Informationen zum Buch

Mörderisch und unergründlich

Alice, eigensinnig, widerspenstig und Anhängerin des Philosophen Wittgenstein, hat jede Menge Ärger. Sie muss sich auf einer neuen Schule behaupten, sie muss verhindern, dass man ihren Geburtstag feiert, und dann wird auch noch ihre einzige Freundin verdächtigt, einen Mord begangen zu haben. Für die Polizei gibt es keinen Zweifel, dass Lisa Bork ihren Vater mit einem Messer getötet hat. Zu allem Überfluss wird auch noch ein Toter im Moor gefunden. Alle glauben, dass der Tote schon seit ewigen Zeiten dort lag – nur Alice nicht.

Ein besonderer Schauplatz: das Allgäu – eine Heldin, die keiner gleicht: Alice, die Philosophin, löst ungewöhnliche Kriminalfälle.

Christian Buder

Der Tote im Moor

Thriller

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Für meine Familie

»Wenn die Abgründe des menschlichen Herzens im Bösen sich aufthun, und jene schrecklichen Gedanken hervorkommen, die auf ewig in Nacht und Finsterniß begraben seyn sollten: dann erst wissen wir, was im Menschen der Möglichkeit nach liegt, und wie eigentlich seine Natur für sich und sich selbst überlassen beschaffen ist.«

FRIEDRICH WILHELM JOSEPH SCHELLING, DIE WELTALTER, SW I, 8, S. 268

»Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit.«

WITTGENSTEIN, PHILOSOPHISCHE UNTERSUCHUNGEN, S. 255

»Im menschlichen Wesen, das zum Lasttier geworden ist, folgt das Fehlen der Vernunft der Weisheit und ihrem Befehl: der Wahnsinn ist dann geheilt, weil er in etwas verändert worden ist, das nichts anderes als seine Wahrheit ist.«

MICHEL FOUCAULT, WAHNSINN UND GESELLSCHAFT, FRANKFURT 1993, S. 146

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Teil Eins: Ein Toter kehrt zurück

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Teil Zwei: Dunkles Schweigen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Teil Drei: Tod im Moor

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Epilog

Danksagung

Über Christian Buder

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

TEIL EINS
Ein Toter kehrt zurück

PROLOG

Dreißig Jahre vorher

In den Bergen regnet es nicht, die Wolken drücken sich in die Täler und ersticken alles, was darin lebt. Ulrike Horos fragte sich, wie der Busfahrer durch die Wassermassen noch die Straße erkennen konnte. Die Scheibenwischer hatten den Kampf gegen den Regen längst verloren. Der Busfahrer orientierte sich an den Begrenzungspfosten, die in den Scheinwerfern aufleuchteten.

»Wann sind wir da?«, fragte Toni und drückte seinem Big Jim auf den Rücken. Big Jims Arm zuckte nach unten. Zack und zack. Big Jim blickte durch die Scheibe hinaus, doch er sah nicht mehr als Toni. Wasserschlieren, weiße Begrenzungspfosten und auf der anderen Seite der schwarze Fels. Der Bus schraubte sich endlos über den schmalen Pass des Kaltenlocher Tobels. Big Jim hat alle Kraft der Welt, sagte Toni zu sich selbst, doch gegen die Regen war auch er machtlos.

Ulrike Horos hatte sich schon in die erste Reihe gesetzt, weil ihr im Bus immer schlecht wurde. Sie musste sich auf die Straße vor ihr konzentrieren. Ein Problem des Mittelohrs, eine Störung des Gleichgewichtssinns, meinte ihr Arzt. Draußen gab es nichts außer Regen, kein Orientierungspunkt, keine fixe Linie, kein Halt, nur dieses Gefühl der Rotation, wenn der Bus um die engen Kurven bog.

»Wir sind bald da«, antwortete sie, ohne den Blick von der Windschutzscheibe zu nehmen. Sie hatte das Gefühl zu trudeln. Bäume und Felsen tauchten verschwommen auf, so als steckten sie in schmutzigem Spülwasser. Wenn sie jetzt noch zu Toni schaute, dann war es ganz aus, und sie würde die zwei Eier und den Kaffee vom Frühstück in die Tüte würgen, die sie vor sich hinhielt.

Für einen Moment hatte Ulrike die Augen geschlossen, als der Bus stoppte. Die vorderen Türen gingen auf. Im Regen stand ein Polizist mit Regenmantel und Leuchtweste. Im hinteren Teil des Busses sang eine Gruppe von Jungs einen Song aus dem Radio nach: Hurra, hurra, die Schule brennt  Sie waren lauter als das Radio und kannten den Song auswendig. Der Busfahrer nickte dem Polizisten zu. Herabfallende Felsen, mehr hatte sie nicht gehört. Der Polizist sprang in den Bus und stellte sich neben den Fahrer. Es beruhigte Ulrike, dass ein Polizist im Bus war. Der Regen und die engen Kurven machten ihr Angst. Die Türen schlossen sich wieder. Der Motor übertönte das Geprassel des Regens. Der Polizist hatte seine Kapuze nicht abgenommen. Er redete mit dem Fahrer. Der Bus machte einen Satz nach vorne. Der Motor heulte kurz auf. Nur keine Panne, dachte sie sich. Für diesen Regen hatte sie keine Schuhe, und sie wollte bei Arthur nicht völlig durchnässt ankommen. Wenn der Motor versagte, wenn sie alle aussteigen mussten. Sie würde sitzen bleiben, bis ein anderer Bus kam und sie entweder zurück nach München brachte oder nach Kaltenloch.

Ulrike drehte sich um. Greta, Arthurs Schwester, hatte die Augen geschlossen und schlief, ihr Mann neben ihr blätterte in der aktuellen Ausgabe des Allgäuer-Blattes. Der Motor heulte erneut auf. Ulrike blickte wieder nach vorne. Sie begriff zunächst nicht, was geschehen war. Der Polizist war verschwunden. Der Fahrer saß hinter seinem Lenkrad. Doch etwas stimmte nicht. Toni drückte seinen Big Jim an die Fensterscheibe. Zack …

»Mama, warum ist der Polizist aus dem Bus gesprungen?«

Jetzt wusste Ulrike auch, was sie störte. Die automatische Flügeltüre stand offen. Regen wehte herein. Die Notverriegelung war geöffnet. Der Bus beschleunigte. Ulrike sah die Begrenzungspfosten. Sie wollte dem Fahrer noch etwas zurufen, als ein Ruck durch den Sitz ging. Toni klammerte sich an die Haltestange vor ihm, in der anderen Hand hielt er Big Jim.

»Die Straße … zum Teufel!«, rief Ulrike dem Fahrer zu. Eine andere Stimme hinter ihr schrie, doch da war es zu spät. Der Fahrer kippte zur Seite und fiel über die Absperrung auf den Boden. Metallisches Knirschen. Der Bus schrammte an der Leitplanke entlang. Ulrike schaffte es aufzustehen. Sie fiel nach vorne, als der Bus schlingerte. Der Busfahrer lag reglos auf den Stufen vor der offenen Tür. Jemand rief ihr zu, das Steuer zu greifen. Sie bückte sich, um nach dem Fahrer zu sehen. Sekunden später wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte, den sie nicht mehr korrigieren konnte. Es gab keine zweite Chance. Als sie sich aufrichtete, durchbrach der Bus die Leitplanke. Ein Baum durchschlug die Windschutzscheibe. Zwölf Tonnen bahnten sich eine Schneise durch die Kiefern. Regen peitschte in das Innere. Toni hatte seinen Big Jim losgelassen und klammerte sich an ihren Arm.

»Es ist so kalt …«

Ein zweiter Baum hatte den Bus von der Seite durchschlagen. Auf dem Platz, auf dem Greta gesessen hatte, war nur noch die zerrissene Polsterung. Eine klebrige Masse verteilte sich auf dem gesamten Sitz hinter ihr. Ihr Mann, der neben ihr gesessen hatte, hatte keinen Oberkörper mehr. Es war seine Stimme, die Ulrike gehört hatte, das Lenkrad zu greifen. Die schwarze Felswand stoppte die Vorwärtsbewegung des Busses. Ulrike hielt Toni fest. Sie musste aus dem Bus, bevor … Der Busfahrer war durch den Aufprall herausgeschleudert worden. Ulrike packte Toni, doch ihr Sohn war wie erstarrt und schüttelte den Kopf.

»Wir müssen raus, schnell!«

Toni klammerte sich an die Haltestange. Dann kippte der Bus zur Seite, und Ulrike erkannte durch die Seitenfenster, was Toni schon vorher gesehen hatte. Der Bus machte eine Rolle nach rechts, langsam wie ein verwundetes Tier, das taumelt, bevor es stirbt. Sie fiel auf Toni, der zu weinen begann. Durch das Seitenfenster sah sie den reißenden Fluss in der Tiefe. Sie hingen über dem Abgrund, dreißig oder vierzig Meter über dem Tobel, ein Loch aus scharfkantigen Klippen, schwarzen Felsen und herabstürzenden Wassermassen. Erdklumpen und Steine rutschten über die Kante in die Tiefe. Sie rasten an den kantigen Felsen entlang, bis sie in den Fluten verschwanden. Der Bus kippte nicht weiter. Ulrike verstand nicht, was den Bus festhielt. Es dauerte einen Moment, bis ihr Verstand aus den Bildern einen Gedanken formte. Der Baum hatte den Bus durchbohrt und hielt ihn fest. An der Spitze hingen Teile der Nackenstütze, die Greta benutzt hatte, und draußen am Wipfel des Baumes hing zwischen einer Astgabel der Oberkörper ihres Mannes, in seinen Händen noch die Zeitung.

Ulrike griff nach Toni. Er war starr vor Angst. Sie wusste, wenn sie jetzt nicht sofort handelte, dann war es vorbei. Toni würde ewig ein Kind bleiben, festgemeißelt in einem Grabstein, er würde nie ein Mann werden, sie würde nie Großmutter werden. Sie konnte sich bewegen, das war das Wichtigste, obwohl der Bus auf der Seite lag. Unter ihnen gähnte der Abgrund. Sie spürte die Kälte des reißenden Wassers. Sie musste nach oben klettern, dem Baum folgen und an ihm zurückklettern. Toni schrie nicht, er bewegte sich nicht. Ulrike zerrte ihn an seinen kleinen Händen. Sie fasste nach dem Baum. Die nasse Rinde, blutverschmiert. Greta und ihr Mann hatten nicht einmal gespürt, was mit ihnen geschehen war. Gretas Mann hatte noch Sekunden gelebt, seine Augen bewegten sich noch weiter über die Anzeigen der Kleinanzeigen, als sein Oberkörper in der Astgabel hing.

Verschenke Gartenmöbel  Seine Finger lösten sich nicht von der Zeitung, obwohl er schon tot war.

Ulrike kletterte an dem Baum zum oberen Fenster. Toni wimmerte. »Big Jim …«

Der Schlag war kaum zu spüren. Es war nur ein Ruck, ein störendes Geräusch. Das Fenster neben ihrem Platz zersprang, und Big Jim sank in die Tiefe und hätte Ulrike ihn nicht festgehalten, dann wäre auch Toni durch das Fenster gestürzt. Sie hielt ihn an seinem Handgelenk. Toni war nicht schwer, doch Ulrikes Kraft ließ nach. Dann wurde Toni leichter, immer leichter. Sie konnte ihn an sich heranziehen. Sie drückte Toni fest an ihre Brust. Er zitterte. Alles war plötzlich so leicht, und sie erkannte auch warum. Sie presste Toni an ihre Brust. Schwerelos schwebten sie im Innern des Busses.

»Alles wird gut«, sagte sie zu Toni, der seine Arme um ihren Hals geschlungen hatte. Du drückst mir die Luft ab, nicht so fest … Doch mehr als zwei Atemzüge würden ihr nicht mehr bleiben. Toni konnte so fest zudrücken, wie er wollte. Der Bus hatte sich seitlich gelegt, als der Baum abgebrochen war. Der hintere Teil schlug gegen einen Felsen, was den Bus auseinanderriss. Zwei Mädchen verschwanden mit Schreien zwischen den Felsen. Wieder Schwerelosigkeit. Ulrike atmete ein, aus, ein … Tonis Kinderarme um ihren Hals. Du darfst zudrücken, zack, zack … Alles ist jetzt egal. Sie atmete ruhig ein, wieder ein Schlag, über ihr drehte sich der graue Himmel, der schwarze Felsen, Baumstämme, die neben ihnen mit abstürzten. Ulrike atmete ein … Ein Baum traf sie, sie spürte ihre Schulter nicht mehr. Sie fühlte Tonis Arme nicht mehr, sie sah ihn, wie er in den Wassermassen verschwand, der Bus hing an einem Felsvorsprung und rutschte tiefer. Toni … Ulrike wollte sich abdrücken, um dahin zu springen, wo Toni verschwunden war. Ihre Schulter gehorchte ihr nicht, als sie sah, dass ihr ganzer Arm abgerissen war. Es knirschte, Metall auf Felsen, ihr letzter Blick nach oben, am Felsen überall Körperteile zwischen Schulranzen und zerfledderten Heften, herausgerissene Sitze, Blut, dann ein Ruck, sie spürte das eisige Wasser, und dann war nur noch das Rauschen des Tobels.

Noch Tage später würden die Krähen mit dem Picken von Eingeweiden und Gliedmaßen beschäftigt sein. Ein Feuerwehrmann glaubte eine Krähe zu sehen, die mit einer ganzen Hand über den Wald flog. Den Rest wusch der Regen von den Felsen in den Tobel. Lose Blätter und zerfetzte Hefte hingen wie Girlanden in den krummen Ästen der Latschenkiefern.

Drei Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Tobels fischte das Technische Hilfswerk heraus, was der Tobel übrig gelassen hatte. Schuhe mit Füßen darin, Zähne mit Kieferknochen, abgerissene Ohren, Schulranzen. Ein freiwilliger Helfer griff in sein Netz, als er den zerschundenen Kopf einer Puppe in der Hand hielt. Sie war noch intakt. Sein Sohn hatte ebenfalls einen Big Jim. Er drückte auf den Rücken der Puppe. Zack … Der Arm schnellte nach unten. Er steckte ihn in seine Tasche.

Der Regen hielt noch drei Tage an.

Manche Wrackteile des Busses konnten nie geborgen werden.

1.

Das Moor nimmt, doch es behält nichts für ewig. Die Kaltenlocher kannten das Moor. Sie kannten die Erzählungen von Pferden, die samt der Gespanne in die Tiefe gezogen wurden, von unachtsamen Pilzsammlern, die, ohne eine Spur zu hinterlassen, vom Erdboden verschluckt wurden, und die Geschichte der Hexen, die der Henker kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg mit gefesselten Händen ins Moor werfen ließ.

Josef Bork hatte seinen Dienst in der Klinik beendet. Als Arzt hatte er sein Notfall-Handy in der Hosentasche. Der Wetterbericht hatte Regen angesagt. Er hatte den Hund mitgenommen und parkte auf einem der Plätze, die man für Moorwanderer eingerichtet hatte. Holztafeln erklärten die Entstehungsgeschichte des Moors, und bis man im Wald war, war man an mehr als zehn Warnschildern vorbeigelaufen. Was man im Moor auf keinen Fall tun sollte … Verlassen Sie niemals den Weg.

Josef Bork ließ den Hund von der Leine. Als er nach fünf Minuten nichts von seinem Hund sah oder hörte, rief er ihn. Er pfiff, doch keine Spur von seinem Hund. Bork folgte den Spuren in der aufgeweichten Erde. Das Moos unter seinen Schuhen gab nach. Moore waren eigentlich nur zugewachsene Gewässer. Verlassen Sie niemals den Weg. Es hatte die letzten zwei Tage geregnet. Der Moorboden war noch relativ fest. Er hatte keine Lust, bis zu den Knien im Schlamm zu stecken. Es war ein Fehler, den Hund loszumachen, dachte er sich. Bork war müde und rief lauter. Ajax  Doch der Terrier reagierte nicht. Als er seinen Hund vor dem umgestürzten Baum sah, wie er in das aufgerissene Loch im Torf starrte und dabei mit dem Schwanz wedelte, dachte Bork zuerst an einen Fuchsbau. Kein Fuchs, von weitem hätte man das Ding für einen schwarzen Baumstamm halten können. Bork zog den Hund zurück und beugte sich zu den Überresten, die einmal ein Mensch gewesen waren.

Das Moor behält nichts für ewig.

Die Haut der Leiche war schwarz, das Haar rot, die Lippen zu einem starren Grinsen zurückgezogen.

Einen Tag später, nachdem die Feuerwehr die Moorleiche geborgen hatte, lag sie auf einem der Metalltische in der Pathologie der Klinik. Die Polizei hatten Fotos vom Fundort gemacht, doch das war auch schon alles. Die Spurensicherung steckte den Fundort ab. Ein Polizist wartete gelangweilt unter einem Regenschirm, bis die Spurensicherung fertig war. Keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen, sagte der Polizist, jedenfalls kein Verbrechen, das sie etwas anginge. »Das ist eine Mumie, als hier die Menschen noch in Höhlen wohnten. Bringt sie in die Pathologie. Sollen die Rechtsmediziner ihren Spaß an dem vertrockneten Ding haben.«

So zog die Moorleiche aus ihrem nassen Grab in die Pathologie. Und keiner hätte von ihr erfahren, wenn nicht Christian Moosinger eine Schwäche für Mumien gehabt hätte. Seit zwei Jahren war er beim Radio und moderierte die Morgensendung. Kein anstrengender Job. Er war die Stimme zwischen den Werbeblöcken. Ab und zu gab es Verkehrsmeldungen. Als er die Meldung vom Liveticker der Polizei bekam, sprang er fast von seinem Sitz auf. Die Schlagzeile des Monats. Seine Fahrkarte zu einem größeren Sender. Er würde eine ganze Story daraus machen. Die Chance, von diesem Lokalradio wegzukommen. Er hatte mehr drauf, das wusste er. Mit einer Hand tippte er in den Laptop die Schlagzeile, in der anderen fieselte er sein Hähnderl ab und schleckte jeden einzelnen Finger sauber. Er war der Erste, der auf diese Meldung gestoßen war, sagte er sich und bereitete sich auf seine Sendung vor.

Allgäuer Ötzi entdeckt. Mumie lag über tausend Jahre im Moor. Wie der Journalist des Kemptener Lokalradios auf tausend Jahre kam, wusste wahrscheinlich keiner. Bork hatte den Kurzbericht auf dem Rückweg nach Kaltenloch im Radio gehört. Seit sein Hund gestern auf die verschrumpelte Leiche gestoßen war, beunruhigte ihn etwas. Bork hatte schon viele Leichen gesehen, geköpfte Motorradfahrer, Bergsteiger, bei denen kein Knochen mehr ganz war, und seit einigen Jahren die Gleitschirmflieger, die die Fallwinde unterschätzt hatten, aber noch nie eine Moorleiche. War die Mumie tatsächlich über tausend Jahre alt? Die Mumie lag noch in den Kühlräumen der Klinik. So eine Gelegenheit ergab sich nie wieder. Schließlich hatte sein Hund die Mumie entdeckt. Bork würde sie nur kurz anschauen. Wenn der Ötzi tatsächlich über tausend Jahre im Moor darauf gewartet hatte, dass jemand die Wahrheit über seinen Tod erzählte … Er könnte einen Roman schreiben oder einen Artikel im Geographic veröffentlichen.

Leichter Regen fiel, als Bork in der Klinik ankam. Er zog sich seinen Operationskittel an und stülpte sich lange Gummihandschuhe über. In der Pathologie brannte kein Licht mehr. Der Kühlraum wurde durch eine Metalltür von den anderen Untersuchungsräumen abgetrennt. Bork roch sofort den muffigen Geruch. Die Moorleiche hatte lange Zeit in einem Säurebad gelegen, luftdicht verpackt, in eisigem Schlammwasser. Jetzt ruhten die sterblichen Überreste auf einem Metalltisch wie ein Ausstellungsstück in einem Museum. Bork gab acht, dass er die Leiche nicht beschädigte. Die Staatsanwaltschaft hatte sie noch nicht freigegeben, und bis der Rechtsmediziner sie nicht begutachtet hatte, durfte sie niemand anrühren. Doch wer sollte schon davon erfahren?

Josef Bork wollte die Mumie schon wieder zudecken, als ihm etwas auffiel. Die Leiche war im Gesicht verstümmelt worden, auch die Fingerkuppen waren beschädigt. Der Rest der schwarzen Haut war intakt. Im Gesicht und auf den Fingern schien jemand mit einem Messer Rillen eingeritzt zu haben. Aber da war noch etwas anderes, das da gar nicht sein konnte … Bork leuchtete mit seiner Lampe auf das Fußgelenk. Die Narbe war nicht zu übersehen. Bork wich zurück, griff nach seinem Handy und wählte die Nummer der Klinik. Er musste sichergehen, dass dies hier einfach ein dummer Zufall war. Die Zentrale der Klinik gab ihm die Nummer, die er gesucht hatte. Sollte er die Polizei rufen? Was sollte er erzählen? Es war nur ein Zufall. Niemand ging ran. Bork schrieb eine SMS. Einige Minuten später kam die Antwort:

WAS FÜR EIN ZUFALL. WARTEN SIE AUF MICH.

Bork wartete eine halbe Stunde. Als niemand kam, schrieb er seiner Frau eine SMS. KOMME ZUM ESSEN. Er schickte sie ab, dann streifte er die Handschuhe ab und zog den grünen Kittel aus. Er war schon auf dem halben Weg zum Aufzug, als er Schritte hörte. Es war bereits nach neun Uhr abends. Niemand war um diese Uhrzeit mehr hier unten. Niemand durfte hier sein. Doch er hatte sich nicht verhört. Noch einen Schritt bis zum Aufzug. Die Schritte folgten ihm. Niemand war zu sehen.

»Hallo, ist da jemand?«

Bis auf sein Echo antwortete niemand. Als die Aufzugtür aufglitt, hatte jemand das Licht ausgemacht. Überall in der Pathologie war es jetzt finster. Jemand musste die Hauptsicherung für die gesamte Etage herausgedreht haben. Bork machte einen Schritt in die helle Aufzugkabine. Die Türen schlossen sich, und Bork glaubte etwas zu sehen, das auf ihn aus der Dunkelheit zuschnellte. Zwei Stockwerke höher öffneten sich die Aufzugtüren. Die vertrauten kahlen Wände mit den Bildern von Klimt. Borks Blick fiel auf den Boden des Aufzugs. Sein Fuß hatte einen schimmernden Gegenstand berührt. Bork bückte sich und hob das vordere Stück der abgebrochenen Klinge auf. Etwas war ihm in der Dunkelheit gefolgt und war noch immer da  Es war die Klinge eines Küchenmessers. Entweder hatte sie schon vorher im Aufzug gelegen, oder sie war abgebrochen, als sich die Türen geschlossen hatten. Eine abgebrochene Klinge, die ihn verfehlt hatte? Hätte er sich noch umgedreht, dann läge er vielleicht jetzt tot im Aufzug? Im Auto war er erst einmal sicher. Er verriegelte die Türen und blickte um sich. Der Parkplatz war leer. Die meisten Angestellten nutzten den größeren Parkplatz am Haupteingang. Der Weg zur Klinik war kürzer, obwohl die Plätze nicht für das Personal reserviert waren.

Als er seinen Wagen in seine Hofeinfahrt lenkte, warf er einen Blick in den Rückspiegel. Niemand war ihm gefolgt. Er stellte den Motor ab. Regentropfen fielen gleichmäßig auf das Blechdach. Es beruhigte ihn.

Vor der Hauseingangstür drehte er sich noch einmal um. Sein Blick wanderte durch den schmalen Vorgarten mit den zwei Gartenzwergen, die Maria unbedingt hatte aufstellen wollen. Zwerge bringen Glück, erklärte sie, und sie seien ein Teil ihrer Kindheit. Mit ihren toten Augen starrten die Zwerge auf den weißen Gartenzaun, der wie eine imaginäre Linie zu den Kaltenlochern, den Bergen und der Klinik war. Doch Bork hatte das Gefühl, dass ihm etwas in die heile Welt weißer Gartenzäune gefolgt war. Gegen dieses Etwas stellte man Zäune auf, baute man Sicherheitsschlösser ein, installierte man Alarmanlagen. Nur um das Gefühl zu haben, man könnte es aussperren.

Er fingerte nach seinen Hausschlüsseln in der Jackentasche, als er die Alte sah. Auf der anderen Straßenseite, schwarz gekleidet, mit Kopftuch. Regen und Wind zerrten an ihren Kleidern. Die alte Hofer war verrückt, das wusste in Kaltenloch jeder, doch solange sie keine öffentliche Gefahr darstellte, ließ man sie frei herumlaufen. Auch wenn ihr prophetisches Gerede selbst dem Bürgermeister auf den Geist ging. Schlecht für den Tourismus, so eine schrullige Alte. Seit ihr Mann tot und ihr Sohn bei dem großen Brand in Niederdorf ums Leben gekommen war, verbrachte sie den halben Tag auf dem Friedhof und redete mit den Toten. Den Rest des Tages lief sie durchs Dorf und starrte Leute an oder ihre Häuser. An den Anblick der schwarzen Hofer oder der schwarzen Witwe, wie manche sie nannten, konnte man sich noch gewöhnen, nicht jedoch an ihre Prophezeiungen. Es lagen einige Anzeigen bei der Polizei vor. Es gab einige der Verfolgten, die es nicht komisch fanden, dass Gertrude Hofer sie am Ärmel zupfte, um ihnen den Tag ihres Todes zuzuflüstern. Dummes Geschwätz einer alten Frau, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Das dachte am Anfang jeder, doch als dann Menschen unerwartet starben, deren frühen Tod Gertrude Hofer angekündigt hatte, da ätzte sich der Aberglauben durch die Weltanschauung einiger Kaltenlocher. Es gibt Dinge, die kann man wissenschaftlich nicht erklären. Selbst in Hintereck war Gertrude Hofer bekannt, und man war froh, dass sie sich nur selten außerhalb von Kaltenloch zeigte. Es waren nur Zufälle und das Geschwätz einer alten Frau, dachte sich Josef Bork. Sonst ist da nichts. Doch warum stand sie jetzt auf der anderen Straßenseite und starrte zu ihm herüber? Sie musste dort schon länger stehen. Sie hatte auf ihn gewartet. Warum konnte sie nicht das tun, was alle Leute in ihrem Alter tun: Gemüse zu stinkenden Suppen kochen, Marmelade einmachen, vor dem Fernseher sitzen und warten, bis sie sterben? Setz dich auf deine Holzbank vor dem Haus und glotz dort die Berge an, dachte Bork und ging zurück zu seinem Gartenzaun. Die schwarze Hofer rührte sich nicht vom Fleck. Josef Bork war für Scherze nicht aufgelegt.

»Verschwinde, alte Hexe, sonst rufe ich die Polizei.« Drei Schritte, dann war er auf der anderen Seite der Straße. Das Kopftuch bedeckte fast gänzlich das Gesicht der Gertrude Hofer. Mit einer Sense in der Hand … Josef Bork legte seine Hand auf ihren Arm. Plötzlich hob sie ihren Kopf, und er sah ihre faltigen Lippen, die sich kaum sichtbar bewegten.

»Mach deinen Frieden mit dir. Deine Tage sind gezählt.«

»Verschwinde, und zwar sofort. Hör auf, mich zu belästigen.«

»Ich bin nur der Bote … nur der Bote … mach deinen Frieden mit dir, bevor du von dieser Welt gehst.« Dann senkte Gertrude Hofer ihren Kopf und verschwand im Dunst des einsetzenden Regens.

Josef Bork ging über den schmalen Kiesweg und steckte den Schlüssel in das Sicherheitsschloss. Die Riegel gaben nicht nach. Er drehte in die andere Richtung, bis er begriff. Sie war nicht verschlossen. Türen gehören abgesperrt. Die Alarmanlage war deaktiviert. Maria. Er hatte ihren Namen gerufen. Um diese Zeit saß Lisa normalerweise am Küchentisch und machte ihre Hausaufgaben. Die Terrassentür war geschlossen. Er rief nochmals Lisas Namen. Alles wirkte so vertraut. Nur die Stille war fremd, und plötzlich fühlte er sich in seinem eigenen Haus wie ein Eindringling. An der Tür waren keine Einbruchsspuren. Ruf die Polizei … und mach dich lächerlich, wenn Maria nur vergessen hat, die Tür richtig abzusperren. Er hatte sie abgesperrt. Warum antwortete niemand? Lisa … Maria. Im Wohnzimmer lag Lisas Schulranzen auf dem Boden. Kannst du ihn nicht endlich einmal aufräumen? Im Augenblick wäre er froh gewesen, Lisa säße auf der Couch, im Ohr die Kopfhörer ihres MP3-Players, Robin William in der Endlosschleife. Im ersten Stock des Hauses war ebenso niemand. Das Haus war leer, und die Tür hatte offen gestanden …

Setz dich ins Auto und fahr zur Polizei. Sofort … Mach deinen Frieden … Verrückte Alte.

Er wählte Marias Nummer. Er musste mit ihr sprechen, bevor er zur Polizei ging. Diesmal sprang der Anrufbeantworter nicht sofort an. Geh ran. Dann hörte er Marias Handy. Stabat Mater dolorosa. Lisa hatte die schönste Stimme im Kirchenchor. Er hatte die Aufnahme als Klingelton für Marias Handy eingestellt. Sie hatte ihr Handy vergessen. Es musste irgendwo im Flur auf dem Tischchen liegen.

Stabat mater dolorosa Iuxta crucem lacrimosa 

Er wollte gerade das Gespräch unterbrechen, als jemand an Marias Handy ging. Atem, gleichmäßig, gleichzeitig an seinem Ohr und dann hinter ihm. Das Telefon glitt ihm aus der Hand. Er bückte sich und hielt sich an der Küchenkommode fest, um das Handy aufzuheben, als ihm schwindlig wurde. Atme ruhig. Das ist dein niedriger Blutdruck. Er griff nach dem Handy und wollte es an sein Ohr heben, als der Arm schlaff nach unten sank. Dann fühlte er den Schmerz an seinem Hals. Reflexartig fasste er sich an die schmerzende Stelle. Irgendeines dieser widerlichen Insekten, die zu Millionen im Sommer aus den Biotümpeln der Vorgärten krochen. Doch als er auf seine Hand sah, wurde ihm sofort klar, dass ihn nichts gestochen hatte. Dort, wo sein Finger den Hals berührte, quoll Blut zwischen seinen Fingern, viel Blut, zu viel Blut für einen Insektenstich. Die Wunde war kaum größer als seine Fingerkuppe. Der Blutstrom presste mit aller Gewalt aus der Wunde hervor wie ein artesischer Brunnen. Arteria Carotis. Die rechte Hauptschlagader war verletzt. Als Arzt wusste er, was dies bedeutete. Wenn er die Blutung nicht stoppen konnte, dann war es in ein paar Sekunden vorbei … Press auf die Wunde … Druckverband. Ruhig bleiben. Er griff in die Schublade mit den Müllbeuteln und presste ihn auf die Wunde. Wenn er das Bewusstsein verlor, war er tot. Mit einer Hand presste er gegen die Wunde. Im Krankenhaus konnte man die Arterie nähen.

Dumpfer Schmerz breitete sich um seinen Unterkiefer aus und lief wie eine zähe Flüssigkeit von seinem Hals in sein Rückenmark. Er starrte auf seine Hand. Deine Tage sind gezählt … verrückte Alte.

Von seinen Fingern tropfte hellrotes Blut. Es war überall, und es drang immer mehr aus seinem Hals. Von woher kam der Stich? Jemand hatte ihn angegriffen. Bork zog sich mit seiner freien Hand an der Arbeitsplatte nach oben, um einen zweiten Angriff abwehren zu können. Doch dort, wo seine Beine sein sollten, waren nur zwei leblose Lappen. Sobald die Kraft in seinem Arm nachließ, sackte er wieder auf den Boden. Seine Beine waren gelähmt. Er hatte keinen Schlaganfall erlitten … Woher kam das Blut? … Er griff nach seinem Handy. 112 … Warm drängte das Blut aus der Wunde und lief an seinem Arm herunter? Hatte er die Nummer gewählt? Bitte warten  Verdammt, er konnte nicht warten. Die Kaltenloch-Klinik war fünf Minuten entfernt. Bitte warten  Das Handy lag in seinem Schoß. Die Stimme der Frau auf der anderen Seite … jetzt die Stimme einer Frau … vom Notruf. Nein, er konnte nicht mehr sprechen. Er presste so fest er konnte auf die Wunde. Auf der Türschwelle lag Marias Handy. Kälte stieg in ihm auf. Er kippte zur Seite. Auf dem Rücken liegend fühlte er, wie sein Körper sich um ihn entspannte. Den letzten Augenblick seines Lebens waren seine Augen starr nach oben gerichtet. Und da stand sie plötzlich, Lisa. Ihre dunklen Augen weit offen, in der Hand das lange Filiermesser. Blut tropfte von der Klinge und vom Griff, sein Blut.

Was hast du getan? Dann erloschen alle Bilder. Es war wie Einschlafen. Josef Bork fühlte, wie es ihn in die Tiefe zog. Er dachte an den Moment, als er den Hund von der Leine gelassen hatte, dann blickten ihn die leeren Augenhöhlen der Moorleiche an. Josef Bork lebte nicht mehr.

2.

»… und unsere C-Jugend hat wie jedes Jahr den Aufstieg nicht geschafft. Das waren die Sportereignisse aus dem Allgäu, immer aktuell, hier in Ihrem Radio. Nun zu einer Sondermeldung. Der Fund einer Moorleiche im Kaltenlocher Moor. Ihr Christian Moosinger hat für Sie live recherchiert:

Herr Doktor Launitz, Sie sind Anthropologe und forschen seit Jahren über Moorleichen. Was machen Sie am Fundort der Moorleiche?

Wenn die Polizei eine Leiche im Moor findet, dann klingelt bei mir das Telefon. Meistens handelt es sich nicht um uralte Moorleichen, sondern um abgestürzte Fliegerpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg.

Was können Sie schon über die Leiche sagen?

Wir wissen noch nicht viel über den Toten, außer dass er schon sehr lange im Moor liegt. Sein Körper ist völlig mumifiziert. Das Kaltenlocher Moor ist am Ende der letzten Eiszeit entstanden, vor ungefähr 10000 Jahren. Die Menschen, die schon seit der Steinzeit in diesem Tal gelebt haben, lebten hier am Rande des Moors.

Dann haben wir es mit einem Steinzeitmenschen zu tun?

Zurzeit liegt die Mumie noch in der Pathologie der Kaltenlocher Klinik. Wir müssen warten, bis die Staatsanwaltschaft die Mumie freigibt.

Die Staatsanwaltschaft interessiert sich ja normalerweise nicht für Mumien?

Ich hoffe nur, dass die Mumie durch den Kontakt mit der Luft nicht beschädigt wird. Sie lag Tausende von Jahren luftdicht verpackt in einem Bad aus Moorsäuren. Wenn die Mumie nicht konserviert wird, dann zerfällt das Gewebe, und sie ist für die Wissenschaft verloren.

Kann man schon sagen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Toten handelt?

Der Körperbau spricht für einen männlichen Toten.

Wie alt war er?

Ein Polizist, der den Fundort gesichert hatte, hat mir verraten, dass die Spurensicherung von einem dreißig- bis vierzigjährigen Mann ausgeht. Das sei aber nur eine vorläufige Schätzung anhand der Zähne.

Wenn es sich um einen Toten aus der Steinzeit handelt, dann wäre das eine Sensation.

Es wäre der älteste Fund in dieser Gegend. Grob geschätzt hat dieser Mensch am Ende der Weichsel-Kaltzeit, also vor ungefähr 11700 Jahren, gelebt. Der Bürgermeister denkt sogar an ein eigenes Steinzeitmuseum.

Gibt es eigentlich eine Erklärung dafür, dass unser Eiszeit-Mann völlig nackt im Moor lag?

Die Kleidung war früher aus pflanzlichen Fasern, die sich über die Jahre im sauren Milieu des Moores aufgelöst haben.

Der Körper ist doch auch organisch?

Wenn ein Lebewesen im Moor umkommt oder dort hineingeworfen wird, dann beginnt eine Art natürliche Mumifizierung. Unter der Wasseroberfläche herrscht eine nahezu sauerstofffreie Atmosphäre. Zudem sorgen die Humin- und Gerbsäuren im Moor dafür, dass Gewebeteile, Organe sowie Haut, Haare, Knorpel, Finger- und Fußnägel einen Gerbprozess durchlaufen.

Verfärbt sich deshalb auch die Haut?

Sie wird schwarz. Schon nach wenigen Jahren setzt die Verfärbung ein. Die Haut wird schwarz, und die Haare werden rot. Das ist typisch bei Moorleichen.

Werden wir je erfahren, auf welch tragische Weise dieser Mann im Moor starb?

Es war kein Unfall und auch kein natürlicher Tod.

Wie können Sie da so sicher sein?

Weil die Mumie noch einen Strick um den Hals trug.

Und wenn sich herausstellen sollte, dass der Mann nicht vor 10000 Jahren starb? Wenn jemand in unserer Zeit eine Leiche für immer verschwinden lassen wollte?

Dann haben wir es mit einem Mordopfer zu tun.

… der Allgäuer Ötzi, von Eurem Christian Moosinger. Und jetzt geht’s weiter mit den Wildecker Herzbuben.«

3.

Auf der einzigen Straße nach Kaltenloch gibt es vierzehn Kurven und vierzehn Kreuze. Auf jedem Kreuz steht ein Name. Davor meist Blumen oder rote Grablichter. Wer nach Kaltenloch will, muss die engkurvige Talstraße nehmen. Belauert von den grauen Felskanten und den steilen Böschungen sind die Straßenkreuze das Erste, was der Besucher zu sehen bekommt, bevor ein hölzernes Holzschild ihm entgegenschlägt: Willkommen im Kurort Kaltenloch.

Als Alice das erste Mal mit ihrem Vater nach Kaltenloch gefahren war und in jeder Kurve ein Holzkreuz hervorschnellte, dachte sie an Wittgenstein und an all die toten Philosophen. Doch auch Wittgenstein hatte keine Antwort darauf, was mit all den Toten der ganzen Jahrtausende geschehen war. Er hatte keine Erklärung dafür, warum er dazu verurteilt war, weiter zu existieren. Wo waren die vierzehn Toten, an die nur noch Holzkreuze erinnerten? Wenn für jeden Toten, der jemals auf der Welt gestorben war, ein Holzkreuz aufgestellt würde, gäbe es vor lauter Holzkreuzen keinen Platz mehr. Wahrscheinlich gab es, wenn man alle Zeitalter zusammenrechnete, gar keinen Ort, an dem kein Mensch gestorben war. An allen Orten wurden Lebewesen geboren und starben, in der Tiefsee, unter der Erde, in Höhlen, in der Wüste. Die Mehrheit aller Menschen ist tot, sagte Wittgenstein, die Lebenden sind eine Minderheit. Was nützten schon die paar Holzkreuze? Manche Holzkreuze auf der Welt erinnerten an einen Namen, andere an eine Familie, ein Dorf oder eine ganze Stadt. An der Stelle am Schattensteig stand nur ein Holzkreuz ohne Namen. Nichts erinnerte an das Busunglück vor dreißig Jahren. Alice kannte es nur aus den Erzählungen ihres Großvaters. Der schlimmste Unfall zwischen Kaltenloch und Hintereck. Selbst die Lawinen in den letzten zehn Jahren hatten weniger Menschenleben gefordert. Es war ein schwarzes Jahr, hatte ihr Großvater gesagt. Erst der Brand in der Niederdorfer Nervenklinik, bei dem Patienten in ihren vergitterten Zimmern oder festgeschnallt auf ihren Liegen mitsamt der ganzen Belegschaft verbrannten, dann das Busunglück.

Großvater erzählte ihr von der Kolonne schwarzer Leichenwagen, die die Talstraße heraufkamen, um dann nach Kaltenloch abzubiegen. Die Beerdigungen wurden über eine ganze Woche verteilt, weil es nur einen Priester in Kaltenloch und in der Aussegnungshalle nur Platz für sechs Särge gab. Es regnete, und die Gräber füllten sich mit Wasser, so dass die Särge wie Boote schwammen, als man sie hinunterließ. Niemand hatte auf dieser Beerdigung gesprochen, sagte ihr Großvater, nur der Priester, und den hatte man im Geprassel des Regens kaum gehört.

Es war nur ein Holzkreuz. Ein Bus voll mit Kindern und ein paar Erwachsenen, die aus München kamen. Sie wollten den Nachmittag in Kaltenloch verbringen. Die Polizei sprach von einem tragischen Unglück. Der Bus schlug eine Schneise durch den Wald, rutschte über die Klippe und zerschellte in der dreißig Meter tiefen Kaltenloch-Klamm. Keiner überlebte. Bis auf den Fahrer. Niemand wusste bis heute, warum der Bus in die Schlucht gestürzt war und wie der Fahrer überlebt hatte. Die Polizei hatte nach Zeugen gesucht, doch es hatte niemanden gegeben, bis auf den Fahrer. Als er das Krankenhaus zwei Wochen nach dem Unfall verlassen konnte und die Polizei ihn befragen wollte, hatte er versucht, sich in der Toilette der Dienststelle zu erhängen. Doch der Tod wollte ihn wieder nicht. Nur sein Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff gewesen. Für die Ärzte grenzte es an ein Wunder, dass der Mann noch lebte. Seit dem Unfall lebte er bei seiner inzwischen über neunzigjährigen Mutter in seinem früheren Kinderzimmer und ließ niemanden zu sich und versteckte sich, sobald sich jemand dem Haus näherte. Seine Mutter sagte einmal, dass ihm etwas da draußen schrecklich Angst mache. Er habe vor jemandem Angst, doch niemand wusste vor wem. Vielleicht vor den Seelen, die der Tobel geschluckt hatte. Er sei der Einzige, der wohl wisse, was damals an jenem Morgen geschehen war, meinte ihr Großvater. Nur konnte sich der Fahrer an nichts erinnern. Als seine Mutter starb, zog er in die Psychiatrie der Kaltenlocher Klinik. Der einzige sichere Ort für ihn.

Alice wäre nie freiwillig nach Kaltenloch zur Schule gegangen. Sie fragte sich, wie es sein musste, wenn man ohne diese Berge lebte, ohne die eisigen Winter und die verregneten Sommer, ohne die breiigen Nebel. Wie lebte man, wenn man einfach bis zum Horizont blicken konnte? Sie schloss ihre Augen und hörte auf den Regen draußen. Ja, im Leben war das meiste schon entschieden, sonst wäre sie nicht mehr in Hintereck, sonst ginge sie nicht in das finsterste Tal der Allgäuer Alpen zur Schule, sonst wäre sie längst in Berlin oder Paris. Die Vögel hatten es gut. Sie waren nicht an die Erde gebunden und nicht an eine Karriere als Dorfpolizist. Was Alice sich auch wünschte, es würde Jahre dauern, bis sie selbst entscheiden könnte, wo sie leben wollte. Doch wenn es dann so weit sein würde, was würde dann geschehen? Warum war ihr Großvater nie aus Hintereck weggegangen? Wie hatte er es nur ein Leben lang dort ausgehalten? Es musste einen Grund geben, hier zu verharren. Noch schrecklicher war die Vorstellung, dass es gar keinen Grund gab.

Warum arbeitete ihr Vater ausgerechnet in Hindelang? Und warum musste sie ausgerechnet nach Bad Kaltenloch aufs Gymnasium? Es war schon eine Strafe, in Hintereck geboren und aufgewachsen zu sein, aber es war psychische Folter, in Kaltenloch zur Schule gehen zu müssen. Ihr Vater hätte sich nach seiner Beförderung auch versetzen lassen können. Aber er war in Hindelang geblieben. Wegen des Schützenvereins und wegen Großvater. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr. Und irgendwie konnte sich Alice auch nicht vorstellen, ohne ihren Großvater zu leben oder dass ihr Großvater nach Island zog. Die Beförderung zum Dienststellenleiter war in Alices Augen keine Beförderung, sondern eine Strafe mit höheren Pensionsansprüchen. Genau 17,89 Euro mehr. Ihr Vater würde die nächsten Jahre in Hindelang bleiben und Alice in Bad Kaltenloch. Ohne die Kaltenloch-Klinik wäre Kaltenloch nur ein Dorf in den Bergen wie Hintereck. Eine Kirche, eine Straße, ein paar Häuser um diese Straße und grauschwarze Felswände, die jeden Weg einfach abschnitten. Kaltenloch lag geografisch tiefer, was auch das große Moor erklärte, das sich nach Abschmelzen der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit im Tal gebildet hatte.

»Du gehst auf ein sehr gutes Gymnasium«, hatte ihr Vater gesagt. »Du kannst froh sein, dass sie dich genommen haben.«

Wozu das kommentieren? Ihr Vater dachte: Bloß weil drei Viertel der Schüler des Melanie-Klein-Gymnasiums Kinder des Klinikpersonals waren, bloß weil es in Kaltenloch nur so von Ärzten wimmelte, musste das Gymnasium eine Eliteschmiede sein. Darin sollte sich ihr Vater täuschen. Aber Alice wusste, dass die Entscheidung gefallen war. Sie musste die nächsten vier oder fünf Jahre aufs Melanie-Klein-Gymnasium. Es gab kein Zurück mehr. Und das Erste, was sie ihrem Freund Tom in einer E-Mail geschrieben hatte, lautete: »Auf dem Gymnasium gibt es nur vier Klassen. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe den Eindruck, dass mich jemand in ein altes Sepia-Bild gezaubert hat. Selbst die Klinik in den Bergen ist aus dem vorigen Jahrhundert. Rote Backsteinbauten mit Türmen. Das Durchschnittsalter liegt hier bei neunzig, der Rest liegt auf dem Friedhof.«

Alice lag mit ihrer Schätzung zwar nicht richtig, weil das Klinikpersonal jünger war. Hätte man aber das Alter der Patienten genommen, dann wäre die Einschätzung gar nicht so falsch gewesen. Und statistisch gab es in Kaltenloch die ältesten Menschen in Deutschland, ja vielleicht sogar in ganz Europa. Der Methusalem-Mythos zog Millionäre aus allen Ländern an. Ihr Vater meinte, dass dies am eisigen Klima Kaltenlochs läge, andere glaubten, dass das Moor eine lebensverlängernde Atmosphäre hätte.

Kaltenloch war für Alice eher eine Verlegung in eine andere Zelle statt einer Haftentlassung.

»Hast du gewusst, dass man in Kaltenloch die kältesten Temperaturen im Allgäu gemessen hat?«

Ihr Vater sah wie immer kaum von seiner Zeitung auf.

»Im Winter wird es nun einmal kalt.«

»Ja, aber ich gehe in einem Ort zur Schule, an dem man letztes Jahr minus 39,9 Grad gemessen hat? Nur am Funtensee war es noch kälter.«

»Der FC Kaltenloch ist aufgestiegen. Die haben wohl einen Brasilianer eingekauft.«

»Der erfriert hier.«

»Du musst das alles positiv sehen.«

»Ich werde morgen ja erst zwölf und habe nichts zu melden.«

»Wir haben das doch ganz demokratisch beschlossen.«

Alice rümpfte die Nase. Ihr Vater wurde gerne politisch, wenn es darum ging, etwas durchzusetzen, was nur er wollte.

»Zwei sprechen sich ab, damit bei der Abstimmung nichts schiefgeht, und der Dritte hat sich zu fügen. Das nennst du demokratisch.«

»So ist das nun mal. Finde dich damit ab«, erklärte ihr Vater.

»Und was ist mit dem Interessenkonflikt? Du hast schließlich die Beförderung und deine 17,89 Euro Pensionszuschlag, und Amalia hat eine Lehrstelle in einem Friseurladen gefunden. Ganz zufällig ist in Kaltenloch eine Lehrstelle bei dem einzigen Friseur freigeworden.«

»Natürlich hat jeder Interessen.«

»Ja, aber eure Interessen ergänzen sich, so dass wir gar nicht hätten abzustimmen brauchen.«

»So läuft das aber in einer Demokratie.«

»Dann sollten wir nicht demokratisch abstimmen.«

Ihr Vater versenkte seinen Kopf wieder hinter seiner Zeitung.

»Sie haben einen Kenianer verpflichtet. Ich wusste es«, sagte ihr Vater, »sonst wären sie nie aufgestiegen.«

»Panem et circenses.«

Ihr Vater blickte hinter seiner Zeitung auf.

»Was?«

»Ist Lateinisch.«

»Und was heißt das?«

»Wörtlich: Brot und Spiele.«

»Und was willst du damit sagen?«

»Was die alten Römer schon damit sagen wollten. Dass das Volk sich einfach zufriedenstellen lässt.«

»Bist du gerade dabei, deinen Vater als Deppen zu bezeichnen.«

»Würde ich nie wagen.«

Alice setzte dennoch ein breites Grinsen auf. Das ist die Rache der ungehörten Minderheiten.

»Wie wäre es, wenn du dein Brot jetzt aufessen könntest, weil Madame sonst zu spät in die Schule kommt.«

Alice rührte in ihrem lauwarmen Kakao herum. Das Allgäu-Radio brachte einen Bericht über die Kemptener Festwoche. Danach Kurznachrichten. Alice verfolgte, wie die Haut der Milch sich um ihren Löffel wickelte. Ungenießbar dieses schlabbrige Zeugs. Sie fragte sich, wie sie nur bis heute Milch trinken konnte. Sie verzichtete bereits darauf, Tiere zu essen. Von heute an würde sie auch Milch von ihrer Liste der genießbaren Lebensmittel streichen.

Archäologische Sensation in Kaltenloch. Eiszeit-Mumie im Kaltenlocher Moor gefunden 

Alice hörte noch einmal hin, doch ihr Vater las nur die Überschrift und legte einen Teil der Zeitung auf den Tisch. Er faltete genüsslich den Sportteil auf. Alice griff nach dem Regionalteil.

»Typisch, die Fußballergebnisse der unbedeutendsten Dorfligisten bringen sie in voller Länge, obwohl jeder sie nachlesen kann. Der Fund einer Eiszeitmumie ist gerade mal einen Satz wert.«

»Da siehst du, was im wirklichen Leben wichtig ist.«

»Da sehe ich, dass im Allgäu die Zivilisation rückwärts geht.«

Ihr Vater schob einen Teil der Zeitung über den Tisch. Erst dachte Alice, dass er sie nur wieder provozieren wollte. Er wusste genau, dass sie Zeitunglesen als reine Zeitverschwendung betrachtete. Die wichtigen Informationen erhielt man nicht in den normalen Medien. Tom meinte: Wichtige Informationen sind nicht öffentlich. Was öffentlich ist, das ist auch nicht wichtig. Alice konnte nicht glauben, dass ihr Vater zu den Leuten gehörte, die daran glauben, dass das, was in der Zeitung stand, auch die Wahrheit war. Die Sätze und Bilder in der Zeitung, würde Wittgenstein sagen, stehen nicht in der abbildenden Beziehung zueinander, die Sprache und Welt miteinander verbindet.

Alice blickte auf die aufgeschlagene Seite des Zeitungsteils.

SCHRECKLICHER FUND IN KALTENLOCH. Alice überflog den Artikel: Mumifizierte Leiche im Kaltenlocher Moor gefunden. Die Polizei geht nicht von einem Verbrechen aus.

»Wie was …«, murmelte Alice vor sich hin, »… wie können die das so schnell wissen?«

Nach den ersten Erkenntnissen handelt es sich bei dem Toten um einen Mann, der schon Jahrtausende im Moor begraben liegt.

»Man hat einen Toten im Moor gefunden«, sagte Alice und sah dabei ihren Vater an, der hinter seiner Zeitung Kaffee schlürfte.

»Ich weiß.«

»Du hast davon gewusst und hast mir nichts davon erzählt?«

Ihr Vater legte genervt die Zeitung vor sich hin.

»Es reicht schon, wenn ich wegen diesem Mist einen Bericht schreiben muss.«

»Aber es ist ein Toter im Moor. Es gibt eine Ermittlung, ein Mordfall …«

»Nein, gibt es nicht. Kein Mordfall, sondern nur eine Mumie«, antwortete ihr Vater und schmierte sich noch eine Schicht Butter aufs Brot.

»Wo ist die Leiche jetzt?«

»Wahrscheinlich schon im Museum oder wo immer man sie auch zur Konservierung hingebracht hat.«

»Und wenn es sich um ein Verbrechen handelt?«

»Bei so alten Verbrechen ermittelt die Archäologie, und ich hoffe, dass es bei der einen Mumie bleibt. Ich habe keine Lust, noch einen Bericht zu schreiben.«

»Aber es kann …«

»Nein, kann es nicht«, fiel er ihr ins Wort. »Es ist kein Verbrechen passiert. Jedenfalls keines, das uns heute noch interessiert.«

Kein Holzkreuz für Mumien, dachte Alice. Sie musste die Moorleiche unbedingt sehen. Wie lange hatte sie wohl schon im Moor gelegen? Und woran war sie gestorben? Alice hatte überhaupt keine Lust, an diesem Montagmorgen zur Schule zu gehen.

Sie nahm den Zeitungsteil mit dem Artikel über die Mumie und räumte ihre Bücher in den Schulranzen. Vier Bücher für die Schule und ein Buch, mit dem sie die sinnlosen Stunden in der Schule überstehen konnte: Philosophische Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein.

»Und deinen Kakao?«

»Trinke ich nicht mehr.«

»Dann räume wenigstens deine Tasse …«

Ihr Vater wollte noch etwas hinzufügen, als Polizei- und Feuerwehrsirenen ihm das Wort abschnitten. Das Geheul entfernte sich genauso schnell, wie es gekommen war. Wegen der Mumie waren sie nicht gekommen, so viel stand fest. Doch dann läutete das Diensthandy ihres Vaters, und sein Gesichtsausdruck erstarrte.

4.

Alices Vater fluchte, als der Wind ihm den Regenschirm aus der Hand riss.

»Du musst heute den Schulbus nehmen«, rief er durch den wehenden Nieselregen, der wie kalter Dampf von den Felshängen auf die geduckten Dächer Kaltenlochs fiel. Ein Streifenwagen hielt auf der anderen Seite der Straße. Ihr Vater drehte sich nicht einmal um. Er stieg ein. Der Wagen fuhr mit Blaulicht davon.

Mit dem Schulbus, das hieß, fast eine Stunde länger, um zur Schule zu kommen. Eine Stunde in einem überhitzten Bus über die enge Landstraße, die von Hintereck nach Kaltenloch führte. Wer in Hintereck aufgewachsen ist, der weiß, dass es immer nur eine Straße gibt, um alle anderen Orte dieser Welt zu erreichen, es sei denn, man wählt den Weg über die Berge.

Zehn Minuten, um ihren Regenmantel überzuziehen, ihre Bücher einzupacken und durch die Schlammpfützen zur Bushaltestelle zu