feierabend-Übersetzern. Rechtsabkommen über Grenzen hinweg gab es nur selten und wurden nicht immer respektiert.

Eine Serie von Verlagsgründungen sorgte für neue Formen und Dimensionen des literarischen Lebens, so durch Samuel Fischer (Berlin, 1886), Eugen Diederichs (Florenz, 1896), Albert Langen (1893, erst Paris, dann München), Georg Müller (München, 1903), Reinhard Piper (München, 1904). Der Verlag Die Insel, aus der gleichnamigen Zeitschrift hervorgegangen, wurde 1899 in München gegründet und ab 1906 in Leipzig von Anton Kippenberg geleitet; 1910 begann Ernst Rowohlt in Leipzig, zog aber bald nach Berlin; 1913 gründete Kurt Wolff einen Verlag in Leipzig (mit den Lektoren Kurt Pinthus und Franz Werfel). Kleinformatige Bücher (als Reiselektüre in der Eisenbahn) spielten eine besondere Rolle, so Langens »Kleine Bibliothek« (seit 1897) mit dem Einheitspreis 1 Mark (dort erschienen die Novellen von Heinrich Mann). Ähnliches versuchte die »Collection Fischer« (in der Thomas Mann mit Erzählungen debütierte).

In Malerei, Bildhauerei und Literatur, in Musik, Theater und Mode beanspruchten die Frauen ihren Platz, nicht länger als geduldete Ausnahmen, sondern als gleichberechtigte kreative Persönlichkeiten. Ihr Zugang zu den entsprechenden Institutionen wurde von dominanten Männern und gängigen kulturellen Zuschreibungen behindert. Als neue Akteure im kulturellen Feld wirkten seit Beginn des 19. Jahrhunderts jüdische Künstler, ein Zeichen ihrer fortschreitenden gesellschaftlichen Integration.

Alle Tendenzen der Kunstideologie des 19. Jahrhunderts kulminierten in einer Person, einem Werk und an einem Ort: in Richard Wagner und dem Festspielhaus in Bayreuth. In Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk flossen verschiedene ästhetische Formen zusammen; ergänzt und überhöht wurde dies ab 1876 durch einen Ort, an den man pilgern konnte, um weihevollen Aufführungen beizuwohnen. Die Kräfte des Imaginären in neue Mythen und neue integrale Formen eingebunden zu haben, die Aufführung als soziales und beinahe sakrales Ereignis, das eigene Werk zum kulturgeschichtlichen Faktum überhöht zu haben, das war Wagners Leistung. Eben diese Entwicklung führte zum Abfall seines einstigen Bewunderers Friedrich Nietzsche. Nietzsches Wagnerkritik (Der Fall Wagner) wiederum wurde zum ästhetischen Schlüsseltext für Thomas Mann. Durch Nietzsche vermittelt, entwickelte Thomas Mann ein lebenslanges Misstrauen gegen Wagner als »Dichter« und als Effekthascher – und versuchte doch, dessen Selbstbewusstsein und Werkkult nachzuahmen. Richard Wagner vereinte mehrere Künstlermythen: als Dichter, als Musiker, als Politiker, als Held einer abenteuerlichen Lebensgeschichte.

Brennpunkt der Entwicklung von Kunstpraxis und Kunsttheorie um 1900 war München. Hier erschien 1890 das folgenreiche Buch von Julius Langbehn Rembrandt als Erzieher. Darin wurde der Kunst eine erzieherische Aufgabe zugewiesen, jedoch beschränkt auf das eigene Volk. Der Künstler galt als eine Art Führer, welchen man den Spezialisten des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, aber auch demokratischen Politikern entgegensetzte. Diese heroische Auffassung von Künstlertum passte in das Weltbild der Völkischen und ihrer Vorstellung von einer Wiedererstarkung des Deutschtums. Die Künstlerideologie geriet hier zum nationalpädagogischen Projekt, bewusst gegen die Moderne gesetzt.

Symbolismus und Satire

Du träumtest Leben, und du lebtest Mythen.

Heinrich Mann, Jugendgedicht

Apart sein war alles. Er suchte das Abseitige und Marginale, um sich zu unterscheiden, um aufzufallen. Mit 15 Jahren schrieb er eine kleine Erzählung mit dem Titel Apart, die kurzgefasste Lebensgeschichte eines Snobs und Exzentrikers aus Paris. Dieser ist mit dem Leben fertig, bevor er es kennen gelernt hat, schaut gelangweilt und amüsiert auf das Treiben der anderen hinab. Noch seinen Tod inszeniert der blasierte Dandy als theatralische Provokation. In seinem Verhalten, seinen politischen Ansichten, in seinem Liebesleben wie in seinem Schreiben suchte der junge Heinrich Mann das Ausgefallene. Das Lebenswerk des Vaters fortzusetzen war nicht apart genug.

Vergeblich hatte Senator Mann versucht, seinen ältesten Sohn für die Familienfirma und den Kaufmannsberuf zu gewinnen. Auch eine Reise zu Verwandten nach Sankt Petersburg konnte den 13-Jährigen nicht für den Fernhandel begeistern. Schon als Schüler schickte Heinrich Gedichte und Erzählungen an Zeitungen und Zeitschriften. In der Schule, dem Katharineum in der Königstraße, fand er kaum Anregungen. Nach der Obersekunda verließ er die Schule und begann im Oktober 1889 eine Buchhandelslehre in Dresden. Die Arbeit empfand er als stumpfsinnig, genoss aber das kulturelle Leben der sächsischen Hauptstadt. Er las Heine, Fontane und bald auch Nietzsche. Seine Zukunft sah er vage als »Verleger – Redakteur – Schriftsteller«. Als die Zeitschrift Gesellschaft im Herbst 1890 ein Gedicht von ihm abdruckte, nannte er dies seinen ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Im Herbst 1890 entstand die autobiographische Novelle Haltlos über einen jungen Mann aus gutem Hause, der im Buchhandel arbeitet und eine Affäre mit einer Verkäuferin hat. Erlebnisse oder Wünsche verwandelte er in Literatur – das war sein Weg.

Im August 1891 trat er als Volontär in den Verlag von Samuel Fischer in Berlin ein. Um die neue Situation zu begutachten, führte der Vater ein Gespräch mit dem Chef des Hauses. Aus Heinrichs Sicht war das (unbezahlte) Volontariat nur Mittel zum Zweck: »Hauptsache Berlin«. In seinen Erinnerungen schreibt Heinrich Mann, der Vater habe seine literarischen Pläne auf dem Totenbett gebilligt, aber als der Senator starb, hielt sich der älteste Sohn noch in der Hauptstadt auf. Immer wieder hat Heinrich Mann kleine Geschichten erfunden, um das Bild seines Lebens auszuschmücken. Der Vater hatte in seinem Testament vom 30. Juni 1891 ausdrücklich gewünscht, seine Frau möge den »Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer so genannten literarischen Tätigkeit« entgegentreten. Nach dem Tod des Vaters musste Heinrich keine Rücksicht mehr nehmen, er sprach von seiner »Freilassung« und gab sich seinem ungezügelten Bummelantenleben hin. Ein kurzes Zwischenspiel als Gasthörer an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität war eher ein mondäner Zeitvertreib. Sein Wissen bezog er aus den Feuilletons, wie er seinem einstigen Mitschüler Ludwig Ewers gegenüber zugab.

Im Januar 1892 erlitt Heinrich Mann einen Blutsturz, seine Lungen waren stark angegriffen. Er musste sich nach Wiesbaden in ein Sanatorium begeben, und so endete die Berliner Zeit sehr plötzlich. Da die Erkrankung alle Züge einer Krise, ja eines Zusammenbruchs aufwies, muss man darin eine Reaktion auf das Ableben des Vaters und den unerledigten Konflikt mit ihm sehen. Krankheiten, Nervenleiden und Erfahrungen in Sanatorien bestimmten sein Leben in den nächsten Jahren.

Die verwitwete Julia Mann dachte nicht daran, die literarische Tätigkeit ihres Ältesten zu behindern, ja sie begann selbst, Erinnerungen an ihre Jahre in Brasilien aufzuschreiben, und sie konnte herrlich erzählen von ihrem Leben in einem wunderlichen Haus zwischen Ozean und Regenwald unter pittoresken Menschen und Tieren. Sie spielte auch gut Klavier und sang vortrefflich. Die künstlerischen Ambitionen ihrer beiden ältesten Söhne hat sie nachhaltig unterstützt.

Neben der literarischen Neigung entwickelte Heinrich einen starken Drang, seine Meinung öffentlich zur Geltung zu bringen. Seinen ersten publizistischen Auftritt hatte er als Mitarbeiter und Herausgeber der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert. Deutschnationale Monatshefte für soziales Leben, Politik, Wissenschaft und Literatur. Das Blatt existierte von Oktober 1890 bis Oktober 1896 im Verlag der Deutschsozialen Antisemitischen Partei, die damals im Reichstag vertreten war. Dann wurde es mangels Absatz eingestellt.

Heinrich Mann verfasste insgesamt etwa 50 Beiträge für diese völkische Kulturzeitschrift. Auch seinen Bruder Thomas zog er als Rezensenten heran. Die proklamierten Inhalte standen konträr zu allem, was Heinrich Mann später vertreten hat und was sein Bild prägte. Hier sprach er sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, für deutsche Kolonien, für die gesunde Familie als Basis der Gesellschaft.

Von allen reaktionären Meinungsäußerungen dieser Phase sind die antisemitischen am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im Deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. In einem scharfen Artikel vom September 1895 (Jüdischen Glaubens) heißt es, Juden könnten keine Deutschen sein. Deshalb müsse man auch für die »Unterdrückung der Judenschaft« eintreten. Die jüdische Hochfinanz müsse man wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten. Erstaunlicherweise setzte sich Heinrich Mann für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ein, allerdings mit der Begründung, auch in französischen Adern schlage germanisches Blut. Mit dieser Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, für die Frankreich als der Erbfeind galt.

Zwischen 1894 und 1910 lebte Heinrich Mann vor allem in Italien. Er fand jedoch keinen Anschluss an die kulturelle oder soziale Elite des Landes, die in seinen Texten gleichwohl vorkommt. Sein Italienbild war vermittelt über die Reisebücher französischer Autoren wie Chateaubriand, Stendhal, Balzac, Flaubert, Bourget sowie die Brüder Goncourt. In den Süden gereist war Heinrich Mann der Gesundheit wegen. Auf der Suche nach einem Kurort entdeckte er am Nordzipfel des Gardasees den Ort Riva, der damals noch zur Monarchie Österreich-Ungarn gehörte. Der Wiener Homöopath Christoph Hartung von Hartungen leitete dort ein »Physiatrisches Sanatorium (Naturheilanstalt)«. Der »Curarzt« von Hartungen praktizierte eine Art Psychotherapie, die sich als ganzheitliche Methode verstand, den Körper wie die Lebensweise von der Ernährung bis zur Sexualität einbezog. Die Betreuung muss Heinrich Mann zugesagt haben, denn bis 1908 kam er immer wieder nach Riva. Auch Bruder Thomas und Schwester Carla besuchten ihn dort. Als er die Côte d’Azur entdeckte, brauchte er von Hartungens Kuren nicht mehr.

Heinrich Manns frühe Erzählungen tragen Titel wie Beweise, Mondnachtphantasien, Haltlos, Vor einer Photographie, Der Löwe, Auf Reisen. Dieser Erinnerungszauber, diese Eifersuchts- oder Kriminalgeschichten, in denen oft eigene Erlebnisse oder familiäre Reminiszenzen verarbeitet werden, stehen in starkem Kontrast zu den grob-dummen antisemitischen Artikeln, die zur selben Zeit entstanden. Der tiefste Einfluss auf seine frühen Erzählungen ging vom französischen Symbolismus aus, der seiner träumerischen Veranlagung entgegenkam. Diese Spur ging in seinem ganzen Werk nie mehr verloren, kehrte sogar in seinen allerletzten Romanen wieder. Sein Weg führte immer tiefer hinein in das, was er in einem Aufsatz von 1892 »Neue Romantik« nannte. Von dieser Position her lehnte Heinrich Mann den damals im Roman wie auf der Bühne dominierenden Naturalismus ab. Im Jahr 1892 befasste er sich, als einer der Ersten in Deutschland, mit Maurice Maeterlincks Stück Pelléas et Mélisande.

Das literarische Erwachen geschieht Ende 1894 in Contessina: In dieser Erzählung über das Verhältnis von Kunst und Leben wird eine Schwelle überschritten, in den Stil zieht Leichtigkeit ein, man ahnt die elegante Knappheit, zu der Heinrich Mann fähig ist. Der Text war in seiner ersten Novellensammlung zu lesen, Das Wunderbare, die 1897 erschien. Ein Kritiker gebrauchte die Vokabeln »zart, fein, ein Juwel« – mit Recht.

Seit 1891 schrieb Heinrich Mann an einem Roman, der 1894 unter dem Titel In einer Familie als Privatdruck erschien (von der Mutter finanziert). Er widmete ihn dem französischen Romancier Paul Bourget, dessen Werke ihn stark beeinflussten, vor allem Le Disciple und Cosmopolis. Von der behaupteten Korrespondenz mit dem Autor hat sich nie eine Spur gefunden, und wir dürfen dies wohl unter »autobiographische Erfindung« abbuchen. Diese Liebes- und Eifersuchtsgeschichte eines reichen Erben und Dilettanten mit zeitkritischen Ansichten ist handlungsarm, entscheidende Wendungen werden flüchtig, ja sprunghaft erzählt. Noch handelt es sich um das Werk eines talentierten Anfängers, der eine Form andeutenden Erzählens sucht.

Im Mai 1895 nahm Heinrich Mann Quartier in dem Landstädtchen Palestrina in einer Pension mit dem Namen Casa Bernardini. Bald fand sich Thomas ein, der sich im Gästebuch des Hauses als »poeta di Monaco« verewigte. Der junge Dichter aus München blieb bis Oktober und machte mehrere Ausflüge mit dem älteren Bruder. Im Frühjahr 1898 bezogen beide eine Wohnung in Rom, nahe am Pantheon, in der Via Torre Argentina 34. An die kleine Wohnung mit Steinboden und Korbstühlen konnte Heinrich Mann sich noch Jahrzehnte später erinnern, auch daran, dass er und Thomas in Rom einen Hund aufnahmen, den sie in einem Heuhaufen gefunden hatten.

Den Sommer 1898 verbrachten die Brüder wieder in Palestrina. Das Städtchen und die Casa Bernardini sollten bei beiden ein literarisches Nachleben haben. In Doktor Faustus machte Thomas Mann Palestrina zum Schauplatz einer zentralen Szene: Hier wurde Leverkühns Teufelspakt geschlossen. Bei Heinrich Mann wurde der gesamte Ort zum Vorbild der »Kleinen Stadt« seines gleichnamigen Romans von 1909.

Der Roman, an dem Heinrich Mann seit 1897 schrieb, stellte eine wohlhabende jüdische Familie in den Mittelpunkt. Im Schlaraffenland, 1901 erschienen, ist ein erfrischendes Stück Prosa, leicht, spritzig, humorvoll, frivol, mit flotten Dialogen und Pointen. Das »Schlaraffenland« meint das Leben der in der Gründerzeit reich gewordenen Geschäftsleute südlich des Berliner Tiergartens. In dieses Milieu schickt der Autor seine Hauptfigur, einen ehrgeizigen, nicht sonderlich begabten Jüngling aus der Provinz, der sich als Nichtsnutz, Hochstapler und Schnorrer erweist. Er fühlt sich seinen Gönnern moralisch überlegen – weil sie Juden sind. Vom Judentum weiß er nichts, doch das gehässige Repertoire des Antisemitismus ist ihm geläufig, wie er beweist, als seine kurze Karriere durch eigenen Übermut ihr beschämendes Ende findet. So konnte der Romancier seinen eigenen Antisemitismus kreativ überwinden, indem er ihn an eine Figur delegierte.

Zwei Jahre nach dem satirischen Berlin-Roman trat Heinrich Mann mit einer Trilogie hervor, die in ganz anderem Ambiente spielte: Die Göttinnen – Die drei Romane der Herzogin von Assy. Die »Göttinnen« Diana, Minerva und Venus meinen eine einzige Person in drei verschiedenen Lebensstadien, in drei mythologischen und gesellschaftlichen Erscheinungsformen. War Im Schlaraffenland ein Gesellschaftsmärchen, so kann man Die Göttinnen als erotisches Märchen bezeichnen, freilich auch als ein politisches.

Die Hauptgestalt, die Herzogin Violante von Assy, kostet ihre Leidenschaften für Politik, Kunst und Liebe aus – in dieser Reihenfolge. Wir verfolgen auch eine Trilogie der Städte: Rom, Venedig, Neapel. Die Geschichte ist nicht schlecht erfunden, es gibt viele schöne Passagen, aber dem Ganzen mangelt es an Komposition, an Ökonomie der Mittel, an Tempo. Seine Figuren sind Traumgestalten ohne rechte soziale Existenz. Es wird ein Lebensgefühl ausgebreitet, eine Pose geschildert in endlosen Dialogen, die sich ohne jedes Feuer dahinschleppen. Zugleich machen diese Unvollkommenheiten einen gewissen Reiz aus, passen zu der vor Vitalität überbordenden Hauptgestalt.

Der Wunsch nach dem Auskosten der großen Träume und Leidenschaften vergangener Zeiten war mit der Trilogie Die Göttinnen nicht befriedigt. Noch 1903 erschien ein anderer umfangreicher Roman von Heinrich Mann im Verlag von Albert Langen, dessen Titel eine Art Programm zu sein schien: Die Jagd nach Liebe. Erneut ging es um den Widerspruch von Kunst und Leben, aber nicht um die bildende Kunst, sondern um Schauspiel. Der reiche Erbe Claude Marehn, als Geschäftsmann untauglich, ist hoffnungslos verliebt in die Schauspielerin Ute Ende, und die Auseinandersetzung mit der Diva, mit deren Liebhaber, mit anderen Frauen machen den Hauptinhalt des Romans aus. Marehn stirbt, erschöpft vom hektischen Leben und einer rätselhaften Krankheit, die Versöhnung mit der geliebten Aktrice erfolgt erst auf dem Totenbett. Auch dieser Roman gefällt sich in Posen, Ekstasen, Monologen, uferlosen Gesprächen, leidet unter der Unvollkommenheit der Mittel, wahrscheinlich ein Zeichen übergroßer Hast und Selbstgefälligkeit beim Schreiben.

Erst nach dieser barock-exaltierten Phase kam Heinrich Mann zum satirischen Realismus des Schlaraffenlandes zurück mit dem Roman Professor Unrat, der reale Ereignisse ausgestaltete. Glaubt man seinen Erinnerungen, kam die Inspiration zu diesem Roman in Florenz im Dezember 1903. Im Theater schaute er Carlo Goldonis Stück La bottega del caffè an, in dem eine Tänzerin den Männern eines kleinen Ortes den Kopf verdreht. In der Pause fiel ihm das Berliner Tageblatt mit dem Artikel Vom Professor zum Kuppler in die Hände. Ein Berliner Ökonomiedozent namens Meyer hatte mit einer 20-jährigen Sängerin zusammengelebt und sich öffentliches unsittliches Verhalten sowie zahlreiche Betrügereien zu Schulden kommen lassen. Beide Übeltäter büßten mit mehrmonatigen Haftstrafen.

Als er die Meldung vom Skandal in Berlin las, begriff Heinrich Mann sofort, dass sich aus dieser wahren Geschichte ein Roman machen ließe, doch er verlegte die Handlung in das Lübeck seiner Jugend. Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, mitten aus seiner italienischen Sturm- und Drangperiode heraus entstanden, sollte eines der bleibenden Meisterwerke von Heinrich Mann werden. Dieser schlicht und unprätentiös daherkommende Roman hat alle Vorzüge seiner besten Novellen: Tempo, Dichte, Prägnanz. Die Exposition ist gedrängt und rasant, das Erzähltempo bleibt hoch. Ohne vordergründig politisch zu sein, ist der Roman auch eine Parabel auf die wilhelminische Gesellschaft. Er erschien 1905 bei Albert Langen in München und kam mit weniger als 250 Seiten aus. Erzählt wird die Geschichte eines Schultyrannen, der bei dem Versuch, seinen Schülern nachzuspionieren und ihnen unsittliches Verhalten nachzuweisen, selber auf Abwege gerät. Im Bann einer Tingeltangel-Sängerin gefangen, lässt er sich in deren Milieu hineinziehen und macht schließlich das Etablissement, in dem sie auftritt, den »Blauen Engel«, zu einer Stätte der Unmoral, die sich auf das ganze Städtchen auswirkt und dessen Atmosphäre verdirbt.

»Sie sollten versuchen, der deutsche Maupassant zu werden«, riet der wohlmeinende Verleger Albert Langen im Dezember 1900, wies aber darauf hin, dass Heinrich Mann dazu noch einiges fehle. Bei Langen erschienen die deutschen Übersetzungen von Maupassants Romanen, außerdem hatte der Verleger viele Jahre in Paris gelebt, er wusste also genau, warum er sich auf dieses Vorbild bezog. 1893 hatte der Rheinländer Albert Langen einen Verlag gegründet und sich in nur drei Jahren mit französischen und skandinavischen Autoren durchgesetzt, zugleich radikalisierten sich seine politischen Ansichten. Nach 1900 erschienen bei ihm vermehrt deutsche Autoren wie Wedekind, Wassermann, Holitscher und eben Heinrich Mann. Um Anklagen wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen – er gab auch die satirische Zeitschrift Simplicissimus heraus –, musste Langen nach 1898 den Verlag von Paris aus führen. Als Geschäftsführer in München agierte derweil Korfiz Holm, den die Brüder Mann aus Lübeck kannten.

Nach einem Gnadengesuch an den Kaiser lebte Langen seit 1903 wieder in München. Am 2. April 1909 zog er sich beim Versuch, dem Zeppelin des gleichnamigen Grafen im offenen Auto hinterherzufahren, eine Mittelohrentzündung zu, die einen tragischen Verlauf nahm. Dies war ein Schicksalsschlag auch für Heinrich Mann; einen so wohlwollenden und an seinem Werk interessierten Verleger sollte er nicht mehr finden. Allerdings war er im Umgang mit Verlegern oft genug sein eigener Feind.

Dem Verlag gefiel der von Heinrich Mann eingeschlagene Weg nicht. Langen wie Holm fanden Die Göttinnen entschieden zu