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Ein Inder im Norden

Ruhe auf Pellworm. Zu viel, meint Bürgermeister und Hotelier Feddersen. Seine Bemühungen, alternative Formen des Tourismus anzukurbeln, scheinen erfolgreich zu sein, als ein indischer Guru seine Heilslehren auf der Insel verkünden will. Frerk Thönnissen, der Dorfpolizist, ist nicht begeistert, da viele neue Besucher viel Arbeit bedeuten könnten. Als er in einem ausgebrannten Wohnwagen eine Leiche findet, drohen seine Befürchtungen wahr zu werden. Offenbar ist der Tote der Stellvertreter des Gurus. Als man ihm aus Husum Unterstützung schickt – ausgerechnet den unfähigen Kommissar Hundt –, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Spannend und skurril – ein Kriminalroman mit dem besten Dorfpolizisten aus dem hohen Norden.

Hanne Nehlsen

Der Inselschamane

Ein Nordsee-Krimi

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Epilog

Über Hanne Nehlsen

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Eins

Ein strahlendblauer Himmel zeigte sich. Nirgendwo war eine Wolke zu sehen. Die Wärme war durch den leichten, von der See wehenden Wind erträglich. Trotz aller Warnungen würde niemand auf die hohe UV-Strahlung achten. Sie färbte die Unvorsichtigen rot, statt ihnen eine von den Daheimgebliebenen beneidete Urlaubsbräune zu schenken. Die sanfte Brise, die die Haut angenehm streichelte, sorgte dafür, dass sich das Wasser ein wenig kräuselte. Es ähnelte zerknittertem Stanniolpapier.

Flut.

Die Wellen plätscherten gegen den Damm, der vom Tiefwasseranleger zum Deich führte, ihn in einem eleganten Schwung überwand und auf der Binnenseite im Inneren der Insel endete. Seitdem man diesen Damm ins Wattenmeer hinaus gebaut hatte, war die Fähre unabhängig von Ebbe und Flut. Den alten Inselhafen hatte das Schiff nur bei Hochwasser anlaufen können.

Der Damm war auch eine Attraktion für die Urlauber. Manch einer fuhr zum Zeitvertreib hinaus und beobachtete das Anlegemanöver und das Be- und Entladen der Fähre. Überall auf den Inseln dieser Welt faszinierte die Ankunft eines Schiffes die Menschen. Hier konnte man es auch mit einem Besuch auf dem »Turm« verbinden, der am Ende des Damms auf einer Warft stand und bei ungünstigem Wasserstand den Fluten der Nordsee trotzte. Die Gastronomie in der Spitze des Bauwerks, dem Turm, bot für jeden etwas.

Wer sich die Zeit nahm, genauer zu beobachten, vermochte Neuankömmlinge und schon länger anwesende Urlaubsgäste zu unterscheiden. Es war nicht nur der Teint, sondern auch der Blick der Menschen. Die Neuen reckten die Hälse und suchten die Schönheit des Inselambientes zu erfassen, empfanden den Fahrweg, der durch das Wasser führte, als erstes kleines Abenteuer.

Die reine Seeluft wurde heute durch die Abgase laufender Motoren verdrängt. Auf dem Damm Richtung Insel hatte sich ein Stau gebildet. Fast nichts rührte sich mehr. Nur durch das beherzte Eingreifen der Fährleute war es möglich, dass das letzte Fahrzeug vom Schiff fahren und das Beladen mit den wartenden Abreisenden erfolgen konnte.

Die landeinwärts führende Autoschlange endete nach ungefähr einem halben Kilometer in Höhe eines grün-weißen Golfs, der auf dem Randstreifen parkte. Erst auf den zweiten Blick war ersichtlich, dass ihm die Insignien eines Polizeifahrzeugs fehlten. Auf dem Dach war kein Blaulicht montiert, der Schriftzug »Polizei« an der Seitenfront war überlackiert. Echt hingegen war der Polizeibeamte, der den Fahrzeugen Halt gebot.

Polizeiobermeister Frerk Thönnissen war die Ordnungsmacht auf Pellworm. Der Inselpolizist. Er hatte Dienstjacke und Dienstmütze abgelegt, trat zur Seite und bedeutete dem Fahrer des japanischen Kleinwagens, dass er fahren könne.

»So ein Schwachsinn«, knurrte der ältere Mann am Steuer. »Damit schrecken die die Touristen ab.« Es krachte im Getriebe, als der Gang eingelegt wurde. Der Motor heulte auf, und mit einem Satz bewegte sich das Auto Richtung Deich. Thönnissen legte lässig die Hand an den Haaransatz und deutete ein Salutieren an. »Schönen Urlaub«, rief er dem Wagen hinterher. Dann winkte er das nächste Fahrzeug heran und zeigte gebieterisch auf einen Fleck vor seinen Füßen.

Aus dem geöffneten Fenster streckte sich der Kopf einer rotgesichtigen jungen Frau entgegen.

»Was ist denn los?«, fragte sie, um sich sogleich umzudrehen und über die Schulter in den Fond zu versichern: »Gleich, mein Kleines, bekommst du etwas zu trinken. Es dauert nicht mehr lange.«

Das »Kleine« waren zwei schwitzende Kinder, die angeschnallt in ihren Sitzen hockten. Das jüngere fing an zu weinen.

Thönnissen winkte sie durch. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub«, sagte er und zeigte dem Hintermann an, vorzufahren.

Der Mercedes gab Gas und wollte am Polizisten vorbei. Nur ein gebieterisches »Halt« ließ den Fahrer noch einmal stoppen.

»Ich werde mich beschweren«, blaffte der Mercedesfahrer. »Was soll die Schikane?«

»Möchten Sie einen unbeschwerten Urlaub auf unserer schönen Insel verleben?«, fragte der Inselpolizist.

»Was soll der Scheiß? Ich will hier nicht in der Schlange stehen.«

»Allgemeine Verkehrskontrolle«, erwiderte Thönnissen mit stoischem Gleichmut. »Führerschein. Fahrzeugpapiere.«

»Das ist hirnrissig.«

»Steigen Sie bitte aus.«

»Nein! Ich fahre jetzt ins Hotel.«

»Aber nicht mit dem Auto. Ohne Papiere läuft da nichts. Oder besser – Sie laufen.«

»Ich beschwere mich.«

»Das steht Ihnen frei. Aber zunächst Ihre Papiere bitte.«

Mühsam schälte sich der korpulente Mann aus dem Wagen, öffnete die hintere Tür, kramte umständlich in einem Leinensakko nach der Brieftasche und fischte schließlich die Dokumente hervor. Dabei schimpfte er unablässig. »Schikane. Staatsterror. Das hat Konsequenzen«, drang als Wortfetzen an Thönnissens Ohr.

Der Inselpolizist umrundete das Auto, verglich die Nummernschilder mit den Fahrzeugpapieren und sah abwechselnd auf das Bild im Führerschein und auf den Mann.

»Sie sind ganz schön alt geworden«, raunte er ihm zu, so dass die gewichtsmäßig zu ihm passende Beifahrerin es nicht hören konnte.

Der Mund des Mannes öffnete und schloss sich wie bei einem Goldfisch im Aquarium. »Sie – Sie«, japste er.

Die Dokumente waren in Ordnung.

»Jetzt möchte ich noch das Warndreieck und die Warnweste sehen.«

»Die habe ich.«

»Schön. Dann zeigen Sie sie mir, bitte.«

»Das geht nicht. Die ist ganz unten im Kofferraum.«

Thönnissen zuckte mit den Schultern und zeigte auf den Randstreifen. »Halten Sie dort hinter dem Golf. Dann können Sie in Ruhe auspacken.«

»Wissen Sie, wer ich bin?«

Thönnissen schüttelte den Kopf. »Sie tragen keine Uniform. Aber ich. So sehen Sie auch, wer ich bin.«

»Der Meister ist gut mit uns bekannt.«

»Welcher Meister?« Der Inselpolizist zeigte auf seine Schulterklappen. »Drei Sterne. Ich bin Obermeister.«

»Sie werden Ihres Lebens nicht mehr froh. Ich sorge dafür, dass Sie künftig nur noch Parksünder aufschreiben.«

»Gut. Aber heute führe ich eine allgemeine Verkehrskontrolle durch. Also! Fahren Sie rechts ran, und dann suchen Sie die Warnweste heraus.«

Inzwischen hatte sich das Fenster der Beifahrertür herabgesenkt. Ein runder Frauenkopf mit Doppelkinn zwängte sich durch die Öffnung. Die lange Kette klirrte gegen die Tür.

»Herbert! Wie lange dauert das noch. Ich muss mal. Dringend!«

»Sag das dem hier«, fluchte der Mann. »Warum musst du auch so viel trinken? Wo steckt die blöde Warnweste?«

»Haben wir so etwas?«

»Natürlich.«

»Weiß ich doch nicht. Du bist doch der Mann.« Die Stimme wurde weinerlich. »Herbert! Wenn ich nicht sofort auf die Toilette gehen kann, dann …«

»Kann ich nichts für.«

»Herbert? Wie sprichst du mit mir?«

Der Mann setzte sich hinters Steuer und fuhr den Wagen an die Seite. Thönnissen hörte dabei einen handfesten Krach, der aus dem Wageninneren drang.

Als Nächstes rollte ein alter Unimog heran, der arg mitgenommen aussah. Zwei merkwürdig aussehende Männer blinzelten durch die geteilte Scheibe.

»Was ist denn los?«, fragte der Fahrer, während sich die Gestalt neben ihm ebenfalls Richtung Fenster lehnte.

Thönnissen wiederholte seinen Spruch.

»Oh.« Es klang, als würde der Fahrer flöten. »Auch bei uns?«

»Bei allen Fahrzeugen.«

»Was möchten Sie denn wissen?«

Thönnissen musste ein Schmunzeln unterdrücken. Der Beifahrer trug ein orangefarbenes Gewand und gab sich nicht nur hinsichtlich der Kleidung alle Mühe, feminin zu wirken. Die beiden schienen aber schon eine Weile unterwegs zu sein. Und der Wille allein, weiblich zu wirken, reicht nicht, das Sprießen der Bartstoppeln zu bremsen.

Der Fahrer machte eine linkische Handbewegung.

»Hach. Da muss ich nachsehen.« Er schob den Beifahrer zur Seite, der sich über seinen Schoß gelehnt hatte. »Schätzchen, reich mir doch bitte mein Täschchen herüber.«

»Gerne doch«, erwiderte der Beifahrer mit nasal klingender Stimme und tauchte ins Fahrzeuginnere ab.

Thönnissen wurde abgelenkt, weil weiter hinten ein Fahrzeug aus der Schlange ausscherte, auf die Gegenfahrbahn fuhr und alle überholte. Das wuchtig wirkende Fahrzeug kam ihm entgegen, als er sich auf die Straße stellte und mit beiden Händen über dem Kopf ein Haltesignal gab. Es schien, als würde der Fahrer hinter den getönten Scheiben seinen Stoppbefehl missachten wollen. Vorsichtig verlagerte der Inselpolizist sein Körpergewicht auf das linke Bein, um abspringen und sich in eine Lücke der wartenden Autoschlange retten zu können. Im letzten Moment bremste die große Limousine. Zwischen dem charakteristischen Kühlergrill und ihm war ein knapper Meter Platz geblieben. Thönnissen versuchte, die weichen Knie zu verbergen und seinem Gang Sicherheit zu verleihen, als er zur Fahrerseite ging. Die getönten Scheiben ließen nur einen schemenhaften Blick ins Innere zu.

Bisher hatte Thönnissen nur von der Existenz dieses Fahrzeugtyps gehört. Ein Bentley Mulsanne hatte sich noch nie noch Pellworm verirrt. Nun stand er vor ihm. Es war das Spitzenmodell des englischen Herstellers, dem auch die britische Königin vertraute. Sie fuhr allerdings eine Sonderausführung. Keine zwei Dutzend waren in Deutschland angemeldet. Thönnissen wusste, dass der Bentley mit dem legendären Phantom oder Ghost von Rolls-Royce konkurrierte. Die über fünfhundert PS und der Sieben-Liter-Motor ließen den Wagen über dreihundert Stundenkilometer schnell werden. Und das bei einem Eigengewicht, das mit einem Lkw konkurrieren konnte.

Der kurze Augenblick des Erstaunens war vorüber.

Thönnissen klopfte gegen die Scheibe. Der Fahrer schien zu zögern. Der Inselpolizist sah, wie sich der Schatten umdrehte und mit jemandem im Fond sprach. Dann senkte sich die Scheibe herab und gab den Blick ins Innere frei. Zunächst fiel sein Blick auf die Kombination aus Edelhölzern und hellem Leder, die das Interieur ausmachten. Dann schenkte er dem Fahrer in der grauen Uniform mit der Schirmmütze seine Aufmerksamkeit.

»Was war das denn?«, fragte Thönnissen. »Wie kommen Sie dazu, über die Gegenfahrbahn an allen Autos vorbeizufahren?«

»Dieses ist das Auto des Raja.«

»Wer soll das ein?«

Spöttisches Erstaunen zeichnete sich auf dem Gesicht des Fahrers ab. »Sie kennen den Raja nicht?«

»Nö.«

»Das ist der Fürst.«

»Welcher? Fürst Pückler – der mit dem Eis? Oder Fürst Bismarck – der mit dem Hering?«

»Man spottet nicht über den Raja. Schon gar nicht in seiner Gegenwart.«

Thönnissen deutete ein Nicken in Richtung des Rücksitzes an. »Ist er das?«

»Selbstverständlich. Seine Hoheit.«

Der Inselpolizist kratzte sich den Hinterkopf. »Tja. Wenn Sie mit einer offiziellen Eskorte gefahren wären, hätte ich Sie passieren lassen. Aber so sind Sie einer von vielen.« Thönnissens ausgestreckter Arm zeigte auf die Schlange. »Und Sie haben gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Das müssen wir jetzt aufnehmen.«

»Sie wollen den Raja warten lassen?«, fragte der Fahrer mit Empörung in der Stimme.

»Er kann ja zu Fuß vorausgehen.«

Irgendwo hinten in der Schlange wurde gehupt.

Thönnissen wollte nachsehen, wurde aber durch einen BMW-Geländewagen abgelenkt, der sich mit hoher Geschwindigkeit von der Landseite näherte und mit quietschenden Reifen auf ihrer Höhe zum Stehen kam. Die Tür wurde aufgerissen, und ein Mann sprang aus dem Fahrzeug. Er fand nicht einmal Zeit, den Schlag wieder zu schließen. Sein puterrotes Gesicht schien kurz davor, zu platzen. Mit drohenden Fäusten stürmte er auf Thönnissen zu.

»Bist du nicht ganz dicht?«, brüllte er, dass es den Anschein erweckte, man könne es bis zum Festland hören.

»Boy«, begrüßte ihn Thönnissen in normaler Lautstärke.

Feddersen, Hotelier und Bürgermeister, packte Thönnissen am Hemd und schüttelte ihn.

»Das ist der helle Wahnsinn. Was soll man von uns denken? Da kommen die Leute auf unsere Insel, weil sie hier Ruhe und Erholung finden wollen. Und wem begegnen sie als Erstes? Einem durchgeknallten Polizisten, der die Urlauber schikaniert, bevor sie überhaupt richtig angekommen sind.«

Thönnissen packte Feddersens Hände an den Gelenken und drückte sie von sich.

»Was du Schikane nennst, ist eine allgemeine Verkehrskontrolle. Wenn wir das bei der Ankunft erledigen, können wir sicher sein, dass alles mit rechten Dingen vor sich geht. Die Menschen können einen unbeschwerten Urlaub verbringen und wissen, dass jedes entgegenkommende Fahrzeug überprüft ist. Sag mal, hast du eigentlich eine Warnweste an Bord?«

»Ich gebe dir gleich was – von wegen Warnweste. Du lässt sie sofort durchfahren.«

Thönnissen grinste. »Wer sagt das? Der Bürgermeister in dir? Oder der Gastronom, der Sorge hat, dass die Kaffeegäste heute eine halbe Stunde später bei ihm erscheinen?«

»Das wird dich deinen Job kosten«, drohte Feddersen. »Das war das letzte Mal, dass du so etwas gemacht hast.«

»Okay«, erwiderte Thönnissen gelassen. »Dann werde ich eben Justizvollzugsbeamter. Dann sehen wir beide uns wieder, wenn ich dich einschließe, weil du wegen Steuerhinterziehung, Bedrohung eines Vollzugsbeamten, Schwarzbrennerei, Bestechung und einem weiteren Dutzend Vergehen eingelocht worden bist.«

»Ich bring dich um – ich bring dich um«, fluchte Feddersen, als er zu seinem BMW zurückkehrte, das Fahrzeug wendete und mit durchdrehenden Reifen Richtung Insel verschwand.

Thönnissen winkte dem Unimog und bedeutete ihm zu fahren. Doch der Mann am Steuer wedelte mit einem Dokument. »Hier«, rief er mit hoher Stimme. »Meine Frau hat das Täschchen gefunden.«

Thönnissen ließ seinen Arm rotieren. »Fahren Sie endlich. Machen Sie den Weg frei.«

»Ach, da wird Maria aber traurig sein«, stöhnte der Fahrer, bequemte sich aber doch, das eigentümliche Gefährt in Betrieb zu setzen.

Thönnissen hatte sich vor den Bentley gestellt und versuchte, die Wartenden zum Weiterfahren zu animieren.

»Blödes Arschloch«, rief ihm ein Mann aus einem geöffneten Wagenfenster zu, dessen Gesicht nur aus Haaren zu bestehen schien.

»Und nun zu Ihnen«, wandte sich der Inselpolizist dem Fahrer des Bentleys zu. »Ihre Papiere.«

»Ich bin der Fahrer des Raja.«

»Und wie heißt der Fahrer? Ist der auch göttlich? Oder hat er – so ganz nebenbei – einen bürgerlichen Namen?«

»Wissen Sie, was es bedeutet, dass der Guru seinen Fuß auf diese Insel setzt?«

»Doch.« Thönnissen nickte »Ich bin mir bewusst, was es heißt: Stress. Besonders für mich. Und jetzt haben wir genug geredet.«

»Das darf nicht wahr sein«, stöhnte der Fahrer und zeigte seine Papiere vor. Er hieß Hubertus Filsmair.

»Filzmeyer«, sprach Thönnissen es falsch aus. »Das ist bei Ihrem Verein sicher Programm.« Dann staunte er, als er die Fahrzeugpapiere durchsah.

»Das Auto ist auf ›Die Kinder der Erleuchtung – Kultur und Gesundheits GmbH‹ zugelassen. Ein Firmenwagen. Was bedeutet das?«

»Muss das hier erläutert werden? Die Dokumente sind in Ordnung.«

Es stimmte. Leider.

Thönnissen ließ Filsmair aussteigen und den Kofferraum öffnen. Das Staunen steigerte sich. Im Heck des Fahrzeugs war ein solider Tresor eingebaut.

»Was ist das?«, wollte der Inselpolizist wissen.

»Das geht Sie nichts an.« Der Fahrer räumte zwei lederne Aktenkoffer zur Seite. »Hermès« konnte Thönnissen erkennen, bis er die Warnweste präsentiert bekam.

»Wenn ein schlechtes Karma auf die Insel fällt, tragen Sie die Schuld daran«, drohte der Fahrer.

»Da komme ich mit zurecht«, erwiderte Thönnissen leichthin. »Besonders, wenn es mich erst im nächsten Leben trifft.« Er winkte dem Fahrer lässig zu. »Passen Sie auf«, gab er zum Abschied noch einen Rat. »Wenn Sie Ihr Gefährt nicht ordnungsgemäß auf einem abgegrenzten Parkplatz unterbringen können, bin ich zur Stelle. Das macht dann fünfzehn Euro. Aber vielleicht haben Sie die ja in Ihrem Safe.« Er klopfte auf das Dach des Bentleys.

Der Stau hatte sich inzwischen aufgelöst. Lediglich Herbert, der Mercedesfahrer, saß auf einem stabilen Koffer, den er aus dem Fahrzeug geholt hatte, und schmauchte seelenruhig eine dicke Zigarre.

»Sie können fahren«, sagte Thönnissen.

»Nein!«, protestierte Herbert. »Ich habe mit viel Aufwand die Warnweste hervorgekramt. Jetzt müssen Sie sich die ansehen.«

Thönnissen erfüllte ihm den Wunsch.

»Jetzt aber«, beschied ihm der Inselpolizist.

Herbert schüttelte bedächtig den Kopf. »Zu spät«, erklärte er und zeigte mit dem Daumen über die Schulter in Richtung seiner Frau. »Jetzt haben wir alle Zeit der Welt.«

Zwei

Pellworm war überschaubar. Die Einheimischen kannten sich untereinander. Man begegnete sich beim Kaufmann, auf der Straße, überall. Jeder wusste etwas vom Nachbarn. Kaum etwas blieb verborgen. Kein Wunder. Viele waren auch miteinander verwandt. Und auch die Urlauber wurden einem vertraut. Wohin sollten sie auch ausweichen? Sie steuerten die gleichen Ziele an wie die Insulaner. Spätestens am dritten Tag ihres Aufenthalts gehörten sie zumindest temporär dazu. Na ja. Nicht ganz. Pellwormer wurde man, sofern man hier nicht geboren war, erst nach fünfundsiebzig Jahren Aufenthalt auf der Insel. Thönnissen war ein echter Insulaner. Seit Generationen wohnte seine Familie hier, auch wenn er jetzt der Letzte war.

Er seufzte, trank noch einen Schluck Kaffee und legte die Zeitung beiseite. Damit die Familie nicht ausstarb, war er gefordert. Die ganze Zukunft des Geschlechts ruhte auf ihm. Aber es zeichnete sich eine Lösung ab. Elizabeth tauchte vor seinem geistigen Auge auf, als er die Lider zuklappte. Zweimal war er schon rund um den Erdball bis ans Ende der Welt geflogen. Nach Tuvalu, der Insel auf der anderen Seite der Welt. Man gelangte auf abenteuerlichen Wegen dorthin. Zunächst war er bis zu den Fidschi-Inseln gereist. Von dort waren es noch einmal tausend Kilometer in die Einsamkeit des Pazifiks, bis die kleine Turbo-Prop-Maschine auf dem internationalen Flughafen in Funafuti aufsetzte. Der viertkleinste Staat der Welt hatte eine Größe, die etwa achtzig Prozent der Fläche Pellworms entsprach. Darauf lebten halb so viele Menschen, wie Husum Einwohner hatte. Es gab eine einzige Straße, die mit ihren acht asphaltierten Kilometern das kleinste Straßennetz der Welt bildete, und der Flughafen nahm einen Großteil der Hauptstadt ein. Das mochte nicht jeden reizen. Es war sein Traum gewesen, einmal Tuvalu zu besuchen. Er hatte nicht ahnen können, dass er dort Elizabeth begegnen würde, einer atemberaubenden Frau. Wenn er auf Pellworm war – auf seiner Insel –, schweiften seine Gedanken ab nach Tuvalu. Dort war es wunderschön, auch wenn statt Traumstränden überall der Müll herumlag, weil es weder eine Deponie noch ein Recylingsystem gab. Die Einkaufsmöglichkeiten auf Pellworm wirkten im Vergleich zu den dortigen Möglichkeiten wie die 5th Avenue in New York im Vergleich zu … zu … Nein. Ihm fiel kein passender Ort ein. Aber auf Tuvalu lebte Elizabeth. Und was waren alle Trauminseln dieser Welt gegen diese Frau? Keine hätte er gegen sie eingetauscht. Na ja. Wenn er es sich richtig überlegte. Keine? Mit Ausnahme von Pellworm.

Er reckte sich. Der Urlaub würde ihn wieder auf die andere Seite der Erdkugel führen. Wenn er … ja, wenn es ihm gelänge, die nicht unbeträchtlichen Reisekosten aufzubringen. Die Bezüge eines Polizeiobermeisters waren nicht so bemessen, dass man davon einen bescheidenen Lebensunterhalt und eine Traumreise finanzieren konnte. Er schrak auf, als sich das Telefon meldete.

»Moin, Frerk. Du musst mal herkommen«, ertönte eine Stimme aus dem Hörer, ohne einen Namen zu nennen.

»Tore?«

»Klar. Wer sonst.«

»Wir haben noch über tausend andere Pellwormer«, stellte Thönnissen fest.

»Aber nur einen Tore Ipsen.« Das traf zu. Ipsen war der Inselspediteur. Was auch immer nach Pellworm geliefert und nicht mit einem eigenen Lkw hierhergebracht wurde, lud man in Strucklahnungshörn auf dem Festland ab. Ipsen pickte es am Pellwormer Anleger auf und verteilte es zuverlässig auf die Pellwormer Empfänger. »Du solltest mal herkommen und für Ordnung sorgen. Das ist dein Job, oder?«

»Was ist los?«

»Gibt Stress«, erwiderte Ipsen. Dann hatte er aufgelegt, ohne den Ort zu nennen. Thönnissen seufzte. Es konnte sich nur um Tammensiel handeln.

Thönnissen machte sich auf den Weg. Wenn die vorgesetzte Dienststelle auf dem Festland meinte, aus Kostengründen das Dienstfahrzeug gegen ein Fahrrad auszuwechseln, musste sie sich auch mit den klagenden Bürgern auseinandersetzen, wenn es zu lange dauerte, bis die Polizei eintraf. Thönnissen unternahm keine Anstalten, besonders kräftig in die Pedale zu treten. Als er eine halbe Stunde später in Tammensiel, dem Hauptort der Insel, anlangte, stand dort eine kleine Gruppe und diskutierte.

Tammensiel bestand eigentlich nur aus einer Straße, in der eine Handvoll Geschäfte ihre Waren feilbot. Die »Handvoll« war wörtlich zu nehmen, auch wenn der Lebensmittelmarkt sich nach dem Umbau im neuen Gewand und mit einem breit gefächerten Angebot präsentierte.

Die kleine Gruppe öffnete sich und sah Thönnissen entgegen. Man schien in eine Diskussion verwickelt zu sein, ohne dass es nach Streit aussah.

»Was ist los?«, wandte er sich an Jens Paulsen, einen Einheimischen.

»Nix? Wieso?«

»Tore Ipsen meinte, es gäbe Stress.«

»War nicht so gemeint«, erwiderte Paulsen. »Ist alles wieder okay. Es gab ein paar blöde Bemerkungen zu den beiden hier.« Er zeigte auf die beiden Insassen des Unimogs, deren Bekanntschaft der Inselpolizist bereits gemacht hatte.

»Ach, der nette Herr Wachtmeister«, sagte der Fahrer und bewegte die Hand in einer linkischen Geste. »Sieh mal, Maria.«

Beide waren in weite Gewänder gekleidet. »Maria« hatte dunkle Lidschatten angelegt. Thönnissen registrierte mit einem Seitenblick, dass beide Eheringe trugen.

»Man ruft mich nicht umsonst.« Er sah sich um. »Wo ist Ipsen?«

»Der musste weiter. Sonst schafft er seine Tour nicht.«

»Los, Jens. Was ist hier passiert?«

»Nun ja«, druckste Paulsen herum. »Die beiden hier sind schon merkwürdige Paradiesvögel.«

»Aber – aber«, beklagte sich der Fahrer des Unimogs.

»Na ja. Als die hier auftauchten, gab es ein paar Sprüche.« Paulsen hob die Stimme an. »›Jetzt ist es hier auch warm, selbst wenn die Sonne nicht scheint.‹ Und so ähnlich. Dagegen war die Bemerkung ›Oh – Christopher Street Day auf Pellworm‹ noch harmlos.«

»Sind Sie beleidigt worden?« Thönnissen sprach das seltsame Paar an.

»Peace«, entgegnete der Fahrer.

Der Inselpolizist wedelte mit der Hand. »Los, Leute. Geht weiter.«

Murrend folgten die Anwesenden seiner Aufforderung. Für sie war es spannend. Ein wenig Abwechslung im ruhigen Alltag der Insel. Hoffentlich blieb es dabei, dachte Thönnissen. Die Neuankömmlinge, soweit sie sich zum Guru und seinem Tamtam bekannten, unterschieden sich wesentlich von den anderen Urlaubsgästen.

»Wir sind auf dem Damm nicht mehr dazu gekommen, die Papiere zu kontrollieren«, sagte der Inselpolizist.

»Aber wir sind doch nicht mit dem Auto unterwegs«, staunte der Fahrer.

Thönnissen lächelte. »Ich weiß nicht, wie Sie heißen. Sonst könnte ich Sie mit Namen ansprechen.«

Der Fahrer reichte ihm die Hand zu einem laschen Händedruck.

»Ich bin Hans-Gundolf aus Frankfurt. Das ist Maria.« Er zeigte auf seine Begleiterin. »Meine Frau. Genaugenommen Reiner-Maria. Unser gemeinsamer Familienname ist Vogeley.«

»Sie nehmen an diesem Kongress teil?«

»Ja.« Hans-Gundolfs Augen strahlten. »Wir sind seit langem glühende Verehrer des Meisters. Es ist ein außergewöhnliches Glück, dass der Raja sein Ashram hier auf Pellworm aufgeschlagen hat. Wenn ich an ihn herankomme, möchte ich ihn zu gern fragen, welche Erleuchtung ihn dazu gebracht hat. Wir kommen aus Frankfurt. Ich muss gestehen, noch nie von dieser Insel gehört zu haben. Ich dachte immer, Sylt, Föhr, Amrum und diese kleinen Dinger – wie heißen die noch gleich?«

»Halligen«, half Thönnissen aus.

»Genau. Ich … wir dachten immer, das ist alles. Und nun hat der Meister dieses Eiland zu Großem auserkoren.« Er zupfte Thönnissen am Ärmel. »Wissen Sie, was das für Pellworm bedeutet? Tausende werden hierherkommen und die gesegneten Plätze aufsuchen, die der Meister für würdig empfunden hat, ihn zu empfangen.«

»O Gott«, entfuhr es Thönnissen.

Hans-Gundolf Vogeley sah ihn irritiert an. »Nein, nicht Gott. Raja. So spricht man den Meister korrekt an.«

»Ich vertrete hier das Gesetz«, sagte der Inselpolizist. »Wie heißt er eigentlich mit bürgerlichem Namen?«

Entsetzen stand in Hans-Gundolf Vogeleys Miene. »Mit bürgerlichem Namen?« Er tätschelte Thönnissens Hand. »Der Raja ist keiner von uns. Kein Bürgerlicher. Er ist der Raja.«

»Ist das indisch?«

»Das gilt für den gesamten Erdball. Raja heißt König oder Fürst.«

Thönnissen brummte etwas Unverständliches vor sich hin. »Ich kenne nur einen Maharadscha.«

»Das ist der Großkönig«, belehrte ihn Hans-Gundolf Vogeley.

»Aha. Das war eine mächtige Gestalt.«

»So mächtig ist der Raja auch«, versicherte Vogeley.

Thönnissen nickte. »Das war schon prächtig, was der zu zeigen hatte. Kennen Sie den Abenteuerfilm ›Das indische Grabmal‹? Dort tritt der Maharadscha auf.«

Hans-Gundolf Vogeley wich einen Schritt zurück. »Ein Abenteuerfilm? Und den vergleichen Sie mit unserem Raja?«

»Der Maharadscha war auch superreich. Ob der – ich meine den aus dem Film – allerdings einen Safe im Kofferraum hatte, kann ich nicht sagen.«

»Ein Safe im Kofferraum? Ich kann Ihnen nicht folgen«, erklärte Vogeley.

Reiner-Maria stupste seinen Partner an. »Komm jetzt. Wir müssen Kevin suchen.«

»Kevin?«, fragte Thönnissen routinemäßig.

Hans-Gundolf bestätigte es. »Kevin gehört zur Familie.«

Um Himmels willen, dachte Thönnissen. Noch mehr Verrückte.

»Noch etwas«, fiel Hans-Gundolf Vogeley ein. »Wo kann man hier einkaufen? Ich meine – so richtig?«

»Wir haben zwei gut geführte Supermärkte. Einer ist gleich dort drüben. Der andere am Nordermitteldeich.«

»Sie verstehen mich falsch. Wir suchen ein Geschäft, wo man reine Sachen erwerben kann.«

»Hier können Sie alles bedenkenlos essen. Fleisch und Fisch sind aus der Region, die Eier kommen von der Insel.«

Vogeley zog die Stirn kraus. »Sie haben uns missverstanden. Wir ernähren uns vegan. Bei uns kommen keine tierischen Produkte auf den Tisch.«

Thönnissen strich sich diskret über seinen Bauch. Nachdem er die beiden Gestalten vor sich gemustert hatte. Ob es hilfreich ist, vegan zu leben?, dachte er im Stillen und schüttelte den Kopf, als er sich abwandte, sein Fahrrad nahm und nach Hause radelte. Unterwegs traf er vereinzelt auf Besucher, die er dem Guru und seinen Leuten zuordnete. Oder bildete er sich das nur ein? Herbert, der Mercedes-Fahrer, hatte auch eingestanden, dass sie den geheimnisvollen Inder besuchen wollten. Dabei machte Herbert – den Zunamen kannte er immer noch nicht – äußerlich einen normalen Eindruck. Was steckte hinter dieser Aktion, dass die Menschen dem Raja in Scharen folgten? Vielleicht waren es nicht nur Sonderlinge wie Hans-Gundolf und seine »Frau« Reiner-Maria. Kurz entschlossen bog er ab und steuerte die Wiese an, die Jesper Ipsen, der Bestatter, den »Kindern der Erleuchtung« verpachtet hatte. Die Amtsverwaltung hatte routinemäßig auch bei der Polizei angefragt, als es um die Erteilung der Genehmigung ging. Er hatte sich indifferent geäußert, aber sein Veto wäre ohnehin untergegangen gegen die begeisterte Zustimmung all derer, die vom Tourismus lebten, angeführt von Boy Feddersen, dem Hotelier und Bürgermeister.

Auf der Wiese waren Pagodenzelte aufgebaut, Wohnwagen unterschiedlicher Größe boten komfortable Unterkunft für eine Reihe von Bewohnern. Buden und Verkaufsstände bildeten eine kleine Ladenstraße. Das alles gruppierte sich um ein besonders großes Pagodenzelt. Als Thönnissen sein Fahrrad durch die kleine mobile Stadt schob, spürte er, wie er die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zog. Seine Uniform schien nicht jedem zuzusagen. Er steuerte die Budengasse an und überlegte, ob er sich mit einer Bratwurst stärken könne. Seine Suche war vergeblich. Es gab eine Fülle von Angeboten an geraspeltem Gemüse, gerösteten Maiskolben, Kefir, gepressten Säften und Ähnlichem. Einen Imbiss fand er nicht.

»Wo finde ich die Lagerleitung?«, sprach er eine Frau an, die ihre Körperfülle in einem zu engen Kleid zu bändigen suchte.

»Lagerleitung?«, fragte sie erstaunt. »Das gibt es hier nicht. Dies ist kein Lager.«

»Irgendjemand muss doch diesen Zirkus verantworten?«

Sie hielt eine kleine Trommel in der Hand, an deren Rand Federn, Holzperlen und anderer Trivialschmuck als Zierde herumbaumelten.

»Dies ist kein Zirkus. Nicht so«, sagte sie unfreundlich. »Würdigen Sie den Ort. Dies ist ein Ashram.«

»Gut. Und wo ist der Chef?«

Sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle.

»Ignorant. Was laufen Sie hier überhaupt in Uniform herum? Ein Ashram ist ein heiliger Ort, ein Meditationszentrum. Es stammt ab von den vier Lebensstadien, den Ashramas.«

»Aha«, sagte Thönnissen und unterdrückte die Antwort, dass ein Schmetterling auch verschiedene Phasen durchlaufe, darunter auch die der Raupe.

»Und wer ist der Oberste in diesem Ashram?«

»Sehen Sie es als eine klosterähnliche Einrichtung«, empfahl die Frau.

»Gut. Und wo finde ich den Abt?«

Der Blick, den er sich einfing, war böse. »Der spirituelle Leiter und Führer des Ashrams ist der Guru.«

»Wie heißt er? Und wo finde ich ihn?«

»Sie haben wirklich keine Ahnung«, stellte die Frau fest. »Der Raja ist unser Guru.«

Thönnissen hätte es sich denken können.

»Sprechen Sie mit Yogi Prabud’dha.«

Thönnissen bedankte sich und ließ sich den Weg zeigen. »Hoffentlich versteht mich der Yogi-Bär«, murmelte er und war überrascht, als er in einem der Pagodenzelte das Empfangszentrum ansteuerte. Hinter einem Tresen bemühten sich drei adrett aussehende und in Sarongs gekleidete Frauen, die Wünsche der Wartenden zu erfüllen. Hierzu dienten ihnen mehrere Computer, die auf dem Tresen standen. Ein moderner Laserdrucker spuckte unablässig Papier aus. Mit Erstaunen registrierte Thönnissen, wie eine der Hostessen offenbar nur damit beschäftigt war, Gelder zu vereinnahmen oder Kreditkarten in ein Lesegerät einzuführen und Bezahlvorgänge auszulösen. Der Empfang der Heilsbotschaften schien kein billiges Vergnügen zu sein. Nun ja, dachte er. Ein Bentley ließ sich nicht vom Gehalt eines Polizisten finanzieren, schon gar nicht, wenn dieser überlegen musste, wie er die nächste Reise nach Tuvalu zusammensparen könnte. Wenn Feddersen, dem er manches Schwarzgeldgeschäft zutraute, das hier sehen würde, würde der Hotelier vor Neid erblassen.

Thönnissen hob seinen Arm und drängte sich unter dem Protest der Wartenden bis zum Tresen vor.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte die hübsche Schwarzhaarige und lächelte ihn an.

»Ich möchte mit dem Yogi sprechen.«

»Mit welchem?«

»Prabud – Dingsbums«, sagte er. »So ähnlich.«

Die Frau war nicht zu erschüttern. »Yogi Prabud’dha. Möchten Sie einen privaten oder einen Gruppentermin buchen?«

Thönnissen zeigte auf den Schriftzug »Polizei« auf seiner Brusttasche. »Ich bin in offizieller Mission hier. Es geht um die öffentliche Ordnung.«

Die Frau griff zu einem Mobiltelefon, sprach etwas, nickte und lächelte dabei unentwegt. Als sie auflegte, sagte sie: »Der Yogi erwartet Sie.« Dann sah sie Thönnissen über die Schulter und sagte zum Nächsten: »Bitte.«

Wie aus dem Nichts tauchte ein junger Mann mit braunem Teint auf, verbeugte sich vor Thönnissen und bat, ihm zu folgen. Auf dem Gelände hatte ein reges Treiben eingesetzt. Einzeln und in kleinen Gruppen waren die Menschen unterwegs. Manche hatten sich verkleidet wie die kahlköpfigen Bettelmönche, die zu Zeiten der Blumenkinder in Reih und Glied durch deutsche Großstädte zogen und »Hare Krishna« gesungen haben. Andere wirkten wie gutbetuchte Urlauber, von denen sich mancher einheimische Gastronom durchaus ein paar mehr wünschen würde. Viele Ältere fanden sich darunter. Die wohlbeleibten Frauen, die ihren Goldschmuck auf dem einladenden Dekolleté zur Schau stellten, erinnerten ihn an seine Tante Auguste, die mehrfach erfolgreich Witwe geworden war. Ob ihr Leben immer glücklich gewesen war, vermochte niemand in der Familie zu sagen. Aber mit jedem dahingeschiedenen weiteren Ehemann hatte sich ihr Vermögen gemehrt. Tante Auguste war ein Musterbeispiel für wirtschaftliche Diversifikation. Ein Seifenfabrikant, ein Großbäcker und ein Ingenieur, der noch zu Lebzeiten eine lukrative Erfindung zu einem kleinen Vermögen gemacht hatte, kennzeichneten ihre Laufbahn als dreifache Witwe.

Der junge, in ein weißes Kittelhemd gekleidete Mann brachte Thönnissen zu einem Wohnmobil mit den Ausmaßen eines Lkws, faltete noch einmal die Hände, verbeugte sich und war plötzlich verschwunden.

Thönnissen stieg die zwei Stufen empor und klopfte kräftig gegen die Tür.

»Polizei Pellworm«, sagte er laut.

Eine Männerstimme drang durch die verschlossene Tür. Thönnissen verstand etwas Ähnliches wie »Diarrhöe«. Er klopfte noch einmal und sagte mit Nachdruck: »Polizei Pellworm. Öffnen Sie bitte die Tür.«

Ein Mann in einem bunten Seidenumhang erschien in der Öffnung. Er hatte ein rundes Gesicht und lichtes Haupthaar. Thönnissen schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Interessiert sah er auf den Inselpolizisten herab.

»Dhan’ya hö«, wiederholte er. Als er Thönnissens ratloses Gesicht sah, umspielte ein Lächeln seine Mundwinkel. »Sei gesegnet«, übersetzte er.

Thönnissen erklärte, dass er für die öffentliche Ordnung auf der Insel verantwortlich sei und sich erkundigen wolle, ob die gewährleistet sei.

»Die ›Kinder der Erleuchtung‹ stehen für den Frieden«, erklärte der Mann. Er sprach Deutsch, auch wenn ein Dialekt mitschwang.

»Kommen Sie aus Bayern?« riet Thönnissen.

»Mein Name ist Yogi Prabud’dha.«

»Sie sind rechtlich der Veranstalter?«

»Müssen solche Förmlichkeiten sein?«

»Ich möchte wissen, an wen ich mich bei Problemen wenden kann.« Thönnissen zeigte zum Himmel. »Mit der Dimension lässt sich schwer verhandeln.«

Der Yogi seufzte. »Das gibt es nur in Deutschland. Diese Bürokratie. In anderen Ländern schätzt man sich glücklich, wenn sich die Jünger des Rajas friedlich versammeln.«

»Meine Frage ist weltlich. Wer ist als Veranstalter angemeldet?«

»Das ist alles korrekt. Der Ashram ist von der ›Die Kinder der Erleuchtung – Kultur- und Gesundheits GmbH‹ angemeldet.«

Auf dieses Unternehmen war auch der Bentley zugelassen.

»Ich vermute, der äh … Inder ist der Geschäftsführer?«

Der Yogi sah ihn entgeistert an. »Sprechen Sie nicht vom Inder. Das ist der Guru.«

»Und Sie?«

»Ich bin ein Yogi und der Stellvertreter des Meisters. Ein Yogi hat eine herausragende Stellung in der Gemeinschaft, er hält Vorträge, singt Bhajans, rezitiert Mantras und spricht Gebete. Als Yogi sind Sie ein Auserwählter.«

»Ich müsste mich trotzdem davon überzeugen, dass der Guru als Verantwortlicher gemeldet ist.«

»Mit solch irdischem Kleinklein beschäftigt sich der Guru nicht.« Erneut seufzte der Yogi. »Ich bin der Geschäftsführer der GmbH. Rein formell.«

»Und Ihr Name ist?«

»Yogi Prabud’dha.«

»Dann möchte ich gern Ihren Ausweis sehen.«

Der Yogi schüttelte den Kopf und verschwand in seinem Wohnmobil. Thönnissen konnte einen Blick in das komfortable Innere werfen und staunte. So viel Luxus und Pracht hatte er in einem Mobilheim nicht erwartet. Es musste ein einträgliches Geschäft sein, für das Seelenheil der Anhänger zu beten.

Kurz darauf öffnete sich die Tür, und der Yogi reichte Thönnissen einen Personalausweis.

»Karl-Friedrich Hodlbacher aus Miesbach«, las Thönnissen vor.

»Psst, nicht so laut«, mahnte der Yogi.

»Das ist doch ein ehrenwerter Name.«

»Wenn Ihnen die Erleuchtung anheimgefallen ist, verliert das Weltliche an Bedeutung«, sagte Yogi Hodlbacher salbungsvoll.

»Sagen Sie mal. Wie viele Leben hat man denn so? Wenn ich das genauer wüsste, könnte ich mich in den einzelnen besser darauf einstellen. Man muss ja kein Gutmensch sein, wenn man es im nächsten Leben nachholen kann. Andererseits wäre es dumm, in diesem Leben etwas zu versäumen.«

»Mit so etwas spottet man nicht«, sagte Hodlbacher ernst.

»Nun zeigt man sich interessiert und bekommt doch keine Antwort.« Thönnissen räusperte sich. »Ist Ihr Verein eigentlich gemeinnützig?«

»Wir sind kein Verein«, empörte sich Hodlbacher.

»Ich weiß«, entgegnete Thönnissen. »Sie sind eine GmbH. Aber: Kinder der Erleuchtung. Das klingt nach einem neuen Energierezept. Sind Sie deshalb hierhergekommen, weil Pellworm einen besonders gelobten und anerkannten Energiemix hat? Wir sind führend bei der Gewinnung regenerativer Energie. Die Insel ist autark, was die Stromversorgung anbetrifft. Und das, ohne die heilsbringende Botschaft der ›Kinder der Erleuchtung‹. Ich fürchte auch, dass Ihre Energiepreise weit über dem Rahmen dessen liegen, was wir zu zahlen haben. Unser Stromfürst fährt keinen Bentley.« Und mir gesteht man nur ein Dienstfahrrad zu, dachte er im Stillen.

»Sie sollten sich nicht lustig machen über Dinge, von denen Sie nichts verstehen. Früher hat man mit dem beschränkten Horizont auch behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Nur weil Sie es nicht sehen, heißt es nicht, dass es nicht existiert. Ich weiß, dass ich schon mehrfach auf der Welt war. Immer in einer anderen Gestalt.«

»Also ein Wiederholungstäter.«

»Spotten Sie nur, Sie Unwissender. Die Samsara ist das beständige Wandern im immerwährenden Zyklus des Seins, der stetige Kreislauf von Werden und Vergehen. Das ist ein leidvoller Weg. Erst wenn Sie sich von allen Bindungen, Begierden und unheilvollen Wünschen befreit haben, gelangen Sie in den Zustand der Erlöstheit und finden die Glückseligkeit in der Moksha. Die Erleuchteten helfen den Menschen auf diesem Weg.«

»Aha«, sagte Thönnissen. »Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg auf diesem Pfad. Verlassen Sie und Ihre Mitstreiter ihn aber bitte nicht, sonst muss ich einschreiten. Es wäre schade, wenn auch mir die Erleuchtung käme und ich im schlimmsten Fall ein Platzverbot aussprechen müsste.« Er tippte sich zum Abschiedsgruß an die Stirn und sagte »Moin«, bevor er sich umdrehte und ging.

»Polizeistaat«, hörte er Hodlbacher in seinem Rücken schimpfen.

»Nix Polizeistaat. Auf Pellworm bin ich die Ordnungsmacht«, meinte Thönnissen und machte sich auf den Heimweg.

Drei

Thönnissen hatte in Ruhe zu Abend gegessen. Er genoss es, am Tisch hinterm Haus mit Blick auf den Deich die wenigen schönen Stunden, in denen das Wetter es zuließ, im Freien zu verbringen. Oft war es zu windig, es regnete, oder die Mücken fielen über ihn her. Heute traf nichts davon zu. Er hatte Muße, um noch einmal über die merkwürdigen Leute nachzudenken, die nach Pellworm gekommen waren, um dem geheimnisvollen Guru zu begegnen. Was geschah in diesem Ashram? Aus Sicht der Polizei gab es keine Beanstandungen. Noch nicht. Dennoch interessierte ihn diese mit Fragezeichen umrankte Welt. Der Abend war noch lang, und das Fernsehprogramm lieferte nur Wiederholungen. Ob man mit den Gebühren des vergangenen Quartals bezahlen konnte, da das Programm ja auch gebraucht war? Altes Geld für alte Sendungen? Die Fernsehleute wurden immer dreister. Irgendwann, dachte Thönnissen grimmig, gibt es statt der aktuellen Tagesschau auch nur eine Wiederholung.

Er könnte noch seinen Freund Feddersen besuchen und ein gut gezapftes Bier trinken. Thönnissen verwarf diesen Gedanken. Der Hotelier war mit seinem Betrieb ausgelastet und würde keine Zeit für ihn haben. Und nach der heutigen Begegnung bei der Verkehrskontrolle war der Bürgermeister sicher auch nicht gut auf ihn zu sprechen.

Nach zwei weiteren Flaschen Bier brach allmählich die Dämmerung herein. Der Inselpolizist wartete noch eine halbe Stunde und konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal zum Ashram zu radeln. Er stellte sein Fahrrad in einiger Entfernung ab und näherte sich vorsichtig dem Areal.

Die Organisatoren hatten für Komfort gesorgt. Alles war professionell hergerichtet. In den Zelten brannte elektrisches Licht, sogar die Gänge zwischen den Zelten und zahlreichen Wohnmobilen wurden von Lampen erhellt. Es wirkte wie eine kleine Stadt. Hoffentlich setzen sie sich hier nicht fest, überlegte Thönnissen. Spätestens mit dem Einsetzen der Herbststürme würden die Letzten abreisen, tröstete er sich. Das würde auch die Tiere und ihre Besitzer auf der Insel beruhigen, setzte er seinen gedanklichen Ausflug fort und grinste. Die Gefahr, dass die Veganer unter den Fremdlingen das Grünfutter wegkaufen und damit die Preise in die Höhe treiben würden, war damit gebannt.

Über dem ganzen Ashram lag ein gleichmäßiger Geräuschpegel. Die Leute unterhielten sich, aber nirgendwo erklangen Lachen und laute Fröhlichkeit. Es war merkwürdig. Er konzentrierte sich auf ein eigenwilliges Summen, das herausragte, und versuchte, stets im Schatten der Zelte und Mobilheime bleibend, an die Quelle des Summens näher heranzukommen. Er lokalisierte es aus dem großen Pagodenzelt. Als drei Leute über den Platz gingen, tauchte Thönnissen hinter einem Wohnwagen ab und hielt die Luft an. Er blieb unentdeckt. Wie hätte er seine Anwesenheit, insbesondere da er in Zivil unterwegs war, erklären sollen?

Es gelang ihm, sich an die Rückwand des Zeltes zu schleichen. Jetzt war das Summen deutlich zu hören. Eine größere Gruppe schien einstimmig unablässig »Om« zu brummen. Nach einem langgezogenen »Oommm« folgte eine Pause, um dann erneut mit »Oommm« fortzufahren. Thönnissen lachte innerlich. Waren die Leute wirklich nach Pellworm gekommen, um gemeinsam als Rhythmusgruppe aufzutreten? Waren das Bhajans, einfache religiöse Lieder? Yogi Hodlbacher hatte davon gesprochen.

Thönnissen hörte noch zwei Minuten zu, aber es blieb beim eintönigen Singsang. Er beschloss, sich leise zu entfernen, als es in seiner Nähe schepperte. Der Inselpolizist erstarrte und wagte kaum zu atmen. Es blieb ruhig. Ganz vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und näherte sich der Ecke, als ein Schatten im Halbdunkeln auftauchte, mitten in der Bewegung innehielt und zu einer Salzsäule gefror. Der Mann hatte jetzt auch Thönnissen entdeckt.

Der Inselpolizist machte noch zwei Schritte und baute sich vor dem Mann auf.

»Mensch, Pastor, was treibst du dich hier herum?«, wisperte er.

»Hast du mich erschreckt.« Der Pastor fasste sich ans Herz. »Nun erzähle mir nicht, dass du auf einem deiner üblichen Kontrollgänge unterwegs bist.«

»Ich bin von Amts wegen hier«, sagte Thönnissen.

»Ich auch.«

Thönnissen grinste. »Willst du die Schäflein da drinnen bekehren? Glaubst du, der Chor würde in der alten Inselkirche besser klingen als in diesem Zelt?«

»Das sind derbe Sprüche«, sagte Pastor Bertelsen in belehrendem Tonfall.

»Nun komm mir nicht so. Ich verstehe ja, dass es deine Aufgabe ist, die Menschen zum rechten Glauben zu führen. Aber nachts durch den Ashram zu schleichen ist eine ungewöhnliche Art der Missionsarbeit.«

»Ich wollte mir das Ganze einmal aus der Nähe ansehen«, verteidigte sich Bertelsen. »Man begegnet solchem Auflauf nicht alle Tage.«

»Das ist perfekt organisiert«, pflichtete Thönnissen bei.