Informationen zum Buch

Mörderische Pfalz

Sommer in Deidesheim: Die Geißbockversteigerung vor dem Rathaus, ein mittelalterlicher Brauch, zieht Schaulustige in Scharen an. Der Industrielle Arthur Otterbach nutzt das ausgelassene Volksfest für die PR seiner neuen Kosmetikserie Celtic Dreams, die am Abend präsentiert werden soll. Deren Gesicht ist Peggy Schwedt, seine hübsche Geliebte und neue Referentin. Am Abend soll auch Otterbachs Verlobung mit Peggy bekannt gegeben werden. Doch der Abend endet dramatisch: Peggy wird ermordet im Stall neben Benno, dem Geißbock, aufgefunden.

Stephan Bick, passionierter Hobbykoch und Kriminalkommissar in Ludwigshafen, übernimmt den Fall.

Benno Liebheit

Letzter Tanz mit einem Geißbock

Ein Krimi aus der Pfalz

Aufbau

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Schlussbemerkung

Über Benno Liebheit

Impressum

Leseprobe aus: Benno Liebheit – Requiem für einen Saumagen

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Schlägt sechs Uhr dann die Glock’

So ist getan das letzt’ Gebot.

Aus einem Volkslied zur Deidesheimer Geißbockversteigerung

Prolog

Die junge Malerin stand am Geländer der Speyrer Rheinbrücke und blinzelte verträumt in die untergehende Sonne. Von Zeit zu Zeit winkten ihr junge Leute von der Promenade oder von Motorbooten aus zu, aber sie winkte nicht zurück. Sie schien weder die Menschen um sich herum noch den Verkehr oben auf der Brücke wahrzunehmen, denn schließlich war sie gekommen, um zu zeichnen.

Unten im Biergarten suchte eine Reisegruppe nach freien Tischen, ebenso Fahrradfahrer und Mütter mit Kleinkindern, die auf eine Apfelschorle einkehren wollten. Schwitzend eilten die Bedienungen umher, um panierte Schnitzel, Leberknödel mit Sauerkraut und Bratwürste zu servieren. Vom Domgarten trieb der milde Abendwind die Melodie eines Straßenmusikers herüber, der auf dem Xylophon spielte.

Die meisten Gäste sahen nur kurz zu der jungen Frau auf der Brücke, bevor sie sich ihrem Essen zuwandten. Doch ein junger Mann in Radlermontur beobachtete sie aufmerksamer. Irgendetwas an dem Mädchen faszinierte ihn. Obwohl es zart und zerbrechlich wirkte, schien es ihr gar nichts auszumachen, dort oben in der Sonne zu stehen. Als sie in seine Richtung blickte, hob er schnell sein Glas und prostete ihr lächelnd zu.

Sie lächelte vorsichtig zurück. Er freute sich und überlegte gleichzeitig, was sie wohl zeichnen mochte. Den Dom? Die Schiffe und Boote, die hier vor Anker lagen? Die Promenade mit all den Spaziergängern? Der Rhein glitt an dieser Stelle sanft und gemächlich an ihnen vorbei, verträumt wie die Künstlerin selbst, aber kein Einheimischer vergaß, wie trügerisch die Idylle war. Immer wieder kam es während der Sommermonate zu Unfällen, weil Menschen beim Baden die Unterströmungen des Flusses falsch einschätzten und ertranken.

Der junge Radfahrer beobachtete, wie die Malerin den Kopf bewegte. Obwohl er nichts von Kunst verstand, hatte er Lust, einen Blick auf ihre Skizzen zu werfen. Wie lange mochte er mit dem Rad wohl brauchen, bis er bei ihr oben auf der Brücke war?

»Sie wollten zahlen?«

Die rundliche Bedienung, die ihn aus seinen Gedanken riss, hatte müde Augen und trat von einem Fuß auf den anderen. Vermutlich wollte sie Feierabend machen. Trotzdem klang ihre Stimme geschäftsmäßig höflich, als sie ihm sein Wechselgeld herausgab und ihm einen schönen Abend wünschte. Ja, den würde er bestimmt haben. Wenn er es geschickt anstellte, ließ sich die kleine Malerin bestimmt überreden, noch etwas mit ihm trinken zu gehen.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er sein Rad aufgeschlossen und seine Sachen verstaut hatte, doch als er wieder zur Brücke sah, stellte er erleichtert fest, dass sie noch da war. Der Abendwind griff nach ihrem Haar, zerrte es ungestüm unter dem Hut hervor und zerraufte es, bis es ihr in die Augen und über beide Schultern fiel. Auch ihr dünnes Kleid flatterte. Ein wenig eigenartig kam ihm das rote Muster auf dem hellen Blümchenstoff vor, das war ihm zuvor nicht aufgefallen. Als ob sie sich mit Ketchup bekleckert hatte. Ihm fiel nun auch auf, dass ihr Lächeln aufgesetzt und ihre Bewegungen gehetzt wirkten, gerade so, als liefe ihr die Zeit davon. Gewiss, bald war es dunkel, dann konnte sie nicht mehr malen. Aber das allein war doch kein Grund, immer wieder über die Schulter zu schauen, als fürchtete sie sich vor jemandem.

Vor jemandem, der sie zwang, um ihr Leben zu malen.

Nein, das war absurd. Sie stand doch ganz allein dort oben. Der abendliche Berufsverkehr schlängelte sich monoton wie ein Wurm über die Brücke, einige Male musste die Künstlerin Radfahrern ausweichen. Sie tat es, ohne mit der Wimper zu zucken oder den Blick von ihrem Bild zu nehmen. Es schien, als habe sie die Welt um sich herum völlig ausgeblendet und lebte nur noch dafür, ihr Kunstwerk zu vollenden.

Der junge Mann wollte sein Rad wenden, um die Straße hinauf zur Brücke zu suchen, als die Malerin plötzlich einen Satz zurück machte. Mit einer blitzschnellen Bewegung warf sie ihre Zeichenstifte hinunter in den Rhein, dann fuhr sie mit der flachen Hand über ihr Bild, als versuchte sie, etwas darauf auszulöschen oder zu reinigen, was natürlich nicht gelang.

»Was soll das? Die ist wohl verrückt geworden?«, hörte der junge Mann die tiefe Stimme einer Ballonverkäuferin. Sie war mit einem Kind an der Hand bei ihm stehen geblieben und starrte nun ebenfalls zur Brücke hinauf. »Jemand sollte die Polizei rufen!«

Der junge Mann mit dem Rad antwortete ihr nicht, aber plötzlich schnürte ihm Angst die Kehle zu. Kalte Angst, um ein Mädchen, das er nicht einmal kannte. Er spürte, dass dort oben auf der Brücke jeden Moment etwas geschehen würde, das er nicht verhindern konnte. Als die Malerin ihren Skizzenblock über das Brückengeländer warf, blieben weitere Spaziergänger stehen. Handys wurden gezückt; sie hielten das Fallen schneeweißer Blätter fest, die wie Schwalben durch die Luft segelten. Ein paar Jugendliche lachten, weil sie an einen Scherz glaubten.

»Mama, warum macht die Frau das?«, piepste aufgeregt eine Kinderstimme. »Ist ihr Bild nicht schön geworden?«

Die Blätter aus dem Block landeten mitten im Rhein, einige wurden vom Wind aber auch bis ans Ufer getragen. Sie waren leer. Es gab keine Bilder, keine Zeichnungen. Das Mädchen hatte nur so getan, als würde es malen.

»Wir sollten wirklich die Polizei rufen«, jammerte die Frau mit den Luftballons.

Unfähig, ihr zu antworten, hob der junge Mann den Blick; sein Magen verkrampfte sich, als er auf der Brücke etwas aufblitzen sah. Ein Messer? Nein, es waren Handschellen. Die Frau war dabei, sich Handschellen anzulegen. Großer Gott, war sie wahnsinnig geworden?

Neben ihm stöhnte jemand auf, als die Malerin ihr Bein über das Geländer schwang. Was sie vorhatte, wurde nun auch dem letzten Zuschauer klar. Von fern war eine Polizeisirene zu hören.

»Nein, tun Sie es nicht!«

Der Radfahrer erinnerte sich später nicht mehr, ob er oder ein anderer geschrien hatte. Die Malerin war es nicht gewesen.

Sie hatte sich stumm in die Tiefe gestürzt.

1. Kapitel

Deidesheim, Dienstag nach Pfingsten

Die Versteigerung begann wie in jedem Jahr mit dem ersten Glockenschlag der Pfarrkirche St. Ulrich.

Aus allen Gassen und Straßen strömten die Schaulustigen auf den reich geschmückten Platz vor dem Rathaus, darunter viele Ausflügler und Touristen, um einen günstigen Stehplatz zu ergattern. Der Duft von Bratwurst und anderen Köstlichkeiten zog durch die Stadt.

Die Geißbockversteigerung wurde traditionell am Dienstag nach Pfingsten abgehalten, und aus gegebenem Anlass war auch in diesem Jahr die ganze Stadt auf den Beinen, um einem alten Brauch beizuwohnen, der längst den Charakter eines Volksfests gewonnen hatte. Vor dem Museum für Weinkultur unterhielt eine Kapelle die Wartenden mit zünftiger Blasmusik, und begeistert spendete die Menge Beifall, als schließlich die amtierende Weinprinzessin, ein blondes Mädchen in buntem Trachtenkleid, mit einem strahlenden Lächeln aus der Tür trat. Zufrieden blinzelte sie in das Sonnenlicht. Das Wetter war herrlich, nicht ein Wölkchen zeigte sich am blauen Himmel. Nicht nur das Rathaus, auch die stattlichen Fachwerkhäuser, die den Platz umgaben, waren mit Fahnen und bunten Wimpeln geschmückt, die im warmen Sommerwind flatterten. An den geöffneten Fenstern drängten sich die Köpfe der Zuschauer, unten auf dem Platz wurden Kinder auf die Schultern ihrer Väter gesetzt.

Arthur Otterbach wischte sich mit seinem Taschentuch über das schweißnasse Gesicht, während er sich einen Weg durch das dichteste Gedränge bahnte. Ein flüchtiger Blick streifte seine Familie, die er vor dem ›Gasthaus zur Kanne‹, einem traditionsreichen Deidesheimer Restaurant, zurückgelassen hatte.

Wie Wachspuppen, die gleich in der Sonne schmelzen, fand Otterbach und konnte sich ein boshaftes Lächeln nicht verkneifen. Dass sie, allen voran seine Exfrau, in der Sommerhitze auf den Beginn der Versteigerung warten mussten, geschah ihnen recht. Es würde sie vielleicht lehren, ihn nicht noch einmal zu überreden, an diesem Spektakel teilzunehmen. Es hätte ihnen doch klar sein müssen, dass er kein Freund großer Menschenansammlungen war. Die Party, die er später noch geben musste, genügte ihm völlig. Brauchtumspflege hin oder her: Die Musik, die Stimmen der Leute und das Gläserklirren machten ihn benommen. Bedauerlicherweise hatte selbst sein PR-Chef Axel Fleischmann darauf bestanden, den alten Brauch zu nutzen, um die neue Kosmetikserie, die Otterbachs Unternehmen in Kürze auf den Markt bringen wollte, schon jetzt in der Pfalz bekannt zu machen. Aber auch seine Freundin Peggy fand, dass Otterbach sich die Gelegenheit, heimatnah aufzutreten, nicht durch die Lappen gehen lassen durfte. Schließlich bedeutete Werbung alles in seiner Branche. Sollte es ihm gelingen, den Geißbock zu ersteigern und dann einem guten Zweck zuzuführen, würde das morgen in allen Zeitungen stehen. Natürlich durfte Otterbach nicht den Fehler machen, in Interviews zu lange über Kosmetik zu reden, das hatte Fleischmann ihm eingeschärft. Sein Unternehmen sollte nur im Zusammenhang mit dem wohltätigen Projekt erwähnt werden, welches Otterbach großzügig zu unterstützen gedachte.

Otterbach erschrak, als ihm einfiel, dass Fleischmann ihm gar nicht gesagt hatte, was er mit dem Bock vorhatte. Falls der Bürgermeister ihn später im Ratssaal bei der Übergabe des Geldes danach fragen sollte, würde er ganz schön dumm dastehen. Seine Augen stachen wie Nadelspitzen in die Menge, als er versuchte, Fleischmann zu finden. Aber den schien plötzlich der Erdboden verschluckt zu haben.

Otterbach stolperte weiter, bis ihn an der Rathaustreppe jemand anrempelte. Der Inhalt eines randvollen Schoppenglases schwappte über. Otterbach gelang es gerade noch, seinen teuren Markenanzug vor der Weißweinschorle in Sicherheit zu bringen, die direkt vor seinen Füßen auf das Straßenpflaster klatschte.

»Du?«, brummte Otterbach, als er eine rothaarige Frau mit Sonnenbrille erkannte, die ihm in den Weg trat. »Was hast du denn hier zu suchen? Habe ich nicht gesagt, dass die Familie drüben auf mich warten soll? Fleischmann hat seine Kameraleute über die ganze Stadt verteilt.«

Die Rothaarige nahm einen Schluck aus ihrem Schoppenglas. Otterbachs Protest schien sie zu überhören, erst als er sie grob am Arm packte, nahm sie die Sonnenbrille ab und funkelte den älteren Mann an wie eine Fliege, die in ihr Weinglas gefallen war. »Ich habe aber keine Lust, mich in der Sonne braten zu lassen«, sagte sie scharf. »Wie du dich erinnerst, sind wir nicht mehr verheiratet. Die Zeiten, in denen du mich herumkommandieren konntest, sind schon lange vorbei.«

Otterbach ließ die Frau los und blickte sich verstohlen um. Eine Auseinandersetzung mit seiner Exfrau war ein gefundenes Fressen für jeden Paparazzo und würde morgen zweifellos die Klatschspalten füllen. Das war keine Werbung, wie Otterbach sie sich für den Start seiner Werbekampagne wünschte. Als er einige Kameras auf sich gerichtet fand, zwang er sich zu einem Lächeln.

»Was hast du?«, fragte ihn seine Exfrau mit gleichmütiger Miene? »Ist dir nicht gut?«

»Ich möchte dich nur daran erinnern, wie lange du schon meine Gastfreundschaft hier in Deidesheim genießt«, antwortete Otterbach, dessen verkrampftes Lächeln ihm wehzutun begann. »Ein Wort von mir und du kannst deine Koffer packen und verschwinden, Lea!«

Lea Kendal, die einmal Otterbachs Namen getragen hatte, warf ihm einen wütenden Blick zu. Sie lebte bereits seit der Scheidung vor fast zwanzig Jahren in Chicago. Und es ging ihr dort gut. Ihre Ehe mit ihrem zweiten Mann Charles Kendal, einem achtzigjährigen Industriellen, der wie Otterbach in der Kosmetikbranche tätig war, galt als harmonisch, denn Kendal las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Die Sehnsucht nach der alten Heimat, insbesondere nach Deidesheim, überkam Lea dennoch in regelmäßigen Schüben; es war fast wie eine Erkältung, der man nicht ausweichen konnte, so vorsichtig man auch war. Jedes Jahr, und fast immer zu Pfingsten, musste Otterbach damit rechnen, dass Lea ihn anrief, weil sie vom Flughafen abgeholt werden wollte. Otterbach, der sie dann auf Wunsch seiner Söhne Klaus und Heiko in seinem Landhaus, das zwischen Neustadt-Mußbach und dem Städtchen Deidesheim lag, beherbergte, ließ dieses Arrangement gleichmütig über sich ergehen. Er hatte nie begriffen, warum Lea so sehr für die Geißbockversteigerung schwärmte, dass sie alle Hebel in Bewegung setzte, um sie zu besuchen. Kein Aufenthalt in der Pfalz verging, ohne dass sie den Dienstag nach Pfingsten feierte, bis sie so viel Wein im Blut hatte, dass sie kaum noch aufrecht gehen konnte.

Während Otterbach noch überlegte, wie er die zweifellos beschwipste Lea loswurde, sah er schon den nächsten Ärger auf sich zukommen. Er nahte in Gestalt seiner persönlichen Referentin Peggy Schwedt, die sich auf ihren halsbrecherischen Pumps einen Weg durch die Menge bahnte. Die blonde, etwa dreißig Jahre alte Frau runzelte die Stirn, was ihrem Gesicht einen verkniffenen Ausdruck bescherte. Abgesehen davon war sie eine auffallend hübsche Erscheinung. Sie war groß, fast so groß wie Otterbach, und ihre Haut so sonnengebräunt, als habe sie die letzten Wochen auf einer karibischen Insel verbracht. Sie trug ein Sommerkleid mit Goldknöpfen, das ihre schlanken Beine auf höchst vorteilhafte Weise betonte. Ein wenig zu vorteilhaft für Otterbachs Geschmack, der nicht wusste, wie er mit den bewundernden Männerblicken, die Peggy sogleich auf sich zog, umgehen sollte. Für ihn stand außer Frage, dass Peggy es genoss, ihren kurvenreichen Körper in der Öffentlichkeit zu zeigen und sich bewundern zu lassen. Erst nach langem Zögern und viel gutem Zureden hatte er daher seine Einwilligung gegeben, Peggy eine Rolle in dem Werbespot für seine Kosmetikserie zu geben. Peggys Reize sprachen nun mal jeden Kunden an, ihr Lächeln würde Celtic dreams zu etwas ganz Besonderem machen. Die Vorstellung, dass Tausende von Ehemännern ihren Frauen allein wegen dieses Lächelns seine Produkte kaufen würden, zerstreute Otterbachs Zweifel.

Nun aber sah Peggy nur wütend aus. Ihr stechender Blick traf Otterbach wie ein Schlag und wies unmissverständlich darauf hin, wie sehr es sie ärgerte, dass ausgerechnet Lea an seiner Seite war.

»Arthur, was hat diese Frau hier zu suchen?«, fauchte die junge Frau ihn an, kaum dass sie die Treppe erklommen hatte. »Fleischmann filmt schon die ganze Zeit wie ein Bekloppter. Er braucht die Aufnahmen von diesem Ziegenbockfest noch heute Abend für die Präsentation. Das hat er mir jedenfalls gesagt. Willst du, dass später auf seinem ganzen Material deine Ex mit ihrem Schoppenglas zu sehen ist? Es wird Zeit und Geld kosten, um diese Schnapsdrossel wieder vom Bildmaterial zu entfernen!«

Lea bückte sich nach ihrem Weinglas und prostete der erbosten Frau augenzwinkernd zu. »Kein Problem für Arthur Otterbach. Er hat Erfahrung damit, lästige Frauen loszuwerden. Ob mit oder ohne Abfindung. Aber das werden Sie auch noch zu spüren bekommen, Kindchen. Lassen Sie ihm einfach Zeit herauszufinden, worum es Ihnen in Wahrheit geht!«

»Sie …«

»Warum so wütend?« Leas Augenbrauen hoben sich. »Machen Sie sich etwa Hoffnungen?«

»Arthur«, appellierte Peggy an den älteren Mann, »ich bitte dich …«

»Ach, seid ihr schon beim Vornamen angekommen?« Lea erhob die Stimme, ohne sich um die neugierigen Blicke der Leute zu kümmern. »Dabei hatte ich gerade vor, euch miteinander bekannt zu machen.« Der Wein schwappte von neuem über den Rand ihres Glases.

»Peggy, das ist Arthur, mein Exmann. Arthur, Peggy. Im Moment sicher die engagierteste und hingebungsvollste Mitarbeiterin von Arto Cosmetics, die man sich nur wünschen kann. Nur eigenartig, dass kein Mensch sie wirklich gekannt oder auch nur von ihr gehört hat, bevor sie auf ihrem Hexenbesen in dein Büro geflogen kam, Arthur. Aber gut. Nun ist sie da, wie aus dem doppelten Boden eines Zauberhuts gezogen, um deine Firma auf Vordermann zu bringen. Wie lange hat sie gebraucht, um zu deiner persönlichen Referentin befördert zu werden? Man munkelt von zwei Wochen, aber in deiner Branche wird ja so schrecklich viel getratscht.« Sie kicherte, als sie sah, dass Peggy bis zu den Haarspitzen errötete.

»Ein wahrhaft glänzender Aufstieg, meine Liebe. Ich freue mich schon, Sie demnächst im Fernsehen und im Internet bewundern zu können. Wie ich hörte, sind Sie der Shootingstar des kleinen Werbespots für Arthurs neues Gesichtswasser, nicht wahr?«

»Es handelt sich um eine komplette Kosmetikserie«, widersprach Otterbach, der es hasste, wenn jemand über seine Produkte herzog. »Und du, meine Liebe, führst dich unmöglich auf. Wahrscheinlich hast du mal wieder zu tief ins Glas geguckt.«

»Kann sein«, gab Lea achselzuckend zu. »Ich bin ja auch schon seit heute Nachmittag hier. Sonst ließ sich ja niemand aus der Familie erweichen, deine arme Kleine zum Fassschlüpfen zu begleiten. Das Mädchen hatte einen Riesenspaß mit mir. Sie durfte sogar schätzen, wie viel Kohle der alte Geißbock heute wohl einbringen wird. Im vorigen Jahr hast du ihr das nicht erlaubt.«

Otterbach schüttelte den Kopf, er war nahe daran, doch noch die Geduld zu verlieren. Hier in der Sonne zu brüten, während ihm sein italienisches Seidenhemd auf der Haut klebte, war schlimm genug. Doch der Streit der beiden Frauen, die sich wie die Waschweiber ankeiften, war mehr, als er ertragen konnte.

»Was soll ein Kind auch mit dem Gutschein eines Weinguts anfangen?«, brummte er. »Ihre zehnjährigen Schulfreunde zu einer Weinprobe einladen?«

Peggy Schwedt stemmte die Hände in die schmale Taille, was ihr trotz ihrer Traumfigur ein matronenhaftes Aussehen verlieh. Offensichtlich dauerte ihr das Geplänkel auch schon viel zu lange, und die Aufmerksamkeit, die Otterbach seiner früheren Frau schenkte, störte sie mehr als die Fliegen, die um ihren Kopf herum schwirrten. »Bitte hört auf, miteinander zu streiten, ehe die Medien auf euch aufmerksam werden«, sagte sie. »Sonst sehe ich euch heute Abend nicht in der Landesschau, sondern in einem niveaulosen Revolverblatt.«

Lea Kendal warf den Kopf zurück und verlor ihren breitkrempigen Sonnenhut, der elegant die Rathaustreppe heruntersegelte. Sie war unbestritten in die Jahre gekommen und längst nicht mehr die Schönheit, der die Männer einmal in Scharen hinterhergelaufen waren. Hinter den Gläsern der teuren Designersonnenbrille lauerte ein Netz von Falten, gegen die das Make-up, das ihr amerikanischer Mann produzierte, einen aussichtslosen Kampf führte. Ihre goldenen Ringe schmückten maskulin anmutende Hände, die nervös am Saum ihres straff sitzenden Shirts zupften. Doch trotz ihrer eher plumpen Bewegungen hatte Otterbachs ehemalige Frau sich einen Ausdruck von Vitalität und Lebensfreude bewahrt, der ihr ein jugendliches Erscheinungsbild verlieh. Im Vergleich zu ihr wirkte Otterbach alt und verbraucht, da halfen auch seine aufrechte Haltung und sein vom täglichen Training straffer Bauch nichts. Als Peggy ihm nun jedoch das Lächeln schenkte, das er so liebte, verflogen seine schlechten Gedanken im Nu. Ohne auf die Kameras seiner Werbefachleute zu achten, nahm er ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Vergiss Lea, Kleines. Sie kann uns diesen Tag nicht verderben.«

»Fleischmann sieht uns!«

Amüsiert über diese Warnung, lachte Otterbach auf. »Hör mir auf mit Fleischmann«, rief er. »Zum Teufel mit seinen Kameras, Kabeln und Tontechnikern. Ich habe meine Produkte schon vermarktet, da übte Fleischmann noch das kleine Einmaleins und hatte keine Ahnung von Produktvideos und kreativen Storyboards.« Er drückte der jungen Frau einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Glaub mir, mein Schatz. Dein Gesicht wird unsere Marke in der ganzen Welt bekannt machen. Nur dafür habe ich Fleischmann engagiert.«

Peggys leuchtende Augen brachten Otterbach einen Herzschlag lang zum Schweben, aber ein plötzliches Ziehen in der Brust holte ihn schnell von seinem Höhenflug zurück. Otterbach schnappte nach Luft und verzog gequält das Gesicht. Seit er Peggy kannte, bedauerte er, nicht mehr jung zu sein. Das bedeutete aber auch nicht, dass er zum alten Eisen gehörte. Gut, es war heiß und die Luft schwer von Weindunst und Bratwurstduft, doch das war noch kein Grund, schlappzumachen. Er war Otterbach, verdammt. Wenn es darauf ankam, steckte er dieses Volk hier immer noch in die Tasche. Wie durch Watte hörte er nun, wie Peggy ihm etwas zuflüsterte, und spürte Leas Blicke in seinem Nacken. Ehe er den beiden Frauen Rede und Antwort stehen konnte, zerriss plötzlich ein Fanfarenton aus einem Fenster im Rathaus den Lärm der Wartenden, und die Reihen der Zuschauer teilten sich.

»Es ist so weit«, rief Lea und stimmte in den allgemeinen Beifall der Menge ein. Der Platz zwischen Rathaus und St. Ulrich barst nun fast vor Menschen, die sich auf die Zehen traten, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem der in Schwarz gekleidete Auktionator mit seinem Zylinder auf dem Kopf auf die Bühne treten und mit seiner klangvollen Stimme zum ersten Gebot aufrufen würde. Wenige Schritte von Otterbach entfernt, hatten sich einige Männer in farbenfroher historischer Gewandung an einem Tisch niedergelassen. Sie stellten das mittelalterliche Stadtgericht dar, das zu entscheiden hatte, ob der Bock gut gehörnt war und für die Zucht taugte. Weitere kostümierte Darsteller verteilten sich nun als Knechte und Wachsoldaten mit Helmen und Lanzen rund um den Platz, an dem der Tributbock seinem weiteren Schicksal entgegensah.

Die Prozedur konnte beginnen.

»Zeit für dich, wieder zu den Kindern zu gehen«, versuchte Otterbach ein letztes Mal, seine Exfrau fortzuschicken. »Von dort hast du einen viel besseren Überblick und stehst mir auch nicht im Weg herum.«

»Mag sein, aber dort sieht man mich nicht, wenn ich den Arm hebe, um zu bieten.«

Peggy Schwedt starrte Lea argwöhnisch an. »Sie wollen mitbieten? Aber warum?«

»Dumme Frage, meine Liebe. Natürlich, weil ich den Geißbock haben will.«

»Das heißt, Sie bieten gegen Ihren eigenen Mann?«

»Exmann, wenn Sie erlauben!« Lea Kendals Augen blitzten auf. »Das arme Tier hat nach all den Strapazen Besseres verdient, als für eure Werbekampagne missbraucht zu werden. Vielleicht schenke ich den Geißbock ja deiner Kleinen, Arthur!«

»Das werden Sie bereuen, Frau Kendal«, zischte Peggy zwischen den Zähnen hindurch. »Sie sollten sich aus dem Staub machen, bevor ein Unglück geschieht!«

»Fangen Sie doch nicht gleich an zu heulen, nur weil Arthur Ihnen keine Ziege zum Spielen schenken wird. Ihnen bleibt der Ruhm, heute Abend feierlich zur Miss Gesichtswasser gekürt zu werden.«

»Biest!«

Otterbach hielt sich nur mit Mühe zurück, Lea zu ohrfeigen. Wieso um alles in der Welt tat sie das? Woher kam nur ihr ständiger Drang, ihn zu ärgern und herauszufordern? Hatte er sie nicht großzügig abgefunden, nachdem ihnen beiden klar geworden war, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten? Vielleicht wäre ihre Ehe gutgegangen, wenn sie sich mit dem zufrieden gegeben hätte, was er ihr geboten hatte: Wohlstand und Sicherheit. Aber nein, Lea hatte ihm ins Handwerk gepfuscht und bei jeder Gelegenheit widersprochen. Nicht einmal seine Geschäftsfreunde hatte sie mit ihren Ansichten über Politik und Wirtschaft verschont. Der arme Kerl in Chicago, der Lea auf den Leim gegangen war, konnte einem fast leidtun. Vermutlich genoss er Leas Abwesenheit und ließ gehörig die Puppen tanzen, während Arthur sie am Hals hatte. Einen Moment lang erwog Otterbach, seine Drohung wahrzumachen und Lea vor die Tür zu setzen. Und wenn auch nur, um die beleidigte Peggy versöhnlich zu stimmen. Doch er wusste, dass dies unmöglich war. Heute, an diesem für das Unternehmen so wichtigen Tag, durfte er keinen Skandal heraufbeschwören. Niemand sollte einen Grund finden, über ihn und seine Familie zu tratschen. Peggy würde Leas Frechheiten auf der Party schon vergessen. Schließlich war es das gesellschaftliche Ereignis des Jahres.

Während die Zuschauer den mit bunten Bändern geschmückten Bock bestaunten, der just in diesem Augenblick an seinem Strick vor den Holztisch der Männer von Deidesheim geführt wurde, beugte sich Otterbach blitzschnell zu seiner geschiedenen Frau hinunter. Wie zufällig berührten seine Finger dabei ihren Hals.

»Biete ruhig mit, wenn du unbedingt musst«, raunte er ihr mit bedrohlich leiser Stimme zu. »Aber eines solltest du wissen: Bis jetzt ist es noch keinem bekommen, der es gewagt hat, mir auf die Zehen zu treten.«

Der Geißbock stieß ein lautes Blöken aus.

2. Kapitel

Das Landhaus der Familie Otterbach befand sich etwas abseits der Straße nach Deidesheim, inmitten eines nach toskanischem Vorbild angelegten Parks, der von zwei mit Kies belegten Wegen umrahmt wurde. Seit vielen Jahren galt der Garten als wahres Kleinod, in dem nicht nur einheimische Pflanzen, sondern auch Gewächse gezogen wurden, die normalerweise nur in südlichen Gefilden gediehen. Entlang der Auffahrt standen toskanische Zypressen, und der würzige Duft von Piniennadeln, Lorbeer und Lavendel vermischte sich an diesem Abend mit dem Aroma der Köstlichkeiten, die ein Stück weiter oben, auf der von Säulen umgebenen Terrasse, für den großen Empfang angerichtet wurden. Im Wind flatternde Sonnensegel spendeten den Gästen, die Otterbachs Einladung in großer Zahl gefolgt waren, ausreichend Schatten. Zwei livrierte Aushilfen öffneten gläserne Flügeltüren, in deren Scheiben sich die Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten, um frische Luft ins Haus zu lassen. Der Tag war heiß und stickig gewesen, nun waren alle in Erwartung einer frischen Brise, die den festlichen Abend der Präsentation erträglich machen sollte.

Während einige Männer die Zelte und Pavillons auf dem Rasen überprüften, kümmerten sich die Angestellten der Cateringfirma um das Büfett. Neben der Wein- und Sektbar bereiteten sich die Musiker einer Band auf ihren Einsatz vor. Auf Wunsch des Hausherrn sollte vor dem Höhepunkt des Abends, einem Feuerwerk, auf der Südseite der Terrasse getanzt werden. Schon jetzt war das Anwesen vollgestopft mit Journalisten, Werbe- und Fernsehleuten, die zum Leidwesen Ingeborg Otterbachs, der Schwester des Hausherrn, ungeniert ihre Kabel über Rasen und Blumenbeete zogen. Kameras wurden positioniert, grelle Scheinwerfer auf die meterhohen Banner an der Fassade der Villa ausgerichtet, die das Firmenlogo vorteilhaft zur Geltung brachten. Durch das Farbenspiel des neuen Produkts wurde das gesamte Anwesen in einem grünlichen Schimmer gebadet, der noch dadurch betont wurde, dass alle Firmenangehörigen und sogar Otterbachs Hauspersonal an diesem Abend keine andere Farbe trugen.

Janne Schams stand unter einem der größeren Banner am Fuß der steinernen Treppe und bereitete sich auf den Sturm aufs Büfett vor. Sie war schon unzählige Male an diesem Haus vorbeigefahren und hatte es vom Wagen aus bewundert, doch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hatte sie sich vorgestellt, eines Tages selbst auf der Terrasse zu stehen, sich das Haar vom warmen Sommerwind zerzausen zu lassen und die Leute zu beobachten, die in Erwartung eines einmaligen Abends im Haus des Millionärs in eleganter Kleidung die Stufen zur Veranda hinaufstiegen. Was machte es da schon aus, dass sie nicht zu den Gästen gehörte, die Cocktails bestellten und auf den Beginn der Produktpräsentation warteten, sondern nur für das leibliche Wohl der Gäste verantwortlich war? Dabeisein ist alles, hatte Christina gesagt und darauf bestanden, dass Janne viele Fotos von dem Ereignis des Jahres machte. Beweisfotos. Janne warf einen letzten prüfenden Blick auf ihr Outfit und zog eine Grimasse, da sie sich in dem grasgrünen Kostüm wie eine gigantische Heuschrecke vorkam.

Nein, Grün war definitiv nicht ihre Farbe, es machte sie blass wie eine Tote. Dummerweise hatte Christina diese Geschmacksverirrung in ihrem Schrank entdeckt und sie überredet, sie heute Abend zu tragen. Ihrer Meinung nach passten Rock und Blazer zu dem ersten großen Auftrag, den sie als Geschäftsführer des Hotel-Restaurants ›Zur Ritterschmiede‹ nach harten Verhandlungen an Land gezogen hatten.

Über den Industriellen Arthur Otterbach wusste Janne nur so viel, wie das Internet hergab. Natürlich kannte sie die Produkte seiner Marke: Parfüms, Cremes und Lotionen, die so teuer waren, dass man selbst kein Geld dafür ausgab, sondern sie sich zu Geburts- und Hochzeitstagen schenken ließ. Vorausgesetzt, den Ehemann oder Freund überfielen beim Betreten einer Parfümerie keine Panikattacken. Dabei musste sie an ihren Freund denken. Der behauptete allen Ernstes, die Düfte, die durch solche Läden waberten, bescherten ihm Schwindel und Atemnot.

Über Otterbachs Privatleben hatte Janne indessen nur wenig herausfinden können. Ihm hing der Ruf eines knallharten, aber konservativen Geschäftsmanns an. Mit taktisch geschickten Schachzügen war es ihm im vergangenen Jahr gelungen, seinen Konzern vor der Übernahme durch eine amerikanische Firma zu bewahren. Was Frauen, Alkohol und Essen anging, so wurde ihm Genügsamkeit bescheinigt, was aber nicht bedeutete, dass er ein Kostverächter war. Den E-Mails, die sie mit Arto Cosmetics ausgetauscht hatte, hatte Janne entnommen, dass Otterbach gutbürgerliche Kost vorzog, die satt machte. Seine besondere Leidenschaft galt, wenn man den Artikeln im Internet glauben durfte, der Altertumskunde. Angeblich nahm er von Zeit zu Zeit an archäologischen Ausgrabungen in ganz Europa teil und besaß eine beachtliche Sammlung römischer und keltischer Artefakte, für die er in seiner Villa sogar ein privates Museum eingerichtet hatte. Zu diesem hatten nur Eingeweihte Zutritt.

Janne entschied, noch ein letztes Mal Tischschmuck und Servietten zu inspizieren. Dabei vergewisserte sie sich, dass der Kabelsalat, für den die Musiker der Band verantwortlich waren, die Funktion der Warmhalteplatten nicht minderte. Zu ihrer Beruhigung befand sich alles an seinem Platz, und die Auswahl von Speisen und Getränken war ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Trotzdem machte Janne sich Sorgen. Ihr Gefühl sagte ihr, dass irgendetwas heute Abend schiefgehen würde. Die Angst vor einem Scheitern ließ sie nach Atem ringen. Was um Himmels willen beunruhigte sie? Hatte sie sich verrechnet und doch zu wenig von den Vorspeisen geliefert? Was geschah, wenn der Strom ausfiel und die Eisbombe schmolz? Aufgeregt blickte sie zu Patrick hinüber, dem Koch, der sie heute Abend zur Villa Otterbach begleitet hatte, und verzog den Mund, denn Patrick hatte nur Augen für ein Mädchen, das in aufreizender Pose an der Sektbar stand.

Und was, wenn der Salat zusammenfiel? Das Dressing zu bitter schmeckte?

Janne schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen, aber es half nichts. Sie wurde von weiteren Schreckensvisionen gepeinigt, in denen die Häppchen zu warm wurden, die kunstvoll angerichteten Tapas zu rasch abkühlten, der Wein nicht zum Fisch passte und sie zuletzt die Nerven verlor und sich kreischend in die Büsche schlug.

»Es ist alles abgezählt«, drang zu allem Überfluss auch noch Ingeborg Otterbachs Stimme an ihr Ohr. Janne flüchtete unter das weite Sonnensegel. Ihre erste Begegnung mit der Schwester ihres Auftraggebers war für sie peinlich verlaufen, denn Janne hatte sie für die Haushälterin gehalten, weil das hagere Pferdegesicht der Frau sie an die sauertöpfische Gouvernante aus dem Kinderbuch Heidi erinnerte. Dabei war allgemein bekannt, dass Frau Otterbach seit der Scheidung ihres Bruders im Haus zwischen den Weinbergen das Sagen hatte. Ob der Abend auch ein Erfolg für den neuen Cateringservice ihres Restaurants werden würde, hing nicht zuletzt von Ingeborgs Urteil ab.

»Es ist alles abgezählt«, wiederholte die Frau für den Fall, dass Janne sie nicht gehört hatte. »Jedes einzelne Stück. Sie sind dafür verantwortlich, dass sich diese jungen Leute nicht vom Büfett bedienen, bevor mein Bruder zurück ist.« Geringschätzig funkelte sie Janne an. »Sie machen das heute zum ersten Mal, nicht wahr?«

Janne setzte ihr liebenswürdigstes Lächeln auf und straffte die Schultern. Obwohl sie der verdrießlichen Person am liebsten die Meinung gesagt hätte, blieb sie höflich. Dieser Auftrag war die Gelegenheit, endlich in der gehobenen Gastronomie Fuß zu fassen, und sie durfte ihn auf keinen Fall vermasseln. Auch gegenüber schwierigen Kunden galt es, professionell aufzutreten. Das hatte ihr Christina eingeschärft, bevor sie auf die Gastronomie-Messe nach Düsseldorf abgedüst war und ihr und Patrick das Catering aufgehalst hatte.

Verflixt, Christina! Wie konntest du mir das antun, dachte Janne.

Das Geräusch quietschender Reifen, das von der langen, mit Kies bedeckten Einfahrt zur Terrasse heraufdrang, rettete sie vor weiteren Maßregeln. Ingeborg Otterbach schoss wie ein Pfeil auf die mit roten und weißen Geranien geschmückte Mauer zu und beugte sich über die Brüstung. Janne bemerkte, dass ihre Aufmerksamkeit einer Gruppe galt, die aus einem luxuriösen Cabriolet stieg und ohne Umwege auf das Haus zusteuerte. Den beiden Männern, die eine rothaarige, schwankende Dame in die Mitte genommen hatten, sprang ein etwa zehnjähriges Mädchen voraus, das kurze Jeans und eine Baseballmütze auf dem Kopf trug.

»Ich glaube, mir wird schlecht«, hörte Janne Ingeborg ausrufen, als ein weiterer Wagen hupend von der Straße abbog und das schmiedeeiserne Tor passierte. Er zog einen Anhänger hinter sich her. Ingeborgs eingefallene Wangen röteten sich vor Aufregung.

»Er hat also seinen Kopf durchgesetzt«, sagte sie ohne Begeisterung. »Was um alles in der Welt will er mit diesem stinkenden Ziegenbock anfangen?«

Der Name des sommersprossigen Mädchens, das Janne wenig später wie ein Küken nachlief und um ein Stück Eistorte anbettelte, war Olivia. Allerdings bestand sie darauf, Ollie genannt zu werden. Janne nahm dies mit einem Lächeln zur Kenntnis. Tatsächlich fand sie, dass der Name zu dem lebhaften Kind passte.

»Nur Tante Ingeborg nennt mich Olivia«, plapperte das Kind munter drauflos, während Janne sich abmühte, die grünen und weißen Stoffservietten auf den Tischen zu falten. Auf Wunsch des Hausherrn trugen sie das Logo der Firma Arto Cosmetics, ein Eichenblatt. Janne hatte sich auch darum gekümmert.

Arto. Arthur Otterbach. Janne fuhr mit dem Finger über den gekonnt platzierten Aufdruck. Originell, das musste sie zugeben.

»Sie behauptet, ich wäre verwahrlost und würde vor die Hunde gehen, wenn sie sich nicht um meine Erziehung kümmerte«, brachte Ollie sich wieder in Erinnerung.

Janne erwiderte das verschwörerische Lächeln des Kindes zurückhaltend. Es gab in diesem Haus nicht nur die verknöcherte Kinderfrau, sondern auch eine arme Heidi. Voller Mitgefühl öffnete Janne einen der großen Kühlbehälter und säbelte Ollie eigenhändig ein Stück Eistorte ab. Diese hatte die Form einer Pyramide und war so gigantisch, dass halb Deidesheim davon satt geworden wäre. Doch im Ort musste auch so niemand hungern, denn das Fest dort war auch nach Abschluss der Geißbockversteigerung noch in vollem Gange.

Das Mädchen jubelte, als Janne ihr mit einem Augenzwinkern den Teller reichte. Sogleich verzog es sich in den Schatten einiger Oliven- und Zitronenbäumchen und ließ sich das Eis schmecken. Dass sie dabei Mund, Hände und ihr T-Shirt verschmierte, kümmerte sie nicht.

»Ist das dein Vater?«, fragte Janne, als ihr Blick auf einen dunkelhaarigen Mann fiel, der sich vor dem Anhänger mit Ingeborg Otterbach ein Wortgefecht lieferte.

»Meinen Sie den haarigen Kerl mit den Hörnern?«, gab Ollie unschuldig zurück. »Nee, der heißt Benno und stinkt schlimmer als eine Hyäne.«

Janne machte ein verdutztes Gesicht, als ein stattlicher Ziegenbock unter lautem Meckern von der Ladefläche des Pick-ups getrieben wurde. Ingeborg sprang mit einem empörten Aufschrei zur Seite und entging so um Haaresbreite einem Stoß durch das Gehörn des erbosten Tieres.

»So ein Vieh ist doch gefährlich«, kreischte sie wütend. »Ich will es nicht in meinem Garten haben!« Der Mann, der das Tier abgeladen hatte, grinste schadenfroh, schwieg aber, denn er hatte Mühe, den Bock, der schnaubend an seinem Seil zerrte, zu bändigen. Womöglich war diesem von der Autofahrt über Stock und Stein übel geworden. Ingeborgs Gezeter lud nicht dazu ein, ein verängstigtes Tier zu beruhigen. Im nächsten Moment erbrach sich der Bock meckernd über den Gartenweg.

Ingeborg stimmte in das Meckern ein.

Drei kräftige Helfer, zwei Männer und eine Frau in einer blauen Kittelschürze, waren nötig, um den störrischen Benno mühsam über den Kiesweg in den Garten zu ziehen. Dort sollte er in einer Hütte nahe der Grundstücksgrenze eine Bleibe finden. Nach der Präsentation würde Otterbach über sein weiteres Schicksal entscheiden. Die Regeln der Versteigerung waren eindeutig. Sie verpflichteten den neuen Besitzer, dem Bock einen sorglosen Lebensabend zu ermöglichen. Für einen Mann wie Otterbach war dies ein Leichtes, vorausgesetzt, er hielt seine Schwester von dem Tier fern. Die spuckte noch Gift und Galle, als Benno schon längst hinter den Bäumen und Büschen des Parks verschwunden war.

»Der Mann mit dem karierten Hemd neben Tante Ingeborg ist mein Bruder Heiko«, klärte Ollie Janne schließlich auf. Na ja, eigentlich nur mein Halbbruder. Er ist der älteste Sohn von Arthur und Lea.«

»Lea?«

Ollie nickte. »Mit der war er früher mal verheiratet, aber jetzt lebt sie in Chicago. Sie hat versprochen, dass ich sie im nächsten Jahr einmal besuchen darf.« Ihre Miene verdüsterte sich. »Falls mein Vater es mir erlaubt.«

»Ach, so eine Reise in die USA ist bestimmt eine tolle Sache. Wenn du fleißig in der Schule bist …«

»Darum geht es nicht«, widersprach Ollie heftig. »Mein Vater und Lea können sich nicht leiden, sie streiten immerzu. Und jetzt, wo Peggy und mein Vater zusammen sind, brüllen sie sich noch öfter an als sonst. Peggy hat etwas dagegen, dass Lea in der Villa wohnt.«

Janne gab dem Mädchen einen Nachschlag vom Himbeereis und vergaß auch nicht, den Teller mit frischem Obst zu füllen. Kinder brauchten Vitamine. Über die Familienverhältnisse des Industriellen wusste sie indes nur wenig, daher war die Versuchung groß, das redselige Kind ein wenig länger in der Nähe ihrer Desserts zu dulden. Soweit ihr bekannt war, lebte die kleine Olivia erst seit zwei Jahren in der hübschen Villa bei Deidesheim. Vorher hatte sich Arthurs und Ingeborgs älterer Bruder um sie gekümmert, doch der war in Südafrika an einer Blutvergiftung gestorben. Bei der Testamentseröffnung in Johannesburg hatte dieser Bruder posthum die Bombe platzen lassen: Olivia war nicht seine, sondern Arthurs Tochter. Diese Behauptung hatte in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Immerhin war Arthur Otterbach verantwortungsbewusst genug gewesen, die Behauptung des verstorbenen Farmers nicht infrage zu stellen, sondern das verwaiste Kind umgehend in die Pfalz zu holen.

»Sie sind die Dame vom Catering?«, wurde Janne von der rothaarigen Frau angesprochen, die eine Weile zuvor aus dem Wagen der Otterbachs ausgestiegen war. Sie fächelte sich mit einem Fächer Luft zu, während sie Janne neugierig musterte. Doch ihr Lächeln wirkte freundlich. Wie Ingeborg Otterbach schien auch sie sich dem Unfug mit der knallgrünen Kleidung zu verweigern, denn sie trug einen khakifarbenen Rock und eine senffarbene Bluse, in der sie aussah, als habe sie vor, eine Safari in Zentralafrika anzutreten.

»Das ist Lea, Arthurs erste Frau«, klärte Ollie sie beiläufig auf, während sie ihre Jeans mit Himbeersaft bekleckerte. »Schön, dass du zurück bist, Tante Lea!«

Dem Tonfall des Mädchens nach zu urteilen, mochte sie diese Lea. Vielleicht stand sie ihr im täglichen Kampf gegen die Heidi-Erzieherin bei. Janne hoffte das beinahe.

»Ich habe von Ihrem Restaurant in Rosenbach gehört und würde gern einmal dort essen gehen, solange ich noch in Deutschland bin«, sagte Lea freundlich. »Ihre Speisekarte soll ja wirklich ausgezeichnet sein. Es wundert mich, dass Arthur sich auf so etwas Feines einlässt. Im Grunde ist er ein grundsolider Typ, der lieber Kesselfleisch, Hausmacher Leberwurst und Schwartenmagen isst als Scampi und Kaviar.«

Janne bedankte sich mit einem Hinweis auf die Reichhaltigkeit des Büfetts, an dem sicher für jeden Geschmack etwas zu finden sei, und wünschte der früheren Frau Otterbach einen schönen Abend.

»Den werde ich haben«, sagte die Frau verschmitzt, während sie dem jungen Barkeeper, einem quirligen Kubaner, der in rasender Geschwindigkeit farbenfrohe Cocktails mixte, einen feurigen Blick zuwarf. »Allerdings habe ich den Verdacht, dass ich Peggys Show heute als Einzige genießen werde.«

»Show?« Ollie reckte ihr Kinn, was sie ein wenig altklug aussehen ließ. »Wie meinst du das, Tante Lea?«

Janne fühlte, wie sie unruhig wurde. War es recht, hier herumzustehen und mit Otterbachs Exfrau zu plaudern? Was, wenn Ingeborg Otterbach sie dabei sah und sie für unzuverlässig hielt? Sie und Patrick hatten noch jede Menge zu tun, um einen reibungslosen Ablauf der Party zu garantieren. In weniger als zwei Stunden sollte die Präsentation der neuen Kosmetikmarke beginnen. Im Vorführraum jenseits der großen Halle wurde von Janne und ihren Aushilfen erwartet, dass sie Kaffee und Cognac servierten. Aber Patrick flirtete immer noch ungeniert mit dem Mädchen von der Sektbar. Und getanzt hatte auch noch niemand.

War Arthur Otterbach aufgeregt, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Seine Stimme klang so fest wie immer, als er seine Angehörigen und einige enge Freunde und Vertraute, die seiner Einladung nach Deidesheim gefolgt waren, zu sich in die Bibliothek bat.

Ingeborg schloss dienstbeflissen die hohen Flügeltüren zur Terrasse, um die Musik und das Geplauder der Gäste, die sich um Büfett und Sektbar scharten, auszusperren. Ingeborg hatte ein Gespür für wichtige Ereignisse und ahnte, dass ihr Bruder die Familie nicht grundlos um sich scharte. Es gab etwas zu besprechen, das nicht für fremde Ohren bestimmt war.

Forschend schickte sie ihre Blicke durch das geschmackvoll möblierte Zimmer mit seinem offenen Kamin, dem venezianischen Spiegel über dem Sims und den hohen dunkel gebeizten Bücherwänden, die bis zur Decke mit wertvollen Erstausgaben bestückt waren. Obwohl sie den Raum tadellos in Schuss hielt, wirkte er, da die Familie ihn selten benutzte, ein wenig verstaubt. Daran änderten auch die Kinderbücher und Comichefte nichts, die verrieten, dass das jüngste Familienmitglied hier gern schmökerte. Mit einem prüfenden Blick vergewisserte sich Ingeborg, dass alle Personen, die ihr Bruder zu sich gebeten hatte, Platz genommen hatten. Erst dann schloss sie die Tür zur Eingangshalle.

Lea saß mit Unschuldsmiene auf der Couch, den Blick sehnsuchtsvoll auf den hölzernen Globus neben dem Schreibtisch gerichtet. Damals, als sie noch hier gewohnt hatte, war der Globus das Versteck für Arthurs ältesten Cognac gewesen, und sie fragte sich, ob dies wohl noch immer so war. Ihr gegenüber hatten ihre Söhne Klaus und Heiko Platz genommen, aber die beiden wirkten auf dem Biedermeiersofa seltsam deplatziert. Wie Möbelpacker, die nur eine Pause einlegten, bevor sie das Sofa auf ihre Schultern wuchteten und davontrugen.

Zu Ingeborgs Befriedigung übersah Otterbach die Blicke seiner Exfrau, die nach seinem Cognac im Globus gierten. Er ließ von Ingeborg Prosecco und Orangensaft anbieten, doch außer Lea und Fleischmann lehnten alle Anwesenden ab.

»Ihr fragt euch, warum ich euch vor der Präsentation noch einmal zusammengetrommelt habe, nicht wahr?« Otterbach erhob feierlich sein Champagnerglas. Seine Augen leuchteten, dennoch wirkte er blass und zerstreut.

»Gibt es noch Anmerkungen zum Ablauf der Präsentation?« Heiko Otterbach, der die Frage gestellt hatte, schwitzte an diesem Abend aus allen Poren. Sein Gesicht war gerötet und die dunklen Haare, die er ein wenig länger trug als sein Bruder, klebten ihm in der Stirn, was ihm unangenehm war, denn wie sein Vater legte auch er Wert auf ein seriöses Erscheinungsbild. Um weniger steif zu wirken, hatte er sich von Fleischmann überreden lassen, auf Anzug und Krawatte zu verzichten und stattdessen weiße Jeans und ein dunkelgrünes Hemd zu tragen. In der Tat wirkte Heiko so gekleidet viel dynamischer. Obwohl er nur selten Zeit fand, Sport zu treiben, war er muskulös und breitschultrig. Er galt als Frauenschwarm, dem keineswegs anzusehen war, dass er auf die Vierzig zuging. Sein gepflegtes Äußeres und ein selbstsicheres Auftreten im Umgang mit Mitarbeitern hatten ihm früh den Weg in die Geschäftsleitung der Firma geebnet. Dort wurde Heiko inzwischen respektiert, und da er nicht nur etwas von Management und Marketing verstand, sondern auch Chemie und Verfahrenstechnik studiert hatte, zweifelte keiner daran, dass Arthur Otterbach ihn eines Tages zu seinem Nachfolger machen würde. Schließlich war auch die Entwicklung und Erprobung von Celtic dreams nicht zuletzt Heikos Verdienst gewesen. So war es nachvollziehbar, dass er nun fast noch aufgeregter war als sein Vater, der die Kosten und das Risiko zu tragen hatte.

»Ich habe das ganze Equipment in den Vorführraum schaffen lassen«, erklärte Heiko, noch bevor sein Vater seine Frage beantworten konnte. »Axel hat sich an Ort und Stelle davon überzeugt, dass der Spot und die Werbegroßaufnahmen auch von den letzten Plätzen gut zu sehen sein werden. Nachdem wir den Imagefilm zur Kampagne vorgeführt haben, lasse ich die Proben und Pressemappen verteilen. Anschließend stehen Dr. Kaul und ich der Presse zur Verfügung. Ach ja, und das Magazin Wirtschaftsgrößen würde gern noch heute Abend ein kurzes Interview mit dir und Peggy führen. Wäre gut, wenn du ein paar Minuten mit den Leuten reden könntest.«

»Vielleicht erklärst du uns noch, was du mit dem ersteigerten Bock anfangen willst«, sagte sein Bruder Klaus spöttisch. »Wir haben das Vieh fürs Erste in die Hütte gesperrt, aber solltest du vorhaben, ihn noch in deine Präsentation einzubauen …«

»Vergiss bloß nicht, Luft zu holen, Junge«, unterbrach Arthur seinen Sohn. Zu Heiko sagte er: »Ich weiß, dass du und Fleischmann wie immer an alles gedacht habt. Aber heute Abend wollen wir uns nicht nur mit Celtic dreams beschäftigen. Es gibt da noch etwas, das ich euch mitteilen möchte.«

»Endlich wird’s spannend«, ließ sich Ollie vorlaut vernehmen. Das Mädchen hatte es sich im Schneidersitz auf dem Fußboden bequem gemacht und blickte ihren Vater erwartungsvoll an. Sie trug noch immer die Jeans mit den Himbeerflecken, obwohl Ingeborg sie aufgefordert hatte, sich umzuziehen, bevor sie einem Gast oder einem Pressemenschen vor die Kamera lief. Natürlich hatte das Mädchen die Mahnung ihrer Tante überhört. Wie so oft.

Otterbach schenkte seiner jüngsten Tochter einen nachsichtigen Blick. Hatte er Heiko und Klaus streng erzogen, so behandelte er Ollie wie ein rohes Ei. Ingeborg behauptete, er sei zu alt, um noch einmal ein Kind großzuziehen, aber das war nicht der Grund, warum er Ollie vieles durchgehen ließ, was ihn früher geärgert hätte. Ihm war vielmehr bewusst, dass das Kind nach dem Tod des Mannes, den sie acht Jahre lang für ihren Vater gehalten hatte, mehr durchgemacht hatte als die Jungs nach seiner Scheidung von Lea. Für ein