Informationen zum Buch

Cucina mortale

Ausgerechnet der asketische Commissario Luciani wird als Leibgarde des ebenso berühmten wie umstrittenen Restaurantkritikers Dolci abgestellt, der Drohbriefe erhält. An Verdächtigen mangelt es nicht: von ruinierten Köchen über eine viel zu junge und schöne Ehefrau bis hin zum zwielichtigen Chauffeur. Allein, es fehlt der Mord. Denn hier, so schärft ihm der neue Polizeichef ein, geht es nicht um Verbrechensbekämpfung, sondern um Publicity. Bis zu Lucianis größtem Glück endlich eine anonyme Leiche auftaucht, die eine seltsame Substanz ausschwitzt – reines Olivenöl.

»Originell und hochspannend …« Italien Magazin

»Italiens bester Krimiautor.« Corriere della Sera

Claudio Paglieri

Das letzte Abendmahl für Commissario Luciani

Roman

Aus dem Italienischen von Christian Försch

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

Erster Teil

Nadia

Luciani und Dolci

Luciani und Dolci

Fouad

Luciani

Nadia

Luciani

Fouad und Nadia

Luciani und Dolci

Nadia und Fouad

Luciani und Victoriya

Fouad

Luciani und Dolci

Nadia

Dolci

Nadia und Riccardo

Luciani und Donna Patrizia

Fouad

Luciani und Dolci

Fouad

Luciani und Dolci

Fouad und Nadia

Luciani und Sofia

Dolci

Luciani und Sofia

Zweiter Teil

Luciani

Dolci

Luciani und Bonucci

Luciani

Luciani und Dolci

Luciani und Calabrò

Dolci

Nadia und Abdel

Luciani und Donna Patrizia

Calabrò

Nadia und Fouad

Calabrò und Nadia

Luciani und Dolci

Nadia

Dolci

Nadia

Luciani und Victoriya

Calabrò und Signor Franco

Luciani und Victoriya

Calabrò und Signor Emilio

Luciani und Bonucci

Nadia und Abdel

Luciani und Xabier

Abdel

Luciani

Calabrò und Riccardo

Luciani, Sofia und Alessandro

Luciani, Calabrò, Fabrizio und der Commendatore

Luciani und Alice

Sofia

Luciani und Sofia

Luciani, Vika und Xabier

Calabrò und Ginevra

Alice

Luciani und Alice

Calabrò

Luciani und Vika

Ginevra und Fabrizio

Luciani und San Giuda

Calabrò und Luciani

Luciani und Alice

Calabrò

Calabrò, Fabrizio und der Commendatore

Marco und Alice

Luciani und Victoriya

Luciani und der Commendatore

Luciani, Calabrò und Fabrizio

Luciani, Calabrò und Fabrizio

Alice und Marco

Fouads Tod

Calabrò

Epilog

Anmerkung

Über Claudio Paglieri

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Marta, Leonardo und unseren Fernsehabenden mit »MasterChef« gewidmet

Prolog

Marco Luciani kam aus dem Baluardo, lächelte, sog die frische Luft ein und kniff die Augen zum Schutz gegen die Sonne zusammen. Beim Check-up war alles gutgegangen, sein Herz hatte ihm keinen Streich gespielt, selbst unter Maximalbelastung, auch dieses Jahr war er auf dem Trimmrad des Sportmediziners nicht mit einem Infarkt zusammengeklappt. Nun verfügte er über sein schmuckes Attest für Leichtathletikwettkämpfe, wenn es ihn juckte, konnte er wieder mal einen Halbmarathon oder, wer weiß, gar einen Marathon laufen.

Es war ein herrlicher, glasklarer Tag, ein Boot glitt fröhlich über das Wasser des Porto Antico und passierte das Aquarium und die Kugel von Renzo Piano. Marco Luciani schloss die Augen. Genua konnte einem Augenblicke totalen Glücks schenken, wie Morphin, wenn es einem das Gefühl gibt, dass im nächsten Moment der Schmerz vergehen und alles wieder in Ordnung kommen wird. Das Gefühl, man müsste nur einmal kurz die Augen schließen, und danach würde man sich wundersamer Weise in Barcelona oder Sydney wiederfinden.

Er sah auf die Uhr. Halb zehn. Er hatte noch ein wenig Zeit, bevor er zurück ins Büro musste, und beschloss, eine kleine Runde durch die Gassen zu drehen, auf der Suche nach irgendeinem altbekannten Laden oder Gesicht. Früher hatte er dort gewohnt, in einer heruntergekommenen Zweizimmerwohnung zwischen Ghetto und Maddalena, aber nachdem man ihn auf die Straße gesetzt hatte, war er vorübergehend bei seiner verwitweten Mutter im Badeort Camogli eingezogen, von wo aus er sich eine neue Bleibe suchen wollte.

In die Altstadt verschlug es ihn nur noch beruflich, und auch das immer seltener. In den letzten Jahren war die Mordrate zurückgegangen, die wenigen Tötungsdelikte waren jämmerlich: Händel zwischen armen Schluckern, die in einer Tragödie endeten, Greisinnen, die wegen ein paar Hundert Euro von ihren Enkeln, von Nachbarn oder Räubern abgestochen wurden. Diese Fälle waren schnell gelöst und hinterließen eher ein Gefühl der Verbitterung als innerer Befriedigung.

Der Commissario schlüpfte in die Via al Ponte Calvi, einen Moment unschlüssig, ob er in die Via del Campo schwenken sollte, aber die Angst vor den üblichen Refrains von Fabrizio de André, die aus den Lautsprechern dröhnten, trieb ihn nach rechts, in die Via Fossatello. Der Belastungstest hatte ihn durstig gemacht, und er beschloss, in die Bar zu gehen, in der er früher öfter mal auf dem Weg zum Buchladen einen Espresso getrunken hatte. Aber den Buchladen »San Luca« gab es nicht mehr, ebenso wenig wie die Bar. An Stelle des Ersteren gab es nun einen Chinesen, der alles Mögliche zu Schleuderpreisen verhökerte. An Stelle der Bar gab es nur ein geschlossenes Metallgitter. Er versuchte es in der Via della Maddalena, aber dort waren praktisch alle Läden verrammelt. In der ganzen Straße waren vielleicht noch sieben oder acht Geschäfte übrig, sogar die Imbissbuden der Südamerikaner waren schon nach wenigen Monaten pleitegegangen. Selbst zu dieser frühen Morgenstunde sah man nur Nutten und Freier. Er dachte, dass man sich auch gleich die Metallrollos schenken und die Prostituierten direkt ins Schaufenster hätte stellen können, man konnte auf die Heuchelei verzichten und aus der Maddalena ein echtes Rotlichtviertel machen. Das hätte den Kollegen die ebenso regelmäßigen wie nutzlosen Razzien erspart und Touristen aus allen Ecken Europas angelockt. Mädchen im Fenster, Hanfläden, ein paar Tattoo-Studios und dazu – warum nicht? – die Lautsprecher mit »Bocca di Rosa«, Fabrizio de Andrés berühmtem Chanson auf eine Prostituierte, die das Bild abrundeten.

Er drehte ab zur Piazza Lavagna e le Vigne und trat, um seinen Durst zu löschen, in die nächstbeste geöffnete Bar. Einer dieser neumodischen Schuppen voller Lackaffen, handtuchschmal, inklusive Tresen gerade mal einen Meter breit und sechs Meter tief, im Angebot Minicroissants von der Größe eines halben Daumens und siebenundzwanzig verschiedene Kaffeesorten, mit Sahne, Mandeln, Honig, Haselnuss, venezolanischer Zartbitterschokolade, costa-ricanischer Zartbitterschokolade, weißer Schokolade mit Zimt, und dann natürlich marokkanische Kaffeesorten, abessinische, solche mit Toffee-Aroma und solche mit Pinienkernen oder Pistazienmus.

Als der Commissario ein Lemonsoda orderte, konnte sich der Barkeeper ein Grinsen nicht verkneifen. »Lemonsoda führen wir nicht.«

»Was soll das heißen, das führt ihr nicht?«

»Das heißt, dass ich nicht einmal weiß, ob’s das überhaupt noch gibt, das ist eines dieser Produkte, die … na ja, die sind halt irgendwie so.«

Marco Luciani ging der Typ schon enorm auf die Eier, er war Barkeeper, nicht mehr und nicht weniger, aber mit seiner schwarzen Weste und seinem gespreizten Getue hoffte er wohl als Sommelier durchzugehen. »Irgendwie wie?«, hakte er nach, denn in Sachen Lemonsoda kannte er keine Kompromisse.

»Na ja, halt so. Nicht besonders gesund. Irgend so ein Massenprodukt, wer weiß, wie das überhaupt gemacht wurde.«

Wie es gemacht wird, korrigierte Marco Luciani ihn im Stillen. Gut wird es gemacht, so sieht’s aus.

»Haben Sie jemals den Chinotto Lurisia probiert?«, fragte der Barkeeper mit einem herablassenden Lächeln.

Der Commissario schüttelte den Kopf. »Nein, aber für Chinotto habe ich nichts …«

»Das ist aber nicht so ein Chinotto, wie Sie jetzt meinen«, zwinkerte ihn sein Gegenüber an, wobei er gleichzeitig einen komplizenhaften Seitenblick auf zwei Gäste warf, die einen Kaffee mit diversen Braunmaserungen schlürften, »nicht wie der aus der Dose im Supermarktregal.«

Marco Luciani wollte sich umdrehen und gehen, aber der Barkeeper kam ihm zuvor. »Hier bitte«, sagte er und hatte schon ein Fläschchen geöffnet, »probieren Sie mal, was das für ein Stoff ist. Dieser Chinotto bildet einen Slow-Food-Schutzraum in der Region Savona. Denken Sie mal, der wurde gerade noch vor dem Aussterben bewahrt. Und das Mineralwasser Lurisia, nun, das bedarf keiner Referenzen. Ich serviere ihn ohne Eis, dann kommt das Aroma besser zum Tragen.«

Der Commissario betrachtete das Glas mit ratloser Miene. Die Farbe versprach nichts Gutes, ebenso wenig der Geruch. Er führte es an die Lippen und schmeckte etwas in Richtung verbrannter Zucker, penetrant genug, um jegliche Andeutung nicht identifizierbarer Zitrusfrüchte zu vernichten.

»Und, was sagen Sie?«

Ich sage, wenn kein Schwein mehr Chinotto anbaute, dann wird das wohl seinen Grund gehabt haben, und dieses Gesöff schmeckt einfach bekackt, dachte er, auch wenn seine Kinderstube die Oberhand behielt: »Ungewöhnlich. Ein ungewöhnlicher Geschmack. Was macht das?«

»Drei fünfzig.«

»Meine Fresse«, dachte Marco Luciani, und diesmal sprach er es auch aus. »Siebentausend Lire für ein Schnapsfläschchen von fünfundzwanzig Zentilitern?«

Der Barkeeper war sprachlos. »Nun …«

»Nun was? Zu drei Euro fünfzig könnten Sie zwei Dosen Lemonsoda ausschenken und zwei Menschen glücklich machen«, sagte er, während er das Geld auf den Tresen packte und mit dem Blick die zwei Gäste erdolchte, die zu ihm herübergesehen hatten. Diese widmeten sich sofort wieder dem schichtweisen Abtragen ihrer Kaffees, einen Braunflöz nach dem anderen löffelnd.

Übelster Laune trat er in die Gasse, in die das Sonnenlicht dieses strahlenden Tages nicht vordringen konnte. Ich muss an Lemonsoda schreiben, die sollen die Aufmachung ändern, dachte er, keine Dosen und keine Plastikflaschen mehr, sie müssen eine Werbung aus den Siebzigern auskramen – vielleicht die mit dem Gorilla Orang Soda –, ein hübsches Fläschchen aus geriffeltem Glas designen und die Operation Nostalgie & Gesundheit starten, mit Bio-Orangen und -Zitronen und einer hundertprozentigen Preissteigerung, falls sie nicht vom Markt gekegelt werden wollen.

ERSTER TEIL

Nadia

»Gib mir noch sechshundert Gramm Gehacktes, dann mach ich für morgen Fleischbällchen.«

»Sofort.«

Mohamed suchte das passende Stück aus, schlug mit sicherer Hand das gewünschte Quantum ab und zerschnitt es in kleine Stücke, die er nacheinander im Fleischwolf verschwinden ließ. Er wog das Gehackte ab und erstellte die Gesamtrechnung: »Dreizehn dreißig. Mit einem kleinen Rabatt sind das dreizehn, schöne Frau«, lächelte er.

»Shukran«, sagte Nadia und errötete. Sie hatte sich nie ins Arabische vorgewagt, und der vertrauliche Umgang mit den Ladenbesitzern beschränkte sich auf ein paar Worte, Grußformeln. Sie verließ die Halal-Metzgerei, um ihre Runde fortzusetzen. Obst und Gemüse hatte sie schon gekauft, ebenso die Gewürze. Auch Milch und Käse. Sie brauchte noch Brot und Kakaopulver für das Frühstück der Kinder. Im Supermarkt hätte sie alles auf einmal bekommen, aber die Qualität war deutlich schlechter als in den kleinen Läden. Zum Glück können wir es uns erlauben, ein bisschen mehr auszugeben und den Kindern frische und gesunde Produkte zu bieten, dachte sie. Fouad brachte seine zweitausendeinhundert Euro im Monat nach Hause, manchmal auch ein bisschen mehr, und selbst wenn das wenig war gemessen an seinem Arbeitseinsatz, konnten sie sich nicht beklagen. Sie kam damit aus und versuchte immer, noch etwas zur Seite zu legen für den Urlaub, den sie inzwischen seit zwei Jahren vor sich herschoben. Sie kaufte in einer Bäckerei einen Brotlaib und Kakao, dann ging sie an einem vor wenigen Tagen eröffneten Weinladen vorbei und betrachtete die Auslagen. Es gab dort einen Rossese Riserva, der ihr förmlich zuzuzwinkern schien, von den Champagnerflaschen ganz zu schweigen. Drinnen musste irgendwo auch original russischer Wodka stehen, Belenkaya. Sie lächelte, als sie daran dachte, wie sie ihn das letzte Mal getrunken hatte. Das war hundert Jahre her. Das war in einem anderen Leben gewesen, sie noch ein anderer Mensch, jung, mit wirren Ideen. Jetzt war sie eine erwachsene Frau, die nicht mehr rauchte. Man kann nicht rauchen, wenn man zwei kleine Kinder in der Wohnung hat, und draußen, nun, da war einfach keine Zeit, sich irgendwo hinzusetzen und eine Zigarette anzustecken.

»Hallo, Nadia, wie geht’s?«

Manuela, die Mutter eines Klassenkameraden von Lorenzo, grüßte und schien stehen bleiben zu wollen.

»Gut, danke. Aber ich bin spät dran, ich muss noch ein paar Sachen besorgen. Wir sehen uns an der Schule.«

Sie beschleunigte den Schritt und war froh, sich gleich losgeeist zu haben. Manuela steckte immer ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten und behandelte sie von oben herab, mit einem mitleidigen Lächeln, als hätte sie Nadia gerade erst aus einem Schlauchboot steigen sehen. Sie dachte schnell wieder an ihr Rezept für die Rinder-Tajine. Was fehlte noch? Koriander, sagte sie sich. Fouad hatte eine Schwäche für Koriander, sie weniger, und den Kindern war er zu penetrant. Sie schaute auf die Uhr: Es war sowieso zu spät, um noch einmal zurückzugehen und ihn zu holen. Er wird darauf verzichten müssen, dachte sie, ich verzichte seinetwegen auch auf vieles, ein Mal wird er auch ohne seinen Koriander auskommen. Und während sie das dachte, schlugen ihre Beine den Rückweg ein und trugen sie zum Laden.

Sie erreichte die Schule fast im Laufschritt, wobei das lange Kleid ihren Gang ein wenig behinderte. Die anderen Mütter standen alle schon vor dem Tor. Sie trugen enge Jeans und Röcke, oftmals kürzer, als es ihrem Alter angemessen war. Auch wenn einige sich offen gestanden in Form hielten, der Geldadel, der nichts zu tun hatte und täglich zwei, drei Stunden im Fitnesscenter herumturnen konnte. Viele trugen hohe Absätze, um ihren schönen knackigen Hintern auszustellen, und es gab eine, die mit über vierzig ein T-Shirt mit der Aufschrift »Morgen bin ich ein braves Mädchen« trug, gestützt von zwei absolut waagrechten Titten. Nadia starrte sie ungläubig an, die Frau ließ sogar ein Lächeln aufscheinen, soweit die Botox-Lähmung in ihrem Gesicht das gestattete.

Nadia hatte sich an die ironischen und mitleidigen Blicke gewöhnt, ebenso daran, alleine auf die Kinder zu warten, im Niemandsland. Auf der einen Seite die Italienerinnen, auf der anderen die Ausländerinnen. Marokkanerinnen, Rumäninnen, Pakistani und Ecuadorianerinnen. Mit ihrem langen Kleid und dem Kopftuch gehörte sie nicht mehr zur ersten Kategorie. Seit sie einen Moslem geheiratet hatte, waren alle ihre Freundinnen auf Abstand gegangen, eine nach der anderen, unter den verschiedensten Vorwänden. Nur eine war so ehrlich gewesen zu sagen, dass sie mit Nadias Mann nichts zu tun haben wollte, auch nicht indirekt, denn Moslems betrachteten Frauen als niedere Wesen, und im 21. Jahrhundert hatten solche Vorstellungen keine Existenzberechtigung mehr. Nadia hatte zu erklären versucht, dass es sich anders verhielt, dass es nur eine andere Sicht auf die Dinge war. Sie hatten gestritten, und das war das Ende ihrer Freundschaft gewesen.

Aus anderen, aber ähnlichen Gründen hatte sie in der Community der Tunesierinnen keinen Anschluss gefunden. Untereinander waren sie sehr solidarisch, aber mit anderen Ausländerinnen gingen sie keine Bindungen ein. Und Nadia trauten sie gar nicht über den Weg. Wenn sie in einem Raum waren, sprachen sie reinstes Arabisch miteinander, diskutierten oder lachten, aber wenn zufällig sie eintrat, brachen sie sofort ab und stiegen auf Italienisch um. Aus Rücksicht, hatte sie anfangs gedacht. Doch dann merkte sie, dass sie Italienisch redeten, ohne etwas zu sagen, sie lachten nicht, echauffierten sich nicht, und keine ließ sich auf mehr als unverbindlichen Smalltalk ein.

In diesem Augenblick erschienen Lorenzo und Samir auf dem Treppenabsatz in Begleitung der beiden Lehrerinnen. Nadia setzte ein strahlendes Lächeln auf, winkte ihnen, und die Kinder kamen angerannt. Sie küsste sie und drückte sie fest an sich. Samir ließ es geschehen, aber Lorenzo entwand sich genervt.

»Mama, ich bin acht!«, schnaubte er mit einem Seitenblick auf seine Kameraden.

»Gut, dann hilf mir mit dem Einkauf.« Nadia reichte ihm eine Tüte, nahm Samir an die Hand und machte sich auf den Heimweg. Ein langer Nachmittag wartete auf sie, mit Hausaufgaben, Kochen und Wäsche.

»Was gibt es heute zu essen, Mama?«

»Spaghetti mit Tomatensoße.«

»Fein!«

Die Kinder wirken entspannt, dachte Nadia. Wäre schön, wenn sie heute nicht streiten würden. Und wenn Fouad ein bisschen früher nach Hause käme, könnte ich sie zeitig ins Bett bringen und dann selbst mit ihm ins Bett gehen. Sie hatte Lust, mit ihrem Mann zu schlafen. Sie hatte schnell gelernt, dass Ehen fast immer dann nicht funktionierten – egal ob zwischen Italienern oder gemischt –, wenn nicht ausreichend gevögelt wurde.

Luciani und Dolci

Gegen zehn kam Marco Luciani auf die Dienststelle. Oberwachtmeister Iannece, Assistent, Fahrer und Mädchen für alles, hielt vor seiner Bürotür Wache.

»Guten Morgen, Iannece.«

»Guten Morgen, Commissario«, grüßte der Beamte zurück, ohne sich zu rühren. Stattdessen musterte er ihn eingehend, um herauszufinden, ob er heute gut oder schlecht gelaunt war.

»Was ist los? Darf ich eintreten?«

Iannece bedeutete ihm, er solle sich ein wenig von der Tür entfernen, dann flüsterte er: »Regt Euch nicht gleich auf, Commissario. Es ist jemand in Eurem Büro.«

»Wer soll das sein?«

»Das werdet Ihr nie erraten.«

»Deswegen habe ich ja gefragt. Ich will nicht raten.«

Iannece grinste über das ganze Gesicht: »Dario Dolci.«

»Und wer ist das?«

Der Beamte riss Mund und Augen auf. »Wie, wer ist das? Das wisst Ihr nicht?«

»Iannece, würde ich dich fragen, wenn ich es wüsste?«

»Richtig, aber wisst Ihr das wirklich nicht …? Dario Dolci, einer der größten Kulinarikfachleute in Italien, und wahrscheinlich nicht nur in Italien. Er ist im Fernsehen, als einer der Juroren von ›Stelle in Cucina‹, und dann ist er ständig irgendwo Studiogast.«

»Sehe ich aus wie jemand, der sich Kochsendungen im Fernsehen anschaut?«

Iannece starrte ihn an und zog eine Grimasse. Die knapp siebzig Kilo, die sich auf einen Meter siebenundneunzig Körpergröße verteilten, bezeugten, dass Essen nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung des Kommissars war.

»Ich vergaß: Bei Euch ist ja immer Fastenzeit, Commissario.«

»Wie auch immer, was will er denn? Und wer hat ihn in mein Büro gelassen?«

»Psst, sprecht leise, Commissario, sonst hört er Euch. Ich bat ihn herein, weil er sagte, er will mit Euch sprechen, und nur mit Euch, er hat auf den Polizeichef verwiesen und dann noch auf diesen und jenen. Ihr kennt ihn nicht, der hat einen Riesenzirkus veranstaltet, hat alle zur Schnecke gemacht, auch Inspektor Vitone.«

»Und ihr habt euch zur Schnecke machen lassen?«

»Ja, gut, das macht er immer, auch im Fernsehen. Sie müssten mal hören, wie er die Möchtegernköche niedermacht. Er hat einen unmöglichen Charakter, aber das macht ihn so sympathisch. Außerdem, wenn der sich erst einmal irgendwo hingesetzt hat, dann lässt er sich von keinem mehr vertreiben.«

»Ich vertreibe ihn, Iannece. Dem trete ich dermaßen in den Hintern …«

Iannece setzte ein feines Lächeln auf. Das möchte ich nun wirklich einmal sehen, dachte er.

Marco Luciani riss die Tür zu seinem Büro absichtlich so schwungvoll auf, dass sie gegen die Wand krachte. Er wollte dem Kerl in den Rücken fallen, so dass dieser aus dem Stuhl hochschreckte und sofort in die Defensive geriet. Doch Luciani starrte dem Besucher unversehens in die Augen, hatte dieser sich doch auf dem Drehstuhl des Kommissars niedergelassen und den Schreibtisch okkupiert. Lucianis Vorstoß quittierte er nur mit dem Anflug eines ironischen Lächelns im Mundwinkel. »Und endlich erschien der Feldherr«, sagte er, demonstrativ eine Taschenuhr betrachtend. »Ich dachte, unsere wackeren Ordnungshüter träten schon bei Sonnenaufgang in Aktion.« Luciani musterte ihn einige Sekunden lang. Die einzige Definition, die ihm in den Sinn kam, war: gewaltig. Seine Leibesfülle schien die Hälfte des Zimmers einzunehmen. Obwohl er saß, war klar, dass er mindestens eins neunzig groß war. Der glattrasierte Schädel ähnelte einem Poller auf der Hafenmole, die Arme waren breit wie Kälberschenkel und endeten in großen, plumpen Händen. Unter seiner Ringerbrust wölbte sich ein runder, agiler Wanst hervor, der unter Weste und Hemd zu brodeln schien, auf der Suche nach Lebensraum. »Sie werden mir nachsehen, dass ich mich auf Ihrem Platz niedergelassen habe, aber ich fürchtete, der Einrichtung Schaden zuzufügen«, sagte er lächelnd und auf die Besucherstühle deutend, die seinem Gewicht definitiv nicht standgehalten hätten.

Luciani blieb stehen und wartete darauf, dass der Mann sich erheben würde, doch dieser schien daran keinen Gedanken zu verschwenden.

»Nehmen Sie ruhig Platz, Commissario, ich werde nicht viel von Ihrer Zeit stehlen.«

»So viel ist sicher«, erwiderte der regungslos, »Herr …«

»Och, Commissario. Jetzt tun Sie nicht so, als kennten Sie mich nicht.«

»Oberwachtmeister Iannece hat mir Ihren Namen vor einer Minute genannt, aber ich habe ihn bereits vergessen.«

Sein Gegenüber räusperte sich. »Lassen wir die Vorreden, sagen wir also, dass ich ein x-beliebiger Bürger bin, der gekommen ist, um sich unter Ihren Schutz zu stellen. Meinen Namen finden Sie hier, mit unsicherer Handschrift von Untermenschen geschrieben«, sagte er und warf mit theatralischer Geste zwei Dutzend Kuverts verschiedener Farben und Formate auf den Schreibtisch.

Und da der Kommissar nicht beeindruckt schien, fuhr er fort: »Anonyme Briefe. Mit Todesdrohungen. Diese hier habe ich allein im letzten Monat bekommen. Seitdem ich beschlossen habe, sie aufzubewahren. Vorher hatte ich sie direkt in den Mülleimer entsorgt.«

»Für Restmüll oder Altpapier?«, fragte Marco Luciani.

Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. »Bitte?«

»Haben Sie daran gedacht, sie in die weißen Altpapier-Tonnen zu werfen?«

»Was soll das? Nehmen Sie mich nicht ernst?«

»Keineswegs. Ich habe erfahren, dass Mülltrennung Leben retten kann. Aber Sie sind nicht der Typ, der sich um Derartiges sorgt, oder? Jemand, der anonyme Schreiben aufbewahrt, aber so damit umgeht, sie überall mit Fingerabdrücken verschmiert …«

Sein Gegenüber war einen Moment sprachlos, fing sich aber schnell wieder. »Ehrlich gesagt gab ich mich nicht der Illusion hin, die Fingerabdrücke des Absenders darauf zu finden. Ich nehme an, dass selbst die unbedarftesten Banditen inzwischen Handschuhe zu benutzen wissen.«

»Sie sollten Kriminelle nie überschätzen, Bürger. In der Mehrzahl der Fälle sind sie dumm und ignorant. Deshalb erwischen wir sie. Den jungen Leuten sage ich immer: Wenn ihr später einmal Verbrecher werden wollt, müsst ihr ordentlich büffeln.«

»Ich merke, dass Sie zu Scherzen aufgelegt sind, Commissario. Ich hätte mich vielleicht besser an die Carabinieri wenden sollen.«

»Die Scherze werden gar kein Ende nehmen, wenn Sie zu den Carabinieri gehen.«*

»Glauben Sie, das sei lustig?«

»Glauben Sie, es sei lustig, in mein Büro zu kommen und dort einen großen aufgeblasenen Ballon zu finden, der meinen Stuhl besetzt und wärmt. Ich hasse es, meinen Stuhl angewärmt vorzufinden. Was hielten Sie davon, vor die Tür zu gehen, höflich anzuklopfen, zu warten, bis ich ›Herein‹ rufe, und noch einmal von vorn zu beginnen?«

Sein Gegenüber musterte ihn, diesmal mit größerer Sorgfalt. »Polizeichef Bonucci, mein teurer Freund, hatte mich vorgewarnt, Sie seien ein ganz spezieller Zeitgenosse. Wissen Sie was? Ich glaube, wir werden gut miteinander auskommen«, lächelte er und räkelte sich lustvoll auf seinem Stuhl.

»Das glaube ich kaum.«

»Es ist keine böse Absicht, Commissario. Aber wenn ich erst einmal sitze, fällt es mir nicht so leicht, wieder hochzukommen.«

Iannece stand stumm da und beobachtete den Schlagabtausch wie hypnotisiert. Es schien eine dieser Natur-Dokus aus Afrika zu sein, in der sich eine Giraffe und ein Flusspferd abtasten und reizen, ehe es zum finalen Duell kommt.

Marco Luciani näherte sich dem Schreibtisch, wo der Mann seinen Spazierstock abgelegt hatte. Es war ein eleganter Stock aus Eschenholz mit einem Elfenbeinknauf in Form eines Windhundkopfes.

»Kein Fels ist zu groß, um angehoben zu werden, vorausgesetzt der verfügbare Hebel ist lang genug«, sagte er, den Stock ergreifend und seine Stabilität prüfend, »und wird an der richtigen Stelle eingeführt. Falls Sie Hilfe brauchen …«

Sein Gegenüber betrachtete ihn zuerst ungläubig, dann indigniert.

»Das ist unerhört. Unerhört. Ein Bürger … ein ehrlicher Bürger, der seine Steuern zahlt und sich in Lebensgefahr befindet, begibt sich in den Schutz der Ordnungsmacht, und was erhält er im Gegenzug? Billige Ironie und unterschwellige Drohungen. Ich werde mich beschweren, Commissario, ich werde mir Gehör verschaffen …«

Marco Luciani drosch den Stock mit voller Kraft auf den Schreibtisch, und diesmal hob es Dario Dolci aus dem Stuhl. »Ich habe verstanden«, schrie er, »Sie sind ein Verrückter. Einer der vielen Verrückten, die zum Leidwesen unseres bedauernswerten Landes eine Führungsposition bekleiden.«

Er wollte sich erheben, und Iannece trat näher, bereit, ihm zu helfen.

»Das mache ich allein«, sagte der Besucher. Er stützte die Hände auf den Schreibtisch und stemmte sich mit Mühe hoch, wobei er eine Grimasse des Schmerzes unterdrückte. »Das eigentliche Problem sind die Knie«, seufzte er und betrachtete den Kommissar von unten her, ohne jedoch auch nur die Andeutung einer Solidaritätsbekundung zu ernten. Er streckte eine Hand aus und ließ sich den Stock reichen, dann baute er sich in seiner ganzen beachtlichen Leibesfülle vor Luciani auf und fixierte ihn aus wenigen Zentimetern Abstand. Zwar befanden sie sich fast auf Augenhöhe, aber angesichts der Eiseskälte, die ihm aus den hellblauen Augen des Kommissars entgegenwehte, schlug Dolci als Erster den Blick nieder.

»Es widerstrebt mir, abgegriffene Formeln zu verwenden. Aber ich versichere Ihnen, das wird noch ein Nachspiel haben.«

»Iannece, begleite den Herrn.«

Der Oberwachtmeister erwachte aus seinem Lähmungszustand.

»Kommen Sie, Maestro, wir trinken erst einmal einen Kaffee. In zehn Minuten kommen wir zurück, klopfen, und dann wird sich der Kommissar schon beruhigt haben, Sie werden sehen.«

Der Besucher zuckte die Achseln. »Zurückkommen? Ich denke nicht dran. Was ich dem Kommissar zu geben hatte, gab ich ihm. Was ich zu sagen hatte, ist gesagt. Ich hoffe für ihn, dass er mich nicht auf dem Gewissen haben wird.«

Der Anruf von Polizeichef Bonucci kam vor der Mittagspause. »Ich hatte vergessen, Sie vorzuwarnen, Commissario. Sie sind aber auch … Was fällt Ihnen denn ein?! Einen Dario Dolci so zu behandeln. Wissen Sie, dass der sich an die Presse wendet? Oder er fängt an, im Fernsehen zu polemisieren … Ich musste alle Register ziehen, um ihn zu beruhigen.«

»Hätte er eine Vorzugsbehandlung verdient gehabt, nur weil er eine Berühmtheit ist?«

»Das habe ich nicht gesagt. Jeder Bürger verdient, dass wir ihm Aufmerksamkeit und Gehör schenken. Wenn es sich jedoch um eine Berühmtheit handelt, ist ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl angezeigt. Dolci ist eine Person öffentlichen Interesses, und er hat um unseren Schutz gebeten.«

»Aber wohnt er nicht in Mailand? Was haben wir damit zu tun?«

»Der Mailänder Polizeichef will sich nicht damit befassen. Er meint, Dolci sei nur auf Publicity aus. Er hat versprochen, Ermittlungen anzustellen, in Wahrheit ist ihm das schnurz. Und da Dolci sich oft in Ligurien aufhält und in Santa Margherita ein Haus hat, habe ich meine Hilfe angeboten.«

»Warum haben Sie das getan?«

»Wie, warum habe ich das getan?! Aus wenigstens zwei exzellenten Gründen. Erstens ist es für uns eine große Chance. Wir können auf uns aufmerksam machen, Imagepflege betreiben, uns mit einer alles in allem einfachen Dienstleistung auszeichnen. Wir können in der Öffentlichkeit Sympathien gewinnen, indem wir eine äußerst populäre Persönlichkeit schützen.«

»Und ihr zu weiterer Publicity verhelfen.«

»Die hat er nicht nötig. Und er ist an Anwürfe gewöhnt. Aber diese Briefe sind neu, anders als gewöhnlich. Und die Anrufe. Zudem meint er, man habe seinen Wagen manipulieren wollen. Wenn ihm etwas zustößt …«

»Wenn ihm etwas Irreparables zustößt, wird die Mordkommission sich mit Freuden darum kümmern. Mit besonderer Freude. Solange es sich jedoch nur um Drohungen handelt …«

»Prävention ist besser als Repression, Commissario. Mir scheint nicht, dass bei euch zur Zeit Mordermittlungen laufen, folglich könnt ihr verhindern, dass es neue gibt. Und außerdem …«

»Und außerdem?«

»Dario Dolci hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt. Er konnte sich an den Fall mit der Leonardo-Zeichnung erinnern. Ein Fall, der, die Bemerkung sei mir gestattet, auf medialer Ebene besser hätte genutzt werden sollen. Jedenfalls ist er einer Ihrer glühendsten Bewunderer. Oder vielleicht sollte ich sagen, war. Wie auch immer, ich habe ihm mein Wort gegeben, dass Sie sich darum kümmern werden.«

»Aber Personenschutz«, warf Luciani ein, »fällt nicht in meinen Aufgabenbereich.«

»Hören Sie, Commissario, ich will nicht erneut den Vortrag der letzten Woche halten. Sie wissen, dass ich das Personal verschlanken und die Ausgaben innerhalb von drei Jahren um dreißig Prozent kürzen muss. Es ist nicht der Moment, bei unserer Arbeit allzu wählerisch zu sein. Andernfalls werde ich Sie daran erinnern müssen, dass es in dieser Stadt seit Monaten keinen Mordfall gegeben hat und dass die Mordkommission im Moment eindeutig überbesetzt ist. Nach Meinung der Optimierer wäre einer der Inspektoren im Passamt oder in der Abteilung für Ausländerkriminalität viel besser aufgehoben.«

»Was verstehen denn die Optimierer davon?!«, protestierte Luciani, »wir haben das Personal schon letztes Jahr reduziert, so wie den Treibstoff, die Spesen … Die sollen einmal mit mir reden, ich erkläre ihnen, wie hier die Arbeit läuft!«

Die Stimme des Polizeichefs wurde eisig: »Mit Ihnen reden? Sie haben das Treffen schon drei Mal unter verschiedenen Vorwänden verschoben. Glauben Sie nicht, wir werden die Umstrukturierung der Abläufe nicht angehen, nur weil Sie sich rarmachen! In dieser schweren Zeit, in dieser Finanz- und Vertrauenskrise, dürfen wir nicht fragen, was unser Land für uns tun kann, sondern was wir für unser Land tun können.«

Jetzt komm mir nicht mit Kennedy, dachte Marco Luciani, bloß nicht Kennedy! Polizeichef Bonucci redete noch eine Weile weiter, aber Luciani hörte nicht mehr zu. Er dachte daran, wie oft dieser Satz benutzt worden war, um die Arbeitnehmer, die Bürger, die Steuerzahler ins Knie zu ficken. Die Vereinigten Staaten hatten zu ihren Bürgern gesagt: »Geht und seht, wie ihr zurechtkommt!«, ansonsten hatten sie sie mit den Verkehrsmitteln, Krankenhäusern und Schulen eines Dritte-Welt-Landes abgespeist, mit der Bankenkrise in den Bankrott getrieben und als Kanonenfutter für Kriege und Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie missbraucht.

»Haben Sie mich gehört, Commissario?«

»Wie?«

»Ich sagte, nächste Woche werde ich die zweite Sektion aufstocken müssen, und Inspektor Vitone …«

»Inspektor Vitone ist bei mir unabkömmlich. Calabrò ist im Urlaub, und wenn ich damit beschäftigt sein sollte, diesen Typen zu beschützen, müsste Vitone die Abteilung leiten.«

Ihm schien, dass der Polizeichef, am anderen Ende der Leitung, lächelte. »Dann zähle ich also auf Sie.«

»Einen Moment«, sagte Luciani, »Sie haben mir den zweiten Grund, aus dem ich ihn beschützen soll, nicht genannt.«

»Der zweite Grund, Commissario, ist meine Frau, ein großer Fan von Dolci. Sie lässt sich keine seiner Sendungen entgehen. Sie hat sein Buch gekauft, kocht Schritt für Schritt die Rezepte nach, und ich habe den begründeten Verdacht, dass sie nächstes Jahr an der Vorauswahl seiner Sendung teilnehmen wird. Wenn Dolci etwas zustößt, wird meine Frau keinen Frieden finden. Und Sie werden doch meine Frau nicht enttäuschen wollen, oder, Commissario?«

Marco Luciani schluckte. Es gab nicht viele Leute, die ihn einschüchterten, aber Ida Bonucci gehörte dazu. Ein Dampfhammer, der immer das letzte Wort haben wollte, und wenn sie einen erst einmal in die Ecke getrieben hatte, ließ sie ihre Haken auf einen einprasseln wie Carlos Monzon, herz- und erbarmungslos, bis man bereute, geboren worden zu sein.

»Ich werde Dolci kontaktieren. Ich werde sein Telefon überwachen lassen. Und dann gebe ich Ihnen Bescheid.«

»Perfekt. Meine Frau wird Ihnen dankbar sein.«

»Richten Sie ihr schöne Grüße aus«, sagte Marco Luciani.

»Wird gemacht.«

Der Kommissar fluchte leise. Als Polizeichef Iaquinta vor einigen Monaten versetzt worden war, hatte er sich so gefreut, dass er einen fatalen Fehler begangen hatte: Er hatte sich auf einen vertraulichen Umgang mit dem neuen Chef eingelassen. Zum großen Erstaunen seiner Kollegen und seiner selbst hatte er sich sogar zum Mittagessen bei den Bonuccis einladen lassen, wo er die Gattin kennengelernt hatte. Die Art Frau, die er in seinen Träumen gerne auf der Straße getroffen hätte, um sie mit der Trambahn zu überrollen. Von ihrer Laune hing die des Mannes ab, und von der des Mannes das Schicksal Vitones und vieler anderer unschuldiger Männer, für die Luciani sich verantwortlich fühlte.

Er seufzte und beschloss, eines der hellblauen Kuverts zu öffnen. Das Papier war dick, Recyclingpapier, das doppelt so viel kostete wie normales, statt die Hälfte. Er benutzte ein Taschentuch, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Die Nachricht darin war aus bunten, den Schlagzeilen einer Zeitschrift entnommenen Buchstaben zusammengesetzt: »Du wirst bald sterben, du Schwein. Du wirst in deinem Fett ersaufen.« Der Kommissar suchte die anderen hellblauen Umschläge heraus und öffnete sie nacheinander. Mit derselben Technik gebastelte Sätze, die Botschaft immer ähnlich: »Du Schwein, friss deine Scheiße, vom Kochen verstehst du eh nichts.« – »Du Schwein, es ist Zeit, dass du geschlachtet wirst.« Die Tatsache, dass sie alle in Rom abgestempelt waren, konnte helfen, die Ermittlungen einzugrenzen – auf einige Millionen Leute.

Dann gab es eine Reihe weißer Kuverts, die aus Mailand geschickt worden waren. Die Botschaften waren mit einem normalen Computer geschrieben und ausgedruckt worden: »Drecksfaschist. Du wirst nur deshalb nicht wie der Duce enden, weil es keine Straßenlaterne gibt, die dich tragen könnte. Wir werden dich nicht aufknüpfen, sondern mit deinen Eingeweiden strangulieren.« – »Du fetter Nazi-Scherge, deine Stunde naht.« Marco Luciani öffnete ein paar, alle im selben Tonfall, bis ihm langsam übel wurde.

Schließlich gab es noch andere weiße Umschläge, die mit Schablone beschrieben waren. Sie wiederholten immer nur denselben simplen Satz: »Bereite dich auf deinen Tod vor.« Sie trugen keinen Poststempel, mussten also direkt in Dolcis Briefkasten eingeworfen worden sein. Jemand aus seinem unmittelbaren Umfeld, vielleicht ein Verwandter oder eben ein Nachbar. Oder, und das wäre Grund zur Sorge gewesen, jemand, der ihn überwachte und sich vielleicht anschickte, in Aktion zu treten.

Er ordnete die Umschläge wieder, rief die Kriminaltechnik an, damit diese sie abholte, und öffnete die oberste Schublade seines Rollschranks, um sie bis dahin aus dem Weg zu räumen. Die Lade war mit Papieren vollgestopft: Vernehmungsprotokollen ohne Unterschrift, unvollständigen Rapporten, Zuschriften von Bürgern, die sich über irgendwas empörten, Visitenkarten, Zeitungsausschnitten von Artikeln, die ihm missfallen hatten und die er eigentlich an die Presseabteilung hatte weiterleiten wollen. Er öffnete auch die anderen Schubladen, aber sie waren ebenfalls überfüllt mit Fotos, misslungenen Phantombildern und vergessenen Vorschlägen für Belobigungen. Und mit Briefen, die seit Jahren hartnäckig an seine einstige Wohnung in der Maddalena zugestellt wurden und die ihm sein eifriger Ex-Nachbar von Zeit zu Zeit vorbeibrachte: Rechnungen, Mahnungen, sogar Werbung und Bettelbriefe der Gemeinde oder von afrikanischen Kindern. Ohne nachzudenken, öffnete er die unterste Schublade, die er niemals anrührte. Sie war leer, abgesehen von einem Kuvert in Übergröße, an ihn adressiert, aber ohne Absender und mit einem zwei Jahre alten Poststempel der Vereinigten Staaten. Er spürte, wie sich die Haare an seinen Armen aufstellten und ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat.

Marco Luciani versteckte den Umschlag behutsam, als könnte er explodieren, unter den anonymen Drohbriefen, dann ließ er sich gegen die Stuhllehne fallen. Sie kam ihm lauwarm vor, und er löste sich von ihr, um dem Kontakt mit Dolcis Geistern zu entgehen. Ohne es zu merken, begann er mit dem Oberkörper zu schaukeln, vor und zurück, vor und zurück, er wiegte sich wie in einem Schmerz, der einfach keine Ruhe geben wollte.

Inspektor Vitone klopfte hektisch und schob den Kopf durch den Türspalt. »Darf ich?«

»Komm rein, Vitone, komm ruhig. Wie ist es gelaufen?«

»Schlecht, Commissario. Sehr schlecht.«

»Was ist los?«

»Los ist, dass Herr Dolci ein absolutes Aas ist. Ich hoffe, dass ihm tatsächlich jemand eine Bombe in seinen verschissenen Wanst schiebt.«

»Vitone! Von dir hätte ich so was nicht erwartet.«

»Entschuldigen Sie, aber der hat es geschafft, dass mir die Sicherungen durchgebrannt sind. Er meinte, er wolle nur mit Ihnen sprechen, mit dem Kommissar persönlich, und als ich sagte, das sei unmöglich, behandelte er mich wie … Na ja, vergessen wir’s.«

»Das heißt: keine Anzeige? Kein Protokoll?«

Vitone holte zwei Blatt Papier aus der Tasche. »Hier bitte. Sie ist fertig. Aber nicht unterschrieben. Er meinte, er würde sie nur in Ihrem Beisein unterschreiben.«

»Ich verstehe nicht, warum er mich unbedingt wiedersehen will.«

»Er sagte, er traue nur Ihnen.«

»Aber ich traue ihm nicht. Kein bisschen.«

»Wissen Sie was? Das ist dann sein Pech. Selbst wenn ihm etwas zustößt – solange es keine Anzeige gibt, kann uns keiner was«, lächelte Vitone.

Marco Luciani warf ihm einen vielsagenden Blick zu, und der Inspektor errötete. Solche Reden sollte man vor seinem Chef besser nicht schwingen. Seit Jahren traktierte er sie mit dem Begriff des Arbeitsethos und betete ihnen vor, dass sie zuerst auf ihr Gewissen und dann auf Luciani oder den Polizeichef hören sollten.

»Haben Sie sich die Briefe angesehen, Commissario? Muss man die ernst nehmen?«, fragte Vitone, um sich aus der Verlegenheit zu befreien.

»Schwer zu sagen. Einige wirken sehr naiv, andere machen mir eher Sorgen. Ich habe sie der Kriminaltechnik gegeben, damit sie nach Fingerabdrücken suchen, aber das wird schwierig.«

»Was wollen wir also tun? Von Dolci soll ich Ihnen das hier geben«, sagte er und reichte ihm ein Billett.

Der Kommissar studierte es. Es war eine höchst luxuriöse Karte, elfenbeinfarben, mit dem Aufdruck »Dario Dolci, Maestro di cucina« in der rechten oberen Ecke. In der Mitte, mit Füllfederhalter und in tadelloser Handschrift, eine Einladung: »Hochgeschätzter Commissario Luciani, ich würde mich geehrt fühlen, Sie an meiner Tafel begrüßen zu dürfen, heute Abend Punkt acht im Restaurant ›Giulietta‹. Ich erwarte Sie.«

»Das kann er vergessen«, brauste der Kommissar auf und warf das Billett direkt in den Papierkorb. »Mich zum Abendessen einladen, da kann er gleich einen Taubstummen zum Karaoke bitten.«

In diesem Moment klingelte das Telefon. Ein interner Anruf, aus der Telefonzentrale. »Commissario, ich habe Frau Bonucci auf Leitung eins«, tönte es aus dem Lautsprecher.

»Sag ihr, ich bin in einer Besprechung, nein, sag ihr, du hast mich nicht finden können.«

Vitone stand unbeteiligt vor dem Schreibtisch, aber seine Augen funkelten.

»Okay, geh ruhig. Ich werde mich darum kümmern«, sagte Marco Luciani. Kaum war der Inspektor vor der Tür, fluchte er im Stillen und durchsuchte den Papierkorb, bis er die Einladung gefunden hatte.

Luciani und Dolci

»Sehen Sie, Commissario, für einen Behinderten ist Reichtum kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Wissen Sie, was ein maßgeschneidertes Hemd kostet? Oder eine Hose? Wissen Sie, dass ich bei den meisten Fluggesellschaften zwei Tickets kaufen müsste, wenn ich in der Economy Class fliegen wollte? Was mir übrigens nicht im Traum einfiele. Entweder fliege ich Erster Klasse, oder ich bleibe zu Hause. Behindert zu sein ist ein Unglück, das nur Geld lindern kann. Die Leute behandeln einen nur dann gut, oder besser, tolerieren einen nur, wenn man ihren Widerwillen, ihren Ekel vergelten kann. Oder wenn man berühmt ist. Deshalb muss ich immer in vorderster Reihe, immer im Mittelpunkt stehen, im Fernsehen auftreten. Glauben Sie, das macht mir Spaß?«

»Ja«, sagte Marco Luciani.

Dario Dolci war einen Moment überrascht, dann lachte er herzhaft. »Es macht mir tatsächlich einen Heidenspaß! Den Kitzel der Fernsehkamera, Commissario … haben Sie den je gespürt? Und dann diese armen Teufel, die Kandidaten, die von Ihrem Urteil abhängen, sich mit Schmähreden überziehen lassen und am Ende noch ›Danke, Maestro‹ sagen. Überlegen Sie mal, ist das nicht fabelhaft?«

Er amüsierte sich wie ein Kind und lachte weiter, während der Kommissar peinlich berührt den Blick schweifen ließ. Sie waren die einzigen Gäste im Lokal, abgesehen von zwei Pärchen mittleren Alters. Von ihrem Tisch aus bot sich ein spektakuläres Panorama über das nächtliche Genua, mit den Kreuzfahrtschiffen im Golf, den Lichtern des Hafens und dem Leuchtturm.

»Ich habe meine Reise nach Genua auf einige Tage ausgedehnt, um ein paar Restaurants auszuprobieren«, hatte Dolci zur Begrüßung gesagt. »Dieses hier zählt zu meinen Favoriten in ganz Ligurien, vor allem wegen des Ausblicks. Für gewöhnlich genieße ich beim Speisen gerne die Schönheit meiner Tischgenossin, aber bei einem Rendezvous unter Männern ist das Ambiente von fundamentaler Bedeutung.«

Während der Kellner die Teller abtrug, trat der Ober diskret an den Tisch, verneigte sich leicht und fragte, ob alles zur Zufriedenheit sei.

Dolci musterte ihn mit beleidigter Miene: »In der Kartoffeltarte fehlte Salz. Ungesalzen schmeckt eine Kartoffeltarte nach nichts, fade, trist, wie Kartoffelpüree im Krankenhaus.« Er wandte sich an den Kommissar. »Da sie glauben, Salz sei schädlich, verwenden sie es nicht mehr. Jahrhunderte auf dem Maultierrücken von Recco nach Piacenza, nach Varzi, nach Castellaro und sogar über den Stockalperweg bis ins Kanton Wallis, um Fässer mit Natriumchlorid zu transportieren, sind ihrer Meinung nach Zeitverschwendung gewesen, eine Flause. Ihr seid Küchenchefs, gütiger Gott, tut eure Arbeit, und überlasst den Ärzten die ihre!«

»Ich werde es ausrichten«, sagte der Ober.

»Dafür war das Kaninchen nach ligurischer Art herrlich. Göttlich«, fügte Dolci im Flüsterton hinzu, kaum dass der Ober verschwunden war, »aber das sagt man ihnen besser nicht, sonst steigt es ihnen zu Kopf.«

Er holte ein Notizbuch aus der Tasche, schraubte seinen Füller auf und schrieb, langsam und sorgfältig. Erst als der Kellner zurückkam, um Wein nachzuschenken, schraubte er ihn schnell wieder zu und ließ ihn in der Tasche verschwinden. Sie schwiegen, bis der Mann wieder außer Hörweite war.

»Sie hatten gesagt, Sie würden kein Urteil abgeben«, merkte der Kommissar an.

»Hmm … ehrlich gesagt bin ich noch unentschieden. In jedem Fall muss man sie jedoch schmoren lassen. Die wahren Küchenchefs geben ihr Bestes nur, wenn sie unter Druck stehen.«

Das Abendessen zog sich über einen Zeitraum hin, der Marco Luciani geradezu surreal erschien. Jeder Gang wurde begleitet von einem Ballett aus Tellern, Besteck, Verbeugungen, Einführungen und Erläuterungen, dem Stammbaum von Zutaten und Zubereitungsmethoden. Zu jeder Etappe der Reise – Vorspeisen, erster und zweiter Gang, Dessert – bildeten ein »Gruß aus der Küche« und ein Amuse-Gueule den Auftakt – Prä-Antipasto, Prä-erster Gang, Prä-zweiter Gang, Prä-Dessert. Zum Glück waren die Portionen klein, aber die vier Präludien allein wären für den Kommissar mehr als eine komplette Mahlzeit gewesen.

Er schaute Dolci weiter beim Essen zu, während ihm zunehmend übel wurde, dann versuchte er, das Gespräch auf ein paar Einzelheiten zu bringen, die ihm bei der Ermittlung helfen konnten.

»Im Internet habe ich einiges über Sie gelesen.«

»Ich dachte, die Polizei wüsste schon alles von jedem.«

»Sicher. Aber das Internet liefert auch noch den Rest.«

»Ich kann mir schon denken, was Sie gefunden haben«, brummte sein Gegenüber. »Die Leute nutzen das Internet nur, um ihr Gedärm zu entleeren. Die Luft in einer öffentlichen Toilette ist wohltuender.«

»Nun, die Schmähungen kommen ein bisschen aus allen Ecken. Sie haben es geschafft, sich überall Feinde zu schaffen. Sie haben anhängige Verfahren sowohl mit der Slow-Food-Kette Eataly wie mit McDonald’s. Schön ausgewogen. Aus den autonomen Zentren kamen schon früher Drohungen. Dieses Jahr ist Ihretwegen die Jüdische Gemeinde auf die Barrikaden gegangen, und selbst die Amerikanische Botschaft hat eine Protestnote formuliert.«

»Die Wahrheit tut weh, Herr Kommissar. Und ich sage immer die Wahrheit.«

»Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Ihre Biographie. Humanistisches Gymnasium. Universitätsdiplom in Chemie. Anfänge im Journalismus. Dann der Schwenk in die Gastronomie. Eine kuriose Laufbahn.«

»Auf die Universität ging ich in der Hoffnung, schnell Geld zu machen. In den Siebzigerjahren waren Chemiker sehr gefragt. Tatsächlich habe ich dann einen anderen Beruf ergriffen, aber das Studium hat mir im Bereich der Kochkunst, der Weine und der Konditorei viel gebracht, denn das alles ist im Grunde eine Frage der Dosierung. Was den Journalismus betrifft – wie sagte Mussolini? Mit dem kommt man überallhin, vorausgesetzt man steigt rechtzeitig aus.«

»Und die Geschichte Ihres Namens? Warum diese Änderung?«

»Ich habe ihn geändert, um Erfolg zu haben. Wenn Vor- und Nachname mit demselben Buchstaben beginnen, können die Leute ihn sich leichter merken. Carlo Cracco. Bruno Barbieri. Don Draper. Von den Comics gar nicht zu reden: Peter Parker. Dylan Dog. Martin Mystère. Nathan Never.«

»Topolino.«

»Das ist nur die italienische Variante von Mickey Mouse. Donald und Dagobert Duck. Ein alter Trick, aber er funktioniert immer, Herr Kommissar. Ich hatte schon das Glück, einen sprechenden Nachnamen zu haben, aber Giampieri Dolci hätte einfach nicht funktioniert. Dario Dolci dagegen, zack, zack, kurz, trocken, beherzt. Dario Dolci: Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Perfekt.«

Er musste diesen Kniff schon zigmal erklärt haben, aber er war befriedigt, als hätte er soeben das Rad neu erfunden.

»Bedenken Sie, ich habe mich schon als Kind so rufen lassen, ohne dass mir die Gründe für diese Wahl bewusst gewesen wären. Ich wollte einen gewichtigen Namen, den eines Kaisers. Mein Favorit war Alessandro, Alexander …«

Der Kommissar zuckte zusammen, als er diesen Namen hörte. Einen Moment fragte er sich, ob Dolci ihn absichtlich genannt hatte, ob er Bescheid wusste.

»… aber Alessandro Dolci ist zu lang und hat eine disharmonische Note, also habe ich einen anderen Kaiser gewählt. Der ebenfalls Großes geleistet hat. Mögen Sie Geschichte, Commissario?«

»Jedenfalls mehr als Gastronomie.«

»Nun, ein paar Bücher zur Gastronomiegeschichte sind durchaus lesenswert, seien Sie versichert. Sie ist fraglos wahrhaftiger als die von den Siegern geschriebene, die man uns in der Schule lehrt. Jedenfalls war Kaiser Darius eine große Persönlichkeit, aufgeklärt, modern. Er baute Straßen und Kanäle, förderte den Handel, reformierte die Justiz …«

Zur Freude des Kommissars drehte sich die Konversation eine Weile um das antike Persien. Dolci sprach und aß, aß und sprach. Schwer zu sagen, was ihn tiefer befriedigte.

»Zurück zu den Briefen …«, versuchte Luciani es erneut. »Einige davon wurden direkt in Ihren Postkasten gesteckt. Aus Erfahrung sage ich Ihnen, dass das nur eins bedeuten kann: Der Absender ist jemand aus Ihrem direkten Umfeld.«

»Was meinen Sie damit?«, empörte sich Dolci.

»Niemand würde von weit her kommen, oder auch nur aus einem anderen Stadtteil, um Ihnen einen anonymen Brief ins Haus zu bringen. Sie haben mir außerdem gesagt, dass es einen Concierge gibt, ein Bote hätte also auffallen können. Die Logik sagt, dass es jemand ist, der im Haus wohnt oder arbeitet, er geht täglich ein und aus und kann das Kuvert einstecken, ohne Verdacht zu erregen. Vielleicht während er seine eigene Post holt.«

Die Miene des Kritikers verfinsterte sich. »Daran hatte ich nicht gedacht. Aber so gesehen erscheint es ausgesprochen logisch.«

»Hatten Sie kürzlich Streit mit einem Nachbarn?«

»Sicherlich, Herr Kommissar. Wer hat keinen Streit mit den Nachbarn? Ich bin zudem gezwungen, mit einer Bande zurückgebliebener, scheinheiliger, geiziger und ungezogener Konservativer zu leben.«

»Ich dachte, die Konservativen lägen Ihnen.«

»Wenn sie aufgeklärt sind. Die Welt hat trotz meiner Bemühungen Fortschritte gemacht, die ich oft nicht gutheiße, aber einige davon weisen interessante Vorzüge auf